Da war nun das Rätsel gelöst. Ich ging mit ihm in seine Stube, die hoch gelegen war und eine schräge Wand hatte, wie sich das für einen Dichter gehört, und er hatte auf einmal einen festlichen Glanz in den Augen und ein aufgewachtes Wesen, und holte aus einem Wandschränklein ein Bündel Hefte hervor, die alle mit einer kleinen, schnörkeligen Schrift beschrieben waren, von denen sollte ich dies und das mitnehmen und lesen, wenn ich nämlich so gut sein wolle. Ich fühlte mich nicht wenig geschmeichelt, daß er mich ins Vertrauen zog, und las auch seine Sachen, die mir aber teilweise irgendwie bekannt vorkamen, ohne daß mir beikommen wollte, woher. Einmal erinnerte mich etwas an diesen Dichter, einmal an jenen; ich wurde nicht recht klug daraus. Dann wieder auf einmal kam ein Gedicht, in dem sonderbar traurige oder sehnliche Gedanken in eine ungefüge Form gefaßt und so halblebendig geblieben waren, da man doch den Eindruck hatte, als ob gerade diese ihm ganz eigen seien und er nur nicht die Kraft besessen habe,sie herauszumeißeln. Frerichs wartete geduldig, bis ich etwas sagte, ich sah ihm aber wohl an, wie gern er mich gefragt hätte, während es mir doch schwer fiel, eine Kritik zu üben, die eigentlich kein Lob enthielt, da ich doch ein junger Mensch war seinem reifen Alter gegenüber und auch gar keine Übung darin hatte, was ich meinte, sachlich zu begründen.
Einmal mußte es aber doch sein. Ich gab ihm die Hefte zurück und sagte zögernd, manches habe mir gut gefallen; ob es aber nicht schwer sei, zu vermeiden, daß einem fremdes dazwischen komme, wenn man unter so vielen Büchern lebe?
Da sah er mich erschrocken an und sagte: „Also das haben Sie auch gemerkt? Und so hilft denn alles nichts!“ Und er bekannte mir, daß er an einer Art von Dichtkrankheit leide, die ihn zwinge, immer, wenn er etwas recht Schönes gelesen habe, etwas dem Ähnliches zu verfassen, das ihm aber während des Schreibens nach und nach so eigen werde, als ob es ganz allein aus ihm heraus entstanden sei, so daß er die Dinge eigentlich geistig wiederkäue oder vielmehr wiedergebäre und sie trotzdem dann liebe wie eigene Kinder. Er habe deren auch, denn hie und da falle ihm, etwa Sonntag morgens im Bett, etwas ein, das ihn dann nicht mehr loslasse, bis er versuche, ihm eine Form zu geben, was aber meistens nur halb gelinge, so daß die Lebewesen dann nicht ganz entstünden und etwa mit dem Kopf oder Oberleib aus dem Stein herausschauten, mit den übrigen Teilen aber stecken blieben, was ihn dann kläglich plage.
Er sagte das alles so bekümmert und ehrlich, wie ein Patient dem Doktor, zu dem er Zutrauen hat, die Symptome seines Leidens mitteilt, und mir blieb dasGelächter, in das ich schon hatte ausbrechen wollen, im Hals stecken und zuckte nur immerfort in den Kinnbacken, so daß ich das Gesicht verziehen mußte, als ob mir etwas weh tue. Denn es war eine solche Mischung von Torheit und von Ehrlichkeit und eigentlich rührendem Ernst in seinem Gesicht, als er die Sache vorbrachte, daß ich mich gar nicht dabei zu behaben wußte.
Er fügte noch hinzu, wenn die Spiegelgebilde, wie er sie wohl nennen dürfe, da sie im Spiegel der echten Werke entstanden seien, dann allemal ein gewisses Alter erreicht hätten, und er sie wieder ansehe, so sei es ihm oft, als ob sie ihren Urbildern doch nicht so ähnlich seien und er sie eigentlich wohl für eigene ausgeben dürfe. Dann reize es ihn immerfort, sie in die Welt hinauszugeben und ihnen so ein eigenes Leben zu verschaffen, und er müsse sie vor sich selber verstecken, damit er es nicht tue, bis er wieder etwas Neues mache und das Spiel von vorne anfange.
Ich hatte mich inzwischen gefaßt und sagte einige weise Worte, die mir im Gefühl meiner Wichtigkeit einfielen, wie, daß nicht jeder Mensch ein Dichter sein könne und man freilich jedem das Seinige lassen müsse, da das Nachahmen keine schöne Sache sei, und solcher Binsenwahrheiten mehr.
Denn damals wußte ich noch nicht, was ich jetzt weiß, daß nicht alle, die an dieser Krankheit leiden, sich damit hinter Schloß und Riegel setzen, sondern manche der Patienten machen ein großes Geschrei und tun noch, als ob die Bastarde die rechten Kinder wären.
Der Nachdichter, wenn ich ihn so heißen soll, hatte in einer Anwandlung von Schwäche erhofft, meine Jugend und Unerfahrenheit, die aber doch wieder nicht gar zu groß sei, werde das Verfahren nicht merken, so daß ihm vielleicht in mir einer entstehe, gleichsam als Vertreter einer Sorte von Lesern, der sich unbefangen an seinen Schätzen erfreue und den zweiten Aufguß für einen ersten nehme. Denn es verlangte ihn nach einem kleinen Ruhm oder einer Wirkung bei aller Wahrhaftigkeit, die ihm immer wieder das Gelüste totschlug, und er hatte sich mit den zwei Seelen, die er in der Brust trug, tüchtig herumzuplagen.
Für den Augenblick war er jetzt verlegen und enttäuscht und sah aber auch an meiner Findigkeit hinauf, die mir selber erstaunlich war, und mich vor mir erhob, so daß ich, ohne es zu wissen, für einige Zeit den raschen, federnden Gang und die elegante Handbewegung des Herrn Hubli annahm, der mir am meisten von den Gehilfen imponierte trotz seiner großen Glatze. Denn ich war selber ein Nachahmer, wenn auch in andern Dingen, nur mir selber unbewußt; ich merkte es immer erst nachträglich.
Mit Herrn Frerichs kam ich in ein halb freundschaftliches Verhältnis, das bei mir aber mit ein wenig Überheblichkeit vermischt war, so daß ich in meiner Jugend väterlich über ihn lächelte, was dann wieder den Kettenhund Giller reizte, da es nach seiner Meinung nicht dasselbe war, ob er oder ich über den seltsamen Kauz urteilte.
Wir gingen hie und da miteinander spazieren in fleißigen Gesprächen, und ich merkte wohl, daß er freilich dennoch ein Dichter sei, da er selig empfand,was tief und schön sei, und da er litt, wenn er nicht das Wort fand für das, was in ihm lebte.
So ging ich einige Zeit mit dem reiferen Alter um, ohne Verkehr mit Jugendgenossen; es konnte aber nicht lange so bleiben.
Eines Wintersonntags kamen wir beide von einem Waldspaziergang her auf die breite, mäßig abfallende Steige, die von dem bewaldeten Berge nach der Stadt hinunterführt. Es lag ein schöner Schnee, der in der blassen Wintersonne frisch erglänzte. Im Wald war es traumhaft still gewesen, bis wir uns dem Ausgang genähert hatten, wo dann die Ausläufer eines lustigen Lärms hereingeschallt waren und mich ungeduldig getrieben hatten, an die Quelle solcher Fröhlichkeit zu kommen. Denn es war Zeit bei mir, daß ich wieder unter meinesgleichen kam, nachdem ich lange nur im Bücherlesen und im Umgang mit den Alten gelebt hatte. Als wir nun an den Tag traten, wimmelte der Berg von einer fröhlichen Jugend, die auf Schlitten die glatte Bahn hinuntersauste mit Geschrei und Lachen, von dem die Luft widerhallte. Es waren da viele rote und blaue Mützen und farbige Brustbänder der Studenten zu sehen, und dazwischen mischten sich zierliche Pelzmützen, die auf blonden oder braunen Locken oder Zöpfen saßen, ungerechnet das Gewimmel der Schulkinder, das barhäuptig, in gestrickten Sturmhauben oder Kapuzen erschien und den weitaus größten Lärm machte, denn es mußte die überschüssige Kraft los werden.
Das alles rührte mich heimatlich an und rief mich zu sich, daß ich mitkommen möge, so daß ich es nicht erwarten konnte, bis ich den Frerichs los hatte, der mir auf einmal in seinem langen Überzieher und mitdem milden Gesicht vor aller Lustbarkeit zu stehen schien. Ich stand begierig zusehend still, bis er kalte Füße bekam und entschuldigend sagte, wenn es mir nichts ausmache, so wolle er vorausgehen, da er noch etwas zu tun habe; denn er hatte wieder ein neues Buch gelesen, das ihm keine Ruhe ließ, soviel ich schon unterwegs gemerkt hatte.
Da stand ich denn nun in der Freiheit auf dem Berge und überlegte mir, wie ich zu einem Schlitten kommen solle, denn ich mußte fahren, das war ausgemacht.
Als ich nun so sinnierte und nicht recht den Rang bekam, einen der Schulbuben darum zu fragen, ertönte auf einmal neben mir ein helles Gelächter und ich sah, mich umwendend, drei lustige junge Mädchen, die mich vergnügt betrachteten. Sie hatten einen langen Schlitten, den sie miteinander an einem Strick den Berg hinaufgezogen hatten, und waren jetzt im Begriff, wieder abzufahren. Es waren offenbar Mädchen, die am Werktag in irgend einer Brotarbeit standen, das konnte ich wohl sehen, so sauber sie auch jetzt in einem billigen Sonntagsputz aussahen. Vielleicht waren es Bügelmädchen, wie die, die daheim meiner Schwester Luise halfen.
„Wollen Sie aufsitzen?“ fragte die eine, die eine weiße wollene Mütze auf den krausen Haaren trug und ein paar frische rote Backen hatte von der Schneeluft. Aber als sie das gesagt hatte, lachten alle drei aufs neue, denn sie waren in dem Alter, wo man keinen besonderen Grund zum Lachen braucht, sondern nur in der passenden Stimmung sein muß, um unaufhörlich fortzulachen. Da war ich nun in der Lage, die ich mir gewünscht hatte, ich hätte nur ja sagen oder mit demKopf nicken müssen, so hätte ich ohne weiteres den Strick in die Hand bekommen und auch etwa das eine oder andere der jungen Geschöpfe hinter mich auf den Schlitten für eine oder ein paar Fahrten den Berg hinab. Denn sie waren einfachen Wesens und nicht zimpferlich, das war leicht zu sehen. Mir aber schoß auf einmal eine hochmütige Regung durch den Sinn, so daß ich dachte: „Das denn doch nicht,“ obgleich ich soeben noch voller Verlangen nach der Jugendlust gewesen war. Und weil ich nicht wußte, warum sie lachten, und dachte, ihre Fröhlichkeit sei irgendwie auf mich gemünzt in spöttischer Weise, so stieg mir das Blut in den Kopf wie einem gereizten Truthahn, und ich gab dem Schlitten einen Stoß mit dem Fuß, damit immerhin und ohne meinen Willen zeigend, daß ich kein vornehmer junger Herr sei, sondern eher in etwa ihresgleichen, aber es doch nicht sein wollte. Sie waren ein wenig betreten wegen meines unfreundlichen Wesens und sahen einander und mich einen Augenblick erstaunt an. Aber der Schaden war nur auf meiner Seite, denn die kecke Blonde mit der weißen Mütze sagte mit schnell wiedergewonnener Fassung: „So kommt und lasset den Herrn. Er wird schon zu alt sein zu solchen Sachen, und es könnte ihm auch sein Hütlein davonfliegen.“ Und darauf stiegen sie alle drei ohne viel Umstände wieder auf den Schlitten; aber als ich unwillkürlich den Abfahrenden noch einen Blick nachsandte, da traf mich aus einem Paar guten braunen Augen, die der Letzten auf dem Fahrzeug gehörten, ein Strahl, der mir Herzklopfen machte, weil er freundlich und gut war und zu sagen schien: Wir haben es nicht bös gemeint, du hättest immerhin aufsitzen können.Da war es bei mir aus mit der Lust; ich ging mißmutig nach Hause und vergrub mich in meine Kammer. Ich konnte es aber nicht lassen, zum offenen Fenster hinauszuhorchen, ob ich von ferne den Schlittenjubel vernehme, und wenn ein Jauchzen die dünne Luft zerschnitt, so spürte ich, daß ich meiner Jugend etwas schuldig geblieben sei.
*
Bald darauf schmolz der Schnee, der nur noch ein Nachzügler gewesen war, und der Frühling kam ins Land mit allen guten Dingen, die er hatte: mit frischen Winden, die er den Leuten lachend ins Gesicht blies, mit Starengeschwätz, mit singenden Bächen, die überall von den Bergen herunter kamen, mit Palmkätzchen, die die Bauernweiber auf dem Münsterplatz feil hielten, und dergleichen, so daß wieder einmal die Zeit war, in der man nicht wußte, was noch werden mag.
An einem sonnigen Nachmittag trat ich unter die Ladentür, die offen stand, um etwas von dem leiernden Lied eines Orgelmanns, der draußen vorbeiging, aufzunehmen. Er spielte und sang dazu mit mißtöniger Stimme Bertrands Abschied, und hatte einen Schweif von Gassenkindern hinter sich drein. Neben uns lag ein Blumenladen, dem eine sehr stattliche Dame vorstand, deren Leibesfülle ich schon oft angestaunt hatte. Sie hatte ein kleines Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und gar nichts von einer Flora an sich. Aber an diesem lichten Frühlingstag trat auf die Schwelle heraus ein schlankes, braunhaariges Mädchen, das einen angefangenen Kranz in den Händen hielt, und dessen Gesicht ich früher schon gesehen haben mußte, aber ich wußte nicht gleich, wo.Das Mädchen ging, nachdem es einen Augenblick gehorcht hatte, in den Laden zurück und kam gleich darauf mit einem Nickelstück wieder heraus, das sie dem Orgelmann auf seinen Kasten legte. Sie lächelte ihn gut und freundlich an, und in dem Augenblick wußte ich auch, daß sie das Mädchen von dem Schlitten war, das mich so tröstlich angeblickt hatte. Da besann ich mich nicht lange, sondern ging, weil es Frühling und mein Blut in frischer Regung war, ohne Scheu über die Straße, um ein gleiches Stück daneben zu legen und gleichfalls einen guten Blick aus den braunen Augen zu erhaschen. Der Leiermann ließ sich nicht in seinem Lied stören, er nickte uns beiden, dem Mädchen und mir, nur beifällig zu und wir hielten uns auch nicht mit ihm auf, sondern lachten einander an wie alte Bekannte, und das war der Eingang zu einer kleinen Unterhaltung. „So, also da sind Sie?“ sagte ich, denn es fiel mir nichts anderes ein; „was tun Sie denn da?“
Da lachte sie ohne allen ersichtlichen Grund noch mehr, vielleicht bloß, weil es ihr gefiel, zu lachen. „Das hätten Sie schon lang sehen können, daß ich da bin,“ sagte sie, „aber wenn man immer so ernsthaft herumgeht und die Augen nicht aufmacht, dann kann viel vorbeigehen, was man nicht sieht.“
Und sie erzählte mir ohne aller Ziererei, daß sie schon damals, als die Schlittengeschichte gewesen war, meine Nachbarin gewesen sei, und daß es ihr immer leid getan habe, daß ich ihr nie einen Blick geschenkt habe. „Lieber Gott, wenn man so jung ist,“ sagte sie, „dann muß man doch auch ansehen, was jung ist, und einander ein gutes Wort gönnen, alt wird man bald genug, meinen Sie nicht auch?“
Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. „Ich trage ihn nachher selber auf den Friedhof,“ sagte sie, „denn ich will das Mädchen sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.“
Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.
Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu: „Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch tot sein kann.“ Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da.So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.
Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: „Hertha!“ mit ihrer tiefen Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern zurück, denn es ging allerlei in mir um.
Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst hätte kommen sollen.
Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, vonmeiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da, als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.
Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich einen alten ledernenGeldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so durchsonnt gesehen hatte.
Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.
Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltungeingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.
Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte. Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte recht kümmerlicham Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.
Es war Mozart, was sie spielten, und es war eine so reine, leichte Heiterkeit und ein so frühlingshafter Duft und Wohlklang darin, daß meine törichte Wichtignehmerei davor in nichts verging und ich nur begierig war, mich noch länger so dahintragen zu lassen ohne Gedanken und auch ohne persönliche Ansprüche.
Es war mir zumute wie einst beim Baden im heimatlichen Fluß, wo ich mich gern auf den Rücken gelegt und von den lauen, durchsonnten Wellen hatte tragen lassen. Aber das konnte nicht ewig fortgehen. Die Musik jubelte noch einmal auf und schwieg dann, und es wurde einiges darüber geredet, von dem ich nichts verstand. Ich saß auf einem Stuhl am Fenster, von dem ein Spalt geöffnet war, und sah bald auf die schwach erhellte Straße hinaus, bald nach dem blonden Fräulein hin, und es ging allerlei in mir um, von dem ich am Morgen noch nichts gewußt hatte. Ich dachte, wer solche Musik spielen könne, der sei freilich zu bewundern und habe allen Grund, viel auf sich zu halten, denn er habe einen Schlüssel zu hohen und schönen Welten. Und ich bat es dem Fräulein Bitterolf ab, daß ich sie im stillen ein steifes und hochmütiges Ding genannt hatte, und schickte meine Augen unverhüllt nach ihr hin. Da lächelte sie plötzlich und wurde ein wenig rot und sah auf einmal aus wie einsiebzehnjähriges Mädchen, das sich gern in seiner schönen Jugendpracht ein bißchen bewundern läßt. Und ich war froh und befreit, denn lange hätte ich das verehrende Gefühl doch nicht ausgehalten, ich hatte keine Übung darin.
Der Bruder sang noch ein paar Lieder mit einer hübschen, warmen Stimme; ich fühlte mich zu ihm hingezogen und wünschte ihn mir zum Freund zu haben, und er war auch ganz harmlos herzlich und einfach mit mir, obgleich er älter war als ich.
Die Geschwister blieben etwa vierzehn Tage da, und es war in dieser Zeit ein anderes Leben im Hause als sonst. Es ging allerlei Jugend aus und ein, es wurde gespielt und musiziert, und ich nahm an allem Anteil, als verstehe es sich von selbst. Da verging manches Unsichere, Ungelenke und es fiel auch manches trotzige Wehren gegen bloß vermutete Geringschätzung von mir ab, da mir niemand etwas zuleide tat und ich im allgemeinen ein fröhlicher Bursch war, wo ich mich heimisch und im Recht fühlte. Es wurden Nachenfahrten und Ausflüge gemacht, und ich bekam zum einen und andern ein paarmal Urlaub, was mir freilich den zornigen Ingrimm der alten Garde zuzog, wie ich die Herren bei mir hieß, die für sich selber nie eine freie Stunde außer der Regel nahmen. Das focht mich aber wenig an, denn es ging mir im allgemeinen viel zu gut, es sollte nur brummen, wer es nicht lassen konnte, bei mir ging es mit vollen Segeln ins Jungsein hinein.
Ich kaufte mir ein Fahrrad und mußte ja freilich meinen Schwestern die Rechnung darüber schicken und einen Brief, in dem geschrieben stand, daß ich es später einmal zahlen wolle, denn jetzt brauche ich esunbedingt. Denn es war so, daß ein ganzer Trupp junger Leute von beiderlei Gattung sich zum Radfahren zusammentat und am letzten Tag, den die Geschwister Bitterolf unter uns waren, einem Sonntag, eine weite Fahrt in die Rheinebene hinunter machen wollte. Dabei aber zurückzustehen, wäre mir bitter gewesen, und ich sah keinen Grund ein, es zu tun. Gelernt hatte ich die Kunst schon auf dem klapprigen Rad unseres Ausläufers, und als der Sonntag kam, saß ich auf meinem Wanderer und fuhr leicht wie ein Vogel dahin in einem fröhlichen Schwarm.
Die Stadt lag in einem weiß- und rosafarbigen Blütenstrauß und spiegelte sich im Fluß, wie ein junges Mädchen, das Freude an seinem hübschen Bilde hat, und wir, als wir unter dem blauen Himmel in einer leichten Staubwolke dahinflogen, die unsere Räder aufwirbelten, fühlten uns so recht im Besitz der schönen Welt. Ich lenkte mein Rad neben das der Fräulein Eleonore, die soeben ein wenig hinter den andern zurückgeblieben war. Denn ich hatte einen ganzen Sack voll Lebensmut an diesem schönen Sonntagsmorgen, und ich wollte ihn vor ihr auftun und spielen lassen, da sie morgen wieder fortging und ich noch etwas bei ihr auszuwetzen hatte vom ersten Abend her. Es peinigte mich, daß sie mich als einen ungeschickten Burschen in der Erinnerung behalten sollte, was ich meiner Meinung nach gar nicht war. Denn ich hatte doch viel gelesen und gelernt und war überhaupt nicht dumm, ich konnte mich ganz gut unterhalten, wenn jemand auf mich einging. Auch fielen mir oft die lustigsten Sachen ein, wenn ich nur jemanden gehabt hätte, dem ich sie erzählen und der mit mir hätte lachen können.
Also nahm ich einen Anlauf mit einem Strauß Maiblumen und einer höflichen Anfrage, ob ich sie am Rad befestigen dürfe. Es fiel aber, um es gleich zu sagen, nicht gut aus. Denn das Fräulein, das hoch und nobel auf seinem Rad saß in seinem blauen Leinenkleid, blieb unlebendig und höchstens höflich und ließ seine Augen nach unserem Vordermann, einem Mediziner, hingehen, der sich soeben zu einer dicken und lustigen Studentin gesellt hatte und ihr etwas Lachendes zurief, das man bei uns nicht verstehen konnte. Es war meiner Dame nicht recht, daß der Mediziner nicht neben ihr fuhr, das mochte ich ihr aber in meinem Innern gönnen, ja es erhob mich, daß sie auch nicht alle Trümpfe in der Hand hatte, und ich bekam plötzlich Oberwasser und fing an, vom schönen Wetter und der schönen Gegend zu reden und, als das nicht recht verschlagen wollte, vom Geigenspiel und der Musik überhaupt. Ich verstand zwar nichts davon, aber das schadete nichts, darum konnte ich doch davon reden, und die Dame wurde auch dabei auf einmal lebendig und munter und belehrte mich aufs beste.
Da kamen wir schön in Zug miteinander. Ich bekam vor lauter Fröhlichkeit eine Suada, als ob ich süßen Wein getrunken hätte, und brachte das Fräulein einmal ums andere zum Lachen. Die Trauben wuchsen mir nur so zu, und sie sah mich drunterhinein erstaunt an, was ich so auslegte, als ob sie mich nun erst recht kennen lerne, und ich ihr imponiere, und ich dachte: Ja, schau nur, du wirst dann später schon noch das Nähere von mir erfahren, nämlich, daß Ludwig Fugeler es mit allerlei Leuten aufnimmt, ob sie nun aus Preußen oder Schwaben seien.
Da mußte aber gerade in diesem erhebenden Augenblick der Mediziner dazwischenfahren, der mit einem schönen Gruß von der Gesellschaft kam und uns meldete, daß man keine Zeit habe, aufeinander zu warten und auch nicht zu dem Schneckentempo, das wir neuerdings eingeschlagen hätten. Er fuhr auf die andere Seite des Fräuleins und sagte mit Lachen: „Oder haben Sie eine dringende Unterhaltung? In diesem Fall bedaure ich, stören zu müssen.“ Da fuhr dem Fräulein Bitterolf eine kleine Röte und ein gehöriger Schuß Hochmut in den Kopf, und sie sagte, kalt wie ein Eiszapfen: „Ich wüßte nicht,“ und gab ihrem Roß die Sporen, daß es flog. Wir beide danebenher im Saus, eine Strecke geradeaus und dann um eine scharfe Wegbiegung. Vor uns stob die weiße Wolke, in der die andern daherfuhren, aber dazwischen drin war etwas lebendig, nämlich eine Gruppe junger Mädchen, die den Weg gerade vor uns überquerten, als wir um die Ecke bogen. Sie waren in hübschen, farbigen Sonntagskleidern und hatten Maiblumensträuße in den Händen, die sie im Wald geholt hatten, nun flatterten sie auseinander im Schreck vor dem Überfahrenwerden und schrien auf wie eine Herde Küchlein, in die der Habicht stößt. Das Unglück wollte es, daß meine Nachbarin Hertha darunter war, derentwegen ich schon seit jenem Abend, da ich sie hatte warten lassen, ein schlechtes Gewissen in mir herumtrug. Sie erkannte mich und ließ mir einen Blick zulaufen über die Schulter zurück, der war mit allerlei beladen, was ich so schnell nicht auseinanderklauben konnte, und in dem Augenblick fuhr das Fräulein mit dem Rad in ihre Blumen und ihr blauweißes Sonntagskleid hinein. Es gab eine Erschütterungbeider Parteien, bei welcher die Blumen in den Straßenstaub fielen, das blauweiße Kleid einen langen Riß bekam, und das Fräulein auf seinem Sitz schwankte. „So machen Sie doch die Augen auf,“ herrschte sie das Mädchen an, das verwirrt, erschrocken und in Staub gehüllt dastand und seinen verdorbenen Sonntagsputz ansah. Niemand, und auch ich nicht, gab ihm ein freundliches und gutes Wort, wir fuhren weiter und sprachen davon, daß am Sonntag die Landstraßen so voll seien von gewöhnlichem Volk. Daß man eigentlich besser täte, werktags zu fahren, und daß es zum Glück noch gut abgelaufen sei. Das heißt, die andern sprachen davon, aber ich war still dazu und hatte nur immer das Mädchen vor Augen, wie es im Straßenstaub stand und seine Blumen am Boden lagen. Es hatte mir vor dem Unglück einen Blick zugesandt, und ich hätte etwas gegeben, wenn ich ihn hätte deuten können: ein bißchen traurig und ein bißchen schelmisch und in allem lieb und schön. Den Augenwink hatte es nun zahlen müssen mit einem zerrissenen Sonntagskleid und einem herrischen Wort in sein sonntagsfrohes Gemüt hinein. Mir war nicht gut zumute, aber ich ließ nichts davon verlauten, denn es brauchte niemand zu wissen, daß ich das Mädchen gekannt hatte. Es war ein unfrohes Lustigsein den Sonntagmorgen hindurch, bis ich, was mich bedrückte, pfeifend in den Wind schlug, da ich es doch nicht ändern konnte.
*
In der Nacht, die darauf folgte, ging es mir sonderbar. Es war mir, als gehe meine Tür auf und ein Mensch komme herein mit einem Licht inder Hand. Es war eine alte Ölampel, wie wir zu Hause eine gehabt hatten, und zu deren Öl ich die Buchelen selber im Stadtwald gesammelt hatte. Die Ampel kannte ich sogleich wieder, sie war von Zinn und blank geputzt, und ihr Licht schien durch eine vorgehaltene Hand, an der ein dünner silberner Ring schwach erglänzte. Die Hand war rot durchleuchtet und als ich sie ansah samt dem Ring, wußte ich, daß sie meiner Mutter gehöre. Da dachte ich: Das ist ein Traum, denn deine Mutter lebt ja nicht mehr. Aber es ging mir durch und durch ein wehes Wohlsein und ein lebendiges Gefühl von einer lieben Nähe, und ich war begierig, wie es weiter komme. Die Mutter stellte die Ampel auf den Nachttisch, und dann sah ich sie vor mir stehen, klein und kümmerlich und mit einem angstvollen Ausdruck in ihrem schmalen Runzelgesicht. Sie sah über mich hin, und ich erkannte durch die geschlossenen Lider ihren Mund, der schmallippig und eingesunken war, wie er sich leise flüsternd bewegte. Lieber Gott, laß mir meinen Buben recht werden, sagte sie, ich bin ein einfältiges Weib. Es ging mir durch und durch, ich hätte ihr gern gesagt, daß alles im besten Schick sei mit mir, aber ich konnte mich nicht rühren. Da fühlte ich eine große Träne heiß und schwer auf mein Gesicht niederfallen. Sie brannte mich und ich stöhnte und wollte sie wegwischen, aber es ging nicht, es wurde mir angst und bang. Ich versuchte, mein Kinderverslein zu beten, das ich abends beim Schlafengehen mit der Mutter gesprochen hatte, aber ich konnte nur einen Satz daraus finden: Alle Kindlein, bloß und arm, decke du sie weich und warm. Aber es war nicht das, was ich sagen wollte, ich mühtemich vergebens, und als ich es nicht zuwege brachte, ging die Mutter kopfschüttelnd wieder weg. Das Licht nahm sie mit. Da, als sie die Tür hinter sich zumachte, trat mir das Elend und das Verlassensein ans Herz. Ich hätte sie gern zurückgerufen und ihr Liebes gesagt, aber es war zu spät, und auf einmal liefen mir die Tränen stromweis übers Gesicht.
Eine Uhr schlug von irgend einer Kirche her, vielleicht vom nahen Münster, ein Luftzug wehte über mich hin. Da saß ich plötzlich aufrecht im Bett mit offenen Augen und hatte in Wahrheit noch nasse Backen von den vergossenen Tränen des Traumes.
Der Mond sah neugierig ins Zimmer und legte eine lange, schmale Lichtbahn auf den Fußboden. In dieser Lichtbahn war wohl vorhin die Mutter gestanden, an die ich schon so lang nicht mehr gedacht hatte. Es plagte mich, wo sie wohl auf einmal hergekommen sei, denn, Traum oder nicht Traum, sie war mir auf einmal nah und lebendig und regte allerlei in mir auf; ich mochte mich auf die rechte oder linke Seite legen, so blieb das helle, aufgestörte Wachsein, das mir fremd und ungewohnt war, und das Denken an Dinge, die weit von mir lagen am Tag und für gewöhnlich.
Zum Beispiel sah ich hell und deutlich zum Greifen unsere Stube daheim an einem Himmelfahrtsfestmorgen vor mir. Ich hatte einen Frühspaziergang in den Wald gemacht und einen Hut voll von den rosasamtigen Blümlein mitgebracht, die man bei uns Himmelfahrtsblümlein hieß. Sie wuchsen an einer heimlichen Stelle, tief im Wald, und ich hatte den Kuckuck schreien und eine Drossel singen gehört, hatte Eichhörnchen ihre Sprünge machen und ihre stolzen Fahnen dennoch leicht und zierlich tragen sehen undhatte etwas von Morgenfrische mit in die niedrige Stube gebracht. Die Mutter machte ein Kränzlein aus den Blumen und hängte es um das kleine, verblaßte Bildchen eines jungen Weibes, das einmal ihre Mutter gewesen war. „Sieh, Ludwig,“ sagte sie, „man muß die nicht vergessen, die fortgegangen sind. Sie sind nicht tot, sie sehen uns und brauchen, daß wir sie lieb haben. Wenn wir sie vergessen, so friert sie's und tut ihnen weh. Dann klopfen sie an, oder sie kommen uns im Traum, oder es zerspringt ein Glas, das ihnen gehört hat, oder ein Spiegel, und anders können sie nicht sagen, was sie gern wollen: denkt an uns, vergesset uns nicht, denn ihr seid Fleisch von unserem Fleisch, und es ist um eine Zeit, so kommet ihr auch zu uns. Jetzt freut's vielleicht die Großmutter, daß du ihr das Kränzlein gebracht hast.“
Das alles war mir damals nicht wichtig. Ich war von Kindesbeinen an ein Bub, der vor sich hin und in den Tag hinein lebte ohne viel sinnige Gedanken, und die Blümlein hatte ich nur geholt, weil es mich freute, in der Morgenfrühe in den Wald zu gehen, die Großmutter war gar nichts für mich, ich hatte sie nie gekannt.
Aber mein Hirn hatte getreulich alles aufbewahrt mit allen Tönen und Farben, was an jenem Morgen gewesen war, und noch vieles dazu, das schüttete es aus, wie ein Säcklein voll Raritäten und breitete es um mich herum aus, ein Stück ums andere. Ich sah die ganze Heimat. Die Mutter hatte sie mir mitgebracht, aber es war etwas dabei, das mich nicht recht freuen konnte. Denn sie hatte mich traurig angesehen, ich war ihr nicht recht irgendwie. Und es war jetzt zu bedenken, daß sie vielleicht lebte auf irgendeine Art, wenn man es auch nicht erklären konnte, wie, und daß sie zur Tür hinausgegangen war, weil ich meinen Vers nicht konnte, und daß sie mich mahnen wollte, ich solle sie nicht vergessen. Bei dem allem wurde es mir eng und schwül zumute, wie ich es vordem kaum je so empfunden hatte, und ich erhob mich aus dem Bett, um ans Fenster zu treten und die frische Nachtluft über mich hinströmen zu lassen. Da geschah es, daß mir beim Vorübergehen mein Bild aus dem Spiegel entgegensah, vom Mondlicht schwach beleuchtet, und ich erschrak daran, stellte mich aber trotzdem aufmerksam davor hin und sah mein Gesicht seine Augen auf mich richten, als ob es mich prüfen und ergründen wollte. Es war mir, als sei es ein zweiter Mensch, einer, der zu meinem Ich du sagen könne, und der mich durch und durch sehe, und es war mir nicht im mindesten möglich, mich von ihm abzuwenden oder ihm das Anstarren zu verbieten, ich war festgehalten, wie das Eisen vom Magneten. Dergleichen hatte ich vordem nie erlebt. Was bist du für einer? schien mir das Spiegelbild zu sagen. Dich sollte ich kennen, meine ich. Schon von früher, von lang her. Du bist schon lang nicht mehr bei mir gewesen, es ist eigentlich schade. Aber wie ich, mich dem Bilde befreundend, es näher ansah, und der Mond mir dazu leuchtete, faßte mich auf einmal ein Grauen vor mir selbst und dem Spiegelbild, das ich als mein Selbst erkennen mußte; es war, als ob aus den glänzenden Punkten meiner Pupillen ein Dritter heraussehe, der wieder ich war. Es konnte ins Unendliche so fortgehen, man wußte nicht mehr, wer man selber war und wer sich fremd in einem bewegte, und dazu tauchten Möglichkeitenund Fragen auf, die einem nie kamen, wenn man unbesehen für sich hinlebte und vor denen es einen ins Mark hinein fror. Da riß ich mich mit Gewalt von mir selber los und flüchtete mich ans Fenster, meine aufgeregten Pulse im Anschauen des stillen Nachtbildes beruhigend, das da draußen für sich hinlebte, gleichgültig, ob einer es ansah oder nicht. Die herrliche Pyramide war ganz vom Mondlicht durchflossen, es war, als bade sie alle ihre Blumen, Rosetten, Knäufe und Spitzen darin und sei lebendig in ruhevollem Atmen, und hinter ihr stieg der Berg auf mit seinen dunklen Bäumen, deren Wipfel in den silberlichtbeglänzten Himmel tauchten, ohne sich zu rühren. Die Häuser aber standen von innen heraus verdunkelt und ganz im Schlaf, und nur ich junges Blut wachte und wäre gern gut, einig mit mir und den ewigen Lebensgewalten und allem, zu dem ich im stillen du sagen konnte, gewesen, denn ich war wunderlich aufgerührt. Und ich hätte auch gern jemanden gehabt, zu dem ich nah gehörte, einen Freund oder so. Aber das dauerte nicht lange, und es kam nicht viel darnach. Es schauerte mich am offenen Fenster und im leichten Hemd, und ich kroch ins Bett zurück, den Spiegel vermeidend. Da nahm mich der Schlaf in die Arme bis der Morgen kam.
*
Als die Geschwister Bitterolf abgereist waren, ging das Leben im Hause wieder seine alten Gleise hin. Mir war es recht, daß sie dagewesen, und daß sie wieder gegangen waren, beides hatte sein Gutes. Ich war in allerlei Leben hineingekommen, das ich vordem nicht gekannt hatte. Zum Beispiel konnte ichauf der Straße hie und da den Hut abziehen vor angesehenen Leuten, deren Namen und Art ich kannte, die mich wieder grüßten mit Höflichkeit und Achtung, und konnte jungen Mädchen unter den Hut schauen mit Fug und Recht, weil ich schon mit ihnen gespielt und geredet und ihnen etwa das Jäckchen oder den Schirm getragen hatte. Im Laden aber gab es Gelegenheit, mit Studenten oder anderen jungen Leuten Gespräche zu führen. Da war ich nicht mehr nur der junge Mensch mit dem braunen Haarbusch, als der ich etwa schon bezeichnet worden war, sondern ich hieß Herr Fugeler oder auch Fugeler kurzweg, je nach der Intimität. Und ich strengte mich an, in meine Arbeit hineinzuwachsen, da ich gern etwas Rechtes darin vorstellen wollte.
Es war, wie man so sagt, ein Knopf gebrochen bei mir, das hing mit dem Besuch insofern zusammen, als ich durch ihn unter die Menschen und mit ihnen in eine Gleichartigkeit gekommen war. Aber es war auch wieder gut, daß er vorüber war, denn ich war doch nicht ganz gleichartig mit den Bitterolfschen, ich mochte mich strecken, wie ich wollte. Sie hatten etwas mitbekommen von klein auf, und es war noch in ihnen großgezogen worden, das ich kaum vom Hörensagen kannte. Das konnte man nicht mehr nachholen. Es war vielleicht ein Erbteil von vielen Vorfahren her, die sich selbst und ihre Kinder geschult und erzogen hatten, daß sie leicht und frei und ohne Mühe sich im Leben bewegen konnten und nirgends anstießen durch Unbehilflichkeit oder Nichtwissen. Auch hatten sie, wie sie sprechen und hören lernten, gleich eine Luft um sich herum gehabt, in der es mit allerlei Geistigem reichlich umging. Vielleichtwaren schöne Bilder und Musik, und Frauen in feinen Gewändern um sie her gewesen, und sie hatten kluge Männer von aller Kunst und Weisheit reden hören; das war ihnen alles gewesen wie das tägliche Brot. Mit dem allem war ihnen der Tisch gedeckt von Jugend an, da wuchsen sie heran und wurden Auserwählte und hielten sich auch dafür. Und es war so, daß man vieles erwerben und in manches hineinwachsen konnte, wenn man sich darnach sehnte und alle Kraft anspannte, sie aber waren da von jeher daheim und lebten hochgemut und auch hochmütig, wie es mir schien, und es blieb immer ein Zaun, an dem man sich stoßen konnte, zwischen ihnen und unsereinem. Dann, wenn man sich stieß, sahen sie einander an und lächelten erstaunt oder verzeihend, und man sah, daß sie hinter ihren klugen Stirnen dachten: ach du, du kennst ja unsere Sprache nicht, du bist aus einem andern Land.
Sonst, für dich selbst betrachtet, wärest du ganz recht, aber unsereiner kannst du ja nicht sein.
Solche Gedanken gingen viele mit mir um, als wir wieder wie sonst im Hause Hagenau zusammen lebten.
Aber halt, kam es mir dann: ist nicht Fräulein Brigitte auch eine von derselben Art, klug, vornehm und von reicher Bildung, sicher in sich selber und vor den andern? Ungescheut trägt sie ihre Last auf dem Rücken und hat eine stolze Würde, als wäre sie die aufrechteste Frau. Sie aber zieht keine Grenzen um sich, sondern ist gleich nah und gütig mit allen und auch mit mir. Was also ist besonders an ihr – und wie kommt es, daß man Vertrauenund Verehrung zu gleicher Zeit bei ihr empfindet?
Sie ist eine Persönlichkeit, entschied der Verstand, stolz über die Formel, die er gefunden hatte; eine solche wird nicht geboren, sondern entwickelt sich erst.
Ja, aber wie? Einfach mit dem Alter? Oder durch Leiden, wie bei ihr?
Das blieb immer noch die Frage, die indessen wieder in den Hintergrund trat, weil die Gegenwart fortwährend Neues an den Tag brachte.
Ich war wieder mit dem Blumenmädchen Hertha zusammengekommen, was sich bei unserer nahen Nachbarschaft fast von selber machte und was ich auch wünschte, denn so unbekümmerlich ich auch für gewöhnlich meines Weges ging, so ertrug ich doch nicht leicht das Gefühl, daß irgend jemand mir böse oder von mir beleidigt sei, ich wollte nirgends einen schlechten Eindruck machen. Das hing freilich nicht mit irgendeiner Tugend in mir zusammen, sondern nur mit der Gewöhnung daran, daß jedermann mir wohlgesinnt und zugetan sei, die ich in nichts unterbrochen wissen wollte.
Das gute und natürliche Mädchen machte es mir auch leicht, meine Entschuldigung anzubringen; es genügte ihr, daß ich im Grunde der war, für den sie mich gehalten hatte und mit dem man ein harmloses Wort sprechen konnte, was sie so gern tat, und wozu sie den Tag über bei ihrer etwas griesgrämlichen Frau wenig Gelegenheit hatte.
Eines Abends begegnete sie mir in der Nähe des Kirchhofeingangs, an dem ich zufällig auf einem Spaziergang vorbei kam. Wir waren schon wiederso gute Freunde, daß ich auf ihre Einladung mit ihr hinein ging, da sie, wie sie sagte, den Oberaufseher besuchen wollte, mit dem sie gut bekannt sei. Wir gingen durch die Gräberreihen, zwischen denen wie schwarze Schatten hie und da Trauernde wandelten, nach einer Gegend hin, wo alte Bäume zwischen eingesunkenen Hügeln standen, und wo die Steine verwittert und die Namen fast unleserlich und mit feinem Moos ausgefüllt waren. Es war eine längst verklungene Gesellschaft hier beisammen, es mochte aber nicht mehr viel von den stillen Bewohnern der unterirdischen Kammern übrig sein. Während dort immer noch Trauer und Tränen umgingen, war hier längst Ruhe eingekehrt, und die Vögel bauten ihre Nester an den Sträuchern, die aus den Gebeinen der längst Gewesenen entsprossen waren.
„Sehen Sie,“ sagte Hertha vorstellend, als müsse sie mir die Bekanntschaft der Ruhenden vermitteln, „hier liegt ein alter Junggeselle oder doch wahrscheinlich ein Junggeselle. Es hat niemand um ihn geweint, als er gestorben ist, das hat mich schon schwer erbarmt. Ich habe ihm schon einmal einen Syringenstrauß gebracht, aber freilich, es hilft ihm nichts mehr. Man sollte leben, so stark man kann, solange man da ist, denn nachher ist es zu spät, und man läßt nichts hinter sich.“
Ich sah sie verwundert an. Woher wußte sie die Lebensgeschichte dessen, der unter dem ganz bemoosten Stein lag, und wie kam sie dazu, ihm Blumen zu bringen, wenn er sie doch nichts anging? Und wie kam aus ihrem jungen und blühenden Munde solche Erfahrungsweisheit?
„Da, sehen Sie!“ Sie schob ein paar Zweige desEfeus, der von der Mauer hergekrochen war und das Grab umarmte, zurück.
„Hier ruht ein Fremdling, Herr Vinzentius Burhagen, hier gestorben Anno 1799, dem Gott gnädig sei.“
So hieß die Grabschrift. Die Buchstaben waren einmal ausgekratzt worden, das sah man, damit sie wieder lesbar wurden. Aber als ich Hertha fragend ansah, ob sie das getan habe, schüttelte sie den Kopf.
„Das hat der Zeitler getan, der über den Ort hier gesetzt ist. Er kennt alle Begrabenen hier und weiß von ihnen, woher, das weiß kein Mensch. Er ist einmal in der Fremde gewesen und hat auf die Gelehrsamkeit studiert, aber es ist ihm etwas dazwischen gekommen, und er ist heimgekommen und hat angefangen, die Toten zu hüten. Sie seien so friedlich, sagt er, und hätten alles hinter sich, Dummheit und Bosheit und Schmerzen, alles, es sei gut mit ihnen auskommen. Da ist er,“ unterbrach sie sich und strebte vorwärts nach einer halbrunden Bank hin, die auf einem winzigen Hügel stand. Dort saß ein älterer Mann in ausruhender Haltung. Er trug Kopf und Schultern vorgeneigt und hatte die lässigen Hände zwischen die Knie gelegt; ein paar rote Nelken hielt er lose darin. Als ich ihn sah, war es mir sogleich, als ob ich ihn schon irgendwo einmal gesehen hätte, vielleicht vor langer Zeit, ich wußte aber nicht wann und wo. Das erinnerte mich an meine Kindertage, wo ich ein ähnliches Erlebnis hier und da gehabt hatte. Ich sah einen Ort oder Menschen oder ein Ding zum erstenmal, und es war mir, als sähe ich etwas Altbekanntes und ließ es mir auch nicht ausreden, daß es in Wahrheit so sei. In solchen Fällen pflegte meine Mutter zusagen: Du wirst es noch von damals kennen, als du das erstemal auf der Welt gewesen bist, und ich wußte nicht, ob sie das im Spaß oder im Ernst sagte und dachte auch nicht tiefer darüber nach.
Der alte Mann ließ ein paar ruhig betrachtende Augen auf mir liegen, und ich gab es ihm in meiner Verwunderung über das vermeintliche Wiederkehren von etwas längst Gewesenem heim, so sahen wir einander ins Gesicht, vielleicht nur ein paar Sekunden, aber doch lang genug, um in der Schnelligkeit irgendeine Verbindung zwischen uns herzustellen.
Hertha sagte: „Ich bringe einen Besuch mit. Er ist mir unterwegs begegnet, er ist mein Nachbar,“ und wir ließen uns links und rechts von dem Friedhofswächter auf der Bank nieder. Er reichte Hertha eine seiner Nelken, die sie begierig riechend an die Nase führte. „O, die sind von der jungen Frau Maibom,“ sagte sie, den Duft erkennend, er aber schüttelte den Kopf: „Falsch geraten, sie sind von der Familie Gutekunst,“ und ich merkte, daß sie von Gräbern sprachen. Da wurde es mir eigen zumute. Der Abend war noch im Verlöschen mild und schön. Am Horizont waren Tücher ausgebreitet von bunten, allmählich erblassenden Farben, eine Betzeitglocke läutete, im Gebüsch fing eine Nachtigall an zu schlagen, neben mir saß der Mann mit dem schmalen, bekannten Gesicht und drüben das junge, starklebendige Mädchen, es hätte alles heimelig und warm sein können. Aber unfern von uns war ein altes Grab aufgemacht, und es lag ein Häufchen gelber halbvermoderter Knochen dabei, die der Totengräber herausgeschaufelt hatte, und es war ein Gerüchleinvon welkenden Kränzen vorhanden, die in der Nähe auf einem Haufen lagen, das alles mahnte mich diesseitigen Menschen an die Gegenden jenseits der Grenzen, und ich wunderte mich, wie ich hier hereingeraten sei. Jedoch nicht lange, denn Hertha hatte keineswegs die Absicht, Geister zu beschwören oder Vergänglichkeitsgedanken nachzuhängen, sondern sie stand blühend und freudig im Leben und hatte nur ein freilich merkwürdiges Mitleid mit den Toten, weil sie von dieser Welt fortgemußt hatten, auf der es doch so schön war; es konnte um sie herum kein spukhaftes Grauen aufkommen.
Sie roch an ihrer Nelke und sagte: „Gebt doch dem Herrn auch eine. Er steckt den ganzen Tag zwischen den Büchern, ich möchte nicht in seiner Haut sein. Er hat ein so ernsthaftes Gesicht, das kommt davon. Es ist aber bloß oben drauf, er kann auch lachen, ich hab's schon gesehen.“
Der Friedhofswächter gab mir eine der würzhaft duftenden Blumen. Es waren solche, wie sie der alte Heinrich Kilian gepflegt hatte und wie sie jetzt noch daheim vor meinem Kammerfenster blühten, wahrscheinlich wenigstens. War denn aber alles verhext heute abend und war etwa mein Kilian in den Zeitler geschlüpft, um mit mir Versteckens zu spielen und zu fragen: Kennst mich noch? Woher mir solche Gedanken kamen, weiß ich nicht, aber sie waren um den Weg und ich mußte, wie damals in den Spiegel, so heute mit einer halben Lust und einem halben Grausen in das Gesicht des Zeitlers sehen, ob mir eine Erkenntnis komme, die mich ja freilich beim ersten Augenwink in die Flucht gejagt hätte, da, was man etwa im Traum gelassenoder freudig hinnimmt, das Dasein eines Hingegangenen, im Wachen jähes Entsetzen bedeutete. So unverrücklich fest steht uns in uns selber Eingeschlossenen die Ordnung der Dinge beider Welten. In mein Schweigen hinein und das des Zeitlers schüttete Hertha ihr Geplauder, das in der werdenden Dämmerung tönte wie ein spielendes Bächlein, und zu dem nach und nach meine Gedanken zurückkehrten unverrichteter Sache. Denn es war ja, wenn ich mich nüchtern besann, ohnehin ein Unsinn, was sie ausheckten.
„Ich verstehe nichts von Büchern,“ hörte ich Hertha sagen, „man müßte mir's grad sagen, was darin steht, daß ich's nicht selber lesen muß.“
Der Zeitler gab einen summenden Ton von sich, der allerlei bedeuten konnte, ein Lachen oder einen Zweifel, und Hertha fuhr fort:
„Ich bin nur froh, daß ich's mit den Blumen habe, es ist, wie wenn ich dazu auf die Welt gekommen wäre, daß ich das Kranzbinden treibe. Das kann ich nach der Regel, ich hab's gelernt und hab's auch in den Fingern. Meine Frau paßt nicht dazu, sie hat erst in das Geschäft hineingeheiratet, das ist der Unterschied. Sie dauert mich eigentlich, denn sie hat ein saures Gemüt. Sie hat als Kind einmal in einen Essighafen gerochen, davon ist's ihr geblieben. Mich hat sie aber gern, und sie ist auch froh an mir. Die Leute kaufen gern bei mir, weil ich freundlich bin und gern lache. Es gibt auch nichts Schöneres, als den ganzen Tag geschafft haben und abends fertig sein. Oder ja, vielleicht gibt es auch etwas Schöneres, und man weiß es bloß nicht. Heute habe ich eine Girlande machen müssen um ein Kindersärgleinaus lauter Monatröschen und mit Immergrün. Da habe ich weinen müssen, weil es mich so gedauert hat, zu denken, ich könnte als Kind gestorben sein und wäre dann nicht mehr da. Ich bin gern da, das muß ich sagen; von mir aus könnte jeder Tag hundert Stunden haben, es wäre mir keine zu viel.“
„Du Närrlein,“ sagte der Zeitler, „was wär's denn dann mit dem Feierabend und dem Sonntag, wenn du so lange Tage haben willst?“
„Jaso, ja,“ gab das Mädchen zu, „es ist nur gut, daß ich's nicht machen muß, es käme etwas Schönes dabei heraus. Versteht sich, der Sonntag müßte geradeso lang sein und der Feierabend auch. Es ist mir auch ganz recht, wie es ist, ich will es gar nicht anders haben. Gestern war das bucklige Fräulein Hagenau bei mir im Laden und kaufte einen Rosenstock, und ich trug ihn hinüber. Da saß sie in ihrem schönen Wohnzimmer in einem seidenen Sessel, und ihr Bruder saß ihr gegenüber und las in der Zeitung, und die alte Magd Salome trug den Kaffee herein. Die haben's schön, aber ich möchte sie nicht sein, um kein Geld. Lieber Gott, wenn man jung ist und vergnügt und gerade Glieder hat, dann freut's einen, und alles kann noch kommen, was es Gutes gibt. Ich möchte doch nicht ledig bleiben, nicht um alles.“
„So sei jetzt auch einen Augenblick still,“ sagte der Zeitler, „man kann ja mit keinem Steckelein dazwischenfahren, wenn du einmal anfängst, es läuft wie aus einem Brunnenrohr. Was weißt denn du davon, wie es gehen kann auf der Welt, und was weißt du von Glück und Unglück? Verheiratetsein kann ein Glück oder ein Elend sein, und Ledigsein auch, es kommt drauf an, wie man es erlebt.“ Er sagte es ein bißchenscharf und streng, und Hertha dauerte mich, denn ich dachte auch wie sie, einmal in diesem Augenblick sicher. Aber sie machte sich augenscheinlich nichts daraus, denn sie lächelte vor sich hin und dann zu mir herüber, als ob wir beide besser wüßten, wie es wäre.
Auch fuhr der Zeitler gleich darauf milder fort: „Die Brigitte tauschte mit niemand, wenn man es ihr anbieten wollte. Heißt das, was sie in sich selbst und aus sich heraus geworden ist, gäbe sie nicht hin, wenn sie noch einmal ein Leben leben dürfte in einem schlanken Körper und mit allem, was man so gemeinhin Glückseligkeiten heißt.“
Wir sahen ihn beide fragend an, weil er das Fräulein beim Vornamen nannte und weil er über ihr Inneres Bescheid zu wissen und sie überhaupt zu kennen schien.
„Er ist bei Hagenaus,“ sagte Hertha und deutete mit dem Kopf nach mir hin.
Der Zeitler hatte noch nicht nach meinen Verhältnissen gefragt, nun sah er mich aufmerksam an und sagte: „Sie sind da in guten Händen“; er zögerte ein wenig und fügte dann hinzu, „zum wenigsten, was die Schwester betrifft, obgleich ich Herrn Kasimir nichts zuleide tun will. Ich kenne ihn weniger als sie, die ein lebendiger Mensch ist, wie es nicht viele gibt.“
Was er da sagte, erfüllte mich mit Begierde, mehr von den beiden und besonders von Fräulein Brigitte zu hören. Ich mag wohl auch den Zeitler bittend genug angesehen haben, denn er fing nach einigem Zögern wirklich an, einiges aus ihrer Lebensgeschichte mitzuteilen. Woher er sie wußte, verlautete nicht. Ich muß glauben, daß er selber irgendwie an ihr beteiligt oder mindestens Zuschauer gewesen war; ervermied es aber, sich selbst zu nennen. Das sei immer so, sagte Hertha, er rede nie von sich.
Es ist mir aber, als habe er doch von sich geredet ohne Willen, denn er verfiel im währenden Erzählen in eine seltsam reiche und blühende Sprache, die deutlich genug sagte, daß er einmal in einer Welt gelebt habe und sie noch in sich trage, die von seiner jetzigen unterschieden sei in mehr als einer Hinsicht.
Ich meine, ich höre ihn noch; es wird aber wohl bei mir anders herauskommen.
„Dort drüben,“ sagte Zeitler, und deutete nach einem Marmorgrabmal, das zwischen einer Baumgruppe heraussah, „liegt oder lag eine junge, feine Frau, die der Tod an einem einzigen heißen Krankheitstag erwürgt hat. Sie hatte die Augen noch offen, als der Sarg geschlossen wurde, oder vielmehr, sie waren, schon zugedrückt, langsam wieder aufgegangen, und es sah erschütternd aus, wie die erloschenen Sterne unbeweglich nach dem Kinderhäuflein hinschauten, dem sie noch lange hätten scheinen sollen. Das war die Mutter der Geschwister Hagenau. Sie war eine Waldbauerntochter gewesen, gesund, schön, lebensfreudig und heißblütig und dabei reich und von guter Bildung, und hatte dem etwas verbrauchten Hause mit Blut und Geld aufhelfen sollen. Letzteres war geschehen, aber der Reichtum ihres sprühenden Lebens schien ganz und gar der jüngsten Tochter Brigitte aufbehalten gewesen zu sein, während die älteste und der um weniges jüngere Sohn dem Vater nacharteten, der brav, gewissenhaft, gründlich belesen und mit allgemeiner Bildung versehen, aberetwas trocken und unlebendig war. Oder wenigstens so ungefähr wurde er geschildert. Doch soll er an der Frau unendlich gehangen haben und durch ihren Tod ganz gebrochen, und also doch nicht ohne Leidenschaft gewesen sein. Für die Kinder hatte er nach dem Tode der Frau nicht mehr viel Aufmerken. Er veranlaßte ihre Schulbildung, wie es recht und üblich war und nahm eine Hausdame, die für Nahrung und Kleider und für das Hergebrachte an guten Sitten und was man so gemeinhin Erziehung nennt, sorgte, und die er der Bequemlichkeit halber nach einiger Zeit heiratete, ohne daß sie viel für ihn gewesen wäre. Die arme Frau und Mutter hatte allen Grund gehabt, ihr Häuflein mit gebrochenen Augen noch traurig anzusehen, wenn man so sagen darf, denn es war nicht mehr viel Freudigkeit und Kinderglück im Hause. Einzig die jüngste Tochter, die auch im Äußeren das Abbild der Mutter war, schien Sonne und Lebenslust in sich selbst zu tragen und sich ihre Nahrung zu holen, wo man sie ihr nicht anbot. Sie war von jedermann überzeugt, daß er sie liebe und Freude an ihr habe, und dieses glückliche Wissen um sich selbst, ließ sie hinwiederum auch allen Leuten strahlend und wie ein kleines Sönnchen entgegenkommen, dem sich in Wahrheit niemand ganz entziehen konnte. Die beiden andern Kinder wuchsen dagegen als Schattenpflanzen auf; das Mädchen als stille, brave, pflichttreue Schülerin, die ihren Ehrgeiz darein setzte, alle Unterrichtsstoffe gründlich und unvergeßlich in sich aufzunehmen, der Knabe, der vielleicht am meisten von allen die Mutter entbehrte, aber ohne sich dessen bewußt zu sein, als knurriger und verdrießlicher Sohn seines unfrohenVaters, ohne rechte Blüte lang ins Kraut schießend. Er ärgerte sich selbst und andere bei jeder Gelegenheit, und besonders hatte er es auf die lachende Brigitte abgesehen, deren Liebreiz er verspürte und genoß, ohne es merken zu lassen. Vielmehr stritt und balgte er sich mit der Schwester herum und hatte hunderterlei an ihr auszusetzen, vielleicht nur, um sie in raschem Zorn entflammen zu sehen, worin sie ihm besonders gut gefiel, oder auch, um ihr helles und unwiderstehliches Gelächter zu hören, wenn ihr sein nörgelndes Wesen komisch erschien.
Das ärgerte und entzückte ihn dann zu gleicher Zeit; er ließ aber weder das eine noch das andere merken, sondern tat gleichgültig und als ob es ihm zu wenig wäre, darauf zu horchen. In ihrem zwölften Jahr war Brigitte ein schlank aufgeschossenes Mädchen mit prachtvollen Zöpfen, die sie lang herabhängend trug, und mit einem Ausdruck in dem blühenden Gesichtchen, als ob sie von weitem die vollen Ströme des Lebens rauschen höre und sich anschicke, darauf zuzugehen, um sich darin zu baden. Statt dessen aber wartete ein dunkles Meer der Leiden auf sie, und das Rauschen war ein herannahendes Gewitter, das den vernichtenden Blitz auf sie niedersandte und die Sonne auslöschte, ehe sie noch im Mittag stand.“
Hier unterbrach sich der Zeitler, für einen Augenblick aus der Vergangenheit auftauchend, und merkte selbst, daß er in einer Weise zu uns redete, die wir nicht bei ihm gesucht hätten, und die auch bei ihm selbst zurzeit nicht üblich war. Er nahm eine der Nelken zwischen die Lippen, und es war mir plötzlich, als habe ich ihn nicht im Leben, sondern auf einem Bildso gesehen und wisse nun, wer er sei, es falle mir nur der Name nicht ein.
„Kurzum,“ fuhr er nach einer kleinen Pause fort, als habe er wie ein Maler nach einem andern Pinsel gesucht oder als Musiker eine andere Saite aufgezogen, „die Brigitte erlitt einen schweren Unfall, der sie zu dem verwachsenen Geschöpf machte, das sie jetzt ist, und ihr ganzes Leben umkehrte. Es ist schon lang her, und vielleicht sollte man es jetzt nicht mehr sagen, aber der Kasimir war schuld daran. Es war in einem Nachbargarten. Die Brigitte saß in einer Schaukel, die zwischen zwei Bäumen angebracht war; sie schwang sich leicht spielend hin und her und plauderte daneben mit den Nachbarsmädchen. Da trat der Kasimir hinzu und fing an, die Schaukel zu stoßen, daß sie hoch und immer höher hinausflog. Vielleicht gefiel es ihm, daß die schwarzen Zöpfe so lustig tanzten, vielleicht auch hatte er sein unholdes Vergnügen daran, daß die Brigitte rief: ‚Laß sein, ich will nicht so hoch!‘, kurzum, er stieß mit aller Kraft, daß die Schaukel mit dem schönen Vogel drin an die vollen Kronen der Bäume anstieß und zwischen den Zweigen hindurchrauschte. Das Mädchen wurde blaß und bekam Angst, was sonst nicht in seiner Art lag, und bat flehentlich ums Aufhören, aber der fünfzehnjährige Flegel hatte seiner Lust noch nicht Genüge getan, oder was es war; als die Brigitte außer sich herunterrief: ‚Laß los, oder ich springe heraus!‘, gab er, der es natürlich nicht glaubte, noch einen letzten, wilden Stoß drein, um dann aufzuhören, und in dem Augenblick flog das Mädchen durch die Luft und schlug schwer auf den Boden auf. Die Schaukel aber kam ledig zurück und schwang sich,in den Ringen knarrend, noch eine Weile hin und her, bis einer hinging und sie anhielt.
Da war dann nun eine Zerstörung geschehen, die jedem weh tun mußte, der sie sah. Es wäre fast leichter anzusehen gewesen, wenn das arme, totenblasse Kind, das da im kurzen Grase lag, die Augen nicht mehr aufgemacht hätte. Es wäre dann in aller seiner sonnigen Schönheit dahingegangen, und jedermann hätte es als einen Liebling bei Gott und Menschen in der Erinnerung gehabt. Aber freilich, der Kasimir wäre dann sein Mörder gewesen in aller tapsigen Dummheit, und so konnte man es wieder nicht wünschen, auch wenn es etwas geholfen hätte. Das Leben ging auch, ohne zu fragen, seine eigenen Wege, legte das schöne, unglückliche Geschöpf auf ein jahrelanges schmerzhaftes Siechbett, drohte zuweilen, es nachträglich noch hinweg zu nehmen und ließ es dann zu einem schweren, unbegreiflichen Dasein wieder aufstehen. Die Wirbelsäule war verkrümmt und wurde es immer mehr, und unaufhaltsam sank der schöne, feine Kopf zwischen die Schultern und beugte sich der aufrechte Wuchs, den das heranblühende Kind gehabt hatte. Da war die Brigitte kein Sönnchen mehr, sondern eine arme, leidende Kreatur, von deren tieferen Schmerzen gewiß kaum ein Mensch recht wußte, und die eine Mutter hätte brauchen können, wenn sie, die draußen schlief, irgend zu erwecken gewesen wäre. Denn als das lange Siechtum überstanden war, regten sich von neuem in dem lebensvollen Mädchen die Kräfte des Blutes und der überschwängliche Lebensdrang, den sie von der Mutter ererbt hatte, und der nun in einem verwachsenen Leibe gefangen lag. Die Schwester heiratete in all ihrer dünnblütigen Zahmheiteinen Privatdozenten von der Universität, der in früheren Jahren die kleine Brigitte sein Bräutchen geheißen hatte, und dem auch jetzt unglücklicherweise ihr lebenverlangendes Herz mit harten Pulsen entgegenklopfte. Er zog mit der Frau nach dem hohen Norden hin und wurde eine Berühmtheit in seinem Fach, das junge, schmerzlich lebendige Geschöpf aber blieb in dem unfrohen Vaterhause zurück. Die zweite Frau des Vaters war auf einer Erholungsreise in ihre Heimat gestorben und auch dort begraben worden, und es verstand sich von selbst, daß Brigitte die Führung des Haushalts übernahm, der aus dem Vater und dem Unglückswurm Kasimir bestand. Dieser war über den Unfall, den er herbeigeführt hatte, außer sich gewesen, was sich darin zeigte, daß er, wie er ging und stand, von der für sterbend gehaltenen Schwester weg in ein benachbartes wildes Tal lief und sich dort verschiedene Tage und Nächte lang umhertrieb, bis ihn endlich das Verlangen, etwas Näheres zu erfahren, wieder in die Stadt führte, und zwar zuerst auf den Friedhof, wo er sehen wollte, ob sich das Muttergrab geöffnet und über einer neuen Bewohnerin wieder geschlossen habe. Als er nun sah, daß nichts dergleichen erfolgt war, setzte er sich, übermüdet von Angst und Reue und dem ziellosen Umherirren, auf den mütterlichen Hügel nieder und schlief ein, bis er spät am Abend verwirrt emporfuhr, weil jemand seinen Namen gerufen hatte. Es war dies sein Vater, der, gleichfalls aufgestört aus seiner gewöhnlichen Ruhe, heftige Angst um sein Lieblingskind empfand, dem er freilich sein besonderes Wohlgefallen kaum je gezeigt hatte, und der nun fast instinktmäßig den Ruheplatz seines Weibes aufsuchte,um ihr als Mutter zu sagen, daß sie eigentlich jetzt am Platze sein müßte. Als er nun an dieser Stelle den Sohn fand, dem er begreiflicherweise heftig zürnte, und dem er eine gehörige Strafe, er wußte nur noch nicht welche, zugedacht hatte, ging eine seltsame Wandlung mit ihm vor, deren er sich nicht erwehren konnte. Der Missetäter hatte nämlich, vielleicht um bequemer zu ruhen, vielleicht aber auch in einem ausbrechenden Verlangen nach Schutz und Hilfe, mit beiden Armen den aufrechtstehenden Marmorblock umfaßt und den Kopf auf den mütterlichen Namen gelegt, und erschien dem Vater wie ein alttestamentlicher Flüchtling, der zur Sicherung vor seinen Verfolgern in den Tempel eindrang und die Hörner des Altars umklammerte. Auch zeigte sich im Schlaf eine so unverstellte Herzensnot und Bekümmernis auf dem sonst gleichgültigen Gesicht des Sohnes, daß sich der Vater des Erbarmens und der Rührung über das Leiden, das noch größer war als seines, nicht enthalten konnte und den Schlafenden aufweckte, nicht zum Gericht, wie dieser meinen mußte, sondern um ihn ans Herz zu schließen. Das ist freilich nicht buchstäblich zu verstehen, denn Liebkosungen waren in der Familie nicht Sitte und waren bisher nur von dem jetzt verdunkelten Sönnchen ausgegangen, aber dennoch ging von da an ein stilles Einverständnis zwischen Vater und Sohn einher. Für diese beiden war überhaupt das Unglück der armen Brigitte ein freilich noch tiefverschleiertes Glück. Denn die Reue, die der Kasimir, und das Mitleid, das beide empfanden, zwang sie, ihrer kargen Natur einiges an Zartheit, Güte und Fürsorge abzuringen, um der armen Kranken das Leben zu erleichtern, was alles ihnen selber wiederzugute kam. Es geschah aber das Wunderbare, daß das gequälte Geschöpf, die Brigitte, in aller ihrer Leibes- und Seelennot dennoch wieder etwas von dem alten Lachen fand, zuerst nur selten und fast widerwillig, aber später sich selbst unwiderstehlich. Das war, als sie sah, wie die beiden Männer, der alte und der junge, ihre ungeschickten Versuche machten, sie aufzuheitern und das düster gewordene Haus zu erhellen. Es war ihr wie jemandem, der zusieht, wie unerfahrene Hände sich mühen, verquollene Fensterladen aufzumachen, um Licht in einen dunklen Raum zu lassen, und der endlich hingeht, um es selber zu tun, da doch keine Aussicht ist, daß es anders hell werde. Denn die ursprüngliche und gottbegnadete Heiterkeit hatte in der ganzen Familie doch nur Brigitte allein, und es wurde ihr nach und nach klar, daß es alles nichts helfe, sie müsse den verschütteten Quell wieder ausgraben, da sie ohne ihn nicht leben könne, und auch die andern darnach dürsteten. Das ging freilich nicht ohne blutende Hände ab und nicht ohne Verzweiflung am endlichen Gelingen. Es wurde ihr nichts erspart an qualvollem Verlangen nach Glück und vollem Menschenleben, besonders wenn sie andere in aller Ruhe und Gottergebenheit erleben sah, was sie selber, wenn es ihr zuteil geworden wäre, mit Seelenjauchzen und Wonnestürmen in sich ausgetragen hätte.
Doch,“ unterbrach sich Zeitler, „es hat schließlich niemand das Recht, davon zu reden, da sie selber es nicht tat. Wenn sie aber,“ fuhr er fort, „von einem Anlauf nach der festen Burg der Herzensstille und des sich Genügenlassens ermüdet zurücksank, so malte sich ein so ehrlicher und ratloser Kummer in den Gesichternder Männer, daß sie es nicht mitansehen konnte und sich wieder aufraffte, und wieder, wenn sie ein heiteres Gesicht und einen kleinen Scherz zuwege brachte, so erhellten sich die trockenen und verlegenen Mienen so sehr, daß es ihr ein beständiger Reiz war, die Verwandlung zu sehen und hervorzubringen.
Was aber zuerst nur kraftlose und gequälte Versuche waren, das entwickelte sich im Lauf der Jahre durch ehrliche und anhaltende Übung zu einem lebendigen und ungestörten Besitz, um den sie die meisten Menschen, in deren Dasein es immer glatt und eben zugegangen ist, beneiden könnten, wenn sie dazu die Fähigkeit hätten, ja zu einer Quelle, nach der es verstäubte und müde Wanderer hinzieht und niemals umsonst. Natürlich steckt da noch allerlei darin und dahinter, zu dem, wie zu einer verschlossenen Brunnenstube, sie allein den Schlüssel hat. Doch kann man immerhin an einem frisch und unermüdlich sprudelnden Brunnen merken, wie die aus der Tiefe steigende Quelle beschaffen sein muß.
Der Kasimir hatte schon längst bei sich selber beschlossen, unverheiratet zu bleiben, um der Schwester ein dauerndes Heim bieten zu können. Das hätte unter Umständen ein schweres Opfer sein können, das wohl auch die klare und natürlich empfindende Frau, die Brigitte ist, niemals angenommen hätte. Aber sie sah bald, daß sie dem Bruder mehr geben könne, als er ihr, ja, daß der etwas trocken und karg ausgestattete Mensch nicht so viel mitteilende Lebenskraft habe, daß es um die Ehe, die er hätte führen können, schade gewesen wäre. Sie ließ ihn ruhig gewähren, ohne es ihm auf die Nasezu binden, wie sie die Sache auffaßte, so daß er das erwärmende Gefühl behielt, ihr zur Sühne für einen ungezogenen Augenblick sein ganzes Leben zum Opfer zu bringen, was ihm wohl tat und ihn, wenn er es hie und da bedachte, erhebend anrührte. Oder vielleicht auch noch anrührt,“ schloß der Zeitler, dem es plötzlich einzufallen schien, daß die Personen, die er aus der Vergangenheit heraufgeholt hatte, wo er ihnen irgendwie näher gestanden sein mußte, noch da waren, ja, daß ich begierig Horchender jeden Tag um sie war.
Es war inzwischen fast ganz Nacht geworden, aber nicht eigentlich dunkel, denn am wolkenlosen Himmel waren die Sterne sichtbar geworden und flimmerten wie Fenster, auf denen der Widerschein eines Lichtes liegt; auf dem weiten Gräberfeld webte und rührte sich allerlei, aber es waren nur die Gebüsche, die der leise Nachtwind regte, oder die weichen, langen Zweige der Trauerweiden, die sachte hin und her wogten; Düfte kamen in weichen Wellen heran und umgaben uns, und ich dachte an meine Mutter und daß sie gesagt hatte: Die Toten haben keine andere Sprache, um uns zu sagen: Vergeßt uns nicht, denkt an uns. Aber es war nichts von Grausen dabei, denn es hüllte mich ein großes Wohlsein ein. Ich fühlte eine quellende Liebe im Herzen und wußte nicht, galt sie der siegreichen Brigitte oder dem kleinen Sönnchen, das sie früher gewesen war, oder dem Zeitler, der mir so wunderbar bekannt schien, und der sich selber ganz im Dunkel hielt, wenn er von den andern erzählte. Wer war er denn, wenn man fragen durfte? Aber man durfte nicht fragen, man mußte sich ganz still halten.