Da sagte auf einmal Hertha mit einem kleinen Seufzer: „Ach, daß die arme junge Frau die Augen offen gelassen hat! Aber ich ließe sie auch offen, wenn ich sterben müßte, man dürfte sie mir nicht zudrücken. Ich möchte wissen, ob meine Mutter auch noch nach mir hingesehen hat, wie sie tot gewesen ist. Nein, sie hat es nicht getan, sie hat mich ja schon vorher hergegeben gehabt, mich armes Kind. Wenn ich nicht so vergnügt wäre, so wäre ich gewiß recht traurig; ich habe es aber in mir, daß mich das Leben freut, ich kann nichts dafür.“
Der Zeitler stand auf und führte uns zum Ausgang; es war mir, als sei ich in einer andern Welt gewesen und kehre nun wieder in die vorige zurück. Hertha sagte, als wir vor ihrer Haustür waren: „Ach, es ist schad, daß man die Nächte verschläft, aber es wird so sein müssen, scheint mir. Ich möchte einmal eine Nacht durch laufen und bis in den Morgen hinein, durch den Wald und über einen Berg hinüber, aber nicht allein, es müßte zu zweit sein. Und wenn es hell würde, ständen wir oben auf einem andern Berg und wären froh, daß wir schon auf sind, eh' die Sonne kommt, weil es schad' ist um alles, was schön ist, und man sieht's nicht.“
Da hätte ich doch nicht übel Lust gehabt, sogleich mit ihr fortzuwandern durch schlafende Wälder und an schwatzenden Bächen hin und in den Morgen hinein. Aber sie schlüpfte ins Haus, und ich ging allein vollends in die Stadt hinein, und nach einer Weile hatte ich das Gelüste schon vergessen, denn es war so vieles lebendig in mir an diesem Abend, es war gut, daß ich mit keinem Menschen reden mußte.
*
Einmal, nicht lang nach diesem, kam ein Brief von meiner Schwester Luise, der mir viel zu schaffen machte. Er weckte mich, der ich ganz im Hier und Heute lebte und genug damit zu tun hatte oder es doch meinte, für eine Weile zum Gedenken an eine Welt auf, die mich nur ungern und nach ihrem Dafürhalten nur leihweise hergegeben hatte, die mir aus ihren treuen und stillen Kräften unermüdlich spendete, was ich bedurfte oder auch nur zu bedürfen glaubte und die nichts zum Entgelt wollte, als etwas von mir selbst, ein Zugehören, ein Heimdenken und freilich auch hie und da ein Zeichen davon.
In der Kürze: ich schrieb wenig genug nach Hause; es war mir alles entweder zu groß oder zu klein, als daß ich es hätte mitteilen mögen. Auch war das Schreiben langweilig und jede Stunde sonst besetzt, und so kam es, daß meine Schwestern nur nichtssagende Zettel von mir bekamen. Ich brauchte Wäsche oder Stiefel, oder mußte mir dies und das anschaffen; sie hatten mir einen Kuchen geschickt nach altem Rezept, er war gut gewesen, aber ich stand gut im Futter und sie brauchten mir in Zukunft nichts zum Essen zu schicken; ich machte einen Ausflug und grüßte sie mit einer Ansichtskarte; im übrigen ging es mir gut und ich hoffte es auch von ihnen. Ich dachte, sie seien damit zufrieden, denn ich war es selber auch, und in ihren Briefen stand auch nichts anderes. Nun aber hatte Luise den Plan gefaßt, mich zu besuchen und sich zu dieser Reise, die ein großes Ereignis in ihrem Leben werden konnte, nach und nach ein Sümmchen zurückgelegt. Sie wollte sich ein besseres Kleid dazu anschaffen, ein Reiseköfferchen und dergleichen, und sie gedachte auch, es sich unterwegs einige Tage wohlsein zu lassen und auch mir die oder jene Güte anzutun. Dabei rechnete sie meine Freude, mit der ich sie empfangen würde, mit der ihrigen, mich wiederzusehen, zusammen, und es schien ihr eine Summe, die es wert war, das Ersparte daran zu wenden, besonders wenn sie ihr Verlangen nach einer kleinen Unterbrechung des arbeitsreichen und einfachen Lebens, das sie führte, noch dazu tat. Denn ich hatte die Freude am Schönen und Freien, das es auf der Welt gab, nicht allein gepachtet, es gab noch andere Leute, denen es um ein offenes Fenster nach der Sonnenseite hin zu tun war.
Aber es war ein Strich durch die hübsche Rechnung gemacht worden, denn es war ein Posten für ein Fahrrad eingelaufen, und zwar für ein gutes, da die billigen nichts aushielten. Dafür hätte man einige Reisen machen können, aber es war jetzt nichts zu wollen, das Geld mußte zuerst abbezahlt werden so nach und nach. Denn wer wollte sich einen hübschen Hut kaufen oder einen Schirm, was beides man unterwegs brauchte, an die Reisekosten nicht zu denken, solang eine unbezahlte Rechnung im Hause lag? Also das war nichts gewesen für diesmal; man mußte es auf ein anderes Jahr sparen, es war aber schade, denn es wäre doch an der Zeit gewesen, einander wieder zu sehen. Nicht daß mir das Rad nicht gegönnt war, aber wenn es noch ein bißchen Zeit damit gehabt hätte, so wäre es besser gewesen.
Das alles war so ungefähr aus dem Brief zu lesen, einiges davon ergänzte ich auch in meinen Gedanken, denn ich konnte mir ja deutlich vorstellen, wie alles zu Hause zuging. Ich sah sogar das zinnerne Büchschen von der Mutter her, das Luise ineiner Schublade aufbewahrte, und das ihre Extragelder barg. Sie hatte es gewiß oft herausgenommen und die Stücke gezählt, die darin lagen, und hatte dann mit Helene ausgerechnet, was alles zusammen kosten konnte. Nun aber war es leer, und es kam auch so schnell nichts mehr hinein, und das hing mit mir zusammen. Ich ärgerte mich nicht wenig, als ich den Brief las bis zu dieser Stelle, aber ich wußte nicht recht über wen oder was am meisten. Freilich über mich mußte es eigentlich sein, ich war der schuldige Teil, und es half mir nichts, daß Luise mir gar keinen Vorhalt machte, nicht den mindesten. Hätte sie es getan, so hätte sich mein Grimm einigermaßen gegen sie wenden können, denn sie hätte dann unrecht gehabt auf irgend eine Weise. Ich mußte es aber selber tun. Aber wie? Lebte ich etwa in etwas anspruchsvoller als andere junge Leute, die ich kannte, nicht eher im Gegenteil? Und hätte ich nicht studieren können, wenn ich gewollt hätte? Das aber hätte dann noch viel mehr gekostet. Und hatte ich nicht die bestimmte Absicht, später das Rad zu bezahlen? Ich ging um den wahren Kernpunkt der Sache herum, der darin bestand, daß die tüchtigen, liebevollen und guten Schwestern umsonst darnach aussahen, ich möge mein junges Sein und Wesen in etwas mit ihnen teilen, da sie es so unermüdlich nährten und bereicherten mit ihrer Arbeit und Sorge. Vielmehr glaubte ich eine Mahnung zur Dankbarkeit zu verspüren, die mir unleidlich war. Obgleich ich keine Scheu trug, alle Opfer anzunehmen, wollte ich mich doch nicht verpflichtet fühlen, sondern dachte, wenn man dankbar sein müsse, so könne einem schon alles gestohlen werden, und war mir nicht bewußt,daß der Stachel, wider den ich löckte, in meiner eigenen Brust saß, da mich ja sonst niemand angriff. Ich wäre am liebsten auf ein paar Tage heimgefahren, das wäre das einfachste gewesen; doch, begreiflich, gerade das konnte ich nicht tun, denn umgekehrt kostete die Reise auch Geld. Im stillen aber wußte ich: wenn ich gekommen wäre, sie hätten mich dennoch mit Jubel und Jauchzen empfangen, es wäre etwas ganz anderes gewesen.
Als ich den Brief wieder zur Hand nahm, wurde ich inne, daß ich ihn erst zur Hälfte gelesen hatte; es lag ein zweites Blatt dabei, in dem stand geschrieben, daß meine Schwester Helene im Lauf des nächsten oder übernächsten Jahres zu heiraten gedenke, nämlich wenn die Aussteuer beieinander sei. Denn auf Abzahlung wolle sie kein Stück anschaffen. Sie habe einen guten und tüchtigen Verlobten, der ein Schreiner sei und es wohl einmal zum Meister bringen werde. Er sei überaus sparsam und fleißig und fange schon an, in den Abendstunden das eine oder andere Stück für den einstigen Haushalt zu schreinern. Helene bekomme es einmal nicht schlecht; der Bräutigam habe schon gesagt, nach der Hochzeit dürfe sie nicht mehr um Geld nähen, er könne selber eine Frau erhalten, sie müsse dann nur das Haus imstand halten und vielleicht ein Stück Gemüseland, denn er esse gern selbstgepflanzte Bohnen und Erbsen. Freilich, für jetzt nähe sie um so eifriger, sie möchte vier Hände haben, um nur viel fertig zu bringen, denn alles koste Geld, es sei nicht zum Sagen.
Darum wolle auch Luise von jetzt an alles, was mich angehe, allein bestreiten, sie sage es mir im Vertrauen, daß ich mich in allem an sie wenden solle.Helene wolle es nicht, natürlich. Sie sage, es dürfe in nichts anders werden, aber sie werde schon froh sein, wenn ihr Geldlein sich schneller aufrunde, daß der Schatz nicht so gar lang warten müsse. Ich solle mich nichts anfechten lassen, es werde alles recht und gut. Das Bügelgeschäft gehe gut, es sei keine Not. Wenn sie nicht so altväterisch erzogen wäre, so hätte sie die Reise trotz allem gemacht, aber ich wisse ja, wie die Mutter gewesen sei: lieber um und um geflickt, als einen Pfennig Schulden. Von der habe sie es auch, sie könne nichts dafür. Ich solle nur freudig sein in meiner Jugend, es sei gut, daß ich aus dem Engen hinausgekommen sei, sie wollte oft selber auch, sie wäre es. Wenn sie nur wisse, daß es mir gut gehe und daß ich in das Hohe und Feine hineinkomme, so sei es schon recht. Vielleicht wisse ich einmal ein gutes Buch für sie zum Lesen, denn das sei ihre Liebhaberei schon von jeher gewesen, und Sonntags habe sie Zeit dazu. Wenn man doch einen Bruder habe, der mitten in den Büchern sitze, so sei es ja zu machen.
Da war es mir nun leichter und schwerer in einem. Denn Luise war viel zu gut und zu lieb, und man mußte ihr dankbar sein, ob man wollte oder nicht, ja, an ihr hängen von Herzen, so oft sie einem einfiel, was freilich oft lange anstand. Und Helene war Braut und steuerte auf das Frau-Meisterin-sein hin. Aber daneben war da ein Schwager, der ein Schreinergeselle war und von dem ich nichts wußte, als daß er sparsam sei und fleißig. Das war noch lange nichts Besonderes, man konnte daneben unausstehlich sein. Vielleicht hatte er schon einen Pik auf mich, weil ich noch in den Kosten war, was ihn, rund herausgesagt,gar nichts anging. Es war immer so schön gewesen, als die beiden Schwestern miteinander hingelebt hatten und ihnen alles gemeinsam gewesen war. Es kam mich an wie Heimweh, aber nach dem, was sich ändern wollte, nicht nach dem, was neu entstand. Und heimfahren wollte ich jetzt gerade nicht, auch fiel der Brief, den ich schrieb, steif und hölzern aus, weil ich eine Verlegenheit in mir trug. Wenn aber Luise hätte in mir lesen können, was ich eigentlich gern gesagt hätte, sie hätte sich nicht beklagen müssen.
*
Sie beklagte sich auch nicht, sondern im dritten Jahr meiner Lehrzeit, als diese fast zu Ende war, kam sie dennoch angefahren und mit ihr Lotte Meister. Man konnte alles nachholen, was das erstemal gewesen wäre, und besser als damals. Denn ich war mittlerweile ein junger Mann im zweiundzwanzigsten Jahr geworden, der ein sicheres Auftreten hatte und sich in der Gegend auskannte; ich konnte sie herumführen, wo es schön war, und ich konnte ihnen sagen, was sie wissen wollten. Denn sie kamen sich himmelweit von zu Hause vor; es war ein anderes Wasser und andere Berge als bei uns. Die Wälder sahen dunkel in die Stadt herein, aber die Stadt selber war heiter und hell. Doch hatte sie im Innern alte Straßen und Tore, und das Münster war ein Bruder von den unsrigen daheim. Die Leute hatten eine andere Aussprache als bei uns; was vom Land hereinkam, trug eine schöne und ehrenfeste Tracht, und die beiden hatten kein höheres Lob dafür, als daß sie sagten, so habe man es auf der Alb auch, wenigstens nicht viel anders. Sie schauten alles genau und ausführlich an,denn sie mußten nachher davon zehren und daheim davon erzählen können; sie sahen in fünf Tagen mehr als ich in drei Jahren; sie waren ruhigen und gesammelten Gemütes und machten die Tore weit auf, um alles hereinzulassen. Da ging mir selber manches erst auf, als ich es ihnen zeigte, ich wunderte mich, wo ich meine Augen gehabt hatte, aber ich ließ es nicht merken, sondern tat mit allem vertraut. Es waren zwei stattliche, tüchtige Frauenwesen; Lotte war immer noch schön, obgleich das Leben nicht oben über sie hinwegging. Sie hatte ihr kluges und heiteres Gesicht behalten, wenn auch kleine Fältchen dazwischen hinliefen; ihre Zöpfe lagen groß und schwer am Hinterkopf, und daß die Gestalt etwas an Fülle gewonnen hatte, paßte ganz gut zu ihr. Luise hatte ich eigentlich größer in der Erinnerung gehabt, das machte, daß sie ein wenig in die Breite ging, da sah sie kürzer aus. Auch gefiel mir an ihrem Anzug einiges nicht so recht, ich meinte fast, sie sei in der losen, kurzärmeligen Bügelbluse hübscher gewesen als in dem fest anliegenden und verzierten Kleid, das gut und neu und auch modisch war, ich war es nur nicht an ihr gewöhnt, und es schien ihr auch nicht ganz behaglich darin zu sein. Aber wenn sie den Hut abnahm, sah man das glatte blonde Haar um ihr gutes, großes Gesicht herum; sie trug es immer noch in einem Kranz aufgesteckt, und ihre blauen Augen waren so treu; sie brauchte gar nichts zu reden, so wußte man dennoch, wie endlos gut sie es meinte. Aber sie sagte es auch, wenngleich mit andern Worten.
„Sag mir alles, was dich angeht, Ludwig,“ bat sie, „du bist mir doch wichtiger als die ganze Stadt. Wir sind keine Briefschreiber, einmal du nicht; ichverlang's auch nicht, der Mensch kann nicht aus seiner Haut heraus. Aber das weißt du doch, daß wir daheim davon leben, wie dir's geht und was aus dir wird. Und überhaupt. Du bist doch unser Einziges. Darum bin ich doch gekommen, ich hätte ja auch sonstwohin reisen können.“
Das hätte sie aber nicht sagen sollen, denn es drückte mich. Man mußte mir nicht nachlaufen; es würgte mich im Hals, daß sie so liebreich mit mir redete. Geschwister mußten es einander nicht sagen, wenn sie einander gern hatten. Ich hatte sie auch gern, aber ich sagte es nicht, sonst spürte ich das Gegenteil in mir. Alles, nur nicht an der Kette sein, und wäre sie noch so zart und fein gesponnen. Ich schwieg und machte ein störrisches Gesicht. Aber Lotte Meister brach meinen Bock; sie scheute sich nicht, sie hatte noch immer ein Recht an mich gehabt, und sie durfte auch reden, denn sie brachte mir keine Opfer das ganze Jahr hindurch, sie stand frei vor mir und ich vor ihr. Sie nahm mich gehörig her, sie fand eine Gelegenheit unter vier Augen.
„Ludwig, Ludwig,“ sagte sie, „lauf die Welt aus und ein, du findest keine solche Treue mehr. Du hast Hörner aufgesetzt und mußt sie dir verstoßen, denk' an mich; es kann einmal weh tun, wenn du zu dir kommst und merkst, was du dir selber verhunzt hast. Ich seh' dich wie in einem Spiegel, du brauchst gar nichts zu sagen. Du nimmst es den Mädchen übel, daß sie für dich schaffen und daß sie arm und einfach sind; du willst hoch hinaus und willst niemand etwas zu danken haben dabei, und bist dennoch ein Genießer, der sich nichts versagen kann. Ich könnte dir noch vieles sagen, aber du verstehst es nicht, du hast nochScheuleder auf, die müssen dir zuerst herunterfallen, vorher hilft das Reden nichts. Ich meine dir's gut: vergiß nicht, woher du kommen bist, und daß du ein goldenes Kleinödlein daheim hast.“
Zuerst dachte ich patzig: Was habe ich denn getan? Was tu' ich denn Unrechtes? Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es bös ausgefallen. Aber Lotte sah wieder einmal aus wie die Germania auf dem Kriegerdenkmal; ich war ein kleiner Bub ihr gegenüber. Und doch brach dabei ein so heller und wahrhaftiger Strahl aus ihrem Gesicht und Wesen, der klopfte bei mir an, daß ich auftun mußte. Sie wartete auch zum Glück auf keine Antwort, sondern fing an, kleine Dinge von daheim zu erzählen. Daß ihre alte Mutter das Nervenzittern noch verloren habe, es sei wie ein Wunder, sie sei fast wieder jung; daß das lustige Mädchen Hermine seinem Feldwebel angetraut sei, und daß ihre, Lottens, Kinder wie die Tännlein heranwachsen, es sei schade, wenn ich sie nicht sehe, sie seien im nettsten Alter.
„Da sind sie, glaub' ich, schon lang drin,“ sagte ich und lachte. Da lachte sie auch, und als Luise zu uns trat, waren wir in einer Fröhlichkeit, an der sie unverzüglich teilnahm, denn sie spürte freudig, daß ein Riegel aufgegangen sei.
Ich hatte denn auch, angestoßen wie ich war, vieles mitzuteilen, das mir die beiden Getreuen begierig abnahmen; ich hätte noch mehr haben können, es wäre ihnen nicht zu viel gewesen.
Im vorigen Winter hatte ich Kolleg gehört bei einem Geschichtsprofessor. Es war ein Prachtsmensch mit einem silbernen Bart. Man meinte, er sei dabeigewesen, als Napoleon seinen Leuten unter den ägyptischenPyramiden sagte: „Jahrtausende schauen auf euch hernieder.“ Manchmal schloß er die Augen, wenn er redete, und manchmal griff er mit der gespreizten Hand in die Luft, da holte er sein Wissen her, es stand in Fülle um ihn herum. Er kannte mich; er hatte zu Herrn Hagenau gesagt, ich hätte Augen gemacht wie ein hungriger Hund. Wenn er in den Laden kam, sagte er: „Mein lieber Fugeler.“
Literaturvorträge hörte ich auch. Und ich las viel, aber davon war nicht anzufangen; es gehörte zum Beruf und zur allgemeinen Bildung. Man konnte ein Buchhändler sein so oder so, ich hatte aber im Sinn, etwas Rechtes zu erreichen. Ich sprach mit ernsthafter Wichtigkeit, und die beiden Frauen hörten mir mit Andacht zu, Lotte aber mit einem leisen Zweifel, ob man der Sache in allem richtig trauen könne; wenn ja, dann wollte sie mir gern mit Achtung begegnen. Sie hatte mich abgekanzelt, aber sie war ja dennoch froh, wenn etwas Rechtes mit mir los war, denn sie hatte mich gern, und sie gönnte es den Schwestern, wenn sie mit mir zu Ehren kamen.
Luise saß still und freudig dabei. Wenn ihr etwas das Herz regte, so nannte sie den Mutternamen. „Das möchte die Mutter freuen,“ sagte sie, als ich preisgab, man lasse mich im Hause Hagenau etwas gelten und habe mich ersichtlich gern. Auch sei die Kundschaft im Laden mir zugetan. Herr Kasimir hatte vor kurzem gesagt, ich solle nach der Lehrzeit noch ein Jahr im Hause bleiben und dann mich in der Welt umsehen, er wisse mir schon Plätze. Nachher sehe man wieder. Das schwellte mich, ich sah einen gesicherten Weg vor mir, und außerdem tat es meiner jungen Selbstherrlichkeit gut, daß der schweigsame undzugeknöpfte Herr auf einmal anfing, mit mir ins Benehmen zu treten. Er sprach über das und das mit mir, gab mir Briefe zu schreiben und Bücher zu lesen, lobte oder kritisierte, was ich tat und ließ hie und da unverhofft bei Tisch oder sonstwo die Blicke auf mir liegen, als ob ich ihm zu denken gebe.
Ich dachte zufrieden, es seien ihm die Augen über mich aufgegangen und er fange an zu merken, daß er gut mit mir fahre. Auch sei er längst nicht so trocken, wie man von weitem meine, sondern ein feiner und zurückhaltender Mensch, der sich seine Leute zuerst ansehe, ehe er sich mit ihnen gemein mache.
Das alles ließ ich vor den beiden spielen, fing aber unversehens einen Augenwink von Lotte Meister auf, der sagte: Ach du, ich seh' dich ja durch und durch, mach' mir nichts weis. Es lag ein bißchen gutmütiger Spott darin bei aller Freundschaft, das stach und streichelte mich zu gleicher Zeit.
Luise aber sah in die Zukunft hinein wie in einen goldenen Becher, denn ich kam immer mehr aus ihren Sorgen, und man sah, daß kein Grund vorhanden war, über mich zu kümmern, denn ich wurde recht, man konnte mich ruhig laufen lassen. Sie war es nicht gewöhnt, sorgenfrei zu sein, sie hatte seinerzeit von der Mutter ein Bündel übernommen und es bis hieher getragen, nun lachte etwas im Grund ihres Herzens: es ist dann nicht so, daß ich nicht auch lustig sein kann, wenn die Zeiten darnach sind. Nur her mit den guten Zeiten, ich habe schon lang auf sie gewartet. Sie fing an auszuladen, was sie von daheim wußte.
Helene wäre gern mitgekommen, aber es mußte ihr ums Geld sein. Der Schwager Schreiner hattegroße Rosinen im Sack; nämlich es war eine Schreinerei feil, ein altes Lottergestell von einem Haus freilich, aber nicht teuer und mit einer Kundschaft darauf, die nicht zu verachten war. Sie wollten noch ein Jahr mit der Hochzeit warten und zusammenlegen, was jedes verdiente, dann war dem schweren Anfang schon etwas abgebrochen. Vielleicht zog Luise mit und mietete den unteren Stock für ihre Bügelei, es half den Schreinersleuten auf, man konnte gemeinsame Haushaltung machen und beisammen bleiben. Sie zog ein Bild des Brautpaars aus dem Ledertäschchen, das sie am Arm trug. Helene war schmal und fein und hatte ein zartes Gesicht mit einem lieben, aber etwas müden Ausdruck. Das sei immer so bei den Bräuten, die lange warten müssen, erklärte Luise, es sei begreiflich und habe gute Gründe. Sie sei aber gesund und munter, nur schaffe sie zu viel; es sei gut, wenn das später anders komme. Im Haus herum schaffen sei gesünder als das ewige Sitzen bis spät in die Nacht hinein.
Der Schreiner stand hinter ihr mit gezwirbeltem Schnurrbart und mit Besitzermiene. Ich konnte ihn nicht leiden, seit ich von seinem Vorhandensein wußte, und als ich ihn sah, noch weniger. Es ging etwas Feindliches von ihm aus, das aber mich allein anging, sonst mochte er ein guter Kerl sein, und er war auch ansehnlich von Gestalt und stand stramm und aufrecht da wie ein Feldwebel in Zivil. Ich durfte nicht sagen, was mir durch den Kopf ging, es war aber oft so bei mir.
Luise sagte noch zu seiner Empfehlung, daß er Zither spiele und nie ins Wirtshaus gehe und auch nicht rauche. Da war mir eines so verhaßt wie dasandere, denn man sah an allem, daß er ein Leimsieder war und sich etwas darauf einbildete, daß er sparsam und fleißig sei. Mit solchen Leuten maß ich mich von vornherein nicht, denn es gab höhere Eigenschaften, man sprach aber nicht davon.
Es lauerte in der Zukunft eine unangenehme Begegnung mit ihm auf mich, das spürte ich sogleich, aber ich ließ mir nichts gefallen und sah schon dem Bild kalt in die Augen. Helene aber nahm ich aus; sie tat mir leid, weil sie dazwischen stehen mußte, es war aber so der Lauf der Welt.
Von dem allem wußte Luise nichts. Sie war voller Lobpreis über eine Begegnung mit Fräulein Brigitte, die sie soeben gehabt hatte. „Sie wär's allein schon wert, daß man hierher reiste, so gibt's nicht viele Leute. Du hast nie geschrieben, wie sie ist, Ludwig. Wie eine Schwester mit unsereinem, oder wie eine Mutter. Auf hundert Schritt sieht man, was das für ein Mensch ist, lauter Güte bis auf den Grund. Man sagt sonst den Krummen nichts Gutes nach. Je krümmer, desto schlimmer, heißt's im Sprichwort. Aber die ist über ihren Berg hinübergestiegen, mag sie's gemacht haben, wie sie will, es mag nicht leicht gewesen sein.“
Da ließ ich meine Wissenschaft auffahren, die ich von dem Zeitler hatte; denn es sollte niemand meinen, daß man mir erst den Star stechen müsse, was Fräulein Brigitte betraf. Man konnte nicht alles heimschreiben, es war besser, auch noch etwas zum Reden aufzuheben, und ich kannte sie genauer als die meisten Menschen, ich hatte es aber seither für mich behalten.
Lotte Meister saß dabei und dachte sich ihr Teil,man konnte es ihr ansehen, sie hatte nichts zu verstecken in ihrem offenen Gesicht. Sie wußte auch, wie es war, wenn man über Berge hinübersteigen muß, sie hatte es erlebt. Und sie dachte, für mich könne es vielleicht noch kommen, bis jetzt wisse ich alles nur vom Hörensagen. Aber sie hatte es doch anders als Fräulein Brigitte. Denn diese mußte ihre Last lebenslänglich mit sich herumtragen, aber Lotte war aus der Trübsal hervorgegangen wie aus einem Bad: gesund an Leib und Seele, stark und aufrecht wie ein Baum, und war eine Kindermutter, während die andere mit leeren Händen im Leben stand und nur einen geheimnisvollen Schatz mit sich herumtrug, dessen Widerschein aus ihren Augen glänzte.
*
Als ich meine beiden Besucherinnen nun an die Bahn geleitete, stand ich mit zufriedenen Sinnen bei ihnen, weil sie einen so guten Eindruck von mir hinwegnahmen. Ich sah sie schon heimkommen, ihre kleinen Geschenke austeilen, die sie hier am Orte mit Bedacht ausgewählt hatten, die Reisekleider versorgen und in die alltäglichen schlüpfen, und hörte sie erzählen, wie schön die Gegend und die Stadt sei, in der ich lebe, wie ich bei rechten und guten Leuten sei, die mich gern hätten und etwas auf mich hielten, wie ich als einziger Junger unter lauter älteren Herren mich munter und als einer, der sich zu regen wisse, bewege, und so mehr, was ich mir alles in Gedanken zugute schrieb. Ja, jeden schönen Platz, den ich ihnen gezeigt, die Aussicht, die wir vom Berge herab auf das Flußtal, auf die Stadt mit ihren vielen Türmen und das von leichtem Dunst umwallte Gebirge gehabt hatten, die Fröhlichkeit, in der wir beisammengewesen waren, sah ich als eine Art Gastgeschenk an, das sie von mir empfangen hatten, und ich fühlte mich reich und froh, daß alles gut ausgefallen war, so daß ich mit gehobenem Mut von einer zur andern schaute. Denn ich mochte gern in gutem Andenken zurückbleiben, aber mitzufahren verlangte es mich nicht, wir hatten doch verschiedene Arten, zu leben. Da, als wir so standen und auf den Zug warteten, kam auf einmal der Zeitler gegangen, wie ich nach Herthas Beispiel den Oberaufseher des Friedhofs nannte. Er ging mit einem kurzen Gruß vorüber, kehrte aber noch einmal um, da ihm, wie er sagte, noch rechtzeitig eingefallen sei, daß dies die Meinigen sein werden, von deren baldiger Ankunft ich ihm schon erzählt hatte. Denn jener abendliche Besuch mit Hertha war nicht der einzige geblieben, den ich ihm machte inmitten seiner stillen Gesellschaft. Ich hatte ihn aber immer nur in der losen Joppe mit Hirschhornknöpfen gesehen, die er im Dienst trug, und in der Mütze mit dem Abzeichen seines Berufs, nun trug er, da er eine kleine Reise vorhatte, einen dunklen Anzug nach feinem, aber älterem Zuschnitt und einen weichen, breitrandigen Filzhut und sah sehr verändert aus, so daß ich ihn erstaunt betrachtete. Zum Staunen war es mir aber auch, mit welch ritterlicher und herzlicher Höflichkeit er die beiden Frauen begrüßte und mit ihnen redete ein paar Minuten lang, so daß diese ganz erwärmt zurückblieben und sich wunderten, was das für ein Freund von mir sei, denn als einen solchen gab ich ihn in der Geschwindigkeit aus.
Als der Zeitler weggegangen war, sagte Luise zu Lotte Meister: „Es ist schade, daß der Ludwiges sich nicht mehr denken kann: der Mann sieht doch ganz und gar dem alten Stadtpfarrer Möbius gleich.“ Und sie erzählte eine Geschichte davon, daß dieser heimatliche Geistliche, den man im Gegensatz zu jüngeren Kollegen nur den alten Herrn genannt habe, als letzte Amtshandlung meine Taufe und zwar am Bett meines kranken Vaters vorgenommen habe. Als nun der geistliche Herr mit den netzenden Fingern meine kleine Stirn berührt habe, sei es ihm aufgefallen, wie ich ihn mit großen, offenen Augen betrachtet und plötzlich das Gesicht zu einem Lächeln verzogen habe. Er sei, dies ansehend, leicht erblaßt, wie einer, der eine Erschütterung im Innern verspürt und habe nach einer fast unmerklichen Pause seine Amtshandlung fortgesetzt, aber nachher zu meiner Mutter gesagt, die mich im Arm hielt, es sei ihm gewesen, wie wenn ich kleines Seelchen eine Botschaft an ihn hätte aus dem Lande, von dem ich herkomme. Das habe ja aber freilich jedes Kind, wenn man recht in die unschuldige Tiefe seiner Augen zu versinken wisse, indessen sei es ihm heute besonders aufgefallen. Meine Mutter habe zu diesem nicht recht etwas zu sagen gewußt; der alte Herr sei aber am Abend desselben Tages an einem Schlaganfall gestorben und habe es also wohl schon vorher in sich gehabt. Ich tat nicht viel dergleichen, als ob mich die Geschichte aus meiner frühesten Kindheit interessiere, im stillen aber war es mir, als habe ich noch eine Erinnerung an das alte Gesicht, das sich über mich geneigt habe, und es fiel mir wieder ein, wie es mir mit dem Zeitler beim ersten Sehen gegangen war. Doch konnte das ja freilich nicht sein, wie ich mir sagte, da ja die menschliche Erinnerung so weit nicht zurückreicht. Ichblieb aber doch in wunderlich aufgerührter Stimmung stehen, und sah mich, als ich allein durch die Straßen ging, als kleines Kindlein auf dem Arm meiner Mutter liegen und dem alten Herrn mit großen Augen entgegenlächeln. Was für eine Botschaft konnte er aber empfangen, und was konnte ich neugeborenes Wesen ihm zu sagen gehabt haben? Aus welchem Lande war ich gekommen? Doch aus dem Leibe meiner Mutter, die mich zärtlich und traulich bei sich gehabt hatte, bis ich groß genug war, um ein eigenes Leben zu führen?
Es überlief mich eine weiche und dunkle Woge, als ich so meines Ursprungs gedachte, den der alte Herr mit ahnendem Sinn noch von weiter her geleitet hatte. Vielleicht hatte er eine Stimme vernommen, die zu den Alten und Jungen sprach: „Kommet wieder, Menschenkinder,“ und die ihn nun beim Namen rief. Ich wußte es nicht und besann mich auch nicht weiter darüber, da ich ja, fern vom Anfang und vom Ende, mitten im Leben stand, aber ich spürte den Zusammenhang mit beiden auf eine kurze Weile, wie wohl ein Wanderer, der an einer Brunnenstube vorbeikommt, sein Ohr einen Augenblick an die Tür legt und die unterirdischen Wasser brausen hört, dann aber wieder weiter geht, weil genug fröhliche Bäche am Tageslicht springen.
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Wenn ich gerade einen derartigen Vergleich brauchen will, so war das Blumenmädchen Hertha ein solches Bächlein, das über allerlei Steine hinrieselte seinem freudigen Lebensgesetz nach und mit klarem Wasser, soviel auch Gelegenheit zur Trübung um denWeg gewesen wäre. Was mich betrifft, so war ich nicht schuldig, daß das hübsche und gute Mädchen so herzlich und traulich wie ein Nachbarskind mit mir verkehrte. Denn ich hätte es wohl nicht schwer genommen, eine Liebelei mit ihr anzufangen, da ja andere auch dergleichen taten und sie mir wohlgefiel in ihrer unverstellten und heiteren Natürlichkeit. Ich machte ein paarmal Abendspaziergänge mit ihr, wenn ich nichts anderes vorhatte und es mich darnach gelüstete. Sie konnte tun, was sie wollte, denn sie stand allein in der Stadt und hatte niemand, der auf sie achtete, wenn es nicht in gewissem Sinn der Zeitler tat. Sie tat es aber selbst, und das war es, was mich wunderlich an sie knüpfte. Es war an einem Frühlingsabend gewesen. Wir hatten uns ausruhend auf eine Bank gesetzt, und das Mädchen hatte begonnen, mit halber Stimme ein Volksliedchen zu singen. Da war es mich, als ich ihre schlanke Gestalt und ihr helles, hübsches Gesicht so neben mir sah, angekommen, ein wenig zärtlich mit ihr zu sein, und ich fing an, da ich keine Übung darin hatte, halb zutäppisch und halb verlegen mit den Löckchen an ihrem Nacken zu spielen. Sie litt es auch schweigend und wie in einem kleinen Wohlsein, aber als ich dadurch ermutigt, den ganzen Kopf zu mir herüberbiegen wollte, sah sie mir ernsthaft in die Augen und sagte: „Nein, das mußt du nicht tun, Ludwig. Sieh', ich will dir etwas sagen, das habe ich schon lang im Sinn. Ich könnte dein Schatz sein, das wäre leicht zu machen, denn man kann etwas mit dir anfangen, du bist leicht zu bewegen. Aber ich will es doch nicht sein. Ich habe mir vorgenommen, daß ich einen Schatz haben will, der mich heiratet, und ein solcherbist du nicht. Du nimmst eine Feine und Vornehme, ich weiß es für sicher, und wenn es eine Rechte ist und die gut zu dir paßt, so ist es mir auch recht. Ich hab' dich gern, ich muß es grad sagen, von allem Anfang an, seit ich dich gesehen habe. Ich kenne dich auch gut, denn du bist leicht zu kennen, und ich bin nicht dumm. Du kommst von einfachen Leuten her, das hast du noch an dir, du mußt nicht meinen, du müssest es verstecken, ein mancher wär' froh, er wäre her wo du bist. Gescheit bist du auch und hast viel gelernt und lernst immer noch mehr dazu. Du wirst ein Herr und vergissest mich, und das muß alles so sein. Aber wenn wir jetzt mit Küssen und Lieben eine schöne Zeit hätten, so ließe ich dich nicht mehr leicht fahren. Ach Gott, so ist es vielleicht meiner Mutter gegangen. Vielleicht hat sie einen schönen und feinen Schatz gehabt und hat nicht mehr aufhören können. Ich habe oft dran denken müssen. Ich muß oft die Leute ansehen, ob nicht vielleicht mein Vater unter ihnen herumlaufe, der schönste und nobelste könnte es sein. Ich bin ein armes Kind, es nimmt mich wunder, daß ich so recht geworden bin, es dünkt mich, ich habe selber Respekt vor mir.“
Aber als sie das gesagt hatte, liefen ihr auf einmal die Tränen übers Gesicht. Sie wischte sie aber mit den Händen weg und schlenkerte die Tropfen von sich, es kam gleich wieder ein Lachen hintendrein.
Ich aber saß dabei und hätte sie gern in den Arm genommen und geküßt, sie war mir noch viel lieber als vorher, denn da war es nur eine Spielerei gewesen, jetzt aber dünkte sie mich auf einmal etwas Köstliches zu sein, hold und zärtlich und wie vom Himmel gefallen. Aber ich durfte sie mit keinemFinger anrühren, sie war um und um zu respektieren. Und einiges stach mich aber auch an ihrer Rede, denn sie tat, als wisse sie in allem von mir Bescheid und könne über mich hinweg beschließen, was mit mir sei, ich konnte aber nichts darauf entgegnen, sie hatte das Oberwasser in unsrer ganzen Sache. Da streckte sie mir auf einmal die Hand her und sagte: „Wir wollen gut Kamerad miteinander sein, so lang wir können. Vielleicht heirate ich einmal einen Gärtner; er führe gut mit mir, denn ich könnte ihm das Geschäft in die Höhe bringen, ich verstehe meine Sache. Ich habe mir's vorgenommen, ein rechter Mann soll es gut haben bei mir, ich wollte, ich hätte ihn schon. Der Zeitler hat gut reden vom Ledigsein, für mich ist es nichts. Ich muß Kinder haben und einen Mann. Dann, wenn ich eine Gärtnersfrau bin, kaufst du einen Rosenstock bei mir für deine Frau Liebste. Du kannst es ihr kecklich sagen, daß du mich schon ledig gekannt habest; es ist keine Schande. Du kannst es aber auch bleiben lassen, kurz und gut. Ich wollte, du wärest selber der Gärtner, das müßte ein Leben sein. Aber du bist es nicht, das ist aus und vorbei; du solltest mein Bruder sein, das wäre das beste.“
Als sie das gesagt hatte, gab sie mir plötzlich einen Kuß und stand auf, weil es anfing, dunkel zu werden. Ich hätte ihr gern auch einen oder etliche gegeben, aber im währenden Reden war es mir klar geworden, daß sie recht habe und daß ich es nicht dürfe. Sie durfte es wohl, es war ein- für allemal gewesen, das spürte ich.
Wir gingen schnell bis in die Stadt, da trennten wir uns. Dann gingen wir vier Wochen lang nicht mehr spazieren.
Aber das lag nun eine Zeitlang zurück, und jetzt waren wir im Zug miteinander wie gute alte Bekannte. Manchmal sahen wir uns oft und manchmal selten, aber wenn es geschah, dann war es immer so, daß mich eine Lust nach der Traulichkeit und Einfachheit meiner Kinderheimat anwandelte, von der ich auch bei dem guten Mädchen etwas fand, wenngleich sich in ihre lautere Fröhlichkeit manchmal ein wenig Wehmut mischte, die ich hinnahm, ohne ihrem Grund nachzufragen.
Hertha sagte, als sie meine Schwester gesehen hatte: „Jetzt weiß ich erst, was mir fehlt von klein auf. Ich möchte von deiner Mutter träumen heute nacht. Sie müßte mich zum Kind annehmen und Luise müßte meine Schwester sein. Wenn ich mir's nur getraut hätte, ich hätte ihr einen Kuß gegeben oder einen Blumenstrauß. Ach Gott, es gibt Menschen, die wachsen in einem Paradiesgärtlein auf und wissen's nicht; mich hat meine Mutter auf einen Steinhaufen gesetzt: Da wachse daher, wenn du kannst.“
Dabei sah sie mich zornig und zärtlich an, aber die Zärtlichkeit galt nicht mir, sondern meiner Jugendheimat. Einmal erfuhr ich, daß Herthas Mutter vom Lande gewesen und noch jung, nachdem sie das Kind irgendwo in Pflege gegeben habe, in einer großen Stadt an einer Zehrkrankheit gestorben sei. Da ging nun vielleicht in dem lieben Mädchen eine rechtschaffene bäuerliche Urahne um, die pflanzen und schaffen und in Ehren sein wollte, und aber auch ein Großvater, der Freude am Schönen und Ernsten gehabt hatte, eine Mutter voller Lebensdrang und ein Vater von leichtsinnig spielerischer Anmut. Sie hatte von allen das beste bekommen, und es blühte ausihr heraus zum Zeichen, daß die Natur Wunder genug hat, und wenn sie will, einen Dornbusch in der Wildnis mit tausend Blüten bedecken, einen Rosenstock im Garten aber kränkeln lassen kann.
*
Herr Kasimir hatte seit einiger Zeit etwas Munteres und Aufgewachtes an sich, das ihn plötzlich viel jünger erscheinen ließ als sonst. Er schaffte sich einen Hund an, mit dem er weite Spaziergänge machte und mit dem er sich zuweilen eifrig unterhielt. Er gewöhnte das Tier durch Pfeifen und Locken, Befehle und Zurufe an sich, brachte es aber nicht so weit, daß es ihn unbedingt als Herrn respektierte, was ihm manchen Ärger bereitete. Es war ein ungewöhnlich schöner Spätsommer, und jedermann suchte ihn zu genießen, so gut er konnte, Herr Kasimir aber flog aus wie ein Falter, der eine Ahnung hat, daß seine Zeit kurz ist. Er kam zu allerlei Zeiten durch den Laden gegangen mit straffen Schritten, seinen hellen Panamahut auf dem Kopf und den Hund hinter sich drein. Dann hörte man ihn eilig die Straße hinuntergehen, irgendwohin ins Freie. Es gab ein Sommertheater, und es gab Gartenkonzerte, und als die Trauben reiften, gab es Herbstfeste und Suserfahrten an den Kaiserstuhl und ins Markgräfler Land. Und überall war mein Herr Kasimir dabei, ich hatte ihn entweder noch nie gekannt, oder ich kannte ihn jetzt nicht mehr. Mit mir war er in einer neuen Art vertraut, nicht mehr so väterlich oder gönnerhaft wie die Zeit vorher, sondern fast kameradschaftlich munter; er klopfte mir etwa auf die Achsel oder blinzelte mir vergnügt und pfiffig zu, als ob er sagen wollte: „Ja, nicht wahr, wir Jungen, wirschaffen es schon,“ oder dergleichen. Ich wußte nicht recht, was ich mit dieser seiner neuen Natur anfangen sollte; er führte vielleicht etwas Besonderes mit mir im Schilde, oder er war im Schlaf gelegen seither und hatte jetzt plötzlich die Augen aufgemacht, denn das schöne Wetter allein konnte den Umschwung nicht vollbringen.
Da hörte ich eines Tages einen der Gehilfen zum Buchhalter sagen: „Es hat ihn wieder einmal,“ und als ich die Ohren spitzte, erfuhr ich, daß der trockene und scheinbar ausgemergelte Herr von einer Liebesflamme entzündet sei, wie ihm das in längeren Zeiträumen regelmäßig widerfahre, und die allemal so lange brenne, bis der mäßige Vorrat an Lebensöl in ihm erschöpft sei. Dann sinke der angekohlte Docht in seine vorige Trockenheit zusammen, und Herr Kasimir sei wieder der nüchterne und übrigens gescheite und tüchtige Geschäftsmann, als den man ihn im allgemeinen kenne.
Sie wußten nicht, daß ich, im Nebenraum auf einer hohen Leiter stehend, ihr Gespräch mitanhörte, und setzten es fort, indem sie über sein Benehmen gegen mich sich aufhielten. Man merke schon, wo es hinaus wolle, es sei nicht das erstemal, daß er einen jungen Fant heranziehe, der dann entweder mißrate oder ihm sonst durch die Latten gehe. Mit mir nun sei es ein Getue, als ob er mich selbst erzeugt hätte, was freilich dem Alten passen könnte, der es ja soweit nicht gebracht habe. Ausgeschlossen sei es nicht, daß ich mich dauernd ins Haus schlachten lasse, denn ich sei eitel und ein Streber und dazu arm, es könnte mir passen, mich eines Tages in eine Goldgrube, und die dazu ein vornehmes Ansehen genieße, hineinzusetzen.Man sei aber dann auch noch da, und so weiter. Ich hörte begierig zu mit wechselnden Gefühlen, bis mir unversehens ein Buch aus der Hand fiel und sein Gepolter die beiden schwatzenden Hausgeister erschreckt verstummen ließ, was ich ihnen gönnen mochte. Ich ließ sie aber im Zweifel, ob ich etwas gehört habe, und fuhr in meiner Arbeit des Einordnens einer Sendung fort, freilich nur zum Schein, denn es ging mir genug Neues durch den Kopf, und ich hatte nur zu tun, es alles an seinen Platz zu stellen. Es war aber bald geschehen, denn ich hatte Übung in Zukunftsplänen, und als es Zeit zum Essen war, stieg ich die Treppe zum oberen Stock empor als der zukünftige Inhaber der Firma; es mußte mir aber einiges umgebaut und verschönert werden an dem alten Hause, schon meiner Frau zulieb, die es prächtig gewöhnt war.
Herrn Kasimir sah ich mit neugierigen Augen an, wie ich ihm am Tisch gegenübersaß. Man konnte ihm ein Vergnügen gönnen, das ohnehin kurz währte, da der Gegenstand seines späten Feuers nur für einige Wochen in der Stadt war und bald wieder in die Pfalz reiste, woher sie, eine lustige und feurige Dame in mittleren Jahren, auf Besuch gekommen war. Dann mußte er wieder bescheiden zurücktreten und anderen Platz machen, die jung und mit allen Lebensrechten neben ihm daherwuchsen, und eigentlich konnte er einem leid tun. Fräulein Brigitte saß in ihrer schönen, gelassenen Würde da und war ihm weit über, er aber griff nach geschehener Sättigung nach dem Hut und flog auf, und das setzte er noch eine Zeit hindurch fort. Ich sah ihn an einem abendlichen Gartenfest, an dem ich auch teilnahm, mit derüppigen und heiteren Pfälzerin tanzen und nachher mit ihr an dem Waldsee, an dessen Ufer das Fest gefeiert wurde, sich ergehen. Da lachte er laut und sprach lebhaft und mit überglänztem Gesicht, und mir fiel des Zeitlers Erzählung von der jungverstorbenen Mutter Hagenau ein, und ich dachte, es sei doch auch ein kleiner Spritzer von ihrem Lebenssaft in den Sohn gefahren, der sich nur freilich zur Unzeit bemerklich mache und auch nicht lang vorhalte.
Letzteres war bald zu erleben. Als der Herbst die bunten Farben, die er angezündet hatte und das freudige Leben in der Natur wieder auslöschte, und im Flußtal die Nebel geisterten, saß Herr Kasimir wieder am Abend in seiner Ecke und hörte seine Schwester Klavier spielen, oder er las die Zeitung oder pflog mit älteren Herren politische Gespräche und war in allem ein Haupt, vor dem man aufstand. Was in ihm umging, sah man nicht, denn er hatte sein Gesicht wieder zugeknöpft. Manchmal tat er einen kleinen Seufzer und sagte: „Ach ja,“ oder er lächelte in sich hinein und wiegte den Kopf dazu. Der Hund lag am Ofen und schlief, und nur manchmal tat er einen kurzen Blaff, oder er fuhr empor und warf mit leichtsinniger Gebärde das linke Schlappohr zurück, und die alte Magd Salome, die um ihn herumsteigen mußte, sagte: „Es träumt ihm.“ Doch sagte sie nicht, ob sie den Herrn oder den Hund meinte, es hätte je nachdem beiden gelten können, denn sie sahen ein jeder seinen Sommerfreuden nach. Ich aber rüstete mich, in die Welt hinauszugehen.
Es war eine Stelle in einer großen Buchhandlung einer mitteldeutschen Stadt für mich ausgemacht, zu der Herr Kasimir alte Beziehungen hatte. Alles wargeebnet und gebahnt für mich, wie es von jeher immer gewesen war, und ich weiß nicht, soll ich das Leben darum anklagen oder soll ich ihm dafür danken. Es wird wohl alles so gewesen sein, wie es mußte, und es war mein Schicksal, das ich in mir selber trug, wie ein Nachtwandler meinem unerhellten, selbstsüchtigen Ich nachzugehen, das mich auf breiten Straßen zu Schuld und schweren Lasten gelangen ließ. Vielleicht hätte mich eine arme, sehnliche Jugend früher aufgeweckt, dem Schläfer gleich, den unter dünner Decke schaudert und der erwacht, weil der kalte Wind durch seine Dachkammer streicht. Ich bin erst spät erwacht.
*
Fräulein Brigitte war in den letzten Wochen öfters krank gewesen, was neu an ihr war oder mir wenigstens schien, denn sie war sonst immer dagewesen, freundlich und voller Teilnahme an allem und auch an mir. Nun fehlte sie hie und da am Tisch, und ich hörte, daß sie an einer Krankheit leide, die ihre Kräfte unwiderruflich nach und nach verzehre. Herr Kasimir saß dann in einer halb verlegenen Bekümmernis mir gegenüber, sprach nicht oder raffte sich nur hie und da zu irgendeiner Bemerkung auf, an die er gleich nachher nicht mehr dachte, und es war ein bedrücktes Beisammensein. Wenn aber Fräulein Brigitte dann nach Tagen wieder im Wohnzimmer erschien, so fand ich, sie sehe aus wie sonst und dachte, es werde nicht so schlimm sein, wie die Leute meinten; es schien mir dann wieder alles in Ordnung zu sein, denn sie gehörte ohne Frage in die altbekannten Räume, und wenn sie da war, fehlte nichts. Doch häuften sich die Fälle,in denen sie zurückgezogen leben mußte, und mein Reisetag kam heran, als eben wieder eine schmerzenvolle Nacht auf einen üblen Tag gefolgt war. Ich saß am Frühstückstisch und wartete auf Herrn Kasimir, als er hereinkam und sagte: „Meine Schwester läßt Sie bitten, noch in ihr Schlafzimmer zu kommen; es geht ihr nicht gut, und sie kann Ihnen auf keine andere Weise Lebewohl sagen.“ Ich ging mit einigem Herzklopfen hinüber und betrat einen lichten Raum, in dem ich noch nie gewesen war, und der mir plötzlich alles Leben des Hauses zu umfassen schien. Es war, als ob hier die Quelle sei, von der aus die andern Räume irgendwie gespeist würden und ohne die alles öde und leer wäre. Fräulein Brigitte saß, von vielen Kissen gestützt, im Bett. Ihr Gesicht war blaß und trug die Spuren überstandener Schmerzen, und mehr noch taten das die Hände, die schmal und weiß auf der Decke lagen und hie und da leise zuckten. Aber etwas an ihr deuchte mich schöner als je zu sein, ich mußte sie verstohlen betrachten, während ich ihr gegenüber saß. Das Verwachsene ihrer Gestalt war nicht so sichtbar wie sonst, denn sie war um und um eingehüllt in ein großes Tuch von weicher, mattweißer Seide, und der Kopf ruhte in flaumigen Kissen wie eine müde Blume. Aber das war es nicht allein, was mir auffiel; es war vielmehr ein triumphierendes Leuchten in den großen glänzenden Augen und ein Lächeln um den feinen Mund, zu was beidem sie nach meiner Meinung weniger als je Veranlassung gehabt hätte.
„Wir sagen uns nun Lebewohl,“ sagte die Kranke, „und es wird auf immer sein. Sie kommen wieder,mein Bruder hofft es, aber dann bin ich nicht mehr da.“ Sie sagte es mit einer gelassenen und fast heiteren Freundlichkeit, so etwa, als ob sie von einer Reise oder längeren Ortsveränderung spräche, die sie vorhabe, und als ich eine erschreckte Bewegung machte, hob sie eine der weißen Hände wie abwehrend und ließ sie müde wieder fallen. Dabei lächelte sie mich gut und bekannt an.
„Sie müssen nicht erschrecken,“ sagte sie. „Ich weiß, daß meine Zeit herankommt, das ist ja gut. Wenn Sie nicht fortgingen, würde ich es nicht sagen. So darf ich es wohl.“ Sie machte eine Pause, als sinne sie vor sich hin, dann fuhr sie fort: „Es ist nicht so, daß ich lebensmüde wäre, das müssen Sie nicht meinen. Ich habe das Leben lieb, es ist eine große und köstliche Sache, und weil ich seine Schönheit habe hart erstreiten müssen, drum liebe ich es um so mehr.“
Ich fühlte, wie mir eine dunkle Röte bis unter die Haare stieg. Denn ich glaubte mich von ihr durchschaut in meinem Herumspüren an ihrem Wesen und Schicksal, und es durchfuhr mich heiß, daß sie so königlich vor mir war, als eine Unüberwundene, die mich aus freiem Willen zu sich hineinsehen ließ. Sie hatte niemals von sich geredet, nun tat sie es, und es war der Abschied.
„Ich habe einen langen und harten Krieg hinter mir,“ sagte sie, „davon könnten diese Wände reden; draußen brauchte es niemand zu sehen. Aber ich gäbe keinen von allen meinen Schmerzen her; ich habe sie wohl alle gebraucht, und nun sie weit dahinten liegen, bin ich froh und reich. Ich bliebegern noch hier. Ich habe immer versucht, ganz im Jetzt und im Tag zu leben und nicht an dem herumzuspüren, was nachher käme. Das reut mich nicht. Ich glaube, daß wir uns auf das nächste Stadium, das etwa unser harrt, am besten vorbereiten, indem wir das jetzige ganz erleben. Wir brauchen auch alle Kräfte dazu. Aber jetzt höre ich die fernen Ströme der jenseitigen Welt brausen und weiß, daß sie mich davontragen werden auf ihren Wellen. Da will ich es nun lieber freiwillig tun, ehe mich die Sinne und Gedanken verlassen, nämlich mein Leben hingeben als etwas Kostbares, ja das einzige, was ich besitze, und mit mir geschehen lassen, was da wolle.“
Als sie das sagte, stand eine so große, ja heldenmütige Tapferkeit in ihrem Gesicht geschrieben und ein so freier und harter Wille, sich in das Sterben zu schicken, daß mich ein unsägliches Staunen überkam. Denn es war, als ob eine Königin aus Glanz und Glück und im vollen Reichtum aller Kräfte davongerufen werde und sich dazu hergebe, Kronen und Kleinodien auf den Altar niederzulegen, da doch ein mühseliges und entbehrungsreiches Leben sich dem Ende zuneigte.
Ich hatte dergleichen noch nie gesehen und konnte kein Wort sagen; es war ein Sturm von Verehrung und auch von Not und Schmerz in mir. Denn ich merkte in diesem letzten Augenblick, wieviel ich hier zurücklasse, da ich doch gemeint hatte, als ein Freier, und dem das Glück hold war, in die Welt hinauszuziehen. Ich konnte wiederkommen, wenn ich wollte, ich konnte aber auch draußen finden, was mich nach meinem eigenen Willen hielt und band. Bis jetzt war mir der Himmel voller Geigen gehangen,und nun auf einmal sauste es mir in den Ohren: Bleib da, geh' nicht, denn es geht hier Großes, ja Unermeßliches vor, wie magst du dem entrinnen, und was ist draußen so wichtiges wie das?
Ich ließ, um meine Verlegenheit zu verbergen, meine Augen an den Wänden hingehen und sah, obgleich sie von verhaltenen Tränen erfüllt waren, die Umgebung an, in der die Pflanze aufgeblüht war, die vor dem Welken so starken Glanz und Duft verbreitete.
Es hing ein schöner Stich des Ecce-Homo von Carlo Dolce zu Häupten des Bettes und an der Längsseite ein Holzschnitt nach Albrecht Dürers Ritter, Tod und Teufel. Der Ritter zog seine Straße ohne Wanken und ließ einen, wie mir schien, spöttischen Blick nach den Ungeheuern hinlaufen, die ihm den Weg abschneiden wollten, aber unter ihm hing ein unsäglich liebliches Bildchen in Wasserfarben: Eine schöne, junge Frau mit einem jährigen Kind auf dem Schoß, das sie zärtlich umfaßt hielt und auf dessen weiches Rundgesichtlein ihre Augen mit warmem Glanz niedersahen. Das mußte wohl die Mutter sein, die nach des Zeitlers Erzählung noch im Tode die Augen nicht hatte von ihren Kindern abwenden können, was ich auf einmal wohl begriff.
Auf der weißen Decke lag ein schmales Lesezeichen, das wohl einem der wenigen, vielgelesenen Bücher entfallen war, die bequem erreichbar auf einem hängenden Ebenholzgestell lagen. Es trug in Lapidarschrift von purpurroter Farbe die Inschrift: Ich, die aber von den liegenden Balken eines schwerfälligen Kreuzes ausgestrichen war. Als Fräulein Brigitte sah,daß meine Augen darauf lagen, machte sie eine Handbewegung, als wollte sie es wegnehmen, denn es hatte wohl noch nie ein fremder Blick auf der kleinen Malerei geruht, die vielleicht viel bedeutete in ihrem Leben, aber sie ließ das Bildchen dann doch liegen, als verlohne es sich nicht mehr, etwas zu verstecken. Mochte ich doch ruhig ihre Waffenkammer betrachten und die Schilder und Schwerter, die ihr geholfen hatten, den Riesen zu erschlagen, da ja nun der Sieg erfochten war. So kam es mir vor, und plötzlich sah ich einen ihrer leuchtenden Blicke auf mir liegen und das geheimnisvoll triumphierende Lächeln wieder um ihren Mund spielen. Sie suchte nach einem Wort, das ihr auf die Lippen treten wollte, als der Arzt ins Zimmer trat und ich, widerstrebend genug, gehen mußte nach einem kurzen Lebewohl, das, wie ich wußte, eins für immer war. Es wäre noch so vieles auszusprechen gewesen, sowohl von mir als auch von ihr, aber es war nun abgeschnitten und konnte nie mehr nachgeholt werden.
Ich trat ins Wohnzimmer, wo ich noch einige Kleinigkeiten hatte liegen lassen.
Da reizte es mich, einen Augenblick in den Stuhl an Fräulein Brigittens Arbeitstisch zu sitzen, wo ich sie so oft gesehen hatte, und spielend den einen oder andern Gegenstand, der ihr gehörte, in die Hand zu nehmen.
Unter einem kleinen Notizblock lag ein mit Bleistift beschriebener Zettel von ihrer Handschrift, und ich konnte keinen Augenblick der Versuchung widerstehen, ihn für mich zu behalten, denn es war mir, als enthalte er das Wort, das sie für mich auf denLippen gehabt, aber nicht habe aussprechen mögen, als ich ihn las.
Er fing mitten in einem Satz an und lautete: „Doch nahm ich zu allem, was mir begegnete, diese eine Stellung ein. Es sei Liebes oder Leides gewesen, so sagte ich ihm: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn, und so habe ich schließlich, wenn auch mit verrenkter Hüfte den Sieg behalten, und ich bin dennoch“ – da endete die Schrift auf dem Blättchen, dessen unendlichen Lebensinhalt ich von ferne einen Augenblick ahnte, ohne einer Ergänzung zu bedürfen. Ich barg den Zettel in meiner Brusttasche, wozu ich eben noch Zeit hatte, da Herr Kasimir eintrat und ich auch von ihm Abschied nehmen mußte.
Er lächelte mich, als ich ihm die Hand reichte, hilflos traurig an, und sagte, indem er seine Augen an mir herauf und hinunter gehen ließ, mit bedrückter Stimme: „Ja, ja, die Jahre vergehen, es ist unglaublich, wie schnell sie vergehen und wie sich alles ändert,“ was ich freilich ebensogut als Ausdruck der Trauer über mein Scheiden wie über die Vergänglichkeit der Dinge überhaupt ansehen konnte und worauf ich nichts zu erwidern wußte. Wir tauschten noch ein paar Worte ohne viel Inhalt, denn er horchte mit halbem Gehör nach dem Gang hinaus, da er den Arzt sprechen wollte, ehe dieser das Haus verließ; ich aber war in aufgerührten Gedanken und Gefühlen beschäftigt, einige Sätze in mir zu formen, die ich gern der Fräulein Brigitte noch gesagt hätte zum Abschied. Ja, es war mir in diesem Augenblick, als könne ich nicht gehen, denn hier sei der Urquell des Lebens, und er müsse auch mich gleichgültigen und unbewußten Burschen segnen, daich seither blind an ihm vorbei gestolpert sei. Aber die Minuten gingen vorüber, und ich versäumte auch hier den Augenblick über meiner Herzensunruhe. Es ging draußen die Tür, und ich hörte plötzlich Herrn Kasimir sagen: „So leben Sie denn wohl, lassen Sie von sich hören und vielleicht kehren Sie uns einst zurück“; ich fühlte seinen Händedruck und sah ihn hinausgehen, um den Arzt noch zu erfassen, und ich blieb zurück, ohne ihm, wie ich wollte, Dank und Anhänglichkeit ausgesprochen zu haben, wozu ich immerhin Veranlassung gehabt hätte. Da legte sich noch ein weiterer Stein auf mein Reisegemüt, und ich ging aus dem Hause, dem ich nun ferner nicht mehr angehörte, mit bedrücktem Herzen, da ich doch hatte als ein Liebling des Lebens und mit geschwellten Segeln ausfahren wollen.
*
Es dauerte aber nicht lange mit dem Trübsinn und mit der Herzbewegung bei mir. Ich war nicht dazu angelegt, und ich war stets dem Gegenwärtigen, Neuen und Täglichen aufgetan. Auch hörte meine Jugend andere Ströme brausen, als die, von denen Fräulein Brigitte gesprochen hatte, und die sie auch in Wahrheit von dannen trugen. Es war ein halbes Jahr später, als ich die Nachricht von ihrem Tode erhielt. Ich fand sie eines späten Abends in meinem Zimmer, als ich aus einer politischen Versammlung dahin zurückkehrte, warm und angeregt vom genossenen Wein und mehr vom Disputieren, an dem ich mich zwar nicht öffentlich, aber nach Schluß der Versammlung an einem Tisch voller Bekannten und Gesinnungsgenossen beteiligt hatte.
Ich fing zu dieser Zeit an, aus allen Brunnen zu trinken, mehr im Gefühl der Freiheit und daß mir jegliches offen stehe, als aus besonderem Gelüste nach dem und jenem. Ich nahm am öffentlichen Leben teil, indem ich Versammlungen von allerlei Art besuchte und meine Meinung über alles unverzagt preisgab in den Wirtshaussitzungen, die sich daran knüpften, und gab mir in bezug auf Bescheidenheit im Reden, Meinen und Auftreten weiter nicht viel Mühe. Es war damals nichts um den Weg, was mich am seidenen oder goldenen Faden gelenkt hätte zu irgendeiner ernsteren Besinnlichkeit, einer Liebe oder Frömmigkeit hin, oder wenn etwas da war, so wußte ich es nicht oder gedachte nicht seiner. Als ich an jenem Abend mein Zimmer betrat und die Lampe anzündete, taumelte ein dunkler Falter, der auf dem Tisch gesessen haben mochte, auf und tat summend schwerfällige Flügelschläge um das Licht her, und ich sah ihm gedankenlos zu oder vielmehr in abwesenden, selbständig sich tummelnden Gedanken, bis er sich einen Augenblick niedersetzte und ich den Brief entdeckte, auf dem er saß. Er war von Herrn Kasimirs steifer Handschrift, der nur an gewissen Stellen wohlerwogene, würdige Schnörkel angehängt waren und freilich auch, ihm selbst unbewußt, hie und da kleine, lächerliche Schwänzchen, die das Entzücken eines graphologischen Seelenkündigers gewesen wären. Nun, ich verstand nichts davon und dachte auch damals nicht an dergleichen, sondern es durchfuhr mich beim Anblick des Briefes sogleich das Wissen um seinen Inhalt und machte mich plötzlich ganz nüchtern, wach und ernsthaft.
Der Brief war nicht so kurz, als ich hätte erwarten können, da es sich um die Mitteilung eines Trauerfalls handelte. Und er war auch nicht gleich nach dem Hingang der schönen Seele entstanden, sondern etwa vierzehn Tage später, als dem Schreiber in seinem leeren Hause bereits zum vollen Bewußtsein gekommen war, was er verloren hatte, und wie einsam er nun war. Es ging eine rührende Klage durch das Blatt hindurch, daß er nicht genug erkannt habe, was für einen Reichtum er besitze und ihn nicht in seinem vollen Wert geschätzt habe, daß er die Verstorbene vielleicht habe Mangel leiden lassen an brüderlicher Liebe und Aufmerksamkeit und es nun nicht mehr nachholen könne. Ja, ja, es sei immer eine Mahnung da, die sage: „O lieb', so lang du lieben kannst,“ aber man beachte sie zu spät.
Das alles kam mir unrichtig vor für seinen Fall, da ja die Geschwister stets einträchtig zusammen gehaust hatten, fast wie Mann und Frau, und ich nicht begriff, was Herr Kasimir verfehlt haben wollte.
Ich war noch zu unerfahren, um zu wissen, wie beim Scheiden sich alles Erlebte unter einem Brennpunkt zusammendrängt, und alles, Liebe, Leid, erlittener und zugefügter Schmerz, Getanes und Unterlassenes, frisch und neu da ist und noch einmal vor dem Herzen steht in unbestechlicher Wahrhaftigkeit. Da ist wohl keiner, der sich sagen kann, daß er nichts versäumt und nichts falsch gemacht habe und sich nicht noch einmal das Vergangene zurückwünscht, auch nur auf einen Augenblick, um das Mangelhafte zu verbessern. Selbst, wenn er lebendig gelebt hat und sich seiner selbst und des andern stetsbewußt war, geht es ihm so, wieviel mehr fällt den die Wirklichkeit des Geschiedenseins mit scharfen Klauen an, der halb im Traum dahin gegangen ist und auf einmal aufschreckend sieht, was für immer hinter ihm liegt, unerreichbar für Liebe und Reue.
So denke ich jetzt. Wie es in dieser Hinsicht mit Herrn Kasimir bestellt war, weiß ich nicht. Es gab mir ein wichtiges Gefühl meiner selbst, daß er mich erwählt hatte, als denjenigen, bei dem er sich aussprach, und ich setzte mich noch in der Nacht hin, um ihm allerlei weise Trostgedanken, die mir einfielen, zu schreiben; ich kam aber nicht weit damit, denn während des Schreibens wurde mir erst recht die Tatsache bewußt, daß auch ich etwas verloren hatte, und zwar etwas Kostbares, dessengleichen ich so leicht nicht wieder fand. Ich starrte in die Lampe und ließ die Bilder der Jahre, die nun schon Vergangenheit waren, an mir vorüberziehen, soweit Fräulein Brigitte darin zu sehen war in all ihrer feinen Güte, Herzlichkeit und siegreichen Freudigkeit. Das mangelhafte Körperliche, das sie mit so viel Würde getragen hatte, war nun abgefallen, und sie war hoch, aufrecht, schön und triumphierend irgendwie herausgestiegen, was man zwar nicht beweisen konnte, mir aber unwiderleglich sicher schien, so wenig ich sonst über derlei Dinge nachdachte. Und mich ergriff plötzlich eine heftige Sehnsucht nach ihr, als ob ich eine Liebste verloren hätte; ich legte den Kopf auf den Tisch und sagte leise ihren Namen, schreckte aber entsetzt auf, als mich etwas Weiches, Feines wehend anrührte. Es war aber nur der Fenstervorhang, der vom Nachtwind bewegt, um mich herumspielte. Doch wußte ich indiesem Augenblick, daß das Beste in mir, was ich war und irgend werden konnte, bei ihr eine Zuflucht gehabt hätte zu aller Zeit, und daß sie mir entglitten war in die Unendlichkeit hinein; es fror mich im Tiefsten, und etwas in mir erschrak, wie wenn ein Schläfer zwischen zwei Träumen in die Höhe fährt und sich der Wirklichkeit bewußt wird.
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Ich war in meiner jetzigen Stellung nicht im Verkehr mit dem Publikum, wie zuvor, sondern hatte lediglich Korrespondenzen mit Unbekannten oder auch nur dem Namen nach Bekannten zu führen und wie sich versteht, auch dies nur in rein geschäftlicher Beziehung, was in mir einen Hunger nach menschlich nahen Berührungen erzeugte, denn ich konnte nicht gut für mich allein sein. Es war nun in dem großen Hause, dem ich als Angestellter angehörte, ein junger Mann, nicht viel älter als ich, doch so etwa drei bis vier Jahre, der mich stark anzog. Er hatte, wie ich erfuhr, Philologie studiert, war aber wegen übermütiger Streiche, die er auf der Universität verübt haben sollte, und durch die er die Professoren gegen sich aufgebracht hatte, aus seiner Laufbahn geworfen worden. Doch machte er nichts weniger als den Eindruck etwa eines verbummelten Studenten oder sonst einer verkrachten Existenz. Im Gegenteil trat er mit großer Sicherheit und eher etwas herrisch auf, leistete viel und das mit Leichtigkeit und ließ gelegentlich durchblicken, daß er seinen jetzigen Beruf nur als Übergang zu einem andern ansehe. Er wolle sich ganz der Politik widmen, auch etwa eine große Zeitung redigieren oderdergleichen, das habe indessen alles noch Zeit. Es war, als habe er alles in der Hand, was er sein oder erreichen wollte, und es blitzte auch in seinem Gesicht von Geist und Temperament, daß einer nur hinsehen und staunen und sich ihn zum Freunde wünschen mußte. Wir gingen öfters miteinander aus, und eines Abends in warmer und aufgeschlossener Stimmung ließ er sein Glas mit meinem zusammenklingen und bot mir das Du an. Es wolle bei ihm etwas heißen, wenn er das tue, sagte er, er sei keiner von denen, die mit der ganzen Welt auf Smollis seien, ich hätte indessen etwas an mir, was ihn reize, mich zum Freund zu haben, obgleich ich ein Unschuldslämmchen sei. Oder vielleicht gerade deswegen, setzte er lachend hinzu. Er müsse mich seiner Mutter zeigen, die dann vielleicht neue Hoffnung schöpfe, daß er auf ein bürgerlich ehrbares Leben hinsteuere, wenn er mich vorweise.
Das Unschuldslämmchen stach mich ein wenig, so sehr die neue Freundschaft mich beglücken wollte. Es hätte mich mehr geehrt, für einen leichtsinnigen Tausendsasa gehalten zu werden, denn für ein braves Kind, das man seiner Mutter vorzeigt, um Lob zu ernten. Olbrich mochte mir das angesehen haben, denn er sagte gutmütig: „Du mußt das nicht schwer nehmen, im Gegenteil. Meine Mutter ist das allerfeinste, was ich kenne, es gibt keine Frau, die ihr gleicht. Wenn ich einen Freund hätte, der ihr gefallen sollte, so müßte er der auserlesenste Mensch sein, der du vermutlich gar nicht bist. Doch sei nur ruhig, sie liebt mich, wie ich bin und nimmt an, was ich ihr bringe, obgleich es schon hie und da harte Brocken waren, die ich ihr zu beißen zugemutethabe.“ Er sah eine Weile vor sich hin, als ob er erst nachträglich merke, daß wirklich gute Zähne dazu gehört hätten, alles zu beißen, was er seiner Mutter auf den Tisch gelegt habe, und als ob er bedenke, daß es vielleicht auch einmal genug damit sein könnte, da man im Alter sonst gern weicheres Brot und leichtere Speise genieße.
Wie aus einem solchen Gedankengang heraus, sagte er, mich anblickend: „Du hast es eigentlich gut in deiner Haut, die dich ordentlich auf dem einmal gebahnten Weg weitergehen läßt, während in mir ein Feuer ist, das noch allerlei anstellen kann, und das über mich befiehlt. Wenn ich allein wäre, käme es mir nicht darauf an, tüchtig in der Welt herumgeworfen zu werden, denn umzubringen bin ich nicht, aber die alte Frau tut mir leid; sie hätte es verdient, daß ich ihr Enkelchen ins Haus brächte und sie selbst Sonntags am Arm spazieren führte als ein braver Sohn und Bürger. Aber ehe das geschieht, kann noch viel Wasser ins Meer fließen, und kurz und gut, sie sollte dich zum Sohn haben anstatt meiner, wenigstens so viel ich von dir kenne.“
Das sagte Olbrich aber nur, weil er einen Mangel von mir für eine Tugend hielt und weil er der starken Kräfte, die ihn selber umtrieben, nicht ganz froh werden konnte. Ich war unberaten und zufällig in meinen Beruf hinein gegangen, es hätte ebensogut irgendein anderer sein können, und ich hätte dann das Meinige darin getan, wie ich es in diesem tat, denn ich hatte gute Gaben und viel Anpassungsvermögen, und es rief mich keine starke Neigung nach einer andern Seite. Auch hatte ichein lebhaftes Verlangen nach äußerem Vorwärtskommen und ein anererbtes Respektgefühl vor dem jeweilig als Pflicht Übernommenen, das mich zuverlässig und arbeitsam sein ließ. Das war aber auch alles. Obwohl ich meinen Beruf leidlich ausfüllte, so füllte er doch mich nicht aus; ich suchte meine Weide und die Stillung meines Glücks- und Lebensverlangens auf andern Wegen, deren mir ja viele offen standen, nicht in dem, was ein Mann über alles lieben sollte, im Zentrum meiner Lebensarbeit.
Das alles sagte ich meinem neuen Freund nicht und wußte es auch damals noch nicht wie heute, wo mir der rosige Nebel, der über allen Dingen lag, vergangen ist und der nüchterne Tag vieles klar gemacht hat, Liebes sowohl als Leides. Nur meiner Mutter gedachte ich einen Augenblick, als er von der seinigen sprach, und daß ich ihr auch hätte gönnen mögen, mich so wohlgeraten zu sehen. Es kamen aber Bekannte an unsern Tisch, und das Gespräch ging auf allgemeine Dinge über.
Olbrich zögerte nicht lange, mich in allerlei Kreise einzuführen, in denen er bereits etwas galt und auch in einen Singverein, der hauptsächlich klassische Musik zur Aufführung brachte. Ich war in keiner Weise musikalisch gebildet, aber ich pflegte auf Spaziergängen, oder wenn ich in meinem Zimmer umherkramte, vor mich hin zu singen, was ich etwa gehört hatte und was mir im Gedächtnis hängen geblieben war. Darüber wurde ich von Olbrich betroffen, der mir auf den Kopf zusagte, daß ich eine Stimme habe und musikalisch sei, und der nicht nachließ, bis ich in den Sängerchor eingeordnet war, in dem er selbst eine ziemliche Rolle spielte. MeineEinwendungen in dem Sinne, daß ich ja gar nichts gelernt habe, kaum nach Noten singen könne und so weiter, verlachte er, da es nicht darauf ankam, ob man bereits gedrillt sei, sondern ob man die Gaben habe, alles nachzuholen, was bei mir der Fall sei. Es ging auch richtig ziemlich gut, und ich war mit Ernst bei der Sache, da es mich selber wunderte, welch starke und freudige Töne meine Kehle hervorbrachte, und wie sie in dem Brausen des Männergesangs kräftig mitschwangen. Aber noch erfreulicher war die Entdeckung, daß all unser Singen doch erst eine Vollendung, ja einen eigentlichen Zweck bekam, wenn das Heer der weiblichen Stimmen sich darein mischte und zur Kraft die Süße, zu dem festen Untergrund der Bässe und Tenöre das hohe, silberne Klingen des Soprans und das warme, herzandringende des Alts fügte. Ich fühlte mich recht als Glied eines Ganzen und tat wacker und ehrlich mit, was mir bald einigen gutmütigen Spott von Olbrich und ein paar andern eintrug, die es darauf abgesehen hatten, mich als Musterknaben auszuspielen. Sie hatten fast alle unter den singenden Damen Bekannte, die sie nach Schluß der Proben heimbegleiteten, und mit denen es unterwegs noch viel Scherz und Gelächter gab, und es schien, als ob manchen dieser Teil der Sache der wichtigere wäre. Dabei konnte ich nun schon aus Mangel an Bekanntschaften nicht mittun, aber es war auch noch etwas anderes bei mir, das nämlich, daß mir auf einmal in ein ziemlich inhaltloses Leben hinein die Musik wie eine Geliebte getreten war, der ich mein Herz auftat, und die mich mit Feuer und Andacht erfüllte. Es wurde mir jetzt nachträglich klar, welch herzliche und innige Schönheitmich oft angerührt hatte, wenn ich Brigitte Hagenau hatte Klavier spielen hören und jetzt, nach ihrem Tode, war es mir, als habe sie damals über alle Kraft und Klarheit ihres Wesens, ja über die geistige Welt, in der sie lebte, mit mir geredet, ich habe es aber an mir vorübergehen lassen.
Da war ich denn nun an den Musikabenden meistens verschlossener gegen die scherzhaften Gespräche, die in den Pausen und nach dem Schluß hin und her flogen, als es sonst meine Art war, und Olbrich sagte, man müsse mir zu einem Damenverkehr helfen, denn es sei die Sehnsucht da mitzutun, die mich so schweigsam mache. Es müsse aber ein feines Mutterkind sein, das man mir heimzugeleiten gebe, denn ich sei selber noch ein solches und gleich und gleich geselle sich gern.
Er hatte mich ehrlich gern und zeigte mir das auch auf jede Weise, nur daß er es nicht unterlassen konnte, mich mit dem zu necken, was ich meiner Meinung und meinen Wünschen nach gerade gar nicht war. Ich war nur ohne Übung im freieren Flug, und ich meinte, mich weltmännisch genug zu betragen und war auch bereit, noch mehreres darin zu tun, wenn es die Gelegenheit ergab. Er aber sah den Anlauf, den ich zu diesem allem nehmen mußte, und hatte etwas wie eine Rührung darüber, die er unter leichtem Spott und Necken verbarg. Im Grunde war er selber eine durchaus gesunde und unverdorbene Natur, die sich ruhig ein Stück weit die Zügel schießen lassen konnte, auf die Dauer aber ihr Gesetz in sich selber nicht überhörte und nach allerlei Seitensprüngen immer wieder in ihre richtige Lage zurückkehrte. Ich dagegen horchte vielnach allen Seiten und bemühte mich, zu tun, was etwa andere, die mir imponierten, für geschmackvoll und richtig hielten, und es ist nur ein Wunder, daß ich bei alledem doch so ungefähr auf dem Wege blieb.
Es begegneten mir freilich immer wieder Menschen von der echten und lebendigen Sorte, die dem unbewußt Guten, das ich doch auch in mir hatte, entgegen kamen und es einstweilen für eigen und für bare Münze nahmen, ja mich liebten, ohne daß ich mir gerade um sie besondere Mühe gab. Ich war es aber so gewöhnt von jung auf und wunderte mich nicht einmal besonders darüber. Es mußte alles so sein, wie es war.
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Olbrich nahm mich eines Sonntags mit zu seiner Mutter, die in einem Vorort ein kleines Landhaus allein bewohnte, während er selbst ein Zimmer in der Stadt hatte, schon der Geschäftsnähe wegen, aber auch, um sich ganz ungehindert bewegen zu können, worin seine Mutter ganz einig mit ihm war. Sie war schon seit vielen Jahren Witwe und hatte nur diesen einzigen Sohn, den sie an ihrem Herzen mit einem starken Band angebunden hielt, aber lang genug, um nichts von Unfreiheit spüren zu lassen. Sie war seine Freundin und ging mit großem Interesse auf alles ein, was er ihr brachte, ja sie hatte einen so guten und glücklichen Humor, daß er sich eines spaßhaften Erlebnisses oder einer lustigen Geschichte erst recht freute, wenn sie mit ihm darüber gelacht hatte. Diesmal nun erzählte er, er habe diese Woche einmal bei einem Umtrunk auf die Frage: Bruder, deine Liebste heißt? geantwortet: Friederike, was alle aufs höchste verwundert habe,denn man sei gewöhnlich mit dem Gegenstand seiner Neigung auf dem Laufenden und habe in der ganzen Stadt keine Friederike gekannt, um die es sich habe handeln können. Er habe ihnen aber nicht entdeckt, daß es sich bei dem geheimnisvollen Kleinod um seine Mutter handle und lasse sie nun alle zappeln. Darüber lachten sie beide herzlich, und ich entdeckte, daß sie einander im Lachen, ich möchte sagen, lächerlich ähnlich sahen, aber ich sah auch den vollen Glücksblick, den die Mutter während des Lachens auf den Sohn warf, und der mich wunderlich aufrührte. Ich hätte etwas darum gegeben, auch einen solchen Blick auf mir ruhen zu sehen, und dachte eines Anlasses, der um einige Zeit zurücklag.
Ich war nämlich auf der Reise zwischen beiden Orten ein paar Tage zu Haus gewesen, um die Hochzeit meiner Schwester Helene mitzufeiern, die eigens um meinetwillen auf diese Zeit gelegt worden war. Die guten Schwestern hatten alles getan, um mich behaglich, oder, wie sie meinten, würdig aufzunehmen, es hatte an keinem Guten gefehlt. Sie waren nun schon in das Haus umgezogen, das der Schreiner gekauft und nach Möglichkeit hergerichtet hatte. Luise wohnte im Unterstock, und dort war auch für mich eine Kammer bereit, die Luise so wohnlich als möglich gemacht und geschmückt hatte. Es hingen Vorhänge an den Fenstern und Bilder, von denen sie gedacht hatte, daß sie mir gefallen würden, an den Wänden, und Luise hoffte auf mein freudiges Erstaunen und auf die Äußerungen eines befriedigten Heimatsgefühls. Aber ich fand sowohl die Liebespaare an den Wänden, als die blaue Tapete scheußlich, und sagte das zwar nicht, aber auch nichtsGutes, und litt selber unter einer schlechten, enttäuschten und widerwärtigen Stimmung, die ich nicht ganz verdecken konnte. Es war weder die alte, einfache, fast ärmliche Heimat mehr, die mich schon um der Erinnerung willen an sich gezogen hätte, noch als Ersatz dafür ein Ort, an dem es meinem jetzigen Selbst entsprechend zuging und aussah. Sondern es waren Kraftanstrengungen gemacht worden, um ein bißchen Schönheit oder Eleganz in die Räume zu bringen, und ich sah nicht den guten Willen und das Verlangen nach einem freundlichen Aufstieg, sondern nur das mißratene (nach meinem Dafürhalten) in der Ausführung.