Chapter 5

Dazu kam, daß ich mich mit dem Schwager nicht verstand, was ich ja vorausgesehen hatte, und daß sich Helene darüber betrübte. Nachträglich spürte ich wohl, daß es an mir selber gelegen war, aber das machte die Sache nicht besser. Ich hatte dem jungen Paar als Hochzeitsgeschenk ein Büchergestell mit einigen Klassikerbänden mitgebracht, worüber sich Helene kindlich freute. Sie hängte das hübsch gearbeitete Brett auch sogleich im sogenannten guten Zimmer auf und stellte zu meinem Grauen ein paar kleine lackierte Gipsbüsten oben darauf, die Schiller und Goethe vorstellen sollten, und die ihr der Bräutigam gekauft hatte. Letzteres wußte ich nicht, sonst hätte ich mich wohl zurückgehalten, zu sagen: „Laß' doch die Scheusale weg, die ich am liebsten durchs Fenster werfen möchte; viel besser nichts, als solche Greuel.“ Ich sagte es etwas heftig, denn es entlud sich allerlei angesammelter Unmut in den paar Worten, Helene aber bekam eine dunkle Röte ins Gesicht und schaute mich verwundert an odervielmehr verwundet. Der Schwager aber sah von seiner Zeitung auf, in der er eben las, und sagte scharf: „Es haben nicht alle Leute die Mittel, teure Sachen zu kaufen und aufzustellen,“ worauf er wieder weiter las oder doch dergleichen tat. Dieser Satz nun traf das, was ich gesagt hatte, nicht, indem es sich nicht ums Geld, sondern um den Geschmack handelte, und war vielleicht auch nicht tiefer zu nehmen, aber ich sah darin den längst erwarteten Vorwurf über meinen Geldverbrauch auf Kosten der Schwestern, und ging stumm, aber innerlich rasend, aus dem Zimmer. Das war am Vorabend der Hochzeit; ich wäre aber am liebsten sogleich abgefahren und hätte es vielleicht auch getan, wenn es mir nicht um das Aufsehen gewesen wäre, das es erregt hätte, und schließlich doch auch um die Schwestern, denen ich das Leid nicht antun mochte. So blieb ich denn und faßte mich auch einigermaßen, was mir die Schwestern nicht genug danken konnten. Ich war auch ein leidlich liebenswürdiger Brautführer, Festordner und Tänzer am andern Tag, stieß sogar mit dem Schwager an, der gar nicht wußte, was er angerichtet hatte, weil er meinte, ich lebe schon lang von eigenem Gelde, und küßte Helene, ehe sie mit ihrem Mann auf drei Tage zu seinen Verwandten reiste. Unter diesem Kuß fing das liebe Mädchen, oder die junge Frau, die sie nun war, so heftig und innig an zu weinen, daß ich es nicht unterlassen konnte, sie noch ein paarmal tröstend weiterzuküssen, worauf sie unter Tränen lachend sagte: „Ach, du bist doch ein guter Kerl,“ und sich nach einem Taschentuch umsah, das sie gerade nicht zur Hand hatte, um sich die Augenabzutrocknen. Luise hatte die ihrigen selber voll Wasser, es reichte aber ihr festliches Spitzentüchlein für beide Schwesterngesichter, die sich noch einmal fest aneinanderschmiegten vor der großen Trennung, die freilich so gar einschneidend nicht war, weil sie nachher fast gleich miteinander fortlebten wie bisher. Der Mann war nichts so Neues für sie, da er schon lange dabei gewesen war. Ich muß auch bekennen, daß er meine beiden Schwestern hoch und wert hielt und ihnen auf seine Weise zulieb tat, was er konnte, viel mehr als ich in bösen Zeiten.

Doch fällt in jene Tage noch ein freundlicher Strahl, an dem ich mir unter den glücklich lachenden Augen von Mutter und Sohn ein wenig gütlich tat.

Als nämlich das junge Ehepaar abgefahren war in dem Kütschchen eines Vetters, überkam mich, vielleicht in dem Wohlgefühl über den zärtlichen Abschied mit Helene, eine plötzliche Lustigkeit. Ich faßte Luise, die gerade ein bißchen traurig sein wollte, um den Leib und zwang sie, sich mit mir in der engen Stube zu drehen, wozu ich ein Liedchen pfiff; darüber mußte sie wider Willen lachen, und wir beide kamen in eine höchst behagliche Stimmung, in der wir beschlossen, noch einen schönen Abend miteinander zu haben und Lotte Meister abzuholen in einen aussichtsreichen Wirtsgarten. Es wurde ein gutes Beisammensein, an das ich gerne denke. Wir saßen beim sinkenden Abend und noch späterhin in einem kleinen, erhöht gelegenen Tempelchen, abseits von den übrigen Gartengästen und genossen ein gutes Nachtessen, bei dem ich zum erstenmalin meinem Leben meine Schwester frei hielt. Um uns her standen hohe Bäume, deren volle Kronen leise rauschten, unter uns zog der breite Fluß vorbei mit eiligen Wellen, und wir saßen in einem freudigen Wohlsein und auch einer kleinen Wehmut, weil alles so schnell vorüberging, beisammen und plauderten von allerlei Dingen. Unter anderem sagte Luise: „Du, hör' einmal, Ludwig, der Herr Professor, der dich einmal hat malen sollen, ist vorigen Herbst gestorben, und seine Tochter, die mit den Kindern bei ihm gelebt hat, ist wieder bei ihrem Mann, aber in Amerika. Es geht oft sonderbar zu. Die hätten doch ihrer Lebtag beisammen sein können. Es heißt, er habe es mit einer andern gehabt und sei jetzt krank und elend. Da ist sie jetzt der Gutgenug. Aber, was rechte Frauen sind, die sind wie die Mütter, die Liebe ist nicht zum Umbringen in ihnen. Ich glaube, sie hat immer gewartet, daß er sie wieder zu sich ruft.“

„Wo ist denn ihre Tochter, die Maidi?“ fragte ich. „Ist die auch mit nach Amerika gegangen?“

„Ach nein, die studiert irgendwo auf die Malerei; sie habe es vom Großvater geerbt, daß sie malen müsse. Es ist schade, sie gäbe eine liebe Frau, ich habe schon gedacht, so eine wie sie, möchte ich dir wünschen, sie ist so fein und doch nicht stolz. Wie einem halt so Gedanken kommen. Es wird ihrer noch mehr solche geben.“

Das meinte ich auch, es gab massenhaft feine Mädchen, das war gut eingerichtet; ich konnte aber nicht unterlassen, die Frauen zu belehren, daß die Maidi darum doch heiraten könne, wenn sie auch Malerin sei, das komme oft vor. Sie könne ja danndas Malen aufgeben, oder man könne ihr eine gute Köchin halten. Darüber nickten sie einverstanden, und wir lachten alle drei, daß wir so schön einig waren, während doch keines von uns wußte, wo sich das Malweibchen umhertrieb und es uns auch gleichgültig war.

An diesen Abend und den darauffolgenden Tag dachte ich jetzt und hätte gern das freudige und stolze Gesicht meiner Schwester Luise wieder einmal aufleuchten gesehen, mit dem sie mich von sich gelassen hatte. In der Zwischenzeit hatte ich es so ziemlich vergessen gehabt.

Damals, als ich ging, stand sie am Bügeltisch unter ihren Gehilfinnen; sie konnte mich nicht begleiten, denn es war über die Hochzeit viel versäumt worden. Aber sie sah mich voller Liebe an und sagte: „Gelt, komm' auch wieder, daß man warm bleibt miteinander,“ und in diesem Augenblick dachte ich auch, daß ich es tun wolle, ja, ich hätte sie gern geküßt, wenn es wegen der Bügelmädchen angegangen wäre. Und alles in mir war voller Zugehörigkeit, Respekt und Wohlgefallen; denn sie stand da so tüchtig und wacker an ihrem Platz, als eine ganze Person, aber mich liebte sie über alles, und in mir wallte es zu ihr hin, wie zu einer Heimat. Man konnte es nur freilich nicht aussprechen, denn so etwas sagte man nicht, auch saß mir etwas Ungewohntes im Halse, und ich drückte ihr nur die Hand, das mußte für alles gelten und galt auch.

Diese Erinnerungen gingen in einem Augenblick an mir vorüber, im nächsten war ich wieder hier am Platze, doch blieb noch etwas in mir zurück, was mich heute noch wundert. Ich dachte nämlich: wennich nun gefragt worden wäre, wie meine Liebste heiße, was hätte ich dann gesagt? Und es antwortete in mir zu meiner Überraschung: Maidi. Das erschien mir als ein Unsinn, denn ich hatte ja das Mädchen nur als halbes Kind und dann nie mehr gesehen, und es war jetzt irgendwo in der Fremde, Gott mochte wissen, wo, es war mir auch gleich. Aber das vorwitzige Stimmlein in mir sagte immer noch Maidi und erinnerte mich daran, daß ich schon einmal ihr Bräutigam gewesen sei, da mußte ich in Gedanken daran ein bißchen vor mich hinlachen. Das fiel aber nicht auf, da es ohnehin heiter und traulich zuging, und ich dachte weiter: Nun, ein Unding wäre es nicht, sie war hübsch und fein und lieb genug, und ich spielte ein wenig mit ihrem Bilde. Wir stießen auch gleich darauf an mit hohen, feinen Stengelgläsern, in denen blaßroter Stachelbeerwein war, und da es einen hellen Doppelklang gab, läutete das Stimmchen in mir mit: Maidi, was mich zugleich belustigte und erwärmte. Denn es schien mir plötzlich, als hätte ich einen heimlichen Schatz.

Frau Olbrich war so einfach mütterlich und natürlich mit mir, als habe sie mich längst gekannt und füllte mir beim Gehen die Taschen mit Birnen aus ihrem Garten, wie einem großen Buben, und ihr Sohn stand befriedigt dabei. „Siehst du,“ sagte er auf dem Heimweg, „siehst du, meine alte Herzensdame hat schon auf dich angebissen, ich habe es wohl gewußt. Du hast so etwas an dir, was alten Frauen gefällt, sie möchten dann die Hände über dich breiten, daß du ein braves Kind bleibst; so etwas tun sie gern. Meine Mutter hat gesagt, duseiest weiches Wachs, man sehe alle Eindrücke an dir, es könne noch alles aus dir werden. Du müssest nur die richtige Frau haben, das sei der entscheidende Punkt.“

Ich knurrte ein wenig, und er lachte: „Das ist ihr bei mir auch das Wichtigste; sie weiß aber wohl, daß ich keine nehme, die nicht zu mir paßt und vielleicht auch gar keine. Denn noch eine solche, wie sie, finde ich doch nicht.“ Das alles brachte er in leichtsinnig sein sollendem Tone vor, man merkte aber gut, wie stark er am Herzbändel seiner Mutter angebunden und wie wohl es ihm dabei war, alles andere ungeachtet. Ich konnte ihn fast beneiden, es ging aber noch etwas Frohes in mir um von meinem Gedankenspiel mit dem Kinderbräutchen her, es war mir, als gehe Maidi irgend woher auf mich zu, so, wie ich sie das letztemal gesehen hatte, in ihren hübschen Schuhen und unter dem Margeritenkranz.

Solcherlei Gedankenspiele hatte ich oft, ich dachte mir dann etwas aus bis ins einzelne und war verwundert, wenn ich um mich schaute, und alles anders war. Doch diesmal war es in Wahrheit, als sei von ihr, die so stark in mein Leben treten sollte, und die mir näher war, als ich wußte, schon eine Vorahnung in der Luft gelegen. Es begegnete uns ein junges Mädchen, das ihr, wie ich meinte, so sehr glich, daß ich erschrak und sie anstarrte, und es rief eine weibliche Stimme in einem dunklen Garten mit langgezogenem Ton den klingenden Namen, den ich sonst nie gehört hatte. Aber das alles traf und berührte mich nur, weil sie in mir selbst aus dem Dunkel der Vergangenheit emporgetaucht war.

Ich habe oft in meinem Leben den Frühling vorausgespürt und voll herzklopfender Ahnung sein Kommen ersehnt, wenn er Tauwinde, blühenden Seidelbast und frühe Vogelstimmen vorausschickte, aber von dem kurzen und holden Frühling meines Lebens konnte ich nichts voraus wissen, und ich kann nicht sagen, wie es kam, daß ich ihn dennoch vernahm, wie ein liebliches Geläute, von dem man nicht weiß, woher es tönt und was es bedeutet.

*

Es waren zu dieser Zeit die Vorbereitungen für ein großes Musikfest im Gang, an dem sich alle besseren Musikvereine der Stadt, ja des Landes, beteiligen sollten. Ein berühmter Dirigent, bei dessen bloßer Namennennung alle Herzen der Sänger und der Hörer höher schlugen, war angeworben, um unter seinem Stab alle Bäche und Flüsse der Musik, die sonst für sich allein dahinplätscherten oder strömten, in ein einziges großes Meer von Tönen zu versammeln. Inzwischen aber übten die einzelnen Vereine mit mehr Nachdruck als sonst ihre Melodien ein, nicht um nachher mit Glanz hervorzutreten, sondern um die Fähigkeit zu erwerben, völlig im ganzen untergehend, es dennoch in ihrem Teil mit Kraft und Schönheit zu erfüllen.

Auch gleichgültige und zerstreutere Liebhaber der Liederkunst rafften sich zusammen, weil es galt, und ließen die Allotria, die sie sonst wohl danebenher getrieben hatten, beiseite, um ernstlich und wacker im Takt mitzumarschieren, und ihre Stimmen nahmen zu an Reinheit und Kraft, je mehr die Besitzer des inneren Schwunges teilhaftig wurden. Es tratenauch einzelne Persönlichkeiten, die sich sonst abseits gehalten hatten, um daheim in ihren Häusern eine vornehme Musik zu pflegen, aus ihrer Verborgenheit hervor und stellten sich in die Reihen, wie im Krieg die Freiwilligen unter die Fahnen eilen und nichts mehr für sich selber sein wollen um der Sache willen. Da war nun auch ich mit Leib und Seele dabei; es war wohl kaum vorher und nachher eine Zeit in meinem Leben, wo mir so das Ich versank um eines Höheren willen, in dem es aufgehen konnte, wie damals. Die Zeichen mehrten sich, daß die Zeit erfüllet werde. Schon nahm ein verdienter Tonmeister der Stadt die Zügel in die Hand, um einzelne Chöre mit verschiedenen Vereinen zusammen zu probieren, und das geschah in einer großen Halle, die eigens für das Fest aus leichten Balken und Brettern gezimmert worden war, und Tausende von Menschen fassen konnte. Noch ermangelte der riesige Raum des festlichen Schmuckes der Tücher, Fahnen und Laubgewinde, der ihm zugedacht war, aber machtvoll und freudig erklangen darin die Chöre und versprachen schön zu werden, wenn sie, von aller Schwere und Unreinheit befreit, auf breiten Wogen am Tage des Festes durch die Halle fluten würden, vereint mit anderen gereinigten Strömen.

Noch war es freilich nicht so weit; das Taktstöcklein des Dirigenten fiel oft genug und mit wachsender Ungeduld hart klopfend auf das Pult, die Sänger belehrend, daß ihrer Emporläuterung zum Vollkommenen hin noch lange nicht genug getan sei. Es ging scharf zu, und das bei den Männern wie bei den Frauen, ja es dünkte mich, als seien die letzteren noch härter mitgenommen alswir. Als nun einmal der Sopran für sich allein eine Stelle vier- oder fünfmal wiederholen mußte und ich müßig zusah, wie die angespannten Sängerinnen sich mühten, das Höchste zu leisten, fiel mein Auge auf ein Mädchengesicht, das ganz versunken weder auf den Dirigenten noch in die Noten sah, sondern in sich selbst hinein zu horchen schien, woher ihm ohne Mühe die Melodien zuflössen, die es leicht hervorbrachte und mit einem weichen, taktmäßigen Wiegen des Oberkörpers begleitete.

„Warum zum Kuckuck sieht sie denn nicht auf den Dirigenten, wenn es gilt wie jetzt?“ dachte ich mit polizeidienerhaftem Ärger, als in dem Augenblick sich das Gesicht dem befohlenen Punkt zuwandte und einen oder ein paar Takte lang darauf verweilte, bis sich ein unwiderstehlich belustigtes Lächeln über die ganze Fläche verbreitete und die Augen wieder in ihre Versunkenheit zurückgingen. Sogleich aber wußte ich, daß das Mädchen nur deshalb in sich selbst hineinsah, weil ihm der Anblick des heftig fuchtelnden Mannes einen unbesieglichen Lachreiz erweckte und es in seiner andächtigen Hingabe an die Musik störte. Aber während in mir der brennende Wunsch entstand, sie möchte das hübsche Schauspiel noch einmal aufführen und ich sie erwartungsvoll ansah, kam mir die Sängerin immer bekannter vor. Sie trug ein loses Kleid von grüner Farbe, das mit einer schmalen Goldborte unter der Brust zusammengehalten war, und hatte ein leichtes Schleiertüchlein am Halsausschnitt, aus dem heraus lieblich und jetzt wieder ganz ernsthaft das Singewesen stieg. Wo aber hatte ich schon einen Kopf so frei und freudig tragen sehen, und wo nahm dasMädchen die Züge her, die mir mit jedem Augenblick vertrauter wurden? Sie sollte jetzt einmal einen Augenblick aufhören, zu singen, daß man sie in Ruhe betrachten konnte, das feste Kinn und den blühenden Mund und die Augen, die vorhin so heiter aufgeleuchtet hatten. Aber das dauerte nicht so lang als die Beschreibung, so sagte das schon einmal angeführte Stimmlein in mir halb zweifelhaft und halb triumphierend: Maidi? Der Verstand wandte ein, die Sängerin sei größer, schmaler und von dunklerem Blond als die Maidi aus der Vaterstadt und trage die Haare tief gescheitelt und aufgesteckt, was jene auch nicht gehabt habe; worauf es sagte, natürlich, begreiflich, denn es sei fünf Jahre her seit damals, und ich müsse nicht etwa meinen, daß ich mich in dieser Zeit nicht auch verändert habe. Ich erwiderte hierauf, falls es je die betreffende junge Dame sein sollte, die aber für mich noch nie Maidi geheißen habe (jene Stunde in dem grünen Garten ausgenommen), so habe das weiter für mich nichts zu sagen. Oder ob ich vielleicht hingehen solle und fragen, ob sie sich erinnere, einmal mit mir auf dem Markt herumgestrichen und beim Kasperle gestanden zu sein? Außerdem handle es sich sicher um eine zufällige Ähnlichkeit. Das aber glaubte mein Herz, das sich auf einmal in die Sache zu mischen anfing, keineswegs, und es entstand ein heftiger Disput in mir mit Für und Wider, der nur obenhin geschweiget wurde, als auch wir Männer wieder mitzusingen hatten. Ich kam nun mit mir überein, die Sängerin, sie sei, wer sie wolle, in eine nähere Beziehung zu mir zu denken. Sie sang gewissermaßen ein Duett mit mir, zu dem die andernden Chorus bildeten. Wenn ihre Stimme empor frohlockte, so hielt ihr die meinige die Leiter dazu, und wenn ich ihr ein neues Thema angab, so ging sie lieblich und bereitwillig darauf ein und machte etwas so Schönes daraus, daß mir die Brust vor Wonne schwoll. Daß sie mich dabei nicht ansah, war weiter nicht zu verwundern, es war genug, daß ihre Stimme mit der meinigen zusammenklang, es war eine schönere Gemeinschaft, als ich sie je besessen hatte. Als die Probe aus war, verschwand sie sogleich, und ich spürte ihr auch nicht nach, denn auf der Straße wäre sie nicht mehr dieselbe gewesen, aber ich wartete mit brennendem Verlangen auf die nächste Singgelegenheit, die auch bald erschien und die heimliche Wonne fortsetzte. Es war mir jetzt, als sei die Musik, meine unbesprochene Geliebte, aus ihrer Verborgenheit hervorgetreten in einem grünen Kleide und einem Heiligenschein von blondem Kraushaar, das sich aus den Scheiteln herausdrängte, und alles sei voller Wohlklang, solange sie im Saal regiere. Aber auf einmal sah ich, daß die Göttin mich aufmerksam und prüfend ansah in einer Pause, und daß sich über ihr Gesicht ein ungläubiges Staunen und dann ein kleines Lächeln verbreitete, und sie wurde mit einem Schlag zum Menschenkind, das mich zögernd und fragweise, ob ich es auch sei, mit einem Augenwink grüßte. Da war es Maidi, ich hatte es aber schon lang gewußt.

Doch fand ich noch nicht so schnell den Weg zu ihr, denn ich war seltsam befangen, was ich sonst nicht an mir kannte, und mochte mich nicht durch die Menge drängen, oder sie am Tor erwarten. Ich sah sie aber einmal in einer Gruppe jungerLeute beiderlei Geschlechts die Halle verlassen und dachte, sie habe ja wohl schon ihren Umgang und habe nicht auf mich gewartet, was ja auch begreiflich genug sei: Da suchte ich wieder in die schöne und heilsame Ichlosigkeit der ersten Wochen unterzutauchen, in der es mir so wohl gewesen war, sie ließ sich aber nicht erjagen und war vorbei, doch aus dem Meer von klingenden Wogen und Wellen war eine Gestalt aufgetaucht, nach der ich hinsehen mußte, wie nach einem anderen Ich.

Inzwischen kam das Fest heran. Ich hatte etwas so Großes und nach meinen Begriffen unirdisch Schönes noch nicht erlebt und ging nach dem ersten Abend, der nicht von Menschenstimmen, sondern von einem Riesenorchester erlesener Streichinstrumente gespeist worden war, in einem halben Rausch und einer ganzen Begeisterung in den Anlagen umher, in denen die Festhalle stand, und in denen viel Volks lustwandelte, festlich geschmückt und in guter Stimmung, denn sie waren, wie einst die Juden und die Griechen zu ihren Festen, aus vielen Orten zusammengekommen zu dem einen schönen Zweck und hatten jetzt bereits Nektar und Ambrosia gegessen und getrunken, morgen aber gab es mehr davon.

Es waren da und dort leichte Zelte zur Bewirtung der Gäste aufgestellt, die nicht von der Götterspeise allein leben mochten oder konnten, und auch in ihnen ging es zwar lebhaft und freudig, aber doch nicht ausgelassen zu, denn noch hingen, wie Weihrauchwolken von Opferaltären, die eben verklungenen Harmonien von zwei Beethovensymphonien in den Wipfeln der Bäume und stiegen, langsameinen Ausweg suchend, zum gestirnten Himmel auf. Ich suchte Olbrich und einige andere Gesellen, die sich nach Verabredung zusammen getan hatten, um noch eine Flasche Wein miteinander zu trinken und die ich hatte vorausgehen lassen, weil ich noch zu erregt war, um ihre unausbleiblichen Scherze, Kritiken und Neckereien, an denen ich mich sonst gern beteiligte, mitanzuhören. Ich summte leise die und jene Takte der Musik vor mich hin, und alle Nerven waren in mir aufgespannte Saiten, die mitspielten und mich den vollen Strom noch einmal hören ließen, und in allen Adern kreisten eingeschlossene Quellen des Lebens, die an ihre Pforten klopften, weil sie aufgerufen worden waren; es war eine Qual voller Glück. Jenseits des Rondells, das ich eben umging, trat in den Lichtkreis einer Bogenlampe, die in dem grünen Geäst eines Ahorns hing, eine Gesellschaft junger Mädchen in hellen Kleidern; sie plauderten und lachten, und als ich näher zusah, war Maidi unter ihnen. Sie war still und es schien mir, als sehe sie suchend umher, da brannte mich etwas im Innersten, denn wen suchte sie wohl, und warum mußte ich hier allein sein? Sie trug immer noch den Kopf in einer so festlichen und freudigen Haltung wie einst, ich hatte das noch bei keinem Menschen so gesehen, aber ihr Gesicht war zugeschlossen und ernst. Ich hatte stürmisches Herzklopfen und wußte nicht warum. Als der hellgefiederte Schwarm auf mich zukam, trat ich in einen Seitenweg ein und ging ihn auch zu Ende bis an eine kleine Wirtslaube, die von einer einzigen Flamme matt erhellt war. Es saßen ein paar stille Zecher darin, jeder für sich vor seinem Wein, und auch ich setzte mich anein Ende des Tisches und bekam einen gefüllten Römer vor mich hingesetzt. Ich betrachtete einen graubärtigen Mann mit langem und schlecht gepflegtem Künstlerhaar. Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und hielt den Kopf tief gesenkt.

„Dem geht's wie mir,“ dachte ich. „Auch er ist allein und muß alles in sich selbst verarbeiten.“ Und es war mir, als müßte ich mit allem Drang in der Brust mein Leben lang für mich bleiben und einsam alt werden; ich trank ziemlich viel von dem guten und tröstlichen Wein und hörte auf einmal den Alten sagen: „Liebeskummer?“ Aber als ich ihn zornig ansah, lächelte er in sich hinein, als wisse er gar nichts von mir.

Da stand ich auf, zahlte und ging. Mir war sehnsüchtig und heimwehig zumute.

Aber am andern Tag war es vorbei. Olbrich fragte mich, wo ich gewesen sei; sie hätten lang auf mich gewartet und seien darum endlos sitzen geblieben, was ich nun zu verantworten habe, und ich verteidigte mich lachend, da sie auch früher ohne mich lange Sitzungen gehalten hätten; ich hätte noch frische Luft gebraucht nach der Hitze in der Halle.

Er sah mich aufmerksam an, denn ich ging auf einmal eigene Wege und hatte etwas Entschlossenes an mir. Ich hatte mir beim Aufstehen vorgenommen, daß heute ein Knopf an die Sache mit der Maidi gemacht werde, so oder so. Entweder ich ging hin und sagte: Guten Tag, kennen Sie mich noch?, oder ich ging meiner Wege und ließ sie laufen. Eins oder das andere.

In dieser Entschlossenheit ging ich den ganzen Tag umher und duldete nicht, daß der kleinste Zweifeldarein kam, es war aber Gefahr vorhanden, daß mir das ganze Fest zuschanden kam, denn bald war ich auf dem einen Punkt, bald auf dem andern, wie konnte ich da an etwas anderes denken?

Aber es ging viel einfacher zu, als ich meinte. Denn als ich am Abend in die Halle trat, ging Maidi mit mir zu der schmalen Hintertür herein, die für die Sänger bestimmt war. Sie sah mich freimütig erkennend an und sagte: „So sind Sie es also doch gewesen. Ich habe Sie in der Probe gesehen und von weitem gegrüßt, aber Sie waren so fremd und finster, daß ich dachte, ich hätte mich geirrt, oder Sie wollten mich nicht mehr kennen. Aber jetzt ist weder das eine noch das andere wahr.“

So konnte sie wohl sagen, da sie mein erfreutes Gesicht sah, das ich ihr nicht verbarg, und den festen Druck spürte, mit dem ich in der Erleichterung meines Herzens ihre Hand hielt und schüttelte.

War sie es denn aber noch bei näherer Betrachtung? Oder wie war das Wesen, in welches das zutrauliche, lustige Mädchen von damals sich verwandelt hatte, beschaffen? Gott sei Dank, nicht viel anders, als ich sie noch im Sinn hatte, das heißt: aufrecht und mit erwartungsvoll schreitendem Gang, sicher, freudig und einfachen Wesens, ohne alle Ziererei, aber dabei königlich in der Haltung, wie sie es von ihrem silberglänzenden Großvater ererbt hatte. Es war aber noch viel hinzugekommen, was ich nicht aufs erstemal erfassen konnte, und worin sie mir weit über war. Denn sie hatte in ihrer blühenden Jugend dem furchtbaren Ernst des Lebens ins Gesicht gesehen und eine Reife dabei empfangen, die man mit Schmerzen zahltund mit dem Zauber der hinträumenden Unbewußtheit. Schicksale waren vor ihr aufgestanden, die ihre nächsten Menschen betrafen; es war nicht so einfach, gut zu sein und friedlich beisammen zu wohnen. Man konnte mit Leidenschaften beladen in der Welt umher irren und daran zugrunde gehen, und es konnte dann dennoch das Wunder über einen geschehen, daß im tiefsten Elend noch die Liebe sich aufmachte und erlösend zu einem trat; so war es bei ihrem Vater. Und es konnte sein, daß die liebste Liebe verraten und zertreten wurde und litt und doch nicht unterging, sondern wie ein bedecktes Feuer unter der Asche weiter glühte und wartete. Aber wenn dann ihre Zeit noch einmal kam und ein Sturmwind sie neu anblies, dann mußte sie andern nehmen, was sie dem einen gab, und es war eine Not ohnegleichen. So war es bei ihrer Mutter, die sich von den Kindern gelöst hatte und von dem alten Vater, um zu dem Mann zu gehen, der ihr Glück und ihr Unglück gewesen war. Und es konnte kommen, daß man sich zwischen zwei liebste Menschen stellen mußte und den, der einem am wehsten tat, decken vor dem, dem man im stillen recht gab, der Sache nach. So war es Maidi gegangen, als der Großvater gegen die Mutter tobte und fluchte, daß sie gehe. Sie hätte sie gern gehalten, denn war nicht hier ihre Aufgabe und ihre Heimat? Wie konnte sie dorthin gehen, wo ein unnennbares Grauen wohnte? Und doch küßte sie die bleichen Lippen, die immer sagten: ich muß doch, begreift es denn niemand?, und hieß sie gehen, obgleich es ein dunkles Rätsel war. Voller Rätsel war das Leben und auch voller Stürme. Der heitere Greis mit seinerprachtvollen Lust am Leben wurde dennoch vom Tod hingemäht, und auch sein Glanz war nicht ohne Trübung. Denn er hatte nie für die Zukunft gesorgt, weder für sich, noch für die Seinen. Sparen und vorsorgen schien ihm eine geringe und hausbackene Tugend zu sein für Krämer und enge Bürger recht, aber nicht für Könige, Lieblinge des Lebens und der Kunst. Er war bewundert gewesen, geliebt von Frauen und Männern, heiter, freigebig und voll gütiger Launen, aber es blieb nichts übrig für die geliebten Kinder seiner Tochter, die in Fülle und mit dem leuchtenden Sinn für das Schöne herangewachsen waren. Das alte Haus und der grüne Garten waren verkauft, es war nicht leicht, daran zu denken und nicht leicht, das geliebte Bild des alten Herrn ganz strahlend hell im Herzen zu haben.

Schwer und unbegreiflich war vieles im Leben; es meißelte weiche, jugendliche Züge und gab ihnen feste, bestimmte Linien, und es ließ lachende Augen, die überall den Sonnenschein auffingen, wach und wissend in den Tag sehen.

Das alles erfuhr ich erst nach und nach, aber etwas davon ging mir beim ersten Sehen auf, ein Ernst und eine reife Überlegenheit, vor der ich fast erschrak, denn ich hatte das nicht erwartet. Aber Gott sei Dank, es hatte das Jungsein doch noch daneben Platz oder vielmehr, es brach daraus hervor, wie eine verschüttete Pflanze aus wüstem Geröll oder wie der Saft aus einem zurückgeschnittenen Baum, der übermächtig treibt und die Wunden zudeckt mit neuen grünen Trieben. Es mußte ja nicht immer so düster kommen, man hatte ja sein eigenes Leben zu leben, das erst vor einem lagund in dem es gut und hell zugehen mußte, allem Dunklen zum Trotz.

Das alles gab mir Maidi nach und nach zu sehen und zu kosten, den Ernst und den Stolz und das Lachen, ich habe es aber gleich auf einmal heraufgeholt, weil ich meine, keinen Zug ihres geliebten Bildes verschweigen zu können, wenn ich von ihr rede, auch keinen Augenblick.

Sie war nicht auf der Malerakademie, wie meine Schwester Luise gemeint hatte, sondern in einer Kunstgewerbeschule, wo sie in absehbarer Zeit zu Beruf und eigenem Verdienst kommen konnte. Ihr Bruder, den sie sehr liebte, war irgendwo auf einer Hochschule, wozu ihm Stipendien verhalfen aus reichen alten Stiftungen eigener Vorfahren. Er war begabt, und sie war stolz auf ihn, sie war nicht im Zweifel, daß es einmal wieder gut kam im Leben.

Von dem allem erfuhr ich bei der ersten Begrüßung nur das Äußerlichste, so viel ungefähr, daß ich wußte, ich habe es nicht mit einem Wesen zu tun, das nach eigener Wahl und aus innerem Müssen den schönen Künsten nachfolge, sondern mit einem solchen, das genötigt sei, auf eigenen Füßen zu stehen und selbstverdientes Brot zu essen. Aber freilich mußte das Brot auf einem Acker gewachsen sein, dem es zwischen den Ähren nicht an rotem Mohn und blauen Kornblumen fehlte, denn ohne Schönheit wäre sie geistig oder seelisch Hungers gestorben.

Wir waren ein paarmal miteinander vor der Halle auf und ab gegangen, da noch etwas Zeit übrig war vor dem Beginn des Konzerts, und hatten das Nötigste vom Woher, Wohin und Wieso miteinander geredet, aber unversehens doch als solche,die einander etwas angehen. „Ist es nun nicht wunderbar,“ sagte Maidi, „daß wir Landsleute und Stadtkinder hier in der Fremde zusammentreffen? Hätte es nicht jedes von uns ebensoviele Stunden weit nach einer andern Richtung hinwehen und absetzen können, wo dann keines etwas vom andern gewußt hätte?“ Das sagte sie so drollig und mit sichtlicher Freude an dem Geschehen, daß ich erleichtert anfing zu lachen, denn ich mußte mir bildhaft vorstellen, wie uns der Wind nach verschiedenen Richtungen getragen und niedergelassen hätte, und Maidi fiel so herzlich in mein Lachen ein, als ob sie schon lang nicht mehr recht gelacht hätte und nun die erste Gelegenheit dazu ergreife. Dabei hatte sie auf einmal wieder die Züge, die ich gut an ihr kannte, es fiel mir ein, daß ich sie auch in der Konzerthalle zuerst lachend erblickt hatte, und ich teilte ihr das mit.

„Ja,“ sagte sie wieder ernsthaft und wie in einer kleinen Bekümmernis, „es hat vieles Platz nebeneinander in einem Menschen. Es wundert mich oft selber. Ich habe es an mir, daß mich das Komische, besonders wo es wichtig auftritt und sich breit macht, überwältigt und ich dann alle Kraft brauche, um die Lachlust zu unterdrücken. Das kann mir in der Kirche geschehen oder bei einem an sich traurigen Anlaß; ich bin schon bös damit hereingefallen. Es darf nur jemand ein großes Pathos entfalten oder eine strenge Amtsmiene aufsetzen bei einer unwichtigen Sache, oder schwänzelnd hinter einem Leichenwagen einherschreiten, gleich steigt es mir auf mit aller Macht. Es ist dann nur gut, wenn mein Bruder nicht in der Nähe ist, der es auch so hat. Allein werde ich eher damit fertig, es dauert dannnur einen Augenblick. Wenn ich ihn aber nur von hinten sehe, wie er mit den Achseln zuckt, so weiß ich schon Bescheid, nämlich daß er lautlos in sich hineinlacht, und dann bin ich verloren.“

Das alles sagte sie ernsthaft und als ob es ihr Not bereite, und es war vielleicht auch der Fall, aber es saß doch ein Schelm in ihren Augenwinkeln, und ich hätte uns jetzt gleich einen der beschriebenen Anlässe hergewünscht, um den Bruder zu vertreten, denn das war so recht eine Sache für mich. Das Zeichen erscholl, das die Sänger an ihren Platz rief, und Maidi enteilte mir, ich aber begab mich in der besten Laune zu meinen Sangesbrüdern, hochgestimmt und aufgeheitert zu gleicher Zeit.

Wenn – weil ich schon einmal das Meer zum Vergleich angeführt habe, für das Zusammenfließen so vieler und starker Tonmassen – im großen Weltmeer hie und da zwei aufblitzende Wellchen mit lustigen Schaumkrönlein einander von weitem erblicken und grüßen und darnach wieder untersinken in die weitausgereckten Arme des Meeres, so haben sie es, wie wir beide, Maidi und ich, an diesem Tage es hatten. Wir waren eins mit dem Ganzen und hingegeben an dasselbe, andächtig und voller Lust und doch auch wieder selber etwas, das mit Zunicken und freudigem Grüßen das andere suchte. Ich weiß, daß es nicht nur bei mir so war, es war auch in Maidi eine Freude, hier in der Fremde und in der Gegenwart, die so ganz anders war als die Heimat und die Vergangenheit, einen zu finden, der bis ins Kinderland zurückreichte; und so, erwärmt und heimatlich angerührt, sang sie sich, untertauchend und wieder emporgehoben, in eine still-beseeligteWonne hinein, wie sie mir später einmal mit aufleuchtenden Blicken erzählte. Als nun der Schlußchor einer Kantate und zugleich der des Abends kam und ein sieghaftes Getöne anhob, in dem immer eine Stimme der andern zurief: Frohlocket – und singet – und die andere es aufgriff und weitergab, bis zuletzt ein großes allgemeines Frohlocken entstand, das die Wände zu eng machte und in die Nacht hinausschallte, da war es uns eben recht, wir frohlockten und sangen – und sangen und frohlockten, so viel wir konnten, und hatten den starken Widerhall in der Brust. Es war mir aber, wie wenn ein helles, lustiges Glöcklein neben einem vollen Domgeläute für sich bimmelt, als ich auf einmal sah, wie über Maidis Gesicht mitten drin ein Lachen lief, das ich begierig war, noch oft zu sehen. Denn es gingen ihr neben allem Großen her kleine lustige Geisterchen, die stiegen auf und saßen rittlings auf den hohen Wogen, wie rosige Engelsbübchen; dann war sie köstlich anzusehen.

*

Es begab sich wie von selbst, daß ich von jetzt an öfter mit Maidi zusammen kam, die mich mit einer großen Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit an ihrem Leben teilnehmen ließ, soviel sich davon ereignen wollte. Sie stand in festen Schuhen, in viel festeren als ich. Als ihr Herkommen in seinen Grundlagen erschüttert worden war, da hatte sie sich auf sich selbst besonnen. Es war da noch etwas Eigenes, das nicht hinwegstarb und nicht verkauft werden konnte, ein köstlicher Besitz, mit dem es sich leben ließ. Ich muß etwas aus mirselber machen, wußte sie, und muß auf eigenen Füßen stehen. Sie sah klar in ihre Zukunft hinein und wußte, was sie wollte und was sie erreichen konnte, was mir stark imponierte, da es bei mir damit nicht zum Besten bestellt war. Zwar was ich wollte, wußte ich auch, wenn man das Wollen heißen kann, daß einer überzeugt ist, es müsse ihm alles Gute in den Schoß fallen oder vielmehr alles Angenehme. Ich war damit aufgewachsen, daß ich haben konnte, was ich begehrte, und gerade der Umstand, daß ein neues Verlangen immer auf der Schulter eines erfüllten Wunsches gestanden war, hatte mich daran gewöhnt, auch höher gehängte Dinge für erreichbar zu halten. Das war ja an sich nichts Unrichtiges, ich konnte ebensogut wie ein anderer gescheiter Kerl vorwärts kommen, es fragte sich nur, ob ich alle Kraft zusammennehmen und arbeiten wollte. Aber so war es nicht gemeint bei mir, denn das, was man so am ebenen Weg erreichen konnte, war nicht genug.

Es ist nicht angenehm, es mir zu unterbreiten, aber es hilft alles nichts: ich wollte eine Lebensstellung haben, in der ich geehrt und angesehen war in den Kreisen, die einen Zaun um sich zogen von Geld und von Bildung, und in einem schönen Hause wohnen mit einer eleganten, schönen und vornehmen Frau und was mehr zu dem allem gehörte.

Ich konnte es verlangen, daß es so kam, denn, war nicht seither auch eins aus dem andern gekommen bei mir, seit ich ein kleines Bübchen gewesen war? Also mußte es auch weiter gehen in aufsteigender Linie. Wie? Das wußte ich freilich nicht. Denn obgleich ich ja eigentlich ziemlichviel Selbstgefühl hatte, dachte ich doch nicht daran, die günstigen Wendungen in meinem Leben durch eigene Kraft herbeizuführen, sondern ich erwartete sie von glücklichen Zufällen oder Schickungen, die ja rechtzeitig eintreffen mußten. Ich hatte mir eine Art von Lebensanschauung zurecht gemacht, die der Bescheidenheit den Tod schwor und große Männer dabei zum Zeugen aufrief, freilich in ganz falschem Sinne, nämlich so, daß, wer mit einem niederen Los zufrieden sei, auch kein höheres verdiene, wer es aber in sich habe, den treibe es hinauf. Das wäre alles schon recht gewesen, wenn es mir um die Sache selbst und nicht um die Nebendinge zu tun gewesen wäre, und wenn mich ein inneres Feuer gedrängt hätte, als Meister und Schmied meines Schicksals aufzutreten und es so zu hämmern, wie ich es zu brauchen meinte, und wie es ins Einzelne auszuspinnen meine geschäftige Phantasie nicht müde wurde.

Ich habe, nachdem ich meine Lehrgelder bezahlt und meine Umwege gemacht habe, wohl gelernt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Damals hieß ich Schönheitssinn, was bereits ins Kraut geschossen und Begehrlichkeit geworden war, und Aufwärtsstreben, was erst recht am Boden klebte.

Nun, es ist mir nichts geschenkt worden.

Ich hütete mich wohl, meine Weisheiten vor Olbrich auszubreiten, der ja gerade ein Beispiel dafür gewesen wäre, wie innewohnende starke Kräfte Schicksalsleiter sind, und trug sie dagegen zu Maidi, zu der ich alles Zutrauen hatte, und die mich auch mit allem aufnahm, was ich vorbrachte, ohne mir aber blindlings recht zu geben, so daß sie sowohlmeine Zuflucht als auch mein Gewissen war, obgleich ich ihm freilich nicht folgte. Es zog mich zu ihr und vielleicht nicht am wenigsten darum, weil ich etwas von ihrer freudigen und ernsten Kraft spürte, die sie nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg wollen ließ, und die mir Respekt einflößte.

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Ich hatte oft das Gefühl, als ob ich Maidi bedauern müßte und mich glücklich preisen, da sich das Blatt so gewendet hatte, seit unsern Kindertagen. Denn hatte sie nicht alles gehabt und alles verloren, was mir wie ein fernes Paradies noch im Gedächtnis war? Und mußte sie nicht ihr schönes junges Leben nun in den Zeichensälen versitzen und auf ein Pflichtendasein ausgehen?

Und war ich nicht, der ich einstmals geweint hatte vor Scham über unser ärmliches Häuschen, auf dem besten Wege zu einer allerschönsten Villa (wenigstens in meinen Tagträumen)?

Ach, ich wußte nicht, um wie vieles sie mir voraus war, der ich noch so gar nicht geschult war im Lebenskampf, dem es an Erschütterungen äußerer und innerer Art bisher gänzlich gefehlt hatte, um zu irgendeiner Tiefe zu gelangen. Wie wenig kannte ich von den ernsteren Seiten des Lebens; wie wenig riß mich ein starkes Müssen auch nur in mir selbst zum Guten oder Bösen nach irgendeiner Seite. Ich war eine der sogenannten glücklichen Naturen, die von vielen so gern gesehen werden, weil es sich mit ihnen behaglich und ohne viel Reibung leben läßt, und denen das eigentliche Glück, das errungen sein will, so leicht entgeht, da sie es nicht zu rechter Zeiterkennen und dafür irgendeinem Scheingebilde nachgehen. Doch, was ich versäumt und gesündigt habe, habe ich bezahlen müssen. Und – wie ich auch gewesen sein mag, es war eine Zeit in meinem Leben, da Maidi mich liebte.

Ich habe oft versucht, mich mit diesem Wort wie mit einem Schilde zu decken und bin gewiß, daß Maidi, wenn sie könnte, trotz allem, was ich ihr angetan habe, sagen würde: „Tue es nur, denn es ist wahr, und ich wußte wohl, was ich tat, als ich dich liebte.“

Aber der Schild kann mich nicht vor mir selber schützen, und Maidi kann ihn nicht über mich halten. Wenn ich in grauen Stunden über das lieblichste und traurigste Kapitel meines Lebens nachsinne, so höhnt etwas in mir: Kann auch einer, der im Angesicht der Sonne schlimme Taten verübte, ja die Sonne selber gering achtete, sich trösten, daß er doch von ihr beschienen worden sei und es also wert gewesen sein müsse?

Dann aber sagt eine liebe Stimme: „Gräme dich nicht länger. Wir tragen alle unser Schicksal in uns selber und müssen es vollenden. Das war das Liebste an meiner Liebe, daß ich dich vor dir selber schützen wollte; nun tue du es selbst.“

Ich mußte das vorausschicken, um mir Mut zu machen für das, was ich nun aufschreiben will, und was ich gern verschieben möchte, wie Kinder tun, wenn sie eine Dummheit oder Bosheit bekennen sollen und tausend Umschweife machen, ehe sie mit der Sprache herausrücken. Ein unverschuldetes Unglück verhehlen sie nicht, sondern verkündigen es mit lautem Geschrei des guten Gewissens.

Maidi hatte, als sie die Kunstgewerbeschule bezog, etwas mitgebracht, was ihr ebenso nützlich war, wie der kleine Vermögensrest, von dem sie die paar Jahre leben und ihre Studiengelder bestreiten konnte. Es konnte nicht verborgen bleiben, daß sie in einer Umgebung aufgewachsen war, in der die Kunst oberste Regentin war, und zwar die frei schaffende Kunst, die ohne Nebenzweck und nur vom Genius befruchtet, Schönstes und Lebendigstes schafft, die aber doch, eben wenn ein wirklicher Künstler sie besitzt, das Technische, Handwerksmäßige ebenso wichtig nimmt und beherrscht wie das geistige.

Es mußte auffallen, mit welch raschem Verständnis Maidi den Anweisungen der Lehrer in den praktischen Fächern entgegenkam und wie sie sich, zwar bescheiden, aber auf Grund einsichtigen Nachdenkens, hie und da erlaubte, eine kleine Änderung in einer Sache vorzuschlagen, die man ihrer Meinung nach auch anders angreifen konnte. Auch mochte es ungewöhnlich zu sehen sein, wie sie bei Anhörung der theoretischen Vorträge, die ihr Studium betrafen, entweder mit dem lebhaften Interesse dessen, der schon die nötigen Grundlagen hat und darum leicht folgen kann, oder mit dem einverstandenen Lächeln und Kopfnicken dessen, der Bekanntes neu vortragen hört, dasaß. So dauerte es nur kurze Zeit, bis sie vom Direktor der Anstalt nach ihrem Herkommen befragt wurde, und, als sie den Namen ihres Großvaters nannte, von ihm in einer gewissen Art und Sprache, wie sie eine Kaste untereinander hat, angeredet und behandelt wurde. Er lud sie auch bei Gelegenheit in seine Familie ein, und seine Frau war es, die Maidi ihrerseits in denSingverein eingeführt hatte. Diesem trat sie aber nicht als ordentliches Mitglied bei, sondern beteiligte sich nur bei besonderen Anlässen an den Chorgesängen. Auch benützte sie ganz selten die Gelegenheit, in der Familie des Direktors einer größeren Geselligkeit beizuwohnen, obgleich ihr diese offen gestanden wäre. Beidem aber entzog sie sich mit einer ruhigen Bestimmtheit, die mich aufs neue in Erstaunen setzte, und die wohl zeigte, wie gut sie wußte, was sie wollte und auch was sie nicht wollte. Denn als ich sie einmal fragte, ob sie das alles ihrer Arbeit zulieb unterlasse, auf die sie auch ihre Abendstunden vielfach verwendete, sagte sie lachend: „Es ist gut, daß ich sie vorschieben kann, aber wenn mich etwas so recht von Herzen locken würde, so würde ich ebensogut bummeln und Nebendinge treiben, wie Sie.“ Das traf mich einigermaßen, denn ich glaubte meinem Beruf auch die nötige Pflege angedeihen zu lassen, und ich sagte es auch. Maidi aber fuhr fort, ein Muster, das sie heut entworfen hatte, in Kerbschnitt auszuführen, und sagte, nicht von der Arbeit aufblickend: „Es ist verschieden, was man unter nötig versteht. Mancher hält nur für nötig, daß er seine Schuldigkeit tut, und mancher ist unzufrieden mit allem, was er außer dem einen tun muß, es kommt darauf an, wie stark man mit einer Sache verheiratet ist.“ „Und Sie also glauben, stärker mit Ihren Kerbschneidereien verheiratet zu sein, als ich es mit meinen Büchern bin?“ sagte ich zänkisch, denn ich wollte auf keine Weise unten durch sein. „Dann lassen Sie sich nur sagen, daß ich mir an die andere Hand mit der Zeit noch eine Frau antrauen lassen werdeund vergnügt mit beiden zu leben gedenke; Sie aber, werden Ihre Künste verlassen, sobald der Rechte kommt, der Sie heiraten wird.“

Ich war selbst betroffen, als mir das törichte und flegelhafte Gerede entfahren war und hätte es gern ungeschehen gemacht; denn ich dachte im Herzen gar nicht so, im Gegenteil reizte es mich, daß Maidi ihrer Sache so sicher war.

Sie schien mir oft viel mehr als ein guter Kamerad, denn als eine junge Dame, und das um ihrer eifrigen Berufsarbeit willen; sonst war sie ja schön und lieb und bewunderungswürdig genug.

Jetzt aber sah ich, wie Gesicht und Nacken der gebückt Dasitzenden langsam von einem lichten Rot bedeckt wurde, das sich tiefer färbte und ebenso langsam wieder zurückging. Maidi rührte sich nicht, aber ihre Hände zitterten ganz leise, fast unmerklich.

Da kam es mir mit einer leichten und warmen Wallung herauf: „Sie ist doch auch eine Frau und hat alles in sich, was zu einer solchen gehört, ich aber bin ein Esel von der besseren Sorte,“ und das letztere sprach ich auch reumütig aus.

Da blickte Maidi auf und sah mich an, zuerst mit zornig zusammengezogenen Brauen, dann mit einer kleinen, bösen aber lustigen Grimasse und sagte: „Stimmt,“ worauf wir beide anfingen, zu lachen, ich in einer unsäglichen Erleichterung. Darauf besprachen wir einen Sonntagsausflug, an dem sich diesmal Olbrich beteiligen wollte, den ich mit Maidi bekannt gemacht hatte, und plötzlich sagte Maidi nachdenklich: „Eigentlich, wenn ich's recht überlege, bummle ich doch auch ziemlich viel und zwar mit Ihnen, ich weiß nicht, was Sie wollen,“und dann lachten wir aufs neue, denn es kam nicht darauf an, ob es klug oder dumm geredet war, wir mußten nur gute Freunde sein.

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Olbrich machte sich sehr gut als Wandergenosse. Wir waren mit der Bahn, wie wir öfters taten, bis an einen Punkt gefahren, von dem aus wir das Gebirge leicht erreichen konnten, und stiegen nun frisch bergan, denn wir hatten uns einen ziemlich weiten Weg vorgenommen. Da war es nun Olbrich, der meinen allzuweit ausgreifenden Schritt durch seinen gemäßigteren hemmte. Ich hatte nie daran gedacht, daß es für Maidi vielleicht beschwerlich sein könnte, so ohne Schonung der Kräfte drauf los zu steigen, wie ich ja überhaupt nicht die Anlage hatte, nach anderer Leute Möglichkeiten zu fragen, solange sie sich nicht beschwerten. Olbrich aber zeigte sich von einer aufmerksamen Ritterlichkeit, die mir auffiel, weil ich sie selber nicht besaß, und zwang mich nur durch sein Wesen, nun auch die Augen aufzumachen. Da sah ich denn freilich, daß Maidi eine helle Röte im Gesicht hatte und viel kürzer und schneller atmete als wir, und ich stellte auch diese meine Bemerkung fest. Sie lachte mich aber aus, da es, wie sie sagte, damit an andern Tagen viel schlimmer gewesen sei, und das heutige Tempo ihr sehr zusage, und fügte, wie etwas Nebensächliches, hinzu, sie habe einen kleinen Herzfehler, der aber nicht viel ausmache, da schon verschiedene Personen in ihrer Familie mit einem solchen alt geworden seien. „Und ich denke auch alt damit zu werden,“ sagte sie triumphierend, „denn ich habe eine solcheLebenslust in mir, daß alles Krankhafte davor ducken muß. Ich glaube, man kann es überwinden durch den Willen zum Gesundsein und durch die Übung aller Kräfte,“ und dabei reckte sie sich hoch auf und warf den Kopf in der ihr eigenen sieghaften Weise zurück, daß ich tatsächlich dachte, sie sei jedem Feind in sich gewachsen und habe es in der Hand, zu leben, so lange sie wollte, obgleich ich ein kleines Unbehagen über ihren Herzfehler nicht zu unterdrücken vermochte. Oder vielmehr war es ein halb ärgerliches Staunen darüber, daß das blühende und vollwertige Wesen da neben mir eine Beschädigung mit sich herumtrage; es war, wie wenn man beim Anstoßen an einem schönen Kristallglas ein ganz feines Klirren hört, das von einem noch verborgenen Riß zeugt. Er ist noch nicht mit den Augen wahrnehmbar, aber man weiß, daß er da ist, und das Glas kann eines Tages in Stücke gehen. Doch kam ich schnell über das dunkle Unlustgefühl hinüber, da ja Maidi selber nichts aus der Sache machte, und auch auf dem jetzt erreichten Höhenweg leicht und mühelos neben uns herging.

Olbrich aber sagte trocken und fast väterlich: „Sie müssen dann nur Ihr Herz vor großen Strapazen bewahren, die mag es nicht leiden,“ und meinte damit das körperliche Herz, das sie ein wenig schonhaft halten sollte; aber es fiel doch uns allen dreien ein, daß die Ausführung dieses Rates bedeuten würde, das ganze stark lebendige Menschenkind von den Gluten und Stürmen des Schicksals abzuschließen unter einer Glasglocke zahmer Vorsicht und Selbstbewachung, wozu sich Maidi gar nicht eignete. Sie schüttelte auch den Kopf und sagte: „Schonen,würde ich nicht leben heißen,“ und brachte das Gespräch absichtlich auf andere Dinge. Unter anderem beschrieb sie Olbrich und mir, der ich nicht viel mehr davon wußte, als er, ihr großväterliches Haus von außen und innen, die breiten Treppen mit dem geschnitzten Geländer, den großen Vorplatz mit den Stuckdecken und den Flügeltüren, was alles deutlich von den alten Geschlechtern sprach, die sich das Haus erbaut und ausgeschmückt und die es bewohnt hatten. „Wir selbst waren andere, als sie, und nun wohnen wieder andere darin,“ sagte Maidi, und obgleich ihre ganze Beschreibung lebhaft und farbig gewesen war, merkte man jetzt plötzlich an ihrem Ton und Gesichtsausdruck, daß sie von Heimweh und Trauer nach dem Gewesenen ergriffen war. Sie schwieg eine Weile, und ich sah Olbrichs Augen mit bewundernder und bewegter Zärtlichkeit auf ihr liegen; Maidi konnte das aber nicht gewahr werden. Sie ging wohl in Gedanken die Treppe hinunter und durch das schmale Seitentürchen in den grünen Garten hinaus, der mir immer noch als Bild des Paradieses vor Augen schwebte. Aber lange konnte das nicht dauern; es kehrte ein heller Schein in ihre Augen zurück, und sie sagte: „Auf dem oberen Boden ist noch eine große Rumpelkammer voll schöner Sachen, die uns gehören, meinem Bruder und mir: Bilder und Geräte, Zinn- und Silbersachen, die wir besonders lieben, ein paar geschnitzte Lehnstühle und eine eichene Truhe voller Teppiche und Kissen; das alles wartet auf uns und steht jetzt im Dunkeln, denn die Fensterladen sind geschlossen. Am leidesten tun mir die schönen Bilder, die mit dem Gesicht an der Wandlehnen und die wohl gar nicht begreifen können, wo die Leute hingekommen sind, die immer so fröhlich unter ihnen herumgingen.“ Sie lächelte uns an, wie entschuldigend, daß sie von solchen Dingen redete, die uns vielleicht fern und fremd sein konnten, und ich wunderte mich heut zum zweitenmal über Maidi, da sie weich und fein und verletzlich war, von sehnlichem Gemüt, und nicht nur Kraft, Willen und freudige Sicherheit besaß. Aber sie war mir so um so lieber; ich konnte mich gar nicht ersättigen, sie reden zu hören und sie anzusehen, und ich wunderte mich nicht über Olbrich, dem es auch so ging, ja der sie von Zeit zu Zeit verstohlen ansah, wie ein seltenes Wunder.

Ich erinnere mich eines schönen Platzes, an dem wir einige Zeit rasteten und ein mitgenommenes Vesperbrot aßen. Maidi teilte es aus und war so heiter wie nur je, was dann uns wieder zu allerlei Scherzen und Neckereien anfeuerte, in denen die ungewohnte Rührung und Herzbewegung bald unterging. Wir saßen unter einer Gruppe von hohen, schlanken Kiefern, die eine kleine, steil abfallende Waldlichtung bekrönten. Über diese Lichtung hin ging der Blick in ein jenseitiges Flußtal, aus dem sich wieder Berge erhoben, mit dunklen Wäldern bedeckt und hinter ihnen neue Höhenzüge, blau verschleiert; es sah aus, als sollte es so in die Unendlichkeit hinein fortgehen. Der Fluß, der hier ein geringes Gefälle hatte, schien ganz still in seinem Bette zu liegen, an das sich junger Wald nahe herzudrängte; auf einer der ferneren Höhen lag ein Dorf oder ein kleines Städtchen mit Resten einer alten Befestigung, deren zerbrochene Mauernvon dunklen Bäumen beschattet waren, und zwischen denen ein trotziger Kirchturm schwer und ungefüge heraussah. Das Ganze aber lag unter dem blauen Septemberhimmel in der goldensten Sonne und winkte von seiner Ferne her, seltsam verlockend zu uns herüber, so daß wir erwogen, ob wir es nicht einmal aufsuchen wollten, denn damals waren unsere Wanderfüße gelüstig nach allen Höhen und Fernen.

„Ach, ich weiß nicht,“ sagte Maidi, „von nahem ist es vielleicht nicht mehr so schön, wir können uns aber von weitem alles Schönste hinter den alten Mauern denken.“ Sie hatte sich im blühenden Heidekraut ausgestreckt und sah, die Arme unter dem Kopf verschränkt, zwischen den Bäumen durch zum blauen Himmel auf, fing aber bald an, zu blinzeln und schloß mit einem wohlig tiefen Seufzer die Augen.

Da legten auch wir uns nieder und wenigstens ich war bald eingeschlafen.

Es war mir aber nach einiger Zeit, als ob ich im Traum einen lieblichen Gesang vernehme, der verhallen müßte, wenn ich mich rühre, und ich hielt mich auch noch auf der Schwelle des Erwachens ganz still; es war mir unsäglich wohl zumute dabei. Als ich aber dann dennoch die Augen aufschlug, sah ich Maidi ein Stückchen entfernt von uns am äußersten Rande des Abhangs stehen mit in die Ferne gerichteten Augen und hörte sie ein Lied singen in einer Melodie, die ich noch nie gehört hatte, und von der mir jetzt noch hie und da verwehte Bruchstücke in der Erinnerung anläuten, lieblich und voller Heimweh. Im Tale geisteten schon die frühenAbendnebel um den Fluß und das junge Erlengebüsch an den Ufern, die Häuser und Türme auf dem Berge aber waren von der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht, und Maidi sang: „Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet.“ Aber ob sie in Wahrheit eine unsichtbare Ferne suchte und wo diese lag, wußte ich nicht, und nun kann ich sie auch nicht mehr fragen. Sie kehrte sich zu uns her und wir stiegen unsern Weg nieder, der sich bald ins Tal senkte, in die Abendschatten.

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Solcher Gänge zu allen Jahreszeiten könnte ich noch viele beschreiben; es sähe dann aus, als ob die Zeit stillgestanden wäre, um uns eine Weile jung und heiter und schicksalslos sein zu lassen. Aber das tat sie nicht, sondern sie ging ihren gemessenen Schritt und nahm uns alle mit, jeden in sein Verhängnis hinein.

Olbrich war eine Zeitlang als der fröhlichste Kamerad bei allem dabeigewesen, und ich dachte oft mit Befriedigung, so müßte es immer fortgehen. Denn ich lebte wie ein Schlaraffe in den Tag hinein zwischen den liebsten und erfreulichsten Menschen hin und hatte dabei immer noch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor mir, was mir vor allem zusagte. Maidi und Olbrich hatten diesen Ausdruck, den ich hie und da genießerisch gebrauchte, wie man einen besonderen Leckerbissen auf der Zunge zergehen läßt, von mir aufgefangen und neckten mich damit, was ich mir gerne gefallen ließ; doch hatten sie ja immerhin so viel Freiheit des Handelns wie ich, und ich sagte ihnen das auch. Maidi konnte aber bei einem solchen Gesprächaus aller glücklichen Heiterkeit heraus ernst werden und leise den Kopf schütteln, denn sie wußte gut genug, was es mit den unbegrenzten Lebensmöglichkeiten und der Freiheit auf sich hat. Das Furchtbarste konnte plötzlich wahr werden und auf dem Wege stehen unausweichlich; einzig tätig zu sein und unablässig den Schatz in sich selbst zu vermehren durch Lernen und Arbeiten, gab etwas wie eine Sicherheit.

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Wir waren eine Zeitlang wegen anhaltend regnerischen Wetters nicht mehr ausgeflogen; jetzt hatten kräftige Winde den Boden wieder aufgetrocknet, und ich sehnte mich darnach, einen tüchtigen Marsch zu machen und zugleich einen jungen Buchenwald, den ich besonders liebte, wieder zu sehen. Denn er mußte, da es Frühling war, während des Regenwetters grün geworden sein, und ihn so im ersten Schmuck zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich kam mit Olbrich aus einer Singstunde, und wir lenkten fast von selber unsere Schritte an dem Haus vorbei, in dem Maidi wohnte. „Vielleicht ist sie noch auf, und wir können sie fragen,“ sagte ich; denn es war selbstverständlich, daß sie an dem Gang teilnehmen mußte. Aber ihre Fenster in der Mansarde des kleinen Hauses waren schon dunkel, nur unten schien noch Licht durch geschlossene Fensterladen, und als wir näher kamen, hörten wir ein Kinderweinen. Da kamen auch gerade eilige Schritte hinter uns her, und als sie uns einholten, war es Rosa, das Dienstmädchen der jungen Pfarrerswitwe, der das Häuschen gehörte, und bei der Maidi in Kost und Wohnung war. Sie kannteuns gut, denn sie hatte uns schon manchesmal die Treppe zum Oberstock hinaufgeleuchtet; besonders mir, von dem sie wußte, daß ich Maidis Landsmann und Kindheitsbekannter war, galt ihr halb vertraulicher Gruß.

Sie sagte unaufgefordert und etwas erregt, das Fräulein sei unten in der Kinderschlafstube. Es sei eines der Kinder erkrankt, und die Mutter sei auf zwei Tage verreist; nun habe sie, Rosa, in die Apotheke gehen müssen, um ein Mittel, das die Frau gewöhnlich anwende, zu holen, da es gerade nicht im Hause gewesen sei; das Fräulein aber sei einstweilen bei den Kindern geblieben, die ohnehin an ihr hängen, fast wie an der Mutter, oder doch wenigstens wie an ihr, der Rosa.

Ich hörte nur halb nach dem Bericht hin, da mich nur das eine daran interessierte, daß Maidi noch auf und also zu sprechen sei und sagte der Rosa, wir hätten etwas Dringendes zu fragen, worüber sie sich trotz der späten Stunde nicht besonders zu wundern schien. Sie ließ uns ins Haus und ins Wohnzimmer eintreten, und bei dem Geräusch unserer Schritte und Stimmen kam Maidi aus dem anstoßenden Schlafzimmer, um zu sehen, was es gebe. Sie hatte das kranke Kind auf dem Arm; es war in eine leichte Steppdecke eingewickelt und hatte das Köpfchen auf Maidis Schulter liegen, hob es aber auf, um uns neugierig anzublinzeln und hielt mit dem kläglichen Weinen, das wir eben noch gehört hatten, eine Weile ein, da es über dem neuen Anblick sein Übelbefinden auf kurze Zeit vergaß. Erst an Maidis erstaunten und etwas erschreckten Augen, die zu fragen schienen, was es denn so spät nochgebe, fiel es mir ein, daß der Besuch zu dieser Stunde nicht üblich sei, und ich brachte unser Anliegen schleunigst vor, um wenigstens einen triftigen Grund dafür angeben zu können. Da brach Maidi in ein herzliches Lachen aus, das mich aus der kleinen Verlegenheit erlöste, wie schon oft in ähnlichen Fällen, und sagte: „Gott sei Dank! Ich habe schon an irgendein Unglück gedacht, das ich heute nacht noch erfahren sollte; es geschehe nichts Schlimmeres als das. Wohin soll's denn gehen? Natürlich gehe ich mit, ich habe lang genug keinen frischen Wind mehr gespürt.“

Das Kind hatte offenbar aufmerksam zugehört, aber nur das eine aus Maidis Rede entnommen, daß sie irgendwohin mitgehen wolle; nun brach es aufs neue in einen hilflosen Jammer aus, umklammerte mit beiden Armen ihren Hals und schluchzte: „Nein, du sollst nicht mitgehen, du sollst dableiben,“ welche Worte es nun unaufhörlich wiederholte in immer kläglicheren Tönen. Maidi setzte sich mit dem Bübchen aufs Sofa, bettete es bequem auf ihren Schoß und sagte tröstlich: „Nein, nein, ich gehe ja nicht fort, ich bleibe bei dir,“ und trocknete das tränennasse Kindergesicht mit ihrem Tüchlein, fortwährend sanfte, liebkosende Worte oder Laute halb singend und halb sprechend dabei hervorbringend, was alles miteinander unbeschreiblich lieblich anzusehen und anzuhören war. Sie hatte ein weiches, hellblaues Morgenkleid an, in dessen Falten das Bübchen lag wie in dem Mantel einer Muttergottes auf einem Altarbild, und ich hätte mich am liebsten behaglich niedergelassen, um das holde Schauspiel recht ausführlich zu genießen; es kamaber unversehens auf bloßen Füßen der Bruder des Schoßkindes aus dem Schlafzimmer gepatscht und rief zornentbrannt: „Geht doch fort, geht doch heim,“ denn er meinte, eben aus dem Schlaf erwacht, wir hätten den ganzen Jammer veranstaltet. Maidi zog auch den andern Hemdenmatz mit der freien Hand an sich und redete ihm zu, ins Bett zurückzukehren, es seien lauter gute Leute hier, wir fühlten uns aber dann doch überflüssig und nahmen Abschied. Das heißt, das Ganze, sowohl das Kommen, als das Bleiben und Gehen ging von mir aus, denn Olbrich hatte sich bei allem ganz als Zuschauer betragen, was sonst seine Art nicht war. Ich sah ihn, als ich ihm zum Aufbrechen winkte, am Fenster stehen, die Augen ganz versunken auf der kleinen Gruppe liegend, und ebenso versunken, wie ein Nachtwandler, gab er Maidi die Hand zum Abschied; die ganze Abmachung hatte er mir überlassen.

Auf der Straße ging er eine Weile stumm neben mir her, dann sagte er wie beiläufig: „Ich habe noch vergessen, dir zu sagen, daß der Chef mir die erledigte Stelle in der philologischen Abteilung des Verlags angeboten hat. Sie ist auf Dauer; ich müßte mich auf eine Reihe von Jahren verpflichten.“ „Und?“ fragte ich gespannt; es war mir aber kaum zweifelhaft, daß sich der Vogel, der schon lange die Schwingen zum Weiterfliegen hob, nicht würde anbinden lassen, so verlockend manchem andern das Anerbieten gewesen wäre.

„Ach, ich weiß noch nicht,“ sagte er, und es war, als unterdrücke er eine heftige Bewegung, irgendeine Ungeduld oder dergleichen. „Frage mich nicht. Wenn ich es dann selber weiß, sage ich'sdir. Es hängt noch von einer Sache ab, die zuerst entschieden sein muß.“

Ich hätte dennoch gern gefragt, welche Sache das sei, denn es schien mir seit einiger Zeit, als trage er etwas mit sich herum, das ich wissen müsse. Er war wechselnd in seinem Wesen geworden, oft zerstreut und wie gedankenabwesend, lässig und weich im Gegensatz zu seiner sonst straffen, herrischen Art und in Gesellschaft schweigsam, was er denn mit Willen wieder alles von sich warf, um lustig und übermütig zu sein, so daß ich mich nicht recht mit ihm auskannte.

Er fing aber plötzlich an, lange Schritte zu machen und verabschiedete sich bald von mir, so daß ich nicht mehr zum Wort kam und meinen Weg nachdenklich allein fortsetzte, denn der richtige Grund für sein verändertes Wesen war mir noch nicht eingefallen.

Es hat mich nachher oft gewundert, daß ich so blind gewesen sei, nicht zu merken, wie er ganz in Liebe für Maidi erglüht war, und ich konnte es mir dann nur dadurch erklären, daß ich ihn bei früheren Liebessachen so ganz anders gesehen hatte: spielerisch, übermütig und in strahlender Laune, die nur freilich bald in Unlust oder Langeweile überging, da ihn noch nichts recht auf die Dauer gefesselt hatte. Aber es war auch allerdings noch keine Maidi dabei gewesen.

*

Am andern Tag sagte Olbrich über das Pult herüber, an dem wir beide arbeiteten: „Wartet morgen früh nicht auf mich, ich habe anders über den Sonntag verfügt und kann nicht mitkommen.“ Ich sah enttäuscht und etwas geärgert auf und hatte einescharfe Entgegnung über seine schwankenden Launen auf der Zunge, unterdrückte sie aber, als ich sein bleiches, überwachtes Gesicht sah, aus dem die Augen in einer fremden Glut heraus brannten. „Bist du krank?“ fragte ich unwillkürlich, aber er schüttelte den Kopf und lächelte mich an, wie er ganz selten tat, und wie es jedesmal mein ganzes Herz gewann.

„Armer Kerl, ich plage dich,“ sagte er gedämpft, daß die Herren im nächsten Zimmer es nicht hören sollten, „doch auch mich selber. Warte noch ein Weilchen, es wird dann schon wieder recht.“ Und ich war zufrieden und dachte, er sei ja doch mein Herzensfreund, es solle mich nichts an ihm stören; es tat mir aber leid, daß wir morgen nicht zu dreien ausflogen, denn man konnte nicht wissen, wie lang wir einander noch in der Nähe hatten.

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Ich nahm mir vor, mit Maidi von Olbrichs verändertem Wesen zu reden; ich wollte wissen, ob sie es auch bemerkt habe; es mußte ja der Fall sein, sie konnten es für gewöhnlich gut miteinander, ja so gut, daß ich schon manchmal mit einer kleinen Eifersucht neben ihnen hergegangen war, wenn sich ihr lebhaftes Gespräch um Dinge drehte, die mir im Leben verschlossen geblieben waren. Es hatte aber nie lang gedauert, denn Maidi spürte es immer gleich, wenn ich nicht ganz mit im Takte ging und wechselte den Schritt mir zuliebe, auch in der Unterhaltung.

Es kam aber ganz anders an diesem schönen Morgen, als ich gedacht hatte. Ich traf Maidi zwar sonntäglich angetan, aber noch nicht wandermäßiggerüstet und sagte scherzend, es sei gut, daß Olbrich nicht dabei sei, der das Warten nicht gut ertragen könne. Er gehe nämlich nicht mit.

„Ja, ich weiß,“ sagte Maidi, „er hat es mir mitgeteilt. Sie müssen aber heute den schönen Wald auch von mir grüßen, denn ich kann leider auch nicht ausfliegen. Ich hatte mich schon so gefreut, aber es ist nichts. Die Frau Pfarrer ist unterwegs aufgehalten worden und kommt erst morgen zurück. Und das Kind ist immer noch nicht wohl; es hat eine schlechte Nacht gehabt, und ich bin nicht ruhig, wenn ich gehe.“ Sie sah mich dabei lieb und klar an, aber sie war blaß und hatte dunkle Ringe unter den Augen, die freilich vom ungewohnten Schlafbrechen kommen konnten, die mich aber plötzlich an Olbrichs gleichfalls schlechtes Aussehen mahnten und einen Zusammenhang damit zu haben schienen. Wenigstens schoß mir in der großen Enttäuschung, die mir Maidis Absage schuf, und dem Ärger, den ich darüber empfand, ein ungewohntes Mißtrauen durchs Herz und eine Lust, ihr weh zu tun. Ich sagte bissig, es scheine sich ihr nicht mehr zu lohnen, mit mir allein zu gehen. Das Kind werde so gefährlich krank nicht sein, und je nachdem Leute mitgegangen wären, hätte sie es auch wohl verlassen, sie sei ja nicht seine Kinderfrau. Maidi zuckte zusammen wie unter einem Schlag, und ehe sie es verhindern konnte, schossen ihr Tränen in die Augen, was ihr wohl nicht geschehen wäre, wenn sie nicht durch Sorge und Nachtwachen übermüdet gewesen wäre. Sie fand in ihrem schmerzlichen Schreck bei meinem Überfall nicht gleich ein Wort der Entgegnung und sah mich blaß und hilflos an; aber ich spürte plötzlich einebrennende Eifersucht in mir, die mich blind machte gegen ihr rührendes Bild, denn es dünkte mich, da sie nichts erwiderte, als ob ich recht hätte und sie Olbrichs wegen zu Hause bliebe, ja es dämmerte mir, die beiden hätten sich verabredet hinter meinem Rücken, heute ohne mich beisammen zu sein, was alles mich aus blauer Luft anfiel und mich peinigte wie ein Hornissenschwarm, so daß ich alles vergaß, Respekt und schuldige Ehrerbietung sowohl als Freundschaft, Liebe und Zutrauen. Ich wußte mich gar nicht zu wehren, denn es war mir selber alles neu, und ich hätte vielleicht ungeheure Beschuldigungen, die ich innerlich erhob und zu denen ich gar kein Recht hatte, hervorgestoßen, wenn mir nicht Maidi die Hand auf den Arm gelegt und mich flehentlich angesehen hätte.

„O still,“ sagte sie leise und mit zitternder Stimme, „so dürfen Sie nicht reden. Es ist nicht, wie Sie meinen, es ist alles ganz anders.“

Auf ihrem Gesicht kam und ging eine schnelle Röte, und es liefen ihr ein paar Tränen herunter, die sie nicht aufhalten konnte; ich sah an allem, daß sie litt, und das tat mir sonderbar wohl, denn ich litt ja auch.

Es kehrte sich aber nun mit einemmal der Stachel gegen mich selbst, denn ich mußte ihr aufs Wort glauben und war also ein Unhold gewesen, und sie konnte nun tief beleidigt sein. Da faßte ich ihre Hand, die eiskalt war, und sagte bestürzt: „Was soll ich tun? Ich habe von dem allem vorher nichts gewußt, es ist auf einmal gekommen.“ Denn ich meinte, sie habe alle meine Gedanken gelesen, und es wird wohl auch so gewesen sein.

Maidi zog leise ihre Hand zurück. Sie lehnte an der Wand und wartete eine kleine Weile, dann sagte sie: „Gehen Sie jetzt. Sie müssen gut von mir denken. Machen Sie einen schönen, weiten Weg.“ Ich sah sie verlangend an, denn es mußte noch etwas kommen, aber im Nebenzimmer rief das Bübchen: „Maidi!“, und sie nickte mir noch einmal zu, ohne Kränkung jetzt, wie mir schien, gut und ernst, und ging zu dem Kinde. Das hatte es gut, denn es durfte unwillig sein und maßleidig bei Tag und Nacht, und sie blieb doch bei ihm, ja sang ihm Lieder und trug es herum, ich aber mußte gehen und meiner selbst Herr werden, es half mir niemand.

Da hatte ich nun meine Arbeit auf unterwegs. Am liebsten wäre ich heimgegangen in meine Stube, aber dort war es nicht anders als draußen, ich mußte den Tumult in mir anhören und damit aufräumen, und das war nicht leicht, vielleicht ging es im Freien doch besser damit. Es läutete auch in die Kirche, als ich durch die Straßen ging. An einer kam ich vorbei, dort hatte schon das Orgelspiel eingesetzt, und viele Menschen gingen in Sonntagskleidern durch die offenen Türen; es gelüstete mich einen Augenblick, ihnen zu folgen, denn das Orgelbrausen lockte mich an, und vielleicht konnte ich das üble Gefühl, das ich von mir selber hatte, dort drinnen los werden. Aber ich ging dann doch vorbei und kam ins Freie und in langem Ausschreiten durch ein Wiesental und über einen Bach, dessen Ränder ganz gelb von Dotterblumen waren, an den Berg und auch hinauf und in den Wald, der richtig im festlichen lichten Grün prangte und mit den grausilbernen Stämmen dastand wie eine wartende Hochzeitsgesellschaft. Es standenBlumen genug dazwischen, Knabenkraut und Leberblümchen und die lieben blauen Sterne der Szilla, die hatte ich heute wieder begrüßen wollen nach dem langen Winter und mit den Freunden den Frühling feiern. Der war auch da und war so schön wie je. Buchfinken saßen auf schwanken Ästen und riefen mir zu: „Jetzt, jetzt bin i wieder kreuzfidel,“ wie wir bei uns daheim ihren Schlag deuteten; und Ammern pfiffen: „d' Zit isch do, d' Zit isch do.“

Aber es war alles ganz anders, als ich gemeint hatte und auch als ich sonst je erfahren hatte. Wie konnte das sein, daß man morgens aus dem Haus ging mit ruhigem und freudigem Gemüte und einen schönen Tag vor sich zu haben glaubte mit dem liebsten und feinsten Mädchen, das es gab, und daß auf einmal Brunnen in einem aufbrachen, die ein dunkles und bitteres Wasser ausströmten, und Mißtrauen das Haupt erhob, wo man einig und voller Freundschaft gewesen war? Und wo kam es her, daß man einem Menschen, dem man alles Liebe hätte antun mögen, weh tat, fast mit Lust?

Nun ging ich hier durch die lichten Hallen des Frühlingswaldes und war unglücklich genug und hätte gern jemanden gehabt, dem ich die Schuld daran hätte geben können. Aber es gab niemanden als mich selbst, und doch war mir alles fremd. Da suchte ich in mir selber, ob ich es fände, und es fielen mir ein paar Gelegenheiten ein aus meiner Kindheit, wo ich in plötzlichem Zorn einmal meine Schwester Helene geschlagen und einmal meiner Mutter ein abscheuliches Wort gesagt hatte und auch nachher unglücklich gewesen war. Meine Mutter hatte damals gesagt, ich soll mich vor dem Zornteufelchen in acht nehmen,das nur leise in mir schlafe, und hatte mich ein Verslein oder Gebetlein gelehrt, das dahin lautete, Gott solle mich zu einem frommen Kind machen oder sonst lieber gar nicht aufwachsen lassen.

Aber ich war jetzt doch da und konnte nicht wissen, was für dunkle Ungetüme noch im Untergrund meines Wesens auf ihren Augenblick warteten. Vielleicht mußte ich einmal einen Menschen totschlagen oder einen Meineid schwören, obgleich ich weder das eine noch das andere wollte, es konnte mich aber ebenso dunkel überfallen. Das Schicksal konnte es wollen, und nachher mußte ich bezahlen. Da kam ich mir schuldig und unschuldig in einem vor, es verlangte mich aber nach einer Freisprechung, und zwar durch Maidi selber, die doch den dunklen Brunnen in mir entriegelt hatte, wenn auch ohne ihr Wissen. Sie mußte mir wieder gut sein, das war die Hauptsache. Denn das fühlte ich durch alles hindurch, sie gehörte zu mir und meinem Leben; ich mußte Teil an ihr haben und durfte ihr nicht fremd werden. Es war ja schon das Ende ihres Aufenthalts in der Stadt abzusehen; dann ging sie vielleicht fort, irgendwo hin, wo ich ihr nicht folgen konnte, und gewann neue Freunde und gab sich vielleicht auch einem Mann zu eigen für ganz. Es fiel mir ein, daß sie mir von ihrer Mutter erzählt hatte, die aus Amerika glückliche Briefe schrieb, trotzdem sie den Mann unheilbar siech angetroffen hatte. Es war alles ausgelöscht, was jemals Dunkles zwischen ihnen gestanden hatte, und die Frau trug nun ihre Liebe wie eine Dornenkrone, die ausgeschlagen hat und rote Blüten trägt, so sehr war alles Geistige, Unvergängliche daran aufgeblüht.


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