Maidi hatte dieser Erzählung hinzugefügt, sie bitte der Mutter nun alles ab, was sie je bitteres über sie gedacht habe, denn sie sei ja einfach ihrem Schicksal gefolgt oder ihrem Herzen, was dasselbe sei, und jeder rechte Mensch müsse das tun. „Obgleich ich hoffe,“ hatte sie hinzugesetzt, „daß es mir einmal nicht so schwer gemacht wird.“
„Ja,“ dachte ich nun im Weitergehen, „dir wird es wohl leichter gemacht werden, denn wer einmal etwas so Köstliches zu eigen hat, wie dich, der läuft nicht mehr davon.“
Aber daß ich sie selber gewinnen wolle mit allen Kräften und aller Einheit meiner Sinne und Gedanken und sie mein Herrlichstes sein lassen, für das ich arbeiten und mich höher spannen wolle, und das mir auch mehr sei als alles Äußerliche sonst, das war noch nicht in mir geboren. Ich schaute an ihr hinauf, weil sie so tüchtig und freudig und sicher war und so frei und vornehm ihres Weges ging, und es war mir wohl, wenn ich bei ihr sein und ihr alle meine Gedanken ausbreiten konnte.
Es nahm auch mehr und mehr die schöne Frau, die später in meinem Haus und Garten umhergehen sollte, ihre Gestalt und ihre Züge an und trug den schmalen Gürtel aus alter Silberschmiedearbeit, der fast immer Maidis Kleider zusammenhielt und ein altes Familienerbstück war. Das konnte ich mir alles ausdenken, aber wenn ich mit ihr einen Tag verwanderte oder einen Abend in ihrem hübschen Wohnzimmerchen war und ihren fleißigen Händen zusah, die fast immer noch etwas zu tun hatten, dann dachte ich nicht an die Zukunft, und es war alles gut und recht, wie es war.
Meistens war ja auch Olbrich dabei, und wir waren ein feines Kleeblatt, das man am besten noch lange so ließe. Aber der war von irgend etwas verscheucht und verstört, und ich hatte Maidi gekränkt und beiden mißtraut; da überfiel es mich von neuem, daß ich mich hätte ohrfeigen können und daß ich mich gern hätte trösten lassen, beides in einem. Ich schritt weit aus mit langen Schritten, als ob ich so schneller zu ihr käme, und brach ein paar hellgrüne Zweige von Buchen und Birken, die wollte ich ihr mitbringen.
Aber als ich mit sinkender Nacht müde und verlangend und doch auch gesänftigt und mit frischen Bildern gefüllt in die Stadt zurückkam und das Haus aufsuchte, in das es mich zog, sah ich unten in dem Wohnzimmer der Pfarrerswitwe Olbrich am Fenster stehen, wie am vorletzten Abend. Er kehrte den Rücken nach der Straße und sprach ins Zimmer hinein. Ich hörte gedämpfte Laute seiner Stimme und auch irgend ein Gemurmel, das ihm antwortete. Oben war es dunkel.
Da überfiel mich von neuem das grimmige und wütende Mißtrauen, als ob sich die beiden über mich hinüber zusammengeschlossen und mich ausgetan und belogen hätten. Es flammte ein roter Zorn in mir auf, durch den hindurch nur undeutlich Maidis lautere und klare Augen leuchteten, die nicht lügen konnten, und Olbrichs aufrechte und stolze Art, die sich nicht versteckte, wenn sie etwas wollte.
Ich machte ein paar Schritte auf das Haus zu. Die Tür war verschlossen, und als ich den großen Messinggriff in der Hand hatte, kam eine kalte und schmerzhafte Stimmung über mich. Ich wollte nichthineingehen, sondern meinen Strauß an die Tür stecken zum Zeichen, daß ich dagewesen sei und alles wisse. Aber als ich das getan hatte, kehrte ich wieder um und holte ihn, und unterwegs warf ich die zarten und lichten Zweige, die schon ein wenig in sich zusammengesunken waren, auf die Straße. Ich ging auch nicht heim in meine Wohnung, sondern in ein Wirtshaus. Da saß ich allein an einem Tisch, trank Bier und nachher noch Wein, war grob gegen die Kellnerin, die ein wenig zutraulich sein wollte, und gab mich unguten Gedanken und Gefühlen kampflos hin. Zum Beispiel fiel mir wieder ein, daß beide, Maidi und Olbrich, aus einer andern Kaste stammten als ich, und daß sie von Kindheit an große Vorsprünge vor mir hätten, die ich nie einholen konnte. Sie kannten die Geheimsprache, wie ich es nannte, wenn jemand im Besitz einer guten Erziehung alle Umgangs- und Lebensformen leicht und spielend beherrschte, was ich freilich auch gelernt hatte, was mir aber nicht angewachsen war. Sie aber hatten alles mit der Muttermilch und mit jedem jungen Atemzug eingesogen. Und sie hatten eine sogenannte Familie, von der man reden und die man aufzählen konnte mit guten Namen und Titeln. Vielleicht wollten sie einander heiraten, das konnte ihnen ja kein Mensch verbieten, und sie würden es mir morgen mitteilen und sagen, daß ich der Nächste dazu sein solle. Dann durfte ich dabei stehen und zusehen; das war übel und nicht auszuhalten.
Es meldete sich leise durch den Dunst und Nebel meiner Gedanken, daß Maidi oft und gern mit mir von meinen Schwestern redete, die sie gut kannte und hie und da aufgesucht hatte, und daß sie michantrieb, ihnen oft zu schreiben und sie sogar grüßen ließ. Aber ich warf ein, daß das ein Almosen sei, welches ich nicht begehre, und daß sie immer nur, wenn wir allein gewesen seien, mit mir von meiner Heimat gesprochen habe. Das war mir sonst besonders traulich und lieb gewesen und wie ein Geheimbesitz zwischen uns beiden, aber ich war in der Stimmung, aus allem Gift zu saugen, und kam immer tiefer in einen dumpfen und bitteren Jammer hinein, in dem mir zuletzt die weggeworfenen Zweige das Jämmerlichste und Quälendste waren, da sie lebendig und ganz schuldlos im Straßenstaub lagen und zertreten wurden. Ich schrak auf, als die Kellnerin fragte, ob ich noch etwas trinken wolle. Das Lokal war leer bis auf mich, und die Kellnerin sah verschlafen aus und hoffte, ich würde gehen. Da tat ich ihr den Gefallen und zahlte, ging durch die menschenarmen Straßen nach Hause und ins Bett, schlief und hatte unruhige Träume, und kam am andern Morgen bedrückt und armselig ins Geschäft. Da dachte ich Olbrich in Glanz und Sieghaftigkeit zu finden, wovor ich mich am meisten fürchtete. Er war aber gar nicht da, und als er den Tag über nicht kam, fragte ich die Kollegen, ob sie nichts von ihm wüßten, und einer sagte, er sei frühmorgens dagewesen und habe den Chef um ein paar Tage Urlaub gebeten und sie auch erhalten.
Es handle sich um eine auswärtige Stelle als Privatsekretär bei einem politisch großen Tier, für die er vorgeschlagen sei und die er zu erlangen trachte, setzte der Wissende geheimnisvoll hinzu; er hatte es zufällig aufgeschnappt. Für die Stelle am philologischen Verlag sei bereits ein anderer Herr vorgemerkt,Olbrich nehme sie nicht an. Da mischte sich ein anderer ins Gespräch und sagte, das alles müsse ich doch eigentlich wissen, da ich ja der intimste Freund von Olbrich sei, und ich schwieg dazu, da konnten sie denken, was sie wollten. Am Abend lag ein Briefchen von Maidi auf meinem Tisch. Ich konnte es kaum öffnen vor Herzklopfen und wartete auf irgend ein Beil, das nun auf mich niedersausen würde. Sie schrieb aber nur, ich möchte sie diese Woche nicht besuchen, da sie nicht ganz wohl und etwas überanstrengt sei und dabei eine besonders vollbesetzte Woche in der Schule habe, und fügte dann hinzu: „Ich freue mich, bis wir wieder einmal miteinander wandern, in den Frühling hinein. Es ist mir, als liege noch der ganze Winter auf mir. Maidi.“
Da wußte ich mir gar keinen Vers mehr zu machen, denn es lautete nicht nach Glückseligkeit und triumphierendem Kräfteüberschwang, wie ihn die Liebe gibt, und aber auch nicht nach Gleichgültigkeit oder unvergebener Kränkung. Sondern es lag etwas auf Maidi, das sie selber tragen mußte, und vielleicht war es nur Müdigkeit, vielleicht aber auch etwas anderes. Aber sie freute sich, bis wir wieder miteinander wanderten und war lauter und klar gegen mich. Olbrich aber ging fort, und wahrscheinlich hatte ich ihm auch unrecht getan, und er hatte auch eine Last auf sich und hatte mich vielleicht bei Maidi zu finden geglaubt. Ich wußte nicht, wie ich in die ganze Wirrnis hineingeraten war und wartete sehnlich, bis mein Freund wieder komme.
Aber als er da war, schien er mir gar nicht mehr derselbe zu sein wie vorher, und ich wünschte fast, er möchte mich wieder mit wechselnden Launen quälen,zwischen denen dann doch immer wieder sonnige und goldene Augenblicke herausgeschienen hatten.
Jetzt ging er straff und stählern einher, geschlossen und gepanzert, arbeitete rastlos und wie für drei und betrieb daneben die Vorbereitungen für seine Abreise, denn er hatte die Stelle erhalten, um die er sich beworben hatte, und mußte sie bald antreten. Im Geschäft ließ man ihn ungern gehen, und doch mit der kurzen Kündigungsfrist, die er brauchte, denn er war kein Mensch, den man halten konnte. Ich aber fand mich nicht mit ihm zurecht; es schien, als ob unsere Freundschaft irgendwo begraben oder in weiter Ferne läge; ich hatte aber keine Macht, sie aufzuwecken oder herbeizuholen.
Manchmal fing ich einen Blick auf, den Olbrich zu mir hersandte, und wußte mir auch den nicht zu deuten; denn er war spöttisch oder bitter und ein wenig von oben herab. Aber ich fand nicht das Wort, ihn zu fragen: Warum siehst du mich so an, und was ist mit dir? Denn es kam mir alles verhext und verzaubert vor, und ich litt es eine traurige Woche lang. Abends war ich immer allein. Da nahm ich das eine oder andere Buch in die Hand, las eine Weile darin und stellte es wieder zurück und schrieb einmal an meine Schwestern. Helene hatte voriges Jahr ein Kind bekommen und erwartete das zweite. Und Luise bügelte, wie immer. Ich schrieb, daß ich im Sinn habe, an Weihnachten heimzukommen, und es lief mir allerlei Anhängliches, Warmes in die Feder, was sonst kaum geschah. Dann ging ich wohl noch aus und kehrte bald wieder zurück und kam mir wie auf einem fremden Stern vor. Denn so wenig ich es schwer nahm, einmal rücksichtslos und gleichgültiggegen die zu sein, die mich liebten, und die auch ich zu lieben meinte, so wenig ertrug ich es, wenn es mir von andern widerfuhr. Am Sonntag hoffte ich, zu Maidi zu gehen und ihr alles zu sagen. Aber es kam ein Briefchen von ihr mit wenigen Worten. Sie fuhr mit der Pfarrerswitwe und den Kindern zu deren Verwandten aufs Land und kam erst Montags wieder. „Es ist ein Genesungsausflug,“ schrieb sie, „nun bin ich bald wieder die Alte.“ Ich hatte mir aber jetzt ernstlich vorgenommen, mit Olbrich zu reden; es war unwürdig und ging nicht länger, wie es war.
Da pfiff er am Samstag Abend unter meinem Fenster, ganz wie sonst. „Machst du einen Lauf mit mir?“ fragte er. „Es ist so schön stürmisch.“ Das war es. Der Wind trieb die Wolken vor sich her und sang sein Lied in den Bäumen des Gartens, auf den jenseits der Straße der Blick aus meinen Fenstern ging. Es war eine laue und lebendige Nacht. Der Wind kam aus Südwesten, und vielleicht regnete es morgen oder auch heute noch. Ich war in einer Minute unten, und wir machten lange Schritte nebeneinander her; geredet hatten wir noch nichts; es hatte ja Zeit. „Ich denke, wir gehen aufs Schwalbennest,“ sagte Olbrich, als wir in einer Vorstadtstraße waren. „Das ist ein gutes Stück zu gehen und nachher ein gemütlicher Sitz in der Wirtsstube. Ich will der Friedel noch ein Andenken geben, sie hat sich immer gut zu mir gestellt.“
Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander her, lange. Es ging zuerst auf der Landstraße hin zwischen Pappeln, die sich im Winde bogen und ihre langen Haare schüttelten, dann durch ein Dorf und dahinter eine Anhöhe empor. Ganz oben sah unsein Licht entgegen; es hielt jemand eine Laterne in der Hand und ging damit um ein Haus herum, das schwach erhellt zwischen Bäumen lag. Da sagte Olbrich: „Du hast mich nicht gefragt, und es ist gut gewesen, daß du es nicht getan hast. Wir feiern aber heute meinen Abschied, und es ist mir lieb, wenn du gut an mich denkst, denn ich habe dich gern, trotz – hm, trotz manchem. Ich muß dir etwas sagen, so lang es noch dunkel ist. Ich habe Gehen oder Bleiben auf eine Karte gesetzt, und sie hat auf Gehen entschieden. Es ist aber sonst noch allerlei drum und dran, und, kurzum, es hat mich ein Mädel ablaufen lassen, das ich gern geheiratet hätte. Das hätte mir nicht passieren sollen. Es hat einmal jemand zu mir gesagt, ein rechter Mann frage da nicht an, wo er nicht sicher sei, kein Nein zu bekommen. Der hat recht gehabt. Es ist ein verdammtes Gefühl. Aber was will man machen, wenn man eine Entscheidung braucht und wenn man spürt: Die will ich, oder keine? Ich habe gemeint, es könne mir nicht fehlen. Sie will aber noch nichts vom Heiraten wissen, wie sie sagt und vielleicht auch meint. Es sei ihr noch lang wohl so. Es ist aber anders, so viel ich gemerkt habe, und es liegt ihr ein anderer im Sinn. Einer, den sie vielleicht nicht einmal bekommt, wenn ihm nicht jemand beizeiten den Star sticht. Denn er ist sonnenblind, und es muß gut gehen, wenn es gut geht mit ihm. Sie kann mir eigentlich leid tun, denn sie ist vom Kopf bis zu den Füßen ein rares Mädchen und gäbe eine feine Frau. Aber die Mädchen sind manchmal so, gerade die feinsten; sie fallen auf den Buben herein, wenn sie den König haben könnten. Na, sie müssen's ja wissen. – Da ist die Friedel mit derLaterne. Grüß Gott, Friedel! – Du, höre, drinnen reden wir dann nicht mehr davon, gelt? Es verträgt noch nicht viel bei mir.“
Da gingen wir in die Wirtsstube und setzten uns an den großen Tisch in der Ecke beim Ofen, wo wir schon manchmal gesessen waren; es war da aber noch anders zwischen uns gewesen. Die schwarzhaarige Friedel trug Wein auf, wie sie es gewöhnt war, und Olbrich machte ein paar Späße mit ihr, es war aber nicht viel damit los, und er ließ es bald wieder sein. Und ich saß stumm und geschlagen daneben, denn es war ein Blitz durch eine dunkle Landschaft gefahren und hatte sie auf einen Augenblick erhellt, und ich wußte und sah alles. Ich hätte so gerne gesagt: Gelt, es ist Maidi! Aber ich durfte nicht, und es war ja auch nicht nötig, ich wußte es ohnehin. Und der Bube war ich, der König aber Olbrich. Denn er war voll hohen Selbstgefühls und von rasendem Stolz, aber er durfte es auch sein, denn er hatte Kraft und Willen und Feuer genug in sich. Und doch hatte Maidi ihn weggeschickt, und – es quoll etwas Süßes und Holdes in mir auf – meinetwegen? meinetwegen? Vielleicht täuschte er sich; sie hatte es ja nicht gesagt.
Da hob Olbrich das Glas und stieß mit mir an. „Laß das Nachdenken,“ sagte er. „Es kommt nichts dabei heraus. Wir wollen heute noch einmal beisammen sein, wie früher, und dann sehen, was wir aus uns machen. Vielleicht begegnen wir uns wieder, und dann sieht jeder, was aus dem andern geworden ist. Vielleicht auch nicht, denn es gibt so viele Straßen auf der Welt, und man kann immer nur eine gehen. Hör' du, da habe ich, glaub' ich, versehentlich etwas gesagt, was für dich ins Stammbuch paßt. Mankann immer nur eine Straße gehen und muß wissen, welche man will. Du denkst immer noch, es stehen einem alle offen, aber es ist nichts damit. Sondern man hat es in sich, welche recht ist und passend, und wenn man eine andere einschlägt, so muß man umkehren, falls man noch kann. Es ist meistens eine teure Sache. Ich habe anfangs gemeint, du seiest so einer, der unentwegt vor sich hin geht in der Zucht und Furcht. Aber ich denke jetzt ein bißchen anders. Denn du hast die Augen überall und willst rechts und links zu gleicher Zeit, und vielleicht machst du noch die dümmsten Streiche, wer weiß? Na, – du mußt es dann selber zahlen. Du hast auch kein rechtes Augenmaß für groß und klein, und vielleicht kommt dir bei einer Gelegenheit das Beste hinaus, wenn dein Schutzengel nicht aufpaßt.“
Er sprach in einem halb ironischen Ton, den ich gut an ihm kannte, aber heute tat er mir weh. Denn wir waren nicht beisammen, wie früher, obgleich er es verheißen hatte; es stand etwas zwischen uns, das auf keine Weise zu entfernen war; es stiegen bittere Blasen in ihm auf und zerplatzten ihm auf der Zunge, und das war nun unser Abschied. Aber ich sah, daß er litt, und vielleicht hatte er auch in etwas recht gegen mich, und ich legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: „Vielleicht wird es nicht so schlimm mit mir. Warum sollen wir uns nicht wiedersehen und voneinander wissen? Warum sollen wir uns künstlich meiden, da wir einander doch nichts getan haben? Es wird ein jeder seine Schwierigkeiten mit sich selber haben und auch seine Wegweiser. Du hast doch auch nicht aus dir selber gewußt, was du mußt, sondern hast ein Mädchen gefragt.“ Als ich das gesagt hatte,erschrak ich, denn er konnte nun auffahren und es sich verbitten; aber er lächelte trübe und sagte: „Ja, ja, die Liebe. Von der verstehst du noch nichts. Wir wollen einander aber nicht anpredigen, du hast recht, und auch nicht verlieren. Wer weiß, ob wir einmal froh aneinander sind, wenn jeder noch ein paar Dummheiten gemacht hat und es ihm windig zumute ist.“
Wir saßen noch lange und redeten noch allerlei, aber nichts mehr von der Liebe. Er kam in eine größere Stadt in Bayern und hatte wahrscheinlich ziemlich viel Reisen zu machen; es tat ihm leid um die alte Dame, wie er seine Mutter nannte in der Art, wie die Studenten von ihrem Vater als dem alten Herrn sprechen (sie war nämlich noch nicht alt, sondern hatte etwas mädchenhaft Zierliches im Wuchs und reiches blondes Haar). Sie vermißte ihn natürlich, und ich sollte sie besuchen; aber sie war keineswegs ängstlich, ihn von sich zu lassen, sondern machte nur den Herzbändel etwas länger, der nie zerreißen konnte. Ich war froh, ihn von dem allem reden zu hören und sagte selber nicht viel. Denn wovon hätte ich reden sollen? Ich hatte genug zu denken. Ich hätte eine ganze Nacht hindurch gehen können und hätte noch nicht alles bedacht, was in mir stürmte durcheinanderhin. Wir waren kein Kleeblatt mehr, und Olbrich ging verwundet in die Welt hinaus. Vor mir selber aber tat sich eine neue Landschaft auf, die mich entzückte und schreckte zu gleicher Zeit, weil mein Freund neben mir saß und daraus verwiesen war.
Die junge Friedel, die Nichte der Wirtin, ging mit Tränen in den Augen hin und her und setzte sich auch eine Weile zu uns, denn sie war immergut Freund mit Olbrich gewesen, und er küßte sie zum Abschied und hängte ihr einen Achatstein an einem Silberkettlein um den Hals, damit sie hie und da an ihn denke. Da lehnte sie den Kopf an den Türrahmen und weinte leise und herzlich; wir aber gingen durch die brausende Frühlingsnacht den Berg hinunter und in die Stadt. Dort trennten wir uns; ich sah meinem Freund nach, so lang ich konnte und hörte dann noch im Dunkeln seinen Schritt hallen; es wäre mir beinahe auch so gegangen wie der Friedel. Er war in allem anders als ich und war oft schroff und launisch gegen mich gewesen; ich konnte niemals mit ihm gleichen Schritt halten, und es lag in unserer Natur und war unser Schicksal, daß unsere Wege sich trennen mußten. Aber mein Herz hing doch an ihm, und es ging ein Stück Leben und Jugend von mir fort; es blies irgendwo ein kalter Wind herein, der kam durch die Lücke, die er gemacht hatte.
Als ich in mein Zimmer kam, lag eine Karte auf dem Tisch, die war von Herrn Kasimir Hagenau, meinem alten Chef. Er war zur Messe in die Stadt gekommen und war nun dagewesen und lud mich auf morgen in sein Gasthaus zum Mittagessen ein. Da trat nun das Alte wieder in mein Leben, an das ich meiner Art nach nicht mehr sehr viel gedacht hatte. Doch hatten wir immerhin manchmal Briefe gewechselt, und ich wußte, daß Herr Kasimir eine Vorliebe für mich bewahrt hatte, die mir angenehm, aber nicht weiter verwunderlich war. Jetzt, da er wieder auftrat, freute es mich, mit ihm zusammen zu kommen, denn ich war im Augenblick etwas anerkennungs- und anschlußbedürftig, und es war doch ein gutes Zeichen für mich, daß er mich noch aufsuchte und einlud.Auch fiel es mir vor dem Einschlafen ein, daß er mich ja eigentlich seinerzeit zum Wiederkommen aufgefordert hatte, und ich war neugierig, ob er darauf zurückkommen würde. Aber das letzte, was mir in den Schlaf hinein nachging, war Maidi. Sie hatte ein grünes Kleid an und ein weißes Schleiertüchlein am Ausschnitt und lächelte mich an. Sie war ein Königskind, aber ohne Schloß und Land.
*
Herr Kasimir saß im Lesezimmer des Gasthauses hinter einer Zeitung, als ich ihn aufsuchte. Er sah noch aus wie bei meinem Abschied, nur vielleicht etwas grauer im Haar und Bart und hatte auch einen kleinen Bauch angesetzt. Als er mich erblickte, ging sein Gesicht so hell und freudig auseinander, daß es mich an den Abend erinnerte, an dem die Bitterolfschen Geschwister angekommen waren; er stand auf und schüttelte mir beide Hände, so daß ich fast in Verlegenheit geriet, was ich mit all der Wärme anfangen solle, denn ganz so herzlich hatte ich mir das Wiedersehen nicht vorgestellt. Es fand sich aber, daß es bei Herrn Kasimir mit dem Andenken an seine Schwester zusammenhing, die er sehr vermißte, und die mir doch gut gesinnt gewesen war, und als die Rede auf sie kam, wurde auch ich warm und ein wenig weich, denn es stieg ein liebes und wertvolles Bild vor mir auf, wenn ihr Name genannt wurde, und es war etwas von Heimat für mich um sie her gewesen.
Herr Kasimir wischte sich ein paarmal die Augen, als er mir während der Mahlzeit ungefragt noch dies und jenes aus Fräulein Brigittens letzter Zeiterzählte, er hielt sich aber daneben doch wacker ans Essen und Trinken, so daß es mir fast komisch vorkam, ihn so die Rührung mit hinunterschlingen zu sehen. Vielleicht fing er einen unbewachten Blick von mir auf; denn ich konnte ja meine Gedanken nie verstecken, und er sagte wehmütig: „Ja, was wollen Sie, man lebt ja eben weiter, so gut man kann. Ich muß ja sagen, es kommt Ihnen vielleicht sonderbar vor: es schmeckte mir trotz alledem, wenn ich so allein am Tische saß in meinem leeren Hause, ja vielleicht mehr als früher, weil ich nicht viel anderes hatte, was mich freute oder anregte bei den Mahlzeiten. Ich bin ja auch dabei gediehen, wie Sie sehen, und stelle vielleicht das Bild eines gleichgültigen Selbstlings vor, was aber nicht ganz stimmt.“
Es erheiterte mich inwendig immer mehr, mir den einsamen Mann, dem es aber dennoch trefflich schmeckte, unter den Bildern der Vorfahren mit den Perücken und Spitzenmanschetten vorzustellen, wie sie ihm alle teils mißbilligend, teils wohlwollend zusahen, bis er sich den Mund wischte und gesegnete Mahlzeit sagte. Aber nein, er hatte ja niemanden, zu dem er es sagen konnte, und nun tat er mir wieder leid, so daß Lachen und Mitleid in mir kämpften. Ich sagte irgend etwas davon, daß ich mir wohl denken könne, wie still es nun in seinen Zimmern sei, worauf Herr Kasimir halb verlegen und halb triumphierend sagte: Ja, eigentlich sei das zwar bis vor kurzem so gewesen, aber nun nicht mehr, denn seit wenigen Wochen sei seine Nichte Eleonore, die ich ja auch kenne, bei ihm eingezogen und stelle nun alles auf den Kopf, denn sie wolle ein Haus machen, was sie auch ausgezeichnet verstehe.
Das letztere sagte er mit einem halbanerkennenden Schmunzeln, wie etwa ein Vater von seinem Sohn, dem Studenten, sagt: der Tausendsasa verstehe Geld auszugeben wie ein Alter, wobei man aber doch merkt, daß das Wohlgefallen daran seine Grenzen hat.
Ich war sehr überrascht, die kühle Blonde aus dem Norden als Dame des Hauses Hagenau vorgestellt zu bekommen und fragte, ob sie auf längere Zeit dableiben werde, worauf Herr Kasimir sagte: „Ja, wohl für immer.“ Sie sei Waise geworden, schon voriges Jahr, und da ihr einziger Bruder als junger Jurist, der kaum mit dem Studium fertig sei, nun auch die Vaterstadt verlassen habe, um das übliche Wanderleben der ersten Dienstjahre anzutreten, so sei sie zu ihm übergesiedelt, was für beide Teile das Natürliche sei. Es kam mir aber nicht vor, als ob er ganz behaglich von der Sache rede, doch forschte ich nicht weiter darnach. Es fiel mir wieder ein, wie mühsam ich einst nach der Gunst oder vielmehr Anerkennung der jungen Dame gestrebt hatte, und es schwellte mich ein stolzes Gefühl, zu denken, daß es damit nun vorbei sei, denn ich war ein gewandter und vielseitiger Mann geworden, soviel ich von mir wußte. Ja, es reizte mich in diesem Augenblick, ihr unter die Augen zu treten und eine hübsche Unterhaltung leicht und spielend mit ihr zu führen.
Wie wenn er meinen Gedanken gefolgt wäre, sagte da Herr Kasimir: „Erinnern Sie sich eigentlich noch daran, daß wir seinerzeit so halb und halb ausgemacht haben, Sie müßten zu uns zurückkehren? Und ist es Ihnen noch so, daß Sie es gerne täten? Es würde mich freuen, wenn Sie wieder in mein Geschäfteintreten wollten. Es ist ja viel kleiner als das, in dem Sie jetzt sind, natürlich. Aber Sie wissen ja, das hat seine Vorzüge. Man ist nicht auf eine bestimmte Arbeit beschränkt, sondern übersieht das Ganze und hat es in der Hand; es ist anregender und vielseitiger, und außerdem – ich hätte eigentlich einen Plan mit Ihnen. Ich möchte es mir allmählich leichter machen und einen Nachfolger einarbeiten. Dazu hätte ich Sie im Sinn. Es hängt da so allerlei drum und dran, was sich vielleicht nach und nach einrichten ließe. Ich möchte nicht gern verkaufen und drausgehen; ich hätte lieber die Hände noch darin. Auch habe ich ungern immer wieder neue Leute. Und so weiter. Kurzum, Sie würden mir passen. Überlegen Sie es einmal. Es ließe sich vielleicht einrichten, daß Sie gar kein Kapital brauchten, sondern vorläufig bei mir angestellt wären. Später sähe man dann wieder.“
Mir hing der Himmel voller Geigen. Am liebsten wäre ich aufgestanden und zu Maidi gelaufen. Denn war hier nicht wieder einmal das Zufällige oder Gefügte mein Freund? Und hatte ich nicht immer gewußt, daß es bei mir so gehe? Einfach, es lag so in meiner Lebenslinie. Daneben mußte ich natürlich dennoch ein tüchtiger Kerl sein und war es auch. Maidi hätte nur zuhören sollen: „Und kurzum, Sie passen mir.“ Und so weiter.
Aber sie hatte nie darauf eingehen wollen, daß etwas Glückliches irgendwoher kommen konnte, es mußte immer alles erworben sein. Was mich betraf, ich ließ mir gern etwas in den Schoß werfen. Das Haus Hagenau war vornehm, alt, angesehen und das Geschäft ein Goldgrüblein, wie ich es schonhatte nennen hören. Ich reiste mit Extrapost in meinen Gedanken. Daneben sprach Herr Kasimir weiter. „Wohnung und Tisch im Hause könnte ich Ihnen freilich vorläufig nicht anbieten; die Umstände sind nicht so gelegen dafür. Dagegen sind Sie selbstverständlich stets willkommen als Abendgast und etwa Sonntags. Ich würde mich immer freuen.“ Jetzt fuhr wieder er mir zu schnell. Ich hatte ja noch gar nicht gesagt, ob ich wollte. Ich war hier auch nicht schlecht angeschrieben. Auch stand mir noch die Welt offen. Ich machte ein weises und undurchdringliches Gesicht und sagte, es müsse überlegt sein. Es sei sehr freundlich von ihm und habe viel Verlockendes, indessen könne ich nicht nur so handumkehr mein Leben darauf einstellen. Im Geschäft gebe es ohnehin auch zur Zeit Veränderungen, und ich habe alle Aussicht, vorzurücken. Doch wolle ich es mir merken. Es müsse doch nicht heute entschieden sein? Nein, das müßte es nicht, doch sollte es auch nicht mehr lang hinausgeschoben werden. Und, wenn er das sagen dürfe, Selbständigkeit sei doch auch eine schöne Sache. Ja, ja, das war es; wenn er nur schon abgereist wäre, daß ich hätte zu Maidi gehen können. Es brannte mich; ich dachte in diesem Augenblick nicht an die trübseligen Tage, die hinter mir lagen, und an alles Halbdunkle, das zwischen dem letzten Beisammensein und heute schwebte, und an meinen Freund, der mit trauriger Bitterkeit und einer Herzenswunde in die Welt hinausfuhr, sondern nur an Maidis staunendes Gesicht und an meinen Triumph, und daß wir alles miteinander besprechen würden.
Aber ich mußte mich noch eine Nacht und einen Tag lang gedulden, und als ich am Montag abend zuihr kam, war sie selber voll von einer großen Neuigkeit, die sie mir erzählen mußte. Einer der Lehrer an der Kunstgewerbeschule hatte den Auftrag übernommen, den neuen und prächtigen Landsitz eines Großindustriellen, der an einem herrlichen Platz im Gebirge lag, künstlerisch auszuschmücken, und er hatte Maidi mit noch ein paar andern Schülern und Schülerinnen der obersten Klasse den Vorschlag gemacht, ihm dabei zu helfen. Er wollte schon während des Semesters mit ihnen dahin ausrücken, da er ein paarmal in der Woche die nicht ganz kleine Fahrt in die Stadt machen konnte, um seine Stunden zu geben, und da sie ihre Arbeit als praktische Vorbereitung auf die Prüfung ansehen konnten. Maidi war voll brennenden Eifers, mir die Vorzüge dieser Abmachung auseinanderzusetzen. Sie hatte schöne Entwürfe für Vorhänge und Wandbekleidungen im Kopf, und auf dem Tisch lagen geöffnete Mappen mit Zeichnungen, die sie sich einmal für ein Kinderspielzimmer ausgedacht hatte: ein Fries mit allerlei Tieren: Schnecken, Fröschen, Käfern und Schmetterlingen, und eine Tapete mit Bienen und Hummeln, die auf Blumen saßen.
Wenn Maidi etwas Schweres durchgemacht hatte, wie ich ja annehmen mußte, so kam ihr freilich die neue Aufgabe mit allen Veränderungen und Kraftanstrengungen, die sie mit sich brachte, sehr zustatten. Sie sah auch freudig angeregt aus und kam mir höchstens etwas schmäler vor, und als ob sie in der Zwischenzeit noch gewachsen sei, was ja freilich nicht sein konnte. Ich hielt mich auch nicht mit Betrachtungen auf, sondern eilte, meine Sache auch anzubringen, und nun sangen wir wieder einmal einDuett, in dem jedes die erste Stimme haben wollte, denn es war alles neu und wichtig, und jedes mußte dem andern zugeben, daß es vorwärts ging im Leben, und daß freilich beides am Werk sei, Glück und Verstand, aber welches am meisten, das konnte man nicht ausmessen. Der Professor hatte auch bei Gelegenheit der Abmachung gesagt, daß er für Maidi bereits eine schöne Arbeit in Aussicht habe, die sie, wenn sie wolle, sofort nach der Prüfung, die im Herbst stattfand, antreten könne. Es war die Stelle einer Lehrerin an derselben Anstalt, für die sie sich nach der Ansicht des Professors besonders gut eignen würde, und die ihr auch einen festen, wenngleich bescheidenen Grund unter die Füße gab. Das war es ja, was Maidi gewollt hatte, und ich fragte sie, ob sie dazu entschlossen sei, die Stelle anzunehmen oder sich etwa schon verpflichtet habe. Es war aber bis jetzt weder das eine noch das andere der Fall. Maidi sagte, träumerisch vor sich hinblickend, sie wolle jetzt auch einmal eine Weile das Land unbegrenzter Möglichkeiten vor sich haben, oder ob ich es vielleicht allein gepachtet habe? Bei dieser Frage sandte sie mir unversehens einen Blick zu, der mich an die alte Neckerei erinnerte, die von Olbrich und ihr mit diesem Wort getrieben worden war, und ich sagte, eifrig darauf eingehend: „Sehen Sie jetzt, wie schön es ist, wenn man alles vor sich hat, was einen freuen kann, aber immer noch frei ist, zu tun, was man will? Es ist ein so behaglicher Zustand, daß man ihn ausdehnen sollte, solang es irgend geht.“
Aber es war nicht ganz das Rechte gewesen, wie ich merkte, denn Maidi sagte leise und fing an, die Mappen wieder einzupacken: „Ich habe es einbißchen anders gemeint,“ und dabei wurde sie wieder einmal rot, was ich wohl sah, obgleich sie sich im Hintergrund des Zimmers an einem Schrank zu schaffen machte. Sie hatte dieses Kommen und Gehen der Farbe von jeher an sich, wie sie mir schon erzählt hatte, und ärgerte sich oft darüber, weil es das geheime Leben ihres Herzens allzu offenkundig zeigte; es war aber immer lieblich anzusehen, und ich hätte es gern häufig hervorgerufen, um sie dann betrachten zu können. Diesmal aber fiel mir mit Gewalt ein, was Olbrich mir erzählt hatte und was über all den Neuigkeiten eine Weile im Hintergrund gestanden war.
Ich sah auf einmal Maidi vor mir stehen wie ein Paradiesgärtlein, in das durchaus nicht jeder eintreten durfte, aber das in aller Stille für mich erblühte, so unbegreiflich es eigentlich war. Es wurde mir heiß dabei, aber auch seelenwohl, und ich machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts, auf Maidi zu, denn da war kein Überlegen, ich wußte plötzlich alles von ihr und von mir; es war wie vom Himmel gefallen. Sie sah aber meine Augen, in denen das neu erwachte Leben freudig und stürmisch loderte, und beugte sich, noch tiefer erglühend, über eine offene Truhe, in die sie die Mappen legte. Das dauerte eine ziemliche Weile, dann sagte sie, ohne sich umzusehen und eifrig beschäftigt dem Anschein nach: „Jetzt wird einmal vor allen Dingen das Examen gemacht, dann sieht man weiter. Man muß sich in der Hand behalten und wissen, was man will; dann ist es immer noch Zeit, ja zu sagen.“ Das sollte freilich dem Professor gelten mit seiner Stelle, aber mir machte sie nichts mehr weis. Es mußte heißen: „Warte nochein Weilchen, frage mich jetzt nichts, denn im Augenblick ist nicht Zeit dazu.“ Sie wollte selber etwas sein, wenn sie sich hingab, etwas Ganzes und Fertiges, denn sie hatte ihren Stolz und ihre Arbeit darangesetzt, und wer sie bekam, der mußte froh sein an ihrer Liebe und ihrem blühenden Leben und selber auch Liebe und Leben hergeben; um anderes ging es nicht bei ihr. Es war begreiflich, und man mußte ihren Willen ehren, aber so sehr ich vorhin die Freiheit gepriesen hatte, so fiel es mir doch sauer, daß Maidi sich ihrer jetzt bediente. Ich hätte sie gerne leise in den Arm genommen und geküßt und mußte mich doch still halten. Es sang und musizierte aber in mir, wie noch nie zuvor.
Darauf brachten wir noch einmal ein erträgliches Gespräch zustande. Maidi mußte schon in acht Tagen abreisen und hatte vorher noch alle Hände voll zu tun mit Vorbereitungen. Sie freute sich auf die Arbeit; es wurde ein Gartensaal ausgemalt, dessen Schmuck, vom Professor entworfen, von den Schülern ausgeführt werden sollte. Und es gab eine heitere Gesellschaft von jungen Leuten, die zusammen arbeiteten den Sommer lang. Aber ich hatte keinen Teil daran, sondern mußte allein in der Stadt zurückbleiben, die mir öd und ausgestorben vorkam, wenn ich nur daran dachte.
Ich sagte bedrückt, am liebsten möchte ich auch gleich abreisen und meine neue Stelle antreten, es sei dann ohnehin nichts mehr hier. Da lachte Maidi und fragte mich, ob ich denn schon entschieden sei und ob ich denn nicht vielmehr noch eine Zeitlang in der schönen Entschlußfreiheit leben wolle? Und wie es dann im Herbst wäre, wenn sie zurückkäme? Dawürde dann wohl die Stadt auch ausgestorben sein. Ich sagte, wie es im Herbst werde, das komme noch auf sie selber an; es müsse ja nun vor allem, wie ich habe sagen hören, das Examen gemacht werden, und sie könne dann auch immer noch hingehen, wo sie wolle. Das alles brachten wir im heiteren Ton der Neckerei vor, wie sie manchmal zwischen uns hin und her ging, aber wir waren nicht frei dabei, denn auf einmal stand Trennung und Abschied zwischen uns, und wir waren noch gar nicht beisammen gewesen. Ich machte bald, daß ich fort kam, denn ich war es nicht gewöhnt, mich zu beherrschen, und es ging zu vieles zu stark in mir um.
In der Nacht fiel es mir noch ein, daß ich Maidi am nächsten Sonntag ein gutes Stück weit begleiten konnte über einen Gebirgskamm hinüber und bis an eine kleine Station, von der sie dann an die Hauptbahnlinie gelangen und zu ihren Gefährten stoßen konnte. Ich stand auf und suchte auf der Karte und mit dem Wanderbuch den Weg und wäre am liebsten noch einmal ausgegangen, um es Maidi durchs Fenster zuzurufen. Aber es schlug zwölf Uhr, und sie war nicht Olbrich, sondern ein feines und köstliches und vornehmes Frauenwesen, das jetzt hinter zugezogenen Vorhängen schlief und nicht auf Pfeifen ans Fenster kam.
Also behielt ich meinen Vorsatz bei mir und schlief auch mit ihm ein, so daß es weiter nicht verwunderlich war, daß auch meine Traumgebilde auf Wanderfüßen gingen. Sie führten mich aber nicht in die dortige Gegend, sondern auf einen Berg bei uns daheim und auf einen grasigen Platz, wo ich folgendes Schauspiel hatte: Es stand eine hohe und dunkleTannenfront da, die den Weg begrenzte. Die Bäume waren aufrecht und in Reih' und Glied gestellt, sie konnten sich nicht mucksen. Aber an ihnen vorbei trippelten mit zierlichen Schritten schlanke junge Birken in weißen Kleidern und mit grünen Seidentüchern, die leicht um sie herumwehten, und lachten mit ganz hellen und hohen Stimmen, so daß es mehr gesungen als gelacht war. So gingen sie an den dunklen Bäumen vorbei, die sich nicht rühren konnten. Es waren aber eigentlich Männer, die ums Leben gern die feinen Mädchen, die die Birken eigentlich waren, zum Tanzen aufgefordert hätten. Sie zwirbelten ihre Bärte mit düsteren Gesichtern und ließen die Augen herumlaufen, als wollten sie sagen: Wartet nur, bis wir dann nachher aufgewacht sind. Da wollen wir euch schon kriegen. Aber die Birken schwänzelten weiter, nur die größte und schönste blieb ruhig stehen und ließ ihre Schleier wehen. Da war es auf einmal Maidi und winkte mir mit der Hand zum Mitkommen. Aber ich konnte nicht zu ihr und sie nicht zu mir, und sie nickte mit dem Kopf. „Ich bin gewiß nicht schuldig,“ sagte sie zärtlich und traurig und hatte die leuchtenden Augen voller Tränen.
Wenn ich nun den letzten Tag beschreiben will, den ich mit Maidi erlebte, so zittert mir aufs neue das Herz, und ich weiß nicht, ist es mehr die Wonne, ihn erlebt, oder die Trauer, ihn nicht genützt zu haben, was mich im tiefsten bewegt. Doch kann man beides nicht auseinander halten; es ist ineinander verflossen und läßt sich nicht trennen. Auch habe ichmir vorgenommen, mir in diesen Blättern das Wort der Selbstbespiegelung und der Klage abzuschneiden, so oft es sich auch hervordrängen will. Denn was mache ich anders damit? Und liegt es nicht an mir, vergangene Lieblichkeiten und Schmerzen, die sich stets erneuern, zu nützen, so daß noch eine späte Ernte daraus hervorgeht?
Maidi war auf dem Weg, den sie mit leichten Schritten und wie beschwingt neben mir beging, von der goldensten Laune und glich so recht dem Frühlingstag, der über uns blaute, und der alles sprossen und blühen ließ, was nur im Lichte webte und sich drängte. Sie schwang ihren Wanderstab wie eine glückspendende Göttin oder Fee ihr Zauberstäbchen, und überall, wo er seine Kreise zog, lagen Sonnenlichter auf dem Boden, wehte ein leichtes, frisches Lüftchen um uns her und rauschten klare Brunnen oder blühende Bäume uns entgegen. Sie war so voll freudigen Überschwangs, daß sie jedem Begegnenden ins Gesicht sah mit sonnigem Lachen und ihn grüßte, Mann, Weib oder Kind, und jeder, ob es auch der griesgrämlichste Gesell gewesen wäre, dankte ihr, freilich mehr oder minder freundlich, und sah ihr mit zurückgebogenem Kopfe nach, was ich alles aufs genaueste beobachtete und einheimste wie einen Zoll, dessen Ertrag nun für eine Zeitlang meinen Lebensunterhalt bilden mußte. Ich war ein wenig schwermütig aufgestanden an diesem Morgen, weil mir die nächste Zeit in gähnender Leere zu liegen schien, und vielleicht hätte ich auf dem Weg meine sentimentale Stimmung weiter gepflegt, aber das war nicht möglich neben dem freudigen Leben, das erwartungsvoll in den Tag hinein schritt und doch auch ganz hier zurStelle war, um nichts zu versäumen. Wir gerieten, als wir an verschiedenen Bauernhöfen vorbei, die übereinander an einem Bergabhang lagen, die Höhe erklommen hatten, und nun auf einem leicht gewellten Gebirgskamm dahinschritten, in ein trauliches und ausgiebiges Geplauder, wie wir es unter den mancherlei Stürmen der letzten Zeit schon lang nicht mehr geübt hatten, und besonders Maidi brachte alles Mögliche hervor, das sie gedacht, erlebt und geträumt hatte. Wenn ich heute noch einmal denselben Weg gehen sollte, wozu ich mich bis jetzt nicht aufgeschwungen habe, und was ich auch nicht so leicht tun werde, so könnte ich sicher noch aus der Erinnerung sagen: Das haben wir an der alten hohlen Eiche geredet, und das bei dem Wegkreuz mit der seltsamen Inschrift, dies an der Aussichtsstelle in das wildromantische Felsental, und dies, als wir an der halbzerfallenen Holzknechtshütte vorübergingen. Es wären alle diese Orte wie Blätter eines Buches, dessen Lettern im Dunkeln frisch und neu geblieben sind; aber ich brauche nicht darin zu lesen, denn ich kenne die Geschichten, die darin stehen, aus- und inwendig.
Maidi hatte auf dem Ausflug, den sie mit der Pfarrerswitwe gemacht hatte, in deren früherer Heimat einen Bauersmann kennen gelernt, einen entfernten Verwandten der Pfarrfamilie, die auch aus bäuerlichen Verhältnissen stammte. Sie mußte es dem ernsten und schweigsamen Mann, der ein Witwer war und allein mit einer alten Magd lebte, durch den Liebreiz und die offene Zutraulichkeit ihres Wesens angetan haben, so daß er ihr ein leidvolles Stück seiner Lebensgeschichte erzählte, die sie mirnun wiedergab. Wenn ich sie jetzt aufschreibe, so geschieht es, daß ein Menschenleben, das sonst wohl schon vergessen wäre oder es doch bald sein würde, noch einmal eine kleine Wellenbewegung macht auf der Oberfläche des Stromes, der uns alle mitnimmt, was vielleicht mir einmal nicht geschieht, wenn ich vergangen sein werde. Wer weiß?
Der Bauer war der ältere Sohn seines Vaters gewesen, oder vielmehr längere Zeit der einzige, und hatte sich als solcher schon im Besitz des Hofs gesehen, an dem er mit allen Eigentumsgedanken und Gefühlen hing, als nach einer Reihe von Jahren noch ein Nachzügler erschien und das ganze Zukunftsbild durch sein bloßes Erscheinen auslöschte, da in jener Gegend die Erbschaftsgebräuche dem Jüngsten den Besitz zusprachen, während die älteren Kinder anderweitig abgefunden wurden. Diese feststehende Regel umzustoßen, konnte niemandem einfallen, sie war durch das Herkommen geheiligt und wurde so wenig angetastet wie das Erbfolgerecht eines regierenden Hauses. So sah der Älteste bereits den Tag vor sich, an dem er den geliebten Hof verlassen mußte, um irgendwo anders unterzukommen, sei es durch Einheirat oder durch das Erlernen eines anderen Berufes, falls er nicht als Knecht dem Bruder dienen wollte, was ihm alles gleich schrecklich war. Er warf im stillen einen Haß auf den Bruder, den er aber so gut als möglich zu verbergen und auch zu überwinden trachtete, wovon ihm aber nur das erstere gelang, und auch das nicht immer. Der Kleine, der ein schönes und zutrauliches Kind war, hing an dem großen Bruder und ging ihm auf Schritt und Tritt nach, obgleich dieser ihn kalt und oft abstoßendbehandelte; das schien ihn nur noch mehr zu reizen, sich seine Liebe zu erringen. Der Ältere wurde auch manchmal gerührt, wenn der kleine Lockenkopf sich an ihn drängte und ihn liebkoste, aber mitten drin kam wieder der Groll über ihn, daß dieser Blondkopf ihm durch sein bloßes Dasein die Heimat nehme, und er wurde von dunklen Gewalten umhergerissen, die ihn allmählich so in die Hand bekamen, daß er den Tod des Bruders wünschte.
Es begab sich nun das Unglück, daß dieser Wunsch erfüllt wurde, und zwar durch seine eigene schuldig-unschuldige Hand, indem ein Gewehr, mit dem die beiden Buben spielten, und das sie für entladen hielten, losging und den Kleinen niederstreckte, ohne daß dieser noch einen Laut von sich gab. Der Große war durch diesen erschütternden Vorfall plötzlich im Tiefsten wach geworden und sah sich als den Mörder seines Bruders an, der er ja freilich auch war, wenngleich nicht mit Willen im Augenblick des Geschehens, aber hundertfältig in Gedanken und Wünschen. Er verfiel in eine schwere Gemütskrankheit, von der er nur langsam genas, und von der ihm immer ein Rest dunkler Melancholie zurückblieb, auch als er dann in den Besitz des gewünschten Erbes kam, das ihm nun ein Reichtum und eine Armut zugleich war. Er heiratete eine Bauerntochter, die ihm sein Vater aussuchte, und neben der er gleichgültig hinlebte, ohne zu sehen, daß sie ihm mit aller Frauenliebe anhing. Wenn er etwas wünschte, so war es ein Erbe, und auch diesen begehrte er nur um des Hofes willen, der nicht in fremde Hände kommen durfte. Als er nun nach einer Reihe von Jahren erschien, starb die Mutter, die mit dem Sohn die Liebe ihresMannes zu erwerben gehofft hatte, hinweg, und auch hier war es so, daß diesem erst die Augen aufgingen, als sie ihm sterbend sagte, wie sehr sie ihn geliebt habe. Er wollte nun aber nichts mehr versäumen in seinem Leben und nahm sich vor, dem Sohn ein so guter Vater zu sein, als irgend möglich, und auch nicht mehr zu heiraten, um nicht von neuem den schweren Konflikt in ein Gemüt zu werfen, das von sich aus schuldlos ins Leben hineinging, und das hier vor ihm in der Wiege friedlich schlummerte. Aber als das Bübchen die Augen aufheben sollte, fand es sich, daß sie blind waren, und so schloß nun auch dieser teuer bezahlte Reichtum eine Armut ein. Doch blieb der Vater dennoch seinem Vorsatz getreu und lebte für den Sohn, der ein feines, zartes und reich veranlagtes Kind und trotz des großen Mangels in seinem Dasein von einer sonnigen Heiterkeit war, wovon der Vater manche Züge zu erzählen wußte. Die Sonne habe der Blinde, der sie nur vom Hörensagen kannte, innig geliebt und Gesicht und Hände ihren Strahlen ausgesetzt, auch die Arme ausgebreitet, um sie zu umfangen, und wenn sie nicht gekommen sei, so habe er sehnlich auf sie gewartet. Wie die meisten Blinden war er musikalisch und spielte mit seinen feinen, beweglichen Händen leise, träumerische Melodien auf dem Harmonium, das der Vater ihm kaufte, so daß es rührend und erbaulich anzusehen und zu hören gewesen sei. Er habe auch eine sonderbar wohlklingende, weiche und doch volle Stimme gehabt, die schon beim Sprechen wie eine Melodie gewesen sei. Mit dieser Stimme habe er Menschen und Tiere gewonnen, so daß er aller Liebling gewesen sei. Gerade diese Stimme sei aberauch sein Verhängnis gewesen, wie denn (wie der nachdenkliche Bauer sagte) jeder sein Schicksal und auch seine Todesart in sich trage, er brauche nicht viel hinzuzutun.
Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung auf Ferneres schien.
Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürztund habe also leben müssen, bis er sein Werk getan habe.
Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse, aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück, das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben, nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht gesehen und seine Seele sei genesen.
Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: „Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchteich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte ich mich entsetzlich.“ Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus, daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz- und Augenweide für die andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer dazwischen hinein, sagte: „Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.“
Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen. „Ich will es einmal versuchen,“ sagte Maidi träumerisch, „mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.“
Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen Weile: „Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?“ Es waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand, tief atmend: „Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.“ Sie breitete wie zur Entsühnung ihreArme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.
Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben, das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schienuns lang genug. Ich beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und Maidi sagte: „Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.“ Sie meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus, denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen, wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.
*
Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen,ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.
Ich war nun sicher, daß sie mich liebte, und es war unsäglich schön, rückwärts blickend einen Beweis um den andern zu finden. Ein gutes Wort, einen überraschten Blick, ein helles Erröten; ich hatte nicht so darauf geachtet, so lange ich immer neue, schöne Dinge bei ihr fand. Nun, da ich vom Vergangenen zehren mußte, wurde mir eins ums andere klar und beweiskräftig. Es war, wie wenn beim Einnachten ein Stern um den andern aus dem Dunkel taucht, bis allmählich die ganze lichte Schar zu Häupten steht, so daß man nicht mehr an sie zu glauben braucht, sondern von ihrem Glanz beschienen wird. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es in Maidi aussähe. Vielleicht hatte sie mit Staunen und zuerst mit Unwillen einen Riß in dem festen Gefüge ihrer Pläne und Vorsätze entdeckt und ihn auszubessern oder zu verkleben gesucht durch vermehrten Eifer und größere Hingabe an ihre Arbeit. Und doch immerwieder aufs neue schien der goldene Tag zu neuen Fugen und Spalten herein, so daß sie sich nicht mehr anders zu helfen wußte, als daß sie ihn einließ. Ich dachte mir aus, wie es bei Olbrichs Werbung zugegangen sei, und wie sie da nur mühsam verborgen habe, daß sich ihr Herz mir zuwende, so daß es ihm, dessen Blicke durch die Leidenschaft geschärft gewesen waren, unausgesprochen klar geworden sei. Alles das machte, daß mir nicht nur Maidi immer lieber wurde, sondern auch, daß ich vor mir selber gewann, da solch ein feines Wesen sich mir zuneigte und mich andern vorzog.
Ich zögerte noch, wie gesagt, mich über die Zukunft zu entscheiden, denn ich war nicht mehr frei und unbeladen wie früher. Ging ich, so fand mich Maidi im Herbst nicht mehr, wenn sie zurückkam; blieb ich aber, so ließ ich die erwünschte Gelegenheit zum schnellen Vorwärtskommen hinaus, und um nicht das eine oder andere erwählen zu müssen, flüchtete ich mich immer wieder in meine leichten Wonnen und Schmerzen hinein, da ich ja morgen oder übermorgen immer noch tun konnte, was ich wollte.
In dieses Schwanken hinein kam ein Brief von Herrn Kasimir, der auf einmal dem Zünglein der Wage einen Stoß gab, so daß es sich zum Gehen neigte. Er fragte mich dringlich nach meinen Entschlüssen und bat, ich möchte mich rasch entscheiden, wenn ich auf seinen Vorschlag einzugehen gedenke; er habe geschäftliche und andere Gründe, die Veränderungen, die er im Sinn habe, in möglichster Bälde vorzunehmen. Die Energie, mit der er auftrat, steckte mich an; ich ließ plötzlich alles Hin- und Herdenken fahren und schrieb ihm, daß ich komme,da ich eigentlich keinen schwerwiegenden Grund dagegen hatte. Es war mir aber, als ich den Brief mit meiner Zusage in den Kasten gesteckt hatte, nicht ganz wohl bei der Sache aus irgend einem dunklen Gefühl heraus. Ich besann mich, was es wohl sein könnte und hatte, wie ich damit einschlief, in der Nacht einen wunderlichen Traum.
Es ging nämlich meine Tür auf, und ein Unbekannter kam auf mich zu und setzte sich auf meinen Bettrand, mich unverwandt ansehend. Unter seinen Blicken wurde es mir sehr unbehaglich zumute, und ich fing an, damit er etwas von seiner Starrheit verlieren möge, ihm, obwohl ungern, von mir zu erzählen. Ich sagte aber lauter furchtbare Dinge, die ich getan hätte oder zu tun im Begriff sei, und konnte kaum atmen vor Angst und Grauen. Er sah mich immerfort ernst und aufmerksam an und sagte dann kopfnickend: „Da will ich dich lieber gleich totschlagen,“ und er tat es auch.
Dieser Traum lag schwer und bedrückend auf mir, als ich zu mir kam. Ich schüttelte ihn aber ab und hatte auch in dem erlangten Wachsein ein, wie ich meinte, scharfes und klares Denkvermögen, in dem ich beschloß, nun einmal ohne nutzlose Quälerei einen Schritt um den andern zu tun. Maidi, mit der mir der dumpfe Druck zusammenzuhängen schien, den ich immer noch nicht ganz los war, – Maidi hatte sich ja selber alle Freiheit vorbehalten und sie auch mir gelassen.
Ich wußte mich liebend und geliebt und dennoch frei, und wenn ich eines Tages zu ihr kam, um sie an mich zu binden, so würde sie, daran zweifelte ichnun nicht mehr, sich mir nicht versagen. Inzwischen baute ich an der Zukunft und ging guten Verhältnissen entgegen, die ich schon ausnützen und immer besser ausgestalten wollte; es war nicht einzusehen, was Beklemmendes um den Weg sein sollte.
Auf einmal fiel mir auch noch das Fräulein Bitterolf ein, der gehörig zu imponieren ich mir schon jetzt vornahm, und deren erstaunte Augen, wenn ich einmal mit Maidi vor ihr erscheinen würde, mir heute schon Freude bereiteten. Aber, wie war denn das? Sie wohnte ja in dem alten Hause, das ich selber beziehen wollte? Zog sie denn mit Herrn Kasimir aus und ließ uns hinein? Aber es gehörte ja nicht mir, und ich konnte es auch nicht kaufen. Und es fiel ihnen auch nicht ein, auszuziehen. Da waren schon wieder neue Fragezeichen, und es eilte mir auf einmal, sie aufgelöst und beantwortet zu sehen. Ich traf meine Vorbereitungen zum Weggang, zu dessen Beschleunigung Herr Kasimir alles beitrug, was in seinen Kräften stand, so daß er ziemlich rasch geschehen konnte. Ich feierte allerlei Abschiede mit allerlei Genossen und schied von ihnen als einer, der auszog, sein Glück zu machen.
Und nichts und niemand sagte mir, daß ich von meiner besten und glücklichsten Zeit Abschied nehme, und daß ich einmal in sie wie in ein verlorenes Paradies zurückschauen werde von vergeblicher Reue gepeinigt.
Als ein Mannhafter und Freier glaubte ich in alte Stätten zurückzukehren, um mir dort ein Leben zu bauen, das meiner würdig und voller Reichtum von außen und innen sei, und wußte nicht, daß ichin mir selber gefangen sei, unfrei zu sein und zu handeln, den Gesetzen nach, die sich mein selbstisches Ich geschaffen hatte eine ganze Jugend hindurch.
*
Als ich wieder in das alte Haus eintrat, schien mir zuerst alles eng, niedrig und kleinlich zu sein. Ich hatte ein Gefühl wie ein Primaner, der probeweise wieder einmal seine langen Glieder in das winzige Bänkchen der Vorschule klemmt und nicht glauben kann, daß er jemals darin sich habe rühren können. Doch dehnte sich vor meinen Augen, was nur scheinbar so eng gewesen war. Ich sah, daß in den beschränkten Räumen, in denen nur wenige Menschen sich regten, dennoch alle Fäden zusammenliefen, die der menschliche Geist gesponnen hat, und von ihnen wieder hinausgingen in menschliche Herzen und Gehirne, so daß wir eine Art von geistiger Speisekammer oder Apotheke für die Stadt waren, die noch dazu Rat und Anweisung von uns empfing, während das groß angelegte Unternehmen, in dem ich bis jetzt tätig gewesen war, nichts von persönlichem Verkehr mit den Menschen gestattete, sondern wie ein Meer in Flut und Ebbe die Ströme der geistigen Produktion anzog und wieder ausstieß, ohne sich darum zu kümmern, wo der Segen schließlich landete.
Es kam mir aber noch eine andere Seite des beschränkten Arbeitskreises bald zu paß, als ich mit steigendem Behagen bemerkte, wie gut es mir tauge, Lenker und Leiter eines, wenn auch mäßigen Reiches zu sein, nachdem ich dort nur ein Rad in dem großen Getriebe gewesen war. Es ging mir wie Cäsar, der lieber auf jenem Dorfe der erste, als inRom der zweite sein wollte. Die alte Garde war in den Jahren meines Fernseins stark zusammengeschmolzen, da der Buchhalter gestorben und seinem Freund, dem ältesten Gehilfen, ein kleines Erbe zugefallen war, das er stracks benützt hatte, sich ein freikommendes Buchlädchen in einer naheliegenden Kleinstadt zu erwerben. Nur Herr Frerichs und der rotbärtige Giller, der jetzt die Bücher führte, waren noch alte Bekannte, denen ich mit einer leichten Verlegenheit gegenübertrat, da sie doch geholfen hatten, mich zu meinem Beruf vorzubilden, und ich ihnen jetzt vorgesetzt war. Frerichs begrüßte mich mit der kindlichen Freundlichkeit, die sein trockenes Gesicht je und je durchsonnen konnte, und schien nichts gegen den Wechsel der Dinge zu haben. Ich fragte ihn, ob er wieder etwas geschrieben habe, da lächelte er freudig und verschämt und sagte flüsternd: „Ja; und diesmal ist es etwas nach dem Leben,“ worauf er mich erwartungsvoll ansah, bis ich sagte, ich wolle es einmal lesen. Damit war die Freundschaft wieder geschlossen, und ich hatte bei ihm die Bahn frei, während mir von Giller etwas Feindseliges zu kommen schien, nach dem ich aber nun gerade nichts zu fragen, sondern ganz als Herr aufzutreten beschloß, da ich es ja nun einmal zu werden im Begriff sei. Freilich hätte es mir noch viel mehr getaugt, Besitzer, als nur angehender Geschäftsführer zu sein, und ich zerbrach mir vergebens den Kopf, wie das zu machen sei, fand aber keinen Rat dazu.
Auch wartete ich täglich darauf, daß Herr Kasimir mir mitteile, was für dringende und eilige Gründe ihn bewogen hatten, mich schnellstens herbeizurufen. Ich legte mich mit allen Kräften ins Zeug, um ihm zuzeigen, daß ich etwas von den Sachen verstehe, und nahm ihm mit ungeduldigem Eifer eine Funktion nach der andern aus der Hand. Das ließ er auch eine Zeitlang stillschweigend geschehen, mich, wie es mir vorkam, wohlgefällig betrachtend, bis er eines Tages seine endlichen Absichten vor mir ausbreitete.
Oder vielmehr geschah es eines Abends, als wir miteinander von dem schönen Garten in halber Bergeshöhe herabstiegen, den er sich vor kurzem gekauft hatte, um, wie er sagte, als halbalter Privatmann noch etwas zu tun zu haben, wenn ihm nun die Jugend über den Kopf wachse.
Es stand ein hübsches steinernes Gartenhaus an der höchsten Stelle des Gartens, groß genug, um einem nicht zu anspruchsvollen Einsiedler als Wohnung zu dienen, wenn er sich zurückziehen wollte, und mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Flußtal mit Bergen und Wäldern.
Aus einem kleinen, heiter ausgemalten Gartensälchen im Erdgeschoß gelangte man auf eine große Terrasse, deren Geländer mit Reben bewachsen war und die aussah, als ob schon manche fröhliche Gesellschaft sich auf ihr versammelt hätte. Sie war auch jetzt schon wieder zu demselben Zweck eingerichtet, und auch heute war ziemlich viel Jugend droben versammelt gewesen und teilweise noch versammelt, als schon die ersten Sterne aus dem dunkel werdenden Himmel auftauchten.
Fräulein Bitterolf – von der ich nun anfangen muß, zu reden, da sie sich nicht mehr verschieben läßt – verstand es in der Tat gut, ein Haus zu machen, wie mir Herr Kasimir schon im voraus erzählt hatte. Sie hatte sich nicht sehr verändert, seit ich sie das erstemalgesehen hatte, wenigstens kam es mir so vor. Sie war damals älter gewesen, als ihre Jugend es wollte, und hatte einst dargestellt, was sie heute war: eine gewandte, sicher auftretende Dame von klarem, kühlem Wesen und von ziemlich großen Ansprüchen an das Leben und die Menschen, dabei aber anziehend (wenigstens für mich, aber wie ich sah, auch für andere) durch die vornehm-überlegene Gelassenheit, mit der sie alles handhabte und allem gegenübertrat, und die zu beobachten es mich immerfort reizte. Ich hätte sie einmal mögen aus der Fassung kommen sehen, hilflos oder zornig erregt, oder auch von einem warmen Gefühl durchglüht, so sehr, daß sie es nicht gleich in einem geordneten Register untergebracht hätte. Sie hätte dann überaus anziehend aussehen müssen, denn das Material dazu war vorhanden in gut geschnittenen Zügen, schönen Farben und Formen, dem allem nur eine stärkere Belebung fehlte. Ich mißtraute aber, ob sie diese vielleicht nicht in sich habe und nur verberge, und strich daher fleißig um sie herum, um den Augenblick nicht zu verpassen. Von der verlegenen Scheu meiner halben Knabenjahre war nichts mehr übrig geblieben, das hatte ich mir richtig prophezeit, dagegen merkte ich nicht, was ich jetzt weiß, daß an ihre Stelle eine andere Schwäche getreten war, die ihren Ursprung in derselben Wurzel meines Herkommens hatte, nämlich die Sucht, ihr mein gesellschaftliches Fertiggewordensein unter die Augen zu rücken und sie zur Anerkennung desselben zu nötigen. Sie war auch in ihrer Weise freundlich und sogar ein wenig vertraulich gegen mich, nahm mich hie und da zu kleinen Diensten in Anspruch und unterstützte Herrn Kasimirs Aufforderung, daß ichviel im Hause verkehren möge, auch ohne daß Gesellschaft da sei, so daß ich mir als Günstling vorkam und mir nicht wenig darauf zugute tat. Wenn wir dann in dem großen Wohnzimmer unter den Familienbildern beisammen waren, und Fräulein Bitterolf den Platz einnahm, den sonst Brigitte Hagenau innegehabt hatte, so schien sie mir etwas von der feinen Fraulichkeit, die die Verstorbene ausgestrahlt hatte, an sich zu haben, nur daß sie bei ihr verschlossener und gehaltener war, aber nicht weniger anziehend. Ich dachte, sie werde die Anlagen dazu in sich haben, und es komme nur auf die richtigen Umstände an, daß sie sich entwickeln könnten, was alles mit Maidi zu bereden es mich immer aufs neue antrieb. Doch kam es mir nicht in den Sinn, ihr darüber zu schreiben, sondern es war mir, wenn ich im Geiste lange Reden bei ihr vorbrachte, als wisse sie nun alles und es fehle mir nur der Widerhall.
Auch kam es immer bald wieder anders, und das hätte ich ihr ohnehin nicht geschrieben. Nämlich in Gesellschaft war das stolze Fräulein unversehens wieder kühl und unnahbar gegen mich, ließ sich in feiner und selbstverständlicher Weise von andern den Hof machen, ohne übrigens gefallsüchtig zu wirken, unterhielt sich leicht und gewandt über alle erdenklichen Dinge, und das mit Professoren, Studenten oder älteren Damen, wie es sich begab, und handhabte die Geheimsprache, wie ich es nannte, in einer Weise, die mich zugleich entzückte und zornig eifersüchtig erregte. Ich hatte nun die Gesellschaft, die ich mir immer gewünscht hatte, in ausgiebiger Weise und war in sie eingereiht durch Herrn Kasimirs ganz selbstverständliche und unauffällige Vermittlung. Es ebnetesich alles für mich, ohne daß ich einen Finger dazu zu rühren brauchte, und doch stand mein unersättliches Verlangen immer nach mehr.
Ich dachte viel an Maidi und sehnte mich oft nach ihr, die mir hie und da mitten aus aller freudigen und gedeihlichen Arbeit heraus Grüße schickte, aber daneben nahm die Gegenwart mich mehr und mehr gefangen, so daß ich oft Mühe hatte, mir ihr Bild vor Augen zu stellen und manchmal ihre Gestalt, ihr Kleid oder sonst etwas sah, aber nicht das Gesicht oder im Gesicht nicht die Augen, was mich wunderlich quälte.
An diesem Abend hätte ich sie gern dabei gehabt oder vielmehr sie als von weitem zusehend und hörend gewußt, weil es sich traf, daß ich eine gute Figur machte, wie noch kaum einmal, und ich ihr das hätte triumphierend vorweisen mögen.
Es war ein junger Arzt in der Gesellschaft, der in einer der Kliniken der Stadt als Assistent angestellt war. Ich kannte ihn von früher her aus der Zeit, da die Geschwister Bitterolf zum erstenmal in der Stadt gewesen waren, und wo er an der dortigen Universität studiert hatte. Er hatte sich damals eifrig um die Gunst des Fräuleins Eleonore beworben und es gut mit ihr gekonnt. Seither hatte er sie auch in ihrer Heimat aufgesucht, wie ich erfuhr, und setzte nun, da sie beide wieder in derselben Stadt lebten, den Verkehr mit ihr fort in einem Ton, der mir von Maidi und mir her geläufig war, halb kameradschaftlich, aber mit einem kleinen Anklang von Zärtlichkeit, wenigstens von seiner Seite. Das Fräulein hatte sich gut in der Gewalt, falls sie je etwas Wärmeres für den Mediziner empfand, was mich mehrinteressierte und eigentlich auch plagte, als mir zustand, da es mich ja, wie ich mir selber sagte, gar nichts anging.
Er brachte hie und da eine Laute mit und begleitete sich selbst zum Singen kleiner Lieder, die er ohne Kunst und auch ohne viel Stimme, aber mit Lebendigkeit und Wärme vorzutragen verstand und mit denen er ziemlich viel Beifall erntete. Heute war er etwas heiser gewesen und hatte die Bitte der Gesellschaft, etwas vorzutragen, ablehnen müssen, was allgemein beklagt wurde. Da hatte ich mit bescheidener Miene, aber innerlichem Frohlocken, gesagt, vielleicht könne ich in die Lücke treten, da ich auch etwas singe, und allerdings die Laute so meisterhaft zu spielen nicht verstehe, aber doch einige Akkorde dazu greifen könne. Denn das letztere hatte ich kurze Zeit zuvor bei einem Bekannten meines vorigen Wohnorts einige Male geübt aus Lust an dieser Art von Musik.
Es entstand nun ein Staunen, das vielleicht mit etwas Mißtrauen gemischt war, ob ich auch etwas könne, und währenddem nahm ich die Laute und begann ein Lied, von dem soeben die Rede gewesen war, zu singen, ohne Scheu, denn ich wußte, daß ich es konnte und daß ich überhaupt mit dem Gesang auf sicherem Boden mich befinde. Ein erhobenes Gefühl in mir machte, daß meine Stimme gut und ausgiebig klang; ich bekam selber Lust, fortzufahren und wurde darin durch den Beifall der Anwesenden ermutigt, so daß ich auf eine Stunde der Mittelpunkt des Kreises war, was mir außerordentlich wohlgefiel. Besonders das Fräulein Bitterolf sah mich aus großen, erstaunten Augen an und sagte: „Sie verstehen ja Ihre Talente vorzüglich zu verbergen. Haben Sieetwa noch mehr geheime Künste im Hintergrund? Und werden Sie uns diese nach und nach erst zu genießen geben?“ Und Herrn Kasimir hörte ich zu seinem Nachbar, einem älteren Gelehrten, der sich hie und da dem mehr jugendlichen Kreise im Garten anschloß, etwas von großen Vorzügen sagen, die an der rechten Stelle sich noch ungeahnt entfalten würden, was ich ohne weiteres auf mich bezog und freudig einheimste, so daß ich selber überrascht war, welch vielversprechender Charakter ich sei. Ich erhob mich auch gleich nachher, von so viel Vorzüglichkeit geschwellt, und sagte, ich bedaure, mich nun entfernen zu müssen, da ich noch im Geschäft die späte Post nachsehen wolle, mit der ich wichtige Nachrichten erwarte, und hatte nun sowohl das Bedauern über mein Gehen, als auch die stumme Hochachtung meiner Tüchtigkeit auf mich zu nehmen, so daß ich förmlich gespreizt den Berg hinunterstieg. Kaum aber war ich einige Schritte vom Gartentor entfernt, als ich Herrn Kasimir hinter mir herkommen hörte, der sich mir anschloß, weil er, wie er sagte, etwas mit mir zu besprechen habe, das er nun nicht mehr hinausschieben wolle.