Chapter 7

Er sei von einer doppelten Sorge umgetrieben, der um sein Geschäft und Haus und der um seine Nichte. Oder eigentlich wünsche er eine einzige daraus zu machen, sie wolle sich aber nicht ohne weiteres vereinigen lassen, und er hoffe, ich helfe ihm dabei, was dann wieder zu meinen eigenen Gunsten geschehe.

Er habe, sagte er, sein Vermögen fast ganz im Haus und Betrieb stecken und wünsche es auch darin zu erhalten, da das Geschäft schon so lange in der Familie sei und er es nicht in ganz fremde Händekommen lassen wolle. Wenn er einen Sohn hätte, läge die Sache einfach, er hätte dann einen natürlichen Nachfolger und wäre aller Sorgen ledig. Da er aber ohne Leibeserben sei, so wolle er wenigstens trachten, die Sache so einzurichten, daß dennoch ein Glied der Familie in dem alten Anwesen sitze. Der Sohn Bitterolf, der Jura studiert habe und durch nichts zu bewegen gewesen sei, in das Geschäft einzutreten, scheide aus, und es sei nur noch die Tochter Eleonore da, auf die er es nun abgesehen habe. Diese sei, wie ich ja sehe, ein etwas verwöhntes Mädchen, das es nicht billig tue mit seinen Ansprüchen, sie dürfe es aber auch sein, da das Leben sie mit allerlei Vorzügen ausgestattet habe, die nur in einer entsprechenden, das heißt reichen und behaglichen Umgebung zur Geltung kämen. Sie habe auch noch andere, mehr innerliche, die sich zu ihrer Zeit gewiß auch entwickeln würden, und sei nicht kalt, sondern nur ihrer niederdeutschen Art nach gehalten und karg mit Gefühlsäußerungen, und es werde sich einer, den sie wirklich liebe, einmal nicht über sie zu beklagen haben. Das alles hätte er mir nicht gesagt, wenn nicht besondere Gründe ihn jetzt dazu getrieben hätten, sondern hätte mir überlassen, es nach und nach herauszufinden. Ich sei ihm lieb wie ein Sohn, und er wünsche, daß ich die Nichte für mich gewinne, wodurch ja dann auch mein eigenes Glück gemacht wäre.

Es sei nun aber eine Störung seines Planes in Gestalt des jungen Mediziners aufgetreten, der Eleonore für sich zu haben wünsche und auch redlich in sie verliebt zu sein scheine. Ob das Mädchen ihn wolle, wisse er noch nicht sicher, doch scheine es ihm so. Er habe an sich nichts gegen den Doktor, möchte aberwomöglich die Nichte anders beeinflussen und sage mir das, damit ich das Meinige tue, um den Liebhaber auszustechen, da es ihm vorkomme, als ob ich auch nicht taub gegen ihre Anziehungskraft sei, und da ich neuerdings angefangen habe, mich auch bei ihr ins Ansehen zu setzen, wie er mit Vergnügen sehe. Am besten wäre es, wenn alles schnell geschähe, wozu er, wenn es dann zum Klappen komme, auch das Seinige beitragen werde, und kurzum, er habe nun geredet.

Ich hatte das alles stumm mit angehört und war froh, daß es dunkel war, so daß Herr Kasimir mein Gesicht nicht sehen konnte, denn wir hatten den weiteren Heimweg durch eine lange Platanenallee eingeschlagen, in deren Schatten wir nun hingingen.

Doch hörte er mich, als er aufgehört hatte, ein paar schwerere Atemzüge tun als sonst und fragte mich, da ich nicht antwortete: „Oder sind Sie am Ende schon anderweitig gebunden? Das wäre freilich schade, denn es würde alles ändern von Grund aus.“

Ich sagte beklommen, nein, ich sei nicht gebunden, es sei mir nur alles überraschend und neu, und Herr Kasimir redete mir wohlwollend zu, mir die Sache zu überlegen.

Er mochte den Eindruck haben, daß ich von dem Glücksfall, den das Anerbieten für mich bedeute, ein wenig überwältigt sei, und daß es besser sei, wenn er mich nun vorläufig in Ruhe lasse, damit ich mit mir selbst ins reine komme; so verließ er mich, und ich setzte meinen Weg allein fort. Das Geschäft aber und die späte Post kam mir für heute nicht mehr in den Sinn.

*

Ich will nun nichts beschönigen von dem, was an diesem Abend und in den Tagen, Abenden und Nächten der folgenden Zeit in mir geschah. Wie könnte ich es auch, da doch das Liebste, Holdeste und Echteste, was in mir war, dabei unterlag, obgleich es sich wehrte, wie ich meinte. In Wahrheit hatte ich es ja schon verraten, als ich auf Herrn Kasimirs Frage, ob ich schon gebunden sei, mit nein antwortete, wenn ich es auch nicht tatsächlich war. Nicht gegen ihn, sondern gegen mich selbst hatte ich Maidi verleugnet, und als ich unter den dunklen Bäumen hinging, klopfte mir das Herz hart und stark, als ob ich mich schon entschieden hätte ohne alles Nachdenken, dem Schicksal oder dem, was sich dazu aufwarf, zu folgen, und als ob ich nun nicht mehr zurück könnte, obgleich mich eine zärtliche und lebensvolle Stimme riefe.

Wenn ich den Zustand jener Tage schildern wollte, so müßte ich bekennen, daß es nicht ein Auf und Ab oder einen Kampf zwischen hohen und niedrigen Geistern in mir gab, sondern nur etwa einen Streit von frohen und traurigen Gefühlen. Es schmerzte mich wohl heftig, daß ich nicht beides beisammen haben konnte, was mir begehrenswert und wichtig war, doch glaube ich nicht, daß ich jemals schwankte, was ich wählen würde, wenn ich es mir auch zuweilen vortäuschte. Im Grunde wußte ich wohl, daß ich mir die sichere Aussicht auf eine stattliche, mit Behagen, Schönheit und Ansehen verknüpfte Lebenslage nicht würde entgehen lassen, ja es schien mir sogar männlich und zielbewußt, daß ich es nicht tat. Ich könnte vieles nennen, was ich mir an guten Gründen für meine Handlungsweise vorredete, unter anderem auch das, daß ich Herrn Kasimir gegenüber Verpflichtungenhätte, da er mir so sorglich und väterlich gesinnt sei, doch will ich es mir nicht antun, noch einmal alle Geister der längst vergangenen Zeit, die immer noch zuweilen Macht haben, mich zu überfallen, heraufzubeschwören. Es ist genug, daß ich nichts von allem ungeschehen machen kann, was ich tat und in was ich jetzt hineinging.

Als ich Eleonore, wie ich sie jetzt kurzweg nennen will, zum erstenmal wiedersah, ein paar Tage nach der Unterredung mit Herrn Kasimir, hatte ich bereits so viel über das neue Verhältnis nachgedacht, in das ich zu ihr zu treten bestimmt schien, daß es mir nicht mehr ganz überwältigend war, mir vorzustellen, ich könnte sie einmal mit du anreden, könnte sie am Arm durch die Straßen führen, ihr am Tisch als Hausherr gegenübersitzen und dergleichen, was mir alles, als ich es zum erstenmal in Gedanken übte, so unwahrscheinlich vorgekommen war, wie daß die steinerne Justitia am Rathaus von ihrem Sockel herabstiege und sich zu mir auf das Sofa setzte. Ich mußte freilich sagen, daß sich meine Gedanken noch mehr als mit ihr selbst mit der allgemeinen Lebensveränderung befaßt hatten, die mir die Verbindung mit ihr bringen würde, da ich nicht in sie verliebt war und nur nicht hatte leiden wollen, daß sie hochmütig über mich hinweg sähe.

An diesem Abend, dem ich immerhin mit einigem Herzklopfen entgegengesehen hatte, schien sie mir aber in etwas verändert zu sein gegen sonst, so daß ich den Vorsatz, ihr kühn und selbstbewußt entgegenzutreten, den ich mir im stillen zurechtgelegt hatte, nicht recht ausführen konnte. Sie hatte etwas Müdes in Gesicht und Haltung, das ich noch nie an ihr gesehen hatte, und das aussah, als ob sie von ihrer Damenhaftigkeitein wenig ausruhe im Familienschoß. Es konnte aber auch sein, daß sie irgend ein Leiden hatte, das sie innerlich quälte, ja es schien mir sogar wahrscheinlich, wenn ich nach ihren Augen sah, die vielleicht im Verborgenen geweint haben konnten, dem feuchten Glanze nach, den sie ausstrahlten. Das alles zusammen machte, daß ich keinerlei Minen springen ließ, sondern mich einfach und bescheiden benahm mit rücksichtsvoller Höflichkeit, was dann wieder sie an mir nicht gewöhnt war, so daß wir einander gegenseitig neugierig und erstaunt betrachteten und dachten: Aha, so kannst du also auch sein? Ich muß sagen, es gefällt mir an dir, und vielleicht hast du noch mehr dergleichen im Hintergrund. Oder wenigstens ich dachte so.

Wir waren nur zu dreien. Herr Kasimir saß zufrieden lächelnd in seinem Sessel und ließ sich von der Nichte töchterlich bedienen, so daß wir schon wie eine kleine Familie aussehen konnten. Ich wurde auch gebeten, zu singen, und als ich mich wehrte, da ich ja keine ausgebildete Stimme habe und neulich nur mit kleinen Volksliedchen in die Lücke getreten sei, sagte Eleonore lächelnd: „Das sagen Sie zu spät, denn es ist nun schon am Tage, daß Sie singen können, es wird Ihnen nicht mehr geschenkt,“ und Herr Kasimir ermahnte mich, nicht über das erlaubte Maß bescheiden zu sein, sondern mein Licht auf den Leuchter zu stellen, so daß es mir wind und weh wurde vor lauter Wohlsein. Das Fräulein schlug vor, mich auf dem Klavier zu begleiten und belehrte mich in so wenig schulmeisterlicher Weise, ja in einer fast demütigen Liebenswürdigkeit über gewisse Schwierigkeiten an den Liedern, die sie mir zu singen vorschlug, daß ichdachte, sie werde bereits zahm, was mir aber nicht erstaunlicher war als der ganze Zustand, der mich umgab, und der einer gebratenen Taube glich, die mir in den Mund geflogen kam.

Ich will es nun kurz machen. Ich gewann, durch leicht errungene Erfolge geschwellt und ermutigt, stets wieder neue, und zwar sowohl in der Gesellschaft, in der ich mich so leicht bewegte wie ein Seiltänzer, aber mit der Miene und Haltung des gediegenen Geschäftsmannes, als auch, eben dadurch unterstützt, bei der Dame. Sie wechselte zwar in jener Zeit oft die Stimmung und schien sich nicht leicht zu ergeben, kam aber doch immer wieder mit liebenswürdigen und angenehmen Zügen zwischen der Kühle und Unnahbarkeit ihres Wesens heraus, so daß ich dachte wie einst bei Maidi: Mir machst du nichts mehr weis. Ich glaubte allmählich den Mediziner in Wahrheit auszustechen und war nicht wenig eitel darauf. Eines Tages verschwand er auch von der Bildfläche, um, wie ich hörte, einen Urlaub anzutreten, und ich machte mich darauf gefaßt, nun den großen Schritt wagen zu können.

Es war auch nötig, daß es geschah, denn es hatte sich meiner eine Unruhe bemächtigt, die ich mir selber nicht gestand, die mich aber besonders bei Nacht überfiel, so daß ich anfing, schlecht zu schlafen, was mir noch nie geschehen war, so lange ich denken konnte. Um dem zu entgehen, gewöhnte ich mir an, sehr spät nach Hause und ins Bett zu gehen. Ich blieb bis tief in die Nacht im Geschäft, wo ich aber nicht etwa angestrengt arbeitete, sondern irgend etwas zu lesen oder zu studieren versuchte, was mir oft gelang, oft auch nicht, so daß ich bleich auszusehen und für einenspekulativen Kopf zu gelten anfing, ohne daß ich etwas Besonderes geleistet hätte.

Herr Kasimir nahm mich eines Tages auf die Seite und ermahnte mich, es mir nicht zu schwer zu machen, da es nicht nötig sei, ich werde, so viel er merke, keinen Fehlantrag stellen. Denn er meinte, ich plage mich als ein unglücklicher Verliebter mit mir herum, dem es an Selbstvertrauen und Mut gebreche, hervorzutreten. Es war aber ein wenig anders. Doch hatte sein Anstoß, wie schon ein paarmal in meinem Leben, Erfolg bei mir. Ich dachte, es würde alles anders und besser, wenn die Sache einmal im reinen wäre, und wenn ich mich vor mir selber mit meinen geteilten Gefühlen und Gedanken in die kühle und klare Ruhe Eleonorens flüchten könne.

Es kam aber noch etwas anderes dazu, daß ich es tat, etwas, das mich ebensogut hätte von der begonnenen Bahn zurücktreiben können, wenn ich nicht schon das weitaus größere Übergewicht meines Begehrens und Wollens auf diese Seite gelegt gehabt hätte. Es war ein Brief von meiner Schwester Luise, die mich mit herzlichen und freundlichen Worten schalt, daß ich so lange nichts von mir hören lasse, da sie doch zu Hause mit Stolz und Freude meine Schritte in Gedanken begleiteten. Sie nannte, wie immer, wenn sie etwas so recht innig bewegte, den Namen meiner Mutter und schrieb, es sei doch ihr Segen über mir; sie habe sich so viel darum gekümmert, daß es gut mit mir komme, wie würde sie sich nun freuen, daß ich in eine gute und sichere Bahn gerate, auf der ich als ein rechter Mann bestehen und gedeihen könne. Dann fuhr sie fort, sie wisse nämlich mehr von mir, als ichdenke. Es sei lieber Besuch dagewesen, den ich wohl kaum errate, oder doch?

Der Besuch war Maidi, die ihre Arbeit auf einige Tage unterbrochen hatte, um eine Zusammenkunft mit ihrem Bruder zu haben, das neu errichtete Familiengrab mit dem Grabmal des Großvaters anzusehen und sich einiges aus der verschlossenen Schatzkammer, von der ich ja auch wußte, zu holen. Dies konnten freilich alles Gründe sein, aber nicht der Hauptgrund, der Maidi hergetrieben hatte, und der wohl darin bestand, daß sie meine Schwestern hatte besuchen wollen, um von mir mit ihnen reden zu können. In dem Briefe stand das freilich nicht ausdrücklich, aber es ging für mich aus dem Folgenden hervor. Luise erzählte wie beiläufig, daß sie viel von mir gesprochen hätten, und fragte, ob mir nicht etwa die Ohren geläutet hätten? Maidi sei begierig gewesen, durch sie von mir zu erfahren, da sie seit längerem nichts von mir wisse, und habe lächelnd hinzugefügt, sie sei nämlich verwöhnt durch das häufige persönliche Zusammensein mit mir, so daß es dann um so leerer sei, wenn die Post ausbleibe. Sie, Luise, habe ihr aber gesagt, daß es meine Art nicht sei, viele Briefe zu schreiben, das müsse man bei mir in den Kauf nehmen, wobei das feine und liebherzige Wesen nachdenklich und wie mit einem Blick ins Weite dann mit dem Kopf genickt habe.

Sie habe Maidi auch zu Helene geführt, die eben ihr zweites Kindchen an der Brust gehabt und daher habe auf sich warten lassen. Da habe Maidi aber gebeten, doch dabei sein zu dürfen, und habe die liebe Gruppe mit entzückten und zärtlichen Augen angesehen, so daß man wohl gemerkt habe, wie sie sichauch dergleichen wünsche. Kurzum, der ganze Brief war voller Maidi und so gehalten, als ob mir die Schreiberin eine rechte Herzensfreude damit machen wollte, da sie keine Brille brauchte, um zu sehen, wie es stand. Sie schloß mit dem Versprechen, mir, falls ich es wissen wolle, dann einmal alles zu erzählen, was sie geredet hätten – hoffentlich an Weihnachten, wenn es da das Geschäft erlaube, heimzukommen, was ja natürlich Vorbedingung sei, wie sie wohl einsähe.

Ich konnte kaum zu Ende lesen, so sehr überfiel mich aus dem Brief heraus alles Holde und Liebliche, das in der Ferne treumeinend auf mich wartete, und dem das Herz schwer und unruhig klopfte, weil ich so lange stumm blieb. Es war in der Mitte des Nachmittags an einem schönen, sommerheißen Tage. Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Kontor und Hause und wäre gern gelaufen, so weit mich meine Füße trugen, denn es war alles vorbei und umsonst, ich kam nicht mehr zu Maidi zurück, ich war hier angeschmiedet mit ganz andern Fesseln, als sie wußte, und so, daß ich nicht mehr heraus konnte, aber mein unterjochtes und zum Schweigen verdammtes Herz rief nach ihr wie ein verlorenes Kind.

Und so, in dieser Erregung, mit klopfenden Pulsen und vor schmerzlicher Leidenschaft flimmernden Augen kam ich, ohne mich besonnen zu haben, wohin ich gehe, auf dem Berg an, wo Eleonore war, um die Vorbereitungen für eine Gesellschaft zu treffen, die sich am Abend da versammeln wollte. Sie hatte soeben das Mädchen, das bei ihr war, noch einmal ins Haus hinunter geschickt, um einiges zu holen, und war allein. Ich sah sie an dem steinernen Tisch auf der Terrassesitzen mit einem Haufen abgeschnittener Blumen vor sich, die sie in Vasen ordnen wollte, aber ihre feinen, weißen Hände lagen unbeschäftigt mitten in den Blüten; sie sah aus, als erleide sie Schmerzen oder sinne etwas Schwerem und Traurigem nach, und von ihrer verschlossenen Kühle war nichts zu sehen. Als sie mich erblickte, kam eine jagende Röte in ihr Gesicht; sie stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir erschreckt in die Augen, denn sie hatte mich noch nie so gesehen wie jetzt. Ich besann mich aber keinen Augenblick, ihr zu sagen, warum ich hier sei. So oft ich mir vorher in kühler Überlegung ausgedacht hatte, wie ich es angreifen wolle, so unbedacht flossen mir nun die Worte von verhaltener Leidenschaft für eine andere erfüllt, von den Lippen. Was ich gesagt habe, weiß ich jetzt nicht mehr, da es in einem Rausch geschah, doch mußte sie aus der drängenden Glut meines Wesens ja schließen, daß ich in glühender Liebe, die sich nicht mehr zurückhalten lasse und nicht mehr auf Antwort warten könne, für sie entbrannt sei. Es dröhnte mir dabei ein Wasserfall in den Ohren, dessen stürzende Wellen zu schreien schienen: du lügst, und den ich übertäuben mußte, da er mich sonst vernichtete. Ich weiß noch, daß Eleonore tief erblaßt und hoch aufgerichtet vor mir stand und mir wie gebannt in die Augen sah, und daß ein schluchzender Laut aus ihr hervorbrach, als ich schwieg. Ihre Lippen zuckten, und es kam etwas von Feuer in ihre Augen. Sie stützte sich mit einer Hand auf den Tisch, mitten in die Blumen hineingreifend, als suche sie einen Halt, und sagte mit einer Stimme, die mir fremd klang vor der starken Bewegung, die darin zitterte, und die sie unterdrückte: „Sie sindanders, als ich meinte. Ich wußte, daß Sie kommen würden, aber ich glaubte, es würde anders sein.“

Und dabei sah sie mich immer noch staunend an, schloß aber plötzlich die Augen mit einem tiefen Seufzer und litt es, daß ich sie heftig an mich zog, wobei ich spürte, daß sie am ganzen Leibe zitterte. Der Wasserfall meines Blutes und wohl auch meines Gewissens brauste stärker. „Willst du mein sein?“ fragte ich in sein Dröhnen hinein, und sie nickte geisterhaft mit geschlossenen Augen, so daß es mir fast unheimlich war.

Es dauerte aber vielleicht nur Sekunden, so richtete sie sich auf und löste sich aus meinen Armen. „Man muß mich nehmen, wie ich bin,“ sagte sie, und zwang sich zu einem Lächeln, „ich kann keine Zärtlichkeit geben; sie liegt mir nicht, oder wenn doch, dann tief unten.“ Da bezwang ich mich, aber ich dachte, ich wolle sie heraufholen, denn wie sollte ich sonst leben können mit der neuerwachten und ungebändigten Glut meines Innern?

Sie las aber wohl meine Gedanken, was nicht schwer gewesen sein mag bei meinem Zustand, und sagte mit Angst in der Stimme, wie ich deutlich hörte, aber doch in der Haltung einer Herrin: „Ich brauche Zeit zu dem allem; es kam so plötzlich.“ Auf ihrem weißen Gesicht kam und ging die Farbe, sonst hatte sie sich wieder ganz in der Gewalt und nun auch mich. Sie setzte sich an den Steintisch nieder, so daß der Tisch zwischen uns war, und bedeutete mich, es auch zu tun, und mich überkam nach der heftigen Bewegung etwas wie Mattigkeit, so daß es mir recht war, wie es geschah.

Wir fingen an, dies und das von der Zukunftzu reden, indes Eleonore fortfuhr, ihre Blumen zu ordnen; das schien sie zu beruhigen, obgleich ihre Hände, beseelter und erregter als ihr Gesicht, hier und da noch leise zuckten, was ich mit einer gewissen Neugierde sah.

Das ist nun deine Braut, dachte ich; es war mir aber, als gehe die Tatsache einen andern Menschen an, und ich hatte Mühe, sie mir vorzuhalten; denn die steil aufschießende Flamme war wie ein bengalisches Licht in sich zusammengesunken, und ich wunderte mich, wie ich vorhin hatte Mut und Worte zu meiner Tat finden können.

*

Es ist mir, wenn ich an die Zeit zurückdenke, in der wir beide ein Brautpaar vorstellten, als sei immer ein steinerner Tisch zwischen uns gewesen, an dem wir beide eine leidlich gute Figur bildeten. Wir hatten viele Glückwünsche, Blumen, Geschenke, Einladungen und dergleichen über uns ergehen zu lassen. Ich sah in manchem Gesicht das wohlwollend sachverständige Lächeln, das man den Brautpaaren entgegenbringt, um ihnen zu zeigen, man wisse aus eigener Erfahrung, wie selig eine solche Zeit sei, und es sei einem jede Art von Torheit oder Zerstreutheit im voraus verziehen um des eigenartigen Zustandes willen, in dem man sich befinde. Ich dachte dann, ich möchte wohl wissen, ob die Betreffenden zu ihrer Zeit seliger gewesen seien als ich, und ob sie mehr liebende Torheiten begangen hätten. Uns beiden hatte man wohl in dieser Hinsicht nichts zu verzeihen. Wir erfüllten alle geselligen Pflichten mit Hingabe und Anstand und man nannte uns ein schönes Paar, das sich gut zu benehmenwisse, weil uns keine heimliche Sehnsucht nach dem Alleinsein zu zweien erfüllte, wenn wir unter Menschen waren, keine zärtliche Unruhe uns von der Gegenwart ablenkte. Wenn ich mit Eleonore im offenen Wagen durch die Straßen fuhr, um Besuche zu machen, so dachte ich wohl, es werden mich die Menschen, die uns nachsahen, für einen glücklichen Mann halten, dem alles gelinge, was er wolle, und ich sagte mir mit Verwunderung, daß mir ja nun alle meine Wünsche erfüllt seien und fragte mich, ob denn jetzt noch etwas nachkomme, da es nicht alles sein konnte und ich zuzeiten eine trostlose Leere in mir fühlte. Doch suchte ich mich damit zu beschwichtigen, daß ich ja immer noch in einem Zwischenzustand mich befinde, und daß gerade bei solchen Leuten, wie wir, das Leben im eigenen Heim und Haus und im Ehestand das bessere Teil sei. Da würde dann auch, hoffte ich, Eleonore allmählich ihre Zurückhaltung, die mir künstlich vorkam, ablegen und das Warme, Lebendige und Reiche, das ihre Natur doch auch hatte, zu seinem Recht kommen lassen. Sie erschien mir oft, als litte sie unter sich selbst, und das zog mich zu ihr, denn ich meinte, es falle ihr schwer, etwas Hartes, Sprödes an sich zu zerbrechen, und es fiel mir sonderbarerweise nicht ein, daß etwas anderes zwischen uns stehen könnte, wozu ich doch alle Ursache gehabt hätte. Ich traute ihrer stolzen und hochfahrenden Natur ganz, daß sie das wähle und tue, was ihr innerlich gemäß sei und stellte sie viel zu hoch, als daß ich hätte denken dürfen, sie habe mir ohne Liebe die Hand gegeben, ohne dabei zu erwägen, wie sehr ich mich selber damit richte. Herr Kasimir war wohl der Glücklichste von uns dreien. Er war rastlos beschäftigt,uns die Wege zu ebnen, Verschönerungen in der Wohnung anbringen zu lassen und mit uns Möbel, Teppiche und allerlei Hausrat auszusuchen, wobei er an nichts sparte. Wir sollten in dem alten Hause wohnen, in dem er sich auch ein oder zwei Zimmer vorbehielt, während er sich im übrigen in das Gartenhaus auf dem Berge zurückzog, in dem er noch allerlei ausbauen und verbessern ließ, um es auch im Winter bewohnen zu können, wenn er Lust hätte. Doch verkündigte er im voraus, daß er nicht allzuviel in der Stadt sein werde, da er endlich einmal seinen alten Wunsch, in Muße auf Reisen zu gehen und bald da bald dort sich aufzuhalten, wo es schön sei, in Erfüllung bringen wolle. Das genoß er alles im voraus und kam so jetzt schon auf einen Teil seiner Kosten, was ihn ungemein straffte und belebte.

Wir waren alle drei einig, daß die Hochzeit in aller Bälde stattfinden solle, vielleicht jeder aus einem andern Grunde, aber die Sache war darum doch dieselbe. Eleonore zeigte ihr Talent, anzuordnen, Leute in Schwung zu bringen, so daß sie ihr alle zu Willen waren, mit wenigen Worten und in ruhiger, fast nachlässiger Weise zu bestimmen, wie dies und das gehalten werden sollte. So und so wünsche ich das, sagte sie, und die Geschäftsleute sahen sie dann bewundernd an und fügten sich, auch wenn sie es ganz anders gemeint hatten. Sie wurde angeregt und frisch während der Besprechungen über Einrichtung und dergleichen, fragte mich um Rat und tat, als gehe sie darauf ein, machte es aber dann doch so, wie sie zuerst gemeint hatte, und es war auch immer besser auf ihre Weise, denn sie hatte Geschmack und Erfindungsgabe zugleich.

„Eigentlich hätte ich gern ein neues Haus draußen in den Gärten,“ sagte sie, „das müßte dann von Grund aus harmonisch gebaut und eingerichtet sein; aber Onkel Kasimir will, daß wir in dem alten Hause wohnen, und es ist ja auch vornehmer als mancher neue Kasten, man muß nur nach und nach herausholen, was drin steckt, ich habe da noch allerlei Möglichkeiten im Sinn.“ Sie sah nachdenklich aus, als ob sie über etwas Tiefes nachsinne, und ich lachte, denn ich hatte gern, wenn ihr unser Haus so wichtig war; sie freute sich doch, darin zu wohnen und es war uns ja gemeinsam. Es mußte ja doch gut kommen. So konnte ich es nicht lange mehr aushalten, wie es jetzt war. Ich war nervös geworden und schlief nicht, oder wenn ich schlief, hatte ich unruhige Träume, von denen ich dann schreckhaft und mit schwerem Druck erwachte. Eigentlich hätte ich mich besinnen müssen, was immer auf mir liege, aber gerade das wollte ich nicht wissen. Nachher kommt es anders, wenn dann einmal alles in Ordnung ist, dachte ich, und das war mein Beruhigungsmittel. Ich hatte lange daran herumgedrückt, bis ich meinen Schwestern die Anzeige von meiner Verlobung schickte. Denn da war der letzte Brief von Luise, der allzu durchsichtig ihre Hoffnung auf eine andere Verbindung für mich zeigte, ja sie als bestimmt vorgesehen voraussetzte. Wie sollte ich ihr begreiflich und faßbar machen, was nun inzwischen geschehen war und was sie mit ihrem schlichten Empfinden, das immer in seinem Kreise geblieben war, doch nicht fassen konnte? Ich konnte es ja selber nur, wenn ich von allem wegsah, was ich nun außerhalb meiner Bahn gestellt hatte und was für mich nicht mehr in Betrachtkommen durfte. Denn ich wollte ein Ehrenmann sein, und ein solcher mußte Opfer bringen können, wie ich mir vorsagte. Zuletzt entschloß ich mich, eine gedruckte Anzeige abzuschicken, auf die ich einige nichtssagende Worte kritzelte, die von Arbeitshäufung und Zeitmangel redeten und für die nächste Zeit einen ausführlichen Brief verhießen. An Maidi schickte ich keine Anzeige und schrieb auch nicht. Darüber will ich kein Wort verlieren. Ich konnte nicht. Sie war irgendwo in einer Welt, in der ich auch einmal gelebt hatte, und von der ich nun geschieden war.

Eines Abends, als ich noch nach einem Buch suchte, in dem ich lesen wollte, bis ich schläfrig werde, fiel mir das Volkmann-Leandersche Märchenbüchlein in die Hände und darin das Märchen von dem reichen Mann, der sich, in der Ewigkeit angekommen, die Lebensweise aussuchen darf, die er führen will, und der sich, als er alles hat, was er wollte, nun im Himmel wähnt. Aber eines Tages merkt er, daß er in der Hölle ist, und zwar recht tief drin, denn was er hat an Gütern, sättigt ihn nicht, und er sehnt sich, der Arme zu sein, der auf einem Schemelchen zu Gottes Füßen sitzt, wie er sich gewünscht hat, aber es ist zu spät.

Da fing mein übelberatenes Herz an, sich aufzubäumen, denn es wollte leben und nicht zusammengedrückt sein, und rief: Das bist du! Aber ich gebot ihm Schweigen und malte ihm alles Gute aus, was es jetzt auch hätte. Das tat ich manche Nacht.

Bei Tage war ich rastlos tätig, so sehr, daß der rotbärtige Giller knurrend sagte, man habe zu der Zeit, da ich nicht dagewesen sei, auch schon gearbeitet, es sei aber anders zugegangen, und an einer Hetzjagdwolle er sich nicht beteiligen. Er sah dabei mit seinen etwas vorstehenden Augen, die er böse rollen konnte, der stumpfen Nase und dem breiten Munde, aus dem er die gelben Schaufelzähne drohend hervorblöckte, mehr als je aus wie ein grimmiger Kettenhund, vor dem ich mich auch fürchtete, ohne eigentlich zu wissen, warum, nur aus meiner inneren Unsicherheit heraus. Man sagt ja auch, daß die Hunde spüren, wenn ein Vorübergehender oder ins Haus Eintretender ein tadelhaftes Gewissen habe und ihn daher schärfer anfallen als einen ruhig und in unschuldiger Harmlosigkeit Auftretenden, so daß hier das Bild einigermaßen passen mag, indem der im Dienst des Hauses gealterte Mensch mir wohl anspürte, daß etwas mit mir nicht in Ordnung sei und mich daher mißtrauisch anknurrte. Denn als den Herrn der Firma konnte er mich bis jetzt noch nicht ansehen, er wandte sich vielmehr, so viel er konnte, in allen Dingen an Herrn Kasimir, was diesem wohlzutun schien, obgleich er ihn meistens von sich ab und an mich verwies. Mir konnte es gleich sein, denn ich übernahm ja doch bald das Geschäft, und wem es dann nicht gefiel, der war ja nicht ans Bleiben gebunden.

Frerichs sah mich hie und da scheu an. Er hatte ein Gedicht zu unserer Verlobung gemacht, voller Süße und voller Weissagung des Schönsten und hatte begierig auf mein Lob gewartet, das aber ausblieb. Nun dachte er, daß er es nicht recht gemacht habe; er kannte sich nicht aus bei mir und hätte mich gern gefragt, aber ich half ihm nicht dazu. Für Eleonore hatte er eine stumme Verehrung; manchmal traute er sich, ein Wort von ihr zu sagen, ob mir das vielleicht die Zunge löse gegen ihn. Er hatteschon eine Hochzeitsdichtung angefangen, wie er durchblicken ließ; am liebsten hätte er den Plan dazu mit mir besprochen. Aber ich war nicht mehr der Alte ihm gegenüber. Es tat mir weh, denn ich wußte, er hing an mir, aber es kam nun auf einen, den ich kränkte, nicht mehr an, es waren deren noch mehr auf der Welt.

*

So kam die Hochzeit näher. Es wurde jetzt beraten, wie sie gefeiert werden sollte. Eleonore wollte eine große Gesellschaft dabei haben, denn sie gedachte, als verheiratete Frau viel und ansehnlichen Umgang zu pflegen, wie sie das ja auch jetzt schon getan hatte, und mit einer strahlenden Hochzeitsfeier gewissermaßen die Türen unseres Hauses zu öffnen. Bei dieser Beratung kam es zwischen uns zum ersten Streit; wir waren einander seither in allem so gut als möglich entgegengekommen und hatten darum friedlich gelebt. Oder eigentlich muß ich wohl sagen, daß ich selber in vielen Dingen meiner Braut freie Hand gelassen hatte, weil sie mir nicht so wichtig waren, und weil ich sie gern gut gestimmt sah. Als wir nun die Personen aufzählten, die zur Hochzeit geladen werden sollten, und ich die Liste überlas, fehlten auf derselben meine Schwestern, und ich fühlte, daß es Absicht sei, sagte aber so ruhig als möglich, daß hier zwei wichtige Namen ausgelassen seien, die an einem guten Platz eingeschoben werden müßten. Ich hatte mit Eleonore schon öfters von den Meinigen zu reden versucht; sie wußte aber immer das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, und ich ließ mich auch dazu bewegen; doch spürte ich, daß es eine Auseinandersetzunggeben müsse, die sich nicht mehr lang verschieben lasse. Sie wollte nichts von meiner Herkunft und meiner Familie wissen, das sah ich wohl, und wenn ich nicht blind und taub gewesen wäre, so wäre es mir wohl ein sicheres Zeichen gewesen, daß sie auch mich nicht liebe. Denn Liebe hätte den Hochmut überwunden, der in ihr groß und mächtig war.

Heute nun merkte sie, daß es nicht mit Ablenken getan sei und sagte gleichmütig: „Ach, ich dachte, du würdest sie nicht einladen wollen, was sollen sie denn dabei? Sie würden sich ja doch nicht wohl fühlen.“ Dabei sah sie mir lächelnd ins Gesicht und blies ein Stäubchen von meinem Rock, weil wir gleich nachher ausgehen wollten. Ich fühlte dunkel, daß es jetzt gelte, und nahm mich zusammen, mit männlicher Betonung zu sagen, was mir ganz selbstverständlich und mühelos hätte vom Herzen kommen sollen: „Wie kann ich denn daran denken, meine Schwestern nicht einzuladen? Es sind meine einzigen Verwandten, und ich bin ihnen viel Dank schuldig. Sie müssen kommen, es geht gar nicht anders.“ Vielleicht polterte ich das, weil es mit einem Anlauf geschah, ein wenig gröblich heraus, was ich mir sonst Eleonore gegenüber noch nie gestattet hatte. Sie sah mich unwillig errötend an und sagte kühl verwundert: „Was ist das für ein Ton? Laß mich dir sagen, daß ich sie nicht bei meiner Hochzeit wünsche. Sie passen nicht zu der übrigen Gesellschaft, und ich fühle mich ihnen nicht verpflichtet. Wenn du ihnen etwas dankst, so ist das deine Sache.“

Sie sah dabei unendlich hochfahrend aus, und mich überkam ein Trotz und ein Elend zugleich; ich fühlte mich selber geschmäht und heruntergesetzt inmeinen Schwestern, denen in diesem Augenblick mein Herz sehnlich entgegenwallte; ich hätte meine Braut am liebsten in ihr weißes Gesicht geschlagen und ihr den Trauring auf den Tisch geworfen. Aber ich wußte, daß ich es nicht tun und daß ich ihr nachgeben würde, obgleich ich dachte: „Du Affe, du bist sie ja gar nicht wert.“ Da änderte sie auf einmal den Ton und das Gesicht, faßte mich am Arm und schmiegte sich an mich. „Sei doch lieb,“ sagte sie, „verstehe mich doch. Ich will nur dich, die Deinen kenne ich nicht. Du lebst doch nun in meiner Welt und mußt Rücksicht darauf nehmen. Wir können sie ja auf der Hochzeitsreise besuchen, das ist für alle Teile besser, du siehst es später selber ein.“

Und ich gab ihr in allem Elend recht, denn vielleicht war es tatsächlich besser, so wie die Dinge jetzt lagen, und hoffte, als sie mich neben sich aufs Sofa zog und mit meiner Hand spielte, ich werde sie nach und nach zu allem gewinnen, was sein mußte und recht war.

Wir machten Besuche und nachher noch Besorgungen und standen auf einmal in einem Blumenladen in der Nähe des Friedhofs meiner alten Freundin Hertha gegenüber. Sie hatte, wie ich schon erfahren hatte, einen Gärtner geheiratet und also ihren Vorsatz ausgeführt, was ja auch bei ihr nicht zu bezweifeln gewesen war. Aufgesucht hatte ich bis jetzt weder sie noch den alten Zeitler, so oft ich auch daran gedacht hatte, es zu tun. Anfangs hatte ich den festen Vorsatz und auch das Verlangen darnach gehabt und es nur immer wieder verschoben, und nun, da ich keine Lust und auch keinen Mut mehr dazu hatte, kam ich von ungefähr dazu.

Sie stand in einer blühenden Fraulichkeit unter ihren Blumen und hatte eine anständige Würde in ihrer Erscheinung. Ich hätte sie wohl freundschaftlich begrüßen und meiner Braut von ihr sagen können, und sie schien es auch zu erwarten, daß ich es tue, denn sie sah mich mit herzlichem Freudenblick des Wiedersehens an, merkte aber dann bald, daß nichts von mir ausgehen würde und wandte sich bedienend an die Dame. Es wurde ausgemacht, daß bei unserer Trauung die Kirche geschmückt werden solle, und es wurden Sträuße für die Brautjungfern bestellt; ich wurde bei dem und jenem um Rat gefragt und gab ihn blindlings, und es war mir übel zumute. Es ging aber heute in einem hin. Ich dachte, so lange Eleonore in ihrer kurzen und sachlichen Weise Anweisungen gab, wählte und verwarf, an einen Tag, da Hertha gesagt hatte, daß sie einmal meiner Braut den Hochzeitskranz machen wolle, wenn es eine sei, die gut zu mir passe, und ich besann mich, ob sie ihr wohl so erscheine, und warf einen heimlichen Blick nach den ungleichen Frauen hinüber. Da fing ich einen von Hertha auf, der schien mir spöttisch und traurig zugleich zu sein, auch glitt er nur an mir vorüber und endigte in einem Kopfnicken, als gebe sich die Gärtnersfrau selber Antwort auf eine Frage, da ich ihr keine gab. Da war es mir wie heute schon einmal, als gleite mein Nachen stetig und unaufhaltsam an allen blühenden Ufern vorbei, die ich jung und schuldlos betreten hatte, und ich selber sitze darinnen wie im Zwang eines argen Traumes und sehe Menschen und Ufer hinter mir verschwinden. So ging es mir in der Zeit, die meine hohe sein sollte.

Es war meine niedrigste.

Ich sah Hertha noch einmal und auch den Zeitler. Ich kaufte einen Kranz mit roten Rosen und trug ihn mit Herrn Kasimir auf das Grab von Brigitte Hagenau am Abend vor ihrem Geburtstag. Eleonore war da nicht dabei; sie ging nicht gern auf den Friedhof, das sagte sie offen. Hertha war nicht im Blumenladen, ein kleines Dienstmädchen gab mir den Kranz. Ich traf sie aber mit einem Bübchen auf dem Arm im Friedhof; sie stand neben einem starken, kräftigen Mann in einer grünen Schürze, der ein paar Gärtnerburschen anwies; sie waren beide große, stattliche Leute und sahen fest und freudig aus, so als ob sie auf sicherem, gutem Boden ständen. Es brannte in mir, daß ich nicht mit Hertha reden konnte, wie ich wollte. Ich wäre gern noch einmal eine Stunde mit ihr allein gewesen, oder ein paar Minuten. Aber das war drüben am andern Ufer. Doch faßte ich den Mut, sie zu fragen, wie es gehe, obgleich ich sah, daß es gut sei, und sie gab mir ruhigen und freundlichen Bescheid; vielleicht sah sie, daß ich nicht glücklich sei, und es tat ihr leid. Der Zeitler kam auch herbei; er gab mir die Hand und sagte, daß er gehört habe, ich sei wieder in der Stadt, und daß er gedacht habe, ich komme dann einmal. Die Hertha habe auch darauf gewartet. Ich stammelte etwas von viel Arbeit und Abhaltung, und er sah mich ruhig an und sagte: „Ja, Sie sind ja auch verlobt und machen bald Hochzeit. Da wünsche ich Glück.“ Er hatte für mich keine Ähnlichkeit mehr mit alten Gesichtern aus meiner Kindheit; er war auch im Nebel und stand auch am Ufer, an dem ich vorüberfuhr. Vielleicht hatte er mir viel zu sagen, früher hatte ich das immer gemeint; jetzt durfte ich nichts hören, denn wie sollteich sonst vollenden, was ich angefangen hatte? Ich redete einige nichtssagende Worte und stand an Brigittens Grab. Sie war über allem draußen und hatte es gut; ich wollte, sie wäre noch dagewesen in ihrer schönen und klaren Freudigkeit. Herr Kasimir saß auf dem Bänkchen unter der Linde, die neben dem Grab stand; ich hörte, daß er den Zeitler mit du anredete, und daß sie irgendwie von alten Zeiten sprachen. Das wunderte mich, aber es fiel mir ein, daß der Zeitler so gut Bescheid mit der Jugend der Hagenausgeschwister wußte, und ich dachte, daß gewiß alle Menschen irgendwie miteinander zusammenhingen, nur ich trennte mich von meiner Welt und wurde ganz einsam. Der Zeitler sagte lind und freundlich zu mir, ich solle einmal abends kommen, vielleicht morgen? Da sagte ich, ja, ich komme bald, aber ich hatte nicht im Sinn, es zu tun, und wir gingen. Auf dem Heimweg erzählte mir Herr Kasimir, daß der Zeitler sei, was man eine verkrachte Existenz nenne. Er hätte es weiter bringen können, da er von guten Gaben und guter Bildung sei. Es sei aber einmal ein Bruch in sein Leben gekommen durch eine leidenschaftliche Liebe, um derentwillen er einen Menschen beinahe umgebracht und dafür eine Strafe verbüßt habe, während deren ihm dann die Geliebte untreu geworden sei. Brigitte habe ihn aber immer hoch geschätzt. Sie habe gesagt, daß, wer aus Liebe sündige, lebendiger sei, als wer aus kalter Tugend gerecht bleibe, und daß Zeitler einer von denen sei, die wissend geworden seien durch heißes Verschulden. Wissend und verstehend.

Als Herr Kasimir mir das erzählte, da war es mir, als ob ich doch morgen zu dem Zeitler gehenwolle, denn vielleicht verstand er auch mich. Aber gleich darauf wußte ich, daß es nicht sein konnte; denn ich sündigte weder aus Liebe, noch blieb ich aus Tugend gerecht. Ich mußte meines Weges gehen und durfte niemand fragen.

*

Ich habe den Brief, den ich in dieser Zeit an Luise schrieb, später wieder gelesen, als ich ihn in ihrem Nachlaß fand, und tat mir selber leid darin, so sehr ich mich hätte verdammen müssen. Denn es war kein freies und trotziges Sündigen eines einfachen Selbstlings, der sich in dem, was er tut, im Rechte meint, und über das, was ihn hemmen will, hinwegschreitet ohne Reue, sondern ich litt, während ich tat, was ich verurteilte, und tat es dennoch, weil ich das Geschlinge um meine Füße nicht zerreißen und den Preis, den mich das vorschwebende Bessere gekostet hätte, nicht bezahlen konnte meiner Meinung nach. So tat ich denen, die ich liebte, weh, ohne mir selber wohlzutun, und stand unfrei vor mir und vor ihnen, und es ging mir beides verloren, das gute Gewissen dessen, der vor sich selber richtig handelt, und die Lust des Unrechts, das ich tat. Doch habe ich eine Erlösung erlebt, nicht unähnlich der, die die Frommen Bekehrung nennen, die mich mit Gewalt umkehrte, indem sie mir das selbstgebaute Haus zerbrach, mir unter freiem Himmel mich selbst zeigte, wie ich war, und mich mir, arm und zerschlagen, in die Hand gab.

Es war über allem dem Herbst geworden. Eines Morgens erwachte ich an dem Klang einer Stimme, die laut und deutlich sagte: „Heute kehrt Maidi in dieStadt zurück.“ Ich schlug verwundert die Augen auf, aber es war niemand bei mir im Zimmer, und ich hatte wohl selbst die Worte ausgesprochen. Ich erinnerte mich auch noch eines soeben entschwindenden Traumes, dessen Gestalten vor dem Tageslicht erblaßten, in dem es mir aber seltsam wohl gewesen war, so daß es mir leid tat, erwacht zu sein. Denn auch das Wohlsein schwand, je wacher ich wurde.

Ich stand auf und trat ans Fenster, und immer noch hatte ich das gesprochene Wort in den Ohren. Als ich Maidi hinausgeleitet hatte, war der Wald jung belaubt gewesen; jetzt lag er hier und wohl auch dort in herbstlichen Farben. Die Schwalben sammelten sich zur Reise und saßen dichtgedrängt auf den Telephondrähten. In wenigen Tagen würde auch ich mit Eleonore dem Süden entgegenfahren. Wir waren dann Mann und Frau und mußten uns miteinander ein Leben bauen. Das, was ich früher gelebt hatte, lag dann noch weiter dahinten als jetzt; es mußte so sein, ich wußte es. Würde es mir dann auch noch hie und da ans Herz treten, so wie im Traum des heutigen Morgens? Und würde es mir lieb oder leid sein, wenn es geschähe? Es war so lieb und so leidvoll zugleich. Draußen war eine warme, föhnige Luft; die Höhen und Wälder lagen nahe zusammengerückt in Glanz und Klarheit; ich fühlte mich sonderbar laß und müde und hätte am liebsten meinen Gedanken freien Lauf gelassen. Den hatten sie schon lang nicht mehr; ich hatte mir das Tagträumen abgewöhnt. Sie wollten unruhig flattern wie die Schwalben, denen die Reisesehnsucht keine Ruhe mehr ließ; sie wollten fragen, wie es nun dort sei? Ob Maidi traurig sei oder ob sie mich verachte? Ob sie gehört hatte, daß ich verlobtsei und daß das Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun erst ganz und auf immer hinter mir liege? Wenn sie es wußte, dann wußte sie auch, warum ich ihr nicht geschrieben hatte. Es war mir, als wisse und verstehe sie alles und als liebe sie mich immer noch, und das legte sich wie eine abgrundtiefe Traurigkeit auf mich, denn es war fern, fern, und es führte keine Brücke und kein Steg mehr dorthin. Plötzlich wurde ich gewahr, daß die Pyramide des Münsters mich ansehe. Sie lag in einem merkwürdig grellen Licht; ihre Steine glänzten, und sie war ganz durchschienen von einer heißen Sonne, was so früh am Morgen und um diese Jahreszeit ungewöhnlich war. Es fiel mir ein, wie oft ich sie von meiner Mansarde aus gegrüßt hatte, als ich zum erstenmal in der Stadt und ein Lehrling war, und es schien mir, als frage sie mich, was ich nun inzwischen aus mir gemacht habe? Ich trat vom Fenster zurück, aber nun war es mir, als warte sie draußen, daß ich ihr Antwort gebe. Die Rosette hatte ein Gesicht, und alle die Luken, durch die das Licht fiel, waren Augen, die mich ansahen. Sie hatte ihre stille, hehre Schönheit verloren und war unerbittlich und furchtbar. Ich versuchte zu lachen, denn das war ja doch wieder das Tagträumen, was ich jetzt hatte. Aber es gelang mir nicht so recht. Da sagte ich mir, daß es der Föhn sei, der mich so sonderbar errege. Ich wusch mich mit kaltem Wasser und brachte meine Gedanken in Ordnung. Sie hatten hier am Platze genug zu tun. Es wollte noch viel in die Tage hinein. Herr Kasimir wollte mir das Geschäft übergeben und allerlei niet- und nagelfest machen. Er blieb noch da, so lange wir reisten, dann wollte er sein Bündel schnüren undebenfalls reisen. Ich war dann Inhaber von Haus und Geschäft und hatte eine Frau und war ein Mann, der hier am Platze zu sein hatte mit aller Kraft und allen Sinnen. Darüber hinaus gab es nichts. Wenn es doch etwas gab, so war es nicht für mich. Ich bemühte mich, an Eleonore zu denken; nicht an das Steinbild, das sie hie und da sein konnte, herb und hochmütig, sondern an die Stunden, in denen sie unter ihrer eigenen zurückhaltenden Art zu leiden schien. Sie hatte dann brennende Augen und sah blaß und schmal aus, es war, als ob ein verstecktes Feuer in ihr lodere. So hatte ich sie noch lieber, als wenn sie, wie es auch geschah, kleine bräutliche Zärtlichkeiten für mich hatte. Denn ich dachte gern, daß sie ein heißes Herz in sich trage, das für mich glühe und das im Kampf mit ihrer kargen Natur sich verwunde und abmühe, um leben zu können. Es schien mir an der Zeit, daß es zu seinem Recht komme, das ich ihm ja gegeben hatte. Gestern abend war sie so gewesen, müde und unruhig zugleich. Sie hatte mir beim Gutenachtsagen eine heiße Hand und kalte Lippen gegeben und gesagt: „Ich wollte, wir wären schon weit fort, und es wäre alles vorüber.“ Das hatte mich gewundert, denn sie selbst hatte doch die glänzende Hochzeitsfeier angeordnet und sich nicht genug tun können, alles bis ins kleinste festlich auszugestalten. Es war wohl so, wie ich dachte, daß sie sich sehnte, bei mir zu sein, und ich nahm mir vor, es solle sie nicht gereuen. Es gab wohl viele Männer, die eine Jugendliebe in sich begruben, wenn es das Leben erforderte, und auch ich wollte das tun; da brachte ich, der ich so gewandt im Zudecken, Flicken und Übermalen meines Innern gewordenwar, es denn auch an diesem Morgen so weit, daß ich als ein Tüchtiger und ein Ehrenmann das Zimmer und das Haus verließ mit straffen Schritten. Sie waren beide froh, daß sie mich hatten, Eleonore und Herr Kasimir, und das konnten sie auch wohl sein, denn alles lag bei mir in guten Händen, und daß es mich viel gekostet hatte, das gab mir Ernst und Tiefe, wie ich mir selbst, vor diesem bedeutenden Einfall leicht erschauernd, sagte.

Am Vormittag dieses Tages hörte ich, nach langer Zeit wieder zum erstenmal, Eleonores Geigenspiel gedämpft aus dem Zimmer über mir her erklingen. Sie hatte nie gespielt, seit wir verlobt waren, und wenn ich in sie gedrungen war, so hatte sie mich auf später vertröstet, wo sie wieder Ruhe und Stimmung dazu haben werde. Jetzt schien es mir, als ob sie mich zu sich riefe mit feurigen und verheißenden Tönen und mit hinströmender Klage über ihre eigene eingeschlossene Seele, so daß ich es kaum erwartete, bis ich von den Geschäften loskommen und hinaufgehen konnte, denn ich war begierig, ihr zu zeigen, daß ich für sie da sei und sie verstanden habe. Sie hatte aber, als ich kam, die Geige schon wieder in ihr Futteral geschlossen und verwahrt und schien sich zu wundern, daß ich mitten im Vormittag heraufkomme. Die Geige hing stumm an der Wand, als ob sie nie geklagt und gerufen hätte, und als ich sagte, daß ich sie gehört habe, zog Eleonore die Brauen leicht zusammen, wie unwillig. „Ich habe etwas geübt,“ sagte sie, „was ich lange nicht gespielt habe und was ich heute abend zu spielen versprochen habe.“ Wir waren beide zu einer Geburtstagsfeier in eine bekannte Familie eingeladen, deren Wohnhaus über densonnigen Rebbergen der Stadt in Waldeshöhe stand. Ich wußte, daß der Hausherr, der ein alter Freund des Hauses war, Eleonore schon manchesmal umsonst gebeten hatte, zu spielen, freute mich, daß sie es heute tun wollte, und bat sie nur, es spät genug zu tun, daß ich das Stück auch hören könne, das mich so angezogen hatte. Denn ich konnte des Geschäfts und vieler Arbeit wegen erst am Abend nachkommen. Sie versprach es auch, und ich dachte, sie sei doch eine rätselhafte Natur, anziehend und abstoßend zugleich, ich wolle aber alle Rätsel in ihr auflösen, da sie ja eine Seele habe, die darnach verlange, wie ich sicher zu wissen glaubte.

Der Nachmittag war noch schwüler, als es der Morgen gewesen war. Die Luft lag still und stickig über der unteren Stadt, und um ihr zu entgehen, machte ich früher Schluß, als ich eigentlich im Sinn gehabt hatte, und ging den Rebbergen zu. Ich hatte ein lähmendes Kopfweh, das ich auf die Föhnluft schob und das mich veranlaßte, einen kleinen Umweg im Freien und in der Einsamkeit zu machen, um nachher vor den Leuten besser bestehen zu können. Daher ging ich nicht durch die Weinberge auf den steilen Staffeln in die Höhe, sondern blieb auf der Straße bis da, wo der Wald in einer schmalen Zunge zu ihr herunterreichte und wo ich nun ohne Weg, durch goldbraunes, raschelndes Buchenlaub, das hier und da den Boden bedeckte, anfing hinaufzusteigen. Das Rauschen unter meinen Füßen weckte irgend eine Erinnerung in mir, der ich nachspürte, bis es mir einfiel, wie ich als kleiner Bube im heimischen Stadtwald an der Hand meiner Mutter gegangen war und glückselig mit den Stiefeln das Laub vor mir heraufgehäuft hatte, was genug war, mich mit Lust und Wonne zu erfüllen. Es schien mir aber um hundert Jahre zurück zu liegen, oder vielmehr in einem vorigen Dasein geschehen zu sein, und ich konnte auch nicht lange bei der lieben Erinnerung bleiben, denn es ging auf einmal ein heftiger Windstoß von der Höhe herunter mir entgegen, der die schlaffe Schwüle zerriß und sich als Vorbote eines Unwetters ankündigte. Ich beschleunigte daher meine Schritte, um nicht draußen zu sein, falls es schnell hereinbreche. Es wurde zusehends dunkler unter den Bäumen, was noch nicht vom Einnachten kommen konnte, sondern von heraufziehendem Gewölk, das der Wind vor sich herjagte. Ich war auf der Höhe angelangt, wo der Garten des bekannten Hauses sich in den Wald verlor, von demselben nur durch ein dichtbewachsenes, hohes Drahtgitter getrennt, und wollte gerade auf die schmale Tür zugehen, als ich hinter der grünen Wand, aber dicht an derselben, sprechen hörte. Und zwar war es die Stimme meiner Braut, die, als ich ganz nahe war, in hörbarer Erregung sagte: „Du hättest nicht mehr kommen sollen. Wir hätten uns nicht sehen dürfen. Es ist genug, daß ich jetzt mit jedem Atemzug durch mein ganzes Sein hindurch lüge, ich, die ich immer wahr gewesen bin, solang ich denken kann. Ich will es nicht noch durch die Tat tun. Es muß das letztemal sein.“

Ich fühlte, wie mein Herz heftig zu schlagen anhob, als ich diese Worte hörte. Ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen und mußte nun weiter mitanhören, was mich und den Bau, den ich mir errichtet hatte, in Scherben schlug.

Es ist mir, als sei ich eine Ewigkeit dort drobengestanden, im heftig wehenden Wind, der die Kronen der Bäume herumriß und mir die gesprochenen Worte zutrug wie auf Flügeln, und unter den jagenden Wolken, die stets tiefer zu hängen kamen. Doch wird es wohl nicht lange gedauert haben, nach menschlicher Zeitrechnung, da ja Minuten so voll sein können, daß sie von Leben oder Tod überfließen. Ich will es mir sagen, wenn ich meines Gerichtstags gedenke, daß es dennoch nicht Tod, sondern Leben war und Güte, was dort unter den Bäumen auf mich wartete. Wo nähme ich sonst den Mut her, es noch einmal heraufzuholen? Da es ja lange her ist seitdem und ich es könnte ruhen lassen.

Obgleich mir, auf immer unvergeßlich, jedes Wort und jeder Ton und jeder Zug der Gesichter, die ich durch etliche Lücken in der grünen Wand wohl sehen konnte, ins Gedächtnis gebannt ist, will ich doch unterlassen, alles Schmerzliche und Beschämende noch einmal zu sagen und es einfach aufzeichnen in meiner eigenen Rede. So sehr erregt und verwundet ich auch war, so ruhig bin ich jetzt, ja dankbar bin ich, daß der Zufall, der mich wunderbarerweise zu dieser Stunde an diesen Ort führte, mein Leben aus den falschen Bahnen warf, so lange es Zeit war. Es hätte auch anders gehen können, und ich weiß nicht, was dann aus mir geworden wäre.

*

Der Mensch, an den meine Braut ihre beschwörenden und selbstanklagenden Worte gerichtet hatte, war, wie ich bald aus der Antwort merkte, der Mediziner, den ich in irgend einer Ferne glaubte. Er war aber zurückgekommen und hatte Eleonore auch schonein paarmal getroffen mit ihrem Willen und auch gegen ihn, da er, wie er sagte, sie wohl entbehren wolle, wenn es sein müsse, sie aber nicht an mich verloren geben könne, der ich in keiner Weise an sie hinanreiche, ja, den sie doch nur mit in den Kauf genommen habe mit Haus, Geschäft, Geld und so weiter. Er nannte sie du, und sie waren ein Liebespaar, das sich getrennt hatte, ohne daß die Liebe vergangen war. Vielmehr hatten sie in einem merkwürdigen Grad von gegenseitiger Offenheit miteinander ausgemacht, daß sie sich lassen müßten, weil sie das nötige Geld nicht hätten, um einen Haushalt zu führen, der ihren Bedürfnissen entspreche, da sie beide verwöhnte Kinder mit anspruchsvollen Gewohnheiten waren und diesen nicht glaubten entsagen zu können, ohne daß die Liebe darunter litte und sie dann einander quälten. Einst, als sie einander näher traten, hatte jedes vom andern geglaubt, daß es wohlhabend oder vielmehr reich sei, wenigstens der Mediziner hatte es von Eleonore geglaubt, in deren Elternhaus es auf eine feine und geschmackvolle Weise üppig zuging, wie es nur bei Leuten sein kann, bei denen das Geld keine Rolle spielt, ja, denen es zum einfachen Anstand zu gehören scheint, daß man sich nicht darum kümmere und es möglichst wenig nenne. Als aber die Eltern gestorben waren, hatte sich's gefunden, daß wohl eine Menge kostbarer Dinge vorhanden seien, die geistige Werte darstellten, aber kein Geld mehr, und daß die Kinder arm seien wie Kirchenmäuse. Der Bruder hatte sogleich seine berufliche Laufbahn antreten können, da er mit den Studien fertig war und der Onkel ihm unter die Arme griff mit einigen Zuschüssen. Eleonoreaber, die nun auch mit Zuversicht heraustrat und ihre Wünsche bekannte (denn das Hagenausche Geld war trotz der lässigen Vornehmheit in der Bitterolfschen Familie als sicheres Erbe, eigentlich nur als einstweilige Reserve angesehen), hatte sich bitterlich enttäuscht gesehen, wenn sie auf reichliche Mittel hoffte, um mit dem Geliebten einen noblen Haushalt zu eröffnen. Denn ein anderer kam nicht in Betracht bei dem beiderseits so hochentwickelten Schönheitssinn.

Der Onkel hatte ihr eröffnet, daß er keineswegs ein bloßer Geldsack sei, den man nach Belieben auf- und zuschnüren könne, sondern daß er auch seine Liebe und seinen Stolz habe, nämlich das alte Haus und Geschäft, dem er freilich leider keinen Erben seines Namens hinterlassen könne, da er das Heiraten versäumt habe, das er aber doch, solang er es wenigstens verhindern könne, nicht wolle in fremde Hände kommen lassen, und das er darum nicht zu verkaufen gesonnen sei. Da aber das beträchtliche Vermögen fast ganz darin stecke, so wolle man es vorläufig auch beisammen lassen, denn so halte es sich am besten und so weiter.

Und kurz, er habe andere Pläne mit der Nichte.

Das alles besprachen die zwei im heraufziehenden Unwetter freilich nicht so genau, wie ich es hier tue, denn sie wußten alles gut genug voneinander, um nur das eine und andere Wort darüber verlieren zu müssen, das mich aber genugsam über ihre Vorgeschichte belehrte, soweit sie mir nicht schon vorher bekannt war. Sie hatten sich auch nicht von der Gesellschaft entfernt, die soeben vor dem Wetter ins Haus geflüchtet war, um das Alte zu wiederholen,sondern um sich ein letztesmal vor der Hochzeit miteinander auszusprechen und sich bewußt zu werden, wie sie es ins Künftige halten wollten. Denn sie waren in der Zeit ihrer Trennung und besonders jetzt beim Wiedersehen inne geworden, daß sie fester aneinander hingen, als sie gewußt hatten. Das drängte den Liebhaber, Eleonore zu beschwören, sie möge jetzt noch von mir ablassen, da sie sonst verderben müsse. Er sprach mit großer Geringschätzung von mir, als von einem ganz gewöhnlichen Streber, Glücksjäger und Emporkömmling und reizte sie, sich vorzustellen, wie es sei, wenn sie mich als ihren Herrn und Gemahl ansehen müsse, wobei er sie, offenbar einer alten Liebessitte nach, Herrin, Prinzessin und hohe Frau nannte, aber mit spöttischer Betonung, um sie aufzustacheln. Ich sah, daß er sie glühend liebte und nur darum so gering von mir sprach, um sie noch in letzter Stunde von mir abzuwenden, denn dann konnte immer noch die Zeit für ihn arbeiten und einen Glücksfall herbeiführen, da das Glück in der Hütte nicht in Betracht kam. Oder vielmehr sehe ich es jetzt bei ruhiger Betrachtung so an; damals sauste mir das Blut in den Augen und Ohren bei meinem Lauschen, das ich doch nicht abkürzen konnte, denn jetzt mußte ja der Augenblick kommen, wo Eleonore für mich eintrat. Ich konnte immer noch nicht davon ablassen, zu glauben, sie liebe jetzt mich und mich allein, und das geschah nicht nur aus Selbstgefühl und aus Not, sondern auch aus dem hohen Respekt vor ihrer stolzen Art, die sich nie dazu bequemt hätte, einen Mann zu nehmen, den sie nicht liebe, wie ich mir das schon oft vorgesagt hatte.

Sie richtete sich auch zornig erglühend auf, als der Doktor mich geringschätzig vor ihr herabsetzte; aber es war nur ihr Hochmut, nicht ihre Liebe, die er getroffen hatte.

„O still,“ sagte sie, „so darfst du nicht reden. Mein Herr wird er niemals, das weißt du wohl, und er weiß es auch. Er läßt mich in allem gewähren, was ich will und tue, und das ist es, was ich brauche, wenn es nun Liebe nicht sein kann. Das heißt gegenseitige, denn er liebt mich aus allen Kräften.“

Der Mediziner pfiff durch die Zähne und sagte spöttisch: „Wir wollen einander nichts weis machen, denn wir wissen wohl beide, was er liebt, wenn er dich bekommt, wenigstens zuerst und vor allem, er, der sich von deinem Onkel dazu anwerben ließ.“

Das mochte dem stolzen Mädchen ein allzu scharfer Hieb sein, denn es griff mit der Hand heftig in die grüne Wand, wie um einen Halt zu haben, und war mir in diesem Augenblick ganz nahe, räumlich geredet, da sich ja der innerliche Abgrund zwischen uns von Minute zu Minute erweiterte.

„So will ich dir denn sagen, wie alles war und ist,“ sagte sie mit herbem Entschluß, „denn es muß sowieso das letztemal sein, daß wir von diesen Dingen reden, da ich nicht zurück kann noch will.“ Sie sah jetzt blaß aus und atmete tief mit geschlossenen Lippen und ihre feinen Nasenflügel bebten. Dann, als sie sich etwas gefaßt hatte, fing sie an, von mir und sich zu reden. Das höre ich heute noch wie Drommeten des Gerichts.

Sie habe, sagte sie, damals, als er von ihr gegangen sei, geglaubt, mit ihm und ihrer Liebe fertig werden zu können, da das andere, das Bedürfnisnach Reichtum, Ansehen und etwas zum Regieren stärker als alles in ihr gewesen sei. Das aber habe sie im Hause Hagenau gefunden, denn ihr Onkel, dankbar dafür, daß sie wenigstens seinen Wünschen nicht zuwider handle, habe ihr in allem freie Hand gelassen. Doch sei dann gleich darauf das Verhängnis erschienen, wie sie mich im stillen genannt habe, als sie mich als Bewerber um ihre Hand habe ansehen müssen. Ich sei ja freilich nicht mehr der tapsige Junge von einst gewesen, über den sie damals beide so viel gelacht hätten, sondern habe mich gemausert und zu einem gewandten, tüchtigen Geschäftsmann entwickelt, dem es auch an geselligen Tugenden nicht mangle bis zu einem gewissen Grad. Sie habe auch bald gesehen, wie der Onkel besonders viel Wert darauf lege, daß ich der Gemahl und zugleich (oder vielmehr zuvörderst) der Geschäftsinhaber werde. Er habe es ihr nicht so gesagt, aber sie habe es selber gewußt, daß seine Vorliebe für mich hauptsächlich daher komme, daß ich, arm und ohne Anhang, wenigstens ohne solchen, der in Betracht komme, in allem gefügig und abhängig bleiben werde, trotz meiner Tüchtigkeit, so daß ich dann so eine Art von Prinzregenten darstellen könne, was ihm alles in den Kram gepaßt habe.

Sie habe sich innerlich freilich gekränkt, denn ich habe ihr nicht genügen können nach dem Geliebten, obgleich das ja nicht so leicht einer gekonnt hätte, sie habe sich aber offen gesagt, daß es nun auch darauf nicht ankomme, denn sie wisse ja, was sie wolle.

Trotzdem habe es ihr oft vor dem Tage gegraut, an dem ich kommen und um sie anhalten würde, dennHeirat sei immerhin Heirat, auch wenn es ohne gegenseitige Liebe abgehe. Man gebe sich einem Manne doch in die Hand, das habe sie sich nicht verborgen.

Es sei aber dann ganz anders gekommen.

Sie habe immer wieder aufs neue unter der Trennung von ihm gelitten, und zwar je länger je mehr, denn es gehe doch nicht so, wie man meine mit der Liebe, die Wurzel sitze tief. Sie habe ihn oft gerufen, wo er auch sei in der Welt, und so sei sie auch eines Tages im Weinberg gesessen und habe sehnlich an ihn gedacht, den sie doch nicht habe zurückholen können, da es ja nachher das gleiche gewesen wäre wie zuvor.

Da sei das Verhängnis erschienen, urplötzlich, und zwar ganz verwandelt gegen sonst, nicht mehr der hübsche, freundliche Junge mit dem weichen Kindergesicht und den heiteren blauen Augen, sondern ganz glühend und bebend vor Leidenschaft, die sie gar nicht hinter mir gesucht hätte. Er habe sie mit Liebesworten überschüttet, aber noch viel mehr mit dem Gluthauch seines Wesens, und habe augenblickliche Antwort von ihr verlangt, ob sie die Seine sein wolle, so daß sie vor unsäglichem Staunen nicht habe die Augen abwenden können. Es sei aber dann über sie gekommen, daß er mit den heißen Wogen seiner Leidenschaft die Sehnsucht, unter der sie so sehr gelitten habe, zugedeckt oder auf eine Weile weggespült habe, und sie habe sich mit geschlossenen Augen wie in einen Abgrund gleiten lassen auf der Flucht vor ihm, dem Geliebten.

Das habe freilich nicht lang dauern können, denn sie habe ja sogleich wieder gespürt, daß sie nichtsfür mich fühle, was auch nie anders geworden sei.

Nur eine gewisse Bewegung habe sie hie und da empfunden, wenn ich sie mit so unentwegten Hoffnungsblicken angesehen habe, denn bei mir sei es echt, und sie wisse, daß ich leide unter ihrer Kargheit. Dann sei sie gut und freundlich mit mir gewesen. Manchmal aber reize es sie auch zu zorniger Ungeduld, daß ich mit selbstsicherem Wartenkönnen Liebe von ihr erwarte, so als ob ich dächte: Ich bekomme dich ja doch noch. Es wäre vielleicht besser, wenn ich sie nicht so sehr liebte, da dann jedes von uns auf seine Kosten käme, denn es werde ja nicht, wie ich meine; sie werde mich schon im Schach zu halten wissen, soweit sie wolle. Sie richte sich ihr Leben ein, wie sie es nötig habe, das sehe er daran, daß sie die große Hochzeit halten werde, denn so sei sie einmal, daß sie Luxus und Gesellschaft brauche; sie wolle das große Opfer nicht umsonst gebracht haben.

Sie sprach schnell, mit erregtem Atem, wie um alles los zu werden.

Dann wieder habe sie Respekt davor, daß ich so an ihr hange, so ernst und ehrlich. Sie denke oft, es wäre gut, wenn wir einmal Mann und Frau wären, denn dieser Brautstand sei eine Komödie, und es werde nachher alles besser sein.

„Oder wenigstens,“ setzte sie zögernd hinzu, „war es so, bis du wieder kamest und alles neu aufwecktest. Es wäre wohl alles recht geworden ohne das. Ich hatte die besten Vorsätze.“

Er sah sie immerfort an. Sie verwirrte sich unter seinem standhaften Blick.

Es war, als ob er sie zu sich heranzöge. „Undnun?“ fragte er. „Nun hast du die große Hochzeit eingerichtet und wirst sie halten, nicht?“

„Nun wirst du mir zu mächtig. Ich weiß nicht mehr, was ich kann und soll, du wendest alles in mir um. Du hättest nicht mehr kommen sollen. Ich gehe umher und verachte mich, weil ich wie eine gemeine Dirne eine Liebschaft habe hinter dem Mann, der mir vertraut und ein Ehrenmann ist, ich, Eleonore Bitterolf, die einst so stolz war. Ich muß es wieder sein können, ich halte das nicht aus. Nein, schüttle nicht den Kopf. Ich habe ihn freilich nicht belogen; ich habe nie getan, als ob ich ihn liebte. Und ich habe dir nichts gegeben, keinen armen Kuß mehr. Nichts als meine Gedanken, nichts als mein Herzklopfen bei Tag und Nacht, und mein Geigenspiel, das ihm nie geklungen hat, und –“

„Komm,“ sagte er und breitete die Arme aus. „Und dein Herz? Ist es nicht so?“

Sie tat einen zögernden Schritt nach ihm hin. Wenn ich mir einmal gewünscht hatte, sie erregt zu sehen, von einem starken Gefühl übermannt, so konnte ich das nun haben. Sie sah prachtvoll aus, ganz durchglüht von innerem Feuer und doch zerrissen, stolz und unterjocht zugleich.

Ich konnte es nicht hindern, daß ich einen stöhnenden Laut ausstieß. Sie hörten mich aber nicht. Sie sahen nur einander an. Es fielen jetzt große, schwere Tropfen. „Geh'!“ hörte ich Eleonore auf einmal sagen. Es klang hart und hochmütig. Das Feuer in ihrem Gesicht erlosch. Sie wurde wieder das Steinbild, das ich kannte.

„Nein, mein Herz nicht. Ich muß es für mich behalten. Ich hätte dich nicht mehr sehen sollen.Geh' jetzt, folge mir nicht ins Haus. Ich will wenigstens ich sein, so viel ich auch dafür bezahlen muß. Es wird wohl von uns dreien keiner glücklich sein, aber es kommt schließlich auch nicht darauf an.“

Sie ging dem Hause zu, langsam. Er folgte ihr nicht. Er ging die schmalen Staffeln hinunter, die nach der Stadt führten, im Regen, der nun herniederströmte.

*

Ich hörte ein Lachen, laut und hart. Wer hatte das ausgestoßen? Ich sah mich um. Es war niemand in der Nähe. So mußte ich es wohl selber gewesen sein. Es kam noch einmal, aber diesmal war es der Wind. Er lachte, daß es dröhnte. Also dies ist nun der Schluß, dachte ich, dies ist nun der Schluß. Ich mußte irgendwo hingehen, um mich zusammenzulesen, denn es war mir, als sei ich in Fetzen gerissen. Es brauste immer stärker, ich wußte aber nicht, ob es in mir sei, oder in der Natur. Es konnte der Sturm sein, ich fragte aber nicht darnach. Ich ging, von dem Hause abgewendet, auf dem Bergkamm hin. Der Regen fiel jetzt in dichten Güssen hernieder. Die Schwüle war vergangen, aber nun war die ganze Welt in nasses Grau eingewickelt, das war ganz plötzlich gekommen. Man sah kaum vor sich hin, es war aber gleich, ich brauchte nicht mehr zu sehen. Es gab da einen grellen Punkt, einen einzigen, und ich mühte mich, ihn ins Auge zu fassen. Aber wenn ich es wollte, dann kam das Lachen wieder, vor dem mir graute. Ich blieb stehen und versuchte, einen Satz auszusprechen. Er war aber schwer zusammenzubringen, ich mußte scharf denken. Endlich hatte ich ihn und sagte mit schwerer Zunge: „Alsodiese Hochzeit kommt nun nicht zustande.“ Ich sah mich um, ob mir nicht jemand widerspreche. Aber die Bäume standen schweigend, der Regen floß an ihren Stämmen herunter und rieselte auf dem Boden weiter. Da sagte ich es noch einmal. „Also diese Hochzeit kommt nun nicht zustande.“ Ich ging mit eiligen Schritten weiter und hörte mich einmal sagen: „Ich bitte höflichst, mir den Kaufpreis zurückzuzahlen.“ Dann dachte ich, ich sei ja wohl verrückt geworden, und verbot mir das Denken, es konnte ebensogut später noch geschehen. Es wurde allmählich dunkel. Ich fand mich auf einer breiten Fahrstraße, die durch den Wald führte. Der Sturm hatte aufgehört, es regnete aber weiter. Es handelte sich für mich darum, irgendwohin zu kommen, wo ich sitzen und nachdenken konnte, denn im Marschieren ging es nicht, wie ich merkte. Also schritt ich schärfer aus. Die Kleider klatschten um mich herum, und in den Stiefeln schwappte es beim Gehen vor Nässe. Plötzlich blieb ich stehen und dachte: „Muß ich mir nun das Leben nehmen?“ Aber auch diese Entscheidung mußte ich verschieben, bis ich irgendwo in Ruhe saß. Es wartete irgendwo ein Platz auf mich, da wollte ich mit mir reden. Einmal kam ich an einem Hof vorbei. Ein Hund schlug an, Licht schien aus den Fenstern unter dem weit vorspringenden Dach, aber ich ging schnell weiter, denn im Hellen durfte es nicht sein. Es ging zwischen Äckern hindurch, dann wieder durch den Wald, es löste sich eine unbändige Kraft in mir; es war mir, als könnte ich die ganze Welt durchwandern bis zu dem Platz hin, wo ich mit mir abrechnen mußte. Es wurde schlimm, ich wußte es. Es ging etwas Furchtbares hinter mir her. Wielang ich so gegangen war, wußte ich nicht. Es war auf einer Waldblöße. Der Mond kam einen Augenblick zwischen zerrissenen Wolken heraus, als wollte er sagen: Da ist es. Es stand eine offene Blockhütte da, wie sie die Holzknechte zum Unterstand benützen. Da ging ich hinein und legte mich auf die Holzbank, die der Wand entlang lief.

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, daß ich geschlafen habe mit dem Aufruhr in meinem Innern, aber ich fuhr plötzlich empor mit klaren, wachen Sinnen. Es schüttelte mich, ich wußte nicht, war es vor Nässe oder Kälte, oder vor Entsetzen, vielleicht war es alles zusammen. Das ist nun also das Ende, dachte ich noch einmal. Denn es stand alles vor mir, wie ein Bild oder wie eine Landschaft, durch die, nachdem sie im Dunkel lag, ein heller Blitz hindurchfährt, so daß sie auf einen Augenblick bis in die hintersten Gründe erhellt ist. Ich hatte keine Veranlassung, irgend jemanden zu verachten oder zu befehden; mein Unglück lag in mir selber und war meine Schuld. Eleonore war viel klarer und viel wahrer als ich, der ich mir die ganze Zeit mein Wesen und Handeln mit einem bunten Mäntelchen aus Scheingründen, guten Vorsätzen und gewollten Tugenden behängt hatte. „Ich habe ihn nicht belogen, nie habe ich ihm Liebe geheuchelt,“ hatte sie gesagt. Und ich? O still, wohin war ich geraten? Es war nicht daran hinauszusehen und nicht gut zu machen. Ich konnte nicht zurück und auch nicht vorwärts, und wenn mich die Reue anfiel wie ein Geier, so half das doch nichts. Es reichte alles weit zurück, weiter als man sagen konnte, und auch das Nachdenken half nichts. Eswar auch gar nicht nötig, ich wußte alles ohnehin gut genug. Heiraten konnte ich jetzt nicht und auch nicht im Hause bleiben. Und überall hatte ich mir die Wege verschüttet, zu allen Menschen hin, die einst mein gewesen waren, und auch zu mir selbst, wie ich vordem gewesen war. Es graute mir vor dem Leben und auch vor dem Tod. Es war nicht so einfach, zu sterben, denn man konnte nicht wissen, ob es etwas half. Ich hatte da noch nie recht getraut, schon bei andern Menschen nicht, und nun, da es mich selbst betraf, war es mir ganz unsicher, ob ich dann wirklich tot sein würde, und was etwa nachkäme. Doch lag ein kleiner, ferner Trost in dem Gedanken, daß ich das Mittel ja immer noch versuchen könne, wenn es gar kein anderes gebe, da ja der Tod eine offene Tür sei, durch die man jederzeit eingehen könne.

Es ging schon gegen den Morgen hin. Irgendwo her erscholl ein Hahnenschrei, dem ein anderer antwortete. Es regnete sachte weiter, und es war kühl. Ich war auf einer Hochebene; es strich ein Wind darüber hin. Als ich aus der Hütte trat, hörte ich, wie die nassen Bäume erschauerten und ihre Tropfen versprühten. Ich besann mich, wo ich sei und was ich tun wolle, und beschloß, dem Hahnenschrei nachzugehen bis in ein Dorf, wo ich dann den Weg erfragen könne. Es war alles so entsetzlich wüst und leer in mir; ich hätte gern geschlafen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß ich dann wieder aufwachen müsse, und wenn mich nicht das starke Gefühl der Kälte und Nässe getrieben hätte, eine Abhilfe zu suchen. So ging ich denn weiter, aber nicht mehr mit der Kraft der Erregung von vorher, sondern mitschweren Füßen, die sich widerwillig einer vor den andern setzten. Als es Tag war, fand ich mich in einem Dorf, das an einer kleinen Seitenbahn lag. Ich ging in ein Wirtshaus und trank Kaffee. Die Wirtin sah mich verwundert an und sagte teilnehmend: „Sind Sie krank?“ und ich schüttelte den Kopf, dachte aber, ich sei es doch und fürchtete nun plötzlich, nicht mehr weiter zu können, da sich ein dumpfer Druck über mir auszubreiten begann. Ich mag wohl stundenlang an dem Wirtstisch gesessen sein, und die Wirtin begann besorgt zu werden. Sie sagte, der Doktor fahre nachher durch, sie wolle ihn hereinrufen, und sie wolle meine Kleider trocknen. Aber ich raffte mich auf und ging, und als ich an dem kleinen Bahnhof war, sah ich von fernher ein kleines Lichtlein durch den überhand nehmenden Nebel meiner Gedanken scheinen: Ich wollte heimfahren. Es war mir, als warte der Alkoven noch auf mich, in dem ich als Kind geschlafen hatte, unter dem Strohblumenkranz mit dem Bild des Vaters. Das war nicht der Fall, aber irgendwie war ich doch daheim dort in der Stadt. Die Mutter war nicht mehr da. Aber die Schwestern. Es stach und brannte, als ich das dachte, aber das Verlangen war größer als alles. Ich saß in der Bahn und dachte das eine Wort: Heimgehen. Dort kam alles Übrige, ich mußte nur einmal in meiner Kammer geschlafen haben. Das Klingelbähnchen fuhr so langsam, es war mir, als komme ich nicht mehr an. Ich wartete wieder auf einem Bahnhöfchen und saß endlich im Zug, der nach meiner Vaterstadt fuhr. Wie ich von der Bahn nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Es war schon Licht in der Schreinerwerkstatt. Ein kleines Bübchen spielte unterder Tür mit Holzklötzen. Drinnen bei dem Mann sah ich Helene stehen, sie hatte das Kleinste auf dem Arm. Ich ging leise durch die offene Haustür und machte die Flurtür auf. Eine kleine Schelle klingelte atemlos an der Tür; da kam Luise aus der Bügelstube und sah mich. Sie machte die Tür hinter sich zu und ergriff mich stumm an der Hand. „Bist du da?“ sagte sie und umfaßte alles, was an mir war mit einem einzigen Blick, ohne nach irgend etwas zu fragen.


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