Achtes Kapitel.

— — — — — »Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen. — Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei.«

»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm mich wieder aus dieser Höllenpein, sprich es schnell und ich will das Unmögliche möglich machen!« —

»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmächtig und ohne Bewußtsein, endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand noch neben mir.«

»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher Stimme, und nur das gräßlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann dir meine Verzeihung erwerben. — Keine gemeine und leichte That söhnt dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode übergiebt. Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen für dich ersinnen, die im Augenblick dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen dich wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft soll ein Mensch meiner nicht spotten dürfen. — Geh zurück und lies dir einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig Jahren erwart' ich deine Rechenschaft.«

Ich ging. — Für Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine Quaalen bezahlen. — »Und dort Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme, — »dort liegt mein Unterpfand!«

Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen hatten bis itzt meine Zunge gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit tausend Armen zurückgerissen. — Dort unter jener Palme? rief ich nach langem Stillschweigen aus. —

»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große Schuld, auf ihn bin ich von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache sättige.«

Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir alles zu sagen. — Unglücklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme, du schläfst und siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte zusammenstürzen will!

»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, — »o hab' ich mich an der Menschheit wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, — und du willst deinen Omar zu unendlichen Martern zurücksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als dein Freund?« —

Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen Händen! Du hast die Verdammniß angetastet, die Hölle hängt an dir!

Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich gewaltig zurück, wir rangen einen hartnäckigen Kampf, wüthend stritten wir in hundert Gestalten, als Tiger, Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine große glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich mußte ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner und Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.

Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er hielt dich fest und wachte über dich, wie ein Tiger über seine Beute.

Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt, die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe allgemach entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, deine Leidenschaft kämpft gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fährst du in den unvermeidlichen Strudel hinein, — o Abdallah, Abdallah, rette dich! Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, laß keine blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergiß nicht seine heiligsten Gebote. Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt dich gewiß endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem gräßlichen Endzweck; ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth; bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlägt noch für die Tugend.

Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich gestoßen hat und der sie aus boshafter Rache verläugnen will. Suche diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das dieser Gottheit loderte? Das Gefühl der Tugend ward uns mit auf die Welt gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und es einst vollendet zurück zu bringen. Dies Gefühl das in unserm Busen glüht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei wird es je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch wider des Bösewichts Willen niedergedrückt stets von neuem in ihm aufleuchtet, diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere Richter schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht da. — Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, der uns einst zum Thron der Gottheit hinaufschwingen wird; o lähme nicht diese Flugkraft, dieser Muthwille würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts halten. Kehre zurück und baue die wilden Trümmern wieder auf, laß dein Menschengefühl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der Thron des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend Zweifel gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren großen Gang und kein Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schöpfers wird in das innere Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt hast, daß der Mensch höher stehe, als das Thier, das unverständig über die Pracht der Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefühl, das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit. Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch der Verdammniß zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater sterben, Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dämonen tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig untersinkst.

Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, daß du Zulma's Liebe nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand deines Glücks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst nicht zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, der dein Glück und Unglück scheidet. — Deines Vaters Fluch wirft sich deiner Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters über diese Unmöglichkeit hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. Die Geheimnisse des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, ineinerNacht soll sich in diesen magischen Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch deines Vaters hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, diesen einen Weg, nur mir bekannt, hat dir das Verhängniß offen gelassen, reich' deinem FreundNadirdie Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. — O wie leicht, voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am sonnbeglänzten Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben wieder abgekämpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit flatterndem Haar zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurück. — Kannst du je selbst in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner Seele mit giftigem Zahne nagt? Wenn du dir selbst unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Ankläger entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? — Wenn selbst die Thräne endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor deinem eigenen Schatten zurückstürzest? — Verehre den Schöpfer und seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten Staub und die Hülle eines leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den großen Weltenschöpfer meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick muß ewig irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fügt, du klagst den Ewigen und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen Gebäude nicht um Rath befragte.

Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein Wasserfall vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich vertraulich werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch nicht die Möglichkeit der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch da, durch Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in Ruhe zu genießen, um ewig von diesen schwarzen Dämonen der Nacht unangefochten zu bleiben, mußt du dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. — Geh ihnen dreist entgegen, es sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen sich zurück in ihre Nichtigkeit retten. — In jenem Thal' erwart' ich dich.

Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt dich unauflöslich an Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der Menschheit wieder zu.

Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; säume nicht, Abdallah, neun Nächte erwart' ich dich hier, kömmst du nicht, so will ich für dich beten.

Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und sein Auge sah noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend wunderbaren Gedanken und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt endlich alle seine Sinne gefangen. — Das schwarze Buch der Nacht mit der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterniß, die rothe Kohle zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser und leiser flüsterte es um Abdallah her.

Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große Räthsel. O daß die Hölle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schändlichen Namen Omar aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! dieser Name — o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand erlahmt — dieser Name ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen, die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn schlagen und dann ist es, als wär' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, — ja, Omar, fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. Gehe du zu deiner kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung der Seeligen und finde dort alle jene Schätze wieder, die einst mein waren. Mögen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal verflucht! — Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes voriges Leben! —

Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein Gebüsche werfen, aber plötzlich hielt er ein, — ein Gedanke überraschte ihn. —

Was willst du thun? fuhr er fort, — auch das letzte Bret fahren lassen, das dir der Schiffbruch übrig gelassen hat? — Hat Omar mich nicht selbst vor den Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es dieser Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen und seiner ungeprüften Redlichkeit mehr glaube, als meinem längst erprobten Freunde? Ihn will ich zurückstoßen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen? Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch größeres Elend für mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines Vaters Gebot mit meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprüche begegnen? — Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. — Aber wenn es Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften dann mein Elend? Was könnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie ein muthwilliger Knabe verspielt hätte? — Ich will hinaus und das Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu verschlingen drohen.

Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe Strahlen kräuselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter zogen am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drängte sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich die Heerstraße und das enge Thal.

Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o glücklich, daß du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. — Wenn ich dich retten kann, Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und so tief zum schändlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir fließen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen entgegenrauschen?

Abdallah reichte ihm zagend die Hand. — Ich will mich dir vertrauen, rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben möchte. — Zeige mir den Weg zu meinem Glücke!

Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber laß dich von keiner auf deinem Wege zurückhalten, es sind nur leere Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich und seinen Phantomen im Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das ganze magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht überraschen, denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück oder Elend entscheidet, wenn du zitterst, oder sie muthig verachtest. —

O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, laß mich mein Glück erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne tragen und mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. —

Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. — Plötzlich sank unter ihren Fußen die Erde ein und sie standen in einem weiten unabsehlichen Felsengewölbe. Eine matte Dämmerung goß sich durch das Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben durcheinander, ein betäubender Duft wälzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, durch die kein scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen und verflogen wie sinkende Sterne.

Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, laß dich nicht täuschen, sondern gehe kühn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so vergiß nie, daß es nur Dünste sind und keine Wirklichkeit, daß alles ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die Wesen daran vorüberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hält, können sie dir nicht schaden. —

Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück entschieden? —

Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't sich alles auf; gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so kömmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt dir deine verlorne Ruhe wieder. —

Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem Geiste, wie dieses schwere Räthsel aufzulösen möglich sei. —

Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn sähest du in der Tiefe der Ungewißheit den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen sollst, o so wäre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurückzagen könnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes Glück abgewönne.

Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. — Aber du traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir dieser Ring. — O möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! — Itzt lebe wohl. —

Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.

Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit langsamen Schritten vorwärts.

Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es ihm den Rückweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rückweg durch die Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß drängte.

Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wänden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken nieder. — Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein großes unendliches Gefilde, über das ein dürrer Wind hinwehte. — Er athmete bange empor, drückend lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein neues Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu trösten. —

In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere, als er plötzlich an der fernsten Gränze der Finsterniß ein blaues Licht entdeckte, das wie eine kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in hundert Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte dämmernd und ungewiß um die ferne Helle. — Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher, das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. — Schon sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dämmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, — als er vor einem Pallaste stand, aus welchem ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß rauschte dem Schlosse vorüber und eine Brücke führte zum Eingang des Pallastes. — Der Strom floß still und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden Tönen nach.

Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll auf das Geländer, und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trüben Streifen in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, aber hartnäckig sprang er wieder von dem Rücken der Woge herunter und sie floß weinend und klagend weiter. —

Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr zusammen. — Jedes Grausen stieß ihn vor sich her, übergab ihn dem benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück, das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des Berges reißt; eine Klippe wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern,zurückführt es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab, um es wieder aufwärts zu tragen. —

Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über der Thür waren diese Worte geschrieben:

»Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad der Rettung. — Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter der Thür.«

»Wanderer, der du über den Thränenstrom gegangen bist, sieh hinter dir, der Rückweg ist unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad der Rettung. — Fühlst du aber keinen Muth in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter der Thür.«

Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt hallte laut in den hohen Gewölben, wunderbare Töne kamen ihm entgegen, flogen über ihn hinweg und streiften die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten wimmelte um ihn her. — Er ging über den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thür zu öffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie ein Grab. — Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch viele Gemächer, und alle fand er leer, endlich eröffnete er eine Thür und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.

Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein betäubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig auf seine Brust herab, seine Füße ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. —

Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen über ihn zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im Schlaf, und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht und Anbetung in seine Augen drängten.

Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dämmrung, wie ein Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut ergoß sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein übereinanderjagen, von wankenden Blumen angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu schließen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufhörlich aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den entzückenden Melodieen.

Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer größer und größer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurück und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen Körper loszureissen, seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich, er glich einem leicht gewundnen Nebel, — endlich öffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nächtlichen Rauch bricht.

Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das ein schöner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt über den Fluß zurück, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die große Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?

Abdallah schwieg. — Ha! bist du es Jüngling, fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glücklich, daß du mich gefunden hast. — Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschließen, du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, dich dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.

Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien ihn heftig zu erschüttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen ungestüm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines Körpers zu schleudern.

Tugend? rief er geängstigt, — o wo geht der Strahl auf, nach welchem die Menschheit so ungestüm sich drängt? — Wo ist der Grund, auf dem der Thron der Gottheit ruht? —

Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heißtGenuß!— Was kann der Staub, den das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz in die Wirklichkeit warf — wie kann er sich so trotzig aufrichten und nach den Sternen als seinen Brüdern die Hand ausstrecken? — Wie kann er vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen Waage abwägen zu lassen? — Er geht im Trotze zur Verwesung zurück und träumt von Unsterblichkeit; ein herrschsüchtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Höhle an das Licht verirrt hat und sich für den Herrn der weiten Schöpfung hält. — — Ein Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück, woher er gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.

Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen, wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und können ihn nicht begreifen, sie drängen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne Überzeugung.

Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?

Das Kochen seines Busens ward wüthender, er schlug heftig an seine Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen glühten und schwangen sich herum wie Feuerräder. — Ein Grinsen fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte und hielt dem bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln in starrer Wuth entgegen. Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt wankte es hin und her wieOmarsGesicht. —

Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genuß ist die Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist zertrümmert, ein blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne Hand aus, — alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit thront in der Schöpfung!

Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater wirft sich deinem Glück entgegen, — Vatermörder! Stoß ihn nieder und sei mir gegrüßt! —

Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder goß sich über seinen Körper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß benetzte seine Stirn.

Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemächer und Säle öffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wüster Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsäuselt. — Er kam an eine Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drängten. — O es ist fürchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu öffnen und zu wissen, daß mir Schrecken entgegenspringen.

Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder wieder zurück. — In einem großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten tanzend auf und ab. — Ein Riesenkopf mit verzerrten Zügen wankte auf zwergartigen Körpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in wilden Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie rauschten immer schneller und ungestümer vorüber, die Flammen der Kerzen zitterten. — Vatermörder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und riß ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, man führte ihn taumelnd in den fürchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lächerlicher Entsetzlichkeit wälzten sie sich um einander her und hüpften mit fürchterlichen Geberden. — Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen; eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe rückwärts, deineZulmasteht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an, alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. — Sie reichte ihm eine lange dürre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit lautem Gebrüll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. —

Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dämmerung erhellten. Ein schneidender Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde wehte traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes Grab fiel es hinter ihm zu.

Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen eiligst, Gestalten gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.

Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem Mark meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur Welt nicht zurück, die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an demgräßlichenThor angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wüste hinausgestoßen, begrüßen mich nur die Ungeheuer der Nacht. — Über welche Steppen soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hörte, aufgespart, um eine Hölle hier aufzubauen.

Er ging über eine große Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrückt, von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, von jedem erquickenden Gedanken abgewiesen. Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen den letzten Schrei ausbrüllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der zerschmettert von Felsen stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf Klippen zerspringt:

Wir sind des großen HausesGewaltge Wächter. —Das Thor ist Verzweiflung,Der Eingang Wahnsinn,Jammergeschrei,SchaudergebrüllSind die jauchzendenWonnegesänge,Die aus der WohnungDem Fremdling tönen. —Ewig! Ewig!Sieht der GequälteMarterzermalmteMit schwerem ÄchzenNach der letzten Quaal.Aber sie kömmt nicht,Aber sie naht nicht,NimmergesättigtKnirscht der grausame ZahnAn ihren Gebeinen. —

Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie des Gesanges. Abdallah kam näher. —

Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen Felsenweges, der sich in geschlängelten Krümmungen wand. Sie standen gebleicht und zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie des Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften flatternd durch die dämmernde Finsterniß und seufzten in dem feuchten Nachtwind; mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die Wüstniß hinaus und aus den grinsenden nackten Gebissen drängte sich der zerschmetterte Gesang hervor.

Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn angefaßt und ging in einer dumpfen Gleichgültigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. —

Vatermörder!Auf des Vaters LeichnamTritt in das Heiligthum der Schauder! —

so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen näher.

Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewälzt, blaß, mit geschwollenem Gesicht und fürchterlich aufgerissenen Augen. — Er schritt über den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr ihm knirschend nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war kühn durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser Erinnerung bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den Gesang und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte mit Verzweiflungseil durch die Krümmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte ihren Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. —

Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen schroffen Winkel, er hörte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre Schädel über die Felsen her blinken, — stumm, ohne Gefühle stand er da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in seinem dämmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her, — er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.

Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Hütte, er öffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten Gegenstände wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte die Decke und die Wände des Zimmers lange mit weit geöffneten Augen an, es schien ihm unmöglich, daß er das sähe, was vor ihm stand. — Der Morgen säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher Strahl schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch das Fenster, — lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Händen, dennOmarsaß neben ihm. — Er stritt lange mit sich selbst, ob er es wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste von allen.

Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum zurück, sagte Omars freundliche Stimme.

Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt vor sich nieder. — Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, — o wo fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß mich sie finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. —

Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit plötzlichem Schrecken zurück. — Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner Stimme?

Warum? rief Abdallah lauter. — Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und ihren Schrecken gehört, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den Flüchtling einholen, der dir entlaufen ist? — Geh, wo mitternächtliche Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung, taste mich nicht an, Unhold, ich bin einMensch!

Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei meiner Zurückkunft giebt?

Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem gräßlichen Schlunde, in welchem tausend Mißgestalten sich übereinander wälzten und verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, sein Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge zu betrachten, aber ein trüber Schleier zog sich vor sein Gesicht.

Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft gemacht, sprach er, die Hölle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingeführt, ein großes Siegel hat sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich weiß nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen Menschenbusen gewagt, die Hölle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, die du pflanztest, sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich selbst vergiftet. — Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurück, bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugniß bringst, das dich wieder unter die Menschen einschreibt.

Abdallah! Abdallah! riefOmaraus, deine Träume sprechen noch aus dir; nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?

Zulma! rief Abdallah aus, — dieser Klang ist der einzige in der ganzen Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlägt, diese Melodie ist mir in der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür gewonnen. — O alle meine Erinnerungen sind Lügner, oder du warst es, der mir diesen Diamant in der Finsterniß schenkte.

Omar.Ich that es, — aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder hat mich ein Lästerer aus deinem Herzen gerissen? — Welche Hand hat jene Gemälde verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in deiner zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das Meer verweht, daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem aus dem Boden keimt? — o dann hab' ich meine schönsten, meine letzten Jahre wie ein Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, — dann hab' ich keine Freude mehr, als das Grab. —

Abdallah.Du willst in meinem Herzen Fürsprecher erwecken, die ich selber nicht wiederfinden kann. — Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, die mich unbarmherzig zurückwirft. — Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen Possenspielen und Furchtbarkeiten träumt und beim Erwachen sich selbst verspottet.

Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, wie lange ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen hast, unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit dir hat mir Arbeit gekostet, du ließest dich von meinem Mißtrauen nur schwer zu Boden ringen.

Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die ihm Nadir in der Nacht gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. — Siehe, schloß er seine Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Gräßlichkeiten nach einem Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit täuschender Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von sich jagte, — ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermählen, meine Hochzeit wird sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft vorübergezogen ist.

Omar.Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, daß alle diese Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges zurückfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher und fand dich schlafend.

Abdallah.Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?

Omar.Beim Propheten!

Abdallah.Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die wunderbarste Erzählung, wie auf Wahrheit schwören. — Was sind alle meine Sinne, wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? — Wenn der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder zurechtweisen läßt? — Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie eine Schlange meinen Händen entschlüpft? — Woran soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, daß ich diese Hütte verließ, daß ich die Sterne über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? Wer stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? O ich möchte nicht auf diese bedenkliche Behauptung schwören! — Welchen Gehalt hat dann der Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schätze erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre höchste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht beschämt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in die dämmerungsvolle Grube fährt.

Omar.Irrthum ist des Menschen Nahrung und hält ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist, den Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, warum willst du an jener zweifeln, die dich im Traum über eine Haide und zu gespensterbewachten Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn Wahrheit nennen möchte?

Abdallah.Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem Schicksal!

Omar.Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, dann eben würd' ich sie um so leichter für Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. — An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, — an jenem Abend sannest du über neue, dir unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schöne mondbeglänzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, — ein Greis eilt auf deinen Omar zu, — wer könnte Omar hassen, daduihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde — und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen täuschten dich, dieserNadirist schon seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glühend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erklären, es wäre grausam gewesen, dem weichen Jünglings-Herzen denmenschlichenFreund zu nehmen und ihm ein fremdes, kaltes Wesen dafür zurückzugeben. — Du liebst Zulma, die Unmöglichkeit geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer ich bin. — Eine neue Thür zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und durch eine verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses Unglücks. — Ich nehme Abschied von dir und warne dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden würden, du bist gerührt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für Bangigkeit des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der dich unglücklich machen will. — Du kömmst in Gedanken zurück, du bist nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Träume. — Nadir will dich retten, Omar will dich elend machen. — Nur etwas Großes, Fürchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, — in diesem Gedanken versammelst du alle fürchterliche Träume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen glaubst. — Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir Zulma ewig verloren sein? — Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Möglichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch süße Versprechungen an sich und du schläfst ein. — Schwarze Traumgestalten nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Unglück, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen dich mit höllischen Gesängen. — In diesem Traume finde ich dich, von meiner Reise zurückkehrend: du siehst, nichts als eine Täuschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tödten, dürft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber sei damit zufrieden, daß sie dich deinem Glücke näher gebracht hat, etwas muß mein Abdallah mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit seinem alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. — Ja Abdallah, du mußt mir es glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwören kann, ich liebe dich! — Meine Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz verschmachtet und dürstet nach Liebe, — dich hab' ich gefunden, dich hab' ich ausgewählt, deine Liebe soll mich glücklich machen, oder ich muß mich in mein Grab einschließen, — o Abdallah, laß diesen Traum dein einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurück; willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoßen und einsam und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben können, dann hätte er nicht so lange bei mir ausgehalten. — Ja, Abdallah, du bist wieder mein!

Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe geliebt hatte, — er fiel weinend an seine Brust. — Ja! ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen!

Selim erwachte. — Du begrüßest deinen Lehrer, sagte er, er ist in dieser Nacht zurückgekommen, aber du schliefest so sanft, daß wir dich nicht wecken wollten.

Omar.Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt.

Selim.Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine Kräfte kehren zurück und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, — sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel, meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?

Omar.Ich sehe nichts. —

Selim.O dann, ja dann will ich meine Kräfte fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. — Nun erst fängt mein Unglück an, mich zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab gegeben, auf dem ich mich stützte, — aber itzt wird mir das Leben eine Last, nun wünsch' ich zu sterben. Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk ganz geendigt ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. — In dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der Wildniß, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten Dünsten emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? — Nein, Omar, blicke noch einmal über den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft umher, — kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?

Omar.Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich machen.

Selim.O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. — Aber ich Unglücklicher! meine Gesundheit kömmt schadenfroh zu mir zurück undselbstden Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel, — o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben kann und mein Volk ist glücklich.

Omar.Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. —

Abdallah verließ das Zimmer.

In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem lauten Rauschen des Waldes auf und ab. — Ja, — sprach er zu sich selbst, — Omar ist mir zurückgegeben, alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer Nacht bedeckt, er ist mein Freund, ersolles sein, mir und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen: denn wo fänden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewißheit, die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschränkten Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschließen.

Mein Vater wünscht zu sterben, — o ich sehe schon in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird, sie wälzt sich immer näher und näher. — Das Schicksal rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an und ich stehe plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne meine Beihülfe jenseit der Gegenwart. — Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter goldnen Flammen auf, — das Verhängniß läßt mich zwischen dem Vater und der Geliebten wählen, — o verzeihe, großer Prophet, ich wähle Zulma! Esmußsein, es kann, es will nicht anders. — Welcher Sterbliche kann den Eigensinn des Schicksals brechen?

Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstraße. — Die Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwärmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in die Stadt hinein.

Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Daß Selim ungestraft diese Verschwörung sollte unternommen haben, daß er ihm selbst entflohen sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen fürchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu rächen und dieser Schwur quälte ihn unablässig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken müßten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.

Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen nach den Fenstern des Altans hinauf, — er sahe Zulma, sie blickte verstohlen hinter einem zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe nach den Blumen des Altans. — Die Rose war hinter den Citronenbaum gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das Sinnbild der Furcht. —

Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt an den Pallast seines Vaters. — Wehmüthige Thränen traten ihm in die Augen, als er so unbarmherzig alles zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und Balken aufeinander gehäuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und väterlich aufgenommen hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken seiner Seligkeit schien ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den schönsten Freuden genährt hatte.

Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das laute Schmettern einer Trompete hörte, von einem verwirrten Getöse und Geschrei des Volks begleitet; er kümmerte sich nicht um das Geräusch, nur klang es ihm, als wenn er den NamenSelimlaut habe nennen hören. — Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und er sahe einen Herold auf einem Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß und dann laut ausrief:

»Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den VerrätherSelimlebendig in die Hände des Sultan's liefern würde, seine berühmte, schöne TochterZulmaals Gemalin dafür zum Lohn erhalten solle.«

»Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher den VerrätherSelimlebendig in die Hände des Sultan's liefern würde, seine berühmte, schöne TochterZulmaals Gemalin dafür zum Lohn erhalten solle.«

Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lärmte vorüber. —

Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die Stadt, träumend wie ein Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betäubt und ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, das wüthend durch seine Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu verderben: — so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte im Walde zurück.

Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein Auge starrte in die Finsterniß hinaus. Gräßlichkeiten zogen durch seinen Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit Sehnsucht den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwärzer, oft schleppten seine heißen Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten hinter sich, oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine Wünsche nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermüdet gegen einander kämpften.

Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden Seele starben alle seine Wünsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schloß er in der Ermattung mit sich selbst einen Frieden.

Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dämmerung des Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verließ die Hütte. Er ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete die frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefühle von sich abwälzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drückten, aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des Tageslichtes wagte sich hinein.

Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab; Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wüste seiner Seele thun zu lassen.

Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hört' ich dich seufzen. — Was ist dir, mein Abdallah?

Abdallah schwieg noch. — Nein, rief er plötzlich, — meine Seele ist zu schwach für diesen ewigen Streit! — die menschliche Natur erliegt dieser Gewalt, ich bin endlich müde und will mich selbst besiegt zu Boden werfen. — Er ergriff Omar's Hand. — Ja, Omar, höre das Gelübde, das ich vor dir ablegen will, — ich will, ich muß Zulma entsagen, mein Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige Nothwendigkeit. —

Omar.Und was hat dich zu diesem Entschluß gebracht, der dir alle deine Hoffnungen kostet?

Abdallah.Meine Menschheit, — o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten, was ich besitze, vielleicht weit über ihren Werth, denn ohne Zulma ist mir die Welt ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig, das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre Schmerzen bleiben mir auf immer zurück.

Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn habe. — Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer durch Zuckungen auf, — o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen, das sein Elend mit dem meinigen messen könnte?

Omar.Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?

Abdallah.Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's Füßen schwur. — Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit meinem Elend will ich in die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit meinen Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. — Ja, Omar, dieses Glück ist mir noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir nicht kann genommen werden.

Omar.Auch nicht durch deines Vaters Gebot? — Er will, du sollst der GemalRoxanenswerden.

Abdallah.Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulmakannnicht meine Gattin werden, und Roxanesolles nicht. —

Omar.Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen glücklich sein? —

Abdallah.Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zurück, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und die schönen Erinnerungen nehme ich mit mir. —

Omar.Wenn aber dein Vater auch zudiesemGlück nicht seine Einwilligung gäbe?

Abdallah.O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam. — Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen erlassen. — Dann geh ich aus der Welt und eine geräumige Höhle wird meine Wohnung, Bäume und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzähle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges Kind, meine Leiden selbst. — Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thränen auspreßt, darüber kann ich einst vielleicht lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und geht verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worüber wir uns freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen. — Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, — nein, zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück, unter Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein, was nützt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater.

Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der süß lächelte, in holdselige Träume verloren. — Nein, sagte er leise, — jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen, sind verflucht, — Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? — diesen Greis, der mein Vater ist, — diesen, — nein, ich mag es mir selber nicht gestehn. — Nein, dazu bin ich nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, noch ist nicht die letzte Öffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. — Wie sanft er schläft! — Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! — Seine Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen Sohnes, — als meine Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! — Nein! die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, — meine Seele findet hier noch einen Ankergrund!

Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. — Was will mein Sohn? fragte er.

Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. — O Vater! rief er aus, — kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von dir erflehen wird?

Selim.Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht auch gehörte? — Doch nein, Abdallah, — mein Vermögen sind Thränen und Jammer, dies werde dir nicht.

Abdallah.Gieb mir deinen Segen, Vater. —

Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.

Abdallah.Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, segne mich, wenn ich dir meine Bitte gesagt habe.

Selim.Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen deines Vaters?

Abdallah.O mein Vater! — Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht von dir gehaßt wird, — o so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir einst drohtest. — Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. —

Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe starr auf ihn hin. —

Sie kann nicht? — fragte er kalt, — und was hat der Sohn an dem Willen seines Vaters zu tadeln?

Abdallah.O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gütiger mein Vater, oder ich muß verzweifeln! —

Selim.Du verlangst Güte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den ungehorsamen Sohn soll ich zärtlich sein?

Abdallah.Nein, ungehorsam schelte mich nicht, — kein andres Mädchen soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. — Nur widerrufe jenen Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! —

Selim.Ich widerrufe nicht.

Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. — Vater! rief er aus, an diesem Fluch hängt das ganze übrige Glück meines Lebens, meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! — Widerrufe, Vater, du sollst, du mußt es, — o ja und du wirst es auch. —

Selim.Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle Verwünschungen, die ein Vater für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel herabflehen kann, fallen auf dein Haupt.

Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. — Du liebst mich, ja, Vater, — o wie wenig kostet dich diese Zurücknahme, — ach! und wüßtest du, wie viel sie mir gälte!

Selim.Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwör' ich beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! — Mein Wort kann ich nicht brechen, das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines Jünglings zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.

Abdallah warf sich wüthend nieder. — Du schwörst? rief er heftig. — Nun so schwör' ich hier auch beim Grabe des großen Propheten, beim Himmel und allen seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin wird! —

Selim stand zornig auf. — Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig. — Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß? Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf Felsen, ich wanke nicht in meinem Vorsatz. — Du hast den Sohn verläugnet, nun so will ich denn auch den Vater verläugnen! — Ich werfe meinen Fluch auf dich hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. — Alles Unglück jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht von dir ab, wenn die Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir, den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert, von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krämpfen und Verzuckungen.

Abdallah.O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit der Geburt verflucht, dein Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden. — Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung, die er mir auf die große Reise giebt. — Wer soll mich segnen, wenn der Vater mich mit diesen Flüchen verwünscht?

Selim.Fort aus meinem Angesicht!Duhast meinem Unglück die Krone aufgesetzt! — Du gehörst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! hinweg! daß ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!

Er verließ das Zimmer wüthend.

Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der Verdammniß eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlüssel zur Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich, die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt mich nicht entrinnen! — Er warf sich ohne Bewußtsein in einen Sessel und Omar trat herein. — Er sahe lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte erhört? fragte er besorgt.

Abdallah.Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O! wann könnte mir auch eine Hoffnung in Erfüllung gehn, wäre sie auch so armselig, daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! — Ich darf nur wünschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. — Das Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. — O warum ward ich ein Mensch geschaffen? — Warum mußte ich hinter dem Vorhang hervorgestoßen werden, um den Zuschauern zum Gespött zu werden?

Omar.Und dein Entschluß?

Abdallah.O was kann ich noch wollen? — Welchen Entschluß kann ich noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte mehr für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein Abgesandter der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter mir ein, jede Scholle, an der ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, — was kann ich anders als mich dem Verderben überlassen?

Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine Mienen drohten fürchterlich. — Ha! rief er endlich aus, — dies ist der zärtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! — Worte sind seine Liebe, unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten! Kalt läßt er ihn liegen und sterben, hat er doch seineVaterrechtebehauptet! — Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! — Wie kann er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! — Ich kündige ihm meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auchich,Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will seinen Namen aus meinem Gedächtniß reißen! — Dir auchdiesesGlück nicht zu gönnen! — Diese Hölle war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere Strafen für ihn ersonnen. — Die Liebe sei verwünscht, mit der ich einst sein Freund war, für dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an diesem Selim? —


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