Viertes Kapitel.

Abdallah.O wär' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wär' ich glücklich! — Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten zusammen! Nur für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz. — O könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde Selims Eigensinn bestraft werden können, — aber, — es kann, es darf nicht sein!

Omar.Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen Eigensinn gegen deine Liebe. — Er sollte dir eine Verschreibung werden, durch die du einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem Mangel sicherte? — Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! — Die Tugend, die Pflicht, — o wer kann es alles nennen, was dich von diesem Gedanken zurückreißt? —

Abdallah.O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen gesättigt. — Führt mein Pfad zur Hölle, o so ist es besser durcheinenkühnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hülfe schreien würde, wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton verbunden. — Das Entsetzen der Natur wäre in den Abdallah verkleidet, wenn ich so sehr alles vergessen könnte, was den Menschen zum Menschen macht.

Omar.Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreißen, verachte sie, nur halte dich treu in ihrer Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit, ein Mensch zu sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! — Ja, die Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen hin und beschützt ihn unverwundbar, — aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in der Nacht, wachend und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. —

Abdallah.O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe —

Omar.Ehe?

Abdallah.Will ich sterben. —

Omar.Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir. —

Abdallah.Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich tugendhaft. — Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken dringt, — ach Omar, — werden mir dann nicht Freuden begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? — Kann ich itzt wünschen, was ich nicht begreifen kann? — Nur der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen.

Omar.Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon völlig geschlossen würde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wären, und wer wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann — doch zurück von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. — O, Abdallah; was hast du dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?

Abdallah.Ich habe mich selbst verloren und das ist für den Elenden Gewinns genug. Dann drückt mich kein Gefühl und kein Gedanke quält mich, ich liege im kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den mütterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich, kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurückrufen.

Omar.Nicht sein? — O die menschliche Natur fährt vor dem Gedanken zurück, — wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gefühl und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert und verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: keinSchlaf, keine Ruhe, keinSchlummer,— sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgestoßen,da gewesen und nicht mehr, — giebt es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als:nicht da zu sein?

Abdallah.Nichtsein!O es ist wahr, die Einbildung erblaßt vor dieser Vorstellung, — Leben und Nichtsein. — Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf ewig unter, — das Wesen, dem ich meine Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, — o ist dies etwas anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben kargt, um nicht zu genießen und im Tode alles hinter sich läßt? —

Omar.Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, — aber was willst du thun?

Abdallah.Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die Hälfte seines Vermögens, um das Ganze zu erhalten? — Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der Diener darf nicht die Aufträge seines Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu sein. — Und wo ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? — Mir ist es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche böse wirkt; was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft unauflösbar. — Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend machte? — Wird er zu Ali zurückgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich wäre er noch glücklich. — Unsre Thaten wandeln oft über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, — kann die Schuld auf uns zurückfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls büßen? — Diese That — o ich mag sie nicht denken, — warum könnten ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich nicht in den unergründlichen Strom weiß und unschuldig waschen? —

Omar.Aber denVater, — dem du das Dasein dankst, — zwar nicht ein Dasein voll Freuden —

Abdallah.Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm für diese Welt voll Quaalen danken?

Omar.Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir fordern, denn dann hättest du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu klagen, über den fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt hat. — So lange er dann nicht deinLebenendet, hast du keine Ursach auf ihn zu zürnen.

Abdallah.In eine Hölle hat er mich verwiesen unddafürsollt' ich ihn lieben?

Omar.Er konnte aber nicht vorher wissen, daß dies Leben dir Pein zubereiten würde, — freilich, eben so wenig, ob es dich glücklich machen würde.

Abdallah.Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat mich in das Leben gerufen. — Wußte mein Vater denn im voraus, daß geradeich,dieser Abdallah, sein Sohn werden würde? —

Omar.Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater Schutz bei den Gesetzen zu suchen?

Abdallah.Vater, Sohn, nichts als leere Namen, der Verstand muß sich nicht vom Geschrei der Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre Hülle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn nie in seiner Forschung. — Nicht wahr, mein Omar?

Omar.Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zärtlichen Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank vergelten? — Dankbarkeit ist das große Band, das sich unzertrennlich durch alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich in seiner Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knüpft sich Liebe und Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht.

Abdallah.Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, das mich noch an ihn gefesselt hält, alle Fäden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist ihm treu geblieben. —

Omar.Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter in die Jünglingsjahre begleitete, — dafür mußt du ihm danken.

Abdallah.Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.

Omar.Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach zurück, was er dir gab; die Freude, die das große Glück deines Lebens entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, — er schenkt dir ein glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger Gewalt alle schönen Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schöpfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er über ihr Maas hinaus, dann fühlt er die täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der unbarmherzigen Mauer festgehalten. —

Abdallah.O es ist schrecklich! — Welch ein Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen zu haben, das erSohnnennt? — Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche Sklaverei machen? — Der Tod des Vaters macht den Sohn glücklich, — warum soll er sich nicht freuen dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? — Ist der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen gräßlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, daß er ihn elend machen soll? — Selim stirbt, — und Abdallah schleppt ein langes Leben wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hängt sich die Pein mit hundertfachen Martern, alle Glückseligkeiten fliehen vor dem fürchterlichen Gerassel zurück, — ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?

Omar.Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf uns abschießt.

Abdallah.Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf nur den Unverständigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser muß furchtsam landen, wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und Wellen ein Spiel. — Und welche Vernunft, — Omar, ich spreche es aus, — welche hält mich zurück? — — Sprich, denn ich sehe nichts! —

Omar.Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von allen Dingen zurück, die jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß bleiben, — aber eben dadurch, daß diese Weisheit nicht für das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut:genießt!

Abdallah.Daß wir da sind, um zu genießen, das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und für sich selbst in einer großen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. — Sein Genuß ist es, warum er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genießen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere besiegt den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. — Noch ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der Ewigkeit verrathen, — bis der Leichnam wieder kömmt, bis todte Zungen dagegen lästern, werd' ich an diese Lehre glauben.

Omar.Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese würde sie sich selbst vernichten. — Helden, Gesetzgeber, Weise sindtugendhaft,weil sie das Band der Gesellschaft fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir Bösewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn es das Wohl der Vereinigung befördert; schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.

Abdallah.O ja, Laster und Tugend fließen in einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, daß man den Unverständigeren glauben läßt, sie wären von Ewigkeit her geschieden. —

Omar.Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, daß du mir einst diese Lehren so fürchterlich wiederholen würdest, — o wäre mein Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen könnte! —Zulmamag es einst versuchen.

Abdallah.Zulma? — O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten aufrufen dürfen, durch die ich sie dem hartnäckigen Schicksal abränge; nur diese That führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern schelten.

Omar.Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend machte? —

Abdallah.O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf keinem Wege entrinnen. — In Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner Seele, noch größeres Elend steht neben Roxanen. — Welcher Ausweg bleibt mir übrig?

Omar.Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blühen, wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. —

Abdallah.Werd' ich aber mit Zulma glücklich sein? —

Omar.Hör' ich diesen Zweifel ausAbdallah'sMunde? Von denselben Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? — Oder ist es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung zu tragen? die Fluth stürmt hinter dir her, aber du scheust dich, den schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet.

Abdallah.Nein, — nein, — Selim stirbt, und kann ich ihm sein voriges Glück wieder zurückgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine einzige wehmüthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und Hoffnung? — Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er dauert, oder löscht aus, — es ist besser, nicht zu sein, als an dem Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt keine Freude zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen.

Omar.Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht —

Abdallah.Ha! wenn meine große Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewönne, — ha! dann könnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt' ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur nocheinMenschenalter erkaufen, — aber der unerbittliche Tod lacht über mich. Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen Stunden nicht mehr.

Omar.Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, daß du mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glück nicht der eilenden Zeit abgekauft hättest? — Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er ausgelöscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht erkaufen.

Abdallah.Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die ihm noch zugezählt sind? Du hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod wünscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. — Itzt würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewißheit hoffen könnten. — Soll ich mich bedenken, ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst den Dolch in die Brust stößt? —

Omar.Das Land mit seinen Bürgern war die Freude deines Vaters, einst ein neues Glück zu säen und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies war der feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. Für seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, auf das er sein Glück und sein Leben setzte, — die Würfel fielen unglücklich. — Roxane sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward alles zernichtet. — Der Wille deines Vaters könnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines Vaters erreichen könntest, — aber sieh umher, tausend Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. —

Abdallah.Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin führen, wohin mich Roxane führen sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen über dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten voll schöner Blüthen. — Nicht wahr, Omar, mein Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? — Und ich säume ihn dem Glück der Bürger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der Nachkommen wird mich einst belohnen.

Omar.Und Zulma! — Sollte sie in den Armen eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave vorübergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick auf dich herabwerfen? — Solltest du einst als Bettler vorübergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?

Abdallah.Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in meinem Busen schlägt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe würde für ihren Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte laufen nach diesem Ziele.

Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht diese That in jenem großen Buche, welcher Finger will die ewigen Züge verlöschen?Deinetwegenwird das große Gewebe nicht inne halten, der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. —

Abdallah stand in tiefen Gedanken. —

Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, fuhr Omar fort,einGeist ist es, der in den Millionen Leben glüht, du und ich, Selim und Zulma sind nureinWesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch fällen, und diese gut und jene böse nennen, wer mag dir widersprechen?

Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. — Fort! Verbannter! rief er aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwünschungen belade!

Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging traurig und zürnend in das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grünen Rasen herab. —

O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige Quaalen auf mich herabzubitten! — und ich zögre und bedenke seinen Tod, — ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese Gefühle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und für seine Mitbürger hinzugeben brennt? —

Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken Mauern schlagen vergebens meine Kräfte an, — wenn es sein soll, — o dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, ich kann nichts als ihn nachdenken, — in den ewigen Gesetzen liegt die Sünde, — die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug, das der größern Kraft wider Willen nachgeben muß. — O das ist ein Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. — Alle meine Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, — ich muß, ich muß es vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Händen gelegt. — Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? — Wo eine Insel, an die sie im Sturme landen können? —

Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem Spiel der Mücken und Gewürme auf der Erde zu. —

Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf,Raschidstand vor ihm. —

Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. — O, rief er, das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser wird mir itzt gesendet.

Wir sind beide unglücklich, sagteRaschid,Elend verschwistert unsre Seelen.

Abdallah.Du elend? — O worin kannst du unglücklich sein?

Raschid.Ich? — Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene und wüste Gegenden, ich wünsche und hoffe und verzweifle in demselben Augenblick, — ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, was Unglück ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich machen, wenn du es könntest?

Abdallah.Ja ich weiß was Elend ist, Unglück ist mir nicht fremd. — Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? — o die kann ich dir geben, — sieh! dies sind meine Schätze!

Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich umarmte er den Freund noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du bist ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz in dieser Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, — o sprich! nur ein Wort der tröstenden Linderung! —

Raschid.Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner Seele wüthet. — Was kann dich so mit Riesenkräften niederdrücken?

Abdallah schwieg noch immer, — ich liebe Zulma! rief er dann plötzlich. — Ach, ich muß dies fürchterliche Geheimniß in einen Menschenbusen ausschütten, o tröste mich, — verzeihst du mir, nennst du mich Bruder, wenn — hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt?

Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? O Unglücklicher!

Abdallah.Nur ein Wort aus deinem Munde!Darfich sie wünschen? — macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? — warum starrst du mich so an? Willst du mir keinen Trost geben?

Raschid.Trost? — Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu dir, um zu deinen Füßen mir mein Glück zu erbetteln, — du liebst Zulma, — o Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das Innerste deiner Seele, — auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne! aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.

Abdallah.Du liebst sie? du? — O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr mein Freund! — ich verlange einen Ton der mich tröstet, ich schlage verzweifelnd an die Laute, — aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein Wiederhall in der ganzen Schöpfung!

Raschid.Darum bin ich hier, Selim sollte mich glücklich machen, du solltest mir ihn abtreten.

Abdallah.Nein! nein! — O beim Unendlichen, alles thürmt sich immer höher und höher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich mir entgegen. — Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glück zu greifen.

Raschid.Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kömmt ihren Thron zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund — Ja, ich will den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um Hölle, alle Schrecken gegen einander, — Zulma ist mein! mein, sag' ich, — endlich hat der Himmel den Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgesöhnt.

Abdallah.Raschid, ich ziehe allmächtig diese Waage nieder, die zu den Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du dich lagern willst, — Zulma liebt mich! —

Raschid.O sie wird, sie muß mich einst lieben, deines Vaters Elend ist eine Leiter, die mich in den Himmel trägt, ich will verwegen bis auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die armselige Welt hinabsehen.

Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig zurück. — Wohin willst du? rief er aus, Schrecklicher!

Zu Ali, antworteteRaschid,dein Vater ist ein Unterpfand, das mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten nachgeschlichen; o ich muß eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner Seele, für Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der Schlachtbank überliefern.

Sie rangen hartnäckig mit einander. — O noch, noch verweile, rief Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir noch mitleidig!

Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid. — Nein! zurück von mir! — Er riß sich gewaltsam los und entflohe mit der Eil des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem Freunde rückwärts. —

Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. — Ha! nun ist es ja entschieden, sagte er mit unterdrücktem Lächeln, meine Martern habe ich umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. — Ha! wie es in meinem Innern tobt und wüthet! — Kalt steh' ich da und sehe, wie auch meine letzte Freude von einem fremden Vorübergehenden lachend gemordet wird. — Er verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem glänzenden Ziel, — nur ich zögernder Thor schlage mich mit tausend Zweifeln und verliere den großen Augenblick. — Zulma nicht mein, Raschids? — O das, das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? — Was hält mich denn zurück? — Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? — O er ist ja auch ein Mensch, — er liebt ja Gott und betet das Schicksal und die Tugend an und dennoch, — mir ist alles genommen und doch zögert meine Trägheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen diesen Schlag, — und muß Selim nicht dennoch sterben? — Er muß — und ich und Zulma sind unglücklich, — ja, ja, es muß sein, — ich höre die Stimmen umher brüllen, die mich zur That anmahnen. —

Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche und sahe auf der Landstraße Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt rennt er ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine Augen sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, oft biß er knirschend die Zähne zusammen. — Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein. — Halt! rief er laut, — halt an mit deiner Beute, Betrüger!

Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück. — Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre hier durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, — oder beim Propheten! ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast.

Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert. — Zurückgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf deine frechen Wünsche hinter dir, — ha! Selim istmeinVater, nur Vatermord kann dich Zulma's würdig machen.

Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, — von mir Schändlicher! für Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. —

Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's Armen zu schleudern, aber dieser drängte ihn zu fest an sich, Raschid biß ihn mit den Zähnen wüthend in den Arm, um sich frei zu machen. — Sie rangen unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig warfen sie sich hin und her, die Erde dröhnte unter ihren Tritten. — Endlich warf Abdallah den ermüdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. — Willst du itzt Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke an. — Nein, nein, und müßt ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte ihm Raschid zu. — Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn in die Brust des Überwundenen, ein großer Blutstrom stürzte hervor und floß über die Erde. — Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein Schleier zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag bleich und unbeweglich da. —

Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit fürchterlicher Schadenfreude. — Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte er bitterlächelnd, wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? — Kann ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? — Nun wirst du sie nicht gewinnen, die Würmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, — Zulma ist mein! — Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgültig und träge geworden? — Liebst du Zulma nicht mehr? — verdient sie itzt nicht mehr die Huldigung deiner Wünsche? —

Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe mit Windesschnelligkeit zur Stadt.

Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die Straßen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn für einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wüthend umher und stand itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten ihn die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen, er schrie laut, man sollte, man müßte ihn zum Sultan führen, man stieß ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und ließ ihn in den Pallast treten.Mehmed,der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans. — Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thüren der Zimmer, er wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling, er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück. Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er ihn verlängert, sehnlich wartete er auf die Eröffnung der Thür und konnte sich diesen Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, herrschte in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhaßt, er war sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er sich endlich Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er harre. — In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen, die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten, dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren Blicken schämen. — In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten eiskalten Blick sah er hin, es warZulma,die mit einigen Sklavinnen dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch die Verhüllung. Alle seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden plötzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu sich selber zurück und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn nicht erkannt. — Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, — und was willst du? — Ha! die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende Speise an der giftigen Angel hin; war es nichtZulma,die vorüberging? — Es istmeineZulma, sprach er in sich weiter, sie istmein,jetzt geh' ich hin und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir ihre Verschreibung. — Jetzt, jetzt wird der fürchterliche Augenblick nahen, der mich zum ernsten Verhör fordert, doch aucherwird vorübergehen, die Zeit verschlingt geizig alles. — Aber auch mein Glück wird verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulmawarmein und dann? — Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und ihre Räder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen. Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hölle nicht an mich hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ichwillglücklich sein, — ich will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurück, in Zulma finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir selber Trotz bieten; die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von sich zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende elend, — ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will kühn schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze aus den Schrecken pflücken, — wer, wer kann mir verbieten glücklich zu sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen Elend auf mich herabsprechen? — o er versuch' es, der Ewige, —michtreffen seine Flüche nicht, — mein Glück ist meine Tugend, ohne Zulma bin ich unglücklich, — Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, — ein tyrannisches Schicksal hat eherne Gesetze für uns geschrieben, der Ewige hielt seine Erschaffenen für Engel, — er selber versteht die Menschheit nicht, — darum zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. —

Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus und führte Abdallah in ein prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten empörenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm nieder.

Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte laut in einer todten Betäubung. — Was willst du? fragte ihn endlich der Sultan mit zurückschreckender Kälte.

Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. — Was ich will? — antwortete er leise. — O diesen großen, schrecklichen, einzigen Augenblick wollt' ich. — Itzt, itzt ist er da! — Was such' ich hier? — Warum kam ich hierher? — Wer bist du?

Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen!

Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, Abdallah widersetzte sich ihnen stumm, — nein, rief er endlich aus, laßt mich! Ich muß hier bleiben, eine große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum höre mich an. — Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder.

Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus diesem Saal!

Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß sprechen, von itzt an hab' ich keinen Willen weiter. — O Zulma! Zulma! — Ali, du hast ein großes Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim deiner Strafe ausliefern würde.

Ali.Ja.

Abdallah.Wirst du dein Versprechen halten?

Ali.Beim Propheten!

Abdallah.O so ist siemein!ich bringe dir das Geheimniß, gegen das du sie austauschen mußt.

Ali sprang heftig auf. — Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden?

Abdallah schwieg. —

Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht länger, — oder beim Propheten —

Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. — Hab' ich es ausgesprochen, das fürchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? — O laßt mich, laßt mich schweigen, meine Worte werden zu Mißgeburten, die meinen eignen Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt mich wieder rückwärts schreiten.

Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, er wollte sich aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder.

Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner zu spotten? — Du kannst nicht wieder zurückfordern, was du gesagt hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen, die du mir verweigerst. —

Abdallah.Und es muß also sein? die fürchterliche Frage ist nun auf ewig entschieden? — Nun so sei es denn!

Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich, sein Blick starr. — Er beschrieb dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der Wohnung Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und Selim zu ihm zu führen. — Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem Saal hinauswanken.

Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die Abgeordneten zurückkommen; sind deine Nachrichten Lügner gewesen, so soll dein Leben für deine Frechheit büßen.

Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich nieder.

Ali.Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest gefeiert, Jubelgesänge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich will ich unter meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwüsten, was mich haßt. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aberfürchtensoll man mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, daß man mich ungestraft verachten dürfte. — Ich will den Trotzigen zittern sehn und sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim läugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein Dolmetscher sein.

Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali fuhr zornig fort:

O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht,einTod ist zu wenig, um diesen Frevel abzubüßen, ich wollte ihn mit Flammengeißeln durch hundert Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. — Hat der Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb, da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige Perl? — O dafür soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle Schätze seines Busens wie einem Erben hinterlassen könnte.

Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger konnte er sie nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen Geist von diesen gräßlichen Vorstellungen zurück. UndZulma? fragte er mit zitternder Stimme.

Ali.Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein ganzes Reich soll es erfahren, daß du mein Sohn bist. — O ich bin glücklich, daß diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache geworden ist, durch dieseeineThat belohnt sie meine väterliche Zärtlichkeit.

Zulma mein? — stammelte Abdallah. —

Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht genannt.

Abdallah fuhr erschrocken auf. — Wer? schrie er laut. O daß ich es vergessen dürfte! daß dies Andenken sich nicht so fürchterlich an mich hinge! — Ha! wer bin ich? — — Nein, kein Mensch, kein Thier, kein Teufel, — o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen nicht mehr. —Ich bin sein Sohn.

Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. —

Ich war einst Abdallah, antwortete er.

Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an, ein starres Entsetzen bemächtigte sich eines jeden, man betrachtete den Jüngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter, auf ewig entlaufen sei.

Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. — Selbst Ali erblaßt, vor dem schüchtern jede menschliche Empfindung zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl dringt allmächtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es denn möglich, daß ich über diese unermeßliche Kluft sprang und nicht im Springen zerschmettert wurde? — Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach der Vergangenheit aus. — Ha! warum erblaßt ihr? — Ihr fahrt zurück wie vor einem Verbrecher, der an die letzte fürchterliche Gränze aller Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, — ach, ein hartes Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich muß der sein, der ich bin. —

Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. — Ich nannte dich so eben Sohn, sagte er langsam und leise, — Zulma bleibt dir, — aber meinSohnkannst du nicht werden. —

Abdallah.Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Väter werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl durch die Brust der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche für den ungebornen Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen und steht müssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis meiner Sünden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen diesen glänzenden Triumph.

Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:

Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewußtsein und meine Gedanken, — was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß? — Gieß den Wahnsinn in vollen glühenden Schalen auf mich herab! — Itzt, itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fühl' es, — ich gebe dir den Funken zurück, den du mir grausam geliehen hast. — Aber das Schicksal ruft fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst unaufhörlich der Schierling, der mich in Todeskrämpfen zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh' ich selber die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich herum, dieser Geist ist meine Hölle und giebt mich nie wieder frei. — Itzt ist auch die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die Verzweiflung überstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte quälende Bewußtsein?

Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich —

Abdallah unterbrach ihn: — Kann ich es selbst begreifen? das Verhängniß und Zulma, — ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich mich selbst dabei verspielte? — Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen, ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, daß er mich um mein Leben betrog, daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot — und mich schadenfroh hinterging —

Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lästerst den Herrn, Elender! — Was hilft es, daß du gegen die Last kämpfest, du wirst sie niemals abwerfen. —

Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge menschlicher. Er dachte über einen Gedanken nach, der ihn wehmüthig machte.

Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. — Wer tadelt mich nun noch, daß ich die Menschheit verachte? Wer darf noch murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig anerkennen will? — Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre schwarze Verrätherei entdeckt, der den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis itzt hab' ich noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was hat Selim von mir gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine Stimme schreit? — Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit und Meineid mir warnend auf der Gränze entgegenkommen? diesen Bothschafter hier nennen sie selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter, das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit seiner Beute. — O hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von itzt sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch keinen blendenden Glanz bestechen läßt. Ich will ihren Stolz verfolgen, bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie für die ewige Verdammniß gefangen nehmen. Selim haßte mich, weil ich die Menschheit haßte, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines Lebens zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen und er verläugnet sie auf ewig. — Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen, statt zu verachten will ich das Siegel itztverhöhnen,auf das diese Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, über ihre allgemeine Vernichtung würde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist die erste Beute, die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird, an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer Verfolgung sehn und zittern. — Kömmt er noch nicht? Ich schmachte nach seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermüden und ihn dann erst des Spielwerks überdrüssig, in die Vernichtung werfen.

Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden. Plötzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.

Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter Angst, — was,washab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? — Wer ist es, der aus meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstört seine Wohnung, o könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! — Nein, dies hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.

Er stürzte wüthend nieder.

Allmächtiger! rief er. —Washab' ich gethan? — Vernichte mich, Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! — Nur einen, einen Donner auf mein Haupt, laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den Blitz durch diese Brust flammen, — wirf mich in die Hölle hinab, nur rette mich vondiesemGefühl, laß die Verdammniß mich nur vondieserQuaal erlösen! — Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf und finde mich in eine Todtengruft verirrt. — Reißt mit glühenden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der wüthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! — Beschützt mich Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen zurück, die zu mir hinanspringen! — O Ali, Ali, — ruf deine Henker und laß mich vernichten, wenn noch ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten Ruinen liegt, — findest du nur noch eins, das letzte, o so laß mich sterben. —

Ali sahe kalt auf ihn herab. — Du sollst leben, sagte er.

Abdallah.Leben? — Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von der zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal dir denkbar ist, — o so laß ihn nicht sterben, gönne dir selber diesen ersten großen Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, — und wenn dich dein Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.

Ali.Selim muß sterben. —

Abdallah.Sterben? — O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit gehängt hat. —Sterben?— Fühlst du, was ich in diesem einzigen Wort verliere? — mehr, als mir tausend Kronen ersetzen können, mehr als diese Erde werth ist. — O Ali, denke den großen Gedanken, durcheinenHauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel schenkt, der großmüthig mich aus der Hölle nimmt und sie verschließt, — o Ali,sterbenkann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, — aber dann steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, — nur die Allmacht kann zu ihm wieder sagen:lebe!O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei großmüthig, sei menschlich. —

Ali.Er muß sterben. —

Abdallah.Nein, laß ihn den Wink des Ewigen erwarten. — Du findest ihn dort einst wieder: laß ihn dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es, daß du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet findest.

Ali.Nein, er muß sterben,heutsterben. — Wer bist du mir? Und für dich sollt' ich diese Freude verloren geben? —

Abdallah.Sterben? und unter Martern sterben? — Nichts kann diesen fürchterlichen Ausspruch vernichten? — Unter Martern, die bis in die fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? — Nun so häufe Quaal auf Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und laß dir seine Gebeine vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis oben an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. — Nun es Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit Millionen Flüchen auf mich ein, — nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag kommen was da will. — Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so fühl' ich doch noch, daßichihm verzeihen würde. — Ich unternahm das fürchterliche Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, — du aber stehst von deiner Felsenkälte gepanzert da — und freust dich bloß der Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere alles. — O nun dränge sich Verderben auf Verderben, nun die Würfel einmal gefallen sind, nun stürze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe alles ineineHölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld verspottet und mich zur fürchterlichen Gränze des Wahnsinns gerissen und nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst mein größtes Entsetzen bin? — Ich könnte frech den Ewigen zum Zweikampf fordern und fluchend niedersinken. —

Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig mit den Fäusten seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber Ali hielt ihn zurück. —

Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, mich ergötzt die Ohnmacht dieses Wurms. Er möchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein Bewußtsein an sein Verbrechen geschmiedet. — Sieh, dies ist der Mensch, der Wiederschein des Ewigen. — Sieh, wie er in der Wuth sich wälzt und wie ein Rasender brüllt, — würdest du ihn dir als einen Edelstein unter verächtlichen Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, — o beklage mich, daß ich zumMenschenward, ich schäme mich meiner selbst!

Abdallah's Bewußtsein kam zurück. — Derselbe Leichnamsblick kömmt mir wieder entgegen? sprach er matt und leise. — Sieht so ein Mensch aus? — O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger finden, als dich.

Ali.Ich bedaure dich. —

Abdallah.Es ist nicht möglich, — dann würde dein Auge eine andre Sprache reden.Ali.Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. Stehe auf, ich erlasse sieihm.

Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück und stand ohne Bewußtsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr vor sich nieder.

Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's Fenster.

Was ist dort? fragte Ali. —

Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingeführt. — Wie stolz der Verwegene seine Ketten trägt! —

Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe auf. —

Ketten? sagte er leise. — Ketten? — O wohin soll ich mich verbergen? —

Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester an die Mauer und bedeckte mit den Händen das Gesicht.

Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali führte. Er stellte sich stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.

Du bist mein! rief Ali aus. —

Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.

Ali.Und du zitterst nicht?

Selim.Nein. —

Ali.Da du in meiner Gewalt bist? —

Selim.Was soll ich fürchten? Du hast die Gewalt mich zu tödten und ich wünsche den Tod. —

Ali.Auch einen martervollen Tod?

Selim.Endlich muß doch dieletzteMarter zu mir kommen, die mich mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig dauren? — Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle Stunden scheuen? —

Ali.Du wünschest den Tod und dies könnte mich versuchen, dich nicht zu tödten.

Selim.Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille, dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen. — Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; daß ich sterben konnte, daß du Sieger sein konntest, diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt, entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. —

Ali.Du hättest mich dem Tode übergeben?

Selim.Ja, denn du machst dein Volk unglücklich und es verdient glücklich zu sein. —

Ali.Du hättest mich unter Martern sterben lassen.

Selim.Nein, fürdichwäre der Tod die größte Strafe gewesen.

Ali.Du verachtest mich?

Selim.Lehre mich, wie ich dich ehren kann. —

Ali.Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. —

Selim.Nimm mir meine Meinung.

Ali.Du wirst zittern!

Selim.Vor dir? — Niemals! — dies ist also der Ali, vor dem Asien bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre Kinder zur Ruhe bringen? — Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. — Dies ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink das Leben wie ein Hauch entflieht? — O versperre dich, Sultan, in deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin kommen, daß keiner vor dir zittert.

Ali.Du wagst es, mich zu verspotten?

Selim.Was kann ich wagen? — Das Leben hass' ich, so wie ich dich hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, — nenne mir ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich erzittern macht; du kannst es nicht. — Sieh, ich bin über dir und über dem Schicksal erhaben. — O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick fällt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher, ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich nicht diese Ketten, o so müßtest du inmeinerGegenwart zittern, ein Verräther hat dir dies Zittern erspart, ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet, auf ihn komme das Elend des Volks, nicht über dich. —

Ali.Nicht über mich?

Selim.Nein, — du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen erhebt, — und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih' ich dir.

Ali.Verworfner? du verzeihst mir? — Welcher Stolz spricht aus diesem Sklaven? — Führt ihn hinweg!

Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich noch einmal zu Ali wandte: —

Und was gewinnst du mit meinem Tode? — sprach er mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem Schlag? — Wirst du weniger beim Schall des Windes und vor deinem Schatten zurückschrecken? — Die Tyrannen tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. — Dein Volk haßt dich und du weißt es, die Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. — Hartnäckig ringst du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit herauszureissen, — aber du vermagst es nicht. — Ich sterbe und du lebst, — aber beim Allmächtigen! ich möchte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! — Schon daß ichdichim Tode verliere, ist ein Gewinn, ein Leben, über dasduin jeder Stunde gebieten kannst, ist kein Gut für mich, ein Glück, das von dir abhängt, kann kein Glück sein. — Und welches Leben, welches Glück bleibtdirzurück? o sieh in die Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wüste. — Ohne lieben zu können und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle findet. — Deine Brust ist hohl, du schämst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos haben sie dich alle verlassen. — So lebst du — und stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, — du bist nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, — Und darum, weil ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!

Ali stand nachdenkend. — Noch dräut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch, — aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. — Unaufhaltsam bricht der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer näher, armselig wird deine Schreckensstimme in dem Brüllen der Orkane verwehen, dann, — o sie kann nicht fern sein, diese Zeit, — dann fühlt die Menschheit ihre große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! — Dann löscht kein Mord die hellen Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert ihre ewigen Rechte zurück; — ich kann ruhig sterben, denn diese Zukunft lacht mir entgegen.

Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. —

Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir diese Reise erschweren. —

Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater hinauf.

Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. — Er umarmte ihn. — Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, wenn ichdirfluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurück? — Nein, Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. — O vergieb dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! —

Vater! Vater! schrie Abdallah laut, — dein Segen brennt glühend auf meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurück, er machte mich glücklich. Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend machen willst. —

Selim.Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglück in diese Wuth gesetzt? — o laß mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.

Abdallah.Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hölle ist mein Paradies; Flüche sind meine Freude!

Selim.Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, — laß mich, du bist nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.

Abdallah.Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns nie wieder, ach! du weißt nicht —

Selim.Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich lasse dir meinen besten Segen zurück, mein Geist wird über dir wachen, meine Seele der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe deines guten Engels werden, — nur verzeih meine Härte, geliebter Sohn, mit der ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. —

Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an seinen Vater, Selim hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmüthig auf ihn hin. — Komm zurück, sagte er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von dieser Welt; ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, entfliehe von hier und suche dir ein besseres Vaterland, hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften, ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich anstürmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von Glück entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an den Edlen reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit, kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt und geht aus dem Leben hinaus ohne zu klagen, denn er weiß, daß er dort den Lohn seines Edelmuths empfängt. —

Nimm mich mit dir! rief Abdallah. — An deiner Seite wird man es nicht wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit dir sterben!

Selim.Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis dich der Richter fordert, bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in das große Meer der Ewigkeit fließt, — bis dahin sei ruhig, wir sehn uns wieder. — Tröste dich mit dem schönen Augenblick, in welchem ich freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen Träumen erzählen, — o halte mich nicht länger von diesem schönen Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, die mich dorthin führt, — Lebe wohl! —

Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest an seinen Vater. — Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen, schrie er wüthend, fluche mir und ich gebe dich frei, übergieb mich der Hölle und ich will dich dem Paradiese lassen. — Vater, du weißt nicht, wen du in deinen Armen hältst.

Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. —

Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da liebt' ich dich, da warst du mein gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich dich hassen, denn du labst dich an meiner Höllenpein.

Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim sahe ihn befremdet an. —

Ist das mein Sohn? sprach er leise. — Welcher böse Engel spricht aus deinem Munde?

Abdallah.O erst hast du mich in die Verdammniß tief hineingestoßen, dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurückzureissen, dein Segen wird den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht löschen.

Selim.Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn? — Komm aus deiner Raserei zurück, ich muß fort, lebe wohl.

Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß ruhte lange auf den Lippen seines Sohnes, Abdallah lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing matt an den Blicken seines Vaters. — Lebe wohl, sagte der Jüngling schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. Sein Vater wollte ihn verlassen, er drückte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los, Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen die Mauer. —

Auchdieshab' ich überstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali, dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst du dich an meinen Schmerzen ergötzen und kein Stöhnen, kein Ächzen soll dir einen schadenfrohen Triumph gönnen. —

Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. —

Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich mehr erschüttern, nun dieser Abschied vorüber ist?

Selim.Nichts. —

Ali.Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache und du als ein Lügner vor mir stehst.

Selim.Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm mit festem Auge in's Angesicht sehen. —

Ali.Du stirbst gern? —

Selim.Ja.

Ali.Du liebst, du achtest die Menschheit?

Selim.Würd' ichdichsonst je haben hassen können? — Ja, könntest du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich für meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein Leben bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, dann wäre mein Stolz eine verächtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges Kinderspiel gewesen, ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen ich Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte,dannwürd' ich wünschen, Ali gewesen zu sein.

Ali.Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte?

Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, — dann, sagte er schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. — Aber nein, unmöglich, diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was willst du von ihrem Adel wissen? —

Ali lächelte ihn höhnisch an. — Bist du nicht neugierig, den kennen zu lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden Blicken.

Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle.

Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann zu Abdallah. — Dieser ist es! sagte er schnell.


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