So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die Pfeiler stürzten.
Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die Stadt verlassen, als ihmRaschidbegegnete.
Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.
Raschidwar traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit niedergeschlagenem Blicke.
Du bist traurig, sprachAbdallah,komm mit mir in die schöne Natur, der Frühling wird dichheitrermachen.
Itzt nicht, antworteteRaschid,nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali; aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen Bank, dem Pallast gegen über. — Er entfernte sich schnell und Abdallah ging durch die Thore der Stadt.
Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten. — Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe. Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken, waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch der Waldung.
Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir, alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. — Welch ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum Herzen strömen! — O unglückseliges Gedächtniß! — Nur Tod brütete in dieser unendlichen Pracht? — Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem, der im Walde rauscht? — Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den großen Klang, — ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen Massen, — hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt, — du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel dieses Erdenlebens.
Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge unaufhörlich auseinander wickelten. — Eine heilige Ruhe schwebte mit leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.
O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit! rief der wonnetrunkeneAbdallah,— diese tausendfachen Schätze in meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern! Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! — Ich höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub betäubt zurück. — Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, — aber er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem durcheinander.
Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen. Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.
Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte, die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.
Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die Augen auf und sahe —Zulma,des Sultans Tochter.
Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.
Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma die schönste der Houris zu sehn, — unter ihm hätte ein Erdbeben unergründliche Schlünde reißen können — er hätte es nicht gefühlt, — hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, — er hätte sie nicht gehört, — alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. —Zulmaging wieder zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.
Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm. — Aus diesem Gewirre kehrteAbdallahendlich zurück, — er sah, er hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, — aber er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit und Edelmuth. — Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund. — Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen vom Fluß herüber, — Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt, die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.
Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht, warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.
Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.
Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand in den Träumen. — Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.
Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.Zulmawar sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück. Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.
Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner Empfindungen. — Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.
Raschidtrat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht, was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.
Abdallahhatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von seinen neuen Gefühlen verschlungen. — Vordem hatte er mit Kindlichkeit die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, — und itzt schmückte sich alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.
Omartrat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. — Worüber denkst du? fragte ihn dieser. — Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre; er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. — Was ist dir, mein Abdallah, sprachOmarnach einiger Zeit, indem er von neuem hereintrat.
Abdallah schwieg. — Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar mit freundschaftlicher Unruhe.
Omar! stammelteAbdallah,sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte, sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen Glanze schwelgt, — o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut zerfließen!
Es ist nicht das, sprach der ernsteOmar,indem er Abdallahs Hand ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, — noch nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, — nein Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes zu ziehn. —
Abdallahsahe nieder und schwieg;Omarhatte die geheimsten Geberden seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie fesseln könnte. — Omar fuhr fort:
Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? — Bin ich nicht mehr Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig geworden?
Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.
Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar und er nicht mit einander. — Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zuverdienensuchen. — Er wollte gehn. —
Nein, nein, Omar, rief ihmAbdallahheftig nach, bleib! o ich will ja zu dir sprechen. — Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? — Es giebt keine Worte, keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte, wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! — Könnt' ich dein Herz in das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!
Omar.Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, — darum werd' ich dich verstehen.
Abdallah.Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde verzeihen?
Omar.So sehr kannAbdallahnicht fehlen, daß für sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte.
Abdallah.Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger, — o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln:ich liebe!
Omar.Du liebst?
Abdallah.O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, — kein Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, — die Gottheit hat heut mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch zittert der allmächtige Stoß. — Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?
Omar.Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?
Abdallah.Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es, Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und ich werde sie nicht vermissen.
Omar.Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, — nenne mir ihren Namen.
Abdallah.Omar, du bist ein Gotteslästerer! — Setze das Paradies auf die eine undZulmaauf die andre Seite, und ich werdeZulmaohne Bedenken wählen. — Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts, als sie, — mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, — o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!
Omar.Zulma? —Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?
Abdallahschwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen Betrug?
Omar.Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor zu schwingen?
Abdallah.O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! — Der Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.
Omar.Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.
Abdallah.Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für mich?
Omar.Und wenn ich ihn hätte?
Abdallah.O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer nennen. — Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!
Omar.Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren —
Abdallah.Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen, ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung steht. — O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!
Abdallah! riefOmaraus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen durchschauten wild den Jüngling, — heut in der Nacht will ich dich wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.
Unglücklicher! rief er aus, — wo sind nun alle deine hohen, himmlischen Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken, und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im tausendfachen Schimmer spielte. — Welche Kette hängt an dem WorteAli, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir? — Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur gewinnen.
Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke plötzlich überraschte.
Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. — Und mit deines Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? — O eine schwarze Ahndung breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und die freie helle Flur auf immer verlasse. — Mein Vater selbst tritt mir in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu machen. — Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren mir den Rückweg. — Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! —
Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen. — So träumte und dachte er bis zum Abend.
Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt verließen.
Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. — Beide gingen schweigend und in tiefen Gedanken versunken. — Nach einer langen Stille begannOmar:
Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um uns her wälzt, — sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich zerrissen jagt! — Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar, der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.
Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, — Omar, sprach er mit beklemmter Stimme, — o diese Nacht ist das Bild eines unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl erquickt. — Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, — Omar, diese Nacht ist fürchterlich!
Omar.Fürchterlich?
Abdallah.Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.
Omar.Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen; so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, — o dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft, als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. — Ja, Abdallah, eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen; der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze, die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im ewigen Schwung sich drehen.
Abdallah.Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. — Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, — und wie verlieren wir uns in diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf der Erde kaum bemerkt. —
Omar.Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit derWelt?— Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück, — diese Welt, — o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, — und die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in jeder Hand hält sie tausend Welten.
Abdallah.Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?
Omar.Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.
Abdallah.Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir verstehen ihr Winken nicht.
Omar.Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. — Du wirst Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, — für uns sind sie nur Wesen eines Augenblicks, — auf uns lächeln vielleicht eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der erste Sonnenstrahl aufküßt, unddieseverwehen doch nur wie ein Staub in der Ewigkeit.
Abdallah.Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen zerspringt.
Omar.Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur wie ein Augenblick.« — Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre Weisheit kennt, — o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung bringen könnte. — Eine alberne Mummerei, wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, — wenn wir sie nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn — so sind sie nichts als Knochen und verächtliche Verwesung. — Ha! sie wollen den Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge, und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.
Abdallah.Verachtung sei ihre Strafe!
Omar.Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt, der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus Würmern ward und wieder zu Würmern wird, — o des Erbarmens! mit diesem verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit hineinschreibt.
Abdallah.O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des Ewigen sollte ihre Weisheit sein.
Omar.Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht, aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte, — dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sieWeise.
Abdallah.Der blöden Thoren!
Omar.Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; — aber es ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, — sie ziehn vorüber und bleiben stumm. — Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich, als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.
Abdallah.O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft fordern!
Omar.Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, — daß er dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins herabstürzte?
Abdallah.Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen. — O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe austauschen möchte!
Omar.Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf die andre Seite. — Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. — Verstehst du mich, Abdallah?
Abdallah.Ich folge deinem Geiste.
Omar.Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr, sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln, das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. — Die Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn zu seinen Schülern:Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!und sie glaubten und die Natur gehorchte ihnen.
Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du Zulma noch?
Abdallah fuhr auf. — Zulma? — Du hast alles um mich her ausgelöscht, Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht nocheinfreundlicher Funke, — ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig lieben. — Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, — diese Weisheit ist nicht für ein sterbliches Gehirn, —meineWeisheit seiGenuß,mögen Wunder und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen und sehe sie nicht.
Omar.Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?
Abdallah.Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.
Omar.Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende Vertraulichkeit?
Abdallah.O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken nehmen, — denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich nicht.
Omarergriff schweigend die Hand des Jünglings. — Abdallah! rief er laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind die Gesetze der Welt unterthänig!
Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. — Wie? — Omar? — Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir hinwegreißt! Omar, dieserbekannteOmar mehr als Mensch? — Er tausend Stufen höher als ich — und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah spielte? — O fürchterlich! fürchterlich!
Omar.So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst es nur bis zu deiner Zulma tragen?
Abdallah.Nein, Omar, ich sinke nicht. — So sei denn mehr als Mensch, laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.
Es sei, sprachOmarlangsam und ernst. — Sie waren in ein kleines Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem Hügel goß. — Wo sind wir? rief Abdallah aus, — diese Gegend sah ich noch nie. — Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich, sprachOmarund zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den Boden. — Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. — Hier steige hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich dir die Zukunft enthüllen.
Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, — Omar ließ die Hand Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. — Die Erde verschloß sich wieder.
Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.
Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden — und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. — Er stürzte wüthend nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.
Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. — Ha! rief er fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und nagt an meinen Gebeinen? — Warum sieht das richtende Schicksal aus tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?
Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.
Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! — Sie werden mich nicht wieder grüßen, — dann ging Abdallah zu Omar, und sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!
Was hast du gesehen? fragte ihnOmar.
Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen seiner Brustetwasbesänftigt hatte, dann sprach er:
Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, der laute Donner der zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. — Ich tappte unendliche kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche Stille ging vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen meiner Tritte. — Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, und ein Grausen setzte mir die Hände in den Rücken und trieb mich weiter. — Plötzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird. — Donner wälzten sich durch die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten sich rauschend herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betäubte und zu neuen Schrecknissen wieder weckte. — Oft schwieg es und wie Flöten und Nachtigallengesänge flüsterte es über mir und weckte hämisch die Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, — und plötzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestöne hervor, und das Hohngelächter schallte von neuem und jagte meine Seele zur Verzweiflung. —
Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um mich herum und saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. — Eine nasse Felsenwand stand vor mir, — ich tappe zur Seite — unerbittlich streckt sich mir ein Fels entgegen, — ich stürze rückwärts, — auch dort der Weg durch eine Klippe verriegelt.
Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrüll sprang fürchterlich von den Felsen zurück, ich verfluchte mich und dich und betete von neuem in noch gräßlichern Verwünschungen. — Plötzlich wehte es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte und aus dem Felsen leuchteten sanfte Schimmer. — In mannichfaltigen Verschränkungen webten und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine große Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weißgebleichtes Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurück. — Itzt fuhr das Feuer wüthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich aufrecht und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich — o wären meine Augen ewig verblindet! — Hätte vor dieser Stunde mich der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, — ich sahe, — o verflucht, dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! — den Leichnam meines Vaters, fürchterlich geschwollen und mit entstellten Zügen und die scheußliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn hin. —
Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das schauderhafte Getön kömmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer von bösen Engeln, die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den Höllenpauken die Verdammten begrüßen, — das Hohngelächter trat mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das fürchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand ausstreckte, mich festzuhalten, — ich flohe mit kalten Schweißtropfen auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer ungewisser Ferne nachtönte. — Ich ging durch hundert Gewölbe, ich drängte mich durch unendliche Klüfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt und ohne Leben hindurch, — und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene Öffnungen und verhallte wie der Wind in der Ferne, — ich stürzte durch neue Felsengemächer und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück. — Schon verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur Qualen verhieß, — als ein mächtiger Donner die Erde über mir auseinander riß. — Dem gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der Rettung und dem Lichte entgegen und dankte.
Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. — Omar! Omar! schrie er plötzlich auf. — Sieh! sieh! da liegt das bleiche, fürchterlich verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, — o warum hast du es nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf ewig verschlossen!
Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. — Abdallah stand lange und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: — Nur meines Vaters Tod kann mich glücklich machen?
Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche Wort, antworteteOmar.
Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.
Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume hatten ihn gequält und seine Kräfte erschöpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh sein Gemach verlassen.
Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein Unglück, er suchte umsonst nach tröstenden Gedanken. — Wenn er an Zulma dachte, so stellte sich ihm der Fluch seines Vaters und das gräßliche unterirdische Bild entgegen, derFreundOmar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht zurückfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wüste an; alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung, die einst für das Große und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen Dämpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Für eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, hätte er die Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten Zufriedenheit zu leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, aber dann fühlte er wieder lebhaft, daß er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, nie wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn so fest verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fäden auseinander zu lösen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht rückwärts, sondern mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren Felsenmauern vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, die in der starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.
»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhängniß hinter mir her, nur das todte Opfer kann es versöhnen, der Abgrund gähnt bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich nicht entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach, ichmußhinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott — o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestürzt und die wüsten Trümmern rufen mir wehmüthig zu:es war!«
Erst mit der Dämmerung kamOmarzurück. Er fand Abdallah in Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, — ja ich erkenne noch jene Züge, die einst meinem Freunde zugehörten. — Er konnte sich nicht länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die Arme, — ja Omar, rief er aus, — es war eine schöne Zeit!
Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als wäre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte als ich. —
Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurück, Omar, was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, du hast sie mir aufgethan und verächtlich liegt die häusliche Armseligkeit der innern Natur vor mir. Die Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht wieder rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem Ufer, der Triebsand schießt unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.
Omar.Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und rette dich.
Abdallah.Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte spielte, und mich in deinen Augen lächelnd sah, — o wie glücklich war ich damals! Rufe jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurück, mit der ich dich damals liebte, da gehörtest du mir, ich dir. — Omar, ich liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her und läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. — Du stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.
Omar.Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich war, bleibe auch du derselbe.
Abdallah.Ich? — O vondemAbdallah ist nichts mehr als der Name da, alles übrige gehört den bösen Geistern.
Omar.Ermanne dich Abdallah, und vergiß die Begebenheiten dieser Nacht.
Abdallah.Vergessen? — Er zeigte auf den magischen Ring, — o sieh den ernsten unermüdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.
Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische Charaktere eingegraben waren. — Sieh, Omar! rief er aus, — hier steht in unverständlichen Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der Pfandbrief meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, der schwarze Gränzstein meines Lebens; — wie eine Blutschuld hängt dieser Ring an meinem Finger.
Omar.Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch verlassen. — Du fährst zurück? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. — Nur höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder sich zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin dein auf ewig, dein Glück ist der Endzweck meines Lebens. Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. — Versprichst du mir das?
Abdallah.Ja. — Aber warum reisest du? — Und warum gerade itzt?
Davon ein andermal, sagteOmar, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn ängstlich fest umschlossen, er drückte ihn lange an seine Brust. — Mir ist, Omar, seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, oder noch unglücklicher als itzt!
Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung los, — vergiß nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht verlassen, mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen dich Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.
BeidiesemRinge soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte gehen, er kehrte wieder zurück. — Noch, sagte er, habe ich dir eine Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfüllen und jeden Kummer ertränken muß, oder meine Freundschaft hat vergebens gehandelt. Höre!
Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.
Zulma liebt dich! rief Omar.
Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, — o dann bin ich mit mir selber wieder ausgesöhnt! — Zulma? — Unendliche Wonne kömmt mir in diesem Ton entgegen! — Zulma? — Nicht möglich! — So plötzlich kann die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! — O Himmel! wie verächtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! — Sie liebt mich? — O nun — nun mag das Unglück gedrängt um mich wimmeln — vor diesem Worte flieht alles rückwärts. — Omar, dieser Talisman schützt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun bin ich mehr als ein Mensch! —Dein Freund und Zulma's Geliebter!O wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit stritte? — Aber nicht möglich! — Wie kann — o du willst mich täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu sehn, du grausam zärtlicher! In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese Seligkeit enthielten. — Omar, sprich, schweige nicht, — in einem Worte Seligkeit oder Verdammniß, — o auf Jammer bin ich nun ja schon gefaßt, sprich es aus: sie liebt mich nicht!
Omar.Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, — laß mich sprechen. Ich sahe in die schwarze Tiefe deines Unglücks und suchte einen goldnen Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die Rettung sein, oder du warst verloren. — Ich eilte zu Zulma, (wie ich die hundert Schwierigkeiten überwand, das sei dir itzt gleichgültig) ich sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward gerührt. — Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen als Abdallah liebe.
Abdallah.Keinen als Abdallah? — Onunerst ist mir dieser Name theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. — O Omar, wäre diese Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich unglücklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wünschen übrig.
Omar.Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?
Abdallah.Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Möglichkeit, und ich muß, ich muß sie sehen! —
Omar.Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. — Sie selbst hat mir die Möglichkeit gegeben. — Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer, die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, indieserNacht, du wirst Gesang und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens — und du findest Zulma allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.
Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thränen erstickten seine Worte. — Fort! rief er, ich kann nicht danken! —
Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. — Dann ging dieser allein mit großen Schritten auf und ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem Entzücken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdämmern wollte und der Nacht die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufreißen. Dann sah er wieder nach der Mauer hinüber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut, und wie sie itzt sein Glück und alle seine Wünsche umfasse. Aus allen seinen Träumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Träume, Wünsche und Gedanken.
SelimundAbubekerhatten indeß schon mehrmals ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die Flur seinen verderblichen Grimm auszugießen.
Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede Art der Rüstungen in unterirdischen Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. —Omartrat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.
Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die Spitze eines fernen Berges herüber und jagte einen freundlichen Schein über den Strom;Abdallahbestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß sich itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen Lichtes über den Fluß aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr in den glatten Strom hinein. — Er schwamm wie in einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen herum und schienen ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die gestirnte Wölbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das Rauschen des Kahns wie Flötengesang in die süße Wellenmelodie.
Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das säuselnd seine grünen Schwerter im Mondstrahle blitzen ließ und unaufhörlich gegen Abendfliegen kämpfte, die summend am Ufer des Stromes schwärmten. — Die alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jüngling ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete er diesen schönen Augenblick; die höchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. — Der Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab, er schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher und Abdallah erkannte das GesichtRaschids,der traurig und gedankenvoll vorüberging, ohne ihn zu bemerken. — Denkend und träumend, hoffend und fürchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und lächelte seine Träume an, alles flüsterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grünen Blättern in dem Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann wieder wollüstig in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das Laub der Bäume zitterten. — Itzt — ein freudiger Schauder fiel mächtig auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern, — itzt erklang eine leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang: