Zweites Kapitel.

Mondschein winke,Welle lockeDen GeliebtenIn die Fluth.  —Und der Mond winkt,Und die Welle lockt, —Kömmt der GeliebteDurch die goldnen Fluthen?Sprich aus deiner hohen Palme,Holde Sängerin der Nacht:Kömmt er durch Wellengelispel?Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?Steht er silbern unter goldnen Schimmern,Die in lichten Kreisen um ihn zucken,Um die Locken eine Strahlenkrone weben?Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:Wie ich harre,Auf ihn hoffe,Und die holde NachtNeben mir schlummert. —

Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Geständniß der Liebenden. Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel umarmend um die Erde. — Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute und sang:

Sonne der Nacht!Himmel meiner Seele!Reizgeschmückte,Schönheitgekrönte,Ich nahe deiner Gottheit!

Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. — Selbst die leblose Natur schien ihn zu begünstigen, die Zeit hatte aus der Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem kühnen Sprunge stand er dann in dem Garten.

Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bäume schienen in Bäume verschlungen. Die Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen und jagten und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten zutraulich ihr Haupt gegeneinander. — Abdallah eilt mit großem Schritt durch den Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schönen Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und stürzt in namenlosen Entzückungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. —

Zulma beugte sich schüchtern über ihn. — Abdallah! flüsterte sie leise, — Abdallah!

Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.

Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.

Er gehorchte. — Und es ist wahr, riefAbdallah,was mir noch der kühnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? — O ich darfdichja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen bestochen sein.

Zulma faßte seine Hand. — Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schön sind Träume nicht.

Abdallah.Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so muß uns das hohe Entzücken aus dem Schlafe reissen, — dies ist mein Trost, ja es muß Wahrheit sein.

Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. — Blätter säuselten, die Blüthen dufteten, der Mondschein schlummerte süß auf dem grünen Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.

Abdallah.O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn! — Was hatt' ich dir zu sagen, — und nun, — meine Zunge ist stumm, kaum bin ich mich meiner selbst bewußt.

Zulma.Wo findet die Liebe Worte? — o Abdallah, wie glücklich machst du mich, — wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, — und nun sind alle meine Wünsche erfüllt!

Abdallah.O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder erholen können? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und öde sein! — O Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, daß mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlüpfte!

Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's mit Küssen. — Zulma beugte sich zärtlich auf ihn herab, eine Thräne, halb von Freude, halb von Wehmuth glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten Unschuld.

O laß mich schwören! rief der trunkeneAbdallahaus, bei dem Hauch der Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, —

Zulma ergriff seine Hand. — Lügner, sagte sie leise, und dieser Ring, — sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.

Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als würden furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebüschen hervortreten; er verschloß die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.

Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein heiliges Versprechen meines Glücks, ein Unterpfand, das mich deines Besitzes versichert. — O Zulma mein, auf ewig mein!

Zulma.Auf ewig?

Abdallah.Es soll, es wird sein! — warum würde sich alles so wunderbar fürchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wäre? O das Schicksal häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu machen; ich werde glücklich sein!

Zulma.Ich verstehe dich nicht, Abdallah.

Abdallah.Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thörichter, was willst du mehr?

Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel glühend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das Herz sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister besprachen sich in der hohen Entzückung, — ein heiliger Hauch wehte wie ein Schutzgeist um sie her, die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte mütterlich auf ihre glücklichen Kinder hin.

Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. — Wir müssen scheiden, sagte Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorüber, dann sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kömmst. Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmöglichkeit, das Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, — wenn diese auf der Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, sobald dich meine Laute gerufenhat. — Sie drückte ihn noch einmal feurig an ihre Brust und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurück. —

Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern aus dem Garten nach:

Walle sanft auf stillen Wellen,Dich geleitet meine SeeleSäuselnd durch die blaue Fluth.

Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurück:

Doch bei dir weilt meine Seele;Wie die abgerißne BlumeSchwimm' ich durch die blaue Fluth.

Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. — Der Nachen landete.

Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefühle waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt nicht zurückkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten blickte. — Er überließ sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander strömten. — Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus seinen Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im Mondschein der Strom wie schäumendes Blut hinunter.

Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, mit kalter Hand griff ein Grausen in seine Brust und zerriß das zarte Gewebe.

Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief er aus. — Der Jammer verfolgt mich ungestüm bis in die Wohnung der Seeligen. — Alle gräßlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kömmt mir wild und zähnknirschend entgegen! — Das Bild meines Vaters regt sich unter meinen Füßen und will sich zu mir emporarbeiten. — Hinweg! hinweg! —

Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm »Abdallah!« rief.

Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. — Ein Greis stieg von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.

Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.

Dein Freund, antwortete der Greis. —

Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der Greis sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. —

Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblättern.

Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.

Nimm, antwortete der Greis, — lies und sei gerettet!

Gerettet? rief Abdallah aus.

Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des altenNadirgütig auf, der auch einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, die dich mit ihren giftigen Knoten umstrickt.

Omar? sagte Abdallah, Omar? — O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine Lästerungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.

Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein heimliches Grauen, das von dir ausströmt, jagt mich zurück.

Der Greis verschwand wieder in den Felsen. —

Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch die Monddämmerung, Hunde heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken langsam zur Stadt zurück.

Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die Gefühle, die ihn durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, daß er nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.

Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu gehen. — Der morgende Tag, sprachSelim,ist also zur Ausführung unsers großen Entwurfs bestimmt? — Ihr habt es selbst beschlossen, es sei. — Das Glück geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer Unternehmung die Hand.

Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein großes Fest gefeiert, zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen ihren Anschlag gegründet. — Man hatte Selims Freunde und Sklaven in dieser Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage, einem jeden war zu diesem großen Augenblick sein Amt angewiesen, Rüstungen und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewölben und durch die Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.

Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung des Tages herauf, schon drängt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre Unternehmung. — Seid ihr es noch itzt zufrieden, daß heut der große Wurf gewagt werde?

Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an die Mauer.

Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!

Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlichAbubeker,denn die Menge hätte mich doch überstimmt, aber itzt laßt mich sprechen und handelt dann nach eurem Willen. - Diese Nacht war fürchterlich, ein kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken hinabgeschlichen; mögt ihr mich doch einen thörichten Greis nennen, den das Alter wieder in die Kindheit zurückgeführt hat. — Als Omar von uns Abschied nahm und aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelächter, das mein Blut in Eis verwandelte? — Hörtet ihr nicht über dem Pallast ein Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus mit Leichen angefüllt. — Mir war, als sähe ich schadenfrohe böse Geister mit höhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thür sehen und einen schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals bereit. —

Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor und ein gedrängtes Heer von Raben flog krächzend von Osten her, und flatterte von neuem über das Dach des Pallastes. —

Seht! rief Abubeker, — da steigt die Unglücksvorbedeutung von neuem herauf! Diese Vögel des Todes krächzen uns noch einmal unser Schicksal entgegen. Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, die wir auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, wo uns das Glück seine holden Zeichen entgegensendet. —

Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:

Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen Ahndung hart angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht, und ihr glaubt, daß auch ich zu euch hinübertreten werde und dem großen Entwurf Lebewohl sage. — Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse der Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die räthselhafte Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie enträthselnwollen,heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches kühne und große Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen warten? Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz bestätigen müßten? Ward der Mensch darum über diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu zittern? — Und laß diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß darum unser Unternehmen nicht in Erfüllung gehen? Wenn wir nun zugleich mitAlisterben, so sind wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glücklich. — Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln Ahndung der Gefahr zurückzittert? — Kein so begünstigender Tag als der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trägheit ist es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben benachrichtigt, und dann erst haben diese unglücklichen Vorbedeutungen Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir erwünschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen Erwartungen zu leben.

Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die übrigen folgten seinem Beispiel. — Man beschloß am Abend mit gewaffneter Hand in den Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. — Alle warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.

Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, traurig und froh, drängten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen seinen Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dämmerung, die hundert Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen Empfindungen waren ihm nachgeschwommen und kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten überfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. — Die Palmblätter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.

Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getäuscht, die Schmähsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine knüpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den letzten Becher will man von meinen brennenden Lippen nehmen. — Ob ich diese Blätter lese? Oder sieungesehnin den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurückkehrenden Omar entgegengehn und ihm den Kuß der Liebe geben. — Verdacht? — Himmel! was kann dem großen allmächtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? — Ihm ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir, — sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf mich Verlassenen herab — und ich will ihm mißtrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er nicht schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das er mir nicht unendlich ersetzen könnte? — Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar sein, du pflanzest für ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhängniß kämpft gegen deine Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst einen Schild vor meine Brust. — Deinen FreundNadirhast du verloren, mich sollst, michkannstdu nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst verächtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Blätter lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher an dir zu hangen.

Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:

Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Kälte zurück, mit der man einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe sie tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch kein Mißtrauen, durch keinen täuschenden Verdacht wieder auslöschen. Zweifle in der ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete, was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glücklich, es ist die edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach erfüllt; wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, der Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum, das diese Züge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Händen überliefern, diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen Buche aus. —

Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur Verläumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbündeten sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du stehst einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre Frevel, von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch von dem Abgrund zurückreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen Nachsinnen stehst. —

Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten Stamm, den du für das Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar die Macht, die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschuß vergebens hinaufklimmst, — o dürft' ich ganz die Hülle von deinen Augen nehmen und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen brennend emporsteigen — und vergissest, daß es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. — Könntest du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du würdest da verachten, wo du itzt verehrst. — Die Mauer der Allmacht ist unübersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums dringen, eine unwiderstehliche Hand hält den Staub unerbittlich von dem zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen können, uns ist ein Feld angewiesen, wo wir über Blumen denken dürfen, jene unendlichen Wälder sind unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von der Mauer ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge wird sich je in den Garten des Ewigen wagen. — Jene Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der Allmacht hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt vom Himmel herabsteigen zu sehen.

Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz der Sonne aufwärts schwingen? Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel entgegenlächelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch zum Allmächtigen beten, wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache überschrie, wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das große Gewebe sperrte? — Nein Abdallah, duglaubstzu sehen, was du nicht sehen kannst, in dir selber schlägst du die Töne an, die du aus den Wolken zu hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das große Geheimniß, vor dem du verehrend zurückschauderst, ist nichts, als ein gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten würdest.

Darum höre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne dich selber der Verrätherei wieder ab, sprich das belebende Wort über die Leichen aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen, die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende Messer inne halten und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze verschmachten will. —

Mein Name istNadir,ich trete mit dem morgenden Tage in mein achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des Richters bringen wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. — Seit meiner Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche Ungeduld, alles zu erfahren und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze hinaus, die eine gütige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur für die SchwächemeinesGeistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der kühnsten Zweifel und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich her aus, und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung, ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum Kampfe auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich hatte durch meine Kühnheit Gott und das Schicksal verloren und doch genügte ich mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung geläugnet und fing nunan, andie Macht fremder Wesen und Dämonen zu glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren sich unmittelbar auf der Gränze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmögliche möglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen Wege durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.

Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der weiseAchmed,der die große Auflösung zu den Millionen Räthseln gefunden habe, den Stab, mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem sich die Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen und sein Schüler zu werden, wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm mich auf und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er mich durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken versuchte, aber meine Wißbegierde ertrug alle Lasten leicht und tröstete meine Ungeduld, die zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. —Omarwar wie ich ein Schüler Achmeds, — der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in den schwarzen Bund aufgenommen. — Wir mußten beide dem edeln Achmed mit einem heiligen Eide schwören, nur durch unsre Macht Glück und Freude zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen und so dem Ewigen ähnlich zu werden. — Wir schwuren es und Achmeds Gewalt war die unsrige.

Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit der Schranken der Menschheit lagen, daß das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth sei, als mein Gewinnst. Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen, ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wünscht' ich die Vergangenheit zurück, in der ich noch nicht an die Gränze der menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich hatte gehofft, daß sich mir die Ewigkeit aufschließen würde, wo ich im Heiligsten die Gottheit schaute und den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet hat — und ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem ich nun meine eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir durch armseligen Betrug den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn er nureinenBlick durch den blendenden Glanz zu werfen vermöchte.

Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit und versöhnte nach und nach mein Mißvergnügen, wir tauschten unsre Seelen gegen einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen des Freundes hinüber.

Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt und ihren Geschäften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wünschte ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.

Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst und ein brausender Sturm dich aus deinen Träumen weckte. — Er eilte in meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir erzählten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:

»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen Feind mit sich herumtragen muß, der ihn unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer Seele, dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß unsers Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!«

Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah schweigend auf uns herab, die Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar fuhr also fort:

»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum unsers Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum hatte ich von dir Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wünsche mit erneuerter Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen war vergebens gewesen, denn noch in dichtem Nebel eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne, hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte mich eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als ich je gewesen war.«

»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im düstern Kerker erheben.Weisheitwar mir der edelste, der einzige Zweck des Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken könnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verächtlich — und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wußte, daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir den Rückweg ewig unmöglich zu machen.«

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine Rede. — Mein Freund fuhr fort:

»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfuß sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern streift, dort, — so sagte eine alte Sage, — wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. — Greise erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wüste der Strafe der Allmacht entronnen sei,Mondal, so nannten sie den Schrecklichen und sagten, daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe, denn er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den Wundern die er ehedem gethan und denen die Völker in Demuth erzittert wären, von gräßlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein Name war die Loosung zum Schrecken.«

»Ihnwollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche Größe drängen, hier die Flammen meines Busens kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. — Ich wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich ging über die hohen unermeßlichen Gebirge und näherte mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fuß zu flattern und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche Leere des Äthers, immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer und kühner aufgethürmt.«

»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hügel an die unbegränzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren Schätzen und Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zurück, sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe gehangen hatte. — Aber ich ging vorwärts und ließ hier meine Menschheit zurück, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß auf ewig das große Band entzwei, das mich an die Schöpfung hielt, ich setzte den Fuß vorwärts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder angewinkt zu werden.«

»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich erlosch auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter meinen Füßen. — Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, über mir und unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere. — Bei jedem Schritte zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen, daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« —

»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermüdung geschaffen zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer größere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz und das Bewußtsein meines Daseins blieb mir übrig.«

»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder brütete über diesem Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwüste, kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen grinßten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften Stille.«

»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zurück und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten Schlünden.«

»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. — Soll ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. — Noch, noch steht mir der Rückweg offen! Noch darf ich selber über meinen Willen gebieten. — Doch was soll ich in der Welt? — Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hölle bleibt den Unbefriedigten übrig, — ich kann nicht anders, ich würde nichts vom Menschen wieder rückwärts bringen: — und zugleich stieg ich in das fürchterliche Thal hinab.«

»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.

»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. — In einer halb dunkeln Grotte saß ein Greis und lächelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem Zähngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart sank bis auf seine Füße hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen sahe aus seinen wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen, um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. — Sein Anblick hatte mich bis in das Innerste meiner Seele erschüttert und ich wagte es nicht, die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen aufgenommen, — aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«

»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie ohne Klang und Athem; sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten, von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«

»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift! Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! — Das Leben hat keinen Reiz für mich, ich will in der Wildniß meine Freude suchen.«

»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der meine Seele mit Riesenkräften zusammendrückte.«

»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele und Schauder mir die Zeit verkürzen. — Was suchst du hier?« —

»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schäme mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und vergönne, daß ich deinen Geist begreife und dir ähnlich werde.«

»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß die Felsen umher in ihren Wurzeln wankten. — Vermessener! rief er dann: — Du verläugnest die Menschheit und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst.EinFunke, der von mir zu dir herüberleuchtete, würde dein Wesen zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, daß mein Anblick dich nicht tödtet!«

»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«

»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so kalt und todt wie die Felsen umher. Wasist,kann nicht vernichtet werden, die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst du selbst. Du kannst dich tödten und in eben dem Augenblick stehst du ein neues Wesen in deiner eignen Verdammniß wieder da, — so hat es der Gütige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. O! wennVernichtungmöglich wäre, wenn wir uns selber angehörten und beherrschten — o dann wäre noch Glück in seiner Schöpfung!« —

»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. — Voll Frechheit kömmst du hierher, sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, daß dein Wesen sich nie dem meinigen nähern könne. — Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken, die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist verschieden, wir können uns in keiner Empfindung begegnen.«

»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schöpfung kein Laut, der in mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in meiner Brust, das mich durch alle Welten drängen würde, du verwirfst mich als deinen Schüler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne Bewußtsein zu deinen Füßen windet.«

»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hält dich gefangen! Ich will dir geben, was ich kann, — aber du wirst meine Bedingung nicht erfüllen.«

»Alles, alles, sprach ich hastig, — nur reiß mich aus diesem peinvollen Dasein, mach, daß ich mich nicht verachten muß, sollt' ich mich auch dafür verabscheuen!« —

»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht über der Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschöpf, dessen Gedanken und Gefühle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die Menschen haben von ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,meineFreude ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn, dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine Tugend als ihre Laster. — Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte schwächste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du mein!«

»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.«

»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung, jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund des Bösen, kehre in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem sie sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre mir mit einem großen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum Greise wird.« —

Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. — »Und du schwurst den Eid?« rief ich erschrocken aus. —

»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach dann weiter: »Es war ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die geängstigte Erde hätte bäumen mögen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« —

»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstürmten, meine vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle waren ehern, mein Busen Diamant.«

»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flüche segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein der Menschheit hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem Leben auf der dürren Haide. — Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück, die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. — Mondal zeigte mir ein ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Blätter tausend Punkte gezeichnet waren. — Dies ist mein Almanach, sagte er lächelnd, so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt, die übrigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage übrig sind, ihre Zahl ist unzählbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne Ewigkeit wandelt über den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann sein wird, ist ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu enthüllen strebe.«

»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurück, nicht um zu leben und zu genießen, sondern um Genuß und Leben zu zerstören. Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flüche der Wittwen und Waisen, mein Weg war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. — Der Ewige hatte mich in ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sättigte mich im Genuß der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine Geschöpfe mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein quälte mich, wie eine Gewissensangst, Vernichtung war nicht möglich, Flüche nicht genug, ich mußte ihnstrafen.« —

»Ich kam in mein Vaterland und der SultanAliward mein Freund, er war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Fürst zu werden, aber ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des Landes gemacht hat. Durch mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auchSelimAli nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem kleinen Sohne, auch die Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurückhalten. — Ich ging unter den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden Menschengedanken von mir zurück, — so fand ich den armen, vormals glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, — da flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorüber, wieder in den entweihten Menschenorden zu treten. — In diesem unseligen Augenblick vergaß ich meines Amts und meines Herrn und ließ den trauernden Selim in den Schooß des Glücks zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. — O wie hab' ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern hätt' ich ihn zurückgenommen und Selim's Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht, wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.«

»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurück, ich sträubte mich vergebens gegen die drängende Macht. — Mondal trat mir entgegen. Schon so früh kömmst du wieder? sagte er mit gräßlichem Hohnlächeln, — du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen war so frech — und doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hüften in die Öffnung, die donnernd wieder zusammensprang.« —

»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heiße Gluth webte sich am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen bohrten sich glühend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer von Eis umgab meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth des Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend auf mich herab und schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen. Mein Geheul erklang fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid um mich her. — So brüllte ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hörte mich nicht; zuweilen flog er auf einer braunen Wolke über mein Haupt, sahe höhnisch auf mich herab, freute sich meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem den unerbittlichen Martern. — Endlich schien er gerührt, oder der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen? — Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich frei. — — — —

Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. — Bestürzt eilte er an's Fenster — und die furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. —

Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze entgegen; in einem fürchterlichen Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit entblößtem Säbel stürzte er hinaus.

Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven wütheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Säbel an die Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weißen Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das Geschrei und der Klang der Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen, einige Sklaven flohen, andre stürztentodtnieder, — und itzt sahe Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe sinken.

Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und metzelte um sich her, eine blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, er fühlte die leichten Wunden nicht, die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle auf und ab, — eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, — es war sein FreundRaschid.— Auch du? rief Abdallah wüthend, — auch du bist mit meinem Elende einverstanden? — Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' er lebt noch.

Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Füßen und sahe ihn mit einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem Getümmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem Hofe des Pallastes führen, alle Krieger machten dem bekannten Raschid Platz, weil sie den Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der Stadt.

Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.

Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. — Warum hast du mich nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zürnt? — Du hättest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest, denn ich gehörte ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. —

Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach und nach zurück. Er war bis itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. — Vater! rief er aus, — o daß ich dich habe retten können, daß ich dich aus dem Gemetzel herausriß und dem Leben wiedergab, — o das ist das erstemal, daß dein Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, — eine Stunde, wo ich dir durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, habe ich so lange gewünscht, — ach! und sie mußte so schrecklich, so unvermuthet kommen!

Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein großer Entwurf ist dahin! — deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum hörten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schönste Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? — Ich habe ein großes Spiel gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus — und das Schicksal riefSelim!

Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.

O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich weiß nur, daß ich habe entfliehen müssen. — O warum kann ich nicht der verächtliche Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht? Er ist freier und glücklicher als ich! —

Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft ließ er ihn auf Rasenhügel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde fürchtete. — So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinführte. —

Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis, sie wollen den trägen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu spät und findet nur noch meine Schande. — O dürft' ich eure verhaßten Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute! — Meine Freunde sind für mich gefallen und der feigherzige Selim flieht und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute triefte! — verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner älteren Weisheit nicht traute. —

So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur wenig auf den Trost seines Sohnes. — Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten und mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht noch härter gestählt werden, um dann desto größere Funken zu schlagen. Der Mann muß vor seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum Aufbewahren anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich vielleicht mit dem heutigen. —

Er ging getröstet weiter.

In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume am meisten verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschränkten Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt ein kleines ländliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen, um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein Weg führte zu dieser Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert Krümmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt den Weg dahin nur mit Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume drängen, die in einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur mühsam wieder, erst mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. —

Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen durchlöchert, durch die Fenster hatten sich junge Gesträuche gedrängt und Epheu schlängelte sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan, Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den benachbarten Bäumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber. Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie ein kranker Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.

Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim ließ sich sogleich auf ein kleines Ruhebett nieder. — In der Nähe rieselte eine Quelle vom Berge herab und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen Trank für seinen entkräfteten Vater. — Ich bin erquickt, sprach dieser, — o daß ich dich noch übrig habe, daß das Schicksal dich nicht von meiner Seite genommen hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger Dankbarkeit verehre.

Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater, ihm zu sagen, woher dieses Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei, was es veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig aufgereizt habe. — Diese Wunde, sagte Selim, die mir plötzlich so tödtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit lange wälze ich alle meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen, alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, aber auf kein einziges Gesicht steht der Name Verräther. — Der Himmel selber wirft sich mir entgegen und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück. — Dann erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung gegen Ali's Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlaßt hatten. — Ich wollte das Land glücklich machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß sein Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich seinen weisen Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der Sterbliche muß nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein Frevel bestraft sich selbst. — Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier verlassen mein Unglück, ohne Rath und Hülfe, ohne Freund, — o wenn nurOmarzurückkäme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er das, was geschehen ist, ungeschehen machen? Er kann nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist kein Trost für mich, — meinen Freunden wird endlich kein Dienst übrig bleiben, als mich in mein Grab zu legen.

Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fühlte einige Thränen heiß über seine Wangen fließen, er schämte sich seiner Schwäche und nur die Finsterniß, die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters und drückte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim umarmte ihn schweigend und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz ausgegossen. — Durch die Fenster dämmerte ein irrer Schein der Sterne und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flügel an die äußern Wände. Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich durch die grünen Gebüsche brach, vom Wege und seiner Wunde müde schloß sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und schien auf das Athemholen Selims zu horchen.

Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nähe plätscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bäume verhallte immer dumpfer und Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer kalten Seelenträgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele zurückgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte ihm mit Wucher zurück, was er so gern nicht angenommen hätte, was er so gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. — Omar! sprach er leise zu sich selbst — Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist wandte sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich zu ihm hinaufkämpfte. — Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren, mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum Vertrauten seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, einer Art von Anbetung vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr Wesen zu verändern, — aber zuderEmpfindung, die itzt seine Seele durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner Brust gelegen: es war nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen gewirkt. Ein Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe, Moder und scheußliche Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lächeln an ihm vorüber und wie in Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus der nächtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drängen sollte, um sich dann in einen Abgrund zu zerschmettern.

Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst meinem Vater zugehörte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war! — Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir auswirft. — Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit sein, unmöglich! Wie könnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte so plötzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die Freundlichkeit thronte? — Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, — wer soll mich dann aus der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein verlorner Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst am liebsten verweilte, sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann? — Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die aus einem wüsten dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und schweigend wie unversöhnliche ewige Strafen zunicken! — Nein, so fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume verweben sich in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete? — Wer würde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? — Nein, nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu wenig, es kann nicht Wahrheit, essollein Traum gewesen sein! —

Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, in der finstern Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzähligemal den NamenOmar.

Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. — Ich erinnere mich der Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich weiß es zu gut, wann und wie es war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit hämischer Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt mir noch einmal den altenNadirhin, der mir die Blätter reicht. — Nein, es ist kein Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind verweht. — Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde! — Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der letzte leuchtende Funke knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend Verderben brütet, — o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien mein müder Geist zurück, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles weicht aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt mir übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.

Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige Urtheil, das fürchterliche Geheimniß ist wie ein Todtengerippe aus seinen verhüllenden Gewändern herausgeschritten, — zurück, zurück von meinem Halse, Scheusal! — Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als ich dich verhüllten Fremdling an meine Brust drückte, wo hast du Betrüger dein Herz gelassen? —

Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende gelesen und ihre ganze Gräßlichkeit in meinen Busen gesogen? — Nein, nein, — ein freudiger Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels ist noch übrig, — ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja, der Ort kann itzt noch keine Wildniß sein, auf welchem so eben noch dieser freudenreiche Tempel stand. — Ja, Omar hat sich von Mondals fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch geworden, die übrigen Blätter werden, müssen es enthüllen. —

Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn und jene Blätter wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bückte sich leise auf seinen Vater herab und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er schnell das Zimmer. —

Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche und tappte in der wüsten Nacht mit den Händen umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken. — Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde. — Abdallah stürzte oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche, flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den Wald hinein, wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die Heerstraße. —

Er ging durch das Thor und durch die stillen Straßen der Stadt, auf der Brücke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich leise. — Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem der Untergang der Sonne sich so schön in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer »Zulma« am süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, als sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan hatte, — er sahe nach der Gartenmauer, — aber eine neidische Finsterniß warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern Dämmerung, ein Stern blickte zuweilen wehmüthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf traurig einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. — Er stand in tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe seines vorigen Glücks. Das Gespräch der Fischer flüsterte leise in das Rieseln der Wellen.

Wie ich dir sagte,Sadi,sprach der eine, auch keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglücklichen Selim mit den gräßlichsten Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nähern.

Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.

Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben, so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.

Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott über uns gesetzt und ihn verletzen heißt Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe Ali's verdient.

Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen verdrießlich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gespräche traurig zugehört und näherte sich dem Pallast seines Vaters.

Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein großes Todtengewölbe. Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an die Körper der Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich. Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die Gemächer des Pallastes. Alles war einsam und verödet, so still, als hätten niemals Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, — itzt kam er in sein Zimmer. — Mit zitternden Händen suchte er auf den Tischen und am Boden umher und fand die fürchterlichen Blätter nirgends. — Wie? — rief er aus, — sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht sehen können? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher Angst bestehe?

Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: — es gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem Augenblicke ab, — jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. — Er suchte lange und unermüdet, endlich sprang er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß stieß an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er streckte seine Hand darnach aus, — es waren die erwünschten fürchterlichen Palmblätter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte. —

Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff und mit ihnen durch die Gemächer zurückeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flügeln hinter ihm herjagten, so entflohe er über den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. — Nur ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn, er hörte seinen Namen nennen und starrte lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. — Das einzige lebendige Licht in der großen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte Blume, die zu früh in einem schönen Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Gräßlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.

Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht entgegen, es warRaschid,sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn kaum, in die Verworrenheit seiner Träume verloren.

Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen, ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. — Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, — er glaubt, daß durch meine Hülfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, daß ich dein Freund war. — Ist dein Vater gesichert?

Mein Vater? fuhr Abdallah auf, — ja! —

Sei wachsam, Abdallah, antworteteRaschid, Ali wüthet, wie er noch nie gewüthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger, dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrümmernden Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige Verschwörung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für einen Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig gemacht, daß nur sie durch Selims Tod wird gesättigt werden können. — Dein Haus wird zerstört werden und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. Schütze Selim, denn sein Schicksal würde fürchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem Sultan verrathen würde.

Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und eilte nach der einsamen Hütte zurück. — Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel der Bäume und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des Waldes, als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging und sich im Waldgrunde der einsamen Wohnung seines Vaters näherte. — Ich habe dich schon vermißt, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder Furcht und keiner Hoffnung trauen. —

Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.

Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Kräfte zurückgegeben. — Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen Wald zu meinem Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel mich mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber ich will nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf meine Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mögen tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer Stimme in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit antworten. Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen, noch einen Faden hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und an diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen von neuem beginnen; wenn dieser reißt, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen werfen.

Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin noch dein und werd' es bleiben. Laß dich von dieser Freude noch in diese Welt zurückhalten.

Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, aber er war ermattet, selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, er brannte vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber es war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so unentbehrlich war, zu verlassen. — Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett seines Vaters und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten Zimmer gefunden hatte.

Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, Abdallah zog aus seinem Busen die Palmblätter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. — Nein, sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurückgegeben werden, diese Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, — er las weiter:


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