Bauart der Stadt.
Die Stadt ist von zickzackigen, hohen, hin und wieder zu Thürmen emporragenden, massiven, festen Mauern umringt. Außerhalb läuft neben diesen ein Fußweg im ganzen Umfange. Die Stadt, immerhin nicht groß, ist von Südwest nach Nordost am längsten. Wäre eine gerade und gute Straße angelegt, so würde man sie in einer starken halben Viertelstunde gehen.
Die Gassen sind krumm, dabei zwar gepflastert, aber ungemein schlecht. Ein oder mehrere Pflastersteine fehlen häufig. Die Gasse hat zur Seite einen unebenen, erhabenen Weg für die Fußgänger und eine tiefere, hier und da sehr schmale Mitte für eine andere Art Fußgänger, — für dieThiere. Oft stockt hier übelriechendes Wasser, zum mindesten in der Regenzeit, und der große Schmutz macht das Gehen zu einem überaus lästigen Geschäfte. Die erhabenen Fußwege sind so schmal, daß zwei Personen, die einander begegnen, sich, oft nicht ohne Mühe, umdrehen müssen, um vorüberzuschreiten. Wie treffend wärenAmmannsWorte:Jerusalem hat viele wüste, unsaubere Gassen, für das heutige Soliman. Man kann sich nicht verhehlen, Jerusalem eignet sich nicht am schlechtesten zum Sitze einer gewissen weltweisen Schule.
Die Bassar sehen aus, wie in andern Städten, sind aber an Unansehnlichkeit und Schmutzigkeit vielen überlegen. Einer ist gewölbt, und das Gewölbe von einer Entfernung zur andern mit einer viereckigen Oeffnung durchbrochen, wodurch das Licht der Sonne auf Gasse und Buden strömt.
Die Stadt besitzt viele unterirdische Gänge zur Ableitung der Unreinigkeiten und des Wassers. Eben grub man auf dem Hügel Bezetha, wo jetzt eine Kaserne steht, und wo einst der Palast des Herodes gestanden haben soll. Man stieß etwa zehn Fuß in der Tiefe der Gasse auf einen alten Gang, dessen Mauerwerk man von einander riß, um daraus einen neuen zu bauen.
Die Häuser haben entweder platte, oder kuppelförmige Dächer ohne Ziegel, sind nicht hoch und durchwegs vonStein; viele altern und weichen aus dem Senkel. Thüren und Läden scheinen zufällig durch den Wind hingeweht. Im Abendlande würde man über die meisten Häuser als Armseligkeiten die Achsel zucken und diejenigen bedauern, welche darin wohnen müßten. Eine große Zahl europäischer Beuchhütten verdiente im Vergleiche mit einer Menge Jerusalemer-Häuser den Namen schöner Gebäude. Neben und mit so manchen bewohnten Häusern im beßten Einvernehmen erhalten sich nicht selten Ruinen, wie: Gewölbe, umgestürzte Marmorsäulen oder aufrecht stehende Säulenstümpfe. Von Wehmuth ergriffen, wandelte ich unter diesen Siechen und Leichen, welche in unsern Tagen den Dienst erfüllen, daß sie das Andenken an die Größe und den Reichthum der Vorwelt auffrischen, während jetzt Kleinliches und Armseliges den Blick ermüden und verdüstern. Aus Jerusalem insbesondere ergeht der ernste Ruf, über den Wechsel der Dinge Betrachtungen anzustellen. Vor zwei Jahrtausenden würden es gewiß Wenige vom Volke Israel geglaubt haben, wenn man prophezeit hätte, daß die aramäische Sprache im Fortschritte der Zeit innerhalb der Markung Judäas die Herrschaft verlöre. Dafür wimmelt heute in der Stadt ein Babylon von Sprachen: das Arabische, Griechische, Lateinische, Italienische u. s. f., das Arabische selbst im Munde der Hebräer. Eroberungen von Ländern und Völkern folgtimmer zuletzt und am zähesten die Eroberung des geistigen Volksschatzes, der Sprache.
Und da ich gerade von den Sprachen rede, so bemerke ich im Vorbeigehen, daß in dem Theile des Morgenlandes, welchen ich bereisete, unter den abendländischen Sprachen die italienische oder die sogenanntelingua francaüberwiegt. Man würde zwar mit der französischen Sprache in Kairo recht gut, nicht aber an allen übrigen Frankenorten ausreichen.