Das Kriegsvolk.

Das Kriegsvolk.

Seit Syrien unter egyptische Botmäßigkeit gebracht ist, wird es von Kriegern überschwemmt. Einzig und allein mit einer zahlreichen, bewaffneten Mannschaft vermag derStatthalter Egyptens die Syrier zu zügeln, auf daß sie ihm nicht abtrünnig werden. Es ist eine ausgemachte Sache, daß das Land unter der Last Pflastertreter schwer leidet. Es drängt sich die beherzigenswerthe Frage auf: Würde der Vizekönig nicht mehr besitzen, wenn er mit Egypten sich begnügt hätte?

Man kann sich auch in Jerusalem nicht bergen, daß die neue Ordnung der Dingein Bezug auf Polizeisich aufs herrlichste bewährt. Ob aber das Alles sich halten werde, wenn einmal die Menge achtunggebietender und furchteinflößender, fremder Wehrmänner das unterjochte Land räume, liegt unenthüllt im Schoße der Zukunft. Freilich verheißt die Art und Weise, wie die Verbesserungen eingeführt wurden, nicht die sicherste Gewähr. Denn der neue Verwalter begann sie nicht von Grund und Wurzel aus; er trachtete nicht, die Hauptsache, in der eigentlichen Volksschule die Landeskinder in Kenntnissen vom Guten und Nützlichen mehr unterrichten zu lassen. Nur durch eine Schreckenherrschaft, vor der jedwedes menschliche Gefühl zurückbebt, verscheuchte er die Weglagerer, die Räuber, die Mörder. Diese unterlassen Frevel, Raub und Mord nicht, weil sie von Gott und dem Fürsten verbotene Handlungen sind, sondern weil sie vor der unausbleiblichen strengen Strafe zittern. Beseelte die feigen Syrier ein Gran Muthes, sowürde die schöne Polizei des neuen Gebieters wie eine Seifenblase zerplatzen.

Strabonennt die Bewohner der Gegend, woher ich gebürtig bin, Räuber, Streifhorden, und schildert in Beziehung auf Geistesbildung die alten Syrier zu ihrem Vortheile. Ich wandere nun in Palästina, und kann hier erzählen, daß bei uns die Sicherheit der Person und des Eigenthums auf einer sittlichen Grundlage, dem gewissen Zeichen der Entwachsenheit aus dem barbarischen oder rohen Zustande, ruht. Was würde der Kappadozier heute dazu sagen?

Um zu den VerbesserungenMehemet-Ali’szurückzukehren, so will ich nicht verhehlen, daß er eine neue medizinische Schule in Damaskus gündete. Man müßte indessen eine Binde vor den Augen haben, wofern man nicht die blutige Richtung selbst in dieser so menschenfreundlich scheinenden Maßregel erblickte. Zum Kriegen braucht man Leute, und sobald man Leute braucht, so muß es Einem daran liegen, daß sie am Leben erhalten werden.

Die RegierungMehemet-Ali’sreibt sich an so manchen Gegensätzen: Ernst neben Spiel, Geschäftigkeit neben Faulenzerei, Geizen neben Verschwenden. Es verdient Erwähnung, daß selten einer der europäischen Angestellten die Regierung aufrichtig lobt. Wenn einige unbestritten vom edeln Triebe zu Vermehrung der Kenntnisse in Künsten und Wissenschaften geleitet werden, womit sie einmal ihrem Vaterlande zu nützen hoffen; so verrichten dagegen die meisten ihre Geschäfte nicht aus Liebe zum Fortschritte auf dem geistigen Gebiete, sondern aus Liebe zu einer guten Bezahlung, nicht aus Liebe zur Regierung, sondern aus Liebe zu Ehr und Ansehen, zu einem bequemen und üppigen Leben vor einer reich besetzten Tafel, bei Weibern und auf der Jagd. Hat einmal der Mensch seine sittliche Spannkraft verloren, so bleibt er bloß noch ein sieches Schattengewächs. Ich kann nicht aussprechen, wie sehr mein Herz beklommen ward, wenn ich dem kalten, lahmen, maschinenmäßigen, selbstsüchtigen Gange der Regierung zusah.

So viel als allgemeine Bemerkungen über die egyptische Regierung. Sie sind kurz, wie die Prüfungszeit selbst war.

Begeben wir uns wieder zu den Heerschaaren, so führt der Faden der Beschreibung zur Bemerkung, daß ebenfalls Jerusalem von der egyptischen Plage, dem Militär, heimgesucht wird.

Ich hätte schon an andern Orten, voraus in Kairo, Gelegenheit gefunden, über die egyptischen Truppen ein einläßlicheres Wort fallen zu lassen. Ich bin dem Militär von jeher fremde geblieben, und was man am wenigsten versteht, berührt man am ungernsten.

Ich schilderte früherhin, daß, bei meinem wenig feierlichen Einzuge in Jerusalem auf dem müden, fast kniefälligen Esel, vor den Mauern der Stadt Truppen meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Gewandtheit und Regelmäßigkeit bei ihren Waffenübungen überstiegen alle Erwartung. Wie der Künstler seine Bildsäulen in einer geraden Reihe aufstellt, so stehen die Wehrmänner neben einander, nur darnach schauend, was sie ablernen sollen, und darnach horchend, was man ihnen befahl.

Die Bewaffnung des Soldaten besteht in einem wohlgeputzten Gewehre, wozu ein Säbel und eine kleine Patrontasche gehören. Letztere trägt der Soldat an einem gelbledernen Riemen über dem Rücken, auf welchem er zugleich in einem Habersacke die nöthigsten Bedürfnisse nachschleppt.

Die Kleidung ist bald von weißem, bald von rothem, bald von anderfarbigem Zeuge. Pumphosen umgeben enge die Unterschenkel, und enden innen und außen halbmondförmig, dergestalt, daß die Bogenlinie nach unten gekehrt ist. Den Oberleib und den Hals umschließt genau eine vorne zugeknüpfte Weste, und von den Aermeln derselben werden die Arme klamm umspannt. Eine Bauchbinde hält die Hosen und deckt ihre Verbindung mit der Weste. Die Kopfbedeckung ist eine rothe (Fẻs) und darunter eine weiße Mütze (Tarbusch), welche letztere gewaschen wird. Strümpfefehlen. Der Schuh hat ein sehr langes Ueberleder. Der Soldat bewegt sich in der ganzen Kleidung mit Leichtigkeit, nur in den Schuhen nicht. Niemand wird abredig sein, daß man in der Montur die fränkische und morgenländische Tracht mit Klugheit zu vereinigen wußte. Die egyptische Soldatenkleidung von grünem oder blauem Tuche nimmt, etwas Plumpes abgerechnet, sich recht gut aus. Indeß vermochten die Europäer ihren Einfluß noch keinesweges in dem Grade geltend zu machen, daß das Pfeifen und Trommeln nicht etwas Wildes, Türkisches verriethe. Noch mehr aber fällt auf, wenn der wachhaltende Soldat mit dem Gewehre im Arme niederhockt u. dgl.

Zur Nahrung erhält der Soldat für zehn Tage das Quantum Reis, Bohnen, Linsen und Butter. Fleisch bekommt er zweimal in der Woche, im Fastenmonat aber alle Tage nach Untergang der Sonne. Die Speisen kocht der Soldat sich selbst, und das Getränke mag er holen, wo er will.

Was die Ausrüstung anbelangt, so gibt die Regierung dem Gemeinen alle sechs Monate ein Paar Schuhe und Hosen, eine Weste (Jacke) und ein Hemde, alle Jahre dagegen die rothe Mütze, einen Kaputrock und einen Teppich zum Lager oder als Bettung. Die weiße Mütze, die Bauchbinde und etwa Strümpfe schafft er sich selbst an. BeimEintritte in den Dienst wird er sogleich vollständig bewaffnet; er ist jedoch gehalten, die Waffen auf eigene Kosten auszubessern.

Der monatliche Sold des Gemeinen beträgt 14½ Piaster; es fallen somit auf einen Tag nicht einmal 4 Kreuzer R. W. Ueberdies wird der Sold auch in Syrien sehr nachlässig ausbezahlt. Zur Zeit war er schon vierzehn Monate im Rückstande. Und wenn noch die Bezahlung erfolgt, so macht sie nicht reinen Tisch, sondern sie tilgt bloß einen Theil der Schulden. Ueber nachlässige Zahlung wird allgemein Klage geführt, und mit ihr vorzüglich ist der Leichtsinn oder vielleicht gar die Nothwendigkeit des Schuldenmachens eingerissen. Einmal über das andere langweilt man sich mit der Frage: Wann wird der rückständige Sold ausbezahlt?Ich hörte übrigens nie, daß die Zahlung, mag sie auch noch so spät geleistet werden, je ausblieb.

Je geringer der Lohn ist, welchen der gemeine Söldner empfängt, desto glänzender werden die Offiziere besoldet. Ohne denTaib(gut, Vergütung, Entschädigung) zu rechnen, steigt die monatliche Besoldung eines Obersten auf 16 Beutel (Seckel); den Beutel zu 500 Piaster. Er kann somit täglich etwa 34 Gulden R. W. verzehren. Der General erhält monatlich 24 Beutel. Die Verleihung desGeneralstitels hatte fürClotauch besonders in Beziehung auf das Einkommen eine vortheilhafte Seite. Dem Bataillonsarzte (medico maggiore) sind für den Monat 750 Piaster Sold, 140 Piaster Taib und überdies jährlich 1000 Piaster für die Ausrüstung ausgesetzt. Die Anstellung gewährt wenigstens das Bequeme, daß sie nicht bindet, weil zu jeder beliebigen Zeit die Entlassung angenommen werden muß, sobald man sie einreicht.


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