Der Hakim.
Mehrmals las ich, daß die Palästiner sich von den Europäern den Puls fühlen lassen, in der Meinung, alleFranken wärenHakim(Aerzte). Letzteres kann ich bestätigen, nicht aber ersteres; denn selten begehrte man in Palästina von mir ärztlichen Rath oder Beistand. Um aber doch ein Beispiel anzuführen, so traten einmal in Jerusalem drei bis vier verschleierte Frauenzimmer in meine Klosterzelle und verlangten den Arzt. Ich hatte eben Besuch, und sie wurden von meinem Gaste ziemlich derbe hinausgewiesen. Seit Syrien von egyptischen Truppen besetzt ist, zählt es mehr europäische Aerzte, und es bleiben, meines Wissens, die reisenden Franken so ziemlich ungeschoren.
In Jaffa weilte ein herumziehender Arzt, ein Grieche. Vergebens wollte ich mit ihm ein ärztliches Gespräche anbinden. Wahrscheinlich hat der Mann Arzneiwissenschaft gar nie studirt. Ich rühme an ihm, als etwas Ausgezeichnetes, einen goldenen Uhrschlüssel, den er mit Selbstgefälligkeit recht tüchtig auf dem Bauche bammeln ließ. Um die Höhe seiner wissenschaftlichen Bildung muthmaßlich und unmaßgeblich zu bezeichnen, will ich ihm den Glauben in das Herz legen, welchen das alte WörterbuchGemma gemmarum(Ausgabe von 1508) über dasNolimetangere, auf deutsch: Rühre mich nicht an oder Krebs, ausspricht: „Es ist eine gewisse Krankheit, welche am Gesichtex mictura glirium entsteht.“ Das heißt, firm gesprochen. Damals wußte man also die Ursache vollkommen gut; jetztzweifelt man. Oft werden wir weiser, wenn wir weniger wissen wollen. Unser griechischer Arzt verfügte sich, nach Verrichtung gelungener und mißlungener Kuren, sowie auch guter Geldgeschäfte, in die Stadt Jerusalem. Solche herumirrende Kurirer erinnern mich an die italienischen Zinngießer und die französischen Scherenschleifer, welche das Schweizer-Land durchkreuzen. Sind sie in einem Dorfe fertig, alsbald in einem andern zünden sie das Kohlenfeuer an und stellen den Schleifstuhl auf, um die Kunden zu befriedigen.