Volk und Knecht und Überwinder,Sie gestehn zu jeder Zeit:Höchstes Glück der ErdenkinderSei nur die Persönlichkeit.
Volk und Knecht und Überwinder,Sie gestehn zu jeder Zeit:Höchstes Glück der ErdenkinderSei nur die Persönlichkeit.
Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich, weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren aufzugehen, ist in der Hölle.
Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle, liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter, mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus, unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des Menschen zu Gott gehört zumwesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind, zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer. In bezug darauf schreibt Luther: „Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden, daß Gott Mensch sei.“ Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.
So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.
In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder, und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen; aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.
Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein verantwortlichesIch. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen, es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich gemußtes und gewolltes Handeln.
Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.
Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann. Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.
Und solang du das nicht hast,Dieses: Stirb und werde!Bist du nur ein trüber GastAuf der dunklen Erde.
Und solang du das nicht hast,Dieses: Stirb und werde!Bist du nur ein trüber GastAuf der dunklen Erde.
Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet sich doch jeder in ihm wieder.
Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir nicht fragen; denn er soll für uns wenigerder historische Mensch sein als der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.
Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken. Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden, weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß. Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher, weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das maßlosLeidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden. Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet. Die Erscheinung strömt in das Sein über.
Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. „Wenn der Tröster kommt, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.“ Es ist der Heilige Geist, der zu Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.
Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben, gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt überschritten, und der gesamte, durch die vor ihmdagewesene und in ihm vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die Religion, welches Wort vonligare, binden, kommt; da Gott nicht mehr unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das selbstbewußte Ich.
„Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort“, sagt Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein, da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist,erkannte sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott außer sich zu suchen.
Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an:res sociae verbis et verba rebus, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt: „Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.“ Im Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.
Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt hat: „Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.“ Dagegen steht Luthers Ausspruch: „Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist, denn Reden.“ Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte,würde ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet, daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das eigentliche Genie, das Genieκατ ὲξοχην, weil er die vorangegangenen Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat. Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw., und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.
Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte; das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der letztere wirklich blind. Man hat von schönenBildern Homers nie den Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.
Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber; du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten, daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge scheidet. Es ist ein tiefsinnigerZug im Evangelium, daß Pilatus zu dem verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus, die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem Göttlichen, zeigt.
Verbum Dei manet in aeternum, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er, daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß Gott sich jederzeitden Menschen offenbart habe und es jederzeit tun werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse. Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.
Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: „Und wenn auch solchereiche gute Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.“ Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse „frei aus dem Herzen gehn ohne alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen, darnach das Herz brennt“. In den Psalmen heißt es:Audiam quid loquatur in me Deus; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere Vorschrift für einen Dichter.
Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: „Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort.“ Aus dem Herzen strömt Geist, und in dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.
Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen. Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. „Er schafft ja nicht als durch sein Wort“, sagt Luther, und Paulus: „Gott ruft oder nennt das da nicht ist, daß es sei.“ Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden, daß Menschen darüber nachgrübeln,ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde Licht! die Welt da war.
Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein.Abundantia cordis os loquitur, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen kann: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten.“
Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde, sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur denUnterschied zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.
Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck, die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen Fremdling widersetzen.
Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie „aus ihrem Eigenen“ reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, „die nicht können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet –o furor et amentia his saeculis digna!“
Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende Auffassungen und Irrlehrenentstanden seien, das Studium der Bibel überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen, habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.
Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe.Spirat ubi vult, der Geist weht, wo er will. Die Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man nicht eins machen: „Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: ‚Wie der Himmel von der Erde erhöht ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.‘“
Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß ersich trotz der Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen Menschen- und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken, womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: „Wenn die Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und urteilen die Heilige Schrift … Also dient die Vernunft dem Glauben auch, daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.“ Die Wahrheit bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll. Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang. Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können, sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. „Gott gibtniemandem seine Gnade oder seinen Geist“, sagt er, „ohne durch oder mit dem vorgehenden äußerlichen Wort.“ Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen Selbstdenken zugänglich.
Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen. Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen. Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen Begriffsvermögen anpassen. „Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.“ Wir würden etwa sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser Zutun gibt.
Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen, sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort verdrängt,sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft und den eigenen Wert. „Der Teufel“, sagte Luther, „achtet meinen Geist nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.“
Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die Offenbarung vernimmt.
Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen, die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden; aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort hineinfallen.
Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht. Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.
Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein; doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß,mit dem Teufel beginnen, was nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen – denn ich kenne längst nicht alle – Lutherbiographien gönnerhafte Klagen darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen, gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht, und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten, würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse. Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist, und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzensliegt, weshalb er ihn oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: „Ein wissenschaftlicher Streit war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der Vernunft und den Segen der Logik.“ Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt, wenn es im eigenen Ich gewußt wird.
Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur, was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig machen konnte?
Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht,und daß Kraft auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann, göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.
„Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was sie machen, wenn sie Glauben daran haben!“ Nicht glauben tat Luther, daß Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm „lauter Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber“. Es möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im Bette lägen. „Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen, närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.“
Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf Stoffliches. „Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte; tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen, daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.“
Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste stürzten ein; er schnitt die entstehende Panikdamit ab, daß er zu der Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen; es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige Erscheinen Christi weissagten.
Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann; der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt, was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.
Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht, Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer, unterscheiden.
Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich, daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient. Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche, mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich, zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an Melanchthon: „Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleichverehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?“ Wie sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!
Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame, tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt. Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz, weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.
Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will vollkommen und Gott gleich sein, nämlich demabstrahierten Gott, den er sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt, sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte, sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker und Zeiten sind unproduktiv.
Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der Zeitmuß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie, Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht. Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden, daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen. Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit,unter der er den Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.
Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich, es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt, hat er alles verloren.
Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen. Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft; sein Nachfolger,der Königstypus, erbt nur „des Ahnherrn große Züge“, nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und gewahr würde, daß er „innen hohl“ und unendlich viel schwächer ist als jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.
Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der Selbstanbetung und Absonderung.
Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten; ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des Todes geweiht ist.
Luther sagte einmal: „Gott hat in tausend Jahren keinemBischof so große Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch danken kann.“ Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch gehört.
Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von LuthersGlaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.
Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.
Den Geist beschreibt Luther als den „höchsten, tiefsten, edelsten Teil des Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort innewohnt“. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die Affekte schreibt er,im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem Körper.
Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts hervortreten.
Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige Geschäftigkeit verscheucht denGott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.
Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht, und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß er an Wallenstein die „allzeit wachen Gedanken“, das emsige, unruhige Gemüt als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichtsgeschaffen hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden kann.
Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.
Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Randdes Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.
Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die „Heimlichkeit des Herzens“ zu erforschen; denn über das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. „Die Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden, wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.“ Auch vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich EntweihungGottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus, daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. „Es sind Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.“
Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die Psalmen das wahreγνῶϑι σαυτον.
Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt, geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu denMysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen; aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann „vor der Welt“ nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.
Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl auf diese hoffen.