XII

Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet; indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines Nervensystem dasGenie vollständig, sondern es müsse ein leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach dem Kopfe hin. „Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die großen Geister selten von großem Körper.“

Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt. Wenn du dir vorstellst,daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen bildlichen Ausdruck. „Die Liebe Gottes“, heißt es in den Römerbriefen, „ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch welche die Wahrheit hindurchstrahlte. „Des Heiligen Geistes Amt ist nicht Bücher schreiben noch Gesetze machen“, heißt es bei Luther, „sondern daß er ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.“

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert.„Der Kopf faßt kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.“ Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.

Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem Meere, das es speist, ist es passiv.

Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehenaus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles daspunctum saliensund das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind. Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.

Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend, auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die Heimat Gottes.

Das Herz ist der Gott im Menschen:est deus in nobis, agitante calescimus illo. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält, indem es von ihm erhalten wird.

Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber andererseits nicht so genial.

Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:

Diagramm

Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern. Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände überwindet, ohne sie zu töten. „Seid getrost“, spricht der Herr, „ich habe diese Welt überwunden.“ Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen,muß stärker sein als ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der entfremdeten Welt versöhnen können.

Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins Land wirft. Die Berührung mit der Außenweltwird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die zweite, sie über die anderer zu vergessen.

Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.

Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf lateinischcaritasoderdilectio, an die Mutterliebe geknüpft; die Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte, führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es, daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.

In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn würdedas Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.

Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.

Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sichan Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.

Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen, auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche Gehirn zu beziehen.

Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und beschleunigenden. Dernervus vagusund dernervus depressorsind hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Namedepressorauf die Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromesentstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.

Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit, nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne“, „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“, besonders aber die Worte Wallensteins: „Recht stets behält das Schicksal; denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.“ Nun siegt nicht mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den Überschuß seiner Kraft,die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig zusammen.

Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt, daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe, unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hättea priorivorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem 50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.

Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.

Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist,Großstaaten zu werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das Leben.

Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände, Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung steigt.

Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland förderlicher gewesen. DieLage der kleinen Inselstaaten zwischen großen Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.

Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische, christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.

Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.

Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen. Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.

Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör vermittelst der Predigt des Wortes. „Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.“ Das Gehör ist derWeg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des Meeres. „Ich glaube, darum rede ich“, heißt es in der Bibel. Das Gehör nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten verraten.

Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu vernehmen.

Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicherAnmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte, mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.

Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das Habsburger Gesichtist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt.

In den Tischreden sagt Luther: „Menschen sind dreierlei Art. Die ersten sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.“

Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die Möglichkeithat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt, das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stammγενbedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.

Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so, daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.

Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind. „Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch“, sagte er dann, „denn es sind wenig Christen auf Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderesdenn gemeiner Brauch.“ Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte er nun: „Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.“ So kam er zu derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: „Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.“ Unter die „Frevelartikel“, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß jegliche Seele das ewige Leben haben werde.

Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.

Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie nichts anderes, als was für ihr Gedeihenund ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. „Sie haben ihren Lohn dahin“, sagt Christus, und Luther: „Sie gehen dahin.“ Anders ausgedrückt: Sie stellen eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt, mitgenommen und vertreten wird.

Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art sind. Ihr Selbst- und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn, weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten, um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welchedas Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von „zwischen Sein“, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten. Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen, sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort kommt vonligare, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen, möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist, oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann und Greiszugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den Sprung in das „schöne Wunderland“ nicht: Genies sind selten. Es gibt ja kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich am Tische der Welt Gast sein. „Der Christenmensch“, sagt Luther, „ist ein allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle Sünde.“ Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör?

Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments vielfach ausführen. „Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.“ Dieser ewige Himmel ist in unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmählichesVerwandeln, bei dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß. Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht in der Gewalt hat.

Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und niedrig sind. „Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?… Denen aber, die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel Weise nach demFleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.“ Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte. Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen, sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben; ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte, die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid und Verachtung ausrief:Lengua d'un can!

Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal:Orandum est ut sit mens sana in corpore sanoden des heiligen Augustinus gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse Begierde.

Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen, in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus natürlich nicht folgt, daß jedergroße Schädel und jedes große Gehirn Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab, so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf natürlicher Harmonie.

Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.

Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr scharfem Licht die Plattedes Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein lebendigesGanzeswerden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz, das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen hängt seine Entscheidung ab.

Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt, daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten Lebens zeigen. „Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.“ Eines der schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammerndenEfeu zu ernähren, schließt mit den Worten: „Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?“

Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt.

Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er hat „sein volles Herz gewahrt“, geschont, und es ist dieser Umstand, der gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit Versagen des Herzens.

Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet:


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