Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel, etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu erklären, daß alte Theologender Frau die Fähigkeit absprachen, in den Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch: „Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.“ Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer wieder in dieselbe zurücksinkt.
Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein Engel imlandläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel Beethoven – Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern, bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.
Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach, die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?
Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern das Böse zum Vorwurf gemacht, habengemeint, sie, als Gott, würden eine Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr, bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht machen.
Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet.
Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel hatdie Wurzeldev, was im englischen Wortedevilnoch deutlich zu erkennen ist, unddevbezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend.Non est opertum quod non reveletur: es ist nichts verborgen, das nicht offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.
Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur.
Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.
Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.
Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der Natur und in der Menschheit da ist.
Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, „der da wachsen läßt“, eine Idee, die in der Sprachwurzelφυausgedrückt war, von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen, was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternenuns zu Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist.
In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott. „Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt“, heißt es bei Schiller. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Es ist deshalb, nebenbei bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart.
Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten sind nachher nicht mehr erschienen.
Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum Teufel.Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe mit den Worten aus: „Die Natur hängt immer zum Verwildern hin“, den aktiven Schiller: „Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.“ Der Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt, als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen, Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer entwickeln.
Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen ist einsolches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos ersetzen.
JedeantikisierendeKunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein natürliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten Volke.
Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, daß Luther zwar nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend. Es ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster Linie auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche hin bekämpfte: er hätte wahrhaft aszetische Mönche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte, daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben könne, während es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen nach, daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die göttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körperzu besitzen, sie geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezügelt im Verborgenen hinzugeben, oder um natürliche Begierden gewaltsam zu unterdrücken. Er wies nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur Keuschheit als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, daß die Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will, nur Keuschheit innerhalb der Ehe.
Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der Natur führen, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan, sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so, vielmehr sagt er: „Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, daß sie zusammen sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand“, außer wenn, wie schon gesagt, die natürliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur „wider eingesetzte Natur“ soll man nicht Jungfrau sein wollen. „Also sage ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, daß wir tun wie unsere Eltern, Kinder zeugen und nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und tägliches Fühlen und aller Welt Exempel.“
Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut und beglückend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die Vertretung des Göttlichen in uns, fordert. „Gott hat auch seine Richtschnur und Kanones“, sagt er in den Tischreden, „die heißen die zehen Gebote, die stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du willst dir getan haben, das tue du einem andern auch.“ Man solle überhaupt die zehn Gebote nicht deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil Mosessie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfaßt sei wie bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch natürliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß ein Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem alle Gebote des Moses aufgingen: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst.“ „Sonst, wo es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte man lange Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annähme; es muß es auch bei sich selbst also finden und fühlen, es würde sonst niemand kein Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt, daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.“ Das natürliche Gesetz sei allen gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht allen Menschen verbindlich wären.
Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man nicht tun, weil es Moses geboten habe, sondern weil die Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich jezuweilen einen Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten; wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend sagt er, ein gutes Urteil könne nicht aus Büchern gesprochen werden, sondern aus freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. „Aber solch freies Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft voll ist.“ Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Gründung von Schulen ermahnt, daß man sich reizen lassen müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Lutherhäufig auf die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt sei.DieserUmstand, daß die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend blickte, wurde und wird er mißverstanden. Es gibt viele, für die alles Natürliche schon göttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu können glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehörig geschont wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft, sondern werde in ihrer alten bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört wäre? Die „selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit über den eigenen Leib“ ist ihm verhaßt, „daß wir uns selbst also ums Leben bringen, so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht töten“. Kasteiung dürfe nur getrieben werden zur „Dämpfung der Unkeuschheit“, nicht bis zur „Verderbung der Natur“. „Wo aber dies Ziel übergangen wird, und die Fasten usw. höher getrieben sind, denn das Fleisch leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist und damit die Natur verdorben, der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute Werke getan habe … Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost, und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mörder geworden. Denn der Leib ist nicht darum gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten, sondern allein seinen Mutwillen zu töten.“ Aus diesem Satze, daß Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die Natur dabei erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem ab, daß Aneignen fremden Gutes, um den Hunger zustillen, nicht als Diebstahl betrachtet werden dürfe, wie in den Sprüchen Salomonis steht: „Wir sollen den Dieb nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn gehungert hat“, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. „Gott hat seine Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkommen, sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergissest, daß Gott den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und daß er will, du sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.“ Welche Kühnheit in diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschließen! Luther deutet sie selbst an in den Worten: „In der Not sind alle Güter gemeinsam.“ Du weißt, mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern entgegentrat, und wie er überhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, würde es rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, die Natur, durch die Gott seinen allmächtigen, unwidersprechlichen Willen verkündigt, wenn der Mensch entartet, vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen hat, daß die Natur unter Menschenwerk ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge. Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religiöse Menschen mitRecht Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gänzlicher Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem angeketteten Löwen, der „des numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt“. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt und insbesondere in die bekannten Worte gefaßt: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht“ und „Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen“. Es ist durchaus lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.
Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der Lebenslust, sondern er ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, daß Christus selbst auf der Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die schönen Worte des Predigers: „Gehe hin fröhlich, iß und trink und wisse, daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein Kleid weiß sein und das Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.“ Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das Werk Gott wohlgefalle: wer ohne inneren Frieden genießt, dem ist es Unrecht.
Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther während seines Lebens und nach seinem Tode über sich ergehen lassen müssen, weil er die Natur heilig hielt. Es ist eigentümlich, daß den Menschen eine Art Wut innewohnt gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, der die Natur Gott entreißen und für sich haben will.Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch Rosen tragen dürfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte.
Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mußt nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schließe ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, daß das schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich weiß, wie das ganze Mammut aussehen muß; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert, so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht, daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte sind lang, und meinen König schläfert nicht.
An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um die Menschen bekümmere. Da der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen Gott ablehnten. Daß Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem,als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher glaubt, daß Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, auch glauben können, daß er Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es müsse heißenverbum caro facta est, nichtfactum est, da das Werden sich nur auf das Fleisch, nicht auf das Wort beziehen könne.
Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. „Nun verkündige ich euch denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut“, sagte er zu den Griechen. Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren, und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Personaufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die Idee deseinen, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.
Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen. Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sichselbst als Gott zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist, und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv im Widerspruch zu Christus.
Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten. Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla, Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren, außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den Sternen und über den Sternen; daß „der geheimnisvolle Weg nach innen führt“, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen, daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist. Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem Erdenkloß erschaffen sei.
Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe,möchte ich dir meinen Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint, bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte, Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw. vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person, vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art Namen,denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee. Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.
Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit:nobis res sociae verbis et verba rebus, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen. Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz, nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten, es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz. Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben in sich hat. Wie erschütterndklar wird von diesem Gesichtspunkt aus der Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es Person werden und als solche sterben muß.
Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an. Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist. Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge, seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters gesagt,ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet. Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. „Ein guter Maler“, sagt Dürer, „ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugießen.“ Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu seinem Werk.
Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier hindurch.
Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf, woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erstwäre das Geschenk ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen. Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.
Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ, „denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch, untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.“
An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.
„Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach,
Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm verrenkt.
Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.
Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.“
Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses, nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein. „Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.“
Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre. Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske, die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren nochganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.
Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen, daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie, sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen.
Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da, damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren, würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt,so daß durch die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre. Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das, was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden. Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.
Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunktdie göttliche Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher Kruste oder den „Erlenmädchen hinten hohl“ des Andersenschen Märchens. Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.
So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet, unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft.
Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier, sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden, wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.
Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war, Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen, das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?
Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick.
In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk, in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der Dekadenzκατ ὲξοχην, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist; nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie seinwollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben, in andern Völkern aufzugehen.
Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu reden. „Denn das sollt ihr wissen“, sagt Luther, „Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet.“
Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein, jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.
In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es gibt dannallerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.
Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen.
Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltseinvom Gotte ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein „im süßen Wahnsinn rollendes Auge“ verhüllen, so erhalten wir nicht den Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.
Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.
Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern. Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten. Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange; aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide Völker, wenn dies Band zerrisse.
Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst, damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.
Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.
Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor, damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft; die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichenGeist selbst, welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Der Vater gibt das Fürsichsein, die Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.
Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater aller Menschen. „Denn wer da bekennt“, heißt es bei Luther, „daß eine Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß keine Frau eines Kindes Mutter wäre.“ Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? „Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten“, sagt Luther an anderer Stelle ironisch, „auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas, hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein behandeln!“ Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir anführen: „Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen. Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.“
Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung des Sündenfalls der Eva. Eva wurdeGott untreu, indem sie den selbstischen Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt. Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie ihm keine dauernde Kraftquelle sein.
Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte; Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssigdurch die Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte, hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.
Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.
„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“, sagt Goethe. Diejenigen Söhne, deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nichtgern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern – und das sind jetzt alle – Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit, ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem Schutze Gottes.
Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria, der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden, Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von Goethe: