XIV

Weise macht den ErdensohnGottes Führung und Gebot:Leiden soll dir Lehre sein.Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die QualAlter SchuldIhm aufs Herz:UngewolltKommt die Weisheit über ihn.Strenge Wege geht mit uns die Gnade,Die am Weltensteuer sitzt.

Weise macht den ErdensohnGottes Führung und Gebot:Leiden soll dir Lehre sein.Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die QualAlter SchuldIhm aufs Herz:UngewolltKommt die Weisheit über ihn.Strenge Wege geht mit uns die Gnade,Die am Weltensteuer sitzt.

Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in Christus den unbekannten Gott erkannte.

Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt,nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind, sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes zurückwagen, zertreten. Gott istconsumenset abbrevians, aufzehrend und abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt, erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das einfache Leben, das im Wirken besteht.

Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinnrollt. Auffallend finde ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. „Das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben“; diese überschwengliche Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr „die Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich machen; die nichts innehaben und doch alles haben“. Die „ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit“ gehört denen, „die nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“, nämlich auf den Geist. „Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe“, das verschafft wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.

Wenn man nicht das Wort „geistlich“ beibehalten hätte, das Luther für geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit, Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des „Geistlichen“ gar nichtherausgebildet haben. Wenn Luther „geistlich“ sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir bei dem Worte „geistig“ denken und empfinden. Diejenigen, die den geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen, verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann.

Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können.

Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.

Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu zweifeln oder zu verzweifeln, so studiereLuthers Streit mit Zwingli über das Abendmahl und tröste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach seinem Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat ihn niemand verstanden. Man begriff, daß Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott haben; aber daß Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber einen Kult wollte man nicht, außer einem solchen, der mit dem Verstande zu begreifen wäre, mit Gott also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig; denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewußtseins, des Verstandes, der äußeren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der, in der äußeren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult einführen wollte, den Gott geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt, bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich plötzlich als Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets von denen verkannt und gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.

Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was nicht ist, wovon aber unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das Unsichtbarein einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in unserem Inneren, daß er menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugänglich, die, nachdem in einem genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren, übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt Zwinglis, daß man, wie er sich ausdrückte, die beiden Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht vermischen dürfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern auf den bloßen Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen Menschen hingehen läßt. Daß Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.

Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des Menschen, die sein Leben lang währen und mit seinem Tode vollendet sein soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein, sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich einleiten, indemin das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, die höchste Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufeflaminis et sanguinis, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertäufer, daß die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind das Wort noch nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst durchgekämpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der Glaube der erwachsenen Paten für den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten könne; später erst ging ihm die großartige Erkenntnis des unbewußten Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen, ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber ist, und daß gerade das unbewußte Kind geeignet sein muß, von Gott ergriffen zu werden.

Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, daß Worte, die in Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit Bewußtsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können; gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein hört. Ich habe an mir selbst erfahren, daß in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele dafür in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt gesät und unbewußt empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie hervorglühen kann, damitsie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft auch da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht der Segen, den Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die stärkste Kraft, die es gibt.

Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute gekommen, daß es mit unbewußten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß die Taufe anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, sah deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und bewirkte, daß die Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende nur durch das Wort bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie auszuweisen.

Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Daß im Stoff Geist, daß der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes gelehrt, indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; Christus setzte hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrückt: die Propheten lehrten, daß Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, daß es sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird, teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot des Lebens sei, welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der vergänglichen Speise gegenüberstellte.

Hieronymus hat das Abendmahlinvisibilis gratiae visibilis formagenannt, die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklärte es mit den Worten:Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum, Das Wort zum Element oder Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder übersetze, so ist es nötig zu betonen, daß statt Sakrament im Griechischenμυστηριον, Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse. Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, daß in der Seele, im Ich, der Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht machen können, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu Geist. Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das Samenkorn die stärkste Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die stärkste Verdichtung des Geistes; Brot ist die natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das Getränk, das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich sagt; das Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild für das Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewußt ist, dem kann jede Speise eine Geistesspeisesein; davon aber unterscheidet sich das Abendmahl dadurch, daß es von der gläubigen Gemeinde genommen wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe reichen lassen, abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott muß durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also wäre das Abendmahl von einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich ungöttlich. Dem Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt das Wort des Augustinus in Kraft:crede et manducasti, glaube, so hast du gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Körper Gesonderten im Geiste eins.

Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus, ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jünger ermahnt, seiner nach seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es künftig die Gläubigen halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen daraus. Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen göttlicher Kraft, bei denen die Menschen die Empfangenden sind.

Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung, Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, daß Christus zur rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man sollte meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen,springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer hinreißenden Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, die, von göttlichem Geist durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die meisten wünschen, er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare oder Dante, hat solche Bilder schaffen können? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn, weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte. Hätte er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert.

Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis „Gaukelhimmel“ lachen, „darin ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen“. Daneben aber bemühte er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt Gottes zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; daß alles, was an einem Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein müsse, welcher örtlichen Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen könne, der vielmehr über Raum und Zeit sein müsse. Doch muß er „an allen Orten wesentlich und gegenwärtig sein, auch in dem geringsten Baumblatt“. „Darum muß er ja in einer jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts Gegenwärtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott selbst mit seiner Gewalt.“ Er führt die majestätischen Bibelworte an: „Bin ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist? Erfülle ich nicht Himmel und Erde?“ Er macht klar, daß Gott unbeweglich und unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, daß er deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und daß es sich nur umsOffenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben. „Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und deinem Greifen, er ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht da stehen als ein Bube am Pranger.“ Um diepenetratio corporumverständlich zu machen, daß ein Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; so durchglüht Gott Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen.

Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. „Wird Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und gibt den Geist dem, der es ißt.“ Für Luther, der wußte, daß Gott lauter Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.

Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologiebleiben, wonach die beiden Naturen – nämlich die göttliche und menschliche in Christus – nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit.

Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem Kalender:

Immer wieder, wenn wir sinnen,Stürzt die Welt in wilde Stücke,Immer wieder, still von innen,Fügen wir die schöne Brücke.

Immer wieder, wenn wir sinnen,Stürzt die Welt in wilde Stücke,Immer wieder, still von innen,Fügen wir die schöne Brücke.

Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche, wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot ist, sondernnur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen; Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so faßte auch Luther ihn auf; „aber doch so gar verdüstert und traurig danach geworden“. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: „Herr, nun heb den Wagen selbst“, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat, ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt, daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein, in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen schweizerischen Künstler haben deshalb ihreKraft in einem Vaterlande ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um, wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.

Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären; aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend, nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein Wesentliches stritten.

Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist; allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das Bedürfnis, das Wort, dasihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte, wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich schwer zu ertragen gewesen sein.

Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich und die Welt noch einmal ganz machen wollte!

„In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein die heilige göttliche Dreifaltigkeit.“ Jedes Kunstwerk muß wie jeder lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist, und daskann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei, daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt. Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat, Millionen zu umschlingen, kommt auch keinmillionenfaches Echo; allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen.

Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont, daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an dieUngelehrtenund Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit.

Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler, die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden. Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie eigentlich überflüssig.

Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an. Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie umgekehrt mancheKünstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem, was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes. Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben, das ist eben das Geheimnis des Genies.

„Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller Wirkung der Rhythmus.“ Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz: lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen Menschen.

Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller „Die Teilung der Erde“ und den Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen: „Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch von Anfang bereitet sind.“ Wie matt, von der Blässe des Gedankens angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.

Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist, nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein weiter als Gedanke.

Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein gesteigertesWärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.

Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist. Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als diePenetratio corporum, die Durchdringung des Verweslichen und Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden. Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und Volksmäßigen stecken, wie sie ohnedas sinnliche Herz akademisch und schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein, ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides, Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte, kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und Beseelung.

Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist. Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird durch keine Geschmacklosigkeitgestört, aber auch von keiner tödlichen Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane, seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten gestalten und beseelen können.

Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz empfänglich sind.

Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers aus der Bibel. „Das Verderben ist dein, Israel, von mir alleinkommt dein Heil.“ Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.

„Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein menschlich und teuflisch Ding“, heißt es in den Tischreden, „darum ist es stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort, führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.“

„Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach. Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt von Anfang gewesen.“

Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in der Kunst wegfällt, sondern weil man nichtsdamit erreicht. Das Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke Luthers ruft: dies ist der Luther.

Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das Wesen des Wahnsinns.

„Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken, welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen, wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag. Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstrebenund Sträuben des Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da … Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns ansehen als ein gewaltsames ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ irgendeiner Sache, welches jedoch nur möglich ist mittelst des ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das ‚Sich-in-den-Kopf-setzen‘ das erste und das ‚Sich-aus-dem-Sinn-schlagen‘ das zweite ist.“ Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn; das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen Entgiftung nicht gewachsen.

Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die einem Brief an Link entnommen ist: „Über die Wahnsinnigen ist meine Meinung die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist, sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß, weil sie die gewaltige Macht undKraft der Dämonen nicht kennen. Christus nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich ‚von Satanas gebunden‘. Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden verdanken … Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei, Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.“ Diese und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaftendiabolus ex machinageschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher, den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten, elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag,und obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst gegenüberstehen muß.

Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit. Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte Sünder.

Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt. Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie. Der blendende Strahl der göttlichenWahrheit erleuchtet den götterhaften Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz.

Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel, einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man lebendigen Tod nennen kann.


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