Zum Beginnen, zum VollendenZirkel, Blei und Winkelwage;Alles stockt und starrt in Händen,Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
Zum Beginnen, zum VollendenZirkel, Blei und Winkelwage;Alles stockt und starrt in Händen,Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen zum rhythmischen Umschwung geben soll.
Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde; auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen, die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft genug, um die Hemmungen zu überwinden.
Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.
Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige, herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter, die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreterder Mutter, trieb durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten, bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.
Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige, die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. „Wohlan, ich kann es nicht leugnen“, sagt er einmal von sich, „die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel gebissen und greulich vergiftet.“ Wie er oft und oft erzählt, hat er die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten. Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte, vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker. Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicherTrost in der Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis, Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und bereitete die Richtungsänderung, dieμετάνοια, in ihm vor. Bedenke bitte immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es, wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit.Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte, wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte, leise, nicht lärmende Musik.
Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher, daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen, willkürlichen Kräfte lähmend.
Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam, die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn zurückgekehrt sei.
Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf, schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört, Werke und Taten zuschaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht nur die göttliche Kraft, sondern auch „der Widersprecher“, wie Luther es ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden, daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom Geiste aus.
In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein; vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. „Ich war mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele aus der untersten Hölle gehoben.“ Einige Zeit später: „Satan selbst wütet gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur schwer heilen werden.“ Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin und her geworfen, schreibter. Mit Christus sei er durch einen schwachen Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe ihn zur Tiefe. „Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete und kämpft wenigstens tapfer.“ Diese Schilderungen malen anschaulich, wie das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich ein Körperliches ist.
„Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde“, schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor Kaiser und Reich erinnerte.
Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht mehr, dieeinen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich, daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf beiden Seiten gleich sein würde.
Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor Ansteckung,vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.
Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden. Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte. Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte, überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. „Darum wollte ich Ew. Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen“, so schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, „die sich göttlich und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können … So hat auch Gott geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein undwill kein trauriges Opfer haben … Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen … Denn ich denke fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten, als wäre es Sünde … Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum uns seine Güter, sie zu gebrauchen.“
Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe zeigen: „Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst, weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt: Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit demTeufel einzulassen und diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom Teufel gesandten Gedanken zu verachten … Fliehe durchaus die Einsamkeit, denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit. Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden. Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind. Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großerMann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das Gegenteil von dem, was der Teufel will … Könnte ich nur eine ordentliche Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten: Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich weiß, daßeinerfür mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.“
Dasheißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will. Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches werden,sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen, und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich selbst befreit und entlastet wird.
Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst befindlichen Feind gegenüber weiß.
Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis, daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen hätte. „Sei der du bist!“ pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen Übermaß der Krankheit Ursache ist.
Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.
Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art derBehandlung von Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird, das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit, und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.
Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen. Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.
Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben. Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehrenist. Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen der Wiedergeburt ist.
Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe.
Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität,das ist Geist oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer, Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät, verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser, Erde und Luft sowohl imMakrokosmoswie imMikrokosmosgebundene Feuer, der geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. „Laßt dicke Menschen um mich sein und die gut schlafen“; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die Kraft den Stoff.
Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur richtigen Wirksamkeit bringt, so daßer unseren ganzen Körper vergeistigt. Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes insbesondere.
Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß Christus ein Jude war, und du verargst es Gott ein wenig, daß er gerade die Juden auserwählte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl, was er tat, was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: die Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die stärksten Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten in sich das Göttliche und das Teuflische, die höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben. Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste Uneigennützigkeit gegenüber, glühender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegensätze wurden zusammengefaßt durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung und Bindekraft, die die ungeheure Idee deseinenWeltgottes erst fassen konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser.
Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein mußte der bewußten Zusammenfassung dieser Gegensätze vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus den Herzen, die sie überwanden,zuerst das Wort von Gott fließen, so stark und rein, daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben, getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche Selbst sagte: Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der Herr, dein Gott. Daß die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß alle Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther nahm es als Tatsache an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er erschienen war? Aus dem Volke der größten Gegensätze sind die Mutter und die Mörder des Erlösers hervorgegangen. Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr und mehr gegen sie erkältet und schließlich erbittert.
Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes übrigbliebe, als an Christus zu glauben und in anderen Völkern aufzugehen. Sie sind in der Lage der Nachkommen eines großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so müssen sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mußte sie betreffen, und sie werden sich ihm nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst fehlt. Sich zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Völker wie der einzelnen.
Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, Christus zu kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und Ungläubigkeit, der Teufel in allendrei Gestalten. Sie wollten einen Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte; sie wollten weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke Persönlichkeiten zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, ohne daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges, Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, mit dem uns nur eine starke positive Kraft versöhnen würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu können glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und Unschuld entbehrt.
Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heißt notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen ihres Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tödlich und heilsam, auflösend und ganzmachend. Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung mit jüdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegensätze hervorrufend oder verschärfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die des Herbstes, der zugleich Früchte bringt und dem Winter annähert.
Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich bei den Deutschen unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie häufig auf jüdisches Blut zurückzuführen. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien, wo ernoch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig sein, und sie dürfen nur in kleinsten Dosen gegeben werden. Die Völker werden im allgemeinen wohl den richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen und ertragen können.
Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten müßten Neigung zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern lehnen das Jüdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke mir aber, daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und Individuen fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel, was nicht durch die äußeren Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an die merkwürdige Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige Familien oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jüdisches Blut fließt, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir anzuzeigen, daß das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen können. So betrachtet wäre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und erreichten Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen von allen anderen absondert.
Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte selbst nicht, ob es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei jüdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktesGemeinwesen jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenzκατ ὲξοχηνbekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu höchster Schönheit verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren, jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren muß. Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich überleben, daß Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte zerstört; aber man hat unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Künstler, der den Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schöne, das Vollendete ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und überläßt es sich selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der das eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, um es heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen zu lassen.
Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu erklären, wie ich das meine.
Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und menschlicher Kraft, und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, schaffende, diese die selbstbewußte, willkürliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann man auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten und selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden Völkern unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewußten in der Welt. Sie haben auch ihre Genialität, das ist die Kraft des Organisierens,vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen, in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Völkern abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, so herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewußten Kraft ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk „gekreuzigt und verbrannt“; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte nicht genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein könnte.
Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Römer; ihnen entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und Italiener, andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener und Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie von den weltlichen, politischen Völkern teils gehaßt, teils verachtet wurden; verachtet, solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie doch in der Welt nicht zur Geltung bringen können, und die deshalb in ihnen, den politischen, keine Furcht erregt.
Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen? Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was wäre sie ohne die Kunst, Dichtung, Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; aber da sie sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht dankbar dafür, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die genialen Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; verlassen sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, sogeraten sie in die größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Völkern doch nicht gewachsen sind. In der Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie zertreten.
Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern Einigkeit herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso voneinander trennt, wie sie von den politischen Völkern getrennt sind, nämlich der Unterschied von Natur und Geist.
Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch vorzugsweise Künstler, Dichter, Held oder Weiser.
Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden und die dichtenden zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der bildende, der die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mißtrauisch gegenüber. Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst, gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind. Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, daß sie auch Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales Geistesvolk haben sie auch als bildende Künstler immer eine dichterische Phantasie, wodurch ihreKunst sich wesentlich von der der Griechen und Italiener unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar die griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber für jene bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, was die Blüte, das Natürliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst hat vorzugsweise die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche.
Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes Phänomen in diese Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja selbstverständlich, und das ganz gemeine Sprichwort sagt schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich aber auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen macht ja der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen; aber uns dienen sie doch zur Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt, so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte zugleich tätig; nur pflegt ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich Gott nähert, desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber das ist nicht ihr Wesentliches, und sie werden den genialen Völkern bedeutungsvoller als ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht – ich spreche von den europäischen Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen sind.
Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wiees Griechen mehr gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Völkern aufgegangen.
Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt werden kann, so ist das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, als Christus daraus hervorgegangen war.
Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man Kultur ein Ausgeglichensein der Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven, unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen Oberklasse aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem sie sich offenbart. Diese formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die immer zum Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen unschönes, unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes Volk erscheinen, aus dem sich im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmütig beschränkte, herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig sehr große Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das das Ziel despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu sein pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums, Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit ist das schöne, farbige, verschwenderische Gesetz des göttlichen Lebens, das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den großen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens, die ineiner besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen. Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter Stämme.
Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im Deutschen Reiche noch außerordentlich groß. Luther selbst spricht von den Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei jedermann die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen Ständen fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und Übermut. Er liebte und haßte dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem göttliche Gestalten, Taten und Worte stiegen.
Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben sich seit Luthers Zeit sehr verändert. Die musterhafte Organisation Englands und Frankreichs wurde ihr Ideal, dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten: sie wollen aus genialen politische Völker werden. Der Krieg wird vermutlich darüber entscheiden, ob das möglich ist. Die Unzerstörbarkeit des persönlichen Charakters, dessen Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen zu sprechen; andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene Entwickelungsstadien hindurch und löst sich schließlich auf, wenn auch nicht so, daß es eine Leiche gibt, sondern indem sie sich mit anderen Nationen mischt und dadurch verändert. Seit Jahrhunderten sind in Deutschland die mehr weltlichen als genialen Preußen aufgekommen und mehr und mehr tonangebend geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland, das lange schaffenskräftig gewesen war, zu erschlaffen begann. Wird das alte Deutschland ganz in Preußen aufgehen, oder wird das alte, das geniale Deutschland auferstehen? Rußland ist jetzt das am meisten passive und gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk,also das am meisten jüdische Volk; aber an Erscheinungen wie Tolstoi und Dostojewski sieht man auch die zunehmende Kraft des Herzens und des Wortes, die die Gegensätze bindet. Wer will weissagen, ob Rußland jemals oder gar schon bald die Rolle des alten Deutschlands übernehmen wird? Gott hat lange zürnend geschwiegen: er wird sich das Herz irgendeines Volkes erwählen, um durch dasselbe wieder zur Menschheit zu reden. Das ist aber gewiß, daß dieses Volk nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird leiden und entbehren müssen; dafür wird es in die Wohnungen des himmlischen Vaters einziehen, die ihm von Anfang bereitet sind. Aber, so würde Luther warnen, man muß auch das Göttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen: jedes Volk muß kämpfen, um zu siegen, und schließlich Sieg oder Niederlage aus Gottes Hand hinnehmen.
„Nun ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott.“ Diese Worte Luthers führe ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das einseitige Betonen des Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt, selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Göttliche an die Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du gerade mehr göttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewußt – die alte Schlange hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt – und seine Zeitgenossen waren esüberwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Göttliche gelegt, da das andere sich von selbst verstand. Die angeführten Worte beziehen sich zunächst nur auf kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darüber klar ist, daß Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die Übereinstimmung mit uns selbst und Schaffenskraft geben können.
Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, also über die bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott nicht rechtfertige. „Nun ist wahr“, sagt er, „wie ich immerdar gelehrt habe, daß Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen Leben und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; aber es soll und kann vor Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen. Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen, sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, herrliches Leben schweben. Unsere Werke und Leben laß hienieden in diesem Regiment bleiben und eine irdische Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort, belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und göttliche Frömmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.“
Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu zeigen, die von menschlicher Willkür abhängt, und von dem Glauben, der aus göttlicher Gnade, aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen und was vom anderen zu erwarten ist.
Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben sich später angeekelt von ihr abgewandt, wie zum Beispielder Nürnberger Patrizier Pirkheimer, weil sie wahrzunehmen glaubten, daß auf evangelischer Seite die Sittenverschlechterung mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße. Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß dies geschehen konnte, liegt auf der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen. „Wir sehen im Evangelium“, schreibt er, „den Zöllner Christo näher sein als den Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir überlassen Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.“
Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung auf der einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre bedurfte deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich indem er das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte.
Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum Geist hinübergeführte Menschheit, anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller von den Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen und die Sünder und Verbrecher haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die Auserwählten, die wahren Christen, sich ihm freiwillig fügen oder ihn ignorieren oder, je nachdem, ihn durchWorte bekämpfen, während diese, die Sünder und Verbrecher, ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören suchen. Vor allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die Welt gehemmt, der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem Herzen, so ist zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man kann sagen, daß Gott und Tier sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe.
Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, daß er dem Teufel und der Sünde verknechtet sei, daß er also nur sich selbst wollen könne; infolgedessen herrsche unter den natürlichen Menschen das Recht des Stärkeren, wer den anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das Gesetz sein, das die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewußt für die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine notwendige Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der selbstischen, bösen, noch tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht tun kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist Verleumdung, wenn man Luther nachsagt, er habe den Fürsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit sie seine Ideen stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gehörte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfürsten Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam. Die in der Welt herrschendeund auch in den Gesetzen sich ausprägende Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des Schwachen zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der Gesetzgebung in dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war strenges Gesetz, dessen Handhabung durch großherzige Menschen besorgt würde. Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen Grade in Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten sein reines Herz und seine großen Gedanken, nur selten wurden die Fürsten, die sich vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten ließen, durch die Selbstsucht ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus, wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stück Welt, das er dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst überlassen.
Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von Persönlichkeiten ruht, mit dem Ausscheiden derselben plötzlich Schwankungen und Störungen eintreten können, hat die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der Handhabung durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche Mensch. Sowie aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nämlich wohl richtig, daß geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich nicht mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben nicht regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist man jetzt zu dem Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so großzügig anzulegen, daß Raum für persönliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die herzhaftenMenschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde sehr verdienstlich sein und einen überraschenden Einblick in seine gründliche Kenntnis weltlicher Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben können, wären sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rückläufigen Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß Millionen schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, daß Organe, die sich nicht üben, immer schwächer werden, mußten die Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die Herzen immer mehr entkräften.
Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam.
Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral rüsten. Diese Rüstung – werwollte das verkennen – kann sehr blank und ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden, daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme zu werden.
Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie, charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer, General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie; sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden. „Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.“ Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.
Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen in der Welt abwärts,um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei. Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.
Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist, Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.
Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine Tageslänge; er wächstschon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.
Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.
Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor, daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten, obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.
Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren, die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther,den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene, klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr, wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott, hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. „Die Stoiker, die Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es geschehe, was da wolle“, verurteilte er; denn es sei im Grunde „eine gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen, daß er Stein oder Holz sein sollte.“
Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch. Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen Ordnungbewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte Element nie losbrechen können.
Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da, was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint, nämlich das System.
Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert, eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes tötenzu lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen Kriege.
Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig, von Gott heißt esspirat ubi vult. Luther sagte einmal, als eine Stadt mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und 17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.
Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.
Das System ist das, was am Preußentum gehaßt undgefürchtet wird. Die Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige, wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus, nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen, phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir folgendermaßen.
Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft, wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt; ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven, zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt durch die Fülle seiner üppig wachsendenFormen, während wir an England die logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine, Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben, Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren.
Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem Organismus ein Mechanismus würde.
Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung vorzubeugen.
Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch genial; er entschied immer nachdem einzelnen Fall, immer unter Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes sagt er: „Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind; sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch; sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.“