Nun denn, Baro – – nein, ich kanns nicht!
Das war ein Schrei. Eine Minute lang – so still. Aug' in Auge.
So – nennen Sie mich – Thea.
Er wendet sich ab und birgt sein Gesicht an einem Baumstamm. Ich gehe langsam fort.
Er kam nicht zu Tische. Das war mir sehr angenehm. In seiner Gegenwart hätte ich zum mindesten einige Appetitlosigkeit zeigen müssen. Nach dem Diner schlief ich eine Stunde. Die unerträgliche Schwüle weckte mich. Ein Gewitter steht am Himmel; und in meinem Tagebuch. Ich werde in den Salon hinuntergehen.
Wie ich lache! Wie ich vor Vergnügen mein Taschentuch mit den Zähnen zerreiße. Das Gewitter ist vorbei. Draußen die nasse, funkelnde Erde – und während der rauschende Regen niederströmte, hat er ... Geduld, Geduld.
Im Salon. Er war da. Wir grüßen uns stumm. Ich setze mich an den Schreibtisch. Er blickt zum Fenster hinaus. Ich nehme ein Buch und beobachte ihn. Seine schwarzumränderten glutigen Augen, seine trockenen, zersprungenen Lippen ....
Draußen wetterleuchtets; die Berge sind verschwunden in dem bräunlichgrauen qualmenden Wolkendunst, über ein Kurzes wird der Sturm daherfegen. Ich klingle dem Diener, erteile den Befehl, Thüren und Fenster sorgfältig zu schließen. Er geht. Ich drücke einen Augenblick die Stirn an die Glasscheiben und mit einem leisen Seufzer:
Das wird ein böses Wetter.
Er wendet sich zu mir. Um seine Nasenflügel zuckt es wie gezwungener Spott:
Sie fürchten?
Nicht den Ausbruch des Gewitters. Nur sein Herannahen bedrückt mich unwillkürlich.
Ich gehe ein paarmal unruhig auf und ab.
Möchten Sie mir nicht etwas vorspielen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar.
Er verneigt sich und tritt an den Flügel.
Was soll ich spielen?
Das überlasse ich Ihnen.
Er sitzt einen Augenblick still mit tiefgesenktem Kopf. Dann fällt seine Hand wuchtig auf die Tasten ... die ersten Akkorde der Pathétique. Er kann spielen ... aber ich habe die Sonate zu oft gehört, selbst zu oft gespielt, als daß sie mich noch interessierte.Er kann mich nicht sehen. Eben beginnt er das Adagio. Sehr schön. Nur für mein Gefühl zu langsam, zu zart. Ich bin gespannt, ob er dem Presto die nötige Schärfe, ich möchte sagen ein gewisses sarkastisches Weh geben wird. Der erste Blitz – ein Krachen und Prasseln – mein Graf läßt sich in seinem Adagio nicht stören. Daß ihm nicht einfällt, ich könnte ohnmächtig geworden sein ...
Er ist zu Ende.
Wollen Sie mir nicht auch etwas vorspielen, gnädige – Frau? – – –
Ein paar übermäßige Akkorde, und weiter, weiter – sehnsüchtig träumende, wild erregte Volksmelodien, slavische! Und das trotzige Verlangen in mir, diesen Knaben zu zwingen, giebt meinem Spiele eine nie besessene Leidenschaftlichkeit, gesteigert durch alle Tollheiten moderner Virtuosität. Er steht neben mir; sein trockner heißer Atem fliegt mir über die Stirne. Ohne ihn zu sehen, fühle ich, wie er mit sich kämpft. Das schwüle, gewitterdämmrige Zimmer, die verhüllte Sinnlichkeit der Töne ... mit emporgehobenen Armen fällt er vor mir auf die Knie:
Thea!
Sein Herz sieht mich an und spricht zu mir.Ohne Worte. Und ich sitze still und traurig mit müden Augen vor ihm, bis er nach meiner Hand greift. Da stehe ich auf. Meine zitternden Finger drücken wie unversehens die Tasten nieder:E-Moll-Akkord.
Gute Nacht!
Er liegt noch immer auf den Knien. Sie – kommen doch morgen?
Natürlich, sagte ich innerlich, laut: Nein.
Oh! – Er faßt nach dem Herzen. Thea!
Ich erbebe und mache rasch einige Schritte.
Bitte – bitte!
Ich bin an der Thür. Ein Blick, ein Neigen des Kopfes, ein Hauch der Lippen:
Ja.
Er jauchzt auf und wirft sich vornüber, das Gesicht in den Teppich vergrabend. –
Vor zehn Minuten sah ich ihn im Mondschein im Garten herumrennen. Er hob eine Hand voll Rosenblätter vom Boden auf und preßte sie an seine Lippen. Ach diese Romantik!
Ich muß noch meine Toilette für morgen auswählen. Sie muß vorsichtig gewählt werden. Ich will morgen sehr blaß sein. Dazu brauche ich meine dunkelsten Korallen ...
Das war ein Tag – – –
Der Saum meines weißen Battistkleides ward naß, als ich durch den Wald ging. Unzählige schwarze Molche krochen vor meinen Füßen hin und her. Aus dem Waldboden stieg eine betäubende würzige und feuchte Wärme. Der See lag da wie ein dunkelgrüner Stein, auf welchem tausend boshafte Sonnenteufelchen Cancan tanzten.
Ich bin erstaunt. Er ist nicht da. Ich setze mich und warte. Minute auf Minute – was soll das bedeuten? Ich werde unruhig. Und zornig. Diese Ungezogenheit. Immer noch nichts. Endlich – da ist er. In einem Zustand – das Haar hängt ihm rauh und wirr um die Stirne. Die Gesichtshaut spröde und fleckig. Die schlaffen, zersprungenen Lippen lassen die untere Zahnreihe frei. Mit beiden Händen in eine Dornhecke greifend bleibt er stehen. Ein schauerndes Schluchzen rinnt durch seinen Körper. Und wie von brutalem Jammer erwürgt, grollt es aus seiner Brust: Ich will nicht – ich will nicht!
Ich springe auf, will zu ihm. Er streckt beide Hände gegen mich aus.
Bleib – nicht zu mir – sonst – alles verloren. Ich wollt' nicht kommen. Dich nicht mehr sehen. Nur fort, nur fort. Deine Ehre, meine – und doch, und doch ...
Wie der Strom über die Felswand, so stürzt sein Blick an meiner Gestalt nieder. Ich halte die Wimpern tief gesenkt. Der lächelnde Triumph meiner Augen ist nichts für seine Qual. Und ich überlege auch. Soll ich ihn lassen? Gehen lassen?Le jeu est fait.Schach matt. Allein noch amüsiert mich seine Tollheit. Gefährlich? Ah bah! Ich bin meiner sicher.
Und er ringt mit sich wie ein Sterbender. Ein großes Schluchzen steigt ihm in die Kehle.
Leb wohl – leb wohl!
Und er geht, hat wirklich die Kraft – Das soll nicht! Leise, leise, mehr Klang als Wort:
Ossi! –
Doch er hört's. Mit einem Sprung ist er bei mir. Und ich schlage meine schimmernden Augen zu ihm auf:
Du!
Vergraben das Gesicht in die Falten meines Kleides, wortlos, nur süße wilde gebrochene Laute murmelnd; dann mit einem tolljauchzenden Schrei aufspringend,mich mit seinen Armen hoch emporhebend – dieser Knabe! Er preßt mich an seine Brust, küßt mich mit entsetzlicher Glut, mit taumelnder Innigkeit. Aber mein Körper bleibt kalt wie meine Seele. Ich empfinde keine andre Wollust, als daß seine atmende Trunkenheit an mir abrinnt, wie das Wasser vom glatten Leib einer Schlange. Er setzt sich auf einen Baumstumpf und hält mich auf seinen Knieen.
Wie schön du bist, wie schön! Ich habe nicht gewußt, daß ein Weib so schön ... ich habe ja keines gekannt. Nur ein Kind ... ach wie das vorbei ist, so vorbei. Nur du! Nur du!
Dann sieht er mich eine Weile stumm an. Wie ein Kind mit vorsichtiger Neugier sein Spielzeug, so berührt er meine Haare, meine Stirn, meine Wangen mit seinen Fingern. Dann mit seinen Lippen. Minutenlang ruhen sie auf den meinen, daß mir der Atem zu vergehen droht.
Weißt du, daß ich Gedichte an dich gemacht habe? Willst du sie hören?
Ich schlinge meinen Arm um seinen Nacken und er flüstert mir ins Ohr. Ueberschwängliche Poesie, für die mir jedes Verständnis abgeht. Aber meine Arme zittern und mein Mund haucht ihm zu:
Wie schön! wie groß!
Seine liebende Eitelkeit jauchzt auf, und wie einen farbigen Regen schüttet er mir rückhaltlos seine innersten Gedanken in den Schoß. Er hat Philosophie studiert. Aber er will ein Dichter werden. Ein echter Dichter. Nur das Große, Herrliche, Gewaltige will er den Menschen vorführen. Nun, da er mich gefunden, nun wird er das Höchste erreichen. Die Liebe, die Liebe! Die große, einzige, göttliche Liebe, sie ist ihm alles, Leben und Sterben.
So schwärmt und rast seine Phantasie. Aber in seiner Tollheit ist eine dämonische Kraft, eine Naturkraft, die meine Nerven unangenehm berührt. Ich winde mich aus seinen Armen. Unbändiges Flehen, zornige Thränen, maßlose Küsse ergießen sich über mich. Er läßt mich nicht eher fort, als bis ich verspreche, mich heute Abend im Dunkel noch einmal herzuschleichen.
Das letzte Mal. Denn morgen Nachmittag kommt Fritz. Er denkt freilich nicht daran.
Gegenwärtig fühle ich mich ordentlich müde von dem heute Morgen erlebten Sturm. Ich langweile mich nicht. Aber die Sache fängt an, mir unbequem zu werden. Es wird Zeit, daß ich die Karten zusammenwerfe.Der Spiegel zeigt mir mein fatiguiertes Gesicht.Dieu, wenn ein Fältchen zurückbliebe! Ich wäre untröstlich. Warum ist dieser Narr auch so unbändig in seiner Leidenschaft.
Ah –cette bêtise, cette bêtise! Ruhe, Ruhe! Schreib, überleg. Jetzt gilt nur eins – – – – – ich kann nicht.
Kein Schlaf. Nur die Gedanken wie flatternde Fledermäuse. Rastlos. Planlos. Ich möchte schreien vor Zorn. Daß dies geschehen konnte. Mir! Ich muß mich zwingen, klar zu überdenken – sonst komme ich zu keinem Ende.
Gestern Abend zehn Uhr schlich ich fort. Unbemerkt. Die Nacht war trüb. Er kam mir auf dem steilen Weg entgegen. Er trug mich weiter, immer weiter in den Wald.
Ich bat, flehte.
Vergeblich. Die Lippen fest in meine Locken gedrückt, schritt er fort. Bis zu einer Schlucht. Unten stürzte das Wasser. Er breitete meinen Mantel auf das Moos und legte mich behutsam nieder. Sein Haupt ruht an meiner Brust.
Dumpfes Wasserrauschen, Nachtdämmer und eine Leidenschaft, die sich wie alle Sonnen des Weltalls über mich ergießt. Ich fühle die Erregung meiner Nerven, das Fiebern meiner Pulse, fühle, wie mein Atem zu fliegen beginnt, fühle es in Zorn und Angst, und dennoch unfähig, mich zu beherrschen, unfähig, mich zu regen.C'est plus fort que moi.Und er! Er fühlt das Beben meines Körpers, das Nachgeben meiner Glieder, meine Schwäche ist seine Kraft – die Perlen meiner zerrissenen Korallenkette rieseln mir kalt über den Nacken –
Ich mußte vorhin aufhören. Die innere Wut erstickt mich. Auch mußte ich meine feuchten, zerdrückten, vom Waldboden beschmutzten Kleider verbergen. Und ein wenigrougeauf meine bleifahlen Wangen.
Louison bringt eine Empfehlung des Herrn Grafen: Ob die Frau Baronin nicht Lust zu einer Partie nach Garmisch hätten, im Hotel wäre ein bequemer Wagen zu haben.
Was soll das bedeuten? Ich habe bitten lassen. Ich muß ja doch mit ihm sprechen. Nur jetzt keine Sentimentalität. Rücksichtslose Klugheit.
C'est fait.Die Affaire beendigt. Ich bin wieder ruhig – bin ich. Aber ich habe mir geschworen, mich nie mehr mit diesen sogenannten idealen Naturen einzulassen, die nichts sind als überspannt und gesellschaftlich schlecht erzogen. Die Tragödienszene von heute Morgen hat mir ihre Lächerlichkeit im hellsten Lichte gezeigt.
Louison meldete den Grafen. Er trat ein. Im schwarzen Anzug. Ungewöhnlich korrekt gekleidet, mit ungewöhnlich tiefer Verbeugung. Als das Mädchen die Thüre wieder geschlossen hatte, warf er sich vor mir nieder. Ein wahrer Thränenstrom und dazwischen Jubel- und Schmerzenslaute: Mein Lieb, mein einziges Lieb, verzeih mir, verzeih mir! Ich konnte sein Gesicht nichtsehen. Nur seine weiße Stirn. Das unnatürliche, blendende und doch bleiche Weiß echter Perlen, durchzogen von feinen, blauen Adern. Diese Stirn ist sehr schön, sagte ich mir. Es bestimmte mich, ein wenig mitleidig mit ihm zu verfahren. Ich ließ ihn sich ausweinen. Doch es währte nicht lange. Mit einem Ruck sprang er auf. Ich gewahrte erstaunt in seinem Gesicht eine sieghafte Entschlossenheit, einen starken hellen Willen. Er setzte sich und ergriff meine Hände. Er sprach, und auch seine Stimme klang tiefer.
Vergieb mir die Thränen. Es sollen die letzten sein. Der Knabe ist tot. Ich habe Dich, ich habe Dich durch die Welt zu tragen – dazu bedarf es eines Mannes. Und der Mann soll Dir mit der Kraft seines ganzen Lebens vergelten, was Du in dieser Nacht für den Knaben gethan hast.
Ich starrte ihn diesmal in Wahrheit völlig verständnislos an.
Was – was?
Und in steigender Hast, flüsternd, fast atemlos:
Du mußt fort, so rasch wie möglich. Ich bringe Dich nach München. Oder weiter. Leite die Scheidung ein, und dann, dann – Thea – unsere Hochzeit!
Ich entreiße ihm meine Hände:
Hochzeit?!
Sein zum Tod erschrockener Blick gab mir meine Fassung wieder.
Ossi! Was fällt Dir ein! Ein solcher Streich! Ohne Stellung, ohne Geld eine Frau heiraten, die älter ist als Du!
Seine großen irren Augen bohren sich in mein Gesicht.
Thea – ich liebe Dich! Ich werde arbeiten.
Dein Vater, der Eclat –
Ich vertrete mein Recht!
Vous êtes fou!
Er hebt sich halb vom Sessel empor.
Nein. Aber – Thea, was sind das für Worte? Fühlst Du denn nicht, daß ich thun muß, was ich thun will?
Ich sehe nur, daß Du Dich ruinieren willst.
Thea, wenn ich nicht an Dir zweifeln soll, muß ich Deine Worte für Edelmut nehmen. Aber das ist ein falscher, ein schlechter Edelmut.
Und mit weißen, bebenden Lippen raunt er mir ins Ohr:
Was ich in dieser Nacht gethan, ist ein Verbrechen.Kann nur gesühnt werden durch die höchste Liebe, die den Menschen über alle irdischen Schranken, über sich selbst hinaushebt. Und diese Liebe muß den Mut zum Licht haben. Sie darf vor keiner ihrer Consequenzen zurücktreten – sonst, Thea, merk wohl, bin ich ein Schurke, ein gemeiner, erbärmlicher Schurke, ein Ehrloser.
Ich bin ganz kalt, gelassen.
Was Du da sagst, ist Unsinn. Du hast kein Verbrechen begangen, sondern nur eine Dummheit, die am besten durch Schweigen gut gemacht wird. Uns aneinander ketten, heißt, uns beide unglücklich machen. In zwei Jahren bist Du meiner überdrüssig, oder ich Deiner. Ich bin nicht gewöhnt, mich einzuschränken. Die Erträgnisse Deiner Liebesgedichte würden wohl kaum für das Parfum ausreichen, welches ich gebrauche. Unter solchen Umständen ist die höchste Liebe etwas durchaus Unhaltbares.
Sein Körper bricht zusammen. Er scheint tot zu sein. Nur die Augen leben noch. Endlich murmelt er:
Wer bist Du denn? Wer bist Du denn?
Und dann mit drohender Geberde und flehender Stimme:
Geh mit mir!
Nein.
– – – hast Du mich nie geliebt?
Nie.
Ich atme erlöst auf. Nun ists vorbei. Ich trete an den Toilettentisch und schütte mir ein wenigeau de Cologneaufs Taschentuch. Er sieht unangenehm grün aus; es ist ihm wohl sehr schlecht. Ich reiche ihm mein Tuch hin. Er stößt mich zurück. Sein Antlitz flammt.
Nie geliebt!! Aber meine Ehre zerbrochen. Weißt Du, daß ich nicht leben kann, so – so –. Was ich von je als das Schmählichste, das Niederträchtigste angesehen, ich hab's gethan. Und dann verkriechen? Feig verkriechen? Nein, nein! Er soll mich niederschießen wie einen Hund, wehrlos, ich gestehe alles –
Und verrätst eine Frau. Wie edel!
Einen Moment ist mir doch bange. Ich glaube, er stirbt. Auf seinen Lippen stehen zwei Blutstropfen. Ich fühle sehend, wie eisig seine Hände werden. Da lösen sich seine zusammengeklebten Finger. »Meine Ehre, meine Ehre!« Und in jähem Umschlag, rauh, brutal:
Wohl, wenn Sie den Mut haben, eine Dirne zu zu sein, so werde ich den Mut finden – ein ehrlicher Mann zu bleiben.A – Dieu, Baronin!
Welch infame Ironie! Sie trifft mich mehr als die rohe Beleidigung. Er schreitet weiß und kalt zur Thüre hinaus. Die schwere Portière fällt wie ein Grabtuch hinter ihm zu.
Life is a comedy to those who think, a tragedy to those who feel.Ich denke. Das geschriebene Lebenskapitel muß doch einen Schluß bekommen.
Diese vierzehn Tage waren –dégoûtants. Und noch liegt's in der Luft wie Leichengeruch ...
Fritzl traf an dem verhängnisvollen Tag einige Stunden früher ein, als ich erwartet. Sehr braun und verwildert, besten Humors, und galanter gegen mich als je. Daraus schloß ich, daß er mit irgend einem hübschen Gebirgskind ein kleines Abenteuer gehabt. Er ist vernünftig genug, es nicht einzugestehen, sondern durch doppelte Liebenswürdigkeit gut zu machen. Ganz mein Grundsatz. Eine seiner ersten Fragen galt dem Grafen. »Wie vertragen?« Ich zuckte die Achseln:
Nicht gut, nicht schlecht. Heute ist er beleidigt. Er lud mich zu einer Tour nach Garmisch ein. Ichschlug natürlich aus, da ich Dich erwartete. Er muß übrigens bald zurückkommen.
Heinrich, der eben eintritt, bemerkt:
Entschuldigen Frau Baronin, aber der Herr Graf sind nicht nach Garmisch gefahren, sondern haben den Wagen abbestellt und sind in den Wald gegangen.
Fritz schaut verwundert auf:
Und nicht zum Mittagessen gekommen?
Ach, das thun der Herr Graf manchmal.
So – so –, dehnt Fritz vor sich hin. Als der Diener hinaus ist, meint er ein wenig mißtrauisch prüfend:
Ihr müßt Euch doch nicht glänzend vertragen haben.
Die Zeit vergeht im amüsantesten Geplauder. Es thut mir wohl. Fritzl gefällt mir besser als je. Da ist doch Chic, Raffinement. Ich bin ein wenig verliebt, lasse es ihn merken, und er ist entzückt. Die Rokokopendule schlägt mit ihrem hellen zitternden Stimmchen neun Uhr. Fritz fährt erschrocken empor.
Neun Uhr! Und Ossi noch nicht zu Hause! Es wird dem Jungen doch nichts geschehen sein?
Ich wehre ab:
Bitte Dich, was sollte denn – unartig ist er, weiter nichts.
Aber Fritz ist nicht zu beruhigen. Meine Gleichgiltigkeit beleidigt ihn fast.
Natürlich! Du kannst ihn nicht leiden. Aber ich habe den Jungen gern, sehr gern, und werde darum sogleich ...
Er ist schon hinaus. Ich höre Befehle, Anordnungen. Eine Viertelstunde später flammen am Rande des Sees Pechfackeln auf, die sich im Walde verlieren. Der Herr Baron haben auch aus dem Hotel und aus den Bauernhäusern Leute mitgenommen, erzählt Louison, während sie mich entkleidet. Ich schlüpfe in mein Negligé und blättere, auf der Chaiselongue liegend, im neuesten von Malot. Müdigkeit und Nervenabspannung lassen mich in einen tiefen unruhigen Halbschlaf versinken. Verworrnes Stimmengemurmel, dazwischen laute Commandorufe wecken mich. Ich fahre empor. Ans Fenster. Ein Menschenknäuel. Der Fackelrauch läßt mich nichts erkennen. Was ist geschehen? schreie ich hinunter. Eine breite bäurische Stimme antwortet: Tot.
Eine Minute später tritt Fritz ins Zimmer. Mit Erde beschmutzt, die Kleider in Fetzen gerissen, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Er wirft sich in einen Stuhl.
– – Wir haben ihn gefunden. In einer Schlucht oberhalb des Frillensees. Mit zerschmetterten Gliedern. Halb im Wasser liegend. Er ist verunglückt, oder ...
Er springt auf und packt mich mit einer schrecklichen Geberde am Handgelenk, unbarmherzig:
Thea, als ich mit der Fackel suchend am Rande der Schlucht hinging, blinkte mir aus dem Moos etwas Rotes entgegen. Ich bücke mich. Eine rote Perle, zwei, drei – da!
Er schleudert sie auf den Boden.
Deine Korallen! Wenn es – oh, oh, Deine Korallen!
Ich schaue starr zur Erde, fieberhaft überlegend, was ich sagen, am klügsten sagen ...
Thea, was hast Du mit dem unglückseligen Jungen gemacht? Wenn Du – ah, es wäre zu schändlich, zu schrecklich. Sag, sag Du's: Ist er verunglückt? – – –
Nein! – Heute Morgen gestand er mir seine tolle Leidenschaft, flehte mich an, ihm in die Welt zu folgen. Ich wies ihn zurück. Die Kette nahm er mit sich – als letztes Andenken.
Und das würdest Du mir verschwiegen haben, wenn ich nicht fragte?!
Ja. Hätte ich Dirs immer sagen wollen, wenn mir ein Andrer seine Liebe gestand ...! Wer trägtdie Schuld? Ich? Ich habe Dich gewarnt am ersten Tag. Aber Du warst ja so sicher. –
Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen: Es ist ja wahr, wahr. Dann dumpf und gewaltsam:
Komm mit.
Er preßt mir die Knöchel zusammen und will mich fortziehen. Ich mache mich kühl und gelassen los:
Keine Beleidigung. Ich gehe allein.
Sein Zimmer. Er liegt auf dem Bett. Der zerschmetterte Unterkörper mit der seidenen Steppdecke verhüllt. Der Kopf ist unversehrt. Die nassen Haare weit von der Stirne zurückgestrichen. Und über diese wunderschöne Stirn läuft ein schmaler roter Streif. Das Gesicht ist finster schmerzlich. Auf den Lippen klebt ein wenig Blut. Ich stehe da und empfinde nicht viel mehr als den unangenehmen Eindruck des Leichenhaften. Fritz beobachtet mich:
Und kein Augenzucken, keine Thräne des Mitleids!
Thränen? Ich habe ihn gehaßt.
Und er ist für Dich gestorben! Geh, geh!
Boten werden mit Telegrammen nach Baadersee hinuntergeschickt; das Haus ist die ganze Nacht in Unruhe. Fritz weicht nicht von dem Toten. Einmal schleiche ich an die Thür. Sie ist halb geöffnet. Er geht ruhelosauf und ab. Mein armer Junge, flüstert er, und dann wieder: Und meine Schuld, meine Schuld.
Am nächsten Tage Telegramme aus Paris und München. Der alte Graf kann nicht kommen. Fritz möchte das Begräbnis übernehmen. Wo, sei gleich. Fritz lachte bitter: Der muß seinen Jungen ja recht lieb gehabt haben. – Anders der Bescheid des Professors. Er wird kommen.
Noch ein Tag und noch einer. Das Begräbnis. Auf einem tannenumrauschten Hügel am See. Eine Menge Menschen sind aus der Umgegend gekommen. Bauern aus Baadersee, Krainau, Garmisch und Partenkirchen. Und die Fremden, die sich gerade dort aufhalten. Ein Zeitungsreporter macht sich Notizen ins Taschenbuch. Alle sind sehr neugierig und sehr wenig betrübt, bis auf die Professorsfamilie. Ich war nicht wenig gespannt, meineci-devantRivalin zu sehen. Ein gescheit-hübsches, pikanterieloses Gesicht. Die Figur nicht übel, doch zu wenig geschnürt. Nur das Haar sehr schön und reich. Die Mutter gutmütig, natürlich, ein Muster von Anständigkeit, mit breiter Taille und Doppelkinn. Der Vater schweigsam und unhöflich. Nach der schrecklichen Grabrede des Dechanten von Oberkrainau gingen wir zurück in unsre Villa. Fritzhatte die Professorsfamilie zu Tisch gebeten. Man saß unbehaglich und appetitlos beisammen. Die Frau Professor konnte ihre Thränen nicht zurückhalten. Die Kleine weinte nicht. Das gefiel mir eigentlich. Fritz und der Professor sprachen zusammen.
Es war ein so begabter Junge. Ich setzte große Hoffnungen auf ihn. Noch zu leidenschaftlich und überspannt, aber ich dachte immer: Laß sich den Most auch noch so toll geberden, es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein. Im Herbst wollte er seine Gedichte herausgeben, und nun ...
Ich habe alles, was sich in seinem Schreibtisch fand, zusammenpacken lassen, sagte Fritz. Und hier das Notizbuch, welches er in der Tasche trug – Ich erschrecke – man kann aber nichts mehr erkennen, das Wasser hat es vollständig ruiniert.
Ich atmete auf.
Das Mädchen flüsterte mit ihrer Mutter. Diese schien abzuwehren:
Warum denn, Jella, warum!
Ich bog mich hinüber.
Was möchte denn das Fräulein?
Ach – sie hat ihren Rosenstock, den Ossi so sehr liebte, mitgeschleppt – für sein Grab.
Ich hielt mich mit Gewalt ernsthaft.
Unser Gärtner soll es sogleich besorgen.
Nein, ich will es selbst thun.
Leise, aber sehr bestimmt kam es aus dem kleinen Mund. Sie stand auf. Eine gewisse Neugier ergriff mich.
Ich gehe mit Ihnen, liebes Fräulein.
Sie schien nicht sehr erfreut, machte aber ihren schüchtern anmutigen Fräuleinknix und ließ mich vorantreten. Wir kamen auf die Veranda.
Wo haben Sie denn die Blumen?
Ich muß sie aus dem Hotel holen.
Das kann ja der Diener.
Aber sie schüttelte das Köpfchen und flog davon. Ich schritt unterdessen zu dem frischen, ungeschminkten Grabhügel hinunter. Das Kreuz wird erst in einigen Tagen eintreffen. Die Kleine kam wieder. Mit einem unförmlichen weidengeflochtenen Marktkorb am Arm.
Den haben Sie von München hergeschleppt?
Ja.
Vorsichtig hebt sie einen großen, schönen Rosenstock heraus.Gloire de Dijon.Dann wühlt sie mit ihren Händen die Erde auf.
Mais, ma petite, Sie machen sich schmutzig.
Sie sieht mich erstaunt an: Was thut das?
Ich begebe mich jedes weiteren Einwandes. Undsie drückt die Erde wieder fest; schöpft in ein Blechgefäß Wasser, um die Pflanze zu begießen; wäscht am Strand ihre Hände rein. Nun steht sie am Grab. Die scharfe, heiße Nachmittagssonne huscht über ihr schwarzes Cachemirekleidchen, dessen Einfachheit von der Eile der Herstellung zeugt. Es sieht trostlos dürftig aus im Gegensatz zu den funkelnden Perlenagréments meiner schweren Atlasrobe. Plötzlich fällt die Kleine mit einem tiefen Schluchzen auf das Grab hin. Erschrocken will ich ihr emporhelfen. Aber sie krallt sich förmlich in die Erde. Ich muß sie gewähren lassen. Endlich richtet sie sich halb empor und schluchzt wie entschuldigend:
Ich habe ihn so lieb gehabt, so lieb! Und nun soll ich nicht einmal sein Grab in der Nähe haben, nicht manchmal zu ihm gehen und ihm Blumen bringen können.
Aber liebes Fräulein, Ihr Herr Papa hat meinem Mann auf seine Anfrage doch geantwortet, er sei dafür, den Grafen hier zu beerdigen. Hätte da nicht ein Wort von Ihnen ...
O, Papa hat mich gefragt. Und da habe ich gesagt – sie sollen ihn hier begraben. Nicht auf dem großen öden Friedhof mit den vielen andern. Er hatdie Berge so lieb gehabt. Es ist auch recht selbstsüchtig daß ich darüber weine, aber –
Sie macht in schmerzlichem Heroismus einen kleinen harten Ballen aus ihrem Taschentuch und steht auf. Sie ist plötzlich wieder sanft und schüchtern.
Ich – möchte – zu Mama.
Wir gehen zur Villa hinauf, und sie sieht sich um, sieht sich fortwährend um mit den schmerzensgroßen Kinderaugen –c'est drôle!
Einförmig gehen die Tage weiter. Fritz ist höflich, eiskalt höflich gegen mich. Ich bin gleichmäßig ruhig mit glatter Stirn und klaren Augen. Ich lasse ihn völlig gewähren. In ein paar Monaten habe ich ihn so gewiß zurückerobert, als ich noch jung und schön bin. Ich bin ganz froh, daß ich etwas zu thun haben werde, und lege mir jetzt schon die Karten zurecht.
Fritz war öfters wieder fort. Aber keine Gebirgstouren. In München. Vor drei Tagen kündigte er mir den Verkauf der Villa an:
Ich kann nicht mehr hier bleiben. Das Grab da unten ist mir ein ewiger Vorwurf ...
Allein auf meinem Zimmer klatsche ich vor Freude in die Hände. Die Villa verkauft! Mein sehnlichster Wunsch erfüllt, nicht mehr in diese Einöde zu müssen.
Die Möbel sind teilweise schon fortgeschafft. In den Zimmern ist's jetzt in Wahrheit –bric-à-brac. Die Vorhänge sind herabgenommen. Ungehindert strömt das Sonnenlicht herein. Ich kann das große vergoldete Kreuz auf dem Grab dort unten sehen. Es ist ein Geschenk von Fritz. Er hat sich das nicht nehmen lassen. Und der Rosenstock hat eine Menge Blüten. Ich habe den zurückbleibenden Gärtner beauftragt, ihn zu pflegen. Warum sollt' ich nicht? Dafür bin ich gerade gutmütig genug.
Auf dem Boden liegt ein Haufen zusammengekehrter Papierschnitzel, Spitzen, Schleifen, Haarnadeln, Stecknadeln, Seidenfäden, eine Puderschachtel mit verschüttetem Inhalt – es sieht häßlich aus im vollen Sonnenlicht.
Was schimmert denn so?
Eine rote Perle ....
»Sie lassen sich also nicht von mir lieben, kleine Eigensinnige?«
Sie streifte die weichen dänischen Handschuhe noch ein wenig über den Ellenbogen und schaute mit suchendem Blick auf den Requisitentisch.
»O ja, aber –«
»Aber?«
»Platonisch.« – Er lachte aufdringlich. Die Coulissenelegance seiner Haltung für einen Augenblick vergessend, steckte er die Hände in die Hosentaschen.
»Platonisch? Das ist ein weiter Begriff. Was verstehen Sie darunter?«
Die schmalen abfallenden Schultern des jungen Mädchens schienen noch tiefer zu sinken. Sie musterte mit melancholischer Bosheit die von der Schminke stark porös gewordene dunkle Gesichtshaut des Bonvivant.
»Etwas, was Sie nicht verstehen. Stumme Liebe.«
Der Schauspieler brach in ein rohes schmetterndesGelächter aus und warf wie im Uebermaße der Lustigkeit seine Rolle zu Boden.
»Teufel noch einmal! Sie verlangen hübsch viel –«.
»Weil ich nichts verlange.«
Der Inspizient eilte erschrocken herbei. »Aber meine Herrschaften! So laut! Eben hat der Regisseur geklingelt. Uebrigens kommen Sie in der nächsten Scene, Herr Possanski. Und Sie auch, Fräulein!« Der Schauspieler hob die schmutzige stark zerlesene Rolle wieder auf, ohne den Staub abzuklopfen. Seiner Kollegin noch ein liebenswürdiges Lächeln und einen bösen Blick zuwerfend ging er nach dem Vordergrunde der Bühne.
»Kröte!« murmelte er vor sich hin. Die junge Dame war zurückgeblieben.
»Ich habe keine Requisiten,« wandte sie sich an den in seinem Buche blätternden Inspizienten. »Ich kann doch nicht selbst in die Requisitenkammer gehen.«
Der Inspizient sah sich um. »Wo sind denn all' die Kerls.... Aha, Klaus!«
Der baumlange Theaterarbeiter ließ die Versatzstücke stehen. Schon eine ganze Weile hatte er sie geräuschlos aus dem Wege geräumt, ohne in dem trügerischen Dämmer von Gas- und Taglicht bemerkt zu werden.
»Verlangen Sie in der Requisitenkammer einen Brief und eine Zeichenmappe. Aber rasch.«
Die anmutig herbe Stimme der Schauspielerin fügte hinzu: »Ich bitte.«
Ich bitte! Wie zwei kleine silberne Perlen fielen diese Worte in die großen abstehenden Ohren des ungeschlachten Burschen, und diese Ohren hatten vorher schon einiges aufgefangen von »platonisch« und »stummer Liebe«.
Der schweigsame Theaterarbeiter hatte das Gespräch wohl gehört. Für gewöhnlich besaß er gar keine Beobachtungskraft. Wenn nur die Kleine nicht gewesen wäre. Anfangs hatte er sie gar nicht bemerkt. Sie war ja so sehr klein; gegen ihn. Er hatte über sie hinweggesehen wie der gemalte Mont Blanc im Manfred über die cachierten Felsstücke zu seinen Füßen. Aber gehört hatte er sie. Diese eigentümlich regungslose Stimme, die immer so unendlich viel zu verbergen schien. Er glaubte sie zu sehen, wenn er die Augen schloß, glaubte eine weite sonnenbeschienene Haide zu sehen. Das war seine Heimat. Von dorther hatte er die riesigen Glieder mitgebracht, gelbe Haare und tote tagklare Augen. Aber jene Stimme hatte sie lebendig gemacht. Er fing an, zu sehen. Das kleine Geschöpf mit dem weichen blassen Gesicht. Während der Proben machte er sich in ihrer Nähe etwas zu schaffen. Er schleppte die schwerstenDekorationsstücke zehnmal allein hin und her, nur um vom Theatermeister an keine andere Arbeit geschickt zu werden. Auf der letzten Galerie des Schnürbodens oder im dritten Versenkungsstockwerk horchte er mit Anstrengung auf ihre Stimme, auf ihre kleinen ruhigen Schritte. Die eintönige Musik derselben verfolgte ihn den ganzen Tag.
Abends bemächtigte sich seiner eine schwerfällige Unruhe, bis sie aus der Garderobe kam. Das sammtartige Weiß und Rot der Schminke, die feinen schwarzen Striche an Brauen und Wimpern machten ihr Gesicht lebhafter, leuchtender. Seine kritiklose Bewunderung fand sie so am schönsten. Er hatte sich ihre Photographie gekauft; ein schlechtes Bild in der beliebten Tischkantenposition. Das übermäßig retouchierte Gesicht lächelte wie die Vignette eines Cigarrenkastens. Wenn der Arbeiter spät Abends nach Hause kam, war es seine liebste Beschäftigung, bei einem qualmenden Lichtstümpfchen den Platz des Bildes hundertmal zu verändern. Im geleimten Muschelrahmen aus dem Fünfzig-Pfennig-Bazar sah es mit hochmütiger Gewöhnlichkeit auf die rauhen, zersprungenen Zimmerwände.
Morgens wickelte er es in einen blauen Papierbogen. In großen schwerfälligen Buchstaben war einWort darauf gemalt. Das einmal gehörte und halb verstandene Wort mit dem fremdartigen Klang. Es hatte in seinem Gedächtnis Wurzel gefaßt wie die Haideblüten im rauhen dunklen Boden seiner Heimat. Farb- und duftlos, aber mit hundert zähen kleinen Wurzeln, mit schmerzlicher Eigensinnigkeit. Dieselbe Eigensinnigkeit machte den langen Haideburschen verschlossen und einsilbig. Er lebte ganz in der Phantasie, ohne Phantasie zu haben. Im Theater verspotteten die andern Arbeiter seine Dummheit und beneideten seine Kraft. Die Schauspieler ärgerten sich heimlich über die unbewußte stolze Unverdorbenheit seines Wesens. Den Vorgesetzten war er nicht höflich und diensteifrig genug. Alle nannten ihn den Haidelümmel. Er wußte es nicht. Es hätte ihn auch wenig gekümmert. Aber seine Augen waren dunkler geworden und sein Schritt schwerer.
Es war eine Woche vor Weihnachten. Eine großartige Feerie sollte als Festvorstellung am fünfundzwanzigsten Dezember zum ersten Mal gegeben werden. Dornröschen. Nach den Vorstellungen mußte oft bis vier Uhr Morgens gearbeitet werden, um die neuen Dekorationen und Maschinerien fertig zu stellen. Die doppelt bezahlte Nachtarbeit ging schwerfällig und langsam von statten. Die übermüdeten Arbeiter schwatztenviel und tranken noch mehr, um sich wach zu erhalten. Beleuchtungseffekte sollten probiert werden. Zwei Arbeiter setzten neue farbige Gläser vor die Rampe. Die gähnende Unterhaltung klang abgebrochen ins zweite Versenkungsstockwerk hinab, wo Klaus unter Aufsicht des Maschinenmeisters ein Netzwerk von eisernen Stangen anbrachte.
»Warum geht sie denn Neujahr?«
»Wer's wüßte! Sie hat ihre Entlassung verlangt. Ich denk' mir, der Schwarze setzt ihr stark zu. Das ist ihre letzte Rolle. Dornröschen.«
Im Versenkungsstockwerk krachte etwas zu Boden. Die Erschütterung war so stark, daß den Händen des älteren Arbeiters eine rote Glastafel entfiel. Sie zersplitterte in tausend Stücke.
»Was ist denn los?« schrie er zornig hinunter.
»Nichts, nichts,« tönte es zurück.
Nach einigen Minuten kam der Maschinenmeister herauf. »Aergerlich! Der Klaus muß sich überarbeitet haben. Er scheint krank. Ich muß ihn fortschicken. Kommt ihr beide hinunter.«
Er war wirklich krank. Sie geht fort. Diese drei Worte hatten ihn aus dem dämmernden Zustand, in dem er dahinlebte, herausgerissen. Sie geht fort. Einestille traurige Wut ließ ihn ruhelos in seinem Zimmer auf und ab rennen bis es dämmerte. Er wurde so müde. Ein innerliches Weinen durchschütterte ihn. Aber seine Augen blieben trocken. Ohne eine Minute geruht zu haben, ging er morgens ins Theater. Es war die erste Probe von Dornröschen. Sie ging in ihrer lautlosen verschleierten Weise an ihm vorüber. Einen Augenblick hätte er sie am liebsten vor Zorn geschlagen. Dann versank die rohe Gewaltsamkeit seiner Natur in dem stärkeren Gefühl eines großen Leids. Sie geht fort. Sie geht fort.
»Ich gehe auch fort,« sagte er, spät abends in seine Kammer zurückkehrend. »Auf den Haidhof. Da ist's still.«
Er sah sie jetzt täglich. Auf den Proben. Er hörte, wie die Kollegen ihr jedesmal auf's neue ihr unendliches Bedauern über ihren Fortgang ausdrückten. Mit einem Aufwand von Herzlichkeit, dem man die Lüge anmerken mußte, wäre er auch weniger bühnenhaft gewesen.
»Lassen Sie sich an dem Abend nur ja einen Heuwagen kommen, sonst können Sie all' die Blumen und Kränze nicht fortschaffen,« sagte mit schiefgezogenen Mundwinkeln der Bonvivant. Die lächelnde Impertinenz seines Gesichts zeigte nur zu deutlich, daß er mindestensdie Hälfte dieser Blumen und Kränze auf selbstgekauft taxiere. Und mit einem Wiederschein dieser Impertinenz, der sich je nach dem Rollenfach naiv oder intriguant äußerte, stimmten die Uebrigen bei. »Ja, die Blumen und Kränze!«
Während der Mittagspause überzählte Klaus sein Geld. Sie soll auch von mir einen Kranz haben. Den allerschönsten. Er hatte die grünen Dinger nach den Aktschlüssen oft auf die Bühne fliegen sehen, wenn die Leute im Zuschauerraum so erschrecklichen Lärm machten. Er hatte nie begriffen, was an diesen farbentoten Blätterkränzen schön sein sollte. Sie vertrockneten in wenigen Tagen. Dann mußte man sie fortwerfen. Sein Kranz sollte ganz anders werden. Groß, ungeheuer groß. Er wollte ihn selbst binden. Als Knabe hatte er beim Einzug der Gutsherrschaft an den langen Blumenketten mitgeholfen, die über der Schloßthür befestigt wurden. Er erinnerte sich noch an die bunten Schleifen, die zwischenhinein geflochten waren. So wollte er's auch machen.
Erst kaufte er bei einem Faßbinder einen elastischen Holzreifen. Groß wie ein Wagenrad. In einem Eisenmagazin Draht und eine feine Zange. Mit Herzklopfen öffnete er zuletzt die spiegelnde Glasthüre eines großenGeschäfts. Lauter ausgezeichnete Ware zu fabelhaft billigen Preisen. Eine blondgefärbte Ladnerin mit großen Nasenlöchern und falschen Korallenohrringen fragte ihn, was er wünsche. Blumen. Sie brachte mehrere Kartons herbei. Moderne Ballgarnituren in fahlen Farben und raffinierten Zusammenstellungen. Er schüttelte den Kopf. So nicht. So welche zum Kranz binden. Die Ladnerin sah ihn an. Es mochte ihr wohl einfallen, daß dieser blöde Riese im schmutzigen Leinwandkittel keine mit Glastropfen übersäten Ballgarnituren kaufen werde. Mit einem leichten verächtlichen Achselzucken, soweit es die übermäßig spannende Trikottaille gestattete, trug sie andere Kasten herbei. Das war das Richtige. Haufenweis zusammengebundene Papierblumen in schreienden Farben. Lauter naturgeschichtliche Unmöglichkeiten. Daneben glänzende, grünlackierte Blätter mit langen Drahtstielen und starkem Leimgeruch. Er wählte sich einen Berg von Blumen und Blättern aus. Zuletzt forderte er farbige Bänder. Die Ladnerin, jetzt mit dem Geschmack des Käufers schon besser vertraut, legte ihm ordinäres raschelndes Knitterband vor. Blau, rot, gelb, grün. Er ließ sich von jeder Farbe mehrere Meter abschneiden. Die Ladnerin sah ihm mit einem gemeinen prüfenden Blick nach, als er das Geschäft verließ, das große Packet vorsichtig im Arm haltend.
Am Weihnachtsabend band er den Kranz. Es war eine schwere Arbeit für seine harten großen Finger. Viele Papierblumen wurden zerdrückt oder zerrissen. Der fertige Kranz war von einer ungeheuerlichen Größe und Unregelmäßigkeit. Zwölf Schleifen mit lang flatternden Enden prangten in der Runde. Nach vielem Ueberlegen befestigte er rückwärts eine steife weiße Karte. Mit unendlicher Mühe hatte er wenige ungelenke Buchstaben darauf gemalt. Das Ganze ein Werk lächerlicher Geschmacklosigkeit. Er wußte es nicht. Mit dunkelglänzenden Augen betrachtete er den Kranz wieder und wieder. Sein wirkliches Leid verschwand in der naiven Selbstbefriedigung. Er dachte nicht mehr daran, daß sie fortgehe, sondern nur, daß sie sich mit diesem Kranze freuen würde. Er war getröstet.
Am nächsten Tag holte er seine Sonntagskleider hervor. Er wusch und kämmte sich so sauber, wie er's nur einmal in seinem Leben gethan hatte. Bei dem Begräbnis seines Vaters. Um vier Uhr nachmittags ging er ins Theater. Den Kranz trug er in ein großes Tuch eingeschlagen. Es dunkelte bereits stark. Er war froh darüber. Beim Portier gab er den Kranz ab. Erst ganz zum Schluß sollte er geworfen werden. Ein Herr habe ihn damit beauftragt. Er log zum erstenMal. Er war feuerrot, stotterte und hätte in seiner Verwirrung beinahe vergessen, dem Portier den bereitgehaltenen Thaler zu geben.
Auf der Bühne lärmten die Arbeiter. Hinauf und hinunter schallten durch's Sprachrohr die Kommandorufe der Maschinisten. Der Theatermeister prüfte noch einmal die verschiedenen Versenkungen und las die im Buch des Inspizienten notierten Klingelzeichen nach. Der Abend war für ihn von großer Bedeutung. Er hatte eine ganz neue Mechanik erfunden, um die Dornenhecke aus der Erde wachsen und sie wieder versinken zu lassen. Aus dem farbduftigen Feenmärchen war eine geschminkte Feerie geworden. In acht Bildern, mit einem ungeheuern Aufwand von Farben und Beleuchtung, und eben darum ohne Duft und Licht. Dornröschen selbst kam erst im dritten Bilde. In den ersten beiden wurde ihre Geburt und Verwünschung mit Dekorationseffekten, Ballet und Musik gefeiert. Nachdem der Vorhang zum zweiten Male gefallen und das prächtige Königsschloß aufgestellt war, erschien Dornröschen auf der Bühne.
Alles drängte sich um sie. Die überschlanke Gestalt im Schleppkleid aus lichtrosigem Atlas, mit silbernem Gürtel geschürzt, einen schmalen Heckenrosenzweigwie ein Krönlein durch's Haar geflochten. Das fiel wie ein goldseidener Mantel über die Schultern bis hinab auf die Schleppe. Das Licht versank in der weichen glänzenden Fülle. Es war eine echte Märchenkönigstochter.
Sie stand in der Seitencoulisse und wartete auf ihr Stichwort. Ein wenig bleich und erregt, fröstelnd im scharfen Bühnenzug. Der Inspizient trat an sie heran. »Gleich, Fräulein.« Sie wendete sich zu Klaus, der dicht neben ihr stand. »Bitte, wollen Sie mir das Taschentuch halten, bis ich wiederkomme?« Er hatte keine Zeit, Ja oder Nein zu sagen. Das feine weiche Ding lag schon in seiner Hand, und Dornröschen trat aus dem Halbdunkel der Coulisse in den blendenden Bühnentag hinaus. Klaus hörte nichts von dem lärmenden Beifallsgetön, mit dem sie empfangen wurde. Er sah nicht, wie viele Kränze und Blumen zu ihren kleinen rosa beschuhten Füßen niederflogen. Er betrachtete nur das winzige weiße Spitzentüchlein. Er fühlte es nicht auf seiner hartgearbeiteten Hand. Der leiseste Hauch konnte es fortwehen und dennoch wagte er nicht, es fest zu fassen. Er hätte es zerdrücken können. Das machte seine Freude ängstlich. Er blickte nicht auf die Bühne, wo Dornröschen armeKinder mit ihren Perlen und Edelsteinen beschenkte. Er atmete erst wieder auf, als sie in die Coulisse abging und das Tuch mit einem »Danke« entgegennahm. Jetzt besann er sich, daß er eigentlich zusehen wollte. Aber ein Schwarm von Kindern, Balleteusen und müßigen Zuschauern drängte ihn aus der Coulisse fort. Der Theatermeister rief ihn in die Versenkung. Mühselig kletterte er die dunkle gewundene Treppe hinunter. Die andern Arbeiter in ihren schmutzgetränkten Leinwandkitteln lachten über seinen Sonntagsrock. Zum ersten Mal ekelten ihn die vom Coulissenstaub fahlgrauen Gesichter. Er horchte nach oben. Wie ein unendliches jubelndes Lachen tönte es herunter: »Prinzeß Dornröschen spinnt, kann spinnen, spinnen.« Gleichzeitig das erste Klingelzeichen. Die Arbeiter packten die eisernen Hebel fester. Man hörte die gemachten Entsetzensrufe der Choristen, bis ein kleiner müder gebrochener Schrei mitten hinein klang. Die Königstochter hatte sich mit der verwunschenen Spindel gestochen. Dann wurde es still, totenstill. Ein zweites Klingelzeichen, und langsam durch die Kraft vieler schwer arbeitender Hände stieg die Dornhecke aus dem Boden vor den Augen der Zuschauer bis in den gemalten Himmel hineinwachsend.
Nun durfte Klaus wieder auf die Bühne. Er sah,wie das schlafende Dornröschen auf der Marmorbank in üblicher elektrischer Beleuchtung dem blausammtnen Prinzen als Traumbild erschien. Er sah, wie die Dornhecke zu blühen begann und der Theaterprinz sich in herrlicher Tapferkeit einen Weg durch die leinwandnen Dornen bahnte. Er sah, wie er mit dem erlösten Dornröschen auf goldenem Thron bis in die Soffiten hinaufschwebte, von bengalischen Flammen rot und grün beleuchtet, begleitet vom rasenden Klatschen des Publikums.
Der Applaus wurde auf jähe Weise unterbrochen. Es polterte etwas wie ein eisernes Gewicht auf die Bühne. Durch den Zuschauerraum ging ein schallendes Gelächter. Der Regisseur stürzte aus der ersten Coulisse an die elektrische Klingel: »Vorhang herunter!« Der Vorhang fiel. Alles rannte auf die Bühne. Klaus mit. Da lag sein Kranz.
Dornröschen war von ihrem Thron heruntergestiegen. Mit weißen starren Lippen betrachtete sie das Ungetüm. Die Meisten lachten. Die Damen trugen eine übermäßige Entrüstung zur Schau. Es sei unerhört, jemandem auf solche Weise den Abend zu verderben, ihn vor dem ganzen Publikum zu blamieren. Der Bonvivant hob den Kranz ein wenig in die Höhe. »Da ist ja auch ein Zettel. Ah – ah – ah!« Erschüttelte sich vor Lachen. »Meine Herrschaften lesen Sie doch: ›Blathonisch‹!« Ein tief verächtlicher Blick aus den schlafdunkeln Dornröschenaugen traf ihn. Sie wandte ihm den Rücken und ging. Zwei Kolleginnen folgten ihr, mit einander flüsternd. »Du, was glaubst Du, von wem der Kranz ist? Von dem Schwarzen?« »Pst! Freilich«.
Armer Klaus! Er war allein auf der verdunkelten leergeräumten Bühne. Nur der phantastische, goldene Thron stand noch in der Mitte und die Coulissen zeigten die Bruchstücke der Dornhecke. Ganz im Hintergrund schliefen auf Holzbänken die Feuerwehrmänner. Die Schauspielerinnen kamen aus der Damengarderobe. Sie mußten über die Bühne gehen, um durch den Korridor zur Ausgangstreppe zu gelangen. Jetzt waren alle fort. Sie war die letzte. Sie ging gewöhnlich durch die vordere Bühnenthür. Da wartete er, an die große Donnerpauke gelehnt. Sie kam. In einen grauen Radmantel mit großem Pelztragen eingewickelt, das Köpfchen in einem weißen Tuch versteckt. Sie ging rasch und geradeaus blickend, so daß sie ihn nicht bemerkte, obwohl er eben unter der herabgeschraubten Gasflamme stand. Er mußte sie anreden. »Fräulein.« Sie wandte sich um, erstaunt, aber nicht erschrocken.»Wer ist ...? Was wollen Sie?« Er schwieg. In seinem Leben war ihm das Weinen nicht so nahe gewesen. Sie wartete einen Augenblick auf Antwort. Dann zog sie mit einer kleinen ungeduldigen Bewegung den Mantel fester um sich. Das brachte ihn zum Reden. Stotternd, halb erstickt klemmte es sich zwischen seinen Lippen hervor: »Der Kranz.« Mit einer tiefinnerlichen Heftigkeit trat sie rasch auf ihn zu. »Sie wissen, von wem er ist?«
Er sah in ihre heißen zorntraurigen Augen und das Bekenntnis seiner Schuld stürzte in wirrem Durcheinander aus seiner Seele hervor. Er wußte nicht mehr, was er sprach. Es war eine Wohlthat, eine Buße, sich anzuklagen. Und doch hätte er sich nicht besser verteidigen können. Das schienen die zwei Augen ihm gegenüber auch zu glauben. Sie waren wieder still und klar geworden. Als er schwieg und die große Erregung noch wie eine rote Welle auf seiner Stirn auf- und abwogte, reichte sie ihm die Hand. »Wenn ich all' dies früher gewußt hätte, würde ich mich nicht gekränkt haben. Ihr Kranz ist mir jetzt der liebste von allen.« Er sah sie traurig ungläubig an. Es war ganz still geworden. Sie wußten nichts zu sagen und doch hätte keines gehen mögen. Endlich fragte sie:»Könnte ich Ihnen gar keinen Gefallen thun? Haben Sie keinen Wunsch?« Er schüttelte den Kopf und blickte sie unverwandt an. Es wurde immer stiller. War auf der totengrauen Bühne ein Märchenhauch zurückgeblieben, der einen unfühlbaren Zauber ausübte?
Sie hob sich ein wenig auf die Zehen. »Wie groß Sie sind«, sagte sie mit einem bewundernden Kinderlächeln. »Bitte, bücken Sie sich ein wenig – noch ein wenig – so ....«
Ueber die steinerne Treppe hastete ein kleiner herzklopfender Schritt hinunter. Wie er lauschte, der arme Glückliche, mit geschlossenen Augen, unbeweglich. Dornröschen hatte ihn geküßt. Das Licht huschte wie mit Elfenfüßen über den einsamen goldenen Thron. Dicht vor ihm lag eine zertretene blaue Papierblume ... platonisch.
Armer Junge! Er saß auf der ausgetretenen Schwelle und weinte große stille Thränen. Sie hatten seine Mutter begraben und ihn aus der kleinen sauberen Dachstubenwohnung fortgeführt. Zu entfernten Verwandten. Die wollten für ihn sorgen. Was sie eben sorgen nannten. Sie waren sehr arm. Er konnte mit ihnen hungern.
Seine Mutter war auch arm gewesen. Aber sie hatte ihn nicht hungern lassen. Sie hatte sehr viel gearbeitet und sehr wenig gegessen, um ihr blasses verkrüppeltes Kind mit einem Schimmer von Wohlbehagen zu umgeben. Früh morgens saß sie an ihrem zerbrochenen alten Nähtischchen und stickte mit feinem Leinenfaden Blumen und Arabesken in durchsichtige Batisttücher. Die schickte man ihr aus dem großen Weißwaarengeschäft. Das Geschäft war berühmt wegen seiner billigen Preise. Darum wurde die arme Stickerin sehr schlecht bezahlt. Abends, wenn ihre Augen zu brennen anfingen, nahm sie ihr stilles geduldiges Kindauf den Schooß. Sie erzählte ihm von seinem Vater. Der war Lehrer an der Antonyschule gewesen. So brav und so gescheit. Und so stolz. Er hatte nie eine Unterstützung angenommen. Er hatte gearbeitet – bis er sich zu Tode gearbeitet. Seine Frau dachte wie er. Am letzten Weihnachtsabend war die Versuchung freilich groß gewesen. Sie hatte kein Bäumchen für ihr Kind. Im ersten Stock wohnte eine vornehme alte Dame. Sollte sie bitten .... Sie stand mit thränenzitternden Augen vor dem kleinen Jungen. »Friedel, – soll ich hinuntergehen – soll ich – betteln?« Und mit sonderbar wildem Aufschrei hatte er sich vor ihr auf die Kniee geworfen: »Nein, Mutter, nein!« Im Frühjahr war sie gestorben. Mit der Arbeit in der Hand und einem Seufzer auf den Lippen: »Nur nicht betteln.«
Und ihr Kind saß auf der Schwelle und weinte.
Es war ein anderes Leben im Hinterhause der Mauernstraße als in der kleinen Dachstube. Der Oheim kaufte und verkaufte alle alten Gegenstände, vom rostigen Eisen bis zur gebrauchten Balltoilette. Er sprach heiser, von beständigem Husten unterbrochen. Auf den Versteigerungen hatte er sich die Stimme verschrieen. Er trug Leinwandhosen und einen Bedientenfrack. Dinge,die er nicht mehr hatte anbringen können. Seine Frau war klein und zusammengerunzelt, beständig in Demut versinkend wie ein verprügelter Hund. Und die Tochter .... ein hübsches braunes Ding mit runden Armen und heißen Augen. Sie hatte gelacht, als der kleine Friedel zum ersten Mal mit seinen Krücken die steile Treppe heraufgestolpert kam. Sie hatte gelacht und sein verweintes Gesicht in ihre Hände genommen. »Er ist häßlich wie ein Maulwurf, aber ich werde ihn über die Treppe tragen.«
Sie trug ihn hinunter. Jeden Morgen, ehe sie in die Schule ging. Er saß auf der Schwelle und sah, wie das schleimige Moos in den Rinnsteinen wuchs. Schmutzige Kinder mit ungesunden blauroten Gesichtern spielten um ihn herum. Sie schrieen und zankten sich mit häßlichen gemeinen Worten. Das machte ihnen dieselbe tierische Freude, wie das Wühlen im Straßenkot. Auf die zersprungenen Asphaltplatten zeichneten die Größeren mit Kreide oder Kohle scheußliche Köpfe. Das seien die reichen Leute, sagten sie, spieen darauf und trampelten mit den Füßen auf ihnen herum. Sie waren böse, und schlimmer, sie wußten das Böse. Mit den übergroßen Augen des jungen Lasters sahen sie alles und bemerkten alles. Dann schlüpften sie in diedunkelsten Ecken zwischen den schiefen alten Häusern und erzählten sich mit innerlich fiebernder Stimme schlimme Dinge, oft durch schrilles Gelächter unterbrochen. Das Leben in der Mauernstraße war so faul und übelriechend, wie das Pfützenwasser in den Löchern der ausgebrochenen Pflastersteine. Tagsüber schillerte das Sonnenlicht in blau und grünen Spiegeln darüber hin. Nachts versanken die bleichen trostlosen Sternstrahlen in dem trüben Tümpel. Es war sehr traurig.
So dachte auch der lahme Junge auf der Thürschwelle. Er konnte nicht mit den anderen spielen und hätte auch keine Freude daran gefunden. Er wäre lieber in die Schule gegangen. Seine Mutter hatte ihn aus einem großen alten Buche schon Buchstaben und Zahlen gelehrt. Aber man hatte ihn nicht genommen. »Zu schwächlich«, sagte der Lehrer. »Noch ein Jahr warten.« Und er wartete. Er suchte aus den Lumpensäcken, welche der Oheim nach Hause brachte, die Seidenfleckchen heraus und packte sie in Cigarrenkisten. Er kehrte die dunkle dunstige Stube zusammen und schälte die Kartoffeln möglichst dünn ab. Er stopfte dem wilden lustigen Mädchen die Löcher im Rock und wichste ihr Sonntags mit großer Kraftanstrengung die Schuhe. Er wollte das Brot doch nicht ganz umsonst essen. Und noch ein Anderes war's.
Mit dem leidenschaftlichen Liebesbedürfnis eines kränklichen frühreifen Kindes hing er an dem schönen, bösartigen Geschöpfe, das ihn schlug oder liebkoste, je nachdem seine Laune war. Jeden Abend spähte er fiebernd vor Erwartung die von einer einzigen Gaslaterne erleuchtete Straße hinunter, bis er sie kommen sah. Einen gemeinen Walzer singend, sich lässig und herausfordernd in den Hüften wiegend, an jedem Arme eine ältere Freundin. Sie hatten alle drei die belebtesten Straßen der Stadt abgelaufen. Weniger um die strahlenden Schaufenster der großen Geschäfte zu betrachten, als um mit innerlichem Vergnügen die zweideutigen schmeichelhaften Scherze eines Vorübergehenden zu hören. Mit heimlicher unbefriedigter Erregung schlenderten sie langsam nach Hause. Die beiden Aelteren schlüpften scheu und geduckt in die Hausthüren, nachdem sie sich für den nächsten Abend verabredet hatten. Die Jüngste fürchtete sich nicht. Der Vater kam erst später, und die Mutter ... lieber Gott! Mit überlautem Singen tastete sie die steinernen Stufen hinauf, bis ihr Fuß an den wartenden Knaben stieß. Er faßte mit den von der Nachtluft starren Händen in den Saum ihres Kleides. »Ich hab' auf Dich gewartet.« »Dummer Junge! Wäre auch gescheiter gewesen, Du hättest Dich schlafen gelegt.« Aber sie nahm ihn doch aufden Arm, um ihn hinaufzutragen. Sie mußte über den finsteren Hof. Wenn sie über Kohlstrunken oder einen Haufen Kartoffelschalen stolperte, puffte sie den Kleinen. In einem Anfalle von Reue küßte sie ihn nachher mit unheimlicher Leidenschaftlichkeit. Keuchend unter ihrer Last langte sie in der moderdumpfen Stube an. Eine leise schwindsüchtige Stimme klagte aus den schweren Federkissen des Bettes hervor: »So spät, Kinder.« Das Mädchen gab keine Antwort. Sie gähnte und begann sich auszuziehen. Die Kleider warf sie auf den Boden. Der kleine Friedel legte erst die ihren sorgfältig glatt gestrichen auf den Schemel, dann auch seine eigenen. Sie hielt ihm die Füße hin. »Zieh mir die Schuhe aus. Die Strümpfe auch.« Und mit einer elastisch katzenartigen Bewegung sich in das Bett schwingend, suchte sie sich die bequemste Stelle dicht an der Wand aus. Sie wühlte sich mit Wollust in die dicken Kissen. Ihrem Schlafkameraden gönnte sie nur ein notdürftiges Plätzchen. Gut, daß er nicht viel brauchte. Sein magerer kleiner Körper drückte sich geduldig an die äußerste Kante. Sie versank nach wenigen Augenblicken in den tiefen Schlaf einer urgesunden, rücksichtslosen Natur. Der Knabe lag oft bis Mitternacht wach. Er betrachtete die vom Mondlicht versilberten Zahnreihen der Schläferin, und brachte sievorsichtig in eine andere Lage, wenn sie mit dem Kopfe auf dem Arme ruhte. Das mache böse Träume, hatte seine Mutter einst gesagt. Seinen Schlaf bewachte Niemand.
Morgens weckte er sie. Ein unangenehmes Amt. Sie war kaum aus dem Schlaf zu bekommen und dann in sehr ungnädiger Stimmung. »Es ist noch eine halbe Stunde zu früh. Kannst Du keine Ruhe geben, boshafter Junge.« Während sie sich ankleidete, suchte er die verstreuten Schulhefte zusammen. Sie wusch und putzte sich wie ein Kätzchen, weniger aus Reinlichkeitsbedürfnis als aus Eitelkeit. Teilweise erstreckten sich ihre Bemühungen auch auf den kleinen Jungen. Sie rieb ihm das geduldige Gesichtchen, bis es von der schwarzen Pechseife feuerrot brannte. Mit dem zerbrochenen Kamme scheitelte sie seine dünnen weichen Haare. »Das steht Dir besser, als wenn Du sie ganz aus der Stirne gekämmt hast.« Und er schielte mit trübseligem Lächeln in die quecksilberarme Spiegelscherbe. Er wußte recht gut, wie häßlich er war.
Von seinem Frühstücksbrot gab er ihr die Hälfte. Die Mutter sah es manchmal und schalt. Dann lachte sie ihr halb böses, halb übermütiges Lachen. »Er darfnicht viel essen; er muß klein bleiben. Sonst kann ich ich ihn nicht mehr über die Treppe tragen.«
Manchmal traf sich's, daß die Kinder einen Nachmittag allein zu Hause waren. Dann schlichen sie hinauf ins Magazin. Ein langer, schmaler Raum mit halbrunden, dicht am Boden angebrachten Fenstern. Da befanden sich all die tausend Dinge, welche der Vater gekauft hatte, um sie wieder zu verkaufen. »Ich weiß, er hat gestern ein Ballkleid nach Haus gebracht«, sagte das Mädchen. Und sie suchten so lange, bis sie es in einer Kiste oder in einem Schrank entdeckt hatten. Sie jubelte. »Das zieh ich an. Friedel, Du mußt mir's zuschnüren. Schuhe sind auch dabei, schau nur!« Sie konnte nicht rasch genug in die zerknitterte Pracht schlüpfen. Das tief ausgeschnittene Kleid, zu weit für ihre kindliche Gestalt, fiel fast von den Schultern herunter. Die Aermel ihres grobleinenen Hemdchens sahen hervor. Die Schuhe mit den schiefgetretenen Holzabsätzen waren zu groß. Ins Haar hatte sie sich eine blätterarme Rose mit deutlich sichtbarem Wattekern gesteckt. Um den Hals eine Kette aus großen zersprungenen Wachsperlen geschlungen. Mit beiden Händen nahm sie das Kleid vorn in die Höhe, um gehen zu können. Sie war schön in dem jämmerlichen zigeunerhaften Aufputz.Das ungesunde reizende Schöne der schlechtverhüllten körperlichen und seelischen Nacktheit. »Trag mir die Schleppe«, befahl sie. Und er humpelte ihr nach, in der einen Hand die Schleppe, in der andern seine Krücke haltend. So zogen beide durch den staubdämmernden Raum, sie singend, er in stummer Bewunderung. Bis sie müde waren. Sie setzten sich auf eine der rissigen Kisten. Sie stemmte die Ellenbogen auf die Kniee und ließ den grünen Atlasschuh auf der Spitze ihres Fußes tanzen. Ihr kleiner Finger wies dem Knaben einen roten fettigen Fleck am Taillenausschnitt. »Das ist Schminke«. Er wußte nicht, was das war. »Damit macht man sich hübsch. Rote Wangen und rote Lippen.« »Wer hat's Dir gesagt?« »Die von Nummer 8. Das ist eine von's Theater.« »Was macht sie denn?« »Sie tanzt.« Sie spannte beide Hände über das Knie und beugte sich zurück. »Ob ich's auch könnte? Hübsch wär's.« Sie stand auf. Ein leiser versteckter Zug spielte um ihre Mundwinkel, während sie langsam das Kleid ablegte. »Pack's wieder ein.« Er legte sorgfältig ein Stück nach dem andern in die große Schachtel. Ohne Schuhe, im sehr kurzen zerflickten Unterröckchen, die Blume noch im Haar und die Perlen um den Hals, stand sie mit halb gehobenen Armen da, halblaut, aber scharf im Takte eine Tanzweise summend. Zögernd,versuchend folgten ihre Füße der Melodie. Erst vor, dann zurück, immer vereint mit der leicht gleitenden Bewegung des Oberkörpers. Nach wenigen Sekunden waren die Schritte rascher, sicherer, die Füße lösten sich vom Boden. Das atemlose Lachen, das von den weitgeöffneten Lippen klang, war nur die Einleitung zu einem Wirbel wilder Bewegungen. Feurig, sinnlich schön, aber ohne Weichheit, ohne Reinheit. Sie tanzte, bis sie sprachlos, schwindelnd niederstürzte. Der kleine Friedel kniete erschrocken neben ihr. Sie richtete sich atemringend in die Höhe. »Weine nicht.« Sie schlug ihn auf die Finger. »Ich kann das Weinen nicht leiden.« Langsam, liebkosend streichelte sie ihre Arme und küßte sich mit einem seltsamen Ausdruck auf die Schultern. »Ich bin doch schön. Wenn ich nur schon stärker wäre –«
Drei Tage später war in der engen Stube großer Lärm. Die Mutter weinte, die heisere röchelnde Stimme des Vaters schalt und fluchte, der Knabe drückte sich krampfhaft ängstlich in eine Ecke. Das Mädchen stand ein wenig blaß, mit übereinander gebissenen Zähnen in der Mitte des Zimmers. Aber nicht die leiseste Erregung zitterte in ihrer Stimme. »Nächsten Monat komme ich doch aus der Schule ....« Der Vaterließ sie nicht ausreden. »Dann steck' ich Dich in ein Geschäft, wo man Dir aufpaßt.« »Das Fräulein wird im Theater schon auf mich Acht geben.« »Die soll erst selber auf sich Acht geben, die Person die ....« »Und im Theater bekomme ich jeden Monat fünf Mark. Im Geschäft geben sie mir im ersten Jahr gar nichts.« Fünf Mark! Das wirkte. Der Vater dachte daran, wie viel er sich plagen mußte, um fünf Mark zu verdienen. Wenn das dumme Mädel es für ein bißchen Springen und Hüpfen bekommen konnte – gut. Und er wollte ihr schon die Knochen entzwei schlagen, wenn sie sich unterstehen sollte ....
Sie unterstand sich gar Vieles. Aber er wußte nichts davon. Denn sie war klug. Sie ging jetzt täglich ins Theater. »Balletratte« schrieen ihr die Kinder in der Straße nach. Dem kleinen Friedel wurde es bei dem Worte immer so sonderbar heiß und schwindlich. Er wußte nicht warum. Er hatte sich schon an so viele häßliche Worte gewöhnt. Er gebrauchte sie selbst. Er war ja ein Kind. Er hatte der Verdorbenheit nichts entgegenzusetzen. Nicht die bessere Erkenntnis, nicht die Kraft des Willens. Aus seinem Wesen war die unbewußte Feinheit gewichen, die sein häßliches Gesichtchen angenehm und rührend gemacht hatte. Um die Mundwinkel lagerte schon ein leiser Strich der Gewöhnlichkeit.Nur die Augen waren noch klar und sanft wie einst. Denn in ihnen schimmerte die Rettung des einsamen Kindes. Die große stille Liebe, ob auch für ein unwertes Geschöpf. Er ahnte es dunkel – und liebte sie. Er mußte jetzt noch mehr leiden als früher. Er konnte sie abends nicht mehr erwarten. Sie kam oft erst um zehn oder um elf Uhr nach Hause. Sie hatte »zu thun«.
War sie tags zu Hause, so achtete sie nicht auf ihn, sondern arbeitete. Sie machte stundenlang mit Armen und Füßen ein und dieselbe Bewegung. Der Knabe sah ihr schüchtern und geduldig zu. »Was machst Du da?« fragte er manchmal. Und sie erklärte herablassend: »Das ist ein Steh-Glissé und das ist ein Balancé und das ist ein Chassé.« Des öfteren wurde sie ärgerlich auf sich. »Ob ich mich nicht mehr in die Hüfte legen kann!« Dann arbeitete sie mit solcher Heftigkeit und Ausdauer, bis sie, mit weißen eisigen Lippen, auf einen Stuhl sank. Sie sah auch sonst nicht mehr so frisch aus. Unter den Augen schwammen mattblaue Schatten und die Lider waren von gelbbräunlicher Färbung. Sie fing an, sich zu pudern. Ihr Anzug war ein Durcheinander von Putz und Armseligkeit. Sie stahl ihrem Vater alle Augenblicke eine Schleife, eine zerknitterte Blume, ein unechtes zerbrochenesSchmuckstück. Sie kämmte sich die Locken tief in die Stirne, und verlängerte mit angebrannten Schwefelhölzchen ihre Augenbrauen. Sie wurde unzufrieden und verbittert. Die für die Uebungsstunden notwendigen Gegenstände mußte sie sich selbst beschaffen. Dazu reichten die fünf Mark monatlich gerade hin. Leinwandschuhe ohne feste Sohlen, bis weit übers Knie reichende Strümpfe, Gazeröcke und kurze weite Pumphöschen. Der kleine Friedel stopfte mit grober Wolle die rasch durchgetanzten Schuhe. Er nähte die abgerissenen Knöpfe ans Mieder, und die Bänder an die Höschen. »Genierhöschen«, sagte sie mit zusammengekniffenen Augen. Was er sich heimlich grämte. Er hätte das kleine Bild seiner Mutter darum gegeben, sie einmal wieder lächeln zu sehen. Sie lächelte nicht mehr. Den zeitweiligen Vorwürfen des Vaters setzte sie so herausfordernden Trotz entgegen, daß er anfing zu schweigen. Langsam verlor er die Gewalt über sie. Sie fürchtete ihn nicht mehr.
Eines Tages zeigte er seiner Frau ein feines Schmuckkästchen. »Da habe ich was billig gekauft. Schau her.« Er hielt ihr ein hübsches Armband aus doppelreihigen Granaten hin. Das Mädchen stand daneben. »Schenk mir's.« – »Bist Du verrückt? Das wird nochmal so teuer verkauft. Freilich, Dir schenken!«Er packte den Schmuck wieder ein und ging. Sie sah ihm starr nach. In ihrem Antlitz dämmerte der drohende Entschluß der Sünde. Der Junge faßte angstvoll ihre Hand. »Das Armband – ist das so teuer?« »Teuer! Wenn man's im Laden kauft – fünfzehn Mark. Ein Lumpengeld. O wenn ich wollte – nicht heimkommen, nur eine Nacht –« Sie biß sich erschrocken auf die Lippen. Aber der Knabe hatte begriffen. Die Kinder in der Mauernstraße begreifen so schnell. Er fällt vor ihr nieder. »O, Du, Du – das thust Du nicht. Ich versprech' Dir's – bis Weihnachten schenk' ich Dir das Armband – aber Du kommst heim, gewiß, Du kommst heim.« Sie versteht seine Worte, aber nicht den rasenden Schmerz, der seine Stimme entzweibricht. Ein letztes menschliches Empfinden, das Mitleid, regt sich in ihr. »Dummer Junge – was fällt Dir denn ein? Freilich komme ich nach Haus. Sei nur still!«
Er ist still. Sehr still. Er atmet kaum. Es thut ihm weh. Am nächsten Morgen steht er fröstelnd im nassen Novemberwind vor der Hausthüre. Sein weißes blutloses Kindergesicht ganz starr, ganz farblos. Er schleppt sich mühselig die schmutzige schwarze Straße entlang. An der Ecke bleibt er nochmals stehen. Sein Körper zittert vor innerlichem Schluchzen. Aber er gehtweiter, biegt in die große lärmende Straße ein. Er geht betteln.
Tag für Tag. Die Vorübergehenden wissen nicht, welch' wehevolle Ueberwindung jede Bitte aus diesem kleinen schmerzverzerrten Munde ist. Es schaut ihm ja Keiner in die Augen. Sie blicken aus dem müden Gesichtchen wie zwei aus dem Herzen emporgewachsene Todesblumen. Denn er stirbt langsam. Er stirbt an der Schande.
Jeden Abend wechselt er seine kleinen Münzen in einem Bäckerladen. Die dicke gutmütige Frau hat so großes Mitleid mit ihm. Sie hat auch noch nie solch' seltsames Bettelkind gesehen. Als er am zweiten Abend kam, wollte sie ihm ein Stückchen Kuchen zustecken. Er dankte mit unverständlicher Heftigkeit. Und als sie es ihm mit Gewalt in die Tasche schieben wollte, fing er an zu weinen. »Nein, nein.« »Warum nicht?« »Ich will nichts für mich.« »Ist denn das Geld nicht für Dich?« »Nein.« »Für wen denn?« Er bleibt stumm. Auf dem Heimweg schleicht er sich regelmäßig an einem großen Juweliergeschäft vorbei. Da hat er im Schaufenster genau so ein Armband entdeckt wie jenes. Zwei Reihen Granaten mit schmalem goldenem Schloß. Auf einem Zettelchen steht der Preisnotiert. Vierzehn Mark und fünfzig Pfennige. Soviel Geld!
Daheim fragt ihn Niemand, was er den ganzen Tag auf der Straße macht. Oft kommt er spät nach Hause. Sie wissen's gar nicht. Ob der kleine Junge im Bette liegt oder nicht, es kümmert sich Keiner darum. Und wenn er kommt, schleicht er so leise durch das Zimmer, daß sie ihn nicht hören.
Der Weihnachtstag. Er steht an der Staßenecke, frierend, in Todesangst. Er hat noch nicht genug. Wie flehend er seine von großen roten Frostbeulen bedeckten Hände den Vorübergehenden entgegenstreckt. Aber die haben's heute so eilig. Wer sieht solche kleinen Betteljungen. Der Weihnachtstag wird für ihn der schlimmste. Er hat nichts, gar nichts bekommen. Es ist dunkel geworden. Er hält sich an der schneeverwehten Mauer. Er geht nicht nach Hause, wenn er sein Versprechen nicht erfüllen kann. Ihm gerade gegenüber blitzt's und funkelt's im Schaufenster des Juweliers, sein Verlangen und seine Hoffnungslosigkeit nur vergrößernd. Das Menschengewühl hat längst nachgelassen. Die wenigen noch Vorübereilenden wagt er nicht mehr anzureden. Er fällt auf die Kniee und weint. Plötzlich fühlt er, daß Jemand neben ihm stehenbleibt. »Lieber Gott, Kind – warum weinst Du denn?«