Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur—die Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches—nahm er durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der Etikette nicht hätte thun brauchen.—Wahrlich, m’nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.—Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der Adhipatti.—Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde!—Ja, M’nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.—Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?—Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.—Gut, aber es giebt da eine Grenze.—Eifrig, schleppte der Resident hinterher.—Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder zurückschlucken. Wenn Sie’s für gut befinden, Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.—Es. Ist. Mir.—Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht ein ...—Recht! sagte der Resident.—Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge ... unser Max!Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:—Ist der Regent immer so diensteifrig?—Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M’nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie machen möchte.—Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er besitzt Bildung, nicht wahr?—O ja ...—Und er hat eine grosse Familie, wie?Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn dieser Übergang auch inseinenGedanken ohne Stockung vor sich ging, so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:—Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.—Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen diesen Moscheen und der ‚grossen Familie‘ des Regenten.Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet werde.—Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?—Ja, das könnte wohl besser sein ...—Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die Antwort besinnen,kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede ineinemAtem also fort:—Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur sechstausend über das Jahr ’55. Das ist seit ’53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr ungenau ... und sind’s noch! Von ’50 zu ’51 besteht sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen mal hingehen, Max!Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem Übergewicht durch ‚lokale Anciennetät‘, was der gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.—Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M’nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant meinte. Verbruggewar keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts gedruckt wird, voneinerPerson überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.—M’nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.—Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich möchte einer Dame ...—Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe hinterher.—Ich möchte einer Dame inihrenUmständen nicht gern mein Haus verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.—Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge.Esist Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.—Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...—Ich. Wagte. Es. Ihr.—Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt’s gar keinen Zweifel!—Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.—Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.—Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.—Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:—Eine. Eingeborne. Frau.—O, das bleibt sich gleich, suchteMevrouwHavelaar verständlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht gethan, zumTeil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine »eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:—Weil. Er.Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...—So. Drängend. Zu thun. Habe.... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, undschliesslich allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar besah ihre neue Wohnung undwarsehr entzückt von ihr, vor allem weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur Hand, worin der Eidstand, der bei Antritt eines Amtes allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: Assistent-Residenten) gezieme.«Darauffolgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott der Allmächtige!«Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: »der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich zeigte. Beide hattensie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: »das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar beiNamen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« war vor sich gegangen.Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder angelangt sein wollte:—Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften.Vorihrer Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeitgetroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder grösseren Gewinn.Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und er war also miteinem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die alles so »comfortable«und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde,Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht lange!Nun brauchte ersienicht zur Sparsamkeit anspornen.Siewar wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie war so in seinIchverschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste sehr gut, dasserallein gefehlt hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dassihrFehler—wenn überhaupt ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.Ja,siehatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen hätten«.Siefand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug überschüttete.Siebegriff vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für ihren elenden Betrieb.Siekonnte es nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte.Siefand es sehr schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören,wie weh es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren müssten.Siebegriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des Auktionators steigen musste.Siefand es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde wiedergab.Siehatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte.Siebegriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.War er nichtihrMax? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,ihrMax, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel geliebt!Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er einegute Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dassdieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstandhängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu führen ist.Doch sie würdensosparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, als dass er—bei welcher Wendung des Loses immer—die Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles wohl nicht so—hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse—aber es lag in ihrer neuenUmgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, die—mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde—früher Havelaar so oftmals hatten sagen lassen:—Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht entziehen kann?Und worauf sie stets geantwortet hatte:—Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im Besitz ihres Kindes ...—O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen Lilien ...Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an ihrem Hause.Undals abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über bis zum folgenden Morgen.Achtes Kapitel.Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt wohnten—denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt—das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung beiseite.Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und esist nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als streue er Kleinodien um sich her, dieihndoch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:—Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.Ich grüsse Euch alle sehr.Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war ich froh im Innersten meiner Seele.Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu seinvorder Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude ist im SchneidendesPadie, den man gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.«Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder gering?Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern lassen: »Zeig’ mir den Platz, wo ich gesäet habe!«Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen lässet, dass alles versengetwerde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will es so!«Doch nicht also in Bantan-Kidul!Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen Tiger sähet auf seinem Wege?Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser Land verlassen haben.Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, vor dem Schatten unserer Haine?Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die Aufständischen erschlägt.Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an seinem Fusse?Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das zu der Frage lockte: »Wo istder Kleine? Jetzt schon will ich das Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber—sei hier nun Absicht oder Natur im Spiel—gerade diese Eintönigkeit verstärkte den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich waren für solche Sprache.Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: »stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders sprechenkann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem oder jenem Buch—aus der Bibel vielleicht—abgeschrieben hatte, worin einLöwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass dieser Baumdastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, dass er nichtandersgesprochen haben würde, auch wenn er niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren—einem der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger Regentschaften—worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:Wie herrlich ist’s, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...Wie freudig schwingt von Höh’ zu Höh’ sich dein Gebet ...Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!Hier schuf ErSelbstsich in Altar und Tempelchören,Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...Und rollend ruft sein Donner:Majestät!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nichtsohätte schreiben können, wenn er nicht wirklich hören undverstehen zu können glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden Bergwänden zurief?Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich so beengt darin fühlte.Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie—mussten die Häuptlinge denken—er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem gelten seine Fragen?«Und es waren welche, die sahenRadhen Wiera Kusumaan, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die Augen zur Erde.»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, das auf demHofspielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den Schoss. Doch der war zu wild,um es lange dort auszuhalten. Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber zu neigen schien.—Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.Hierauf fuhr Havelaar also fort:—Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von seinem Willen.Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, weil er Strafe fürchtet.Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird gethan werden.Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Werwarder Mann, der gestorben ist?« Und man wird sagen:»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch denGrund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch gestorben.«Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir fluchen niemandem!«Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner Frau?«Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, das Eindruck machen musste, fort:—Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer Art ... überErpressungund Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr, m’nheer de Adhipatti?—O nein, m’nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen in Lebak.—Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so anSeelenzahl wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr anempfohlen.Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«——Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie erwartete.—Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, höret einmal!So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.—Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?—Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer gesprochen hatte.—I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon nicht mehr, was ich gesagt habe.—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max gesprochen.—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind wäre.Das that Tine wohl: sie fand es auch!Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« in Beziehung stand. Doch auf einmal—und also im Widerspruch mit dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter—fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden könnten.—O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort ihm wider den Strich ging.—Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut befunden werden.Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:—Aber, M’nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn nun ein Manco sich herausstellt?—Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle—Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem ... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Erselbsthat das Geld nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie’s?Verbrugge schwieg. Er wusste es.—Ich weiss es, fuhr Havelaar fort,ich weiss es! Ist nicht M’nheer Slotering gestorben im November? Nun,den Tag nach seinem Todehat der Regent Volk aufgerufen, umseine Sawahszu bearbeiten ... ohne Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge.WusstenSie’s?Dieses wusste Verbrugge nicht.—Als Kontrolleur hätten Sie es wissenmüssen!Ichweiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den Distrikten—und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten hatte—sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?—Ich habe sie noch nicht gesehen ...—Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die Angaben vom vorigen Monat richtig?Verbrugge schwieg.—Ich will’s Ihnen sagen: Sie warenfalsch! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?Verbrugge schwieg.—Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?—Ja, so ist es.—Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, als er ... wissen Sie’s?—Ja, ich weiss es.—Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie’s?—Ja, ich weiss es.—Viele Glieder seiner Familie—die ja eigentlich nicht in Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat—scharen sich wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?—Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.—Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen siein seinem Namender Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?—Ja, es ist so.—Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es nicht so?—Ja, das ist wahr.—Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang—doch er ist es nicht allein—der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?—Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.—Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört,dasses mein Vorsatz ist, meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.—Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch wasvon heute abgeschieht, fällt untermeineVerantwortung, dafür werdeichSorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich vonIhnenhätte hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute ‚garem glap‘, d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hierschon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?—M’nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.—Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere Menschen, doch was thut das zur Sache?—Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.—Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erzählt?—Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...—Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.—Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einerInitiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.—Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie wollen doch wohl IhrePflichtthun?—Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.—Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben,weil sie davon leben, dass es kein Unrechtgäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich zu Don Quixotes machen zu können und zugleichihreWindmühlen in Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht aufmichwarten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M’nheer Slotering war ein tüchtiger und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie Verbrugge hinhaltend, sagte er:—Wessen Hand ist dies?—Das ist die Hand M’nheer Sloterings.—Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1)Über den Reisbau.2)Über die Wohnungen der Dorfhäuptlinge.3)Über die Eintreibung der Landrentenu. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M’nheer Slotering damit sagen?—Wie kannichdas wissen? rief Verbrugge.—Ichweiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:»12)Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird.(Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerungu. s. w.)«Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:»15)Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteilehiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der Kultur.«Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist.«Was sagen Siedavon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies thaten?—Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.—Und was folgte darauf?—Dann wurde der Regent gerufen: es wurdeabouchiert...—Jawohl,mündlichverhandelt! Und weiter?—Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M’nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig sich erwiesen.—Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...—Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.—Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an den Generalgouverneur wendenwürde. Dies hat er auch den Häuptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.—Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam Unrecht und Willkür gutheissen wird?—Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung einenHäuptlingan.—Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es seinmuss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es seinmuss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedecktenTisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklichsehreinfach war! Duclari, der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.

Siebentes Kapitel.Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur—die Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches—nahm er durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der Etikette nicht hätte thun brauchen.—Wahrlich, m’nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.—Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der Adhipatti.—Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde!—Ja, M’nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.—Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?—Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.—Gut, aber es giebt da eine Grenze.—Eifrig, schleppte der Resident hinterher.—Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder zurückschlucken. Wenn Sie’s für gut befinden, Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.—Es. Ist. Mir.—Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht ein ...—Recht! sagte der Resident.—Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge ... unser Max!Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:—Ist der Regent immer so diensteifrig?—Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M’nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie machen möchte.—Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er besitzt Bildung, nicht wahr?—O ja ...—Und er hat eine grosse Familie, wie?Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn dieser Übergang auch inseinenGedanken ohne Stockung vor sich ging, so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:—Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.—Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen diesen Moscheen und der ‚grossen Familie‘ des Regenten.Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet werde.—Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?—Ja, das könnte wohl besser sein ...—Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die Antwort besinnen,kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede ineinemAtem also fort:—Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur sechstausend über das Jahr ’55. Das ist seit ’53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr ungenau ... und sind’s noch! Von ’50 zu ’51 besteht sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen mal hingehen, Max!Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem Übergewicht durch ‚lokale Anciennetät‘, was der gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.—Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M’nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant meinte. Verbruggewar keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts gedruckt wird, voneinerPerson überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.—M’nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.—Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich möchte einer Dame ...—Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe hinterher.—Ich möchte einer Dame inihrenUmständen nicht gern mein Haus verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.—Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge.Esist Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.—Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...—Ich. Wagte. Es. Ihr.—Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt’s gar keinen Zweifel!—Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.—Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.—Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.—Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:—Eine. Eingeborne. Frau.—O, das bleibt sich gleich, suchteMevrouwHavelaar verständlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht gethan, zumTeil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine »eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:—Weil. Er.Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...—So. Drängend. Zu thun. Habe.... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, undschliesslich allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar besah ihre neue Wohnung undwarsehr entzückt von ihr, vor allem weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur Hand, worin der Eidstand, der bei Antritt eines Amtes allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: Assistent-Residenten) gezieme.«Darauffolgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott der Allmächtige!«Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: »der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich zeigte. Beide hattensie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: »das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar beiNamen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« war vor sich gegangen.Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder angelangt sein wollte:—Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften.Vorihrer Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeitgetroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder grösseren Gewinn.Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und er war also miteinem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die alles so »comfortable«und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde,Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht lange!Nun brauchte ersienicht zur Sparsamkeit anspornen.Siewar wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie war so in seinIchverschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste sehr gut, dasserallein gefehlt hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dassihrFehler—wenn überhaupt ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.Ja,siehatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen hätten«.Siefand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug überschüttete.Siebegriff vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für ihren elenden Betrieb.Siekonnte es nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte.Siefand es sehr schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören,wie weh es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren müssten.Siebegriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des Auktionators steigen musste.Siefand es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde wiedergab.Siehatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte.Siebegriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.War er nichtihrMax? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,ihrMax, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel geliebt!Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er einegute Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dassdieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstandhängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu führen ist.Doch sie würdensosparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, als dass er—bei welcher Wendung des Loses immer—die Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles wohl nicht so—hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse—aber es lag in ihrer neuenUmgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, die—mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde—früher Havelaar so oftmals hatten sagen lassen:—Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht entziehen kann?Und worauf sie stets geantwortet hatte:—Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im Besitz ihres Kindes ...—O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen Lilien ...Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an ihrem Hause.Undals abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über bis zum folgenden Morgen.

Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur—die Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches—nahm er durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der Etikette nicht hätte thun brauchen.

—Wahrlich, m’nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.

—Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der Adhipatti.

—Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde!

—Ja, M’nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.

—Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?

—Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.

—Gut, aber es giebt da eine Grenze.

—Eifrig, schleppte der Resident hinterher.

—Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder zurückschlucken. Wenn Sie’s für gut befinden, Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.

—Es. Ist. Mir.

—Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht ein ...

—Recht! sagte der Resident.

—Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge ... unser Max!

Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

—Ist der Regent immer so diensteifrig?

—Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M’nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie machen möchte.

—Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er besitzt Bildung, nicht wahr?

—O ja ...

—Und er hat eine grosse Familie, wie?

Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn dieser Übergang auch inseinenGedanken ohne Stockung vor sich ging, so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?

So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:

—Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.

—Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen diesen Moscheen und der ‚grossen Familie‘ des Regenten.

Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet werde.

—Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?

—Ja, das könnte wohl besser sein ...

—Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die Antwort besinnen,kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede ineinemAtem also fort:

—Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur sechstausend über das Jahr ’55. Das ist seit ’53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr ungenau ... und sind’s noch! Von ’50 zu ’51 besteht sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen mal hingehen, Max!

Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem Übergewicht durch ‚lokale Anciennetät‘, was der gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.

—Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M’nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.

Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant meinte. Verbruggewar keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts gedruckt wird, voneinerPerson überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.

Havelaar und Verbrugge nahmen am Tische Platz, und man wartete, indem man den Thee einnahm und über gleichgültige Dinge sprach, bis Dongso dem Residenten meldete, dass die frischen Pferde vorgespannt seien. Man packte sich so gut wie möglich in den Wagen und fuhr davon. Das Rumpeln und Stossen machte das Sprechen schwierig. Der kleine Max wurde mit einer Banane ruhig gehalten, und seine Mutter, die ihn auf dem Schosse hatte, wollte durchaus nicht wahr haben, dass sie ermüdet sei, als Havelaar ihr anbot, sie von dem schweren Jungen befreien zu wollen. In einem Augenblick unfreiwilliger Ruhe in einem Morastloch fragte Verbrugge den Residenten, ob er mit dem neuen Assistent-Residenten schon über Mevrouw Slotering gesprochen habe.

—M’nheer. Havelaar. Hat. Gesagt.

—Freilich, Verbrugge, warum nicht? Die Dame kann bei uns bleiben. Ich möchte einer Dame ...

—Dass. Es. Gut. Wäre ... schleppte der Resident mit vieler Mühe hinterher.

—Ich möchte einer Dame inihrenUmständen nicht gern mein Haus verschliessen! Sowas versteht sich von selbst ... nicht wahr, Tine?

Auch Tine war der Ansicht, dass sich das von selbst verstünde.

—Sie haben zwei Häuser in Rangkas-Betung, sagte Verbrugge.Esist Raum in Überfluss vorhanden für zwei Familien.

—Nun, wenn das auch nicht der Fall wäre ...

—Ich. Wagte. Es. Ihr.

—Ei, Resident, rief Mevrouw Havelaar, da giebt’s gar keinen Zweifel!

—Nicht. Zuzusagen. Denn. Es. Ist.

—Und wären es auch ihrer zehn, wenn sie nur vorlieb nähmen bei uns.

—Eine. Grosse. Last. Und. Sie. Ist.

—Aber das Reisen ist bei ihrer Lage unmöglich, Resident!

Ein heftiger Ruck des Wagens, der aus dem Morast gezogen wurde, setzte ein Ausrufungszeichen hinter Tines Erklärung, dass Frau Slotering unmöglich reisen könne. Jeder hatte pflichtgemäss sein erschrecktes »hopsa!« gerufen, das auf solchen Stoss folgt, Max hatte in seiner Mutter Schoss die Banane wiedergefunden, die er durch den Ruck verloren hatte, und schon war man ein ganzes Ende dem demnächst zu erwartenden Morastloch näher, als endlich der Resident beschliessen konnte, seinen Satz zu vollenden, indem er hinzufügte:

—Eine. Eingeborne. Frau.

—O, das bleibt sich gleich, suchteMevrouwHavelaar verständlich zu machen. Der Resident nickte, als wie zufrieden, dass die Sache geregelt sei, und da das Sprechen so schwer fiel, brach man das Gespräch ab.

Die genannte Frau Slotering war die Witwe von Havelaars Vorgänger, der zwei Monate vorher gestorben war. Verbrugge, dem darauf vorläufig die Amtsfunktionen eines Assistent-Residenten übertragen waren, hätte das Recht gehabt, während dieser Zeit die geräumige Wohnung einzunehmen, die zu Rangkas-Betung so wie in jeder Abteilung von Landeswegen für das Oberhaupt der Landschaftsverwaltung hergerichtet ist. Er hatte dies jedoch nicht gethan, zumTeil, weil er vielleicht fürchtete, zu bald wieder ausziehen zu müssen, zum Teil, um die Benutzung derselben jener Dame mit ihren Kindern zu überlassen. Hinwiederum wäre Raum genug gewesen, denn ausser der sehr grossen Assistent-Residentenwohnung selbst stand daneben auf demselben »Erbe« noch ein anderes Haus, das früher dieser Bestimmung gedient hatte und trotz des einigermassen baufälligen Zustandes zum Bewohnen noch immer sehr geeignet war.

Mevrouw Slotering hatte den Residenten ersucht, ihr Fürsprecher bei dem Nachfolger ihres Ehemannes zu sein, dass derselbe ihr die Benutzung des alten Hauses bis nach ihrer Entbindung gestatte, die sie in einigen Monaten zu erwarten hatte. Das war das Ersuchen, dem Havelaar und seine Frau so bereitwillig Folge gaben, etwas, das ganz in ihrer Art lag, denn gastfrei und hülfbereit waren sie in höchstem Masse.

Wir hörten den Residenten sagen, dass Mevrouw Slotering eine »eingeborene Frau« sei. Sie sprach nur Malayisch. Wir werden ihr später wieder begegnen, wenn wir mit Havelaar, Tine und dem kleinen Max in der Vorgalerie der Wohnung des Assistent-Residenten zu Rangkas-Betung, wo unsere Reisegesellschaft nach langem Gerüttel und Geschüttel endlich wohlbehalten ankam, Thee trinken.

Der Resident, der nur mitgekommen war, um den neuen Assistent-Residenten in sein Amt einzusetzen, gab den Wunsch zu erkennen, dass er noch selbigen Tages nach Serang zurückkehren möchte:

—Weil. Er.

Havelaar erklärte sich demgemäss zu aller Eile bereit ...

—So. Drängend. Zu thun. Habe.

... und es wurde die Verabredung getroffen, dass man über eine halbe Stunde in der grossen Vorgalerie der Wohnung des Regenten sich wieder zusammenfinden werde. Verbrugge, hierauf vorbereitet, hatte schon mehrere Tage vorher den Distriktshäuptlingen, dem Patteh, dem Kliwon, dem Djaksa, dem Steuereinnehmer, einigen Mantries, undschliesslich allen inländischen Beamten, die dieser Feierlichkeit beiwohnen mussten, Befehl gegeben, sich am Hauptplatze zu versammeln.

Der Adhipatti nahm Abschied und ritt nach Hause. Mevrouw Havelaar besah ihre neue Wohnung undwarsehr entzückt von ihr, vor allem weil der Garten gross war, was ihr so gut schien für den kleinen Max, der viel in die Luft musste. Der Resident und Havelaar waren auf ihre Zimmer gegangen, um sich umzukleiden, denn bei dem feierlichen Akt, der stattfinden sollte, war wohl das offiziell vorgeschriebene Kostüm erforderlich. Ringsherum ums Haus standen Hunderte von Menschen, die entweder zu Pferd den Wagen des Residenten begleitet hatten oder zum Gefolge der aufgerufenen Häuptlinge gehörten. Die Polizei- und Bureauaufseher liefen geschäftig hin und her. Kurzum, alles zeigte an, dass die Eintönigkeit auf diesem vergessenen Fleckchen Erde in der Westecke Javas für einen Augenblick von regem Leben unterbrochen war.

Alsbald fuhr der schöne Wagen des Adhipatti die Vorfahrt herauf. Der Resident und Havelaar, strotzend von Gold und Silber, doch ein wenig über ihre Degen strauchelnd, stiegen ein und begaben sich nach der Wohnung des Regenten, wo sie mit Musik von Gongs und Gamlangs empfangen wurden. Auch Verbrugge, der sein von Schlamm bespritztes Gewand abgelegt hatte, war dort schon eingetroffen. Die Häuptlinge geringeren Ranges sassen in grossem Kreise nach orientalischer Sitte auf Matten zu ebener Erde, und am Ende der langen Galerie stand ein Tisch, an dem der Resident, der Adhipatti, der Assistent-Resident, der Kontrolleur und sechs Häuptlinge Platz nahmen. Man reichte Thee mit Gebäck herum, und die einfache Feierlichkeit nahm ihren Anfang.

Der Resident erhob sich und verlas den Beschluss des Generalgouverneurs, nach welchem Max Havelaar zum Assistent-Residenten von Bantan-Kidul oder Süd-Bantam ernannt war, wie Lebak von den Eingeborenen genannt wird. Darauf nahm er das »Staatsblatt« zur Hand, worin der Eidstand, der bei Antritt eines Amtes allgemein vorgeschrieben ist und der besagt:

»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: Assistent-Residenten) gezieme.«

»... dass man, um zur Würde des * * * * ernannt oder befördert zu werden, niemandem etwas versprochen oder gegeben habe, versprechen oder geben werde; dass man unerschütterlich treu sein werde Seiner Majestät dem König der Niederlande; gehorsam den Vertretern Seiner Majestät in den Indischen Regionen; dass man peinlich erfüllen und erfüllen lassen werde die Gesetze und Bestimmungen, die gegeben sind oder gegeben würden, und dass man sich in allem betragen werde, wie es einem guten ... (hier: Assistent-Residenten) gezieme.«

Darauffolgte natürlich das sakramentale: »So wahr mir helfe Gott der Allmächtige!«

Havelaar sprach die vorgelesenen Worte nach. Als einbegriffen in diesen Eid hätte eigentlich betrachtet werden müssen das Gelöbnis: »der eingeborenen Bevölkerung Schutz gewähren zu wollen vor Aussaugung und Unterdrückung«. Denn, indem man schwur, dass man die bestehenden Gesetze und Bestimmungen handhaben werde, brauchte man nur das Auge auf die diesbezüglichen zahlreichen Vorschriften zu wenden, um einzusehen, dass eigentlich ein besonderer Eid hierfür überflüssig sei. Doch der Gesetzgeber scheint der Ansicht gewesen zu sein, dass des Guten nicht zu viel gethan werden könne, wenigstens man fordert von dem Assistent-Residenten einen besonderen Eid, in dem diese Verpflichtung bezüglich des geringen Mannes noch einmal ausdrücklich ausgesprochen ist. Havelaar musste also ein zweites Mal »Gott den Allmächtigen« zum Zeugen anrufen bei dem Gelübde: dass er »die eingeborene Bevölkerung schützen werde vor Unterdrückung, Misshandlung und Erpressung«.

Für einen feinen Beobachter würde es sich der Mühe gelohnt haben, auf den Unterschied zu achten, der in Haltung und Ton einerseits des Residenten und andererseits Havelaars bei dieser Gelegenheit sich zeigte. Beide hattensie einer solchen Feierlichkeit zu mehreren Malen beigewohnt. Der Unterschied, von dem ich rede, lag also nicht in der grösseren oder geringeren Inanspruchnahme bei einer neuen und ungewohnten Situation, sondern er war allein zurückzuführen auf die durchaus entgegengesetzte Richtung der Charaktere und Begriffe dieser beiden Personen. Der Resident sprach wohl etwas schneller wie gewöhnlich, da er den Beschluss und die Eide nur abzulesen brauchte, was ihm die Mühe ersparte, nach seinen Schlussworten zu suchen, aber doch geschah von seiner Seite alles mit einer Würde und einem Ernst, der dem oberflächlichen Zuschauer einen sehr hohen Begriff von der Wichtigkeit einflössen musste, die er der Sache beimass. Havelaar hingegen hatte, als er mit erhobenem Finger die Eide nachsprach, in Gesicht, Stimme und Haltung etwas, das sagen zu wollen schien: »das ist selbstverständlich, auch ohne dieses »Gott der Allmächtige« würde ich das thun«, und wer Menschenkenntnis besass, würde mehr Vertrauen gesetzt haben auf seine Ungezwungenheit und scheinbare Gleichgültigkeit, als auf die würdige Amtsmiene des Residenten.

Ist es nicht in der That lächerlich, zu meinen, dass der Mann, der berufen ist Recht zu sprechen, der Mann, dem Wohl und Wehe von Tausenden in die Hände gegeben ist, sich gebunden erachten würde durch ein paar schöne Worte, so er nicht, auch ohne diese Worte, sich dazu gedrängt fühlt durch sein eigenes Herz?

Wir glauben von Havelaar, dass er die Armen und Unterdrückten, wo er sie antreffen mochte, beschirmt haben würde, auch wenn er bei »Gott dem Allmächtigen« das Gegenteil gelobt hätte.

Darauf folgte eine Ansprache des Residenten an die Häuptlinge, worauf er ihnen den Assistent-Residenten als Oberhaupt der Abteilung vorstellte, sie ermahnte, dass sie ihm gehorsam sein, ihren Verpflichtungen getreu nachkommen sollten und was der Gemeinplätze mehr waren. Die Häuptlinge wurden darauf einer nach dem anderen Havelaar beiNamen vorgestellt. Er reichte jedem die Hand, und die »Installation« war vor sich gegangen.

Man nahm im Hause des Adhipatti das Mittagsmahl ein, zu dem auch der Kommandant Duclari genötigt war. Gleich nach Beendigung desselben bestieg der Resident, der gern noch selbigen Abends in Serang wieder angelangt sein wollte:

—Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.

... wieder seinen Reisewagen, und so kehrte zu Rangkas-Betung wieder eine Stille ein, wie man sie voraussetzt von einer javanischen Binnenstation, die von nur wenigen Europäern bewohnt wurde und überdies nicht an dem Grossen Wege gelegen war.

Die Bekanntschaft zwischen Duclari und Havelaar war bald auf einen angenehmen Ton gestimmt. Der Adhipatti gab zu erkennen, dass er sehr eingenommen sei für seinen neuen »älteren Bruder«, und Verbrugge erzählte später, dass auch der Resident, den er auf seiner Rückreise nach Serang ein Stück Weges geleitet hatte, sich über die Familie Havelaar, die auf ihrem Durchzuge nach Lebak sich einige Tage bei ihm zu Hause aufhielt, sehr günstig ausgelassen hatte. Auch sagte er, dass Havelaar, der bei der Regierung gut angeschrieben stünde, höchstwahrscheinlich schnell in ein höheres Amt befördert oder wenigstens in eine mehr »vorteilhafte« Abteilung versetzt werden würde.

Max und ‚seine Tine‘ waren erst unlängst von einer Reise nach Europa zurückgekehrt und fühlten sich ermüdet von einem Leben, das ich einst sehr eigenartig ein Kofferleben habe nennen hören. Sie erachteten sich also glücklich, nach vielem Umherschwärmen endlich einmal wieder einen Fleck zu bewohnen, wo sie zu Hause sein durften.Vorihrer Reise nach Europa war Havelaar Assistent-Resident von Amboina gewesen, wo er mit vielen Mühsalen zu kämpfen gehabt, weil die Bevölkerung dieses Eilandes in einem gärenden und aufrührerischen Zustande verkehrte, und zwar infolge der vielen verkehrten Massnahmen, die in der letzten Zeitgetroffen wären. Nicht ohne Federkraft hatte er diesen Geist des Widerstandes zu unterdrücken gewusst, doch aus Verdruss über die geringe Hülfe, die man ihm hierin von hoher Hand lieh, und aus Ärger über die elende Verwaltung, die seit Jahrhunderten die herrlichen Regionen der Molukken entvölkert und verwüstet ...

Der sich interessierende Leser suche auf, was über diesen Gegenstand schon im Jahre 1825 von dem Baron Van der Capellen geschrieben wurde; er kann die Publikationen dieses Menschenfreundes im »Indischen Staatsblatt« dieses Jahres finden. Im Zustande jener Gegend ist seit dieser Zeit eine Besserung nicht erfolgt!

Wie dem sei, Havelaar that auf Amboina, was in seinen Kräften lag, doch aus Verdruss über den völligen Mangel an Mitwirkung vonseiten derjenigen, die an erster Stelle berufen waren, seine Bemühungen zu unterstützen, war er krank geworden, und dies hatte ihn bewogen, nach Europa zu verziehen. Strikt genommen, hätte er bei der Wiederplazierung Anspruch gehabt, einen günstigeren Posten zu erhalten als den in der armen, in keiner Weise gut gestellten Abteilung Lebak, da sein Wirkungskreis auf Amboina von grösserer Bedeutung war und er da, ohne Residenten über sich, ganz auf sich selbst gestellt war. Überdies war, schon bevor er nach Amboina verzog, die Rede davon gewesen, ihn zum Residenten zu befördern, und es befremdete hiernach manchen, dass ihm jetzt die Verwaltung einer Abteilung übertragen wurde, die so wenig an Kulturemolumenten aufbrachte, sintemal viele die Bedeutung einer Stellung nach den damit verknüpften Einkünften bemessen. Er selbst freilich beklagte sich darüber durchaus nicht, denn sein Ehrgeiz war keineswegs der Art, dass er hätte betteln mögen um höheren Rang oder grösseren Gewinn.

Und dieses letztere wäre ihm doch gut zustatten gekommen! Denn auf seinen Reisen in Europa hatte er das wenige verausgabt, das er in früheren Jahren erspart. Ja, er hatte Schulden dort hinterlassen und er war also miteinem Wort arm. Doch nimmer hätte er sein Amt als eine Sache des Geldgewinns betrachtet, und bei seiner Ernennung nach Lebak nahm er sich in Zufriedenheit vor, den Rückstand durch Sparsamkeit einzuholen, worin ihn seine Frau, die in Geschmack und Bedürfnissen sehr einfach war, mit grosser Bereitwilligkeit unterstützen würde.

Doch Sparsamkeit war für Havelaar ein schwierig Ding. Was ihn selbst betraf, er konnte sich auf das durchaus Notwendige beschränken, ja, ohne die mindeste Anstrengung konnte er innerhalb dessen Grenzen bleiben. Allein wo andere der Hülfe bedurften, war ihm Helfen und Geben eine wahre Leidenschaft. Er selbst war sich dieser Schwäche bewusst, begründete mit all dem gesunden Verstand, der ihm gegeben war, wie unrecht er thäte, wenn er jemanden unterstützte, wo er selbst mehr Anspruch auf seine eigene Hülfe gehabt hätte ... fühlte dies Unrecht noch lebendiger, wenn auch ‚seine Tine‘ und Max, die er beide so lieb hatte, unter den Folgen seiner Freigebigkeit zu leiden hatten ... er verwies sich seine Gutherzigkeit als Schwäche, als Eitelkeit, als Sucht, gern für einen verkleideten Prinzen sich halten zu lassen ... er gelobte sich Besserung, und doch ... jedesmal, wenn dieser oder jener sich als Opfer eines widrigen Schicksals vor ihm zu gebärden wusste, vergass er alles, um zu helfen. Und das ungeachtet der bitteren Erfahrung von den Folgen dieser durch Übertreibung zum Fehler gewordenen Tugend. Acht Tage vor der Geburt des kleinen Max besass er das Nötige nicht, um die eiserne Wiege zu kaufen, worin sein Liebling ruhen sollte, und kurze Zeit vorher noch hatte er die wenigen Schmuckstücke seiner Frau geopfert, um jemandem Beistand zu leisten, der gewiss in besseren Verhältnissen lebte als er selbst.

Doch all dies lag schon wieder weit hinter ihnen, als sie zu Lebak angekommen waren. Mit heiterer Ruhe hatten sie Besitz genommen von dem Haus, »wo sie nun doch einige Zeit zu bleiben hofften«. Mit einem eigenen Wohlgefallen hatten sie in Batavia die Möbel bestellt, die alles so »comfortable«und gemütlich machen sollten. Sie zeigten sich gegenseitig die Örtlichkeiten, wo sie frühstücken würden, wo der kleine Max spielen sollte, wo der Bücherschrank stehen sollte, wo er ihr des Abends vorlesen würde, was er tags geschrieben, denn er war stets eifrig daran, auf dem Papier seine Gedanken zu entwickeln ... und: »dereinst würde das auch gedruckt werden, und dann würde man sehen, wer ihr Max sei!« Doch niemals hatte er etwas dem Druck übergeben von dem, was in seinem Kopfe umging, weil eine gewisse Scheu ihn erfüllte, die wohl einen Zug von Keuschheit hatte. Er selbst wenigstens wusste diese Scheu nicht besser zu beschreiben, als indem er denen, die ihn zu öffentlichem Auftreten anfeuerten, die Frage vorlegte: »Würdet ihr eure Tochter auf die Strasse laufen lassen ohne Hemd?«

Das war dann wieder eine von den vielen »Schrullen«, die seiner Umgebung das Wort eingaben, dass »dieser Havelaar doch ein sonderbarer Mensch« sei, und wovon ich nicht das Gegenteil behaupte. Doch wenn man sich die Mühe genommen hätte, seinen ungewöhnlichen Ausdruck zu verdolmetschen, so würde man in dieser sonderbaren Frage mit dem Bezug auf die Toilette eines Mädchens vielleicht den Text gefunden haben für eine Abhandlung über die Keuschheit des Geistes, der Scheu empfindet vor den Blicken des interesselos Vorüberbummelnden und sich zurückzieht in sein Gehäuse mädchenhafter Sprödigkeit.

Ja, sie wollten glücklich sein zu Rangkas-Betung, Havelaar und seine Tine! Die einzige Sorge, die sie drückte, waren die Schulden, die sie in Europa zurückgelassen hatten, erhöht um die noch unbezahlten Kosten der Rückreise nach Indien und um die Ausgaben für die Möblierung ihrer Wohnung. Doch Not war keine. Sie sollten doch auch wohl von der Hälfte, von einem Drittel seiner Einkünfte leben können? Vielleicht auch, ja wahrscheinlich, würde er schnell Resident werden, und dann wurde alles leicht und in kurzer Zeit geregelt ...

—Wiewohl es mir arg wider den Strich gehen würde,Tine, wenn ich Lebak verlassen müsste, denn es ist hier viel zu thun. Du musst recht sparsam sein, Beste, dann können wir vielleicht alles uns vom Halse schaffen, auch ohne Beförderung ... und dann hoffe ich lange hier zu bleiben, recht lange!

Nun brauchte ersienicht zur Sparsamkeit anspornen.Siewar wahrlich nicht Schuld daran, dass Sparsamkeit nötig geworden war, doch sie war so in seinIchverschmolzen, dass sie diese Anspornung nicht als einen Tadel auffasste, was sie auch nicht bedeuten sollte. Denn Havelaar wusste sehr gut, dasserallein gefehlt hatte durch seine zu weit getriebene Freigebigkeit, und dassihrFehler—wenn überhaupt ein Fehler auf ihrer Seite zu suchen war—allein darin gelegen hatte, dass sie aus Liebe zu Max alles gutgeheissen hatte, was er that.

Ja,siehatte es gut gefunden, dass er die beiden armen Frauen aus der Nieuwstraat, die niemals Amsterdam verlassen hatten und niemals »aus gewesen« waren, auf dem Haarlemer Jahrmarkt herumführte, unter dem ergötzlichen Vorwande, dass der König ihn betraut habe mit »der Sorge für das Amusement von alten Frauen, die sich so gut betragen hätten«.Siefand es gut, dass er die Waisenkinder aus allen Stiften Amsterdams auf Kuchen und Mandelmilch einlud und sie mit Spielzeug überschüttete.Siebegriff vollkommen, dass er die Logisrechnung der Familie von armen Sängern bezahlte, die nach ihrem Lande zurück wollten, doch nicht gern ihre Habe zurückliessen, wozu die Harfe gehörte und die Violine und der Bass, die sie so nötig brauchten für ihren elenden Betrieb.Siekonnte es nicht missbilligen, dass er das Mädchen zu ihr brachte, das abends auf der Strasse ihn angesprochen hatte ... dass er ihm zu essen gab, ihm Unterkunft bot und das allzu wohlfeile »gehe hin und sündige nicht mehr!« nicht aussprach, bevor er ihr dies »nicht sündigen« möglich gemacht hatte.Siefand es sehr schön von ihrem Max, dass er das Klavier zurückbringen liess in die Wohnung des Familienvaters, den er hatte sagen hören,wie weh es ihm thue, dass die Mädchen »nach dem Bankerott« die Musik entbehren müssten.Siebegriff sehr gut, dass ihr Max die Sklavenfamilie zu Menado freikaufte, die so bitter betrübt war darüber, dass sie auf den Tisch des Auktionators steigen musste.Siefand es natürlich, dass Max den Alfuren in der Minahassa, deren Pferde von den Offizieren der »Bayonnaise« totgeritten waren, dafür andere Pferde wiedergab.Siehatte nichts dagegen, dass er zu Menado und auf Amboina die Schiffbrüchigen der ‚whalers‘, der Walfischfänger, in sein Haus rief und sie versorgte, und sich zu sehr Grandseigneur erachtete, als dass er der Amerikanischen Regierung eine Verpflegungsrechnung vorgelegt hätte.Siebegriff vollkommen, warum die Offiziere beinahe jedes angekommenen Kriegsschiffes grösstenteils bei Max logierten, und dass sein Haus ihnen ihr geliebtes Absteigequartier bedeutete.

War er nichtihrMax? War es nicht wirklich klein, nichtig, war es nicht ungereimt, ihn, der so fürstlich dachte, binden zu wollen an die Vorschrift der Sparsamkeit und des Haushaltens, die für andere gilt? Und zudem, mochte denn bisweilen auch für einen Augenblick keine Übereinstimmung bestehen zwischen Einkünften und Ausgaben, war Max,ihrMax, nicht bestimmt für eine glänzende Laufbahn? Musste er nicht alsbald in Verhältnisse kommen, die ihn in stand setzen würden, ohne Überschreitung seiner Einkünfte seinen grossherzigen Neigungen freien Lauf zu lassen? Musste ihr Max nicht Generalgouverneur werden über das liebe Indien, oder ... ein König? Ja, war es nicht sonderbar, dass er nicht schon König war?

Wenn ein Fehler bei ihr gefunden werden konnte, dann war hier die Schuld, dass sie so sehr eingenommen war für Havelaar, und wenn je, dann galt hier das Wort: dass man viel vergeben müsse dem, der viel geliebt!

Doch man hatte ihr nichts zu verzeihen. Ohne nun die übertriebenen Vorstellungen zu teilen, die sie sich von ihrem Max bildete, ist es doch erlaubt, anzunehmen, dass er einegute Laufbahn vor sich hatte, und wenn diese gegründete Aussicht sich verwirklicht hätte, wären in der That die unangenehmen Folgen seiner Freigebigkeit bald aus dem Wege zu räumen gewesen. Aber noch ein Grund von ganz anderer Art entschuldigte ihre und seine scheinbare Sorglosigkeit.

Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen—damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte—Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.

Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dassdieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.

Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach—und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren—auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein ‚roman intime‘ sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.

Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern—wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen—nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn ‚seine Tine‘ mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstandhängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, ‚die interessante Waise‘ in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«

Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.

Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu führen ist.

Doch sie würdensosparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, als dass er—bei welcher Wendung des Loses immer—die Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles wohl nicht so—hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse—aber es lag in ihrer neuenUmgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, die—mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde—früher Havelaar so oftmals hatten sagen lassen:

—Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht entziehen kann?

Und worauf sie stets geantwortet hatte:

—Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!

Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im Besitz ihres Kindes ...

—O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen Lilien ...

Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an ihrem Hause.Undals abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.

Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über bis zum folgenden Morgen.

Achtes Kapitel.Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt wohnten—denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt—das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung beiseite.Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und esist nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als streue er Kleinodien um sich her, dieihndoch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:—Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.Ich grüsse Euch alle sehr.Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war ich froh im Innersten meiner Seele.Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu seinvorder Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude ist im SchneidendesPadie, den man gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.«Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder gering?Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern lassen: »Zeig’ mir den Platz, wo ich gesäet habe!«Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen lässet, dass alles versengetwerde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will es so!«Doch nicht also in Bantan-Kidul!Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen Tiger sähet auf seinem Wege?Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser Land verlassen haben.Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, vor dem Schatten unserer Haine?Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die Aufständischen erschlägt.Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an seinem Fusse?Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das zu der Frage lockte: »Wo istder Kleine? Jetzt schon will ich das Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber—sei hier nun Absicht oder Natur im Spiel—gerade diese Eintönigkeit verstärkte den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich waren für solche Sprache.Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: »stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders sprechenkann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem oder jenem Buch—aus der Bibel vielleicht—abgeschrieben hatte, worin einLöwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass dieser Baumdastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, dass er nichtandersgesprochen haben würde, auch wenn er niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren—einem der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger Regentschaften—worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:Wie herrlich ist’s, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...Wie freudig schwingt von Höh’ zu Höh’ sich dein Gebet ...Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!Hier schuf ErSelbstsich in Altar und Tempelchören,Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...Und rollend ruft sein Donner:Majestät!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nichtsohätte schreiben können, wenn er nicht wirklich hören undverstehen zu können glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden Bergwänden zurief?Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich so beengt darin fühlte.Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie—mussten die Häuptlinge denken—er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem gelten seine Fragen?«Und es waren welche, die sahenRadhen Wiera Kusumaan, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die Augen zur Erde.»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, das auf demHofspielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den Schoss. Doch der war zu wild,um es lange dort auszuhalten. Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber zu neigen schien.—Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.Hierauf fuhr Havelaar also fort:—Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von seinem Willen.Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, weil er Strafe fürchtet.Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird gethan werden.Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Werwarder Mann, der gestorben ist?« Und man wird sagen:»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch denGrund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch gestorben.«Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir fluchen niemandem!«Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner Frau?«Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, das Eindruck machen musste, fort:—Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer Art ... überErpressungund Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr, m’nheer de Adhipatti?—O nein, m’nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen in Lebak.—Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so anSeelenzahl wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr anempfohlen.Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«——Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie erwartete.—Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, höret einmal!So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.—Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?—Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer gesprochen hatte.—I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon nicht mehr, was ich gesagt habe.—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max gesprochen.—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind wäre.Das that Tine wohl: sie fand es auch!Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« in Beziehung stand. Doch auf einmal—und also im Widerspruch mit dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter—fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden könnten.—O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort ihm wider den Strich ging.—Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut befunden werden.Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:—Aber, M’nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn nun ein Manco sich herausstellt?—Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle—Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem ... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Erselbsthat das Geld nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie’s?Verbrugge schwieg. Er wusste es.—Ich weiss es, fuhr Havelaar fort,ich weiss es! Ist nicht M’nheer Slotering gestorben im November? Nun,den Tag nach seinem Todehat der Regent Volk aufgerufen, umseine Sawahszu bearbeiten ... ohne Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge.WusstenSie’s?Dieses wusste Verbrugge nicht.—Als Kontrolleur hätten Sie es wissenmüssen!Ichweiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den Distrikten—und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten hatte—sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?—Ich habe sie noch nicht gesehen ...—Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die Angaben vom vorigen Monat richtig?Verbrugge schwieg.—Ich will’s Ihnen sagen: Sie warenfalsch! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?Verbrugge schwieg.—Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?—Ja, so ist es.—Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, als er ... wissen Sie’s?—Ja, ich weiss es.—Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie’s?—Ja, ich weiss es.—Viele Glieder seiner Familie—die ja eigentlich nicht in Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat—scharen sich wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?—Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.—Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen siein seinem Namender Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?—Ja, es ist so.—Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es nicht so?—Ja, das ist wahr.—Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang—doch er ist es nicht allein—der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?—Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.—Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört,dasses mein Vorsatz ist, meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.—Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch wasvon heute abgeschieht, fällt untermeineVerantwortung, dafür werdeichSorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich vonIhnenhätte hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute ‚garem glap‘, d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hierschon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?—M’nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.—Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere Menschen, doch was thut das zur Sache?—Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.—Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erzählt?—Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...—Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.—Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einerInitiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.—Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie wollen doch wohl IhrePflichtthun?—Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.—Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben,weil sie davon leben, dass es kein Unrechtgäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich zu Don Quixotes machen zu können und zugleichihreWindmühlen in Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht aufmichwarten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M’nheer Slotering war ein tüchtiger und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie Verbrugge hinhaltend, sagte er:—Wessen Hand ist dies?—Das ist die Hand M’nheer Sloterings.—Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1)Über den Reisbau.2)Über die Wohnungen der Dorfhäuptlinge.3)Über die Eintreibung der Landrentenu. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M’nheer Slotering damit sagen?—Wie kannichdas wissen? rief Verbrugge.—Ichweiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:»12)Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird.(Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerungu. s. w.)«Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:»15)Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteilehiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der Kultur.«Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist.«Was sagen Siedavon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies thaten?—Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.—Und was folgte darauf?—Dann wurde der Regent gerufen: es wurdeabouchiert...—Jawohl,mündlichverhandelt! Und weiter?—Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M’nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig sich erwiesen.—Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...—Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.—Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an den Generalgouverneur wendenwürde. Dies hat er auch den Häuptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.—Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam Unrecht und Willkür gutheissen wird?—Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung einenHäuptlingan.—Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es seinmuss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es seinmuss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedecktenTisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklichsehreinfach war! Duclari, der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.

Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt wohnten—denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt—das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.

Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung beiseite.

Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und esist nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als streue er Kleinodien um sich her, dieihndoch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«

Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.

Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:

—Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!

Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.

Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.

Ich grüsse Euch alle sehr.

Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.

Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war ich froh im Innersten meiner Seele.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.

Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?

Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!

Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu seinvorder Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude ist im SchneidendesPadie, den man gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.«

Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!

Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder gering?

Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«

Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.

Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern lassen: »Zeig’ mir den Platz, wo ich gesäet habe!«

Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen lässet, dass alles versengetwerde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will es so!«

Doch nicht also in Bantan-Kidul!

Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen Tiger sähet auf seinem Wege?

Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.

Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, vor dem Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die Aufständischen erschlägt.

Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an seinem Fusse?

Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das zu der Frage lockte: »Wo istder Kleine? Jetzt schon will ich das Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber—sei hier nun Absicht oder Natur im Spiel—gerade diese Eintönigkeit verstärkte den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich waren für solche Sprache.

Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: »stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders sprechenkann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem oder jenem Buch—aus der Bibel vielleicht—abgeschrieben hatte, worin einLöwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.

Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass dieser Baumdastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.

Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, dass er nichtandersgesprochen haben würde, auch wenn er niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren—einem der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger Regentschaften—worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:

Wie herrlich ist’s, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...Wie freudig schwingt von Höh’ zu Höh’ sich dein Gebet ...Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!Hier schuf ErSelbstsich in Altar und Tempelchören,Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...Und rollend ruft sein Donner:Majestät!. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Wie herrlich ist’s, hier seinen Schöpfer laut zu loben ...

Wie freudig schwingt von Höh’ zu Höh’ sich dein Gebet ...

Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben:

Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht!

Hier schuf ErSelbstsich in Altar und Tempelchören,

Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht,

Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ...

Und rollend ruft sein Donner:Majestät!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nichtsohätte schreiben können, wenn er nicht wirklich hören undverstehen zu können glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden Bergwänden zurief?

Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich so beengt darin fühlte.

Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie—mussten die Häuptlinge denken—er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem gelten seine Fragen?«

Und es waren welche, die sahenRadhen Wiera Kusumaan, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die Augen zur Erde.

»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, das auf demHofspielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den Schoss. Doch der war zu wild,um es lange dort auszuhalten. Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber zu neigen schien.

—Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.

Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.

Hierauf fuhr Havelaar also fort:

—Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von seinem Willen.

Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.

Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, weil er Strafe fürchtet.

Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.

Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!

So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?

Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...

Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?

Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird gethan werden.

Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Werwarder Mann, der gestorben ist?« Und man wird sagen:

»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch denGrund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«

Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch gestorben.«

Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«

Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:

»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«

Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir fluchen niemandem!«

Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!

Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?

Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner Frau?«

Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, das Eindruck machen musste, fort:

—Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer Art ... überErpressungund Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr, m’nheer de Adhipatti?

—O nein, m’nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen in Lebak.

—Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so anSeelenzahl wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr anempfohlen.

Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.

Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«——

Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie erwartete.

—Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, höret einmal!

So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.

—Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?

—Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer gesprochen hatte.

—I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon nicht mehr, was ich gesagt habe.

—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...

Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max gesprochen.

—Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind wäre.

Das that Tine wohl: sie fand es auch!

Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.

Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« in Beziehung stand. Doch auf einmal—und also im Widerspruch mit dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter—fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden könnten.

—O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.

Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort ihm wider den Strich ging.

—Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut befunden werden.

Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:

—Aber, M’nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn nun ein Manco sich herausstellt?

—Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.

Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle

—Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem ... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Erselbsthat das Geld nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie’s?

Verbrugge schwieg. Er wusste es.

—Ich weiss es, fuhr Havelaar fort,ich weiss es! Ist nicht M’nheer Slotering gestorben im November? Nun,den Tag nach seinem Todehat der Regent Volk aufgerufen, umseine Sawahszu bearbeiten ... ohne Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge.WusstenSie’s?

Dieses wusste Verbrugge nicht.

—Als Kontrolleur hätten Sie es wissenmüssen!Ichweiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den Distrikten—und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten hatte—sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?

—Ich habe sie noch nicht gesehen ...

—Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die Angaben vom vorigen Monat richtig?

Verbrugge schwieg.

—Ich will’s Ihnen sagen: Sie warenfalsch! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?

Verbrugge schwieg.

—Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?

—Ja, so ist es.

—Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, als er ... wissen Sie’s?

—Ja, ich weiss es.

—Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie’s?

—Ja, ich weiss es.

—Viele Glieder seiner Familie—die ja eigentlich nicht in Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat—scharen sich wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?

—Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.

—Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen siein seinem Namender Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?

—Ja, es ist so.

—Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es nicht so?

—Ja, das ist wahr.

—Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang—doch er ist es nicht allein—der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

—Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

—Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört,dasses mein Vorsatz ist, meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

—Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch wasvon heute abgeschieht, fällt untermeineVerantwortung, dafür werdeichSorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich vonIhnenhätte hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute ‚garem glap‘, d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hierschon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

—M’nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.

—Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere Menschen, doch was thut das zur Sache?

—Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.

—Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erzählt?

—Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...

—Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.

—Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einerInitiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.

—Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie wollen doch wohl IhrePflichtthun?

—Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.

—Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben,weil sie davon leben, dass es kein Unrechtgäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich zu Don Quixotes machen zu können und zugleichihreWindmühlen in Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht aufmichwarten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M’nheer Slotering war ein tüchtiger und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!

Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie Verbrugge hinhaltend, sagte er:

—Wessen Hand ist dies?

—Das ist die Hand M’nheer Sloterings.

—Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1)Über den Reisbau.2)Über die Wohnungen der Dorfhäuptlinge.3)Über die Eintreibung der Landrentenu. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M’nheer Slotering damit sagen?

—Wie kannichdas wissen? rief Verbrugge.

—Ichweiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:

»12)Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird.(Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerungu. s. w.)«

»12)Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird.(Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerungu. s. w.)«

Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:

»15)Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteilehiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der Kultur.«

»15)Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteilehiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der Kultur.«

Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:

»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist.«

»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist.«

Was sagen Siedavon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies thaten?

—Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.

—Und was folgte darauf?

—Dann wurde der Regent gerufen: es wurdeabouchiert...

—Jawohl,mündlichverhandelt! Und weiter?

—Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M’nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!

Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig sich erwiesen.

—Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...

—Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.

—Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an den Generalgouverneur wendenwürde. Dies hat er auch den Häuptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.

—Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam Unrecht und Willkür gutheissen wird?

—Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung einenHäuptlingan.

—Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es seinmuss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es seinmuss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!

Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedecktenTisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklichsehreinfach war! Duclari, der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.


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