ACHTUNDDREIZIGSTES KAPITEL

ACHTUNDDREIZIGSTES KAPITEL

Ochrida

Die StadtOchridaund der blaue See, an dem sie liegt, galt in der Armee als der Glanzpunkt von Mazedonien. Jeder, der ihn dienstlich hatte sehen dürfen, wurde beneidet, und als im Sommer des Jahres 1918 den Offizieren Erholungsausflüge im Bereich des Kriegsschauplatzes gewährt wurden, war Ochrida das beliebteste Ziel. Das verdiente es auch, denn mit der reizvollen Lage der Stadt verband sich die Schönheit des Sees und ein angenehmes Klima. Dazu kam der Reichtum an historischen Erinnerungen, welcher die Stadt zu einem Nationalheiligtum der Bulgaren machte.

Der Weg nach Ochrida, welcher gewöhnlich eingeschlagen wurde, führte vom Endpunkt der Feldbahn in Lera, am Nordende des Prespasees vorbei über die StadtResna. Diese flach in der Ebene nördlich des Prespasees gelegene Stadt war von reichtragenden, gut bewässerten Feldern und Gärten umgeben. Sie wurde als GeburtsstadtEnver Paschasbezeichnet. Doch war auch sie von vielen Bulgaren bewohnt und oft ein Zentrum nationaler Bewegungen gewesen. Von ihr aus führte eine ganz ordentliche Straße über dasPetrinagebirge, welches in einer Paßhöhe von etwa 900 m überschritten wurde. Dort war ein stattlicher Buchenwald, der in der Höhe von Tannen abgelöst wurde. Auch dies Gebirge machte einen interessanten Eindruck und es wäre eine lockende Aufgabe gewesen, seinen Übergang ins Gebiet des Tomoros zu verfolgen. Doch hieß es diesmal eilen; denn von Ochrida hatten in Resna aufregende Nachrichten uns ereilt.

Die Feinde hatten wieder einmal am schwächsten, westlichen Flügel unserer Stellungen, an der albanischen Grenze, eine Offensive eingeleitet. Diese hatte bei den schwachen österreichischen Truppen, welche diesen Flügel hielten, kaum Widerstand gefunden. Zwei französische Divisionen sollten im Vorrücken sein und hätten schon Pogradeč und damit das Südende des Sees in Händen. So sollte auch dieser See mir nur teilweise zugänglich sein. Da galt es zu eilen, um überhaupt noch Forschungen auf dem See durchführen zu können; denn die Feinde sollten heftig weiter vorstoßen.Einen sehr deprimierenden Eindruck hatte mir der österreichische Kommandant gemacht, den ich im Offiziersheim in Resna auf der Flucht angetroffen hatte. Er hatte offenbar nach seiner Niederlage vollkommen Nerven und Besinnung verloren und war abgesetzt und zurückbefohlen worden.

OCHRIDA, von Osten über die Seebucht.

OCHRIDA, von Osten über die Seebucht.

Sehr gespannt auf die Zustände, die ich inOchridaantreffen sollte, setzte ich meine Fahrt mit möglichster Beschleunigung fort. Die Straße hatte an den Abhängen des Gebirges einen großen Bogen nach Norden gemacht. Bei der Fahrt das Gebirge abwärts verfolgten wir das schöne Tal derOpinčaeine längere Strecke. Dieser starke, klare Bach fließt rauschend zwischen Steinblöcken dem Ochridasee zu; seine malerischen Ufer sind von stattlichen Pappeln und Weiden bestanden. ZahlreicheWasseramselnflogen über sein Wasser von Stein zu Stein, von unserem Wagen aufgeschreckt. Wir hatten auf unserer Fahrt ein gut Stück der römischenVia Egnatiabefahren.

Trotz allen Staubes und der herbstlichen Trockenheit machte die Umgebung vonOchridaeinen freundlichen Eindruck, als die Stadt sich vor uns erhob; ein großer Teil von ihr bedeckte die Hänge eines steil ansteigenden Hügels, die von den Mauermassen einer großen türkischen Festung gekrönt sind. Wie schön leuchtete uns die blaue Fläche des Sees zwischen den weißen Mauern entgegen, als er endlich vor uns auftauchte. Das war nun wirklich ein blauer See. Er war blauer als der Gardasee, so blau wie die Adria oder der indische Ozean. Er versprach mir Wunder von Schönheit, als ich etwas erregt in die belebten, von Truppen wimmelnden Straßen der Stadt einfuhr.

Es war für Mazedonien eine große Stadt, auch zur Zeit meines Besuchs muß sie über 10000 Einwohner beherbergt haben. Das Auto fuhr mich durch die holprigen Straßen bis an den Hafen herunter, wo sich ein prachtvoller Blick auf die weite Fläche des Sees und die blauen Berge eröffnete, die ihn umrahmen.

Ochridaspielt in der Geschichte Mazedoniens eine nicht geringe Rolle. Fast 900 Jahre lang war es der Sitz des bulgarischen Patriarchen. Im 10. Jahrhundert war es die Hauptstadt des damals einen großen Teil der Balkanhalbinsel umfassenden bulgarischen Reiches. Auch der letzte bulgarischeZar Samuelresidierte hier; nach der Vernichtung des bulgarischen Reiches durch den byzantinischen KaiserBasileios II Bulgaroktonosverlor Ochrida jede politische Bedeutung. Aber es behielt fürden Balkan ein großes kirchliches Ansehen, denn sein Erzbischof blieb das unabhängige Oberhaupt der bulgarischen Kirche und nannte sich als solches Patriarch „von ganz Bulgarien, Serbien, Albanien und dem westlichen Meere‟. Das hatte allerdings oft nur bildliche Geltung.

Abb. 269. Oberstadt von Ochrida.

Abb. 269. Oberstadt von Ochrida.

Die historische Bedeutung der Stadt spricht sich in dem Bestand von altbulgarischen kirchlichen Gebäuden aus, an denen Ochrida und seine Umgebung reich ist. Schon gleich bei meiner Ankunft bekam ich den Eindruck des Überwiegens bulgarischer Bevölkerung. Die Namen der Listen des Quartieramtes waren zumeist bulgarisch. Auch mein Quartierwirt war Bulgare mit Namen Kazareff, doch stellten die Frauen des Hauses sich alsAromunenheraus. Die Männer aus ihren Familien waren wegen der Bedrückungen vor Jahren nach Rumänien ausgewandert. Auch die Nachbarn waren Aromunen und in ihrem Haus sah ich die schönste Frau, die ich auf dem Balkan angetroffen habe; es war eine stolze, schlanke Erscheinung mit schönen Gesichtszügen, großen dunklen Augen, braunem Haar und so eigenartig geschmackvoll gekleidet,daß sie auffallen mußte. Ich hatte den Eindruck, daß griechisches oder römisches Blut in ihren Adern fließen müsse.

Außer Aromunen spielen Albaner in der Bevölkerung von Ochrida eine große Rolle; nächst den Bulgaren sind sie an Zahl vorherrschend. Jetzt nach der Besetzung durch die verbündeten Truppen wagten sie sich nicht mehr hervor, früher hatten sie die Christen in Ochrida sehr schlecht behandelt, gequält und geknechtet, wie noch aus Berichten aus den Jahren 1889 und 1904 hervorgeht.

Mein Quartier war besonders schön und günstig gelegen; es war ein großer Saal in einem stattlichen Haus am Hang des Vorgebirges, an welchem die Stadt am weitesten in den See hineinreichte. Aus den großen Fenstern hatte ich einen prachtvollen Blick über einen Teil der Stadt, auf den Hafen und weithin über den See hinaus. Die Einrichtung war die übliche, doch auffallend gut erhalten und reinlich, die Wirte ganz besonders freundlich.

Abb. 270. Hafen von Ochrida mit „Auslegerbooten‟.

Abb. 270. Hafen von Ochrida mit „Auslegerbooten‟.

Verpflegung fand ich in der österreichischen Offiziersmesse, Hilfe für wissenschaftliche Untersuchungen in dem kleinen Laboratorium des österreichischen Lazaretts. Von den Zuständen, die ich dort vorfand, muß ich einiges erzählen, da sie so außerordentlichcharakteristisch sind und deutlich zeigen, warum Österreich im Krieg nicht durchhalten konnte.

Die Offiziersmesse der Österreicher lag dicht am Hafen; sie war nett und sauber eingerichtet; man merkte die Frauenhand, die in ihr waltete. Bei der ersten Mahlzeit lernte ich in der Leiterin eine Grazerin, Tochter eines mir wissenschaftlich bekannten Zoologen kennen, die mit großer Energie nicht nur diese Verpflegungsanstalt in Ordnung hielt, sondern auch mit einer anderen österreichischen Frau tapfer in dem Lazarett mitarbeitete. Abends hatte man Gelegenheit mit den österreichischen Offizieren zu sprechen, welche alle mutloser und zielloser waren als diese Frauen; weniger bereit auszuharren als diese. Offenbar war die Leitung an dieser Front energielos und unfähig gewesen. Malaria und andere Seuchen hatten die Truppen sehr geschwächt; bei vielen Abteilungen waren 60-80% der Mannschaften krank. Die sanitären Maßregeln wurden bei weitem nicht so streng und konsequent durchgeführt als bei den deutschen Truppen.

Zudem bestanden die Truppen aus Kroaten, Dalmatinern und Bosniern, die alle nicht wußten, wofür sie hier kämpfen sollten. Auch die Offiziere waren nur zum Teil gut und tüchtig; es waren schneidige, begabte, tüchtige Männer unter ihnen, aber durchweg spielte die Neigung zu gutem und behaglichem Leben eine allzugroße Rolle. Die Gespräche am Abendtisch zeigten, wie planlos und schwächlich diese Männer meist dachten. Merkwürdig stach von ihnen die Tatkraft und das energische Denken der beiden Frauen ab.

Daß die Front solange sich noch gehalten hatte, war den kleinen deutschen Abteilungen zu verdanken, welche mit Aufopferung trotz großer zahlenmäßiger Unterlegenheit die Feinde aufgehalten hatten, bis deutsche und bulgarische Hilfe herankam. Ein blutjunger Leutnant, der den Ruinenhügel bei Pogradeč gegen eine große feindliche Abteilung mit seinen Maschinengewehren so lange gehalten hatte, bis der Rückzug über den See gedeckt war, saß an dem zweiten Abend bei mir und erzählte in bescheidenster Weise von seinen Erlebnissen. Er war blaß und erregt, bis er den letzten seiner Mannschaft glücklich in Ochrida gelandet wußte.

Unterdessen kamen immer mehr deutsche Truppen an. Auch für ihre Offiziere sorgten die österreichischen Damen; der Stab der neugebildeten Ochridadivision unter ihrem GeneralPosseldt, den wir schon aus dem Hain Mamre kennen, wurde in den erstenTagen in der österreichischen Offiziersmesse mit den österreichischen Offizieren verpflegt. Und alles klappte vorzüglich.

Bald brachte die Division die Feinde am Seeufer im Westen, beiLinzum Stehen und damit war Ochrida gerettet. Für mich war also die Möglichkeit gegeben, meine Arbeiten fortzusetzen. Der Stab verließ bald die Offiziersmesse und siedelte sich in einem kleinen weißen Haus unterhalb meines Quartiers an. Es stand auf einer Terrasse, welche hoch über den See aufgebaut war, zu dem steile Treppen hinunter führten. Das Haus wurde Schloß genannt war, während das Land serbisch war, für den König von Serbien gebaut worden und jetzt im Besitz des Zaren von Bulgarien. Ich werde nie die höfische Komödie vergessen, welche sich um die Verwendung des Schlößchens als Stabsquartier telephonisch und telegraphisch abspielte, bis das Haus schließlich doch vom Stab geräumt werden mußte.

AusFilow.Abb. 270 a. Ostseite der Sophienkirche in Ochrida.

AusFilow.Abb. 270 a. Ostseite der Sophienkirche in Ochrida.

AusFilow.

Abb. 270 a. Ostseite der Sophienkirche in Ochrida.

Während all dieser Ereignisse hatte ich Zeit genug gehabt, mich in der Stadt Ochrida umzusehen und ihre Umgebung zu durchstreifen. Die Stadt verdient eine knappe Beschreibung; denn sie ist in mancher Beziehung recht eigenartig.

Sie ist in der Hauptsache auf zwei Hügeln aufgebaut, welche beide von Ruinen türkischer burgartiger Befestigungen gekrönt sind. Ein großer Teil der Stadt erstreckt sich im Tal bis an den Seestrand und hinter den Hügeln weithin in die Talebene. Steile Gassen mit steinigem holperigem Pflaster führen den Hügel hinan; bis zur Zitadellenruine hinauf ist es eine gehörige Kletterei. Die Häuser in den Straßen sind die üblichen mazedonischen Bauwerke mit den vorragenden oberen Stockwerken, die Gassen meist eng und schattig. Am See wohnen Fischer und Schiffer; am Hafen zieht sich eine lange Reihe großer weißer Gebäude hin, welche damals meist als Büros und Lazarette verwandt waren.

Als muhamedanische Stadt würde man Ochrida nicht ohneweiteres erkennen; Moscheen und Minarets spielen im Stadtbild keine wesentliche Rolle. Vom See aus z. B. sieht man kein einziges Minaret, sie liegen alle im Teil der Stadt hinter dem Kastellhügel. Aber auch die interessanten, alten christlichen Kirchen ragen nicht stark hervor; sie sind relativ klein und bescheiden. Am meisten treten hervor eine neuere viertürmige Kirche ohne besonderen Charakter und ein sehr geschmackloses grelles Schulgebäude, welches ein wertvolles altes Tabernakel verdrängt hat.

Wie bei den meisten mazedonischen Städten bringt auch in Ochrida mehr die Landschaft mit der Fülle der gleichartigen Häuser die malerische Wirkung hervor, als irgend welche Bauprinzipien oder architektonisch hervorragende Gebäude. Bei Ochrida wird die farbige Wirkung des Bildes dadurch erhöht, daß zu den roten Ziegeldächern viele mit gelbgrauen Steinplatten gedeckt hinzukommen. Dabei wirkt natürlich sehr stark der blaue See mit, der immer wieder durch die Gassen emporleuchtet. Sehr eigenartig sind im mazedonischen Städtebild die vielen gleichmäßigen Fenster der Häuser, welche vielfach zu zweien oder dreien gruppiert die Häuserflächen charakteristisch modellieren.

Abb. 271. Unterstadt von Ochrida mit Burgberg.

Abb. 271. Unterstadt von Ochrida mit Burgberg.

Wie von unten die gewaltigen Mauermassen des Kastellsüber die kleinen Häuser der Stadt dominieren, so boten sie auch mit ihren Ruinen, Türmen, Mauerlöchern und Torbögen reizvolle Umrahmungen für die Blicke hinab auf den dunkelblauen See oder die reiche Landschaft. Wie weit die Reste dieser, wie der anderen dieser mazedonischen Burgen, auf die Trutzbauten der bulgarischen Zaren gegen die Byzantiner zurückgehen, und wie weit sie türkischen Ursprungs sind, dürfte schwer zu entscheiden sein. Das Haupttor der Burg soll aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, also aus der Zeit des Zaren Samuel stammen.

Von bulgarischer Kunst in Mazedonien haben wir schon im 24. Kapitel bei der Besprechung des KlostersNeresigehört.Ochridaals jahrhundertelanger Sitz des bulgarischen Patriarchats beherbergt manche Reste altbulgarischer kirchlicher Kunst. Besonders interessant sind die Kirchen Hagia Sofia und Sveti Climent. Erstere liegt nahe dem See, in dem Stadtteil unterhalb des Schlößchens an einem freien Platz. Es ist ein stattlicher Bau, der hauptsächlich aus einer dreischiffigen, gewölbten Pfeilerbasilika besteht, dem ein Querbau mit zwei Seitentürmen westlich vorgelagert ist. Das Innere war recht vernachlässigt. An der Nordwand des Hauptbaues waren weiße Säulen als Rest einer offenen Halle zu erkennen. Immerhin waren Schritte zu einer Restaurierung dieses Nationalheiligtums schon während des Krieges geschehen; so vor allem war ein Teil der Fresken, die in alter Zeit alle Wände der Kirche bedeckten, wieder freigelegt. Die Kirche hatte nämlich während der Türkenzeit als Moschee gedient. In dieser Zeit waren die Fresken übertüncht gewesen. Was man von ihnen vor allem in dem oberen Raum des Querbaues sehen konnte, machte einen sehr interessanten Eindruck.

AusFilow.Abb. 272. Haupttor der Burg von Ochrida. Ende des 10. Jahrhunderts

AusFilow.Abb. 272. Haupttor der Burg von Ochrida. Ende des 10. Jahrhunderts

AusFilow.

Abb. 272. Haupttor der Burg von Ochrida. Ende des 10. Jahrhunderts

Die Kirche scheint prachtvoll ausgestattet gewesen zu sein; darauf weisen in ihr aufgefundene Reste der Marmorumrahmung der Ikonostasis und andere mit Reliefs versehene Marmorplattenhin. Solche sind auch in den türkischen Mimbar eingebaut, dessen außerordentlich reich verzierte Bekrönung ein marmorner Baldachin mit zarten Säulchen und feiner auf den Orient hinweisenden Ornamentik bildet, offenbar die einstige Kanzel der Kirche (Abb. 273).

AusFilow.Abb. 273. Marmorner Oberteil der Kanzel in der Sophienkirche von Ochrida. 14. Jahrh.

AusFilow.Abb. 273. Marmorner Oberteil der Kanzel in der Sophienkirche von Ochrida. 14. Jahrh.

AusFilow.

Abb. 273. Marmorner Oberteil der Kanzel in der Sophienkirche von Ochrida. 14. Jahrh.

Einer späteren Periode gehören die anderen altbulgarischen Gotteshäuser in Ochrida an. Sie entsprechen alsKreuzkuppelkirchendem Typus, den wir inNeresikennen lernten, von dem unsVarosbei Prilep ein Beispiel gab, und der auch sonst in Mazedonien wie in Altbulgarien häufig vertreten ist. So sah ich inTirnowoeine ganze Anzahl von Repräsentanten dieses Typus. In dem zweiten Reich der Bulgaren baute man keine großen Basiliken mehr wie die Sofienkirchen in Sofia und Ochrida. Man baute viel mehr, dafür aber viel kleinere Kirchen, die fast alle Kreuzkuppelkirchen waren und viel reicher ornamental geschmückt waren als die Monumentalbauten des ehrgeizigeren alten Reichs.

Von den Kirchen aus dieser Zeit ist in Ochrida besonders die dem heiligenClimentgeweihte zu erwähnen, Sie liegt oben am Berg und sie ist eine Kreuzkuppelkirche, deren Kuppel auf schweren Pfeilern ruht (Abb. 274). Gerade in der Gegend von Ochrida fanden die beiden Apostel des ChristentumsClimentundNaumeine große Verehrung. Sie hatten im Auftrag des ZarenBorisunter denBulgaren Mazedoniens das Christentum verbreitet, nachdem sie im Jahre 885 nach dem Tode Methodis aus Mähren, wo sie als Schüler Cyrills und Methodis sich entwickelt hatten, an dessen Hof gekommen waren. Leider konnte ich infolge des Vordringens der Feinde das Kloster Sv.Naumbei Pogradeč nicht besuchen, dessen Kirche besonders durch seine Malereien berühmt war, und welche das Grab dieses Heiligen beherbergt. Doch auch in Sv.Climentfanden sich sehr schöne Malereien vor allem am Ikonostas. Ein segnender Christus aus dem 13.-14. Jahrhundert fiel besonders auf (Abb. 275).

AusFilow.Abb. 274. Ostseite der Kirche Sveti Climent in Ochrida. Gebaut 1295.

AusFilow.Abb. 274. Ostseite der Kirche Sveti Climent in Ochrida. Gebaut 1295.

AusFilow.

Abb. 274. Ostseite der Kirche Sveti Climent in Ochrida. Gebaut 1295.

Im KlosterSveti Climenthat seinerzeit der Jenenser ProfessorGelzerfür die Kirchengeschichte des Balkans wichtige Dokumente entdeckt. Wo mögen diese mittlerweile hingeraten sein?

Sehr schön und interessant sind in Sv. Climent auch die Holzschnitzereien und Metallarbeiten, welche überhaupt in den bulgarischen Kirchen eine große Rolle spielen und auch durch die Türkenzeit hindurch eine gute Tradition bewahrt haben.

Von den zahlreichen anderen Kirchen Ochridas möchte ich noch eine erwähnen, welche infolge ihrer malerischen Lage manchem Besucher wie mir in unvergeßlicher Erinnerung geblieben sein wird. Es ist die am westlichen Ende auf einem in den vorragenden Felsenvorsprungerbaute kleine Kirche Sveti Jon, dem heiligen Johannes geweiht. In der Armee wurde sie meist als die Fischerkapelle bezeichnet, wohl wegen ihrer Lage bei den Fischerhäusern am See.

Sv. Jon ist eine kleine Kreuzkuppelkirche aus Haustein mit roten Zwischenlagen von Ziegeln gebaut. Hohe Strandmauern sind auf den schroffen Felsen zu ihr emporgebaut, um die Plattform herzustellen, auf der sie steht. Treppen führen durch diese zu einem felsigen Strand hinab, an welchem ich manches köstliche Bad in dem klaren Wasser des Sees genossen habe. Mächtige alte Bäume ragen vor den Felsen auf und erhöhen die malerische Schönheit des Bildes, welches die Kirche darstellt, die sich wundervoll vom Himmel und dem dunkelblauen Wasser des Sees abhebt, wenn man im Kahn von der Stadt her sich ihr nähert.

AusFilow.Abb. 275. Segnender Christus. Ikone aus der Climentkirche in Ochrida. 13.-14. Jahrh.

AusFilow.Abb. 275. Segnender Christus. Ikone aus der Climentkirche in Ochrida. 13.-14. Jahrh.

AusFilow.

Abb. 275. Segnender Christus. Ikone aus der Climentkirche in Ochrida. 13.-14. Jahrh.

Nicht weniger schön stellt sie sich dar, kommt man über die Felsen den Pfad von der Stadt her zu ihr herabgestiegen. Wiewunderbar hob sich ihr Umriß vom goldglühenden Abendhimmel ab, wenn drüben jenseits der nördlichen Seebucht die albanischen Berge in tiefen blauen und violetten Tönen verdämmerten. Aus der Tiefe rauschte die Brandung des an die Felsen anschlagenden Sees herauf. Weit erstreckte sich der Blick von den Treppen, die zur Kirche führten, oder von dem kleinen über den See hinausgebauten Balkon aus über die weite Fläche des Sees. Wie seltsam flimmerte der Wiederschein des Abendhimmels von den dunkelblauen Wellen, wie zart verschwammen seine Grenzen im fernen Süden; welch schönen Abschluß des Bildes gaben die harmonischen Umrisse des Tomoros und Malisat!

KIRCHE SV. JON AM OCHRIDASEE.

KIRCHE SV. JON AM OCHRIDASEE.

Dr.Nachtsheimphot.Abb. 276. Sveti Climent, St. Clemenskirche in Ochrida auf der Varoshöhe.

Dr.Nachtsheimphot.Abb. 276. Sveti Climent, St. Clemenskirche in Ochrida auf der Varoshöhe.

Dr.Nachtsheimphot.

Abb. 276. Sveti Climent, St. Clemenskirche in Ochrida auf der Varoshöhe.

Auch die Einwohner von Ochrida besaßen Verständnis für die poetische Schönheit der Örtlichkeit. Abends wandelten junge Leute, Liebespaare hier heraus, genossen die Abendstimmung, saßen auf den Felsenklippen und sangen ihre schwermütigen Lieder.

Es war fast der einzige Ort in Mazedonien, wo ich die alten Lieder singen hörte. Hier konnte man auch an Frieden und geruhsame Zeiten denken, wenn die Dämmerung niedersank, der Spiegel des Sees dunkel wurde und nur die Berggipfel und die wandernden Wolken am Himmel noch die letzten roten Gluten der Sonne wiederstrahlten.


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