NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL

NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DER OCHRIDASEE

Der schöne See mit seinen malerischen Ufern bot auch dem Naturforscher manche Probleme und so setzte ich denn alle meine Kräfte daran, von seiner Natur, seiner Tier- und Pflanzenwelt möglichst viel zu erkunden. So streifte ich seine Ufer ab, suchte durch Fischer möglichst viel von seiner Tierwelt zu erwerben und auf eigenen Fahrten sie zu erforschen. Im Jahre 1918 kam mir Dr.Nachtsheimzuhilfe, der einen großen Teil seiner Zeit und Arbeitskraft speziell der Durchforschung der Wasserbiologie Mazedoniens widmete.

Meine Ziele wurden sehr gefördert durch die österreichische Flottille, die den Wachdienst auf dem See unter sich hatte. Ihre Motorboote, Kähne und Fischerboote wurden mir zur Verfügung gestellt, und ich kann die Tüchtigkeit und Schneid ihrer Offiziere und Mannschaften aufs höchste anerkennen. Nicht nur bei der Verteidigung dieser gefährdeten Front, beim Transport unserer Division und ihres Materials haben sie Treffliches vollbracht, auch mir haben sie sehr wesentliche Dienste geleistet.

Der Ochridasee liegt in Meereshöhe von 687 m, also fast 200 m tiefer als der 857 m hoch gelegene Prespasee. Seine Oberfläche erreicht 270 Quadratkilometer gegenüber den 288 des etwas größeren Prespasees. Wie der Prespasee liegt er zwischen hohen Bergen, die sich hier weiter nördlich erstrecken als bei jenem. Seine größte Tiefe, etwa in der Mitte seiner Längenausdehnung, erreicht 285 m, er ist also beträchtlich tiefer als der Prespasee, der nur 54 m als größte Tiefe besitzt.

Der Seeboden fällt an vielen Stellen steil zu größeren Tiefen ab, was an der dunklen Farbe des Wassers erkennbar ist. Nur am Nordende, vor der Stadt Ochrida und ganz im Süden lassen grüne Streifen des Wassers auf seichte Stellen schließen. Vor allem der sandige Nordstrand gegen Struga hin senkt sich langsam ab. Hier, wie in der Bucht südlich von Ochrida wird der See von schmalen Schilfstreifen eingefaßt, die nirgends die Mächtigkeit erreichen, wie am Prespa- und Doiransee.

Vielfach fallen die Felsenufer steil zum See ab, was den malerischen Reiz der Strandlandschaften bedingt. Das ist vor allem direkt nördlich der Stadt Ochrida der Fall sowie auf langen Strecken des Ost- und Westufers.

Von allen Seiten strömen kurze Bäche aus den Bergen dem See zu; ganz kurz ist der Hauptzufluß, derDrin, welcher als richtigerKarstflußin der Nähe des Klosters Sv. Naum als starker Bach entspringt, um sich nach ganz kurzem Lauf in den See zu ergießen. Das entspricht dem im 33. Kapitel geschilderten Charakter des Tomorosgebirges als Karstgebiet. Es ist wohl die Ursache zu der in der Bevölkerung verbreiteten Sage von einer unterirdischen Verbindung des Ochridasees mit dem Prespasee, durch welche man die Niveauschwankungen des letzteren erklären will. Zu einer solchen Annahme liegen aber keine wirklichen Grundlagen vor.

BeiStrugaentströmt derDrin, als relativ mächtiger Fluß, dem See, fließt eine lange Strecke nach Norden, um sich dann nach Westen und teilweise nach Süden zu wenden und südlich des Skutarisees im Dringolf ins Adriatische Meer zu münden.

Die Ufer des Sees lernte ich auf verschiedenen Exkursionen kennen. Ein Ritt in Begleitung von zwei mir mitgegebenen Blücherhusaren führte mich nachStrugaan das Nordende des Sees zum Ausfluß des Drin. An einem Kloster und einigen Dörfern vorbei ging der Ritt in flottem Trab zum kiesigen und sandigen Flachstrand des Sees; nördlich von ihm dehnte sich eine fruchtbare Ebene aus, im Anfang begrenzt von einem seltsamen purpurroten Felsenberg, vor welchem Ruinen eines Dorfes lagen.

An dem Binsenufer flogen vor unsern Pferden, die flott durch das seichte Wasser galoppierten, Kormorane, Bleßhühner und Enten auf. In den Büschen waren, trotz der Herbstzeit, noch zahlreiche Grasmücken in Bewegung. Vor mir lag bald das große DorfStruga, vollkommen eingehüllt in Weiden und Pappeln. Unterhalb des Ortes am Drin liegen ausgedehnte Sümpfe. Diese sind von Weiden, Röhricht und mancherlei Sumpfpflanzen dicht bewachsen; auch Schilf mit seinen braunen Kolben bedeckt große Flächen. Struga war ein in der Armee berüchtigtes Fiebernest.

Im Schatten von Weiden liegen im hier recht breitenDrindie so wohlbekannten breiten Boote mit ihren unförmlichen Seitenwülsten; unterhalb des Dorfes ist die ganze Breite des Flusses durch Zäune und Gatter aus Schilf und Reisig abgesperrt. Zwischenihnen sind Reusen aufgestellt, um die Fische, welche zwischen Fluß und See wechseln, abzufangen. Schon vor vielen Jahren wurden diese Weidengeflechte und die bei ihnen aufgestellten Hütten mit ihren Dächern aus Röhricht von Besuchern erwähnt. So hat sie z. B. der AromunenforscherWeigandim Jahre 1889 gesehen. Dieser erwähnt, daß damals schon die Fischerei in Struga um 100000 M. auf 2 Jahre verpachtet war.

Das muß sie wohl getragen haben; denn während meines Aufenthaltes in Ochrida sah ich oft die Ausbeute enormer Fänge. Nicht selten werden an einem Tag Hunderte von Zentnern von Aalen in Struga erbeutet. Es ist ein imposanter Eindruck, wenn man Haufen von vielen Hundert der armsdicken, mehr als einen Meter langen Fische sich durcheinander winden sieht, wenn ihre weißen Bäuche aufblinken, während sie ihre blauschwarzen Rücken nach unten kehren.

Abb. 277. Bootshafen am Drinaausfluß aus dem Ochridasee.

Abb. 277. Bootshafen am Drinaausfluß aus dem Ochridasee.

Vielerlei kleine und größere Fische sah ich im Wasser umherhuschen, als ich mit meinen Husaren ins Sumpfgelände hineinritt, um mit einem von ihnen, der ein gelernter Fischer war,Krebsezu fangen. Während unsere Pferde an einer trockenen Stelle grasten, zog der Mann sich aus, sprang ins Wasser und holte unter den Pflanzenpolstern an der Uferwand einen ganzen Sack von Flußkrebsen heraus. Während sie anfangs frei herumschwammen und, auf dem Schlamm sitzend, erspäht werden konnten, zogen sie sich bald in ihre Löcher zurück. Auf diese mußte das ganze Ufer und alle Rohrinseln abgesucht werden, was mein Husar sehr geschickt und sachverständig ausführte.

Unterdessen umschwammen ihn Wasserkäfer, Schwimmwanzen und allerhand Getier, zum Glück fehlten aber hier die Blutegel. Libellen vieler Arten umschwirrten uns während unserer Fischerei. Der Krebs stellte sich als eine auch bei uns verbreitete Art desFlußkrebsesheraus (Astacus fluviatilisL.). In der Umgebung herrschte ein reiches Vogelleben. Allerhand Arten von Rohrsängern und anderen rohrbewohnenden Kleinvögeln huschten durch das Schilf.

Abb. 278. Fischsperre in der Drinmündung bei Struga am Ochridasee.

Abb. 278. Fischsperre in der Drinmündung bei Struga am Ochridasee.

In der nächsten Umgebung flogen auf oder ließen sich niederFischreiherundPurpurreiher. Besonders schön zu beobachten war ein ganzer Flug von weißblinkendenEdelreihern.Uferläuferund andere Stelzvögel,Enten,Teichhühnerundviel anderes Wassergeflügel war in Mengen vorhanden. Ich bedauerte sehr, damals keinen Präparator bei mir zu haben; denn ich scheute mich, die Tiere zu schießen, ohne Belegstücke für wissenschaftliche Zwecke mitnehmen zu können.

Eine ähnlich reiche Vogelwelt fand sich auch südlich von Ochrida am Strand des Sees, den ich mit meinen Begleitern nach Wassertieren absuchte. Dabei erwies sich als besonders ergiebig das Ufer und seitlich liegende Tümpel bei Goriza und gegen Sv. Stefan. Dort wurden viele Muscheln aus den GattungenUnioundAnodontagefangen. Auffallend war im See das Massenvorkommen der MuschelDreissensia, welche bekanntlich vor einigen Jahrzehnten eine Wanderung durch ganz Westeuropa vom Osten her gemacht hat und jetzt auch bei uns in Deutschland im Süßwasser heimisch geworden ist. Bemerkenswert war später beim Fang des Planktons, in welch ungeheuren Massen Muschellarven, wahrscheinlich meist solche vonDreissensia, das Wasser des Sees in allen Schichten belebten.

Auch Schnecken aus den GattungenLymnaeusundPaludinawaren in großen Mengen zu finden; dabei allerlei Wasserinsekten, Käfer, Schwimmwanzen und Larven vieler Arten. An den Felsen und Steinen, besonders unterhalb der Kirche Sv. Jon, fanden sich massige Krusten eines Süßwasserschwammes.

Um die Fische des Sees zu bekommen, mußte ich mich mit den am See ansässigen Fischern in Verbindung setzen; denn ich selbst hatte keine Fischereigeräte zur Verfügung. Dazu sollte mir eine Empfehlung eines bulgarischen Politikers dienen, welche dieser mir an den Erzbischof mitgegeben hatte. In dessen Haus wurde ich sehr liebenswürdig empfangen und die Erfüllung meiner Wünsche mir versprochen. Das war aber offenbar in jenen Tagen nicht ganz leicht. Die Stadt war infolge der kriegerischen Ereignisse von Militär überflutet, welches alles Eßbare und damit auch die Fische für sich beanspruchte.

So war es denn wichtig, daß mir ein Polizist zugewiesen war, der die Fischer gut kannte und vor allem in ihrer Sprache sich gut mit ihnen verständigen konnte. Dabei sprach er ganz gut deutsch, mit sehr ausgesprochen österreichischem Akzent. Als ich ihn frug, wo er denn sein Deutsch gelernt habe, erzählte er mir, er sei Jahre lang in Karlsbald und Franzensbad gewesen. Auf meine weitere Frage, was er dort gemacht habe, antwortete er mit spitzbübischem Lächeln: „Ich war dort Honigtürke!‟ Wieso? „Ja,ich stand mit einem Fez oder Turban an der Promenade und verkaufte türkischen Honig. Die meisten Honigtürken in Deutschland und Österreich sind mazedonische Bulgaren. Aber dort ist vorteilhaft Türke zu sein, man setzt einen Fez auf, auch wenn man slavischer Christ ist und die Leute dort können doch türkische und bulgarische Sprache nicht unterscheiden. Wenn man Chef des Geschäfts ist, verdient man viel Geld, weniger als Straßenverkäufer!‟

Dieser Helfer sorgte dafür, daß die Fischer mir Fische aus dem Ochridasee heranbrachten.

Außer denAalengab es auch reichlichKarpfenim See; allerdings so stattliche Exemplare fanden sich hier nicht, wie ich sie seinerzeit im Wardar erbeutet hatte. Von Weißfischen wurden eine ganze Anzahl gebracht, so die mit unseremAitelverwandtenSqualius illyricusH. u. K., undSq. dobulaH. Auch die gleiche Art vonBarben, welche ich im Wardar und seinen Nebenflüssen gefunden hatte, kam hier reichlich vor (Barbus plebejusVal.). Bei Struga hatte ich selbst einen unsererNaseverwandten Fisch, in Italien Stric genannt (Chondrostoma geneiBon.) erbeutet. Dort fingen wir auch denGründling(Gobio vulgarisCw.). In Ochrida selbst wurden die ArtenChondrostoma phoxinusHeck. u.Ch. soettaH. u. K. von den Fischern gebracht.

Eine heimische Erscheinung ist derSchiet(Aspius rapaxAg.), während dielaubenähnlichen, silbrig blinkendenAlburnus alborellaH. u. K. undA. scoranzoidesH. u. K. echt südliche Formen sind. Dasselbe gilt vonLeuciscus adspersusHeck.

Der beliebteste Fisch auf dem Fischmarkt von Ochrida, gerühmt von allen Besuchern der Stadt und in normalen Zeiten weithin versandt, ist dieOchridaseeforelle. Es ist das ein prachtvoller Vertreter der Lachsfische mit allen Vorzügen dieser Gattung, der prachtvollen Färbung wie dem guten Geschmack des Fleisches. In stattlichen 50-70 cm langen Exemplaren sah man das Tier in jenen Tagen manchmal bei den Österreichern und bei den Blücherhusaren auf dem Kasinotisch. DieSeeforelle, von den EingeborenenLatznizagenannt, wird wissenschaftlich alsSalmo dentexHeck. bezeichnet; doch hatSteindachnerdie Form aus dem Ochridasee alsSalmo ochridanusSteind. abgetrennt.

Daß mit diesen 11 Fischarten, von den 14 Arten aus dem Ochridasee, welche frühere Reisende auf dem Fischmarkt von Ochrida konstatiert haben wollen, drei fehlen und dazu vielleichtnoch manche andere, die zu entdecken gewesen wäre, hat seine Ursache in einem seltsamen Mißgeschick. Die große Auswahl von Seefischen, welche durch die Sorge des Erzbischofs für meine wissenschaftliche Sammlung bestimmt war, fiel leider durch Dummheit des Fischers und durch die Energie des Kasinovorstandes des Offizierkasinos der deutschen Division diesem in die Hände und wurde dort verzehrt.

Vor allem von den Seeforellen Ersatz zu schaffen, war in jenen Tagen, also Mitte September, sehr schwer, da sie nur mit komplizierten Apparaten einer Fischerflottille in der Tiefe des Sees gefangen werden konnten, wo sie sich in dieser Jahreszeit aufhielten. Stürmisches Wetter hinderte in den Tagen, die ich damals noch in Ochrida weilte, das Ausfahren dieser Boote.

Andere Forschungen gaben die Möglichkeit, eine Erklärung des Tiefenvorkommens der Seeforelle in diesem Teil des Jahres zu finden. Ich hatte mich mit Apparaten ausgerüstet, um auch in diesem SeePlanktonzu fangen. Um das auch in größeren Tiefen ausführen zu können, hatte ich mir von der Telegraphenabteilung in Prilep Kabel und dünne, feste Stahldrähte in der Länge von mehreren 100 Metern verschafft, mit denen Lotungen und Fänge in größeren Tiefen durchgeführt werden konnten.

Abb. 279. Auslegerboot auf dem Ochridasee.

Abb. 279. Auslegerboot auf dem Ochridasee.

Fahrten auf dem See zum Zwecke solcher Forschungen wurden mehrere noch in diesem Herbst von mir unternommen; im Jahre 1918 übernahm Dr.Nachtsheimdiesen Teil der Untersuchungen. Ich will nur kurz über meine Fahrten berichten, um dann die wesentlichen Resultate unserer Forschungen darzustellen.

Im Hafen von Ochrida, wie in allen Orten am See, lagen jene eigenartigen, schweren Ruderboote, welche für diesen See ganz besonders charakteristisch sind. Es sind breite, plumpe Schiffe mit erheblichem Rauminhalt, welche an beiden Seiten in ausgehöhltenBaumstämmen eine Art von Auslegern besitzen. Sie machen die Boote ziemlich stabil, aber schwer beweglich. Auch sind sie bei hohem Seegang für das Boot durch ihre dünnen Wandungen nicht ungefährlich, da starke Wellen, Anstoß an harte Gegenstände, diese leicht durchschlagen und damit das Boot zum Sinken bringen. Das Rudern ist in ihnen sehr beschwerlich und kommt gegen starken Wind und Wellengang nicht an. Gesegelt wird in diesen Booten nicht, wie denn überhaupt das verschönende Motiv des Segelschiffs auf diesem malerischen See vollkommen fehlte.

BLICK ÜBER DEN OCHRIDASEE. — Im Hintergrund Tomoros und Malisat.

BLICK ÜBER DEN OCHRIDASEE. — Im Hintergrund Tomoros und Malisat.

Mit einem solchen Boot machte ich verschiedene kürzere Fahrten, bei denen vor allem das Plankton der Oberfläche in Landnähe, also über geringeren Tiefen studiert wurde. Das Oberflächenplankton war im Ochridasee meist bräunlich oder braun, Fänge in der Bucht von Struga waren durch Algen grünlich gefärbt. Sehr viel reicher als in den Oberflächenschichten war das Plankton aus Tiefenfängen von 30 m Tiefe ab.

Um solche auszuführen, mußte man weiter auf den See hinaus. Sollte das nicht allzuviel Zeit rauben, so brauchte man dazu die Hilfe eines Motorbootes. In jenen bewegten Tagen standen diese aber nicht zur Verfügung, und da ich im September 1917 noch solche Fänge durchsetzen wollte, mußte ich mich in einem der großen Eingeborenenboote mit einem kleinen Motorkahn hinausschleppen lassen; in letzterem wäre nicht Platz genug für meine Apparate und meine Hilfskräfte gewesen. Dies Motorboot hatte sofort eine Panne und mußte liegen bleiben, während wir uns durch Rudern langsam südwärts arbeiteten. Wir langten schließlich gegenüber Lin vor einem roten Vorgebirge an. Dort ergab eine Lotung eine Tiefe von über 100 m. Darauf wurde ein Fang mit dem Planktonnetz in etwa 80 m Tiefe ausgeführt. Dieser ergab eine ganz riesige Ausbeute; das Glas war mit einem Brei von vielen Tausenden von kleinen Tieren gefüllt, unter denen Krebse vorherrschten, deren Färbung den ganzen Tierbrei paprikarot erscheinen ließ.

Dies Resultat war nicht ohne große Not erreicht. Während wir arbeiteten, erhob sich ein starker Wind von Norden. Er fegte über die Oberfläche des Sees und erregte hohe Wellen. Es war ein prachtvoller Anblick, wie der See sich immer dunkler färbte und die mächtigen Wellen, mit weißen Schaumkämmen gekrönt, sich zu uns heranwälzten.

Vergebens suchten wir durch Rudern gegen diesen gewaltigen Seegang anzukämpfen. Die meterhohen Wellen warfen unserplumpes Boot hilflos umher; es war unheimlich, sie krachend gegen die dünnen Seitenwände anprallen zu hören. Es kostete die größte Mühe, das Boot wenigstens gegen die Wellen zu stellen; ein Rückwärtsrudern nach Ochrida zu war ganz unmöglich. Wir sahen beim Blick gegen das Land, daß wir, statt nordwärts voranzukommen, immer weiter nach Süden abgetrieben wurden. Wir kamen schließlich überPescaniund immer weiter über die feindliche Front hinaus. Das Boot schwankte hin und her, stieg hoch auf die Wogenkämme hinauf, um mit Krachen und Gepolter in die Wellentäler hinabzustürzen.

Die See wurde immer schwerer, die Wellen erreichten eine Höhe von fast zwei Metern. Selbst auf dem Meer hatte ich in kleinem gebrechlichen Boot selten etwas Derartiges erlebt. Schließlich wurde ich sogar seekrank, was mir selbst auf dem Meer unter ähnlichen Umständen nicht passiert war. Zu unserer Freude nahte jetzt unser Motorboot, das repariert worden war. Kaum hatte es, wie toll von den Wellen herumgeworfen, das Tau zu uns herüber geworfen und gerade angefangen unsnordwärtszu fahren, als neue Havarie eintrat. Der Motor versagte, die Leine verfing sich in die Schraube des Bootes, beide Boote taumelten hilflos auf den Wellen umher und stießen wiederholt heftig aneinander.

Die Situation wurde immer kritischer und trotzdem genoß ich den prachtvollen Anblick, als der Matrose des Motorbootes sich auszog und nackt sich ins Wasser stürzte, um zu tauchen und unter Wasser mit einem Messer die Leine aus der Schraube herauszuschneiden. Rot wie ein Krebs tauchte er aus dem indigoblauen Wasser empor. Ich zitterte für sein Leben; aber mit bewunderungswerter Gewandheit brachte er, was er wollte, fertig und stieg heftig atmend ins Boot zurück. Aber bei dem schweren Wogengang kam er nicht mit dem Motor zurecht.

Woge auf Woge brauste gegen uns heran, der Nordwind wurde immer stärker. Der Abend sank hernieder. Leuchtend hoben sich die Wogenkämme von dem schwarzblauen Wasser ab. Rot lag der Abendschein auf den Hängen des Tomoros und seinen Kalkfelsen. So weit waren wir nach Süden getrieben und schon weit hinter den feindlichen Linien. Schon berieten wir, der mich begleitende Husarenleutnant und meine Matrosen, wie wir wohl ans Land kommen und uns durch die feindlichen Linien in der Nacht hindurchschleichen könnten.

Da nahte ein kritischer Augenblick; wir hörten einen Motorarbeiten; aus dem Dunst tauchte ein Patrouillenboot auf. War es feindlich? Sie hielten uns jedenfalls für Feinde; denn sie machten ihre Maschinengewehre klar. Da im letzten Moment erkannte der österreichische Oberleutnant, der das Patrouillenboot führte, mich und sein Boot, das er mir am Morgen geliehen hatte. Wir waren gerettet. Das starke Motorboot nahm uns ins Schlepptau und nun ging es in sausender Fahrt nordwärts gegen den Wind und die Wellen auf Ochrida los. Der Nordwind brauste uns um die Ohren, der Gischt spritzte über uns und unser ganzes Boot. Als wir in Ochrida anlangten und unsere Ausbeute nebst den Instrumenten heil an Land brachten, wartete eine vielhundertköpfige Menge am Kai auf das „erbeutete feindliche Boot‟. Soldaten und Zivilisten waren sehr enttäuscht, daß es nur Gelehrte waren, die da eingebracht wurden. Unsere Fahrt hinter die feindliche Front bildete eine Zeitlang das Armeegespräch an der westlichen Front in Mazedonien.

Eine Reihe harmloserer Fahrten brachten mir und im nächsten Jahr Dr.Nachtsheimdie erwünschten Aufschlüsse über das Plankton des Ochridasees. Es erwies sich als viel ärmer anpflanzlichenBestandteilen als dasjenige des Doiran- und Prespasees. Das hing wohl mit der größeren Tiefe des Sees zusammen.

Das tierische Plankton war dagegen außerordentlich reich. Vor allem in größeren Tiefen enthielt es ein Gewimmel von kleinen Krebsen aus den Gruppen derCopepodenundDaphniden. Dazu kamen große Massen vonMuschellarven, wohl Glochidien der im See so häufigenDreissensia. Die Copepoden gehörten zu den ArtenCyclops strenuusundDiaptomus SteindachneriundD. vulgaris. Von Daphniden sind esBosminen, Arten vonScapholeberisu. dgl.Leptodora, welche im Doiran- und Prespasee häufig vorkam, vermißten wir im Ochridasee.

Von Interesse ist die Tatsache, daß zu der Zeit, in der die Seeforellen in der Tiefe sich aufhielten und dort von den Fischern gefangen wurden, in diesen Tiefen die großen Massen von Planktontieren lebten. So fanden denn die Fische dort ihren gedeckten Tisch, ihre reichen Weidegründe. Die Magenuntersuchung bewies, daß tatsächlich das Plankton zu dieser Zeit ihre Hauptnahrung ist. So zeigt also ihre Verbreitung in den verschiedenen Tiefen des Sees ähnliche Gesetzmäßigkeiten wie sie z. B. für die Fische des Bodensees, besonders für die Felchen nachgewiesen worden sind.


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