ACHTZEHNTES KAPITEL

ACHTZEHNTES KAPITEL

DER TSCHIFFLIK VON BARDOWCE

Überall in der Türkei trifft man herrschaftliche Landbesitzungen, welche weite Strecken fruchtbaren Landes mit einer ganzen Anzahl von Dörfern umfassen. Meist befindet sich im Mittelpunkt des Gebietes, von Mauern eingeschlossen, das Herrenhaus, welches oft die Größe und das stattliche Aussehen eines Schlosses haben kann. In der Regel liegt nahe dabei eines der zum Gebiet gehörenden „Eingeborenendörfer‟.

Abb. 142. Der Tschifflik von Bardowce. Daneben im Hain das Dorf Bardowce.

Abb. 142. Der Tschifflik von Bardowce. Daneben im Hain das Dorf Bardowce.

Solcher Güter gibt es zahlreiche in Mazedonien und auf meinen Spazierfahrten und Ausflügen, die ich in der Umgebung von Üsküb machte, kam ich nicht selten mit meinen bulgarischen Freunden in solche Besitzungen und durch die zugehörigen Dörfer. Die Herrenhäuser waren vielfach zerstört, oft auch zu bulgarischenHeeres- und Verwaltungszwecken in Gebrauch und dann von Militär bewacht. Die Dörfer selbst waren meist in besserem Zustande und im vollen Betrieb fleißiger Landwirtschaft.

Das Land um Üsküb ist sehr fruchtbar und bei richtiger Bewirtschaftung läßt sich aus ihm viel herausholen. Der Wardar liefert das Wasser, welches in Mazedonien das Lebenselement aller Landwirtschaft ist. So kann man in der Umgebung von Üsküb weite Strecken angebauten Landes durchwandern. Im Frühling ist das breite Wardartal eine einzige grüne Fläche. Allerdings die einzelnen Stücke sind selten von bedeutender Größe. Oft ist aber ein Gebiet ziemlich einheitlich mitGerste,WeizenoderRoggenbepflanzt,Haferspielte bei Üsküb eine geringere Rolle.

Später im Jahre begann die Arbeit auf denMais- undMohnfeldern, welche sehr sorgsame Pflege verlangen und nur dann Ertrag bringen, wenn viel Fleiß auf sie verwandt wird. Und das geschieht in der Regel; die Bauern, Männer und Frauen, machten mir in der Üsküber Gegend einen außerordentlich fleißigen Eindruck. Bei Tagesanbruch ziehen sie, mit Proviant versehen, auf ihre Felder hinaus, um erst abends nach Sonnenuntergang heimzukehren. Oft, wenn ich nach dem Abendessen mit den bulgarischen Ärzten noch einen längeren Spaziergang unternahm, von dem wir erst zwischen 10 und 11 Uhr heimkehrten, trafen wir noch arbeitende Bauern und Bäuerinnen draußen auf den Feldern. Die Mittagsruhe, welche die Leute draußen hielten, schien mir nicht sehr lange zu dauern. Abends hatten sie fast immer noch eine gute Strecke bis nach Hause zurückzulegen.

Oft sah ich den Bauer allein auf dem Acker mit seinem primitiven Pflug schaffen. Meist war dieser mit zwei Zugtieren bespannt. Selten waren dies Pferde, in der Regel Ochsen oder noch häufiger Büffel. Die prachtvollen, mächtigen schwarzen Gestalten dieser Tiere hoben sich oft malerisch vom Abendhimmel ab, wenn die schneebedeckten Hänge des Ljubotren in die glühende Luft hineinragten. Das waren unvergeßliche Bilder von großer Schönheit.

Der Pflug wurde wie bei uns an zwei gebogenen Handhaben geführt, welche der Bauer mit beiden Händen faßte. In der rechten Hand hielt er eine lange, dünne Stange mit scharfer Spitze. Mit dieser, dem landesüblichen Ersatz der Peitsche, wurden die Büffel am Nacken und an den Flanken gestochen und gestoßen, wenn sie nicht recht vorwärts wollten. Die Pflugschar war nur ein kurzer, schmaler Eisenhaken, der kaum 25-30 cm in den Bodeneindrang. Trotzdem hatten die Büffel eine tüchtige Arbeit in dem harten, steinigen Boden zu leisten und mußten fest angetrieben werden.

Sie gingen zu beiden Seiten der einfachen Deichsel, welche schief zwischen ihren Köpfen vorragte. Diese stellte die einzige Verbindung mit dem Pflug dar, Stricke und Zügel gab es nicht. An Stelle eines Jochs lag ein vierkantiger langer, schwerer Balken quer über dem Nacken beider Büffel und stand seitlich noch ein Stück heraus. Mit diesem Balken war die Deichsel durch Metall-, meist Kupferspangen, fest verbunden. Räder hatte der mazedonische Pflug nicht.

Die Verbindung der Büffel mit diesem Joch wurde dadurch gesichert, daß unter dem Hals jeden Tieres ein dünnerer, kürzerer Balken dem Querjoch parallel lag; das schwere Joch war mit ihnen durch sechs senkrechte Stöcke fest verbunden. Zwei davon steckten zu beiden Seiten der Deichsel, je zwei bildeten um den Hals der Büffel einen Rahmen, aus dem er nicht herauskonnte und welcher ihre Kraft auf den Pflug übertrug. Schwer und hart lag dies Gestell auf dem Nacken der Tiere, welche meist an den Stellen, an denen das Holz auf ihrer Haut rieb, wund oder mit Schwielen bedeckt waren.

Derselbe wenig schonende, einigermaßen tierquälerische Rahmen diente auch zur Bespannung der üblichen zweiräderigen Bauernwagen. Dieser Karren ruhte auf einer Achse, an der zwei hohe schwere Räder saßen. Es war kein sanftes Fahren in solchen Wagen auf holperigem Feldweg oder querfeldein. Sie wurden zum Transport von allen möglichen Feldprodukten verwandt und um viel Heu, Stroh, Getreide zu fassen, waren sie auf beiden Seiten mit einem hohen Geländer aus spitzen Stangen und Brettern eingefaßt. Das gab diesen Karren ein höchst charakteristisches Aussehen. Selten wurden diese mit Büffeln bespannt; man sah vor ihnen fast immer kurzhörnige kleine Ochsen von gedrungenem Bau (Abb. 143).

So lange die Felder brach lagen, sah man oft Herden von Rindern und vor allem von Schafen unter Aufsicht in der Regel jugendlicher Hirten auf ihnen weiden.

Die Ernte war sehr vom Klima des Jahres abhängig. Dürre war für sie die größte Gefahr. Nur wer bewässern konnte, war von ihr weniger bedroht. Getreide wurde meist noch mit der Sichel geschnitten, kaum je auf dem Feld aufgeschichtet, sondern in kleinen Bündeln nach Hause gefahren. Dort wurde es inquadratischen Gebäuden, primitiven Scheunen aufbewahrt, welche Wände aus Flechtwerk, manchmal auch Lehmwände besaßen. Auch in großen Haufen im Freien aufgeschichtet, sah man es manchmal.

Heu konnte in dem heißen Niederland keines gewonnen werden. Aber wo Gebirge in der Nähe waren, holte man es sich von den Matten herunter. Die verschiedenen Ackerprodukte verlangten ganz verschiedene Behandlung, stets aber viel Arbeit. Das galt besonders vomMohn, der auch bei Üsküb viel gepflanzt wurde.

Es wurde viel und hart auf den Feldern gearbeitet. Die Arbeiter waren meist bulgarische Slaven, was man an ihrer Tracht erkannte und aus den Antworten entnehmen konnte, welche sie auf Ansprache meiner bulgarischen Begleiter gaben. Hier und da sah man auchTürkenauf den Feldern und besonders als HirtenAlbaner.

Abb. 143. Ochsenwagen vor dem Dorf Orman.

Abb. 143. Ochsenwagen vor dem Dorf Orman.

Nicht selten besuchte ich die Dörfer, um Einblick in das Leben dermazedonischen Bulgarenzu gewinnen. Kam man im Frühling während des Tages ins Dorf, so traf man nur alte Frauen und kleine Kinder in den Höfen und Gärten an. Alle anderen waren draußen in den Feldern bei der Arbeit. Ein Dorfsah im Frühling von außen sehr freundlich aus. Meist steckte es tief im Grünen. Hoch ragte eine Gruppe von Pappeln über das Ganze und alle Häuser waren von Obstbäumen eingehüllt. Wenn diese blühten, trug das Dorf sein schönstes Kleid. Kirschen-, Pflaumen- und Apfelbäume spielten die Hauptrolle, dazwischen standen Birnbäume; Aprikosen und Pfirsiche fehlten nicht. Sie hüllten das Dorf in ein Blütenmeer, das es duftig umspann. Am Ende der Blütezeit konnte der Wind Wolken von Blütenblättern über die Dächer wirbeln, die wie Schnee den Boden der Höfe und die Gassen des Dörfchens bedeckten. Hecken umschlossen die einzelnen Häusergruppen. Zwischen ihnen gackerten die Hühner. Am Bach oder Teich des Dorfes trieben sich Gänse und Enten herum, wälzten sich wohl auch Schweine im Schlamm. Es waren die kurzen, hochrückigen, meist schwarzen, mit dichtem Borstenpelz bedeckten Balkanschweine. Die Schafe, Rinder und Pferde waren mit den Menschen draußen. An den Hecken sah man hier und da eine der niemals fehlenden Ziegen knabbern. Feigen- und Granatapfelbäume, die im Süden so häufig gewesen waren, fehlten hier bei Üsküb meistens. Aber auch hier waren die Gärten, welche außen um das Dorf lagen, mitKohl,Tomaten,Paprika,Melonenbepflanzt.Zwiebelnund Lauch spielten eine große Rolle. Hier und da sah man auch hier die schwarzblauenAuberginen.

Im Sommer hingen an den Häusern die grellrotenPaprikaschoten, später auchMaiskolbenan der Sonne zum Trocknen. AuchTabaksblättersah man an den Hauswänden in der Sonne dörren.Tabakspielte im Anbau eine während des Kriegs stets zunehmende Rolle. Mit der Teuerung stieg sein Wert und schließlich pflanzte jeder Bauer, jeder Soldat sich seinen Tabak selbst. Auch große Felder wurden mit ihm angelegt und damit erwuchs dem Bauern neue Arbeit, aber auch eine neue Einnahmequelle.

Ein Haus, dessen Lehmwand von den goldbraunen Tabaksblättern behängt war, an dessen Fenstern die leuchtend roten Paprikaschoten hingen, mit den dunklen Schlagschatten darüber, welche das schwere Strohdach auf die Mauern warf, bot in der Glut der mazedonischen Sonne ein malerisches Bild von exotischem Zauber.

Kam man abends zum Dorf, so hörte man in allen Gehöften Geräusche der Menschen und heimgekehrten Tiere. Die Stiere brüllten, die Pferde stampften, Kinder und Mädchen sangen, die Wagen knarrten mit ihren ungeschmierten Rädern. Auf denziegelgedeckten Haupthäusern jedes Gehöftes rauchten die Schornsteine, hier und da blinkte ein Feuerschein aus einem Haus über den Weg. Hunde kläfften und fuhren dem Fremdling an die Beine. Als die Dämmerung niedersank, konnte man ein absonderliches Schauspiel beobachten. Das Geflügel suchte sich seine Nachtquartiere auf. DieGänseundEntendrückten sich in die Gebüsche und Winkel zwischen den Häusern hinein, begaben sich auch unter die eigenartigen Pfahlbauten, die in den Höfen standen. Am eigenartigsten war aber das Benehmen derHühner. Auf den Höfen gab es kein Hühnerhaus, sie fanden ihr Nachtquartier ganz wo anders. Mit seinem letzten Kikeriki für diesen Tag schwang derHahnsich hoch hinauf auf einen stattlichen Baum. Bald folgten ihm seine Hennen nach und wenn es dunkel wurde, kam eine nach der anderen hinauf zu dem sicheren Nachtaufenthalt. Zu ihnen gesellten sich die Truthähne und -hühner.

Die ganzen Bäume waren dann von den großen Vögeln bedeckt, welche ihren Kopf unter die Flügel steckten und im Dunkel der Nacht wie seltsame Früchte erschienen.

Eines Tages, als ich mit meinen bulgarischen Freunden das DorfOrman(Abb. 143, S.287) besuchte, ließ ich mir von ihnen die Bestandteile eines Gehöftes erklären; um einen Hofraum herum stehen immer eine Anzahl Baulichkeiten, deren Zusammengehörigkeit durch einen sie umfassenden Zaun oder eine Hecke gekennzeichnet ist.

Sie bezeichneten mir das hohe, weißgetünchte Haus im Hintergrund als das Haus der Herrschaft; im Dorf Orman sei es bei seiner einfacheren Ausstattung wohl von dem Verwalter des Herrn bewohnt. Unter ihm stehe das Dorf mit all seinen Gehöften. Das ganz wohnlich aussehende größte Haus im Hintergrunde des Hofs sei das Haus des Vaters oder Großvaters der Familie, die den Hof bewohne. Im Hof standen allerhand Gebäude herum, an deren regelloser Anordnung man erkannte, daß sie nach und nach dem Bedürfnis entsprechend entstanden waren. Manche dienten als Scheunen, andere als Geräteschuppen, Ställe gab es keine. Manche waren aus Balken gebaut, die Wände bestanden aus Flechtwerk, ein mächtiges Strohdach deckte sie. Andere waren aus Lehmziegeln gebaut, selten waren sie einmal weißgetüncht. Während das Vaterhaus ein längliches Gebäude mit einer großen Eingangstüre war, welches mehrere Fenster aufwies und ein rotes Ziegeldach trug, hatten die meisten anderen Gebäude einen quadratischen Grundriß und waren mit Stroh gedeckt. DieVorratshäuser für Stroh und Getreide hatten meist nur einen Eingang, aber keine Fenster, höchstens an einer Seite ein kleines viereckiges Luftloch.

Besonders merkwürdig erschienen mir kleine quadratischePfahlbauten, deren in jedem Hof eines oder mehrere standen. Sie waren meist etwas abseits von den anderen Bauten errichtet. Sie hatten einen Eingang, zu dem eine kleine Leiter hinaufführte. An der Hinterwand hatten sie in der Regel ein einziges kleines Fenster. Meist waren sie aus Flechtwerk gebaut, das mit Lehm beworfen und außen geweißt war. Der Fußboden war auf einem Rahmen aus Balken in ähnlicher Weise hergestellt, und sah einer Tenne ähnlich.

Das Häuschen stand auf vier oder mehr Pfählen, die zum Teil durch schiefe Streben gestützt waren. Das Dach, in Gestalt einer vierseitigen Pyramide war fast ebenso hoch wie die Wände des Hauses und bestand aus mehreren Lagen von Stroh. Die Spitze war, um den Regen abzuhalten, mit einem Deckel überzogen, der aus Geflecht, Reisig oder Holz bestand. Der Querschnitt der Häuschen war quadratisch mit etwa 2½ qm Bodenfläche. Sie waren 4-5 m hoch.

Schaute man in die Hütte hinein, so war sie bei Tag fast immer leer, machte aber den Eindruck eines primitiven Wohnraums. In einer Ecke lag ein Haufen von Decken, offenbar das Schlaflager der Bewohner. An einer Wand stand eine Truhe. Auf dem Boden standen einige Körbe und Schüsseln. Eine Feuerstelle fehlte, der Pfahlbau hatte auch keinen Schornstein, während das Vaterhaus meist deren mehrere besaß. Die Häuschen waren verschieden gut gebaut und in verschieden gutem Erhaltungszustand, reinlicher oder schmutziger, wohlgeordnet oder in wildem Durcheinander, offenbar je nach der Art ihrer Bewohner.

Als ich meine bulgarischen Freunde fragte, was diese Häuschen wohl zu bedeuten hätten, ob das wohl Arbeiterwohnungen seien, zögerten sie einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte der eine von ihnen: „Ja, wenn Sie wollen, Arbeiter- oder Knechtswohnungen, aber anders als Sie meinen. Soll ich es Ihnen klar und deutlich sagen, so muß ich diese Pfahlbauten alsFortpflanzungshäuserbezeichnen.‟

Er sagte dies mit einem eigentümlichen Blick und in einer bitteren Art, die ich sonst nicht bei ihm gewohnt war. Und als ich zuredete, erfuhr ich von meinen Freunden Dinge, die mirzeigten, wie die Bulgaren jahrhundertelang unter dem Joch der Türken gelitten haben müssen und in welch raffinierter Weise die letzteren verstanden, die Kräfte der Unterjochten für ihre Zwecke auszunutzen.

Nachdem sie mir die ganzen Verhältnisse geschildert hatten, fuhren wir nach einigen Tagen nach demTschifflik Bardovcehinaus, wo sie mir an einem typischen, großzügigen Beispiel die Methoden der Türken und ein interessantes Stück mazedonischer Ethnographie vor Augen führten. Ich habe keine Dokumente gesehen und in keinen Büchern eine Bestätigung dieser Angaben gefunden. Ich schildere, was ich sah, und füge dazu die höchst einfache und überzeugende Erklärung, welche meine Freunde mir gaben. Ich habe keine Ursache anzunehmen, daß sie ungenau unterrichtet waren, oder daß politischer Haß sie beeinflußte. Zudem hatte ich allen Grund sie für gut orientiert zu halten, da die Bewohner dieser Dörfer zu ihnen, den Ärzten, als vertrauende Patienten vielfach gekommen waren. Und der gute Arzt pflegt ja ein Beichtvater des Volks zu sein.

Als wir uns dem Herrschaftshaus des GutesBardovcenäherten, fuhr unser Wagen in schlankem Trab durch eine Allee auf einer breiten Straße vor ein weißes Tor mit rotem Ziegeldach vor, welches sich mitten in einer hohen Mauer aus Ziegelsteinen erhob. Wie eine Festung war der Herrensitz von dieser 3-4 m hohen Mauer rings umschlossen. Sie selbst hatte eine Ziegelbekrönung und zeigte keinerlei Schmuck. Über die Mauer schauten hohe Bäume und die steilen, turmähnlichen Schornsteine stattlicher Gebäude heraus.

Wie wohl in alten Zeiten hielten wir vor dem verschlossenen Tor und pochten mit dem metallenen Klopfer an, daß es durch den Hof schallte. Es war aber nicht mehr die Dienerschaft des türkischen Paschas, des einstigen Besitzers, die uns öffnete, es waren bulgarische Soldaten, welche das in den Gebäuden aufbewahrte Armeemagazin bewachten.

Gleich neben dem Tor befand sich das Pförtnerhaus; zur anderen Seite dehnten sich lange niedrige Stallgebäude aus, denen jetzt das Dach fehlte. Das Schloß war geplündert worden und hatte auch sonst manchen Schaden gelitten. Aber wir bekamen doch einen Eindruck von der einstigen Pracht und dem Luxus, den sich der Pascha hier in seinem Landsitz hatte leisten können.

Im vorderen Teil des hier kahlen Hofs ragte ein stattliches, aus verschiedenfarbigen Steinen gebautes zweistöckiges Haus empor. Es hatte eine dreiteilige Fassade; der Mittelteil war zwischen den Seitenflügeln etwas zurückgefaßt und hatte einen rundlichen Umriß. In diesem Teil befand sich das weitläufige Treppenhaus, groß angelegt, durch seine Mitte führte das Hauptportal ins Haus. Zu beiden Seiten schlossen sich an Treppenhaus und Gänge Räume an, die saalartig umfangreich und mit ornamentalen Malereien geschmückt waren, Nischen mit plastischem Schmuck und Wandbrunnen enthielten. Daneben befanden sich Kammern und Schlafzimmer nebst Baderäumen. Ein großer Saal wurde als Speisezimmer bezeichnet. Das Haus war so als das „Selamlik‟, dasMännerhaus, das Wohn- und Repräsentationshaus des Herrn charakterisiert. Wenn die Reste der Ausstattung auch nicht sehr feinen, erlesenen Geschmack verrieten, das Haus mußte, als die Fenster und Türen noch ganz waren, als die Wände mit Teppichen behängt, die Böden mit solchen belegt waren, Divans die Zimmer umfaßten, Tische und andere Möbel sie erfüllten, einen pompösen Eindruck gemacht haben.

Abb. 144. Hofraum des Tschifflik.

Abb. 144. Hofraum des Tschifflik.

DasSelamlikwar früher durch eine schwebende Brücke im oberen Stockwerk mit dem nebenanliegenden etwas kleineren, aber auch recht stattlichen Nebengebäude verbunden. Es war das„Haremlik‟, das Frauenhaus, welches den Harem des Paschas beherbergte. Es war nach allen Seiten durch Mauern von der Außenwelt getrennt, auch sein Hofraum von dem des Selamlik. Rings um dasHaremlikwaren hohe Bäume angepflanzt, welche den Platz vor dem Haus anmutig beschatteten und jeden Blick von der Außenwelt auf die oberen Stockwerke des Hauses verhinderten. Der Bauplan des Hauses entsprach im wesentlichen dem des Selamlik mit seiner Dreiteiligkeit. Auch hier war der Mittelteil ein luftiges Treppenhaus mit weiten Gängen und großen Fensteröffnungen. Die Raumeinteilung war ähnlich wie in dem anderen Haus; auch hier war viel zerstört, immerhin manche reizvolle Holzschnitzerei an Türrahmen und Fenstergittern erhalten. Die holzgeschnitzten Fenstergitter sind ja oft der Hauptreiz der Architektur von türkischen Haremsbauten.

Abb. 145. Selamlik.

Abb. 145. Selamlik.

Auch im Haremshof befanden sich dem Hauptgebäude gegenüber Wirtschaftsbauten, in denen wohl Küche und Dienerinnen untergebracht waren. Ringsum gut von der Welt abgeschlossen war so der Harem, nur zugänglich dem Pascha selbst, der von seinen Räumen aus auf luftiger Brücke direkt in die Räume seiner Frauen gelangte.

Trotz aller Zerstörung machte das Gebäude doch immer noch einen stattlichen Eindruck und man konnte sich wohl vorstellen, wie in ihm einst der Pascha hauste, der Schrecken für alle seiner Untergebenen, der Aussauger des Vilajets Üsküb, der hier seine Reichtümer ansammelte und ein frohes Leben genoß auf Kosten der Einwohner des Landes, deren elende Wohnstätten wir nun im Anschluß an die Besichtigung des Herrenhauses noch einmal genauer uns ansehen wollten.

Das DorfBardowcelag dicht bei dem Schloß, beide am Fuß eines Hügels gelegen, von dem aus man beide übersehen konnte. Trutzig lag das Herrenhaus zwischen seinen hohen Mauern, während die Hütten des Dorfes noch mehr als die des DorfesOrmanin einem Hain stattlicher Bäume verborgen lagen, so daß man von oben nur einzelne Dächer hervorlugen sah.

Abb. 146. Haremlik.

Abb. 146. Haremlik.

Ein wohltuender Schatten umfing uns, als wir durch die Gäßchen bummelten, welche die einzelnen Hofstätten miteinander verbanden. Wir sahen uns einen Hof nach dem anderen an; sie glichen sich sehr untereinander, nur daß die Größe des Elternhauses und die Zahl der Scheunen und Nebengebäude verschieden waren. Im Hof stand wohl ein unbespannter Wagen, Hühner undEnten liefen umher, aber sonst war es still. Die Bewohner waren heute wieder, am Arbeitstag, draußen bei der Arbeit.

Nur einzelne Kinder huschten durch die Zäune, während wir uns ungestört umsahen und meine Freunde mir erzählten und erklärten, was sie von den Zuständen wußten. Das Elternhaus enthielt eine Küche und mehrere Räume mit Betten und anderen Möbeln. Aus ihm schauten mehrere Kinder heraus. Meine Freunde berichteten mir, daß die Leute in den Dörfern zur Zeit der Türken Leibeigene gewesen seien, ohne Freizügigkeit. So gehörten die Bewohner eines Dorfes in der Regel zu ganz wenig Familien.

Abb. 147. Elternhaus.

Abb. 147. Elternhaus.

Der Vater einer Familie hatte ein bestimmtes Stück Land zur Bebauung angewiesen bekommen. Er hatte dieses mit seinen Söhnen und deren Frauen ganz frei zur Verfügung. Es scheint, daß ihm nicht viel in die Art der Bebauung und in die Arbeit hineingeredet wurde. Aber vom Ertrag hatte er die Hälfte an den Herrn abzuliefern, die andere Hälfte stand zu seiner Verfügung. Das sei wenigstens das Verfahren in der letzten Zeit der Türkenherrschaft gewesen. Ob in früherer Zeit andere Sätze üblich waren, konnte ich nicht erfahren. Vielfach hätten sich die Leute dabei nicht schlecht gestanden, natürlich je nach der Arbeitsleistung und dem Ausfall der Ernte. Im Jahre 1918 schien sie nicht schlecht gewesen zu sein, die Vorratshäuser waren wohl gefüllt.Und damals waren ja die Leute unter bulgarischer Herrschaft freie Bauern. Was mag jetzt aus ihnen geworden sein?

Das seltsamste in den Höfen waren dieFortpflanzungshäuser. Nach der Zahl dieser Pfahlbauten konnte man abschätzen, wieviel verheiratete Söhne der Vater in diesem Hof hatte. Manche Höfe hatten nur eines, andere zwei oder drei, selten mehr. Als Zweck dieser Häuser wurde mir bezeichnet, die jungen Eheleute sollten in ihnen ihre Ruhe haben, um Kinder zu erzeugen. In jedem Haus lebte je nur ein junges Paar. Sie hatten nicht zu kochen und keine Haushaltssorgen. So lange die junge Frau ihr Kind stillte, behielt sie es bei sich. War es abgewöhnt, so kam es zur übrigen Kinderschar in das Haus des Großvaters, wo auch die Verpflegung der ganzen Familie besorgt wurde. Das Paar hatte nur für baldige weitere Nachkommenschaft zu sorgen und auf den Feldern mitzuarbeiten. Je mehr solche Häuser also da waren, um so mehr Aussicht auf reichlich Arbeitskräfte. Wahrlich eine raffinierte Methode, unter Ausnützung des unterjochten Volkes die Interessen des Paschas zu fördern. Es gelang mir allerdings nicht, klare Auskunft darüber zu erhalten, ob die Türken die Urheber dieses Verfahrens waren, oder ob alte slavische Sitten dahinter steckten.

Abb. 148. Fortpflanzungshäuser.

Abb. 148. Fortpflanzungshäuser.

Das Resultat schien wenigstens die Methode zu loben; als am Nachmittag die ganze Kinderschar eines Hofes sich vor uns versammelte, zählten wir 14 Kinder von 6-12 Jahren als die Nachkommenschaft der hier wohnenden Paare. Auf meiner Photographie der Kindergruppe erblickt man auf einem Dach im Hintergrund ein Storchennest, wie ein Symbol der Methode (Abb. 149).

Abb. 149. Die Resultate der Methode.

Abb. 149. Die Resultate der Methode.

Die Höfe, die Bewohner und ihre Kinder habe ich noch manches Mal besucht und einiges von ihren Sitten beobachtet. Im Herbst wurde auf dem harten Boden des Hofes das Getreide gedroschen, indem Ochsen und Pferde im Kreis herum getrieben wurden, welche mit ihren Hufen die Körner aus den Ähren trampelten. Dieser altertümliche Ersatz der Dreschflegeln war noch ganz allgemein in Mazedonien verbreitet. Nach der Ernte hörte man überall Peitschenklang, Rufen und Singen der Männer und das Trappen der pflügenden Tiere, die, heftig angetrieben, erst in sich verkleinernden Kreisen, dann nach Umkehr in immer größeren Kreisen an der Leine liefen, welche mitten in dem Getreidehaufen an einer Stange befestigt war (Abb. 130). Meist wirbelte in dieser trockenen Zeit eine mächtige Staubwolke um die Dreschszene auf. Auch bei der bulgarischen Armee wurde so gedroschen und ganz selten sah ich Dreschflegeln oder gar eine Dreschmaschine. Auchhier war dem Ochsen und dem Pferd, welches drosch, in der Regel das Maul nicht verbunden.

Zum Schluß wurde das Stroh weggeschafft, und es blieb ein Haufen von Körnern, Spreu und viel Staub und Steinchen auf dem Boden liegen. Die Körner wurden dann in ebenfalls primitiver Weise von Spreu und Staub getrennt, indem die Masse an windigen Tagen auf eigenartigen Schaufeln in die Luft geworfen wurde. Dabei trennte sich das Schwere vom Leichten. Staub und Spreu flogen davon, während die Körner niederfielen und in Säcke gesammelt wurden, nachdem die Prozedur mehrmals wiederholt worden war. Daß einem beim Zerbeißen des mazedonischen Brotes oft die Zähne knirschten, wird man verstehen.

Abb. 150. Das Dreschen mit Pferden.

Abb. 150. Das Dreschen mit Pferden.

Nicht nur Arbeit gab es in den Dörfern zu beobachten, sondern gelegentlich auch freudige Feste. Als ich eines Sonntags in die Nähe des Dorfes kam, ertönte aus einem Hof dröhnende Musik. Ich erfuhr, daß dort Hochzeit sei und getanzt würde. Auf der gleichen Tenne, wo neulich die Pferde und Ochsen das Getreide ausgetreten hatten, war eine muntere Gesellschaft versammelt. Alle hatten sie ihre schönen, bunten Feiertagsgewänder an, eine fröhliche Stimmung herrschte. In einer Ecke saß die Musik amBoden, eine riesige Flöte quiekte, ein Dudelsack dudelte und als wichtigster Bestandteil der Kapelle erhob eine mächtige Pauke ihr Donnergetöse. Männer und Frauen schwenkten sich im Kreise und Kinder ahmten nebendran ihre Rhythmen nach. Es waren ähnliche Tänze, wie ich sie an anderer Stelle dieses Buches geschildert habe. Ein feierlicher Augenblick war es, als das junge Paar erschien und durch die Reihen der Tänzer hindurchwandelte, auch sie beide in der eigenartigen Tracht der Gegend.

Am Tag vorher hatte die Vorfeier der Hochzeit stattgefunden. Da wurden die Besucher von festlich gekleideten Familienmitgliedern empfangen. Sie kamen mit Eseln und Maultieren an, deren Sättel mit Geschenken beladen waren. An diesem Tag ließ sich die Braut noch nicht sehen; das Haus des Bräutigams war noch ohne Braut. Er empfing Gäste und forderte zum Tanz auf, der auch an diesem Tage bis tief in die Nacht andauerte.

Als Freund und Befreier wurde man von den Leuten meist freundlich begrüßt und mit Kaffee, Rakischnaps und Süßigkeiten bewirtet, kam man zu einer solchen Festlichkeit dazu.

Abb. 151. Der Friedhof von Bardowce.

Abb. 151. Der Friedhof von Bardowce.

Als ich abends über den Hügel nach Üsküb zurückkehrte, trat mir, nachdem ich einen Überblick über den Kreislauf des Lebens eines mazedonischen Bauern gewonnen hatte, noch eindrucksvoll das Symbol seines Abschlusses entgegen. Oben am Hügel über dem Dorf lag derFriedhof des Dorfes, in welchem diefrüheren Bewohner des Dorfes ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Es war ein stimmungsvoller Anblick. Auf dem rasenbewachsenen Rücken des Abhanges zog sich eine stattliche Gruppe von steinernen Kreuzen hin, zwischen denen die eigenartigen Kastengräber der Balkanslaven lagen. Alle Kreuze waren sorgfältige Steinmetzarbeit, sie erhoben sich niedrig über dem Boden, die einen nach links, die anderen nach rechts gebeugt. Man hatte den Eindruck, daß die Bauern mit Liebe und Sorgfalt die Ruhestätten ihrer Toten pflegten.

Ein feiner Abendduft lag über der Landschaft; im Westen ging die Sonne unter. Ihre Strahlen vergoldeten die hellen Kreuze und beleuchteten die mächtigen geballten Wolken, welche am Himmel standen. Ein Bild von wundersamer Farbenpracht breitete sich vor mir aus; stiller Frieden lag über der Abendlandschaft. An einem frischen Grab standen zwei Frauen und ein alter Mann, deren Umrisse sich eigenartig von der farbigen Ferne abhoben. Ich wanderte langsam heimwärts, von Gedanken erfüllt. Ob wohl diesem Volk, diesen mazedonischen Bulgaren, je eine freundliche Zukunft erblüht?


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