Chapter 34

Abb. 200. Ziesel nahe seinem Loch (Citillus citillusL.).

Abb. 200. Ziesel nahe seinem Loch (Citillus citillusL.).

Das Tal selbst gab zu allerhand Beobachtungen Anlaß. Die Präparatoren waren eifrig auf der Vogeljagd, wobei interessante Arten, wie die Ohrenlerche (Chionophilos alpestris balcanicusRchw.), erbeutet wurden (Abb. 201). Im Talgrunde waren zwischen dem kurzen Rasen viele Erdlöcher mit ausgeworfenem Sand zu beobachten, von denen viele vonZieselnbewohnt waren. Dieses fast hamstergroße Nagetier hatte ich in Mazedonien schon oft beobachtet. Er ist ein reizvolles, putziges Tierchen; oft sieht man es, wie ein Murmeltier aufgerichtet vor seinem Erdloch sitzend und Männchen machen, um schnell wie der Wind sich in die Tiefe zu stürzen, sobald es den Menschen bemerkt (Abb. 200).

Abb. 201. Ohrenlerche im mazedonischen Hochgebirge, oben Männchen, unten Weibchen. (Chionophilos alpestris balcanicus(Rchw.)).

Abb. 201. Ohrenlerche im mazedonischen Hochgebirge, oben Männchen, unten Weibchen. (Chionophilos alpestris balcanicus(Rchw.)).

Einige Belegstücke wurden geschossen, um diesen eigenartigen Fundort festzulegen. Es war auffallend, dies Steppentier in so großer Meereshöhe (2000-2200 m) so zahlreich zu finden. In den Ebenen des Wardar bei Hudova und Üsküb hatte ich immer nur einzelne gesehen, hier waren hunderte von Löchern im Talboden und die Tiere ließen sich leicht beobachten, da sie in dieser einsamen Gegend viel weniger scheu waren, als im Tiefland. Die Weibchen waren hier gerade trächtig, also fast 6 Wochen später als im warmen Tiefland. Hier oben müssen sie auch einen viel längeren Winterschlaf halten als unten. Auch die Nahrung mußte bisher sehr mager gewesen sein, denn vor kurzem hatte der Schnee noch das Tal gedeckt. So hatte das Tier hier auch wohl sicher noch keine Vorräte eingetragen, bei welcher Tätigkeit ich es im Wardartal schon viel früher im Jahre beobachtet hatte. Dort hatte ich den Ziesel große Gras- und Heubüschel, größer als er selbst, im Mund im raschesten Lauf einschleppen sehen. Hier auf dem Balkan scheint also der Ziesel seine Vorräte nicht nur in den Backentaschen einzutragen, wie erdas in Rußland tun soll. Die bisherigen Untersuchungen ließen keine Abweichungen von der typischen Form (Citillus citillusL.) erkennen.

EinIltis, der rasch in einem der Bauten verschwand, konnte leider nicht erbeutet werden.

Im Tal war eine Senke stark versumpft, zahlreiche größere und kleinere Tümpel von geringer Tiefe waren da durch das Schmelzwasser des Schnees entstanden; von ihnen waren einige im Austrocknen begriffen, einige wenige schon ganz ausgetrocknet. In diesen Tümpeln und in ihrer Umgebung fand sich eine reiche Tierwelt. Ich beobachtete dort Laubfrösche, Unken, den großen Bachfrosch (Rana ridibundaL.), im Wasser tummelten sich verschiedene Arten von Wasserkäfern (Gaurodytes-Arten), Wasserwanzen und Käferfliegenlarven. Vor allem aber wimmelten einzelne der Tümpel von ungeheueren Massen einerEuphyllopoden-Art (Chirocephalus diaphanus stagnalis); zu vielen Tausenden schwammen die rotgelben Krebschen in langsamer Bewegung in dem kalten Wasser umher. Sie waren in allen Entwicklungsstadien vertreten, auch erwachsene Männchen und Weibchen, welch letztere auch schon reichlich Eier entwickelt zeigten. Die Dauereier dieser Tiere sinken in den Schlamm, der den Boden der Tümpel bedeckt. Ist das Wasser der Tümpel verdunstet, so trocknen die Krebseier mit dem Schlamm aus und können Trockenheit und schwersten Frost überstehen. Füllt neues Schmelzwasser die Tümpel von neuem, so schlüpfen junge Krebschen aus den Eiern aus und erfüllen die entstehenden Gewässer mit neuem Leben. Aus den frisch ausgetrockneten Tümpeln nahm ich Schlammproben mit, um später in der Heimat im Laboratorium dieChirocephaluszu neuem Leben zu erwecken. Es war dieselbeBranchiopoden-Art, welche in den Pepelakseen erst den Larvenzustand erreicht hatte.

VonChirocephalus diaphanussind bisher zwei Rassen beschrieben worden, eine größere und eine kleinere. Unser Fund gehört zur kleineren Rasse, die bisher in Mazedonien noch nicht beobachtet war, während die größere schon einmal im Wardartal gefunden wurde. Sie gilt als eine Art subtropischen Ursprungs, eine Warmwasserform, welche ihr Hauptverbreitungsgebiet im Norden Afrikas hat. Daß sie trotzdem starke Temperaturschwankungen aushält, beweist unsere Beobachtung, daß das Wasser der Tümpel im Begovatal nachmittags bis 22,4° C erreichte, während morgens in der Frühe eine Eisdecke ihre Oberfläche überzog. In denTümpeln lebte außerdem ein KopepodeDiaptomus tatricusWierz., bei welchen die Männchen prachtvoll von Carotin rot gefärbt, die Weibchen aber mit Ausnahme der roten Eier farblos waren. Auch diese Art war neu für Mazedonien.

SOLUNSKA GIPFEL.

SOLUNSKA GIPFEL.

Dem ereignisreichen Tag folgte eine bitterkalte Nacht. Morgens um 5 Uhr maß das Thermometer noch 2° unter Null. Die Zeltbahnen waren dick bereift. Aber uns Bergwanderer grüßte ein wolkenloser Himmel und machte uns den Entschluß leicht, an diesem Tag die Besteigung der beiden Hochgipfel zu unternehmen. Wir stiegen die tiefe Mulde hinan, welche sich vorBegovaundSolunska, wie die beiden Gipfel nach den Aussagen der Einwohner hießen, ausbreitete. Wir hatten Felsblöcke zu überklettern und — wer Latschenwälder der Alpen kennt, wird würdigen, wie schwer es war über die Wurzeln und Äste der sehr stattlichen Legföhren hinwegzuklettern, um durch das Moränenfeld des großen Kars zu gelangen, das sich hier vom Sattel zwischen beiden Gipfeln zu uns erstreckte. Die oberen Mulden des Karhanges waren noch mit ausgedehnten Schneefeldern erfüllt, von denen murmelnde Bäche sich zu kurzem Lauf zwischen den Kalk- und Marmorblöcken des Hanges entwickelten. Beim Aufstieg an die jenseitigen Hänge des Kars verließen wir bald die Latschenzone und kamen in ein fast vegetationsloses felsiges Gebiet. Der Anstieg war an dem kühlen Morgen nicht allzu anstrengend. Die Höhendifferenz von unserem hochgelegenen Lagerplatz bis zu den Gipfeln war ja nicht sehr beträchtlich. Dazu kam, wie in allen von mir besuchten mazedonischen Gebirgen, mochten sie noch so entlegen und einsam sein, das Vorhandensein von Pfaden, die allerdings oft undeutlich waren, selbst verschwanden, um nach einigen hundert Metern wieder erkennbar zu werden. Jetzt war die Gegend ja vollkommen menschenleer; aber im Sommer wurde sie von zahlreichen Hirten mit ihren Herden durchzogen, die alle Pässe überwandern. Auch mögen Schmuggler und Flüchtlinge diese Pfade ausgetreten haben und noch vor kurzer Zeit mochte manche Bande in diesem wüsten Gebirge Zuflucht gesucht und gefunden haben.

Wir stiegen einen Berg hinan, der mit derBegovadurch einen offenbar leicht zu überschreitenden Sattel verbunden war. Als wir höher kamen, wurde der Pfad unerkennbar, wir hatten fest zu klettern über steile Hänge und plattige Gesteine. Rückwärts hatten wir einen schönen Blick in das weite Kar mit seinenKalkfelsen und Marmortrümmern, zwischen denen nach unten immer größere Inseln von Vegetation sichtbar wurden, bis an den unteren Hängen der dunkle breite Gürtel des Latschenwaldes sich ausbreitete. Über das Kar hinaus sahen wir die schwarzen Felsengipfel des Pepelak mit ihren Schneebändern und östlich von ihm den grünen Liseč.

An den Abhängen der Solunska gab es mancherlei typisch alpine Pflanzen. So wuchsen an den Felsen polsterbildende Steinbrecharten mit Blattrosetten, welche eine einheitliche wie ein Mosaik aussehende Fläche bildeten. Die Arten sind noch nicht bestimmt (Abb. 202).

Abb. 202.Saxifragasp. Polsterbildender Steinbrech.

Abb. 202.Saxifragasp. Polsterbildender Steinbrech.

AuchGentiana cruciataL. und die gelbe AkeleiAquilegia aureaJanka wuchsen dort.

Am Rande eines Schneefelds wurden einige Schmetterlinge der GattungMnemosyneaus der Gruppe der Parnassier gefangen. Sie waren offenbar auf dem Flug in die Hochregion begriffen, wie andere Schmetterlinge aus den GattungenVanessaundColias, die mit uns im warmen Sonnenschein gipfelwärts strebten, und die wir dann oben in großen Flügen antrafen.

Überall mußten wir auf dem Weg kleine und große Dolinen umgehen. Wir stiegen zuletzt auf den Westhang der Gipfelregion über kahle Kalkfelsen hinan an einem tiefen Gesteinsspalt, der in eine von Schnee erfüllte Höhle überging. Hier mußten Alpendohlen ihre Brutstätte haben; denn ein großer Schwarm dieser blauschwarzen Vögel mit ihren roten Schnäbeln und gelben Beinen flog lärmend aus der Felsspalte vor uns auf, vergeblich beschossen von unseren ermüdeten Präparatoren (Pyrrhocorax graculusL.).

Wir erstiegen nacheinander die beiden Gipfel der durch einen steilen Grat getrennten Schwesterberge, der Begova und Solunska. Auf jeder der Spitzen des Doppelkegels weilten wir längere Zeit und bestimmten die Höhe des nördlichen Gipfels (Begova) mit 2420 m, den der südlichen Solunska mit 2530 m.

Auf dem Gipfel derSolunskablieben wir über Mittag im schönen Sonnenschein; und während gemessen und photographiert wurde, konnte ich einen Fernblick von wunderbarer Größe genießen. Von der Solunskaspitze hat man einen Rundblick über das gesamte Mazedonien. Den Horizont im Westen begrenzten derSchardakhmit demLjubotrenund derKobeliza, südlich davon der mächtige Kegel desKorabund die blauen Ketten der albanischen Berge. Im Südwesten erkannte man die Kessel, in denen derOchrida-undPrespaseeliegen mußten, daneben denPeristeri. Darüber hinaus lag Dunst auf der Ebene vonSaloniki, aus dem noch einzelne Gipfel aufragten.

In der Mitte des Bildes dehnten sich, Kette hinter Kette, die mazedonischen Mittelgebirge wie ein von Wellen bewegtes Meer. Direkt südlich das Berg- und Talgewirre desBabunagebietes, die von Bergen umsäumte Ebene vonPrilep; ja an deren Grenzen, die man so ferne wähnte, wenn man der umständlichen Reise dorthin gedachte, erkannte man deutlich die Kette der Granitberge, an deren Hang das KlosterTreskowačund die absteigende Kette bis zumVarosberg, jenseits der Ebene die Berghalde, an der die StadtKrusewoliegt.

Mehr gegen Osten verfolgte man, ohne den Fluß selbst zu sehen, den Verlauf des Wardar, das Felsenland vonDemirkapuund fern dahinter die Gebirge derBelasiza, derDudicaundMala Rupa. Seltsam deutlich tauchte im Osten die Ebene umStip, in ihr diese Stadt selbst auf, die sie umgebenden Felsenberge und die vonVeleszu ihr führende Straße.

Ich genoß mit tiefem Empfinden des Glücksgefühls, welches über mich kommt, wenn ich einer schönen, großzügigen Landschaft gegenüberstehe. Wie ein wundervolles Kunstwerk liegt sie vor mir, erfüllt mich und es kann wie ein Rausch über mich kommen. Nun sauge ich sie mit ihrer ganzen Schönheit in mich hinein; sie tritt in mich ein, wird ein Teil meiner Seele.

Dann beginnt es in mir zu schaffen; ich stehe all dieser Schönheit der Welt nicht mehr passiv gegenüber. Ich bemächtige mich ihrer. Ich rahme sie ein, sie wird zum Kunstwerk in mir, mit ihren Schatten und Lichtern, ihren Massen, ihrem Duft, ihren Formen und Farben. So nehme ich sie für alle Zeiten in mich auf, sie kann jeden Augenblick in ihren großen Zügen und mit all ihren Einzelheiten vor mein inneres Auge treten, so, wie ich sie in dem Augenblick des starken Eindrucks erschuf. Und so zwingt sie mich, sie wieder neu zu erzeugen, in der in mir geborenen Form, in Worten oder mit dem Pinsel.

Abb. 203. Gebirgsketten gesehen südwärts vom Solunskagipfel.

Abb. 203. Gebirgsketten gesehen südwärts vom Solunskagipfel.

Das ganze mir bekannte Mazedonien lag im Glanze des Mittags vor mir, mit seinen Bergen und Tälern, Flußläufen und Ebenen in allen Einzelheiten deutlich durch die Klarheit desersten schönen Tages nach dem Regenwetter. Alle Erinnerungen an die Erlebnisse und an die großen Natureindrücke, die ich in diesem weiten Gebiete genossen hatte, lebten in meiner Seele auf. So wurde ich nicht satt, stundenlang in die Ferne zu schauen und mit wohligen Gefühlen im warmen Sonnenschein zu schwelgen.

Nicht minder reizvoll war die nähere Umgebung, die grellen Steinhalden mit ihren blauen Schlagschatten, die Umrahmung durch die ausgedehnten Latschenbestände und jenseits gegen Veles und das Wardartal die grünen, bewaldeten, schöngeformten Berge, auf denen blaue Wolkenschatten wanderten.

Nach der anderen Seite sah man in eine breite U-förmige Talung, welche im Südwesten von sehr stattlichen Karstbergen begrenzt wurde; diese stellen eine Fortsetzung der vomPepelakaus beobachteten Karstkette dar.

Bereichert, in froher Stimmung trat ich den Abmarsch durch die Latschenregion an, nachdem am Gipfel noch eine ganze Anzahl von Schmetterlingen und Dipteren erbeutet worden waren, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten, unter anderenHesperia malvaeL. Von Vögeln wurden in der Gipfelregion außer der Alpendohle die Steindrossel (Saxicola rubetraL.) und der Mauerläufer (Tichodroma murariaL.) beobachtet.

Auch in derLatschenregionwar das Insektenleben an dem warmen Sonnentag erwacht, so daß der Marsch talwärts zum Lager bis zum Abend sich hinzog. Auf dem Grasboden zwischen den Latschen bildeten Gruppen eines schönen Enzians (Gentiana vernavar.aestivalisR. u. Sch.) leuchtend blaue Flecken. Auch sonst war eine reiche Alpenflora hier in der Entwicklung begriffen. An den Felsen klebten die Polster mehrerer Steinbrecharten, von denen eine von dekorativer Schönheit in der Photographie der umstehenden Abbildung festgehalten ist (Abb. 202,S. 406). Es ist eine der typischen polsterbildenden alpinen Arten. Große Begeisterung erregte bei unserm Botaniker der erstmalige Fund derAlpenbärentraubeArctostaphylos uva ursiSprg. im mazedonischen Gebirge.

Im Sumpftal und im Latschengebiet wurden interessante Käfer gefangen, darunter ein zierlicher Dorcadion, silbergrau gefärbt mit schwarzen Flecken, wohl eine neue Art und der RüsselkäferCleonus albicansSchm. Am Sumpf flog der BläulingCallophrys rubiL., während weiter oben in den Felsen der SpannerLarentia turbataHb. gefangen wurde.

Am Nachmittag des nächsten Tages (26. Juni) brachen wir unser Lager in dem schönen, latschenumrahmten Begovatal ab, um noch in einer tieferen Region vor dem Rückmarsch eine Station zu machen. Es ging steil das Abflußtal hinab, in welches früher der Gletscher noch ein Stück hineingereicht hatte. Wir traten nun wieder in das Gneißgebiet ein. Hier bildete sich im Talgrund ein plätschernder Bach, der uns beim steilen Abritt begleitete, dabei sich immer mehr vergrößernd und verstärkend.

Im Anfang des Gneißtales war eine Talmulde reich mit Brennesseln und Disteln bewachsen. Nach den Erfahrungen in den Alpen war dies ein sicheres Anzeichen, daß hier früher einmal eine menschliche Siedelung gewesen sein mußte. Von einer solchen war aber keine Spur mehr zu entdecken, was bei der primitiven Bauart der Sommerwohnungen, welche die Bewohner des Gebirges hierzulande nur für die gute Jahreszeit zu errichten pflegen, nicht verwunderlich war.

In dem steilen Tal mit seinem reichen Pflanzenwuchs flogen viele Insekten. Wir fanden eine schöne große Art des ParnassiersMnemosyne, von dem wir ja Ausflüglern am Solunskahang begegnet waren. Arten von Argynnis, Erebia (E. medusaF.), Geometriden und Arctien nebst Bienen und Wespen gab es in zahlreichen Formen.

Allmählich verschwanden die Latschen; an ihre Stelle trat Buchengestrüpp, das allmählich höher wurde. Gegen Abend langten wir in flottem Trab auf einem grünen Wiesenhügel an, der an seinem unteren Rand von einem prachtvollen Buchenhochwald abgegrenzt wurde. Unsere Pferde wieherten fröhlich, als sie das frische grüne Gras der Matte sahen; ihnen war es ja oben in den Bergen in der Vorfrühlingszone nicht allzu gut ergangen. Hier war in einer Meereshöhe von 1620 m ein sehr geeigneter Lagerplatz für uns gefunden. Ein Bach plätscherte in der Nähe und noch dazu wurde eine Almhütte entdeckt mit großen Hürden für Schafherden, die schon bewohnt war. Das erschien eine gute Gelegenheit unsere Verpflegung zu verbessern. So wurden denn rasch die Pferde abgesattelt, die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer angezündet. Man freute sich allgemein auf etwas mehr Behagen und wärmere Nächte, als wir sie in der Hochregion gehabt hatten.

Die Almhütte, eineMandra, wie man sie hier wie überall, wo Türken regiert haben, benennt, war eine primitive, aber ziemlichgroße Reisighütte, in der eine ganze Anzahl Hirten hausten mit einer großen Schafherde von mehreren hundert Köpfen. Es waren nur Männer und einige Knaben hier oben, Albaner, Türken und Aromunen friedlich beieinander, ein Bild des Völkergemisches Mazedoniens. Der Obersenn, ein Aromune, begrüßte mich sehr freundlich, als ich ihn mit meinem Dolmetscher aufsuchte. Er versprach uns Milch und Käse zu liefern und erzählte manches Interessante. Er berichtete, daß Rehe und Hirsche im Gebiet vollkommen fehlten, während in den Wäldern Wildschweine nicht selten seien. In der Hochregion kämen aber Gemsen vor. Ganz sicher scheint mir letzteres nicht, wenn es auch sehr wohl möglich ist. Es ist jedenfalls sehr auffallend, daß wir keine Gemsen bei unseren einsamen Streifzügen in der Hochregion beobachtet haben. Immerhin ist ja möglich, daß sie sehr selten sind, da ihnen jedenfalls von den Albanern, die geschickte Jäger sind, viel nachgestellt wird.

Vor allem sprach er von denWölfen, die seinen Herden nachstellten, was ich ihm gern glaubte, nachdem ich am Pepelak schon einen prachtvollen alten Wolf erbeutet hatte. Ich ging denn auch nachts auf den Anstand, aber ohne Erfolg. Es war eine helle Mondnacht, in der der Obersenn mich zum angeblichen Wechsel der Wölfe oberhalb des Waldes ins Latschendickicht führte. Ich saß lauernd in den Latschen am Rand einer kleinen Wiese, in deren Mitte er ein Böckchen als Lockmittel angepflockt hatte, während der fast volle Mond rot über dem Berg aufging.

Es war wundervoll am mondüberglänzten Berghang zu sitzen, auf den die dunklen Latschen schwarze Schatten warfen; zwischen ihnen ragten phantastisch geformte riesige Felsblöcke in die Höhe. Ein leichter Wind bewegte die Büsche und trug das Rauschen des Waldes herauf. Ich hörte Grillen zirpen, hier und da die leise Stimme eines Vogels. Aber die Wölfe kamen nicht, ich hörte sie tief unten im Tale heulen, wo die Hunde der Hirten ihnen wütend antworteten. Und als das Böckchen sich auf die Wiese zum Schlafen gelegt hatte und keine Lust mehr zeigte, die Wölfe durch sein Blöken anzulocken und auch mein Führer in seinem Busch ein mörderisches Schnarchen anhob, nahm ich an, daß auch er kein großes Zutrauen auf das Erscheinen der Wölfe habe. Ich entschloß mich, lieber nach dem ermüdenden Tag zu meinem Zelt zurückzukehren. Es war ein wundervoller Weg bergab durch den Buchenwald, durch dessen mächtige Stämmedas Licht des Vollmondes fiel. Ich war aber doch froh, als ich auf der silbern überglänzten Matte zu meinem Zelte gelangte und zwischen 1 und 2 Uhr nachts in einen erquickenden Schlummer fiel.

Die nächsten Tage dienten der Erforschung der Waldregion, welche manches schöne Ergebnis brachte. Von der Mandra führte ein ganz kurzer Pfad durch den Wald aufwärts bis zur Waldgrenze, die hier hochstämmig an die Matten, die von Latschengruppen bestanden waren, stieß. Den Weg kreuzten viele Waldbäche, von üppiger Pflanzenwelt, vor allem Doldenpflanzen, umrahmt. Der Wald bestand aus hochstämmigen, schönen blanken Buchen. Man hätte glauben können, in einem deutschen Walde zu wandern, hätte er nicht so viele Spuren einer barbarischen Behandlung gezeigt. Es war ein trauriger Eindruck, zu bemerken, wie die Bevölkerung hier so gar kein Verständnis dafür hat, den Wald zu hegen und zu pflegen, der für seine Wohlfahrt so wichtig wäre. Wo hier Wald ist, wird ein planloser Raubbau getrieben, niemals planmäßige Ausnützung. Hier verdankte der alte stattliche Wald sein Leben nur dem Umstand, daß der Abtransport des Holzes zu beschwerlich und kostspielig ist, sonst wäre er längst verschwunden.

In der Nähe des Pfades war grausam in ihm gehaust worden. Zahlreiche gefällte Stämme faulten unbenutzt am Boden. Ihnen waren nur die Äste abgeschnitten, die zum Feuermachen geeignet waren. Die meisten stattlichen Stämme waren in der Mitte abgehauen, was einen traurigen Eindruck machte.

Für mich war es reizvoller, tief in den unverletzten Wald einzudringen und die Vogelwelt zu beobachten, die sehr reich war und vollkommen an die unseres Buchenwaldes erinnerte. Spechte, vor allem der Mittelspecht und der Liljefordspecht, viele Meisen, am zahlreichsten die Nonnenmeise, Amsel, Misteldrossel, Singdrossel, Rotkehlchen, Baumläufer, Kleiber und Häher belebten die hohen Hallen des schattigen Waldes.

Vor allem reizvoll war die Grenzregion gegen das Latschengebiet, wo zahlreiche rasenbedeckte Blößen sich am Waldrand einfügten. Hier war in etwa 1700 m Meereshöhe ein außerordentlich reiches Insektenleben.

Auf den Blößen ragten große, seltsam gestaltete Felsblöcke empor, deren einen wir wegen seines pompösen, denkmalähnlichen Aussehens in unseren Gesprächen den Hindenburgfelsen nannten. Vor dem dunklen Hintergrund der Latschen wuchsen auf den WiesenschneeweißeBlattrosetten einer für das Hochgebirge typischenKönigskerze. Es warVerbascum longifoliumTen. Wie zarter weißer Samt sahen die Blätter aus, die sich auch wie solcher anfaßten. Etwas abwärts am Waldrand flogen große Schwärme von Schmetterlingen über den Blumen der Waldwiese. Da war die eigentliche Flugstätte der schönenMnemosyne, die wir in den höheren Regionen nur spärlich angetroffen hatten. Hier gab es schöneArgynnus-Arten, dunkle Geometriden, bunte Bärenspinner, viele Hummeln; solitäre Bienen in großen Massen umschwärmten die Blumen, dazu summten mit ihnen um die WetteBombylidenund andere große bunte Fliegen. Unter den Steinen fanden sich interessante Käferarten, auf den Felsen liefen Sandlaufkäfer herum. Von den Bienen möchte ichAndrena dubitataSchenck und die neuentdeckteOsmia bulgaricaFriese erwähnen. Sehr reichlich waren die Hummeln vertreten, von denen wir allein in dieser Region neun Arten fingen, vor allem Gebirgsformen (vgl. Anmerkungen zu diesem Kapitel).

Abb. 204. Wollige Königskerze zwischen Latschen. (Verbascum longifoliumTen. zwischenPinus montanaMill. subsp.mughusScop.) Golesniza Planina 1800 m. 27. Juni 1918.

Abb. 204. Wollige Königskerze zwischen Latschen. (Verbascum longifoliumTen. zwischenPinus montanaMill. subsp.mughusScop.) Golesniza Planina 1800 m. 27. Juni 1918.

Durch die Luft zogen Raubvögel, Sperber, Bussarde, Weihen, Habichte ihre Kreise. Adler fehlten nicht. Ein schöner Kaiseradler ließ sich auf einem dürren Baume nieder, ließ aber leider keinen zum Schuß nahe genug heran.

Durch die verschiedenen Streifzüge der Mitglieder der Expedition wurde die Eigenart der Bergregion in der Meereshöhe von 1500-1800 m ziemlich eingehend erforscht. Unterhalb der Latschenzone zogen sich hier am Abhang von Begova und Pepelak hochstämmige Buchenwälder, zum Teil abwechselnd mit Weißtannen hin. Zwischen diesen breiteten sich weite Grasmatten aus. An steilen Talhängen traten oft nackte Gneißfelsen in weiter Ausdehnung auf. Den gleichen Charakter besaßen die anschließenden Berge von gleicher Höhe, so der Liseč und die Bergketten, welche sich zwischen dem Gesamtstock der Golesniza und dem Wardartal in der Gegend von Veles hinzogen.

Abb. 205. Schafherde auf Matte unterhalb der Latschenzone.

Abb. 205. Schafherde auf Matte unterhalb der Latschenzone.

Die großen Grasflächen dienten als Viehweiden, in dieser Höhe vorwiegend für Schafe, von denen Herden von vielen Hunderten bis Tausenden beobachtet wurden. Die Hirten versorgtenuns auch reichlich mit Butter, Käse und Milch, was alles von den Schafen stammte. Abends wurden die Schafe zum Melken in die Sennhütten getrieben. Sie wurden in Hürden gejagt, von denen sie einzeln durch einen schmalen Durchgang zu den fünf Melkern gelangten, deren jeder ein Schaf mit grober Hand erfaßte und schief über ein Gestell von Brettern und Latten stellte, daß es nicht davonlaufen konnte. Dann wurde die wenige Milch, die ein Schaf liefert, mit drei bis sechs energischen Melkzügen am Euter in Holzeimer gespritzt, worauf sofort ein neues Schaf an die Reihe kam. Der ganze Betrieb war auffallend gut organisiert. Jugendliche Albanerknaben brachten immer rasch frische Schafe heran und nahmen die gemolkenen Tiere weg, die dann stumpf und ruhig, mit gesenkten Köpfen in der Hürde standen, ehe sie wieder auf die Weide gelassen wurden. So vollzog sich die Arbeit auffallend rasch und planmäßig, nicht ohne Geschrei der Leute und ein wildes Gebelle der vielen großen Hunde, welche zum Hüten der Herden dienten. Es waren schöne große Hunde, vom Typus der Schäferhunde mit zottigem Fell, die hier benutzt wurden. Meist werden sie von ihrem Herrn sehr schlecht behandelt, sind daher bissig, feig und für den einsamen Wanderer nichtungefährlich. An ihren Herrn sollen sie sehr anhänglich sein, sie machen überhaupt den Eindruck einer vorzüglichen Rasse.

Dr.Grippphot.Abb. 206. Die Hirten in der Mandra Sribatschan.

Dr.Grippphot.Abb. 206. Die Hirten in der Mandra Sribatschan.

Dr.Grippphot.

Abb. 206. Die Hirten in der Mandra Sribatschan.

In der Mandra dampfte die Milch in großen Töpfen, in denen sie zu dem vorzüglichen Kiselo Mleko, der Sauermilch, dem Yogurth zubereitet wurde. Es wurde auch gebuttert und Käse hergestellt. Die Produkte wurden von hier mit Lasttieren in etwa einem Tagesmarsch nach Veles gebracht.

Abb. 207. Bauern in Kiselawoda beim Schafmelken.

Abb. 207. Bauern in Kiselawoda beim Schafmelken.

Der Rückmarsch, nach Abbruch des Lagers, führte uns am Nachmittag des 28. Juni durch Buchenwälder und malerische Schluchten über den Kamm, welcher dasBegovamassivmit demLisečverbindet. Unsere Absicht, letzteren noch zu besteigen, mußten wir aufgeben, da wir die Entfernungen unterschätzt hatten. Der Proviant für die Mannschaften ging auf die Neige, ebenso der Hafer für die Pferde. Auch waren am letzten Abend Abgesandte der bulgarischen Opcinabehörden in der Mandra angelangt, welche Einspruch erhoben, daß den Bundesgenossen in der Sennerei deren Produkte verkauft wurden. Da wir unsere wesentlichen Ziele erreicht hatten, beschloß ich auf dem Paß nach Südosten den Abstieg anzutreten und am nächsten Tage Üsküb wieder zu erreichen.

Im Walde wurden noch zahlreiche Schnecken gesammelt, Nacktschnecken und Clausilien. Die Waldbäche beherbergten auch eine reiche Fauna, vor allem Larven von Trichopteren und Perliden, deren Imagines auch vielfach herumflogen, viel gejagt von der häufigenLacerta muralis, der Mauereidechse. Im Wasser der Bäche fanden sich zahlreiche Larven des gefleckten Salamanders (Salamandra maculosa), der sich also hier in einer Höhe von 1800 m fast genau zur selben Zeit fortpflanzt wie in Deutschland. Von den zahlreichen Wasserwanzen seienVelia rivulorum,Limnotrechus lateralisvar.costae,Notonecta glaucavar.furcataund eineCorixa-Art erwähnt. Auch die Alpenplanarie (Planaria alpina) fehlte diesen Bergbächen nicht, wie denn dies Eiszeitrelikt in den mazedonischen Bächen eine regelmäßige Erscheinung ist.

Während wir jenseits des Lisečkammes abstiegen, kamen wir durch malerische Waldgruppen und weite Wiesenflächen. Auf letzteren weideten große Viehherden, als wir etwa auf 1000 m Höhe herabgekommen waren, mehrten sich die Herden von Rindern und Pferden. Trotzdem begegneten wir wenig Menschen und diese waren ausschließlich Türken und Albaner.

Der Charakter der Landschaft änderte sich, je tiefer wir herabritten. Es war ein Gebiet von großer eigenartiger Schönheit. Gruppen mächtiger Bäume, zum Teil von riesigen Ausmaßen, wechselten mit Buschwerk und grünen Wiesen. Auf weiten Flächen standen wieder die schlanken Asphodelos (Asphodelus albusWilld. undAsphodelina luteaReichenb.), die hier jetzt schon am Verblühen waren. Große Bestände von Farnen bedeckten den Waldboden.

Es war geradezu eine Parklandschaft, in der meist alte Buchen, dazwischen Eichen, Eschen und Ulmen in schönen Gruppen die Ausblicke umrahmten, die wir zunächst auf das verlassene Gebirge genossen. Bald aber öffnete sich vor uns der Blick in das Tal derKadina Reka. Dies Flüßchen strömte raschen Laufes durch ein enges, auf den Hängen bewaldetes Tal. Der Talgrund war grün von Wiesen und Feldern, zwischen denen vereinzelte, sehr sauber aussehende türkische Bauernhäuser standen. Ein Dorf konnten wir aber in der ganzen Gegend nicht wahrnehmen. Über dem Kadinatal erhoben sich jetzt im Glanz der Nachmittagssonne die vom Wardartal so wohlbekannten stattlichen Gipfel vonKitkaundOstri.

Rasch ritt jetzt die Karawane den Hang hinab zum Ufer der Kadina Reka; am Einfluß eines stattlichen Nebenbaches schlugen wir auf einer üppigen Wiese unser letztes Lager auf. Der Nachmittagwurde noch zu Beobachtungen und Sammlungen ausgiebig ausgenutzt. Das Kadinatal ist eine üppige Gegend, voll interessanter Pflanzen und Tiere, so daß Zoologen und Botaniker noch reichlich Beute machten, während für den Geologen hier weniger zu suchen war.

Wasserstareflogen über das rauschende Wasser der Kadina; die Wiesen am Ufer waren von einer bunten Blütenpracht bedeckt; die Ochsenzunge (Anchusa hybridaTem.) spielte da eine große Rolle. Die Berghänge waren von Buchenbüschen dicht bestanden, zwischen denen Weißdorn und andere Dornbüsche vorkamen. Am Fluß erhoben sich stattliche Ulmen, Weiden und andere Bäume. Im Grase hüpften zahllose Heuschrecken und über den Wiesenblumen schwangen sich im stolzen Flug Perlmutterfalter, während dunkle Erebien und Bläulinge in Menge auf den Blüten saßen. Als die Zeltbahnen ausgelegt und die Zelte aufgestellt wurden, sammelten sich unter ihnen viele Laufkäfer einer großen, schönen Art. Um die Zelte flogen „Landlibellen‟, Vertreter einer buntgefärbten Ameisenlöwenart aus der GattungAscalaphus.

Hier brauchten wir nachts im Zelt nicht mehr zu frieren; wir waren bis auf 870 m herabgestiegen und näherten uns wieder dem Gebiet des Sommers. Unsere Pferde genossen die üppige Weide und meine Mannschaften waren sichtlich froh, daß mit dem Proviant nicht mehr gespart zu werden brauchte. Mit leichter bepackten Pferden erfolgte am Morgen des 29. Juni der Abmarsch, zunächst die Kadina abwärts, auf dicht umbuschten, etwas halsbrecherischen Pfaden über dem Fluß, der wieder durch einen Engpaß brach. Ehe die Kadina in scharfem Winkel nach Osten zum Wardar abbog, verließen wir ihr Tal und erklommen auf steilem Pfad einen Paß, der in der bisherigen Richtung des Flußlaufes fast gerade nach Süden über einen Kamm führte, der vom Ostri bis hier herüber reichte.

Es war eine anständige Leistung nicht nur unserer mazedonischen Tragtiere, sondern vor allem unserer deutschen und rumänischen Reitpferde, uns diese steile Paßstraße hinaufzutragen. Im eigentlichen Europa hätte man sein Pferd am Zügel hinaufgeführt. Hier hatten sich unsere deutschen Pferde so an die Erfordernisse der mazedonischen Gebirge gewöhnt, daß sie freiwillig ein flottes Tempo anschlugen und mit sicherem Schritt alle Schwierigkeiten des Pfades, der oft wie eine steile Treppe den Berg hinaufführte, überwanden.

Oben auf dem ganz schmalen Paß empfing uns eine bulgarische, aus Albanern gebildete Wache, welche den Übergang beaufsichtigte. Wir wurden von der bunten, verlumpten Gesellschaft,die einer irregulären Bande angehörte, freundlich aufgenommen und rasteten da oben eine kurze Weile neben den Reisighütten und Lagerfeuern der wilden Kerle.

Dann ritten wir sehr steil einen Hang hinab, der durch ein ziemlich breites Tal an den Hängen des Ostri entlang, unterhalb des DorfesPaligradnach Crvenavoda führt. Die Wand des Bergs, an dem wir entlang ritten, fiel steil in ein schon recht trockenes, felsiges Tal ab. Die Pflanzenwelt des Gebirges hatten wir schon verlassen; die Vegetation wurde allmählich wieder mazedonisch; zwischen trockenem, rotgelbem Boden erhoben sich niedrige Büsche. Es eröffneten sich vor uns schöne Ausblicke in die Hügel- und Bergketten der Brazda und Rudina Planina. Vor dem Dorf Crvenavoda (Rotwasser) kamen wir an zwei kreisrunden, flachen Becken vorbei, welche wie Pfannen im lehmigen Boden eingesenkt waren. In der Mitte jeder Pfanne strudelte ein Strom perlenden Wassers hervor. Es waren Mineralquellen, welche offenbar, nach den roten Niederschlägen zu schließen, Eisen und unzweifelhaft Schwefel enthielten. Die Luft ringsumher war von starkem Schwefelduft erfüllt.

Ohne uns lange aufzuhalten, setzten wir unseren Ritt steil bergab fort und stiegen nun bald in das Gebiet des altbekannten Markovatales ab. Nun wurde es allmählich wieder gehörig warm, der Himmel war wolkenlos und die mazedonische Sonne brannte unbarmherzig auf uns herab. Die warmen Hüllen, Decken und Mäntel, die oben in den Bergen so notwendig gewesen waren, hatten wir längst auf den Tragtieren verladen.

Vor uns dehnte sich die breite Mulde des unteren Markovatales aus, das wir jetzt von seiner Nordseite ganz im Unterlauf des Baches, nahe seiner Mündung in den Wardar durchqueren wollten. Wieder hatten wir die vom Wasser zerrissene und modellierte Landschaft eines mazedonischen Flußtales vor uns. Von allen Seiten sah man tiefe, steile Schluchten die Berge und Hügel hinab dem Bach zustreben, dem durch sie alle Gewässer des Gebietes zugeführt wurden. Mehr und mehr machte sich die Trockenheit des Gebietes auf den Hügelpfaden und auf den Halden, die wir hinabritten, geltend. Die Pflanzenwelt wurde immer geringer; die Kulturpflanzen der Äcker, die Hecken überwogen. Menschen und Pferde wurden durstig und begannen sich nach Wasser und Schatten zu sehnen.

So strebten wir an dem türkischen OrtKolicanevorbei einem in einem Ulmenhain gelegenen malerischen türkischen Friedhofzu, in welchem der Schatten der Bäume uns anlockte. Aber leider gab es dort in der ganzen Gegend kein Wasser.

So ritten wir denn lieber nach Kolicane zurück, einem am Bergabhang malerisch gelegenen Städtchen, an dessen Rand sich auch ein Ulmenhain mit Resten eines alten Friedhofes befand. Dort fanden wir, wie vorauszusehen, Wasser für die Pferde und schönen Schatten. Hier hielten wir Mittagsrast und kochten ab, umringt von den türkischen Einwohnern des Ortes, deren Knaben uns bereitwilligst Wasser heranschleppten.

Trotz aller Müdigkeit wurde auch hier noch beobachtet und gesammelt. Im Hain standen zahlreiche fast meterhohe Büsche von zwei gelbblühenden Korbblütlern, Alantarten, nämlichInula hirtaL. undI. salicinaL. Unser Botaniker, Prof.Bornmüller, prophezeite, daß da auch der Bastart zwischen beiden wachsen müsse; und richtig, kaum 5 Minuten suchte er, so hatte er ihn in zahlreichen Exemplaren gefunden.

Nachmittags ritten wir über einen Höhenrücken in die weite Mündungsebene des Markovabaches, dann am Wardar entlang auf guter Landstraße auf Üsküb zu. Wieder ragte vor uns der Wodno mit seinen im Abendschein scharf hervorstechenden Rinnen und Kanten auf. Wir überblickten den Weg, den wir vor 10 Tagen bergwärts zurückgelegt hatten.

Auf der Straße mußten wir einen schlanken Trab anschlagen, denn ein nahendes Gewitter zog am Berg entlang. Der Wind wirbelte bereits ungeheure Staub- und Sandwolken auf. Kurz vor der Stadt Üsküb faßte uns noch das Gewitter und so ritten wir in strömendem Regen in guter Ordnung in die Stadt ein. Am Abmarschplatz löste sich die Karawane auf. Ich führte noch die Pferde und Mannschaften über die Wardarbrücke durch die ganze Stadt zum Zitadellenberg, wo Pferde und Leute im Heerespferdedepot vollzählig und wohlbehalten wieder abgeliefert wurden.

Dann rückte ich persönlich mit meinem braven Burschen in mein nahegelegenes Quartier bei den bulgarischen Freunden wieder ein, müde und hungrig nach den anstrengenden Tagen.

Nach einem erfrischenden heißen Bad saß ich abends behaglich bei meinen Freunden und erzählte befriedigt von den wundervollen Natureindrücken und den interessanten wissenschaftlichen Beobachtungen, welche dieses schöne Stück Mazedoniens mir beschert hatte.


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