SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL

STIP UND DAS OVČE POLJE

In Mazedonien gibt es auch echteSteppe, und zwar Grassteppe. Nie allerdings erreicht sie eine sehr große Ausdehnung und immer wieder schwanken ihre Grenzen, indem das Kulturland bald in ihr Gebiet vordringt, bald vor ihr zurückweicht. Glich im heißen Spätsommer 1917 schon ein großer Teil Südmazedoniens einer Steppe, so war das mit der Hochebene beiStipin noch viel höherem Grade der Fall. Ich habe sie nur flüchtig kennen gelernt, doch will ich ihrer Eigenart eine kurze Darstellung widmen.

Von Veles steigt eine prächtige Landstraße am linken Wardarufer in einigen eleganten Kurven auf die Hochebene hinauf, um auf ihr fast eben zu verlaufen. Sie führt in einem flachen Bogen direkt ostwärts nach der StadtStipund von da über Radovista und Strumiza weiter. Sie wurde noch in türkischer Zeit von französischen Ingenieuren ganz vorzüglich gebaut.

Ist man den Talhang des Wardar hinauf gelangt, so dehnt sich weit nach Osten vor einem die Hochebene und verschwimmt in der Ferne in blauem Dunst. Sie ist in der Hauptsache flach und am 30. August war sie von graugelbem dürrem Gras bedeckt. In der Ferne erhoben sich einzelne steilumrissene Bergblöcke, Granitlakkolithe zu einer Höhe von etwa 450 m und damit etwa 250 m über der Hochfläche. Ein solcher Felsenberg oder vielmehr eine Gruppe von solchen bildet das Skelett der StadtStip.

Stip, auchIstibgenannt, eine malerische Stadt, an derBregalnizagelegen, ist die Hauptstadt des Gebietes, welchesOvče Polje, dasSchafsfeld, genannt wird. Die Bregalniza kommt von Nordosten und strömt noch etwa 6 Kilometer über Stip in dieser Richtung weiter; dann biegt sie nach Einmündung der Lakaviza in rechtem Winkel nach Nordwesten ab, um nach 12 Kilometern eine ebenso energische, rechtwinkelige Umbiegung in ihrer früheren Richtung zu machen, um ihrer Mündung in den Wardar, kaum 6 Kilometer oberhalb Gradsko, zuzustreben. Im Oberlauf durchströmt die Bregalniza ein weites Sumpfgebiet bei Koschana, welches durch seine Reisfelder berühmt ist.

Es war Steppe mit ihrer ganzen Öde und ihrem ganzen Reiz, die ich hier durchfuhr. Im Anfang kamen wir noch durch abgeerntete Getreidefelder, Weinberge, Melonenfelder und weite Grasflächen, zwischen denen wesentlich von Türken bewohnte, ärmliche, halbzerstörte Dörfer lagen. Hier hatten die Balkankriege gehaust. An der Straße lag ein großes bulgarisches Militärmagazin, in dem ein gut Teil der Ernte des Gebietes zusammengeschleppt war. Wichtig war dies Stück Steppe offenbar den verbündeten Heeren für die Beschaffung von Heu. Wie Kirchen oder Paläste groß und hoch erhoben sich Haufen von Stroh und Heu in der Ebene, die oft 100 m lang und 20-30 m breit sein mochten. Lange Züge von heu- und strohbeladenen Wagen, bespannt mit Ochsen oder Büffeln, begegneten uns auf der Straße auf ihrer Fahrt nach dem Wardartal.

Auf der Fahrt fielen mir Anzeichen des Aufschwunges, des Unternehmungsgeistes im Land auf. Einige türkische Landbesitzer hatten, was hier in der weiten Ebene sicher rationell war, Dampfpflüge und andere landwirtschaftliche Maschinen genossenschaftlich angeschafft und einen Großbetrieb eröffnet, der offenbar schon seine Früchte getragen hatte.

Hier war alles auf große Maßstäbe angelegt. Das galt auch von der sehr charakteristischen Tierwelt, die hier zu beobachten war. Sie war hauptsächlich durch Heuschrecken vertreten, welche zu vielen Tausenden im Gras hüpften und fraßen und deren Zirpen die Luft mit einem mächtigen Gebrause erfüllte. Es waren viele Arten von allen möglichen Färbungen und Größen. Die einen gelb, die anderen grün; hellbraune, rotbraune, dunkelbraune bis schwarze gab es, andere waren grau, wieder andere zeigten Flecken verschiedener Farben. Manche schwirrten mit geräuschvollem Flug in die Höhe und entfalteten dabei rote, blaue, gelbe, schwarzgefleckte Hinterflügel. Andere krochen still und geräuschlos am Boden zwischen den Gräsern dahin.

Unter ihnen spielte eine kleine, gelbe Form von Gespensterheuschrecken (Ameles decolorCharp.) eine große Rolle; sie fingen Bläulinge und andere kleine Schmetterlinge. Die großen Arten der Heuschrecken hielten sich vorwiegend an die Pflanzen. Da gab es bis zu 10 cm lange, den Wanderheuschrecken ähnliche Formen. Ganz seltsam in der Gestalt waren dieSaga-Arten, welche bald grün, bald gelbbraun gefärbt waren.

Daß Käfer, Tausendfüßler, Skorpione nicht fehlten, braucht kaum hervorgehoben zu werden. Dazu kamen eigenartige Spinnen,von denen, der Insektenmenge entsprechend, einzelne Arten in sehr viel Individuen auftraten.

So war die Silberspinne (Argiope lobataPallas) und ihre schwarzgelb gefärbte nahe Verwandte (A. brunichiiScop.) hier sehr häufig. Hier war schon das Nahen des Herbstes zu bemerken; denn die Weibchen waren eifrig beim Verfertigen von Eikokons, die schneeweiße Gewölbe darstellten, die mit Zipfeln am Gras und an Steinen angeklebt wurden. Auch andere Spinnen waren bei dieser Tätigkeit, so die eigenartigeLathrodectus tredecimguttatus(Rossi), welche ihre kugeligen, fein gebauten Kokons meist unter Steinen unterbringt; hier hatten eine ganze Anzahl Weibchen sich einen gebleichten Pferdeschädel als geeigneten Schlupfwinkel ausgesucht, dessen Hirnhöhle 20-30 der zarten Kugeln enthielt.

Aufregung brachte den beiden mich begleitenden Jägern, dem unverwüstlichen HauptmannJungmannund seinem treuen Begleiter LeutnantSlevogtein großer FlugZwergtrappen, der einige hundert Meter von uns einfiel. Das ist ein Charaktervogel dieses steppenähnlichen Gebietes. Ich fand die Zwergtrappe (Otis tetrax orientalisHartl.) in Mazedonien stets, wenn ich auf weite Ebenen kam, so in den Gerstenfeldern bei Krivolac, im Ackerland oberhalb Üsküb.

Abb. 208. Kokons der SpinneLathrodectus tredecimguttatus(Rossi). Verkl. ⅔.

Abb. 208. Kokons der SpinneLathrodectus tredecimguttatus(Rossi). Verkl. ⅔.

Es war ein reizvoller Anblick, die großen Vögel auffliegen zu sehen, wobei jedesmal die helle Unterseite und die weißen Armschwingen aufblitzten. Wenn sie sich niederließen und gravitätisch durch das Gras wateten, erkannte man beim Männchen den schwarzen Hals mit der Krause, die zwei dunkeln Querbinden auf dem Schwanz. Es war jedesmal eine aufregende Jagd, an die vorsichtigen, schnellen Vögel heranzukommen, die geduckt am Boden liefen, um plötzlich auffliegend einen halben Kilometer weiter sich niederzusetzen, um den Jäger von neuem zu foppen und zu ermüden. Wir konnten ihre Verfolgung unseren trefflichenJägern überlassen und uns den kleineren Tieren widmen, die uns genug Arbeit gaben.

Da gab es, auch typisch für die Steppenlandschaft, eine ganze Anzahl vonLerchenarten. Am Boden liefen zahlreich dieKalanderlerchen(Melanocorypha calandra calandraL.), die auffallend großen, aufrechten Tiere mit der lauten Stimme.Haubenlerchenbelebten den Steppenboden (Galerida cristata meridionalisBrehm). Für alle diese Lerchen war hier in der Steppe Ende August der Tisch reich gedeckt. Nicht nur trugen die meisten Pflanzen Samen, kaum irgendwo sah man noch eine Blüte, auch der Insektenreichtum kam ihnen zugute.

Viele von ihnen gleichen auch dem Steppenboden in Farbe und Zeichnung so ausgezeichnet, daß sie durch Ducken dem scharfen Blick der sie verfolgenden Raubvögel entgehen. Das gilt vor allem von derKurzzehenlerche, die auch auf der Hochebene sich fand (Calandrella brachydactyla moreaticaMühlb.), eine charakteristische südliche Form. Eine vierte Lerchenart schließlich war besonders häufig, die südöstliche, in Asien weitverbreitete Form derFeldlerche(Alauda arvensis cantarellaBp.).

Daß derWiedehopf(Upupa epops epopsL.) hier nicht fehlte, braucht kaum erwähnt zu werden. Wie possierlich sah er aus, als er auf dem Pferdeschädel saß, seinen Schopf sträubte und sich nach allen Seiten umschaute. Ähnlich reizvoll war die besonders in der Nähe der Stadt Stip häufige türkische Turteltaube (Streptopelia decaocto decaoctoFriv.), die überall, wo Türken leben oder einmal lebten, sich festgesetzt hat und mit ihrem Ruf, ihrer schönen Färbung und ihren zierlichen Bewegungen die Landschaft anmutig belebt.

Die häufigsten und auffälligsten Vögel auf der Hochebene von Stip waren aber dieFalken. Sie waren in dieser letzten Augustwoche zu Tausenden hier versammelt. Und es war nicht etwa die Vorbereitung zum Herbstzug ins Winterquartier, die sie hier zusammengeführt hatte, es war die reiche Weide, die sie auf die Steppe gelockt hatte.

Schon während der Fahrt im Auto die Landstraße entlang, war die Menge derFalkenäußerst auffallend gewesen, die auf den Telegraphendrähten, je 6 bis 10 zwischen zwei Stangen saßen. Ungestört durch Lärm und Staubwolke bespähten sie von ihrem erhöhten Sitze aus den Steppenboden und tauchten alle paar Minuten auf ihn herab. Es waren vor allem zwei Arten, die sich hier versammelthatten, derTurmfalke(Falco tinunculus tinunculusL.) und derRötelfalke(F. naumanni naumanniFleisch.). Beide sind Insektenfresser und nähren sich mit Vorliebe vonHeuschrecken. Jetzt im Herbst gab es für sie unerschöpflich viel zu fressen. Sie sammelten sich, wo es viele Heuschrecken gab; und diese waren ja jetzt alle ausgewachsen, große stattliche Tiere, eine fette Nahrung.

Alle Falken, welche inKaluckovazu Blutuntersuchungen auf ihre den Malariaparasiten verwandten Blutschmarotzer geschossen worden waren, hatten den Magen voll Heuschrecken. Und gar hier auf der Steppe, da brauchten sie nicht zu hungern. Sie konnten dick und feist in den grimmen Winter hineingehen.

In dieser Spätsommer- und Herbstzeit konnte ich bei diesen Falken und anderen Vögeln wiederholt eine interessante Beobachtung machen. In der Zeit der Dürre kam es durch Unvorsichtigkeit oder Absicht nicht selten zu Bränden auf der Steppe und in den Buschwäldern der dürren Hügel. Dann fraß die Flamme knisternd von Busch zu Busch, eilte schnell über die begrasten Zwischenräume und weilte länger bei den Buschgruppen. So zog sie über einen Abhang, eine Fläche, eine Hügelreihe hin.

Und vor der Flammenzone, vor dem Rauchschwaden, sah man dichte Flüge von Vögeln, vor allem aus unsern zwei Falkenarten zusammengesetzt, sich versammeln. Sie flohen nicht etwa vor dem Feuer, sie hielten sich eher in seinem Bereich, oder es war vielmehr ein Gürtel in etwa 10 m Abstand und immer vor diesem, in dem sie sich zusammendrängten. Da saßen sie auf den höheren Büschen, flatterten und schwebten in geringer Höhe in der Luft und tauchten immer wieder zum Boden nieder.

Mehrfach eilte ich auf einen solchen Rand eines Brandes los, um mich zu überzeugen, was denn die Falken dort hinzog. Und was ich vermutete, bestätigte sich. Vor dem Brand rissen die Insekten aus, vor allem die flinkenHeuschrecken, aber auch die anderen, welche sich auf dem Boden bewegten. Ein breites Band von Käfern, Wanzen, Tausendfüßlern wanderte vor dem Feuer her. Was leicht beschwingt war, die Schmetterlinge, die Bienen, die Fliegen hatten sich lange vorher davongemacht. Aber die laufenden und hüpfenden Insekten und mit ihnen Mäuse, Eidechsen, Frösche, Schildkröten und alles derartige Getier lief vor dem Feuer davon und damit in den gierigen Rachen von allerhand Räubern, die sich die Gelegenheit zu Nutze machten. Allerdingshabe ich nur bei den beiden Falkenarten direkt beobachtet, daß sie zum Teil von weither auf die Rauchsäulen losflogen, offenbar weil die Erfahrung sie gelehrt hatte, daß in dieser Jahreszeit im Zusammenhang mit solchen reiche Beute auf sie wartete.

Stundenlang hatte die Beobachtung und Jagd mich und meine Begleiter auf der Hochebene aufgehalten, so daß es schon Nachmittag war, als wir abwärts zur Bregalniza, in die StadtStipfuhren, um dort eine Mittagspause zu machen. Die Stadt liegt ziemlich ausgedehnt auf einer Anzahl von Hügeln, über denen dunkle Granitfelsen sich erheben. So gewährt sie einen malerischen Anblick. Zudem ragen auf dem einen der Granitfelsen Ruinen einer alten Türkenburg in die Höhe.

Abb. 209. Ansicht von Stadt und Burg Stip vom Moscheehügel.

Abb. 209. Ansicht von Stadt und Burg Stip vom Moscheehügel.

Es ist wie Veles eine richtige Türkenstadt mit Moscheekuppeln und Minarets; die Häuser klettern wie dort die steilen Hügel hinauf, sind aus Steinen gebaut und mit roten Hohlziegeln gedeckt. So entsteht das gleiche bunte, malerische Bild wie in Veles, nur daß hier der dunkle Felsen einen andersartigen, weniger harmonischen Hintergrund bildet als das graue Gestein von Veles. Wir fahren durch enge Gassen über einen Marktplatz; Läden und Werkstätten verraten lebhafte Tätigkeit in der Hauptstadt einer wohlhabenden Provinz. Wir gelangen an eine stattliche, breite Brücke, welcheüber die Bregalniza führt, deren Bett, breit durch die Häuser der Stadt führend, ausgemauert ist. Aber welch eigentümlicher Anblick; das breite Flußbett, dessen steile Mauern, von denen Treppen hinabführen, verraten, daß der Fluß im Winter und Frühling viel Wasser führen muß, lag jetzt ganz trocken, so daß ich trocknen Fußes, durch Sand watend, hindurch gehen konnte.

Abb. 210. Moschee in Stip.

Abb. 210. Moschee in Stip.

Im Schatten einiger Bäume jenseits der Brücke ließen wir unseren Wagen unter Aufsicht des Fahrers stehen und stiegen selbst einen steilen Weg bergan zu einer Moschee mit leuchtend grüner kupfergedeckter Kuppel, deren säulengetragene Vorhalle uns als Rastplatz lockte. Und es lohnte wohl dort eine Nachmittagsstunde zu verbringen. Ringsum lagen zwar Ruinen und selbst das Minaret war zur Hälfte zerstört. Hier hatte sich im Balkankrieg der Türkenhaß Luft gemacht.

Die Moschee war aber immerhin noch erhalten; sie war aus Steinen massiv erbaut, außen mit Platten bedeckt. Solche, abwechselnd schwarz und weiß, umgeben die Bogen der Vorhalle und die drei Türen, welche ins Innere führten. Der hochgewölbte Raum war mit Ziegeln gepflastert. Verwüstung herrschte auch hier und Trümmer lagen umher. So war es anziehender in der Vorhalle sich niederzulassen, die von schlanken Marmorsäulen mit schön ausgearbeiteten Kapitellen getragen war. Die Säulen machten den Eindruck, als stammten sievon einem antiken Bau. Ihre Basen waren mit Kupfer beschlagen. Hier wie an der Kuppel hatte sich zum Glück noch kein beschlagnahmender Beamter betätigt.

Von der Ecke der Vorhalle hatten wir einen sehr schönen interessanten Überblick über die Stadt, deren weiße Häuser teils in der Fläche zwischen den Hügeln sich ausdehnten, teils an den Felsen emporkletterten. Zwischen den dunkelroten Dächern erhoben sich zahlreiche weiße Minarets und mit ihnen an Schlankheit wetteifernd dunkle Pappeln; aus Gärten ragten viele Obstbäume hervor, die zum Teil voll Äpfel hingen. Zwischen den Felshügeln eröffnete sich ein weiter Blick über die dunstige Ebene und auf ferne Berge. Kapellen leuchteten weiß von den Hügeln und eine große stattliche Kirche ragte aus den gleichmäßigen Straßen der unteren Stadt empor.

Gerade vor uns begrenzte eine ziegelgedeckte Mauer einen schattigen Garten. Während wir, behaglich auf den Treppen der Moschee sitzend, unser mitgebrachtes Mittagsmahl verzehrten, öffnete sich das Pförtchen und eine Anzahl von Kindern trat hervor und begann vertraulich sich uns zu nähern. Es waren Mädchen und Knaben von 3-12 Jahren. Da einer von uns einige türkische Worte konnte, entspann sich eine Unterhaltung, die sich im wesentlichen darauf beschränkte, daß sie uns ihre Namen nannten; Fatme, Hassan, Achmed, Osman und die kleine Bülü vertrieben uns unter Plaudern und Scherzen die Zeit. Als wir uns aber nach dem Essen die Zigaretten anzündeten, fing ein heftiges Betteln an, dem der Hauptmann schließlich nachgab.

Alle diese Kinder, auch der fünfjährige Hassan, zündeten sich ihre Zigaretten regelrecht an und rauchten mit Behagen. Traurig saß zunächst die kleine dreijährige Bülü daneben und verzog die Augen zum Weinen. Als der Hauptmann ihr auch eine Zigarette von fern hinhielt, patschte sie bittend in die Hände und strahlte mit dem ganzen Gesicht, als sie sie wirklich bekam. Dann zündete sie sie an Achmeds Zigarette kunstgerecht an, zog den Rauch tief ein, schluckte ihn hinunter und blies ihn durch die Nase wieder heraus. All das geschah so gewandt, mit so graziösen, fast koketten Handbewegungen, ohne Husten und Verschlucken. Als wir uns freundschaftlich von unserer netten Tischgesellschaft verabschiedeten, zweifelten wir nicht daran, daß die gewandte Raucherin, die graziöse Bülü, trotz ihres Rotznäschens einmal der Stern eines Harems werden würde.

Ein Rundgang zeigte uns dann noch die wesentlichen Teile der Stadt. Trotz der Hitze war es nicht unangenehm in den engen Straßen zu bummeln, in welche die weit vorgebauten Häuser tiefen Schatten warfen. Es waren malerische Durchblicke, an den vorragenden Dächern und Balkonen mit Schnitzerei und Fachwerk vorbei, auf die steilen Felshänge der Granithügel, über denen ein wolkenloser Himmel blaute.

Abb. 211. Stadtstraße in Stip.

Abb. 211. Stadtstraße in Stip.

Es gab viele Obstläden, in denen es Äpfel, Birnen, Zwetschen und frische Nüsse und Haselnüsse zu kaufen gab. Auch Trauben und köstliche süße Melonen bildeten mit Tomaten und Paprikaschoten einen farbigen Vordergrund für das schöne Straßenbild. Merkwürdig gut und reich beschickt waren die Läden; in den Stoffhandlungen sah man noch viele englische und deutsche Stoffe und in der Apotheke bekamen wir eine Flasche Gießhübler, diewir zu dem vortrefflichen Kaffee tranken, den wir in einem kleinen Kaffeehaus an der Bregalniza in Messingkannen auf glühenden Holzkohlen in gut türkischer Weise zubereitet bekamen.

Dann besuchten wir noch die griechische Kirche, eine stattliche, dreikupplige Basilika mit seitlicher Säulenhalle. Sehr reizvoll war die Schnitzerei am Ikonostas im Innern, während die Malerei nicht sehr bedeutend war. Eigenartig war eine verschlossene Gittergalerie für Frauen oben im Kirchengewölbe, in der die Frauen abgesondert von den Männern dem Gottesdienst beiwohnten.

Schöne Blicke auf den Hügel mit der Moschee und ihrer herrlich grün patinierten Kuppel boten sich im Rahmen der stattlichen weißen Säulen des Umgangs der Kirche, um welche prachtvolle Bäume und allerhand blühende Pflanzen standen. An den Säulen saßen massenhaft schlafende Stechfliegen (Stomoxys calcitransL.) bereit, sich auf die Beter zu stürzen.

Von der Kirche wanderten wir noch durch das trockene Bett der Bregalniza zu dem VorortNovo Sielo, der als Schwefelbad berühmt ist. Wir kamen an einer graziösen kleinen Moschee mit einem säulenreichen Vorraum und schlankem Minaret vorbei zu dem malerisch zwischen uralten Pappeln und Weiden gelegenen Dorf. Ein niedriges Haus enthielt ein viereckiges Badebecken aus Zement, in welchem ein 50° C messendes, gelbliches Wasser brodelte, welches auf Kilometer im Umkreis die Luft mit Schwefelgeruch erfüllte.

Unter einer alten Pappel lagerten wir uns und waren damit beschäftigt, Schmetterlinge, Käfer und Ameisen an den alten Stämmen zu beobachten, als ein glühend heißer Staubsturm uns in die Stadt zurücktrieb. Dieser machte uns auch die Rückfahrt nach Veles nicht sehr erfreulich und füllte auch diese Stadt, als wir ankamen, mit Staub und afrikanischer Glut, welche die Steppe bis zum Wardartal wirken machte.


Back to IndexNext