DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL

DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL

SOMMER IN MAZEDONIEN

Für den Naturforscher war der Sommer wohl die eindrucksreichste Jahreszeit in Mazedonien. Von ihm war in manchen Kapiteln dieses Buches die Rede; ich erwähnte oft seinen Einfluß auf Tier- und Pflanzenwelt, auf den Charakter der Landschaft. Hier möchte ich zusammenfassend ein einheitliches Bild vom Sommer Mazedoniens geben, da ich ihn für das Verständnis dieses eigenartigen Stückes von Europa für besonders wichtig halte.

Bis in den Juni hinein erstreckt sich der Frühling mit seinem Reichtum an Blüten, mit seinem fröhlichen Vogelleben, mit der stürmischen Entwicklung der Insektenwelt. Überwältigend ist in dieser Zeit die Energieproduktion des Lebens im ganzen Land. Nur im Hochgebirge fängt der Frühling später an und hält länger aus. Wenn im Flachland und in den Tälern schon die Sommerdürre herrscht, kann man ins Gebirge in den Frühling hineinsteigen.

Abb. 250. Mazedonisches Bauernhaus mit trocknenden Tabaksblättern.

Abb. 250. Mazedonisches Bauernhaus mit trocknenden Tabaksblättern.

Ende Juni, Anfang Juli beginnt unten das große Sterben. Die einjährigen Pflanzen, deren Blütenpracht den Frühling so reizvoll machte, haben ihre Samen gereift und können nun verdorren. Die Sonne beginnt, von Wolken unverhüllt, in ihrem Tageslauf unerbittlich auf das Land herabzustrahlen. Durch den Juli, August und September dehnen sich fast hundert wolkenlose Tage. Es ist die Zeit der hohen Tagestemperaturen. Mitte Juli steigt der exakt gemessene Thermometer regelmäßig am Nachmittag über 35° C, nicht selten auf 40° und darüber; und das dauert den August hindurch und vielfach ein gut Stück in den September hinein. Dabei sind die Morgentemperaturen schon um und über 30° und auch nachts sinkt das Thermometer selten tiefer. Und noch höher, oft ganz erheblich höher, waren die Strahlungstemperaturen, welche von den sonnendurchglühten Wänden der Häuser, den Felsen, den Lehmhalden ausgingen. Das war die Zeit, in der die deutschen Soldaten unter dem Land Mazedonien litten, in der sie ihm fluchten. Es wurde zum schattenlosen, staubigen Land, das sie mit der Wüste verglichen.

Tatsächlich nahm das Tiefland immer mehr den Charakter der verbrannten Steppe an. Die Blüten waren verschwunden, selbst die Büsche und Bäume hatten ihre Samen und Früchte angesetzt. Die Wiesen und Rasen verwelkten. Staub begann überall im Winde aufzuwirbeln und dämpfte das Grün, das in der Landschaft noch lebte.

Wenige Pflanzen blühten noch, wenige vor allem in voller Pracht, viele zeigten welke Blüten und Fruchtstände neben spärlichen Blüten, so derRittersporn, dieGlockenblumen, dieKönigskerzenund vor allem dieDisteln, die sich jetzt vordrängten. Aber auch diese begannen gelb und braun zu werden. Viele der Pflanzen hatten dornige, stachelige Samen.

Auffallend still war es im Frühsommer in der gelbgrauen Landschaft geworden. Die Gesänge derVögelwaren verstummt, nachdem für die meisten von ihnen die Paarungs- und Brutzeit vorbei war. Vor allem zur heißen Mittagszeit war nichts von ihnen zu bemerken; sie hatten sich in den Büschen versteckt. Viele waren in die Schluchten und Haine der Berghänge verzogen, ja manche Arten waren vollkommen verschwunden und waren in die Berge gewandert.

Selbst die sonnenliebendenEidechsensah man jetzt nicht mehr so viel auf den glühend heißen Steinen umherhuschen. Auchbei ihnen waren die Weibchen beim Eierlegen und ihre Beute war kärglicher geworden. Die Insekten waren viel weniger geworden; bei vielenTagschmetterlingenwar die erste Generation verschwunden und von der zweiten fraßen die Raupen an den Futterpflanzen. Auch für viele solitäreBienengalt ähnliches. Vor allem fehlte die Masse derBlütenkäfer, die mit den anderen Blüteninsekten, den Wanzen, den Blattwespen, den Fliegenarten so sehr zum Reichtum der Frühlingstierwelt beigetragen hatten.

Eigenartig war die Ruhe, die in der Natur in den heißen Mittagsstunden herrschte. Zwar lagen dieMauereidechsenund die schönen großenSmaragdeidechsenträg in der Sonne. Aber auch sie hatten wenig Neigung sich zu bewegen. SchonTheokritwußte, daß die Eidechsen um diese Zeit hier im Lande mittags schlafen. Nur dieMistkäferwälzten unbekümmert ihre Kotkugeln. DieVögelwaren ganz still, selbst dieAmeisenwanderten kaum auf ihren Straßen und hielten Mittagsruhe.

Auffallend war die Flucht vieler Tiere in den Schatten. InHainenund vor allem inkleinen Bergwäldern, so in dem Buchenwald der Plaguša Planina, waren ganze Versammlungen von Vögeln in das grüne Düster unter den Bäumen geflüchtet. Selbst Tagschmetterlinge waren aus der grellen Sonne gewichen und saßen in Scharen auf den Buchenstämmen, so verschiedeneSatyrus-Arten. Verständlicher war es, daß die tagfliegenden Eulen (Arctiiden) den Waldschatten aufgesucht hatten.

In denSchluchtenversammelten sich in der Wassernähe vor allem vieleAmphibien, welche dem Wasser dorthin nachgezogen waren. Nicht nurFrösche, sondern auchKrötenfand man dort in dieser Zeit in ungewohnten Mengen. Hier fanden sie wenigstens einen Hauch von Feuchtigkeit unter Steinen und in Felsspalten. Dorthin zogen sie sich zurück, als die steigende Dürre die Bäche mehr und mehr austrocknete. Dann hielten die Amphibien,MolcheundFrösche, ihre Sommerruhe in diesen Verstecken. Dort gesellten sich zu ihnen dieKrebseundTaschenkrebse, die auch eine Ruhezeit durchmachen mußten. Besonders auffällig war dies bei den Bachfischen, z. B. denBarben, die, im Schlamm vergraben, in einen Sommerschlaf versanken. Fische, Krebse und andere Wassertiere fand ich auch öfters tot in den ausgetrockneten Bachbetten liegen, wo die Verdunstung des Wassers sie liegen gelassen hatte. So fand ich z. B. am 30. Juli in verschiedenen trockenen Schluchten Süßwasserkrabbentot umherliegend. Eine Sommerruhe war ganz allgemein bei denLandschnecken. Diese hatten alle, besonders dieHelix-Arten, in dieser Zeit sich in ihre Häuser zurückgezogen und diese mit einem dicken Kalkdeckel verschlossen. Vielfach hingen sie, mit Schleim angeklebt, an den verdorrten Stengeln der Pflanzen, mit denen gleichzeitig die Dürre sie überrascht hatte. Und das konnte auch schon im Mai passieren, wenn plötzlich trockene Hitze einsetzte.

Nacktschneckengab es in Mazedonien ja nur sehr wenig. Die Exemplare weniger Arten, die ich im Lande auffand, waren stets unter Steinen, in Erdlöchern, in der Nähe von Brunnen oder Quellen in feuchtem Boden entdeckt worden.

Alle diese Tiere, wie auch die vielen kleinen Geschöpfe der Tümpel, welche in Zysten oder anderen Dauerzuständen zu übersommern vermochten, erwarteten so, ihres Lebens wenigstens sicher, die ersten ergiebigen Herbstregen. Die waren nicht vor Ende September zu erwarten. Im Jahre 1917 erlebte ich den ersten Herbstregen am 10. September; aber er und seine Nachfolger in den nächsten Wochen waren noch nicht fähig die Erde zu nässen. Obwohl sie aus schwarzen Wolken kamen, erreichten ihre Tropfen die dürstende Erde nicht, sondern waren verdunstet, lange ehe sie den Boden erreichen konnten.

Trotzdem war die Sommerlandschaft Mazedoniens nicht ganz frei von Tieren. Im Gegenteil, im Juli schon mehrten sich die Vertreter einer neuen Sommertierwelt. Schon im Juni waren mancheHeuschrecken-Arten in geflügeltem Zustande aufgetreten. Ich vergesse natürlich nicht, daß einzelne überwinterte Formen schon vorher da waren. Unendlich war vorher die Masse der kleinen und kleinsten Larvenstadien gewesen. Für die heranwachsenden Heuschrecken war die Pflanzennahrung, die ihnen die Sommerdürre zurückgelassen hatte, nicht zu hart. Sie begannen allmählich die Landschaft zu beherrschen.

Und mit ihnen und ihrer Zunahme begann dieSteppezu herrschen mit ihrer eigenartigen Tierwelt. Noch hatten manche Heuschrecken nur halblange Flügel, andere waren erwachsen. Gerade die südlichen Formen kamen in der Entwicklung nachgehinkt. Unendliche Mengen von langfühlerigenLaubheuschrecken(Locustiden) mit ihren schönen grünen, gelben und rötlichen Flügeldecken begannen im Gesang mit denGrillenzu wetteifern. An Zahl bei weitem überwiegend waren aber dieFeldheuschrecken, dieAcridiiden, die häufig durch die Färbungihrer Flügeldecken so vollkommen ihrer Umgebung ähnelten, daß man sie erst entdeckte, als sie vor dem Schritt des Wanderers aufflogen, um ebenso zu verschwinden, sobald sie an geeignetem Ort sich niederließen.

Es ist hier die Gelegenheit auf die formenmannigfaltigeHeuschreckenfaunavon Mazedonien einen Blick zu werfen.Heuschreckengehören zu Mazedonien, wie die Dornsträucher und Disteln, wie die Ameisenlöwen, wie die Turmfalken und Ziesel, wie Dohlen, Elstern, Würger und Geier. Und sie herrschten geradezu im Spätsommer in einer Steppengegend vor.

Unter ihnen spieltenGespensterheuschrecken(Mantodeen) keine geringe Rolle der Zahl nach. Die häufigste Art war jetzt gegen den Herbst die kleinste Form von den drei Arten vonMantodeen, welche in dem von mir besuchten Teile von Mazedonien vorkamen. Es warAmeles decolorCharp., welche in Hunderten von gelben und braunen Individuen auftrat; bei ihr gibt es nie grüne Exemplare, wie bei den anderenMantodeendes Landes. Nur das Männchen hat bei dieser Art die langen, gelbbraunen, papierdünnen Flügel, während das Weibchen stummelflügelig ist. Im Verlauf des Frühsommers hatte man sie allmählich von ganz kleinen Stadien heranwachsen sehen, jetzt im Spätsommer waren sie geschlechtsreif, allerdings zum Teil sehr spät. Ich fand noch zwischen dem 20. und 25. August Exemplare mit unentwickelten Geschlechtsorganen. Man sah sie vielfach Bläulinge und andere kleine Schmetterlinge fangen.

Die zweite Gespensterheuschrecke in Mazedonien, fast ebenso häufig wie der kleineAmeles, war die richtige GottesanbeterinMantis religiosaL. Dieses große stattliche Tier kam in grünen und gelben Individuen vor. Hier sind beide Geschlechter langflügelig. Auch diese Art entwickelt sich während des Sommers und wird gegen den Herbst geschlechtsreif. Anfang Juli traten im südlichen Wardartal Massen von Larven auf, Ende Juli, Anfang August waren sie erwachsen, aber die Geschlechtsorgane noch nicht fertig entwickelt. Im September und Oktober findet die Fortpflanzung statt. Dann sieht man vielfach an Steinen angeklebt ihre Eierkokons, einige Zentimeter lange, gewölbte Gebilde aus einer zarten Substanz, in denen 80-100 der länglichen Eier parallel nebeneinander liegen.

Die dritte hierher gehörige Form istEmpusa fasciataBrull. Das ist ein Tier, welches eine merkwürdige Tendenz hat, an allenmöglichen Stellen des Körpers Zipfel und Lappen zu entwickeln. An den Beinen, am Hinterleib, ja selbst an seinem Eikokon kommen solche vor. Es ist ein stattliches Tier, welches als Larve den Hinterleib stets aufwärts zurückgebogen trägt. Das Männchen hat lange gefiederte Fühler. Ein merkwürdiger Augenfleck auf der Innenseite der Vorderbeine fiel mir bei manchen Exemplaren auf und zeigte sich variabel.

Von ihr fand ich bei Üsküb im Winter gar nicht selten unter Steinen relativ große, aber noch ungeflügelte Larven. Auch im Süden bei Kaluckova und Dedeli kommt die Art vor. Nirgends fand ich sie aber so häufig wie bei Üsküb. Im Frühjahr kriechen sie aus dem Winterquartier und bei eifriger Insektenjagd wachsen sie bald heran und bekommen Flügel. In der zweiten Hälfte des Mai sind sie geschlechtsreif und beginnen mit der Fortpflanzung. Ich habe sie öfter im Käfig gehalten, wo sie leicht mit allerhand Insekten zu füttern sind.

Abb. 251. Gespensterheuschrecke.Mantis religiosaL.

Abb. 251. Gespensterheuschrecke.Mantis religiosaL.

Im Juli sind schon kleine, kaum 1 cm lange, flügellose Larven da, welche den Hinterleib aufrecht zurückgeschlagen tragen undin ihrer Hagerkeit einen bizarren Eindruck machen. Diese kleinen Larven wachsen bis zum Eintritt des Winters bis zur halben Größe heran, um dann zu überwintern. Ende August kamen sie in Veles oft in großen Massen in die Zimmer hinein.

Ameles decolorCharp. ist die einzige Mantide, welche nachts ans Licht flog, diese aber oft in großen Mengen.

VonLokustodeen, den Heuschrecken mit den langen dünnen Fühlern, erwähne ichDecticus albifronsF., einen nahen Verwandten unseresWarzenbeißers; er ist etwas größer als dieser und niemals grün gefärbt wie er.

Ganz abenteuerliche Erscheinungen sind dieSaga-Arten, deren ich zwei in Mazedonien antraf, die grüneSaga serrataFabr. und die olivbraune, schwarzgefleckteSaga natoliaeServ. Mit ihren langen, ungeschlachten Beinen, ihren kurzen, wie verkrüppelt aussehenden Flügeldecken und ihren plumpen Bewegungen scheinen sie gar nicht recht in das Geschlecht der Heuschrecken hineinzupassen. Von ihnen istSaga natoliaedie südliche Form, die im Balkan und Kleinasien weit verbreitet ist; sie wird nördlich vonS. serrataabgelöst. Letztere pflanzt sich fast ausschließlich parthenogenetisch fort, man findet von ihr fast nur Weibchen, während erstere Männchen und Weibchen im normalen Prozentverhältnis hervorbringt.

Oft in ungeheueren Mengen tratTryxalis nasutaFab. auf, dieSchnabelheuschrecke, mit ihrem schief aufgerichteten Kopf, den breiten, oft parallel nach vorn gerichteten Fühlern, den dünnen Vorderbeinen und sehr langen Hinterbeinen. Solange sie flügellose Larven waren, konnte man sie für junge Stabheuschrecken der GattungBacillushalten. Diese in Istrien, Dalmatien und Italien so häufige Form habe ich in Mazedonien nicht gefunden. Sind die Flügel herangewachsen mit ihrem dunkelbraunen, weißgefleckten Längsstreifen, dann ist eine Verwechslung mit einer Stabheuschrecke nicht mehr möglich.

Von den anderenFeldheuschreckenwäreCaloptenus italicusL. hervorzuheben; dies graubraune, schwarzgestreifte Tier mit den roten Hinterschienen und roten Hinterflügeln war überall häufig. Auch dieWanderheuschreckenwaren nicht selten. Sie waren in erwachsenem Zustande auffallend große Tiere, sie erreichten 8-10 cm Länge und machten nicht nur mit ihren eigenen Tönen einen gewaltigen Lärm, sondern auch wenn man sie fing und sie sich durch die Büsche zu Boden fallen ließen, sogab es ein mächtiges Gerumpel. Die verschiedenen Individuen diesesAcridium aegyptiumL. waren sehr verschieden gefärbt, bald gelblich, bald braun, bald auffallend rot.

Eine verwandte, halb so große Form, grün, schwarz gefleckt, mit rötlichen Hinterbeinen,Pachytilus nigrofasciatusde Geer tritt im Gegensatz zu den verwandten Arten nicht als Wanderheuschrecke auf.

Ich habe oft dieOedipoda-Arten, dieSchnarrheuschrecken, erwähnt, welche beim Auffliegen ihre roten und blauen Unterflügel aufblinken ließen, während sie durch betäubendes Schnarren ihre Verfolger erschreckten. Setzten sie sich auf den Boden nieder, so waren sie wegen ihrer Ähnlichkeit mit dem Untergrund, welche mit diesem variierte, wie von ihrer Umgebung verschluckt, wenn sie sich still am Boden hielten. Erschreckt fuhr man zurück, wenn sie an ganz unerwarteter Stelle wieder aufschnarrten. NebenOedipoda coerulescensL. kamO. miniataPall. nicht selten vor, jene mit blauen, diese mit grellroten, am Ende schwarzgebänderten Hinterflügeln.

Durch kohlschwarze Färbung des ganzen Körpers, von dem sich die roten Hinterflügel scharf abhoben, wenn das Tier sich vom Boden im Flug erhob, istPsophus stridulusL. ausgezeichnet. Das Tier war in der Steppe bei Gradzko und Krivolak, aber auch bei Stip eine Charakterform, kam aber auch in den Bergen vor.

Formen von mediterranem Typus sindParacinema tricolorThunb. und die Arten vonGlyphanus, soG. obtususFieb. undG. heldreichiBr.

Eine eigenartige kleine Heuschrecke (Tettix subulatusL.), im erwachsenen Zustande kaum etwas über einen Zentimeter lang, ein graubraunes, lebhaft springendes Tierchen, hielt man kaum für etwas anderes als eine Larve, wenn es vor einem aufsprang. Daß man es leicht für eine Larve hielt, lag auch an dem frühen Auftreten der Form, welche ich am Katlanovosee schon Ende März und Anfang April in erwachsenen Individuen fand; die Art überwintert als Larve.

Auch andere Tiergruppen nahmen während des Sommers an Individuenzahl und an Einfluß auf das Landschaftsbild zu. Das galt vor allem für dieZikadenund dieAmeisenlöwen. Erstere begannen in den Mittagsstunden durch ihren Gesang die Heuschrecken und Grillen vollkommen aus dem Feld zu schlagen. Von der großen Wirkung des Konzerts der Zikaden habe ichschon im Kapitel über den Doiransee erzählt. Die Zikaden als echte Sonnentiere paßten so recht in die Steppenlandschaft des mazedonischen Sommers. In der stärksten Sonne saßen die großen Arten an den Stämmen der Eschen, an den höchsten Büschen und erhoben ihren betäubenden Gesang, wenn sonst alles in der Natur ruhte. Die größte Zikade Mazedoniens istCicada plebejaScop., ein silbergraues Tier; als wichtiges Instrument im Zikadenorchester istTettigia orniL. zu verzeichnen, denen sichCicadatra atraOl. undTibicina haematodesScop. anschließen.

So schwebten auch die Scharen derLandlibellen, derAmeisenlöwenin der heißen Sommerluft. Auffallend war es, wie eine Art nach der anderen in großen Individuenzahlen auftrat; jedesmal die Landschaft so sehr belebend, daß man jeweils glaubte, jetzt in derMyrmeleon-, jetzt in derNemoptera- oderPalpares-Landschaft zu verweilen.

Das war die Zeit, in welcher die Steppe im Flachland von Mazedonien regierte. Jetzt drängte sich alles hervor, was der Steppe entsprach, was mit ihr zu tun hatte. In der Mittagssonne hörte man denZieselim dürren Gras rascheln und hastig sein Bündel Heu in seinen Bau schleppen. Von einem Stein schaute einen derWiedehopfneugierig an, spreizte seinen Schwanz und die bunten Federn seines Schopfes, die ihn einem Indianerhäuptling gleichen machten. Wenn die Nacht herabgesunken war und der Boden noch glühte, huschte über ihn die gespensterhafteGliederspinneGaleodes graecusmit ihren langen Beinen dahin und stürzte sich wie ein Vampyr über ihre Beute.

Nun war die böse Zeit für dieHerden. Der verdorrte Boden mit seinen harten Büschen gab nur mehr den Ziegen dürftige Nahrung. Die Schafherden hatte man, wo es ging, in die Berge gebracht. Aber die Pferde und Rinder litten in dieser Zeit bitter an Hunger und Durst. Es war ein trauriger Anblick, die abgemagerten Ochsen und Pferde in Herden über dem trockenen Boden die spärliche Nahrung suchen zu sehen. Es mochte einen erbarmen, wenn die hageren Tiere, denen die Rippen weit herausstanden, mit den Vorderbeinen in die Krone eines kümmerlichen Maulbeerbaumes kletterten, um da die wenigen übrig gebliebenen Blätter abzuknabbern. Sie, die Ärmsten, konnte man nicht entbehren; sie brauchte man jetzt im Kriege überall für Transporte, zum Nachschub, als Trag- und Reittiere und zum Schlachten.

Wie mancher Ochse, wie manches Pferd erlag den Strapazen und dem Hunger, stürzte an der Straße nieder, starb und konnte nicht fortgeschafft werden. Da sammelte sich bald um das Aas eine Schar gieriger Tiere an. Lange stank es nicht in die Gegend hinein; denn durch den Geruch angelockt, kamen die Dohlen, die Krähen, die Kolkraben, zu denen sich hier im Lande stets die Elstern gesellten. Kaum hatten sie begonnen sich gütlich zu tun, so scheuchte ein gewaltiger Schatten sie auf. Ein riesiger Geier senkte sich auf das Aas herab; bald kamen seine Genossen dazu und ehe sie gesättigt waren, wurde das kleinere Gesindel zum Mahle nicht zugelassen. Kaum wiederum hatten die Geier das Aas mit vollen Kröpfen verlassen, so stürzte sich die schwarze Bande der Kleinen zu Hunderten auf den Rest und bald ragte dasSkelettrein genagt in den dörrenden Sonnenschein.

Abb. 252. Hungernde Rinderherde im Hochsommer.

Abb. 252. Hungernde Rinderherde im Hochsommer.

Nicht immer warteten die Aasvögel den Tod ihres Opfers ab; ich habe die Erinnerung an ein grausiges Erlebnis nördlich des Katlanovosees. Gegen Abend, auf staubiger Landstraße heimkehrend, bemerkte ich in einem Dornbusch eine große Schar von Krähen, Dohlen und Elstern, die sich da mit mächtigem Geschrei zu schaffen machten. Einen großen Kolkraben, der sich auf die Gruppe herabsenkte, schoß ich und als ich ihn holen wollte, sahich im Busch ein seltsames Bild vor mir. Ein starkes Schaf war hier von der Herde zurückgelassen worden, nachdem es sich mit seiner Wolle in den Stacheln des Judendornes so verfangen hatte, daß es nicht mehr loskam. Das war gefundene Beute für die Aasvögel. In Scharen hatten sie sich auf das unglückliche Tier niedergelassen, hatten ihm lebend die Augen ausgehackt und hatten vom Kopf aus begonnen, ihm Fleischstücke abzureißen. So hatten sie angefangen das Tier bei lebendem Leib aufzufressen, als ich seinem Leben durch einen Schuß ein Ende machte.

Wo es Wasser gab, wurde es von Menschen und Tieren zum Baden aufgesucht. Auch die Haustiere machten da keine Ausnahme. Reizvolle Bilder boten die im Wasser liegenden Büffel, bei denen oft nur mehr die Nase und die Ohren aus dem Wasser schauten. Ganze Rinderherden stiegen an den seichten Seeufern, z. B. des Prespasees, ins Wasser, Pferde tummelten sich da. Schafe und Ziegen dagegen scheuen das Wasser.

Abb. 253. Badende Büffel.

Abb. 253. Badende Büffel.

Glücklich waren Menschen und Tiere zu preisen, welche in der heißen Zeit in die Berge durften. Ich habe oft in früheren Kapiteln die schönen, fetten Herden von Rindern und Schafen erwähnt, die ich im Sommer im Hochgebirge auf den Mattenüber 1500 man traf. Aber nicht nur diese Haustiere des Menschen waren der Hitze der Ebene entflohen, auch manche andere Tiere fand man im Sommer im Hochgebirge, die im Frühling in der Ebene gewesen waren. So waren manche der mitteleuropäischen Vögel, Finken, Amseln, Drosseln, zur Sommerfrische in die Berge gezogen.

Auch unter den Insekten sah ich später im Sommer Arten, die ich im Frühling in der Ebene beobachtet hatte, immer höher in den Bergen sich zeigen, je höher hier der Frühling hinaufstieg.

Eine Folge der hohen Sommertemperaturen zeigte sich deutlich bei den Pflanzen und Tieren. Wie bei den einjährigen Pflanzen oft die ganze Vegetationsperiode in wenig Tagen ablief, so daß Gewächse, die weite Gebiete mit ihren farbenprächtigen Blüten bedeckt hatten, wie mit einem Schlage verschwunden waren, so war auch bei Tierarten das plötzliche Auftreten und Verschwinden außerordentlich auffallend.

Oft fand ich an einem Berge, in einem Tale eine Käferart, einen Schmetterling, eine Zikade, in vielen Tausenden von Exemplaren. Jede Blüte, jeder Busch war von ihnen bedeckt. Kam ich nach wenig Tagen wieder dorthin, so war die Art oft spurlos verschwunden, manchmal noch durch wenige Exemplare vertreten. Für uns Bewohner gemäßigter Zonen war dieser rasche Ablauf des Lebens in dieser heißen Sonne sehr eindrucksvoll.

Manche Beispiele vonSatyridenund denThekla-Arten, auch den Bläulingen habe ich in früheren Kapiteln schon erwähnt; so auch die Zikaden und die Ameisenlöwen. Ähnliches beobachtete ich bei Käfern, so z. B. kam der schwarzgelbe KäferMylabris variabilisPall. Mitte Juli 1917 auf der Plaguša Planina in vielen Tausenden von Exemplaren auf jeder Doldenpflanze vor; nach 14 Tagen war die Art aus dem Gebiete verschwunden. Ähnliches galt fürConitis bifarciataSwark. am Katlanovosee Mitte Juni 1918. So trat im Nikolatal im April 1918Lychus (Halosinus) collarisFabr. in ebenso großen Mengen auf, wieLychus (Halosinus) syriacusL. im Mai bei Dedeli. Sehr auffallend war das Massenvorkommen des mächtigen BockkäfersCerambyx(vgl. Abb. 29 auf S. 53), der in Mengen hoch durch die Luft flog und dabei mit seinen langen Fühlern einen phantastisch großen Eindruck machte. Er war auch dadurch interessant, daß bei ihm die Fühlerlänge der einzelnen Individuen sehr stark variierte.

Während das Massenauftreten der Arten sicher von dem Vorkommen der Futterpflanze und besonderen Verhältnissen abhängt, ist das kurze Leben der Individuen wohl auf den raschen Verbrauch derImaginesin der Sommerhitze des Landes zurückzuführen.

Wie verschieden die Gesetzmäßigkeiten sein mögen, welche das Massenauftreten einer Art in einer bestimmten Gegend bedingen, das fiel mir sehr auf, als am 15. Juli 1917 plötzlich an einem schönen Morgen das ganze Tal bei Hudova von einem viele Tausende von Individuen umfassenden Libellenschwarm erfüllt war. Sie kamen in großen Schwärmen von Süden und flogen nach Norden, und zwar gegen den stark wehenden Nordwind, gegen den sie sehr gut ankamen. Um alle Bäume und Häuser von Kaluckova brandeten die Massen an; ich durchstreifte an diesem Tag die ganze Gegend; überall sah ich die Libellenschwärme, sowohl in Kalkova, in Hudova, Gradec, im ganzen Gebiet. Aus den verschiedensten Lagern des Tales wurde das seltsame Phänomen gemeldet. Am Tag herrschte nicht mehr als 24° C im Schatten, das Wetter war auffallend kühl. Den Tag über flogen immer neue Scharen heran. Abends nahmen sie ab und an den nächsten Tagen waren fast alle, bis auf einige Nachzügler, verschwunden.

Den Namen der Art, den ich Dr.F. Risverdanke, istAeschna mixta; alle an jenem Tag gefangene Individuen sind unausgefärbte Stücke, die erst nach 2-3 Tagen ihre volle Ausfärbung erreicht hätten. Die gleiche Beobachtung wurde auch sonst bei Massenflügen von Libellen gemacht, wie nach Mitteilung von Dr.Risnicht selten beiHemianax ephippiger, einer mediterranen Form.

Diese Tatsache weist offenbar darauf hin, daß es sich um Tiere von gleichem Alter und annähernd gleicher Herkunft handeln muß. Ihre Versammlung an einem Ort scheint wohl durch Windrichtung und barometerische Bedingungen verursacht zu sein. Der englische NaturforscherW. H. Hudsongibt in seinem so reizvollen Buch über La Plata eine Schilderung von den aus Millionen von Individuen bestehenden Schwärmen der LibelleAeschna bonariensisRaml., welche in Argentinien vor dem Südwestwind, dem Pampero, vorausfliegen. Also auch dort vor einem kalten Wind erscheinend. Daß die von mir beobachteten Tiere gegen Norden flogen, war wohl durch den Schutz bedingt, den ihnen dienördlich gelegenen Talwände, Bäume und Häuser vor dem Wind gewährten.

Meine Beobachtung schließt sich jedenfalls meinen anderen Feststellungen über das massenhafte Auftreten einer Tierart an wenigen Tagen im sommerlichen Mazedonien an. Das plötzliche Verschwinden der Libellen ist allerdings wohl nicht durch deren raschen Tod, sondern durch Verteilung auf Bäche und Flußufer einer weiteren Umgebung nach dem Nachlassen des kalten Winds zu erklären.

Abb. 254. Kartenskizze von Westmazedonien. Gebiet der großen Seen.

Abb. 254. Kartenskizze von Westmazedonien. Gebiet der großen Seen.


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