DRITTES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

DIE EBENE VON HUDOVA

Zwischen den Vorbergen derPlaguša Planinaund demWardardehnt sich eine weite, fruchtbare Ebene aus. Sie ist offensichtlich Schwemmland des Wardar, seiner Nebenflüsse und der Bäche, die ihm von den Randbergen zuströmen. Vollkommen flach erstreckt sie sich auf eine Länge von 10 km und eine Breite von 6-8 km. Ihre Längenerstreckung geht in der Hauptsache von Nordwesten nach Südosten, so wie der Wardar fließt, der sie südwestlich begrenzt. Jenseits, westlich des Flusses begleitet ihn in kurzem Abstand ein reichgegliedertes Hügelland, hinter welchem die bewaldeteMarianska Planinabis 1500 m ansteigt. Hinter dieser Kette folgt ein malerischer Gebirgsstock, dieMala RupaundDudica, die über 2200 m emporsteigen, und noch im Juni auf der Nord- und Ostseite mit Schnee bedeckt sind. Im Norden und Osten zieht sich diePlaguša Planinamit ihren stark verarbeiteten und zerschnittenen Felsenhöhen von etwa 1000 m in sehr charakteristischer Umrißlinie gegenValandovahin; zu diesem Städtchen senkt sich das Gebirge, unterbrochen von einer Reihe allmählich niedrigerer Gipfel hinab. Auf einem der letzten dieser Gipfel erhebt sich als weithin sichtbare Landmarke die Ruine einer Türkenburg. Der letzte Gipfel der Kette ragt als charakteristischer Vorsprung in die Hudovaebene hinein, wegen seiner eigentümlichen Form hieß er bei unseren Truppen die Muhnase. Angeblich sollte er diesen Namen der Ähnlichkeit mit der Nase des Generals der Mu. (Munitionskolonnen) verdanken.

Am Hang der Plaguša Planina zieht sich eine Reihe von Dörfern hin,Kaluckovamit dem Seuchenlazarett,Kalkovamit einem Pferdelazarett,Ahranli,Terzeli,Veseli,Piravomit einem Offizierserholungsheim. Alle liegen sie in Nischen des Gebirges, beziehen ihr Wasser aus tief eingeschnittenen, hoch zum Gebirge hinaufreichenden Schluchten. So sind sie meist malerisch von Baumgruppen eingehüllt, unter denen schlanke Pappeln besonders weithin sichtbar sind. Aber alle, am wenigsten nochPiravo,hatten stark vom Krieg gelitten und die weithin schimmernden Häuser, welche die Dörfer so reizvoll und anziehend erscheinen ließen, waren meist Ruinen wie in Kaluckova.

Die ganze Ebene stand im späten Frühling in grüner Pracht, die aber nur ein schwacher Abglanz von ihrem Zustand im Frieden sein konnte; denn viele der Pflanzungen lagen jetzt brach und waren verwildert. Vom Rand der Hügel bis weit in die Ebene hinein zogen sich stattlicheWeingärten, die reichlich Knospen und aufgehende Blüten trugen. Obgleich an vielen Stellen Spuren von Reblausbefall bemerkbar waren, brachten die Reben im Herbste reichen Ertrag, der in dem herrenlosen Gebiet den bulgarischen und deutschen Truppen sehr zugute kam. In der Ebene selbst nehmen Pflanzungen vonMaulbeerbäumenden größten Raum ein. In geraden Reihen durchzogen die Bäume weite Flächen; man sah ihnen noch die frühere, regelmäßige Beschneidung an. Meist war der Stamm in 1½ m Höhe beschnitten und strahlte ähnlich wie unsere Kopfweide von einer keulenförmigen Anschwellung in dieser Höhe einen Büschel von langen Ruten aus. Einzelne der Bäume trugen jetzt schon reife Beeren, die süß und saftig waren und bei den heißen Wanderungen über die Ebene eine angenehme Erquickung boten.

Abb. 19. Ebene von Hudova und erste Hügel mit Buschvegetation im Hochsommer.

Abb. 19. Ebene von Hudova und erste Hügel mit Buschvegetation im Hochsommer.

In der zweiten Maihälfte war es schon recht heiß geworden; am Nachmittag waren regelmäßig schon 22-27° C im Schatten zu messen, also Temperaturen, bei denen unsere Schulkinder zuhause schon „Hitzferien‟ gehabt hätten. Ein wunderbarer blauer Himmel wölbte sich über der Ebene, meist am Nachmittag von großen weißen Wolkenballen durchsegelt, welche mächtige Schatten auf die umgebenden Berge warfen. Seufzend wanderte mein tüchtiger Bursche an meiner Seite, ein braver Bergwerksarbeiter vom Niederrhein namensSaddeler. Das war die erste Hilfe, die mir die Armee zugewiesen hatte. Er versorgte mich gut und faßte sofort Interesse für meine Tätigkeit, wanderte flott und eifrig mit mir durch das Land, wenn auch für seine Bergmannsaugen das Sonnenlicht Mazedoniens eine neue Gewöhnung erforderte. Ich erinnere mich gern an den tüchtigen Mann, der nach einigen Wochen zur Bergwerksarbeit heimgerufen wurde und mir von dort noch öfter Nachricht schickte.

Als ich die Ebene von Hudova durchstreifte, begleitete mich Saddeler zum ersten Mal und war fleißig mit mir auf der Jagd nach Insekten. Stundenlang konnte man durch die Maulbeerpflanzungen wandern, behindert nur manchmal durch die verwilderten Hecken. Hier war es einsam und die fleißigen Arbeiter fehlten, die sonst im Dienste des Seidenbaues emsig tätig gewesen waren. Im unteren Wardartal war ein Zentrum derSeidenkulturdes Balkans gewesen. Die Maulbeerbäume lieferten das Laub als Futter für die Raupen des Seidenspinners und wurden von der hier im Gebiet schon stark mit Griechen vermischten Bevölkerung fleißig gepflegt. Die Dörfer am Rande der Ebene, so besondersPiravo, lebten vom Seidenbau und in vereinzelten Häusern konnte man jetzt auch im Kriege noch die Hürden mit Raupen bei der Fütterung und mit den Puppen in ihren Kokons in den Händen der Leute sehen. Aber im großen und ganzen ruhte der Seidenbau und die großen weißen Häuser vonGewgeli, dem Zentrum des Seidenhandels, die man von den Höhen aus fern am Wardar im Süden schimmern sah, waren zerschossen und die ganze Stadt verödet. Zwischen den Maulbeerbäumen der Ebene von Hudova weideten große Herden von Ziegen, Rindern und Pferden, die jetzt am Boden noch reichlich Futter fanden. Später im Jahr jedoch, wenn Gras und Kräuter verdorrt waren, da sah man die Weidetiere an den Maulbeerbäumen sich das letzte Grün holen. Es war ein bizarrer Anblick, wenn magere Rinder und Ziegen,selbst Pferde mit den Vorderbeinen in die Bäume stiegen und von den obersten Zweigen die Blätter abrupften.

Dr.Laserphot.Abb. 20. Frühlingswiese mit Granatapfelbusch bei Kaluckova.

Dr.Laserphot.Abb. 20. Frühlingswiese mit Granatapfelbusch bei Kaluckova.

Dr.Laserphot.

Abb. 20. Frühlingswiese mit Granatapfelbusch bei Kaluckova.

Teils unter den Maulbeerbäumen, teils zwischen ihnen dehntensichprachtvolle Felder vonRoggen,Weizen,GersteundHaferaus, welche im Jahre 1918 durch die Arbeit unserer Truppen gewaltig zugenommen hatten. Der sandige Schwemmboden des Hudovatals trug reiche Frucht, wenn er gut bearbeitet wurde. Dabei war in vielen Gewannen künstliche Bewässerung notwendig. In der Ausnützung der Schluchtbäche, der Nebenflüsse des Wardar und dieses Flusses selber haben unsere Soldaten vielvon den Bulgaren gelernt, welche auf diesem Gebiet ausgezeichnete Fachleute sind.

Manche Teile der Ebene glichen einem reichen Garten; da rankten an den Maulbeerbäumen die Reben hinauf und zwischen ihnen waren Tomaten, Zwiebeln, Bohnen angepflanzt. Die Reben wurden hier im Gebiet hauptsächlich zurRosinenerzeugunggezogen. Wie ein Mittelpunkt des Seidenhandels, so warGewgeliauch eine Stätte desRosinenhandelsgewesen. Der Wein blühte hier zwischen dem 15. Mai und 1. Juni; die Trauben reiften von Ende Juli an und hielten sich bis tief in den Herbst hinein. Die Bevölkerung des Tals hatte unter den relativ ruhigen Verhältnissen während unserer Besetzung den Anbau immer mehr aufgenommen. So sah man oft Männer, Frauen und Kinder schon in der ersten Morgenfrühe und bis spät in die Nacht auf den Feldern arbeiten.

Abb. 21. Blühendes Mohnfeld. Mitte Mai bei Valandova 1918.

Abb. 21. Blühendes Mohnfeld. Mitte Mai bei Valandova 1918.

Besonders auffallend war für unsere deutschen Augen der Anbau von zwei Ackerpflanzen, vonMohnundBaumwolle, die hauptsächlich im südöstlichen Teil der Ebene, gegenPiravoundValandovahin, viel gepflanzt wurden. Die blühendenMohnfeldergehörten in der ersten Maihälfte zu den köstlichstenlandschaftlichen Reizen dieser Gegend (Abb. 21). Unter den zartgrünen, von Weinlaub umrankten Maulbeerbäumen dehnten sich weithin die Felder mit den stattlichen, über 1 m hohen Mohnpflanzen aus, deren weiße und violette gefüllte Blüten sich gravitätisch im leichten Winde wiegten. Wie schimmerten die Felder silberig mit ihrem milchiggrünen Laub, wie bunt und heiter hoben sie sich von den dunklen Bäumen, die sie umrahmten, und von dem zarten Blau der fernen Berge ab. Welch zarte Abtönung der Farbe zeigten die Blütenblätter mit ihren welligen Rändern.

Abb. 22. Mohnfeld mit vielen Kapseln. Bei Valandova Ende Mai.

Abb. 22. Mohnfeld mit vielen Kapseln. Bei Valandova Ende Mai.

Ende Mai war derMohnverblüht und jeder Stengel trug wie ein gekröntes Haupt die dicke grüne Kapsel (Abb. 22), welche nun von den fleißigen Bauern, die vorher an den Mohnfeldern durch Hacken und Unkrautbekämpfen schon reichlich Arbeit geleistet hatten, „geringelt‟ wurden. Das ist eine mühsame Arbeit, die sehr sorgfältig ausgeführt werden muß. Jede Kapsel bekommt einen wagerechten Ringschnitt, der nicht ganz herumgeführt wird. Meist werden mehrere Schnitte gemacht. Aus der Wunde fließt ein milchiger Saft hervor, der harzig gerinnt, meist nach einem Tage abgenommen und zu Klumpen zusammengeballt wird. Diese werden dann zu einer Art Kuchen zusammengeknetet und stelleneines der wichtigsten Landesprodukte dar. Aus ihnen werdenOpium,Morphium,Morphinund all die wichtigen Arzneimittel hergestellt, die von diesen Substanzen abgeleitet sind. Es war für unsere Kriegsführung von der größten Bedeutung, daß wir ein Opiumland in der Hand hatten. So gefährlich dies Produkt der schönen Pflanze als Gift und Genußmittel ist, so segensreich hat es sich bei Hunderttausenden von Verwundeten als Mittel zur Narkose und Schmerzlinderung erwiesen. Das Rohprodukt wurde nach Deutschland geschafft und in dessen chemischen Fabriken weiterverarbeitet.

Die Fruchtkapseln, welche das Opium geliefert haben, sind noch imstande, Samen zu reifen. So sieht man denn im Juni die Felder gelb und braun werden. Schüttelt man die Kapseln, so rasselt es, als seien Schrotkörner darin. Die kleinen, schwarzen Samen werden geerntet und aus ihnen ein sehr gutesÖlgewonnen, von dem manche Flasche von unseren Soldaten zur Erleichterung der Fettnot nach Deutschland geschickt wurde. So stellt die Mohnpflanze mit ihrer doppelten Ernte ein sehr wichtiges, kostbares Landesprodukt Mazedoniens dar. In der Menge der Produktion wird Mazedonien allerdings von Kleinasien, Indien und China bei weitem übertroffen.

Nicht so wichtig, aber immerhin ein interessantes Erzeugnis der fruchtbaren Erde Mazedoniens ist dieBaumwolle. Sie wird hier im Lande in einer einjährigen, krautigen Form gezogen. Im Frühjahr erinnert eine Pflanzung fast an ein Kartoffelfeld, später im Herbst, wenn die Kapseln platzen und der dicke Wattebausch aus den Spalten quillt, dann sieht sie ganz eigenartig und ungewohnt aus, allerdings nicht so schön als in den Tropen; denn im trockenen Land Mazedonien pflegt im Spätsommer alles zu verstauben.

Vor allem im Jahre 1917 gab es zwischen den Feldern noch viele brachliegende Strecken. Da blühten bunte Blumen und um sie wimmelte eine reiche Insektenwelt. Große Büsche von roten Wicken und grelle Flecken einer gelben Wolfsmilchart waren neben Brombeer- und Weißdornbüschen die häufigsten Pflanzen.Bockkäferund schwarzeBlattwespensaßen in dichten Scharen auf der Wolfsmilch. Um die Weißdornbüsche flattertenSchmetterlingein großen Scharen, die vollkommen unseren einheimischen Formen glichen. Da herrschte, entsprechend seiner Futterpflanze, derHeckenweißling(Aporia crataegiL.) vor,von dem ganze weiße Wolken die Hecken umschwebten. Fast ebenso häufig waren diegelbe Acht(Colias croceusFoure) und derDistelfalter. Letzterer (Vanessa carduiL.) ist in dem distelreichen Lande Mazedonien geradezu der Charakterschmetterling. Überall findet man ihn, auf Feldern und Wiesen, an den Flußufern, in den Schluchten, im Gebirge. Hier in der Ebene war er massenhaft vorhanden. In großen Mengen flog auch der GrasfalterPararge MegaeraL.

Auf Brachfeldern wuchsen in üppiger PrachtKornblumenundroter Mohn, die man hier im Lande oft schon im April blühen sieht. Mit ihnen kommen Doldenpflanzen reichlich vor. Das war der Tummelplatz vielerBlattwespenundSchlupfwespen.Bienensammelten den Blütenstaub des Mohns oder schnitten dessen rote Blumenblätter. An den Wegen sah man sie ihre Löcher im Boden bauen. Auch andere Formen von Solitären flogen hier (Abb. 22 b). Über ihren Baustätten strichen in brummendem Flug Hummelfliegen aus der Familie derBombyliden. In raschem Zickzackflug flogen braungraueWollschweber(Bombylius fuliginosusWd. undpunctatusFb.) um die Blüten, mit ihrem langen Rüssel in diese hineinlangend, währendTrauerschwebermit düster gefärbten Flügeln über den lehmigen Pfaden hinflogen, die Bienenlöcher aufsuchend, in denen sie ihre Eier an den Bienenlarven ablegen (Anthraxarten,A. fenestrataFabr.,A. polyptermesMg. und andere). Diese Fliegengattungen schmarotzen im Larvenzustand an Schmetterlingsraupen und vor allem an Bienenlarven. Zwischen den Büschen huschte eine wenig scheue, große, gutfliegende Heuschreckenart umher. Auf den Blüten tummelte sich ein reiches Leben von Käfern und Blattwanzen. Zwischen den Gräsern liefen langbeinige Weberknechte in großen Scharen umher. Es waren diesZachus cristaBrüll., eine große Art mit weißem Strich über dem Rücken und hell geringelten Beinen, sonst ganz schwarz, und eine kleinere hellere FormMetaphalangium propinquum(Lucas). Es freute mich, diese Tiere zu erbeuten, denn der Spinnenkenner Dr. Roewer hatte vor der Ausreise mich wissen lassen, daß keine einzige Art von Weberknechten bisher aus Mazedonien bekannt sei.

Abb. 22 b.Halropa tarsataSpm. Solitäre Biene.

Abb. 22 b.Halropa tarsataSpm. Solitäre Biene.

Im Weißdorn und den Heckenrosen jagten die Würger nach Insekten,rotrückige(Lanius collurio collurioL.) undrotköpfige(Lanius senator senatorL.) und der großeSchwarzstirnwürger(Lanius minorGm.). Grasmücken sangen im dichten Gebüsch; häufig waren mit ihnen die Nachtigallen. Ganze Schwärme von Sperlingen balgten sich mit Gold- und Grauammern herum. Hier im Süden Mazedoniens trat Ende Mai in Menge ein prachtvoller Vertreter der Ammern, die goldfarbeneKappenammermit ihrer dunklen Sammetmütze auf (Emberiza melanocephalaScop.).

Drei Arten von Spatzen traf ich in Mazedonien an, den gemeinenHaussperling(Passer domesticus domesticusL.), der häufig große, wie Webervogelbauten aussehende Gemeinschaftsnester baute. Noch häufiger war derFeldsperling(P. montanus montanusL.), der vor allem die Dörfer bewohnte. DerSteinsperlingjedoch (Petronia petronia macrorrhynchusBrehm) war viel seltener und fand sich vor allem in den großen Felsenschluchten.

DieNachtigallim Wardartal istLuscinia megarhynchusBr.

Grasmückengab es eine ganze Anzahl Arten. Wir konnten in der Umgebung von Kaluckova dieMönchsgrasmücke(Sylvia atricapilla atricapillaL.), dieDorngrasmücke(S. communis communisLath.), dieZaungrasmücke(S. carruca caruccaL.) und dieBartgrasmücke(S. cantillaus albistriataBrehm) nachweisen. Von Ammern herrschten vor dieZirlammer(Emberiza cirlusL.) und dieZippammer(Emberiza cia ciaL.).

Auf den Wegen, am Pferdemist, war eine muntere Tätigkeit derPillendreherim Gange. Zwei Arten waren es hauptsächlich, die man hier oft nebeneinander fand. Die eine Form war, wie ich im nächsten Jahr feststellte, schon früh im April bei der Arbeit; das warSisyphus SchaefferiL., der Pillenwälzer, von dem oft Hunderte sich an einem Kuhfladen zu schaffen machten. Erst viel später im Jahre kam der große heilige Pillendreher (Ateuchus sacerL.) und mit ihmScarabaeus pilesIllig, dieses Charaktertier der Mittelmeerländer aus seinem Erdloch hervor. Überall waren sie in Mengen auf den sandigen Straßen, auf denen die Herden der Pferde ihren Kot hatten fallen lassen. Da sah man viele der glänzend schwarzen Käfer ihre großen Pillen aus Pferdekot die Straße entlang seitwärts auf die Wiese rollen und da in ein nicht sehr tiefes Erdloch hineinschaffen.

In der heißen Mittagssonne war ein lebhaftes Treiben um die Kothaufen am Wege. Die kleinenSisyphusließen sich leicht vertreiben, flogen dann auf und schwirrten mit Gesumme ab, um bald wiederzukehren und den ganzen Kothaufen wieder mit ihrenLeibern zu bedecken. Diegroßen Pillendreherwaren schwerer in Bewegung zu bringen. Aber auch sie kamen oft brummend und summend weither angeflogen, setzten sich an einem Kothaufen nieder und fingen bald an, mit Kopfschild und Vorderbeinen den Kot zusammenzuschaufeln. Sie schafften ihn unter ihren Körper, ballten ihn zusammen und rundeten ihn unter steter Arbeit der zwei hinteren Beinpaare zu einer immer glatter werdenden Kugel ab. Diese rollten sie dann in emsiger Arbeit über den Weg, am liebsten an den Hang des Hügels zwischen die Wiesenpflanzen. Dort gruben sie Löcher in die Erde, in welche sie ihre Kugel schafften, um unter dem Boden in schützender Höhle mit aller Ruhe ihre Beute zu verzehren. Verdient war diese Ruhe wohl, denn welche Arbeit hatten die seltsamen Tiere beim Heranrollen ihrer Mistkugel geleistet, die ihnen oft den Hügel wieder heruntergerollt war, um dort in die Hände eines Mitbewerbers zu fallen, wenn es einem solchen nicht vorher schon gelungen war, sie ihm in scheinbar gemeinsamer Wälzarbeit zu entwenden. Die Bereitung der eigenartigen Brutnahrungsbirne aus Kot, welche der französische EntomologeFabrebeschrieben hat, in deren Nische der Käfer sein Ei ablegt, konnte ich nie beobachten; allerdings hielten mich davon die vielen anderen Tiere mit ihren Problemen ab, die ich studieren wollte.

Tiere, welche man im Frühsommer im ganzen Gebiet häufig antraf, welche auf blühenden Pflanzen und auf Bäumen saßen, die man leicht von Büschen herunterschütteln konnte, waren die buntenBaum-undBlattwanzen. Viele von ihnen waren auch ganz seltsam gestaltet.

Sie gaben zu manchen Beobachtungen Anlaß, und so will ich einiges von ihnen berichten. Ich verdanke die Bestimmungen Herrn Dr.Schumacher. Die Formen sind vielfach tiergeographisch sehr interessant, indem sie wie in anderen Gruppen die Zusammensetzung der mazedonischen Fauna aus südlichen, nördlichen und östlichen Elementen erkennen lassen.

VonSchildwanzenist eine Form zu erwähnen, welche auf den auf S. 189 Abb. 100 abgebildetenEchiumstauden häufig vorkam. Es ist ein großes braunes Tier mit weißen Punkten an der Oberseite übersät. Bei Berührung läßt es sich sofort fallen und verschwindet vollkommen zwischen den braunen verwelkten Wurzelblättern der Stauden, welche die gleichen weißen Punkte zeigen. Der wissenschaftliche Name der Art istPsacacta exanthematicaScop.

Ein interessanter Fund warLeprosomatessa (Leprosoma) carinataMont., eine flache sandfarbene Art, ein ausgesprochenesSteppentier, das bisher außer in der Walachei und im Banat noch nirgends gefunden worden war. Auf Disteln und Flockenblumen fand sich eineBlumenwanzemit stark vortretenden Seitenecken des Vorderrückens und fünf geschwungenen erhabenen Leisten auf der Oberseite (Ancyrosoma leucogrammaGmel.). In geradezu überwältigenden Mengen lebte auf Kirschbäumen und PflaumenheckenApodiphus amygdaliGerm., eine vorderasiatische Art. An Mengen wetteiferte mit ihr auf DistelnCarpocoris purpureipennisDeg. und die BeerenwanzeDolycoris baccarumL.

Bemerkenswert war das Vorkommen vonNezara-Arten, welche in den Tropen und Subtropen weit verbreitet sind, soN. viridulaL. undN. (Acrosternum) heegeriFieb., welch letztere z. B. aus Deutsch-Ostafrika bekannt ist.

Ein wichtiger Fund bei Kaluckova warOpisthotaenia fulvipesReut., die neu war für den europäischen Kontinent und nur aus Kaukasien und Kleinasien bekannt war.

Habe ich schon oben Formen von Wanzen erwähnt, welche ihrer Umgebung auffallend ähnlich sind, so möchte ich ihnen noch eine Form hinzufügen,Phyllomorpha laciniataVill., eineBlattwanze, deren Gestalt durch Fortsätze am Rand und deren graubraune Färbung sie einem verschlissenen, verdorrten Blatt ähnlich machte.

An dieser Stelle will ich noch zwei Fälle auffallender Ähnlichkeit von Insekten mit Tieren und Blumen erwähnen, die ich in Mazedonien beobachtete. Die eine betrifft einen Käfer aus der GattungNecydalis, den ich auf der Plaguša Planina fing, und welcher einer Wespe mit dünner Taille in Farben und Formen ganz außerordentlich ähnlich sah (Abb. 22 c).

Noch merkwürdiger war eine Beobachtung am Wardar oberhalbDemirkapu. Dort wuchs an lichten Stellen im Weidengebüsch eine stark behaarte Pflanze mit leuchtend violetten Blüten (Anchusa hybridaTenn.).

Abb. 22 c.Necydalis panzeriHerold. Wespenähnlicher Käfer.

Abb. 22 c.Necydalis panzeriHerold. Wespenähnlicher Käfer.

Auf dieser Pflanze fingen wir eine ganze Anzahl kleiner Schmetterlinge, tagfliegende Eulen (Janthina friwaldszkyiDup.), welche in Größe und Ton und Charakter der Farbe aufs täuschendste den Blüten der Pflanze glichen. Sie setzten sich stets nach kurzem Flug auf die Pflanze in die Region der Blütenstände, fast stets auf die violetten Blüten selber (Abb. 22 d).

Ich bin geneigt, die offenbare Anlockung durch die Blütenfarbe in ähnlicher Weise zu deuten, wie ich sie schon früher bei anderen Tieren in einem allgemeineren Zusammenhang zu erklären suchte. Ich vermute, daß die kleinen Schmetterlinge beim Flug zu den Blüten die Farbe aufsuchen, welche ihr eigener Körper trägt und daß dies der Vereinigung der Geschlechter dient. An anderer Stelle dieses Buches erwähne ich, daß auch andere Schmetterlinge durch den Duft von Blüten angelockt werden, ohne dort Nahrung zu suchen, nur um in beiden Geschlechtern sich dort zur Begattung zu treffen. Und dort erwähne ich auch, daß diePappatacci-Männchen dem Geruch des Menschen nachfliegen, obwohl sie sein Blut nicht saugen. Sie tun dies nur, um dort ihre Weibchen zu finden, die allnächtlich, um Blut zu saugen, die Menschen aufsuchen.

Abb. 22 d.Janthinea friwaldszkyiDup. Blaue Blumen befliegende Tageule.

Abb. 22 d.Janthinea friwaldszkyiDup. Blaue Blumen befliegende Tageule.

Im Süden begrenzt die Ebene vonHudovaeine Kette hoher Hügel, welche von kurzem Buschwerk bewachsen und von vielen tiefen Schluchten durchzogen sind. Die Hügelkette zieht sich ziemlich gerade von Osten nach Westen, bis sie gegenüber vonMiletkovomit einem steilen Absturz am Wardar abbricht. Ihr entlang zieht, etwa 1-2 Kilometer nördlich von ihr, ein kleiner Nebenfluß durch die Ebene, der sich auch gegenüberMiletkovomit dem Wardar vereinigt; es ist der unweitDedelibeimHain Mamrein einem mächtigen Quell entspringendeKozludere, der nach Aufnahme einer Reihe von Süd und hauptsächlich von Norden ihm zufließender Nebenbäche alsBojimiaderesich in den Wardar ergießt. In der Umgebung seiner Mündung ist die Ebene fruchtbar. Dickichte von Weiden und Erlen umrahmen schöne Durchblicke auf die das Tal umgebenden Gebirge. Einzelne riesengroße, uralte Bäume, vom Talwind alle nach einer Seite gebeugt, waren ganz eigenartige und seltene Erscheinungen in diesem Lande. Es waren teils Eichen, teils Rüster. Ich habe oft ihre charaktervollen Formen bewundert, wenn ich am späten Nachmittagdurch die Ebene dem Abendhimmel entgegen wanderte. Solche Glut und Farbenpracht des Sonnenuntergangs wie in diesem Winkel des Tals beiMravinca, habe ich in meinem Leben nicht oft genossen, obwohl das Schicksal mich nicht selten an schönste Stellen der Erde geführt hat. Mein Ziel bei diesen Wanderungen war neben dem Genuß der schönen Landschaft zoologische Beobachtung. Ich wollte feststellen, welchen Vogelarten die alten Riesen als Schlafbäume dienten. Wo ein großer Baum in Mazedonien aufragt, wird er von Vögeln als Nachtquartier aufgesucht und je einsamer so ein Baum steht, um so eigenartigere Gäste kann man auf ihm vermuten. Steht er am Rande einer Stadt oder in einem Dorf, so ist man in Mazedonien sicher, jeden Abend hunderte, ja tausende vonDohlenin ihm einbrausen zu hören. Der Himmel verdunkelt sich, wenn sie in Scharen ankommen und ihr kreischendes Geschrei die Luft erfüllt. Meist begleiten sie, ebenfalls in großer Anzahl,SaatkrähenundNebelkrähen, die nicht weniger geräuschvoll sind.

Die Rabenvögel Mazedoniens, welche wir in dieser Gegend feststellten, gehörten zu folgenden Formen: DieDohle(Coloeus monedula soemmeringi[Fisch.]), dieSaatkrähe(Corvus frugilegus frugilegusL.), dieNebelkrähe(Corvus cornix pallescensMad.).

Ist die Gegend etwas einsamer, steht der alte Baum etwa nur neben einem stillen Gehöft, so dient er auch edleren Gästen als nächtliche Ruhestätte. Dann sammeln sich wohl auf seinen höchsten Ästen Bussarde, Habichte, Falken der verschiedenen Arten. Meist hält aber dann jeder einzelne seinen Ast für sich allein besetzt und jagt einen verspäteten Ankömmling erbarmungslos davon. Auf den Baumriesen in der Ebene des Wardar konnte man im Anfang der Besetzung durch die verbündeten Heere oft mächtige Nachtgäste aufbäumen sehen. Da saßen in ihren Kronen die häufigenKaiseradlerund gelegentlich einmal einSteinadler; vor allem aber seltsam und eindrucksvoll waren die großenGeier, von denenMönchsgeierundGänsegeiernicht selten in der Dämmerung in den höchsten Ästen sich niederließen. Es war ein phantastischer Anblick, wenn durch die mächtigen Körper der riesigen Vögel bizarr verändert der Umriß des Baumes gegen den bernsteingelben Abendhimmel sich abhob. Wie Bildsäulen standen die Geierkörper in dem schimmernden Glanz. Von Zeit zu Zeit erhoben sie sich von ihren Sitzen und entfalteten ihremächtigen Flügel, deren gespreizte Schwungfedern als dunkle Silhouetten sich von der goldenen Fläche einzeln abhoben. Senkten sie sich dann wieder auf die Kronen der Bäume nieder, so schienen sie auf die Hälfte der früheren Größe zusammenzuschrumpfen, wenn sie ihre Flügel zusammenfalteten und den langen mageren Hals einzogen.

Je länger der Krieg dauerte, je öfter von Soldaten und Offizieren auf die großen Vögel gejagt wurde, um so seltener kamen sie in die Wardarebene. Umso schwerer war es, an die freistehenden Bäume anzuschleichen, um sie zu beobachten und zu erlegen. Da nützten die wohlmeinenden Befehle unserer obersten Heeresleitung nicht viel, durch welche der Abschuß der großen Vögel im Interesse des Schutzes der „Naturdenkmäler‟ immer wieder unseren Truppen verboten wurde. Die Offiziere verhinderten zwar vielfach ihre Mannschaften am Abschuß der Adler und Geier; aber sie selber und die Ärzte der Lazarette konnten oft dem Jagdeifer nicht widerstehen und schlichen sich abends an die Schlafbäume heran, von denen mancher stolze Adler und stattliche Geier heruntergeschossen wurde. Und alle Schonung durch das deutsche Heer konnte nicht viel nützen, denn gedankenlos wurde von den Bulgaren, in deren Interesse wir sie schonen wollten, alles was auffallend war, weggeknallt.

So waren denn schon im Sommer 1917 die meisten Schlafbäume verlassen; später waren viele von diesen stolzen, schönen Produkten jahrhunderte langen Wachstums der Holznot der Truppen zum Opfer gefallen.GeierundAdlerkamen nunmehr selten ins Tal. Aber immer noch konnte man täglich mehrere Paare der mächtigen Tiere, fast immer Männchen und Weibchen gemeinsam, die weite Ebene überfliegen sehen, wenn sie von einem Gebirge zum anderen flogen, in welchem sie ihre Schlupfwinkel hatten, wo sie brüteten und vor Nachstellungen sicher waren. Die Erinnerung an manche mazedonische Landschaft ist mir unzertrennbar verknüpft mit dem Flugbild der stetig und rasch mächtige Weiten durchfliegenden Raubvögel, die in wenigen Stunden von Griechenland bis nördlich der Donau reisten, Kleinasien, die Dardanellen und Albanien besuchten und über all den Kriegsschauplätzen majestätisch hinschwebten, auf denen die Heere der Welt verteilt waren. Dann und wann senkten sie sich nieder, um aus den Armeeschlächtereien, aus den Abfallplätzen der Truppenlager, an Heerstraßen oder auf Schlachtfeldern sich ihre Beute zu holen,ein Geschäft, an das in diesem Teil der Welt seit Jahrtausenden jede Generation der Aasvögel sich wieder hatte gewöhnen können.

Abb. 23. Haus mit Storchennest in Piravo.

Abb. 23. Haus mit Storchennest in Piravo.

In dem feuchteren Teil der Ebene, gegenMravincazu, sah man oft große Herden vonStörchendurch Sumpf und Felder stelzen. Zwanzig bis dreißig waren ihrer häufig und manchmal mochten es selbst ihrer Hunderte sein, die man in einem Abschnitt der Ebene beieinander sah. Es war ein reizvoller Anblick, wenn die großen, schwarz-weißen Vögel mit ihren roten Beinen durch das hohe Gras und Schilf der sumpfigen Strecken stolzierten, bald tief geduckt am Boden suchten, bald den roten Schnabel hoch in die Luft warfen. Dann und wann ging ein mächtiges Klappern vieler Schnäbel los. Das war die Zeit, wenn sie ihre Jungen aus den Nestern hinausführten, und sie lehrten, ihre Beute zu finden und zu fangen. Rings um die Ebene fanden sich auf Bäumen und auf den Dächern der Häuser viele Storchennester. Nicht nur im Sumpf zwischen Binsen, Schwertlilien und anderen Sumpfpflanzen wateten die Störche umher, auch auf den trockenen Feldern wetteiferten sie an Farbenpracht mit den Kornblumen, dem wilden, roten Mohn und den Kamillenflächen. Dort waren sie eifrig hinter Eidechsen und vor allem Heuschreckenher, die mit dem fortschreitenden Sommer heranwuchsen und allmählich eine sehr lohnende Beute darboten.

So vielFröschedie Störche auch fingen, man hatte doch den Eindruck, daß es deren nicht weniger wurden, wenn man nachts durch die Ebene wanderte. Wenn der Vollmond sein Licht durch die Büsche schickte und die fernen Felsengrate der Gebirge silbern aufleuchteten, dann schallte über die Ebene das gewaltige Konzert der Frösche. Ungeheuer viel von diesen Tieren mußte es hier geben, denn es klang wie ein gewaltiges Riesenorchester, was da aus dem Sumpfe erscholl. Die Stimme des häufigsten mazedonischen Frosches klingt anders als die unserer Frösche, obwohl dieRana ridibunidaPall., der mächtig große Frosch dieses Landes, unserem Teichfrosch sehr nahe steht. Aber sein gewaltiges, sonores Lachen und Meckern, das ihm den Namen desLachfroschesgebracht hat, ist eine eigenartige, volltönende Melodie, die in stiller, einsamer Nacht einen großen Eindruck macht. Mein getreuer Mitarbeiter und Begleiter, der tüchtige Herpetologe Prof.Lorenz Müller, stand seinen Lieblingen und Opfern so nahe, daß er wundervoll und täuschend ihre Stimmen nachmachen konnte. Hatte er unsere Gesellschaft durch sein Gequake in heiterste Stimmung versetzt, so konnten wir alle nicht mehr anders, als mit freundlichen Erinnerungen des mazedonischen Lachfrosches gedenken.

Einen Vogel, der in der Ebene von Hudova durch sein massenhaftes Auftreten einen besonderen Eindruck machte, möchte ich nicht vergessen. Es ist das derTruthahn, der auf dem Balkan sehr viel als Haustier gezüchtet wird. Während man ihn bei uns meist nur in einzelnen Paaren im Bauernhof zu sehen pflegt, wird er hier im Süden in großen Herden auf die Weide getrieben. 400-500 Truthähne und Truthennen mit ihren Kücken wanderten oft durch die Büsche und Maulbeerhaine. In langen Reihen liefen sie hintereinander und wenige Kinder genügten, um sie zusammen zu halten, auf die Weide hinaus und sicher in die Dörfer nach Hause zu treiben, wo sie mit den Hühnern auf den Bäumen übernachteten. Ein buntes, malerisches Bild war solch eine Putenherde, wenn sie, geleitet von den farbig gekleideten Mazedonierkindern durch das blühende Unkraut, die Kornblumen und den Mohn, geschäftig, den Schnabel am Boden, dahinliefen. Mancher solche Truthahn, um teures Geld gekauft, wanderte mit dem Urlauber in das hungernde Deutschland.


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