EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DER KATLANOVOSEE

Etwa 20 km östlich von Üsküb liegt im Winkel zwischen dem Wardar und der südlich in diesen mündenden Pcinja ein eigenartiger Sumpfsee, derKatlanovosee. Er und seine Umgebung bot dem Zoologen viel Interessantes. So war er das Ziel zahlreicher Ausflüge, welche der Vogelwelt, den Insekten und Spinnen wie den Wassertieren galten. Bei diesen war häufig mein Begleiter mein früherer Assistent Dr.Nachtsheim. Es war mir gelungen, ihn vom Postüberwachungsdienst zu befreien und ihn nach Mazedonien kommandiert zu bekommen, wo er nützlichere Tätigkeit fand.

Nördlich vom Katlanovosee zieht sich ein schmales Sumpfgebiet bis in die Gegend von Üsküb, in welchem zahlreiche Bäche versickern. Somit ist jetzt der See im wesentlichen ein Sammelbecken dieser Bäche. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er früher einmal vom Wardar durchflossen wurde oder diesen an anderer Stelle mit der Pcinja verband, ehe diese sich ihre Schlucht zum Wardar gewühlt hatte.

Der lange Weg von Üsküb zum See war reizvoll durch die Blicke auf die Berge der Umgegend; entzückend schöne Formen hatten vor allemOsriundKitka, welche als letzte Ausläufer derGolesniza Planinain die Wardarebene etwa 1500 m hoch emporragten und diese damit fast bis zur Wardarklamm zwischen Taor und Selenikovo fortsetzten. Nördlich zogen sich die Höhen desKaradakhin. Kleine Dörfer lagen in Gruppen von Pappeln und Obstbäumen malerisch vor den Bergen. Auf den Bäumen sah man viele Storchennester.

Wie diese, so hatte der Sumpfwald, der sich zwischen Üsküb und dem See hinzog, eine reiche Vogelwelt angelockt, deren Studium ich manchen Tag im April 1918 widmete. Prachtvolle alte Eichen, Weiden, Erlen und Haselgebüsch bildeten diesen lichten Wald, in welchem auch Pappeln nicht fehlten. Zwischen den Gruppen großer Bäume dehnten sich Flächen dichten Gestrüpps aus, die besten Schlupfwinkel für die mannigfaltige Vogelwelt.

Einige alte Bäume waren die Ruheplätze großer Raubvögel. Sie standen meist einsam, so daß es außerordentlich schwer war, sich an sie heranzupürschen, um die Riesenvögel genau zu betrachten oder gar erlegen zu können. Immerhin gelang es, manche der dort sitzenden Arten mit großer Sicherheit festzustellen, zum Teil als Beute von Offizieren und eines Veterinärs, die mehr Zeit auf die Jagd verwenden konnten, als ich, den viele andere Probleme festhielten.

Wie überall in Mazedonien war hier derKaiseradleram häufigsten (Aquila heliacea heliaceaLad.); die meisten Adler, welche in Mazedonien jung aus den Nestern genommen und bei den Abteilungen aufgezogen wurden, gehörten zu dieser Art. Ich habe ihrer viele in allen Teilen des Landes gesehen. Mit Sicherheit glaube ich ferner beim Katlanovosee den schön braunenSchreiadler(Aquila pomarina pomarinaPr.) und den geflecktenSchelladler(Aquila maculataGm.) beobachtet zu haben. Im ganzen habe ich im Gebiet fünf Adlerarten gesehen, zu den genannten noch denZwergadlerin der Golesniza Planina (Hieraëtus pennatusGm.) und bei Hudova denSchlangenadler(Ciraëtus gallicusGm.) als ziemlich häufige Form.

Dazu kommt noch derFischadler(Pandion haliaëtus haliaëtusLad.), der auch in der Nähe des Sees nicht selten war; im Winter konnte ich mehrmals auchSeeadler(Haliaëtus albicillaL.) beobachten.

Einer der alten Bäume im Sumpfwald war der Schlafplatz eines riesigenGänsegeiers(Gyps fulvus fulvusHabl.). Wie oft suchte ich in der Dämmerung an ihn heranzukommen. Doch nie gelang es, ihn zu überraschen. Er hatte sich seinen Schlafbaum so vorsichtig ausgesucht, daß man beim Heranschleichen von keiner Seite Deckung fand. Schließlich gelang es einem mich oft begleitenden Tierarzt ihn zu erlegen.

An den Abfallhaufen der Korpsschlächtereien konnte man oft auchMönchsgeier(Aegyptius monachusL.) und denAasgeier(Neophron pernopterus pernopterusL.) beobachten. Es war ein phantastischer Anblick, wenn die riesigen Vögel sich um die Reste der geschlachteten und gefallenen Tiere balgten. Ein wüstes Geschrei erhob sich um die Abdeckereien herum, wenn die Tiere sich hoch aufrichteten, den nackten Hals zurückbogen und die breiten Federn ihrer Flügel weit auseinander spreitzten. Auch diese beiden Arten kamen in den Sumpfwald zum Schlafen.

Es ist das eine stattliche Schar großer Vogelarten, welche ich damit verzeichne. Für mich als Zoologen gehört es zu den starken Eindrücken, die ich von Mazedonien mitnahm, so viel von der Vogelwelt beobachten zu können. Überall erblickte man Adler und Geier; bei jedem Ausflug in die Berge sah man entweder die Paare der Adler in mächtigen Kreisen hoch oben nahe den Wolken streichen, oder man konnte ganze Scharen von Geiern tief herabschweben und sich auf ein Aas stürzen sehen. Auch die Mengen von Vögeln, die oft von einer Art sich an einem Ort versammelten, waren überwältigend. Wie belebt ist die Luft noch in den Ländern Europas, in denen noch nicht die Eisenbahnschienen das ganze Land, Telegraphen- und Telephondrähte die Luft durchkreuzen und hunderte von Fabrikschornsteinen sie verpesten und den Beherrschern der Lüfte die freie Bahn sperren.

Einen nicht geringen Beitrag zu diesen Erlebnissen lieferte die Gegend desKatlanovosees. Im Sumpfwald warenFalken,Weihen,SperberundBussardenoch häufiger als ihre großen Vettern. Eine große Rolle spielen dort auch dieEulen. Oft streifte ich bis tief in die Dämmerung durch die Büsche. Dann flogen nicht selten allerhand Eulenarten leichten Fluges über meinen Kopf dahin.

Eine eigenartige Beobachtung konnte ich anWaldohreulen(Asio otus otusL.) machen. Als ich eines Tages durch ein dichtes Gebüsch drang, flog ein Schwarm von etwa 12 Exemplaren dieser Art vor mir auf. Ich schoß ihrer zwei herunter, die anderen verschlüpften sich so tief in die Büsche, daß ich keine mehr von ihnen an diesem Abend auftreiben konnte. Als ich am nächsten Tag dieselbe Stelle aufsuchte, trieb ich offenbar denselben Schwarm wieder auf. Ich wiederholte meinen Besuch in den nächsten 14 Tagen, es war Mitte April, mehrmals und fand die Tiere jedesmal in demselben Buschstück. Es war dies offenbar ihr Schlafplatz, wo sie vor der Paarungszeit in Gesellschaft schliefen. Schließlich habe ich sie doch vertrieben, da ich mehrmals eine wegschoß.

Auch dieZwergohreule(Otus scops scopsL.), sowie dieSumpfohreule(Asio flammeus flammeusPontopp.) waren bei Üsküb nicht selten. Von Käuzen fanden sich derSteinkauz(Carine noctua indigenaBrehm) und derWaldkauz(Strix aluco alucoL.) nicht selten in der Umgegend von Üsküb; in der Stadt selbst sah ich einmal einen gefangenenRauhfußkauz(Cryptoglaux funerea funereaL.). Mehr mit Käuzen hatte ich im Jahrvorher inKaluckovazu tun gehabt, wo wir sie zur Untersuchung ihrer Blutparasiten lebend hielten.

DerUhu(Bubo bubo buboL.) ist in Mazedonien ein sehr häufiger Vogel. Nicht selten wurden von unseren Soldaten seine Nester ausgenommen und die Jungen in Käfigen aufgezogen.

Daß im Sumpfwald allerhand Kleinzeug von Vögeln vorkam, ist nicht verwunderlich. DerWendehals(Jynx torquilla torquillaL.) trieb dort sein munteres Wesen. An den Stämmen lief derBaumläufer(Certhia brachydactyla brachydactylaBrehm) lebhaft auf und ab. Auch derKleiberholte sich an den Tümpeln Lehm zum Bau seines Nestes (Sitta europaea caesiaWolf). Ein reiches Leben vonMeisenhuschte durch die Baumkronen, allerhand Arten, so dieKohlmeise(Parus major majorL.), dieBlaumeise(P. coeruleus coeruleusL.) undSumpfmeise(Parus palustris stagnalisBr.). Sehr lebhaft waren dieSchwanzmeisen, von denen hier zwei Formen, wie fast überall, häufig waren (Aegithalus caudatusL. undAegithalus caudatus mazedonicus). Alle waren sie beim Nestbau. Besondere Freude machten mir dieBeutelmeisen, welche hier wie am See selbst zahlreich vorkamen und deren sorgfältig gebaute Nester an den Büschen und am Schilf hingen.

Manchen schönen Abend verbrachte ich hier im Wald, die Vögel beobachtend. Durch die noch kaum belaubten Bäume strahlte der gelbe Himmel hindurch, blau leuchteten die Berge und wurden immer blauer, während es im Gebüsch und in den Baumkronen immer stiller wurde und all die munteren Vögel ihre Schlafplätze aufsuchten und nur die Eulen stillen Fluges durch die Lüfte strichen.

Zum See selbst war vom Sumpfwald aus noch ein gut Stück Landstraße zurückzulegen. Dürre Felsenhügel mit niederen Büschen begleiteten den Nordrand der Straße. Von ihnen flog gelegentlich eine Felsentaube herüber (Columba liviaL.). DenKatlanovoseeerkannte man als solchen erst, als man ihm ganz nahe war. Jenseits, im Süden, ragten die Randberge des Wardartales auf, welche bis dicht an den See herantraten. Von der Landstraße aus ging es flach über eine sandige Ebene zum See, dessen Wasserfläche man vor Pflanzenwachstum kaum irgendwo erblickte. Ein Meer von Schilf und Röhricht breitete sich vor meinen Augen aus, im Frühjahr dürr und gelb, später im Jahr prächtig grün.

Wenn am frühen Morgen ein frischer Wind durch das Röhricht strich, ging ein Rauschen über die ganze Fläche, das inder Ferne sich verlor, um irgendwo wieder anzuheben. Eine eigenartige Musik ging von diesem See aus. Allerhand Geräusche tönten aus dem Schilfmoor heraus. Fast dröhnend wie Paukenwirbel drang geheimnisvoll anschwellendes Rauschen aus den Herzen der Schilfwälder hervor. Waren es Scharen von Wildgänsen, Enten oder Wasserhühnern, welche das Röhricht durchbrachen, das Wasser aufwühlten, indem sie in wilder Flucht vor dem nahenden Menschen sich davonmachten?

Dr.Nachtsheimphot.Abb. 165. Alter Einbaum im Katlanovosee. Dahinter Wasserschierling und Röhricht.

Dr.Nachtsheimphot.Abb. 165. Alter Einbaum im Katlanovosee. Dahinter Wasserschierling und Röhricht.

Dr.Nachtsheimphot.

Abb. 165. Alter Einbaum im Katlanovosee. Dahinter Wasserschierling und Röhricht.

Es war kein leichtes Gelände, um Tiere zu beobachten und zu erjagen, dieser See, dessen seichtes Wasser fast ganz überwachsen war und nur stille einsame Lichtungen weit draußen offen gelassen hatte. Am Ufer waren einige kleinere Becken zu entdecken, in denen alte Einbäume, morsche Fischerkähne im Wasser versunken lagen. Der Krieg mußte die Fischer vom See vertrieben haben; denn auch die kleinen Schilfhütten am Ufer und auf Sandbänken im Innern des Schilfwaldes waren verfallen und vernachlässigt.

Bei unserem ersten Erkundungsausflug lagerten wir an einer sandigen Bucht, in welcher ein solcher Kahn lag. Rasch hattemein Assistent sich ausgezogen und suchte das Boot zu heben und mit seiner Mütze auszuschöpfen. Dazwischen fing er mit dem Handnetz Wasserkäfer und allerhand Schwimmwanzen, die in Menge im seichten Wasser herumschwammen.

Plötzlich stürzte er erschreckt ans Ufer; Blut lief an vielen Stellen von seinen Schenkeln herab, an seinem Körper hingen fast ein Dutzend Blutegel. Noch hatten sich die Bestien nicht ganz fest angesaugt, so daß es gelang, ihn schnell davon zu befreien. Es war der echte medizinischeBlutegel(Hirudo medicinalisL.), welcher den See für uns außerordentlich schwer zugänglich machte. War ein Vogel geschossen, so fiel er im Schilf nieder und es kostete Zeit, ihn aufzufinden. In dieser Zeit saugten sich überall im See Blutegel an den Jäger und so mußte überlegt werden, wie man einen Kahn flott machen konnte, um ungefährdet ins Innere der Schilfwälder zu gelangen. Es gelang schließlich, und auch ein primitives Ruder wurde aus einem Brett geschnitzt. Aber oft mußte man doch aus dem Kahn heraus, um das Netz einzuholen oder den gefallenen Vogel zu suchen. So hat jeder von uns seine Portion Blut opfern müssen, um die Erforschung des Sees durchzusetzen. Es ging auch so und manche interessante Beobachtung wurde erzielt.

Mit großem Geschrei flogen zahlreicheRohrweihen(Circus aeruginosus aeruginosusL.) über dem Röhricht, mit Gebrause sich aus ihm erhebend und in die Tiefe sich stürzend. Zwei Ammern trieben sich mit grellem Geschrei im Schilf herum, dieRohrammer(Emberiza schoeniclus cannetiBr.) und eine größereGimpelammer(Emberiza schoeniclus reiseriHart.). Im dürren Gras am Ufer liefen am BodenSchafstelzen(Budytus flava feldeggiMichah.) undKalanderlerchen(Melanocorypha calandra calandraL.) umher.

Es war ein reiches Leben um das Schilfmeer und in ihm; es gab viel zu beobachten und zu erbeuten. Im Mai tauchten viele Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus arundinaceusL.) auf, deren Gesang die Luft erfüllte; auch derSumpfrohrsänger(A. palustrisBechst.) ließ sich erbeuten, ebenso derSchilfrohrsänger(A. schoenaboenusL.). Alle diese machten ein großes Wesen im Schilfwald; ihre Nester waren vielfach am Schilf zu beobachten und im Sommer gab es viel junge Brut. Die Tiere waren fast ungestört und wurden nur hier und da von einem Sperber oder einem anderen Raubvogel erbeutet.

In großen Mengen kommen im Sumpf um den See dieLachfrösche(Rana ridibunda) vor und waren eine beliebte Kost für die zahlreichenStörcheund anderen Stelz- und Wasservögel, von denen viele zur Beobachtung gelangten und von uns und den jagenden Offizieren erbeutet wurden. Ein prachtvolles Tier war derLöffelreiher(Platalea leucorodia leucorodiaL.) mit seinem leuchtend weißen Gefieder und seinem fleischfarbenen breiten Schnabel und Kehlsack. Offenbar waren Nester mitten im Röhricht, zu denen die Tiere immer wieder niederflogen. Es war aber unmöglich, mit den morschen Kähnen so tief in das Schilfgewirre einzudringen. Ebenso brüteten im SeeFischreiher(Ardea cinerea cinereaL.) undPurpurreiher(ArdeapurpureapurpureaL.), deren Nester man auch an unerreichbaren Stellen mit dem Glas feststellen konnte.

Seltener waren im Jahre 1918 dieRohrdommeln(Botaurus stellaris stellarisL.) geworden, welche im Jahr vorher noch sehr häufig gewesen sind. Immerhin gelang es, diese im Frühjahrsröhricht mit seiner gelbraunen Farbe kaum sichtbaren Vögel im Juni, als das Schilf grasgrün war, mehrfach zu erbeuten.

Wundervolle, glänzende Tiere waren die purpurbraunenSichler, die Ibisse mit ihren schwarzen gebogenen Schnäbeln (Plegadis falcinellus falcinellusL.), welche recht zahlreich im dichten Dickicht vorkommen und unzweifelhaft dort auch brüteten, wie aus den vielen jungen Vögeln zu erschließen war.

Graziös stolziertenKraniche(Megalornis grus grusL.) durch die Gräser, ihren grauen Federbusch behaglich wiegend. Einen gewaltigen Lärm machten auffliegend dieWildgänseundWildenten. Außerordentlich häufig war im Winter 1917 dieWildgans(Anser anserL.), dieSaatgans(Anser fabalis fabalisLath.) und im Frühling bei Üsküb dieBrandgans(Tadorna tadornaL.).

Die vielenEntenarten, welche regelmäßig oder auf dem Zug vorkommen, will ich nicht einzeln aufführen. Ich will nur dieLöffelente(Spatula clypeataL.), dieMoorente(Nyroca nyrocaGüld.), dieSpießente(Dafila acutaL.), dieTafelente(Nyroca ferina ferinaL.) und dieEisenteerwähnen, welche allerdings nicht von mir, einmal bei Üsküb erlegt wurde.

VerschiedeneTeichhühnerkonnten nicht mit Sicherheit identifiziert werden, dagegen dieWasserralle(Rallus aquaticus aquaticusL.) wurde am Rand des Katlanovosees mehrfach geschossen.

Das war eine reiche interessante Vogelwelt, die sich an den zahlreichen Tagen, welche wir dem See und seiner Umgebung widmeten, uns darbot. Dr.Nachtsheimmachte außerdem zahlreichePlanktonfänge, welcheCopepoden,DaphnidenundOstrakodenenthielten; sicher waren darunter interessante Formen. Leider konnten sie nicht genau bestimmt werden, da sie zu den wenigen Bestandteilen unserer Ausbeute gehören, welche auf dem Rückzuge dem Feinde in die Hände fielen.

Dagegen blieben die reichen Spinnensammlungen erhalten, welche im Schilfgebiet des Katlanovosees zusammengebracht wurden. Zwischen Schilf und Röhricht fanden sich allerhand interessante Arten. Es war vor allem im Anfang April 1918, daß ich dort sehr auf die Spinnen achtete. Auffällig war, daß angesichts der Armut an Insekten sich auffallend viele Spinnen im Röhricht herumtrieben. So flog am 2. April schon einTheridium lineatumClerck wieAltweibersommeran langen Seidenfäden durch die Luft. Es war ein auffallendes Tier mit drei dunkelbraunen Streifen auf dem Rücken und je fünf solchen auf silberweißem Grund am Kopf. Größere Exemplare der Art fanden sich am Boden.

Zwischen Rohrstengeln hatte eine Spinne denjenigen unserer Kreuzspinnen ähnlicheRadnetzevon nicht sehr großem Durchmesser ausgespannt. Es war eineEpeira cornutaClerck., von der schon am 9. April Männchen und Weibchen auf den Netzen beieinander waren. In Schilfhalmen selbst wohnteHyctia canestriniiCan. und Pav. An solchen kletterteDolomedes limbatusHahn auf und ab, währendPisaura mirabilisClerck undDrassus pubescensThor. sich am Rand des Sees unter Steinen fanden.

Später im Jahre kletterten vielerleiKäferaus der GattungDonaciaauf den Schilfrohren herum;Libellenin vielen Arten, tiefblau, grau, rot, grün gefärbt,Eintagsfliegen,Köcherfliegen, flogen zwischen den Halmen hindurch und über ihnen, während ihre Larven im Wasser sich entwickelten. Kleine Fische, deren Vertreter auch verloren gingen und die somit nur alsLeuciscus-Arten bezeichnet werden können, schwammen in ganzen Schulen an sonnigen, schilffreien Stellen des Sees.

Nicht immer war es möglich von Üsküb her mit dem Wagen den direkten Weg zum See zu machen. Dann war die Hin- und Rückreise etwas beschwerlicher. Man fuhr mit einem Bummelzug nach der StationSelenikovo, von wo über die Hügel ein nicht reizloser Weg durch ein insektenreiches Tälchen führte. Der Rückwegwurde dann durch die Wardarschlucht, die sich zwischenTaorundSelenikovoerstreckt, zurückgelegt. Bei Selenikovo war nämlich weithin die einzige Brücke über den Wardar auf das rechte Ufer, auf welchem die Bahnstrecke lief. Dort bestieg man nachts einen Güterzug, welcher etwa um Mitternacht auf einer Zwischenstation von einem Personenzug eingeholt wurde, der einen nach Üsküb zurückbrachte.

Am südlichen Ende desKatlanovoseeserhoben sich lehmige Hügel, im Frühjahr üppig mit blühenden Pflanzen bewachsen, die von der üblichen reichen Insektenwelt umflogen waren. An einem Hang, nicht weit vom See, entdeckten wir in einer senkrechten Lehmwand eigenartige Löcher, welche offenbar von Menschenhand gebohrt waren. Wir erfuhren, daß sie von den Bewohnern der Nachbarschaft angelegt waren, um durchgegangene Bienenschwärme einzufangen, die sich gern an dieser Lehmwand niederließen (vgl. dazuS. 372undAbb. 186).

Abb. 166. Kapelle und Friedhof von Taor.

Abb. 166. Kapelle und Friedhof von Taor.

Wollte man durch die Wardarschlucht nachSelenikovo, so mußte man das lange nach Südosten gestreckte Ende des Sees umgehen, um an seinem Westufer den Durchbruch des Wardar beiTaorzu erreichen, wo See und Fluß nur wenig hundertMeter voneinander getrennt waren.Taor, am Hügel gelegen, zwischen Obstbäumen gelagert, mit einer kleinen weißen Kapelle auf grünem Rasen, war das Ziel der Sehnsucht vieler Juristen der Armee, da es der Geburtsort des oströmischen Kaisers Justinian, des Urhebers der Pandekten, ist. Wenige sind dort gewesen, da der Ort sehr unbequem zu erreichen war. So sei diesen die von mir aufgenommene Photographie der Kapelle vonTaorgewidmet (Abb. 166).

Dicht bei Taor beginnt nach der Üsküber Talweite die lange Velesenge des Wardars, welche sich bisKrivolacerstreckt. Ihre hohen Felsenufer sind aus kristallinischen Schiefern, paläozoischen Schiefern, mesozoischen Kalken, paläozoischen Flyschschiefern und jungtertiären Ablagerungen in buntem Wechsel aufgebaut.

Abb. 167. Wardar bei Selenikovo.

Abb. 167. Wardar bei Selenikovo.

So entstehen reizvolle Felsenlandschaften von wechselnder Höhe und mannigfaltiger Gestaltung und Färbung. Schön und reich ist auch die Flora der Flanken dieser Enge. Kurz hinterTaorziehen sich steile Abstürze von Kalkbergen bisSelenikovohin (Abb. 167). Die weißen Hänge spiegelten sich im farbig vom Abendhimmel überstrahlten Wasser des Wardar, welches hier von üppigemBuschwerk und stattlichen Bäumen eingefaßt ist. Pappeln, Ulmen, Eschen, Erlen, viele Weidenbäume und -büsche warfen bunte Schatten auf den Spiegel des Flusses, über den die Büsche tief sich neigten. So ist mir die letzte Heimkehr vomKatlanovoseein schöner Erinnerung.

Nicht minder interessant waren Streifzüge in den Hängen des Wardartales zwischenSelenikovoundVeles. Kurz hinter Selenikovo begannen Schieferberge, welche im Mai mit blühenden Sträuchernwilden Fliedersmit weißlichen und lila Blüten bedeckt waren. Es war dieSyringa vulgarisL., deren Blüten kleiner sind und weniger stark duften, als diejenigen des persischen und chinesischen Flieders, aber auch wie jene bei uns als Ziersträucher angebaut werden. Auf den Felsen gab es viele Schlangen und Eidechsen; Hasen und Felsenhühner sprangen vor dem Kletterer auf.

Eine wundervolle Pflanze kam in den kristallinischen Schiefern kurz vor Veles an den Steilwänden der Schlucht vor. Es war die der Christrose ähnelnde, rosenrot gefärbte, von einer Rosette dunkelglänzender Laubblätter umschlosseneRamondia nataliae, benannt nach jener Königin Natalie von Serben, deren Namen einstmals so viel in den Zeitungen Europas herumspukte, ein wohl nicht ganz berechtigter Name fürRamondia serbicaPančič.


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