VIERZIGSTES KAPITEL
ENDE DES FELDZUGES UND DER FORSCHUNGSARBEITEN IN MAZEDONIEN
Im August 1918 hatte ich, durch persönliche Verhältnisse gezwungen und ermüdet durch 7 Monate intensiver und strapazenreicher Arbeit, für einige Wochen nach Deutschland zurückkehren müssen. Im September war ich, gut ausgerüstet für neue große Unternehmungen, auf der Rückreise zu meinem Standquartier in Üsküb. Unglücksschwangere Nachrichten hatten mich schon unterwegs erreicht. Der Sommer war ja schon von bösen Ahnungen erfüllt gewesen. Aber noch hoffte ich, daß es gelingen würde zu meiner Arbeitsstätte zu gelangen und weiter arbeiten zu können.
Noch während der Reise aber mußte ich alle Hoffnung aufgeben; Generalvon Krane, den ich als Mitpassagier im Balkanzug in Ungarn traf, riet mir sogar sofort umzukehren. Ich beschloß aber, soweit wie möglich weiter zu fahren und meine Mitarbeiter, meine Ausrüstung, und das, was von Sammlungen noch in Mazedonien war, nicht im Stich zu lassen.
Glücklich gelangte ich noch nach Serbien, aber nicht überNischhinaus. Schon warÜskübunerreichbar. Die Front war durchbrochen und in voller Aufrollung begriffen. Dort, wo schon im Frühjahr die Bulgaren eine schwere Schlappe erlitten hatten, an der Front südlich derMala Rupa, war dem Feind der Durchbruch gelungen. In diesem Gebiet hatten schon im Sommer bulgarische Regimenter gemeutert. Die Bulgaren haben zuerst versagt. Hier an der Front begann der Zusammenbruch, der alle Fronten erfassen sollte.
Die Ursachen sind durchsichtig. Daß die Bulgaren zusammenbrechen mußten, war vorauszusehen. Wer unter ihnen lebte, mußte es voraussagen. Das Volk war zermürbt durch fast ein Jahrzehnt Kriegszustand. Drei Kriege hatte es hintereinander bestehen müssen,die ihm Viele seiner Besten gekostet hatten. Das ganze bulgarische Heer war kriegsmüde. Kaum klammerte es sich noch an die alten mazedonischen Traditionen und Hoffnungen. Die Kraft versagte, die Organisation versagte, Nachschub und Verpflegung versagten. Als der Hunger an der Front nagte, versagten auch die Verbündeten; auf die Türken und Österreicher war schon längst kein Verlaß mehr.
Nun hatten noch wir, diejenigen ihrer Verbündeten, die bis jetzt sie gestützt und versorgt hatten, sie im Stich gelassen. Die ungeheueren Kämpfe an der Westfront hatten die oberste Heeresleitung gezwungen ein Regiment nach dem anderen, eine Batterie nach der anderen von der mazedonischen Front wegzunehmen. Schließlich waren nur noch die Spezialwaffen übrig geblieben.
Da hatten die Feinde gegen die zermürbte Front einen energischen Stoß gerichtet, waren durch einsame Wälder und Gebirge von dem Gebiet der Dudica durch die Marianska Planina und die Ketten südlich Drenovo unbemerkt bisDemirkapuvorgestoßen und hatten damit mit einem Schlag die ganze Front aufgerollt. Die Wardarfroht war abgeschnitten, die einzige normale Rückzugslinie bedroht.
Als ich in Nisch anlangte erfuhr ich, daß schon Veles genommen und Üsküb bedroht sei. Nun galt es auch für mich, zu retten, was zu retten war. Schon hatte ich telephonisch und telegraphisch Verbindung mit meinen Mitarbeitern erzielt. Mein Eigentum, Sammlungen, Laboratoriumsausrüstung war gerettet, meine Leute alle in Sicherheit. Allmählich sammelten sie sich um mich; Kisten und Koffer langten mit den verschiedensten Transportmethoden in Nisch an. Das Heerespferdedepot, meine freundlichen Nachbarn auf dem Zitadellenberg in Üsküb, hatten mit all dem ihrigen auch mein Laboratorium gerettet.
Nun galt es selbst mit all diesen Dingen aus dem Wirrwar, das sich nun entwickelte, nordwärts zu entrinnen. Die Stäbe rückten an, brauchten alle Quartiere und allen Raum. Für uns und unsere Schätze war kein Platz mehr. So war man froh, uns mit einem leeren Güterwaggon zufrieden zu stellen; den ließ ich in der Folge an alle möglichen Güter- und Personenzüge anhängen und fuhr so langsam durch Serbien nordwärts und sammelte unterwegs allmählich Menschen und Besitztümer der mazedonischen Forschungskommission auf.
Es waren noch qualvolle Tage, die ich inParacinund schließlich inSemendriaverbrachte, immer wartend auf Menschen, eintreffende Sammlungen, Instrumente und vor allem auf die mit Spannung erwarteten Nachrichten von Freund und Feind. Immer weiter verschob sich die Front, die gehalten werden sollte, nach Norden. An einem Ort nach dem anderen sausten die Autos der hohen Stäbe weiter nordwärts an uns vorbei.
Mein Bursche, meine Präparatoren, Prof.Müller, Dr.Nachtsheim, langten bei mir an, oder kamen für kurze oder längere Zeit mit mir zusammen. So erhielt ich nach und nach Nachrichten von den befreundeten Abteilungen. Ich hörte vomHain Mamreund den Truppen der dortigen Front, daß sie nach Osten ausgebogen seien und nach Zerstörung wichtiger Vorräte durch Bulgarien nordwärts strebten. HauptmannJungmannkam kurz vor der Besetzung noch aus Veles heraus; ich war in Semendria mit ihm beisammen, wo er eine Kiste mit Säugetierfossilien noch unter dem Arm trug, die er gerettet hatte.
Ein Rest unserer Armee beiPrilepund amOchridaseehatte sich westwärts wenden müssen und schlug sich durch Albanien ans Adriatische Meer durch und kam über Fiume nach Ungarn. Mein Bursche war noch im verlassenen Üsküb gewesen, der Pionierpark in Hudova, die großen Magazine in Gradzko waren in die Hände der Feinde gefallen.
Ach, was war da zerstört und vernichtet; wie lag man am Boden nach all den Träumen, mit denen man einst südwärts gezogen. Da galt es den Kopf aufrecht zu halten. Und ich mit meinen Leuten hatte alles Recht dazu. Alles wirklich Wesentliche von unseren Resultaten, ja sogar der größte Teil der Ausrüstung war gerettet. Fast alle Sammlungen waren schon in der Heimat, vieles rollte auf dem Wege dorthin oder war unter meiner Obhut. So galt es jetzt mit Energie diese Schätze noch über die Donau zu bringen. Dann hatte man seine Pflicht erfüllt, hatte sich in die Heimat zu begeben und dort neuer Aufgaben zu harren.
Als alles gerettet war, alle Sammlungen in der Heimat angelangt, gesichert und geordnet waren, da galt es für jeden einzelnen der Mitglieder der Forschungskommission in seine Stellung und Pflichten als Staatsbürger wieder einzutreten. Jeder hatte zu arbeiten, um im Land nach der Niederlage und den Wirren der Revolution wieder Ordnung schaffen zu helfen.
Trotz der gehäuften beruflichen Arbeit, trotz der schwierigen Lebensverhältnisse, trotz der Last, die vor allem auf der Seele all der beteiligten Männer lastete, gelang es doch in den zwei seit der Niederlage verflossenen Jahren einen guten Teil unserer Resultate zu verarbeiten. Manches davon ist in den Kapiteln dieses Buchs niedergelegt.
Niemals ist es natürlich in einer so kurzen Zeit möglich, die wissenschaftlichen Ergebnisse reicher Sammlungen und vieler Tagebücher, vieler Beobachtungen und Gedankenarbeit in abgeschlossenem Zustand zu überliefern. Noch manches Jahr mag darüber hingehen, bis alle Resultate der verschiedenen Forscher, die teils in dem fernen Lande mitgearbeitet haben, teils an unseren Sammlungen als Bearbeiter einzelner Gruppen und Probleme mitwirken, fertig vorliegen.
Ein Buch, wie das vorliegende, soll mit seinem vorläufigen Ergebnis ein Zeugnis davon ablegen, wie in dem zerstörenden Krieg aufbauende Arbeit mit Hilfe der Armee geleistet wurde. Es soll ein bisher unbekanntes Land, einen weißen Fleck auf der Karte Europas dem Verständnis unseres Volkes näher führen und zeigen, was dort für alle Zweige unseres Wissens und unserer Kultur noch zu suchen ist.
Und so schließe ich dies Buch in dankbarer Gesinnung gegen alle, welche mir zur Erreichung meiner Ziele in Mazedonien Hilfe geleistet haben. Wie viele Namen durfte ich in diesem Band nennen von Heerführern, Offizieren, Mannschaften, von Kollegen und Mitarbeitern, von Deutschen, Österreichern, Bulgaren, die mithalfen, all das auszuführen, was in diesem Buch beschrieben ist. Ihnen allen sei mein Dank ausgesprochen und die Hoffnung, daß der Inhalt des Bandes ihnen schöne, wertvolle Erinnerungen an das farbige, eigenartige Land Mazedonien erwecke.