NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
PRILEP UND SEINE PÄSSE
(BABUNA- UND PLETWARPASS)
SeitdemMonastirin die Hände der Feinde gefallen war, spieltePrilepeine wichtige Rolle als Hauptstadt im Westteil der mazedonischen Front. Seit jeher war sie als Durchgangspunkt auf dem Wege nach Südmazedonien und Südalbanien bedeutend gewesen. So waren hauptsächlich zwei Pässe seit altersher als Zugangsstraßen nach dieser Stadt üblich. Beide waren jetzt für die Versorgung der Front ausgebaut worden, derBabuna-und derPletwarpaß, die vom Wardartal nach Südwesten nach Prilep führten. Beide hatten ein Gebirge auf diesem Weg zu überqueren, so daß für die Versorgung der Front die Strecke von 70-80 km große Schwierigkeiten bedeutete.
Zu meinem ersten Besuch in Prilep wählte ich im Juni 1917 den Weg über denBabunapaß, wobei Veles den Ausgangspunkt darstellte. Dort fand ich bei HauptmannJungmanngastliche Aufnahme und das für die Fahrt so wichtige Beförderungsmittel. Über die Paßstraße ging ein regelmäßiger starker Verkehr von Lastfuhrwerken und Kraftwagen. Um diesen zu bewältigen, war im Laufe der Zeit die Straße immer besser ausgebaut worden; außerdem war eine Kleinbahn über den Babunapaß im Bau, die jedes Vierteljahr ein Stück weiter vorgeschoben wurde, während der Rest der Strecke für den Proviant- und Munitionstransport an die Front durch eine Schwebebahn überwunden wurde.
Die Straße von Veles nach dem Babunapaß ging zuerst geradeaus südlich an derTopolkaentlang, um dann über eine Höhe hinweg dieBabunazu erreichen, welche beiIzvordirekt aus Süden in einem breiten Tal dem Gebirge entströmt. Es ist eine eigenartige, abwechslungsreiche Landschaft, welche man durchfährt, während allmählich die Ketten des Gebirges immer höher vor einem aufsteigen. Diese Gegend hatte ich auf Kreuz- und Querfahrten mit HauptmannJungmannziemlich genau kennen gelernt, da er mich oft bei den Inspektionen seiner Lager mitgenommen hatte.An der ganzen Straße hatte er Lager von Kriegsgefangenen, hauptsächlich Rumänen, welche am Straßen- und Bahnbau arbeiteten. In der Umgebung dieser Lager habe ich mit ihm manche Exkursion gemacht, welche besonders viel interessante Insekten brachte.
Nicht weit von Veles war eine Stelle, wo bei Anlage einer Sandgrube für die Straßenarbeiten der Hauptmann Zähne und Kieferstücke einesMastodonausgegraben hatte. Ich sah mir die Örtlichkeit sehr genau an; denn dort sollten später weitere Ausgrabungen vorgenommen werden. Es fand sich in der Grube eine eigenartige Schichtung von feinem Sand, Geröll und Lehm, dazwischen dünne schwarze Schichten. Spätere Grabungen förderten hier prachtvolle Fossilien zutage. Es fanden sich hier außer weiteren Resten des Mastodon eine große Menge versteinerterSäugetierskelettevon Antilopen, Pferden und dergleichen, vergleichbar der berühmten Fundstätte vonPikermiin Attika. Die Ausbeutung hatte im Herbst 1918 kaum begonnen, als der Rückzug uns vertrieb und leider eine planmäßige Durcharbeitung unmöglich machte, die hoffentlich in nicht zu ferner Zukunft wieder aufgenommen werden kann.
So bot jedes der Lager irgendeine Besonderheit für den Naturforscher. Bei einem waren ausgedehnte sumpfigeReisfelder, deren Wasser interessante Tiere beherbergte, beiIzvorenthielt ein Teich Wasserschildkröten. Dort war im Frühsommer 1917 der Kopf der Feldbahn angelangt, fest wurde an dem Schienenstrang gearbeitet; das Lager war von hunderten von Arbeitern erfüllt, hier meist von den Bulgaren gepreßte Arnauten. Daneben dehnte sich ein malerisches Türkendorf aus.
Die Gegend vor dem Gebirge war reich angebaut; anfangs Juni waren die Getreidefelder gerade schnittreif. Die Dörfer, sich als türkische Siedlungen meist durch ihr Minaret verratend, lagen hoch in den Hügeln und Bergen und boten mit ihren schwarzroten Ziegeldächern, welche aus reichen Obstbaumbeständen hervorlugten, reizvolle Bilder.
BeiIzvorverläßt die Straße das Tal und beginnt an derBabunaentlang ins Gebirge aufzusteigen. In immer kühner werdenden Serpentinen führt sie allmählich die Hänge hinauf; zunächst überschreitet sie auf zahlreichen Brücken den windungsreichen Bach. NachStepanci, dem späteren Endpunkt der Kleinbahn, beginnt die stärkste Steigung, die schließlich steil zur Paßhöhe von 1060 m hinaufsteigt. Hier verläßt die Straße den Babunaflußund folgt zunächst einem seiner Zuflußbäche, der den NamenDesnaführt. Weiter oben fährt man an einer starken Mineralquelle mit erfrischendem Wasser vorbei, wo meist eine kurze Rast gemacht wurde. Je weiter man hinauf kommt, desto grüner werden die Berge, welche schließlich eine Höhe von etwa 1600 m erreichen. Die höheren von ihnen sind oben dicht bewaldet. Die Kuppen haben schöne, mannigfaltige Formen, sie zeigen steile Hänge, sind von tiefen Schluchten durchzogen, einige der ferneren Höhen sind kahle Felsengipfel.
Abb. 216. Am Feldbahnhof in Drenovo.
Abb. 216. Am Feldbahnhof in Drenovo.
Ein mit Silberlinden bewachsener Berg, besonders ein tiefer, von Vegetation erfüllter Einschnitt an seinem Hang verlockte mich zu einer Exkursion. Es war in einer Höhe von etwa 700 m. Ein frischer Bach strömte durch das rote Gestein, welches in mächtigen Platten ausgebildet war, auf denen man leicht die Schlucht aufwärts klettern konnte. Hier war dichtes Buschwerk; Kräuter und Wiesenpflanzen, welche vor 3 Wochen bei Kaluckova geblüht hatten, waren jetzt im Juni hier in schönstem Flor, so Salbei, viele Doldenpflanzen, Malven, Klee- und Wickenarten. Dem entsprach auch die reiche Insektenwelt, die auch aus annähernd denselben Formen sich zusammensetzte, welche vor einigen Wochen die Fluren bei Kaluckova und Hudova belebten. Von Schmetterlingen flogenauch hier die Frühlingsgeneration von Distelfalter, Ochsenaugen, Weißlingen, vor allem des Baumweißlings, dazu zwei Satyriden, die offenbar Bergformen waren, da ich sie in der Ebene nicht beobachtet hatte. Ähnlich verhält es sich mit den Käfern, unter denCetonien(Rosenkäfer) besonders häufig waren, den Bienen, den Fliegen. Von Libellen herrschten hier die schönen, metallisch blauen Wasserjungfern (Calopteryx) vor. Der Reichtum der Pflanzen- und Tierwelt war offenbar durch den Wasserreichtum, das spätere Auftreten der Formen durch die Höhenlage bedingt.
Prof.Müllerphot.Abb. 217. Paßende der Babunastraße, von dem Felsen über Han Abdipasa.
Prof.Müllerphot.Abb. 217. Paßende der Babunastraße, von dem Felsen über Han Abdipasa.
Prof.Müllerphot.
Abb. 217. Paßende der Babunastraße, von dem Felsen über Han Abdipasa.
Bei der Weiterfahrt nahm die Paßstraße immer mehr den Charakter einer Hochgebirgsstraße an. Immer enger wurden die Windungen, immer verwegener die Kurven, steiler die Steigungen, welche das Auto keuchend und fauchend emporklomm. Prachtvolle Rückblicke eröffneten sich auf die Talwindungen mit ihren vielgestaltigen Abschlüssen. Jedes Bild wurde verschönert durch die dunklen Wolkenschatten, welche auf die Hänge fielen.
Kühle Luft wehte mich an, als der Wagen die alte Paßkarawanserei, denHan Abdipasa, erreichte. Diese lag in einem tiefen Taleinschnitt, dessen Hintergrund die Paßhöhe abgrenzte. Über ihm waren alle Berge bewaldet; Eichenwälder dehnten sich aus und zwischen ihnen verriet der Silberglanz, der mit dem Windüber die Waldoberfläche in Wellen dahinzog, große Bestände vonSilberlinden. Beim Han Abdipasa befand sich ein kleines Lazarett, in welchem mein Mitarbeiter, ProfessorMüller, im Sommer 1918 mehrere Wochen als Gast verbrachte. Viele seiner Aufzeichnungen zeugen von der reichen Vogelwelt in diesen Bergen und Wäldern.
Abb. 218. Bulgarische Ochsenkolonne auf dem Marsch.
Abb. 218. Bulgarische Ochsenkolonne auf dem Marsch.
Jenseits des Han stieg die Straße immer steiler in immer engeren Serpentinen zur Paßhöhe hinan. Hier war sie noch nicht vollkommen ausgebaut, so daß mein Auto ab und zu in kritische Situationen kam. Auf ihr staute sich manchmal der ungeheure Verkehr, der sich zwischen Front und Etappe vollzog. Es war nicht langweilig, auf dieser Straße zu fahren. Außer der schönen Landschaft brachte die Straße selbst genug Abwechslung. Jetzt marschierte eine bulgarische Infanteriekolonne frontwärts verstaubt und müde an uns vorbei, dort hielt an einer Kurve eine Batterie deutscher Feldartillerie mit ihren sorgfältig eingewickelten Geschützen. Dann fuhr eine Sanitätskolonne mit Kranken bergab vorbei. In langen Reihen tobten Lastautos vor uns her. Unendliche Züge von bulgarischen Ochsenwagen hatten Mühe durch das Gewühl sich durchzuschlängeln. Hilflos erschien dazwischen ein mazedonischer Bauernwagen, auf dem eine ganze Familie mit Hausrat untergebracht war. Pferde von reitenden Truppen scheuten vor den Autos und waren schwer an den Abgründen vorbei zu bringen.
Daß es nicht immer glatt abging, zeigten Skelette und Leichen von Pferden und Büffeln, die in der Tiefe lagen, zeigten die auf der Straße zusammengebrochenen Wagen, die an Kurven zertrümmert liegenden Kraftwagen. Da war oft das Ausweichen nicht leicht und gab zu mancher Verzögerung Anlaß. Aber der Eindruck des ungeheuren, fieberhaften Betriebes eines Heeresnachschubes war ganz außerordentlich. Wie trieb das alles nach vorn zur Front! Daneben spielte der Rücktransport der leeren Wagen, der Kranken und Verwundeten eine viel geringere Rolle.
Wie trefflich war der ganze Betrieb organisiert. Überall waren Stationen, Übernachtungs- und Verpflegungsplätze, Reparaturwerkstätten, Lazarette eingerichtet, welche halfen, den großen Betrieb aufrecht zu erhalten. Ohne diese Arbeit des deutschen Heeres wäre es nicht möglich gewesen, die mazedonische Front 3 Jahre lang zu halten.
Der Verlust vonMonastirund das Zurückweichen der mazedonischen Front vor dem HeerSarrailswar die Schuld des mangelhaften Nachschubdienstes der Bulgaren. Wir haben zwar im Laufe der Zeit ihre kleinen von Ochsen und Büffeln gezogenen Karren sehr schätzen gelernt. Die zähen, anspruchslosen Zugtiere und deren Treiber können etwas gehöriges leisten, wenn es auf Zeit nicht ankommt. Aber, wenn es sich darum handelte, in kurzer Zeit viel Munition, Heeresgerät, Proviant an einem Ort beisammen zu haben, dann versagte dieses Transportmittel, so viel tausende von Ochsenkarren auch in Bewegung gesetzt wurden.
Da mußte deutsche Organisationstüchtigkeit eingreifen. Und was diese geleistet hat, davon bekam man an den Straßen nach Prilep einen Eindruck, der Bewunderung herausforderte. Zu dem starken Verkehr mitLastautos, zu denFeldbahnenkam als wesentliche Ergänzung ein System vonSeilbahnen, welche als Schwebebahnen mit geschickter Ausnützung des Geländes über die Gebirge führten. Nach Prilep waren vier solche geleitet, zwei über denBabuna-und zwei über denPletwarpaß. Außerdem waren noch eine ganze Anzahl von solchen an den verschiedenen Gebirgsfronten in Betrieb.
Bei der Fahrt sah man an den Drahtseilen schwebend, von Mast zu Mast wandernd, die kleinen Tragwagen dahingleiten, welche Munitions- oder Proviantkisten, Eisenstangen, Wellblech, Pfähle, große Bündel Heu oder Stroh trugen. Hier und da sah man auch einen waghalsigen Soldaten in einem solchen sitzen.Das bedeutete ein großes Wagnis. Nicht selten rissen die Drahtseile und die Lasten stürzten herab. Es war nicht leicht, in diesem Gelände den Betrieb ständig aufrecht zu erhalten. Dem kühnen Passagier, der am Drahtseil oft in einer Höhe von hunderten von Metern ein Tal überquerte, in dessen Tiefe ein Fluß brauste, konnte es widerfahren, daß mitten in dieser luftigen Reise der Betrieb stockte; dann konnte er verurteilt sein, die grandiose Aussicht, die sich ihm da oben bot, für mehrere Stunden zu genießen, ja es konnte ihm blühen, in der Höhe zu übernachten. Jedenfalls war es ratsam, sich für eine solche Unternehmung reichlich mit Proviant zu versorgen.
Geb. Pionierkomp. 101 phot.Abb. 219. Schwebebahn.
Geb. Pionierkomp. 101 phot.Abb. 219. Schwebebahn.
Geb. Pionierkomp. 101 phot.
Abb. 219. Schwebebahn.
Die Seilbahnen wurden schließlich auf eine große Leistungsfähigkeit gebracht und beförderten im Tag mehrere hundert Tonnen (bis 300), so daß vor allem immer der genügende Vorrat an Granaten und anderer Munition für eine mehrtägige Schlacht an der Front bereit lag und kontinuierlich ergänzt werden konnte. Jetzt darf man ja ruhig erzählen, daß schließlich immer an der Front Munition für 4 „Verdunschußtage‟ bereit lag; auf der Strecke lag der Vorrat für weitere 2 Tage und am Ende der Feldbahn noch einmal so viel. Das waren ganz große Leistungen; man konnte sie erst ganz einschätzen, wenn man erfuhr, daß um 100 Tonnen 15 km weit in einem Tag zu transportieren 3000 Ochsenwagen mit 6000 Ochsen nötig waren.
An den End- und Anfangsbahnhöfen der Feld- und Seilbahnen, auf den Umschaltstellen der letzteren war immer ein großer Betrieb, der einen Eindruck von den gewaltigen Leistungen gab, welche das Heer an dieser schwierigen Front zu erfüllen hatte.
Vom Paß aus, der in der Höhe von 1060 m lag, ging es steil in das Tal hinunter, an dessen Ende die StadtPrilepliegt. Ein seltsamer Anblick bot sich bei der Abfahrt dem Auge dar. Das Tal war ziemlich eng, von zwei steilen Bergketten eingefaßt und erweiterte sich erst kurz vor Prilep, um da in die weite Ebene derPelagoniaauszumünden. Die schroffen Berge, teils aus Kalk, teils aus Granit aufgebaut, erschienen fast vegetationslos. Weithin konnte man die weiße Straße in vielen Serpentinen durch das dunkle Gestein bergab verlaufen sehen, überall von Staubwolken begleitet, die der starke Verkehr aufwirbelte.
Abb. 220. Granitberg bei Prilep und Blick in das Tal oberhalb der Stadt.
Abb. 220. Granitberg bei Prilep und Blick in das Tal oberhalb der Stadt.
Durch eine bizarre Felsenlandschaft geht es in sausender Fahrt das Tal hinab, zur Stadt, die allmählich, breit in der Ebene sich ausdehnend, vor den Blicken auftaucht. An halb ruinierten mohammedanischen Grabdenkmälern, einer weißen Kaserne, einemöden türkischen Friedhof vorbei, rasselt das Auto über holperiges Pflaster in die Gassen der Stadt hinein.
Pappeln, Minarets, Kirchtürme ragen über den dunklen Dächern und grauen Mauern der Stadt auf, die infolge ihres Reichtums an Gärten wie eine Vegetationsinsel aus der dürren Öde des Felsentals sich abhebt. Doch bei der Einfahrt bemerkt man von den Gärten zunächst nichts; denn als echt türkische Stadt zeigte Prilep nach außen nichts von der Schönheit seiner Häuser und Gärten. Lehmmauern begrenzen meist die Straßen, welche die Besitztümer einschließen. Anders wird das Bild erst, wenn man in das Geschäftsviertel, den Bazar gelangt, wo das übliche Leben einer orientalischen Stadt vor den offenen Werkstätten und Läden sich abspielt.
Abb. 221. Türkischer Friedhof von Prilep, dahinter Markograd.
Abb. 221. Türkischer Friedhof von Prilep, dahinter Markograd.
InPrileplag das Oberkommando der XI. Armee. Ihr Befehlshaber war gerade in jenen Tagen Exzellenzvon Steubengeworden, eine liebenswürdige, feingebildete Persönlichkeit, in dessen Gesellschaft ich manche behagliche Stunde verbrachte und von dem ich manche Hilfe erfuhr. Das war vor allem bei späteren Besuchen in Prilep der Fall; hier nahm ich im September 1917 an einem Front-Hochschulkursus teil und im Juni 1918 besuchte ich Prilep nochmals. So hatte ich Gelegenheit, auch die nähere Umgebung der Stadt kennen zu lernen.
Prilepist von anderen mazedonischen Städten nicht erheblich verschieden; sie hat weniger individuellen Charakter als andere. Weder Kirchen noch Moscheen haben besondere Art und Geschichte. So ist sie eine gleichgültige Stadt, wenn auch das Leben ebenso bunt ist, wie in anderen Städten.
Eigenartig und interessant ist aber die Umgebung von Prilep. Das Tal, an dessen Ende die Stadt liegt, ist von zwei Bergketten eingefaßt, die einander parallel verlaufen und die in mancher Beziehung sich voneinander unterscheiden. Sie streichen in der Hauptsache von Norden nach Süden. Die westliche Kette besteht in ihrem südlichen Teil ausGranit, der an den Bergen in geradezu bizarren Formen zutage tritt. Weiter im Norden, gegen den Paß zu, sind die Berge aus Kalk aufgebaut, aus welchem auch die ganze östliche Kette besteht. Mächtige Marmormassen kommen im Kalkgebiet vor.
Abb. 222. Geschäftsviertel (Bazar) in Prilep.
Abb. 222. Geschäftsviertel (Bazar) in Prilep.
Ganz besonders charakteristisch für die Gegend von Prilep ist die Granitlandschaft, die amVarosbergund nördlich von ihm amZlatovrh, an welchem das KlosterTreskavečliegt, vorherrscht. Das dunkle, oft rote Gestein mit den gewaltigen Steilwänden, den Hängen voll riesiger Blöcke, der mageren Pflanzenwelt bringt eine Landschaft hervor, welche ganz einzigartig ist. Die Berge sehen aus wie steil aufgetürmte Steinhaufen; tiefeSchatten lassen die Spalten scharf von den glatten Flächen des Granits sich abheben.
Abb. 223. Granitberg nördlich von Prilep.
Abb. 223. Granitberg nördlich von Prilep.
Besonders gut konnte man die seltsamen Granitformen amVarosbergstudieren, welcher als Abschluß der westlichen Kette mit seinen eigenartigen Umrissen in die Ebene südlich Prilep hineinragt. Weithin über die Ebene und von fernen Bergen erkannte man die beiden pyramidenförmigen Gipfel des Varosberges als Wahrzeichen Prileps. Zwei mächtige Granitmassive stiegen steil einige hundert Meter über der Talsohle auf. Die Konturen sind stark zerrissen, feine Zacken und breite Buckel überragen allenthalben den Umriß und geben seinen schönen Linien etwas eigenartig unruhiges. So sind auch die Abhänge, welche nur in der Gipfelregion einzelne größere Flächen zeigen; sonst sind sie von kleinen und großen Gesteinsbrocken bedeckt, die übereinander geschichtet eine oft unübersehbare Wirrnis bilden, ein starkes Hindernis für die Ersteigung des Berges, da es sich um mächtige Blöcke mit Durchmessern von 10-50 Metern und mit glatten schlüpfrigen Wänden handelt. Viele von ihnen haben die sogenannteWollsackformmit abgeschliffenen, gerundeten Kanten. Eigenartig malerisch sehen sie vor allem dann aus, wennsie mit dunkelbraunen Moospolstern und grauen Flechten bedeckt sind. Dann heben sie sich farbig vom kurzen Rasen ab, der zwischen ihnen die Hänge bedeckt, welche die Möglichkeit zum Besteigen der steilen Berge geben.
Neben den einjährigen Pflanzen und allerhand Kräutern und kleinen Büschen, welche diesen Rasen bilden, außer den in den Spalten der Felsen wachsenden Pflanzen, spielen Sträucher und Bäume im Granitgebiet bei Prilep eine geringe Rolle.Wachholderist hier der häufigste Strauch und die Form, die hier vorkommt (Juniperus excelsaL.), wächst manchmal zu stattlichen Bäumen heran und bietet damit einen überraschenden Anblick.
Abb. 224. Granitfelsen mit Moos und Flechten bewachsen.
Abb. 224. Granitfelsen mit Moos und Flechten bewachsen.
Auch dieTierweltwar an diesen Hängen nicht übermäßig reich. Immerhin flogen zahlreiche Schmetterlinge, unter denen ein Bläuling (Lycaena admetusEsp.) besonders auffiel. Da, wo Tiere geweidet hatten, gab es viele Mistkäfer, vor allem Pillendreher, von denen hierScarabaeus sacerL. undS. piusIllig eifrig beim Pillendrehen waren. Auch ein stattliches Exemplar des glänzend schwarzen Baumschröters (Sinodendron cylindricumL.) fand sich hier und wies darauf hin, daß die weitere Umgebung nicht ganz baumlos sein konnte. Eine große RaubfliegeSchizopogon scaligerLw. machte sich in größeren Mengen bemerkbar.
Auch Heuschrecken gab es an den heißen Hängen in großer Zahl. Nicht weiter erstaunlich war es, hier Felsenvögel zu beobachten, unter denen waren bemerkenswert der muntereFelsenkleiber(Sitta neumayeriMichah.) und dasSteinhuhn(Alectornis graeca graecaMeissn.), das mit knatterndem Flug mehrmals vor mir aufstieg; dabei stieß ich im Juni 1917 auf ein Gelege von 10 Eiern, welches in einer Mulde zwischen Steinen lag.
Bei weiterem Aufsteigen wurde immer deutlicher, daß die eigenartigen Umrisse des Berges nicht nur das Werk von Naturkräften waren, sondern daß auch Menschenhand dabei mitgewirkt hatte. Auf beiden Gipfeln waren Mauerreste erkennbar, welche von einer sehr ausgedehnten Burg herrühren mußten. Wie aus dem Felsen gewachsen, erhoben sich Türme, Durchgänge waren von Rundbogen überwölbt, Häuser waren noch deutlich als einstmals mehrstöckige Gebäude zu erkennen; hohe, steile Mauern zeigten noch Reste von Zinnen und waren von mächtigen Walltürmen eingefaßt.
Es waren die Reste der BurgMarkograd, von der noch manche sagenhaften Erinnerungen bei den slavischen Mazedoniern berichten. Nach der Bauart handelt es sich wohl um einen Bau aus dem späten Mittelalter. Den beiden Gipfeln entsprechend handelt es sich um zwei Burganlagen, welche durch einen großen Mauerring umfaßt waren. Bemerkenswert ist der Mangel an Schießscharten und überhaupt die Seltenheit nach außen gerichteter Fensteröffnungen. An den Türmen wiesen Balkenlöcher darauf hin, daß einstmals bedachte Holzgallerien diese außen umgaben. Am Abhang sind die Reste einer Außenbefestigung zu erkennen, welche offenbar die ganze große Anlage vor Angriff schützte. An einer Seite, in der Richtung gegen die Stadt Prilep, glaubt man die Reste einer Zufahrt zu bemerken; sie führt zu einem Eingang mit auffallend engem Torbogen.
Es war schwer, sich eine bestimmte Vorstellung von Alter und Entstehung der Burg zu machen. Der Tradition nach war es die Burg des serbischen HeldenMarko Kraljevič, von dem phantastische Sagen im Umlauf sind, in denen er als Riese und fast als Gespenst auftritt.Aimé Bouéscheint vor 100 Jahren die Bauten etwas besser erhalten gesehen zu haben. Er schreibt von einer Kapelle und einer Quelle in einem Turm an der Ostseite, die ich nicht auffand. Bei letzterer mag es sich doch wohl um eine Zisterne gehandelt haben.
Beim Herumklettern auf den Felsen und in den Ruinen gab es viel zum Schauen und zu beobachten. Wie malerisch bauten sich Türme und Wälle auf den Felsblöcken auf. Man überlegte sich, ob wohl der eine zweistöckige Bau das Frauenhaus, ein anderer größerer das Männerhaus gewesen sei.
An den Felsen in der Gipfelregion zeigten tiefe glatte Rinnen, Furchen, blanke Rundungen, untergreifende Rillen, daß gewaltige Naturkräfte an der Ausgestaltung dieser Formen gearbeitet haben mußten. Man konnte sich kaum vorstellen, daß all das schon beim Übergang aus dem feuerflüssigen Zustand des Granits entstanden war. Unwillkürlich mußte man an Wasserkräfte denken und in der Phantasie trat beim Blick auf die weite Ebene im Süden des Berges das Bild eines großen Sees auf, der einst sich bisMonastirausgedehnt haben mag. Die geologische Beschaffenheit des Bodens der Ebene, der Verlauf der Cerna läßt tatsächlich eine solche Annahme zu. Als der See verschwand, mochte auch der Berg hier sich gehoben und in seine Höhen die Spuren der Wirkungen eines kräftigen Flusses mitgenommen haben.
Abb. 225. Im Geschäftsviertel von Prilep.
Abb. 225. Im Geschäftsviertel von Prilep.
Jetzt schweift der Blick weit über die dunstige Ebene, welche in der Ferne von einem Kranz von Bergen eingefaßt ist. Direkt nach Westen sieht man in derBabaplaninaan klaren Tagendie weiße Häusermasse vonKrusevoaufschimmern. In weitem Bogen fassen die Berge nach Süden; schneebedeckt erhebt sich aus dieser Kette die schöne Pyramide desPeristeri. Kahle Berge ziehen am Ostrand der Ebene alsSelecka Planinasüdwärts zum Cernabogen. Von diesem erstreckte sich zur Zeit meines Besuches die Front überMonastirwestwärts zumPeristeri, von da zumPrespa-undOchridasee; man ahnte die Lücken in den Gebirgen, in denen die Seen lagen und sah jenseits von ihnen Bergketten, die schon zuAlbaniengehörten.
Wie von einem Turm konnte man zwischen den Felsen, durch ein Mauerloch oder eines der alten Fenster nach Osten zu steil auf die StadtPrilephinunterblicken. In der Vogelperspektive lag das Häusergewirre mit seinen Gärten und Pappelgruppen, mit seinen Kirchen und Minarets weit auf dem Talboden ausgebreitet. Von hier aus sah die Stadt ganz anders malerisch und reizvoll aus, als innerhalb ihrer Gassen.
Jenseits im Osten stiegen wieder Bergketten mit klar umrissenen Konturen empor, dieKalkbergeder Ostkette des Tales von Prilep, während nach Norden die wilden Formen derGranitbergeden weiteren Ausblick verhinderten.
Es war nicht einfach, vom Gipfel und der Burg nach Westen über die glatten Granitplatten zu Dorf und KlosterVarosherabzuklettern. Einer meiner Begleiter glitt an gefährlicher Stelle aus, rutschte über eine Felsenfläche weit hinab und entging nur durch einen Glückszufall einem bösen Schicksal.
Aus dem Bild des in einer Nische des Granitfelsens eingeschmiegten Klosters kann man entnehmen, welche tolle Kletterei wir hinter uns hatten, als wir vom Gipfel an der Hinterseite des Klosters ankamen. Hätte es nicht einen so eigenartigen Hintergrund in den Granitmassen des Berges, welche fast wie erstarrte Lavaströme aussehen, so würde es sich kaum von vielen der Balkanklöster unterscheiden. Immerhin ist die Anordnung der im rechten Winkel zueinander stehenden Gebäude, von denen das eine zwischen zwei im oberen Stockwerk vorragenden Flügeln eine graziöse Säulengallerie einfaßt, das andere zwei Säulenhallen in Holzbau übereinander zeigt, recht eigenartig. Die Kirche mit allerlei alten Architekturbestandteilen füllt die Ecke zwischen beiden Gebäuden aus. Hohe Grundmauern tragen die Fundamente der Bauten, so daß man vom Dorf aus eine hohe Treppe zu ersteigen hat.
Im letzteren steht eine interessante Kirche, von einem Friedhof mit den üblichen Kistengräbern umgeben. Die Nord- und Ostseite ist mit einer langweiligen weißen Bogengallerie verbaut. Von der Süd- und Westseite zeigt aber das Kirchlein den malerischen altmazedonischen Typus bulgarischen Ursprungs. Sie scheint allerhand Schicksale durchgemacht zu haben, so daß die ursprüngliche Anlage kaum mehr zu erkennen ist. Jedenfalls ist sie von einem graziösen zehnsäuligen Kuppelturm überragt; an der Westseite sieht man noch die Anlage von Konchen, die verschiedene Art und Behandlung der Bausteine weist auf viele Reparaturen hin.
Abb. 226. Kirche im Dorf Varos.
Abb. 226. Kirche im Dorf Varos.
In vieler Beziehung interessanter ist das hochgelegene KlosterTreskawetz, welches auch in der Granitkette, und zwar auf einer Höhe von 1226 m gelegen ist. Als im September 1917 in Prilep ein Hochschulkursus stattfand, den das Oberkommando für die Studenten der XI. Armee veranstaltete, und bei welchem wir Professoren unsere Vorlesungen in einer Moschee abhielten, gehörte zu den besonderen Veranstaltungen uns zu Ehren auch eine Bewirtung durch die StadtPrilepin diesem altheiligen Kloster.
An einem Nachmittag ritten wir die 2 Stunden durch die grandiose Granitlandschaft auf den Berg hinauf. Das Kloster,eigenartig in seltsame Felsen eingebaut, war eine weitläufige Anlage, von hohen Mauern umgeben. Zwischen den Türmen und Schornsteinen ragten Granitklötze empor, welche in ihren bizarren Gestalten fast wie Menschenarbeit aussahen.
Das Kloster erfüllte seine Aufgabe als Festquartier sehr gut, denn es war in mächtigen dreigeschossigen Galleriebauten mit einer großen Anzahl sauberer Zimmer ausgestattet, welche viele hundert Pilger aufnehmen konnten. Schon am Eingang zum Kloster waren wir von dem Bürgermeister von Prilep, angesehenen Bürgern dieser Stadt, bulgarischen Beamten und Offizieren feierlich empfangen worden.
In einer rebenumrankten Veranda fand ein Festessen statt, bei welchem wir mit den Bulgaren vereinigt saßen und bei welchem politische Reden gehalten wurden. Der Bürgermeister, ein blasser, schlanker Mann, der als bulgarischer Verschwörer lange Jahre in türkischen Gefängnissen gelegen hatte, hielt eine feurige deutschfreundliche Rede, auf welche der Kenner der griechischen Literatur und der antiken Geschichte Mazedoniensv. Willamowitz, der Berliner Professor in formvollendeter, feiner Rede antwortete.
In angeregten Gesprächen durchwanderte man dann zusammen die Räume des Klosters und besichtigte vor allem die ehrwürdige Kirche, deren Ursprung die Bulgaren auf das 9. Jahrhundert zurückführen wollen. Es war sehr interessant, mit den gebildeten Männern durch die für sie traditionsreichen Räume zu wandern und den Erzählungen zu lauschen, welche von dem alten Zusammenhang ihres Volkes mit Mazedonien berichteten.
Es war bemerkenswert, wie sie mit einer wahren Zärtlichkeit sich in die alten Erinnerungen versenkten, als wir alte heilige Bücher anschauten und uns ein Gewölbe gezeigt wurde, das erst vor nicht langer Zeit aufgedeckt wurde, und in welchem ein russischer Gelehrter wichtige alte Urkunden aufgefunden habe. Alte halbzerstörte Fresken an der Wand lösten die Erinnerung an den großen ZarenSimeonaus, der einst ein großes Bulgarenreich über fast der ganzen Balkanhalbinsel beherrscht und das Kloster Treskaveč unterstützt hatte.
Wehmütig wurden ihre Erzählungen, als sie auf den ZarenSamuelzu sprechen kamen, der während seiner 40jährigen Regierung (976-1014) eine Unmenge von Wechselfällen in den unaufhörlichen Kriegen mit Byzanz erlebte, in Ochrida glänzend residierte, dem aber schließlich in dem Konstantinopeler KaiserBasileus Bulgaroktonosein furchtbarer, blutdürstiger Gegner erstand. Der machte schließlich durch die Schlacht an der Belasiza Planina beiStrumizaall dem, was Samuel in seinem Leben erreicht hatte, ein Ende. Ja, er bringt ihm indirekt den Tod, indem er ihm 15000 bei Strumiza gefangene Bulgaren geblendet, unter der Führung je eines von hundert, der nur einäugig gemacht wurde, nach Ochrida zurückschickte. Bei deren Anblick ist er so erschüttert, daß ein Schlaganfall den greisen Mann trifft und tötet.
Abb. 227. Gesamtansicht des Klosters Treskaveč.
Abb. 227. Gesamtansicht des Klosters Treskaveč.
Es ist eine tragische Geschichte, welche durch die 700 Jahre bis zur Unterjochung durch die Türken auf den Balkanvölkern lastet und heute noch nicht zum Abschluß gebracht ist. Immer wieder wird die Ruhe auf der Halbinsel durch Völkerwanderungen erschüttert, die stets zunächst auf dieSlavenstoßen. Deren unversöhnliche Gegensätze zu den Griechen treiben sie von einem Krieg in den andern durch all die Jahrhunderte hindurch. Immer wieder kommen sie wieder in die Höhe, gründen neue und größere Reiche, die bald wieder zusammenstürzen. Einmal über das andere Mal stehenbulgarischeHeere vorKonstantinopel, ohne daß es ihnen jemals gelingt, die Weltstadt einzunehmen. Immer wieder werden sie in den Abgrund gestürzt und unterjocht, um nach neuerFreiheit und neuem Glanz zu streben. Zu allem Unglück kommt noch die Feindschaft zu dem Brudervolk derSerben, die im Laufe der Jahrhunderte immer bitterer geworden ist und beide Völker verhinderte zu Größe und Selbständigkeit zu gelangen. Dann kamen die Jahrhunderte türkischer Knechtschaft, die jedes Streben nach Unabhängigkeit unterdrückte, bis mit der Zerrüttung des Türkenreiches sich neue Hoffnung regte.
Nun waren sie endlich so weit, auf bessere Zeiten blicken zu dürfen und nun liegen sich die Balkanvölker wieder als bitterste Feinde in den Haaren. Seufzend gestehen sie das zu, aber mit glänzenden Augen sprechen die Bulgaren die Hoffnung aus, mit Hilfe der Deutschen endlich das Ziel zu erreichen, die ersten auf dem Balkan zu werden.
Abb. 228. Kirche im Kloster Treskaveč im Granitgebirge.
Abb. 228. Kirche im Kloster Treskaveč im Granitgebirge.
Nun schweifen ihre Gedanken ab und tauchen in das Gebiet der Sagen und Märchen. Sie erzählen von der Zarin Maria, welche den Sultan heiratet und mohammedanisch wird, um ihr Volk zu retten. Sie kommen auf die Geschichte von der Schlange und dem Blitz und von den zwei Hirten. Darüber ist die Zeit vergangen und nach freundschaftlicher Verabschiedung trenne ich mich von denbulgarischen Herren und steige in der Abenddämmerung die steilen Hänge zum Tal, zur Stadt hinab.
Die Strahlen der sinkenden Sonne dringen tief in das Tal hinein und gönnen tiefen Einblick in die phantastische Landschaft, in der ich plötzlich nach den starken Eindrücken des Nachmittags ganz einsam wandere. Öde und baumlos liegt eine schroffe Granitpyramide vor mir; scharf und klar treten die einzelnen Felsblöcke, die Rinnen und Schluchten infolge der langen Schatten hervor. Immer schöner und malerischer werden die Bilder. Vor einem kahlen Felsenberg tut sich ein kleines Tälchen auf, in seiner Tiefe leuchtet üppiges Gras empor, Bäume und Büsche umgeben einen weiß blinkenden türkischen Brunnen. Er verrät uns die Ursache des starken Pflanzenwachstumes. Wie stets sind Schattenbäume um diesen erquickenden Brunnen gepflanzt, welche die Stätte zum geeigneten Ruheplatz im letzten Drittel des heißen Anstieges zum Kloster machen.
Abb. 229. Türkenbrunnen in der Granitlandschaft beim Kloster Treskaveč.
Abb. 229. Türkenbrunnen in der Granitlandschaft beim Kloster Treskaveč.
Von der Quelle aus schweift mein Blick zu den Bergketten des Kalkgebirges auf der jenseitigen Seite des Tales. Drüben sehe ich eine weiße Straße aufblinken und sich den Bergen drübenaufwärts der Talwand anschmiegen und in das Massiv vordringen. Staubwolken liegen über der Straße und verraten, daß auch hier abends ebenso starker Verkehr ist, wie auf der Babunastraße. Es ist die Straße, welche zumPletwarpaßführt, die zweite Verbindung von Prilep mit dem Wardartal.
Auch diePletwarstraßehabe ich einmal auf der Fahrt von Prilep zur Haupteisenbahn Mazedoniens benützt. Es war im Sommer 1917; nach den Qualen durch Hitze und Staub, denen ich damals ausgesetzt war, spürte ich keine Verführung, die Fahrt öfter zu machen, zumal ich die interessanten Gebiete am Ende der Strecke öfter zu besuchen Gelegenheit hatte.
Abb. 230. Hain im Granitgebirge bei Treskaveč. Blick ins Tal von Prilep und auf den Beginn der Pletwarstraße.
Abb. 230. Hain im Granitgebirge bei Treskaveč. Blick ins Tal von Prilep und auf den Beginn der Pletwarstraße.
An sich war dieser Paß nicht weniger interessant als die Babunastraße, manche Strecken sogar besonders romantisch. Von Prilep kommend, bog man bald rechts von der Babunastraße ab und fuhr steil an der östlichen Talseite aufwärts. Im Juni 1917 war die Straße sehr zerfahren und der Verkehr sehr gesteigert. Es wurde fieberhaft an der Kleinbahn gebaut, welche damals bisTrojazireichte, in einigen Monaten aber bisPrilepdurchgeführt wurde und von da Anschluß erhielt einerseits gegenMonastirund denCernabogen, andererseits dieCernaaufwärts überPribilcibisLeraunterhalbGopes, und damit die Verbindung mit den Fronten amPrespa-undOchridaseeund Albanien herstellte.
Bei der Fahrt war mein Auto stets in eine dichte Staubwolke gehüllt, denn es herrschte regster Verkehr. Er war eher stärker als am Babunapaß; denn hier wurden die Truppentransporte hauptsächlich weitergeleitet. So sah man in den offenenKleinbahnwagendeutsche, österreichische, ungarische, bulgarische Truppen auf dem Transport, wobei sie auf jeder Station den heimwärts reisenden Urlaubern begegneten. Landstraße und Schienenstrang der Kleinbahn waren zu beiden Seiten auch hier auf diesem Paß von den Leitungen derSeilbahnbegleitet, an denen unablässig leere und gefüllte Tragen, die sogenannten Hunde, nach oben und unten wanderten.
Bei der Fahrt den Paß aufwärts kam ich durch die DörferPletwar,BelawodizanachTrojazi. Von der eigenartigen Landschaft konnte man zunächst nicht viel beachten, denn unendliche Züge von Lastkraftwagen waren gerade in diesen Tagen in Bewegung. Überall wurde gearbeitet und gebaut; die Straße erforderte unablässig Reparaturen, überall wurden Abkürzungen angelegt, neue Brücken, Quartiere, Verpflegungsstationen, Unterkünfte gebaut. Eine Menge Steinbrüche lieferten das Material für Straßen- und Bahnbau, Stationen wurden eingerichtet für Feldbahn und Seilbahn, Gefangenenlager beherbergten die Arbeitskräfte für die enorme Arbeit, welche auch hier die Etappe zu bewältigen hatte.
So ging es stundenlang weiter durch heiße Sonne und Staub. Trotzdem wurde die Aufmerksamkeit immer wieder erregt durch die Landschaftsbilder, die Felsen und Schluchten, die hohen Berge, an denen ich vorbeikam. Der Paß führte nun abwärts an demRajetzbachentlang, welcher sein Wasser derCernazuführt. Er hatte mächtige Schluchten gegraben in der großen und kleinenKlisura, floß am schimmerndenMarmorbergvorbei um schließlich durch die mächtigeAdlerschlucht(diegroße Klisura) in dieCernazu münden. Etwas oberhalb der Mündung lag der Bahnhof und das Barackenlager vonDrenovo.
Wir, ich hatte zwei in Urlaub in die Heimat fahrende junge Dragoneroffiziere in mein Auto aufgenommen, atmeten auf, als wir in dem behaglichen kleinen Offiziersheim im Lager vonDrenovoeine Stunde Rast machen konnten. Es war eine Erlösung, sich dieKleider reinigen, die zentimeterhohe Staubschicht von den Gesichtern abwaschen und einen kühlen Trunk genießen zu dürfen.
Drenovohat einen bösen Namen in der Hygiene des Kriegsschauplatzes gewonnen; auf der Heimreise, wie bei der Rückkehr an die Front hat hier mancher Soldat sich eine schwereMalariageholt. Lange Zeit war dies bei beiden Reisen die Übernachtungsstelle der Urlauber. In der sumpfigen Gegend des Barackenlagers wimmelte es von Malariamücken und die kurzen Stunden der Nachtruhe in den schlecht verwahrten Baracken haben vielen die schlimme Infektion durch deren Stich gebracht, die sie in den Jahren an der Front im gesunden Hochgebirgsklima Mazedoniens nicht bekommen hatten.
Abb. 231. Lager und Bahnhof von Drenovo. Im Hintergrund das Dorf.
Abb. 231. Lager und Bahnhof von Drenovo. Im Hintergrund das Dorf.
Damals auf der Durchreise hatte ich nicht Zeit und Kraft, den hoch am Berghang gelegenenOrt Drenovozu besuchen. Das holte ich im April 1918 nach, als ich mit meinem FreundPopoffeine genußreiche Fahrt durch diese Gegend machte. Da wanderte ich durch das malerische Örtchen zu der alten Kirche, die an dessen obersten Rand ganz außerhalb des Verkehrs lag. Deshalb wurde sie von Deutschen selten besucht, wenn sie das auch durchaus verdient hätte.
Die Kirche sah allerdings von außen aus wie eine Scheune. Trat man dagegen in den hohen Innenraum ein, so wurde man überrascht durch eine Anzahl gewaltiger Säulen, welche das Dach stützten und fast zu mächtig für den engen Raum waren. Es waren offenbar antike Säulen oder doch solche aus byzantinischer Zeit, die hier verwandt waren und dem erfahrenen Archäologen wichtige Aufschlüsse über die Geschichte des Landes versprachen. In dieser Kirche fanden sich auch Fragmente eines Tierfrieses mit merkwürdigen Formen, welche auf orientalische Beziehungen hinweisen.
Nach erfrischender Rast wurde die Fahrt nach dem Endpunkt der Feldbahn, dem großen EtappenlagerGrazkofortgesetzt, wo ich auf die Hauptbahnlinie und den Wardar zurückkam, kurz vor der Einmündung derCernain den letzteren. Grazko war kein erfreulicher Aufenthalt, diese riesige Stadt von Zelten und Baracken, in kahler dürrer Gegend; ungeheure Mengen von Geräten, Munition, Waffen lagerten hier sowohl für die Cerna-, Monastir- und Seenfront, wie für jene am Doiransee und unteren Wardar.
Immerhin gab es hier zwei Anziehungspunkte, die Ruinen der antiken StadtStobiund das deutsche GutPalikura.Stobiwar eine römische Stadt, günstig an der Mündung derCernain den Wardar gelegen, aus der Hauptstadt der Päonier entwickelt. Sie war von jeher ein befestigter Brückenkopf. Noch erkannte man dicht am Fluß Reste einer Stadtbefestigung. Während der Besetzung wurden von Deutschen verschiedentlich Ausgrabungen dort gemacht. Zum Teil wurden sie dilettantisch betrieben, schließlich aber von Fachmännern geleitet und haben manches Interessante geliefert. Ich habe die Ruinen in verschiedenen Phasen der Ausgrabung besucht. Soweit ich Einblick gewann, ist das wesentliche Resultat der Forschungen die Feststellung der Grenzen und Befestigungen der alten Stadt, in der auf die altmazedonische Periode eine römische und eine byzantinische Periode folgten. Die römischen Reste sind spärlich, während aus byzantinischer Zeit viel mehr zum Vorschein kam. Der Verlauf der Befestigungen an der Cerna ließ sich ziemlich klar stellen, Grundrisse von Häusern, zwei Kirchen, Kloaken wurden aufgedeckt. Auch wurden römische und byzantinische Grabsteine gefunden. Von einer der byzantinischen Kirchen ließ sich ein gut Stück der Baugeschichte durch verschiedene Perioden hindurch verfolgen. In den Basiliken sind in byzantinischer Zeit römische Bauteile verwandt worden. Die byzantinischenBauten sollen meist im 5. Jahrhundert entstanden sein. Gräber in der einen Kirche, ein Kuppelgrab, ein Friedhof wurden aufgedeckt, dazu ein Mosaikfußboden, dessen Arbeit auf römischen Ursprung hinweist. In der anderen stammen Säulen und Stufen von einem größeren römischen Tempel. Sie wurden offenbar nach dessen Zerstörung in die Kirche eingebaut.
Besonders stattlich muß die dreischiffige Basilika beiPalikuragewesen sein, die wohl auf eine größere Ausdehnung der Stadt Stobi hinweist. Hier sind eine große Anzahl von Säulen, Friesen, Marmorplatten und Inschriften gefunden worden. In dieser Kirche ist aber alle Arbeit von weit geringerem Typus und weist auf Entstehung in späterer Zeit hin. Auch sonst wurden in Mazedonien von unseren und den bulgarischen Truppen viele interessante Reste aus prähistorischen Zeiten, aus Altertum und Mittelalter gefunden. Im Jahre 1918 wurde an ihrer planmäßigen Erfassung gearbeitet und es sind wohl Veröffentlichungen darüber zu erwarten.
Palikuraselbst ist während des Krieges als Versuchslandgut vom preußischen Landwirtschaftsministerium bewirtschaftet worden. Es war schon 33 Jahre vor dem Kriege in Händen eines deutschen Besitzers gewesen. Sowohl dieser als die preußische Verwaltung hatten, soweit ich erfuhr, manche Mißerfolge. Doch hatte ich bei einem Besuch in dem Gut den Eindruck großer Fortschritte, die wohl leider seither nicht mehr fortschreiten konnten.
Von dem ersten Ausflug nach Prilep brachte ich mehr als naturwissenschaftliche Ergebnisse, starke Eindrücke von der Kultur und Geschichte des Landes und noch stärkere von der Arbeit und Leistung unseres Heeres in diesem fernen fremden Gebiet mit. Ich habe ihnen absichtlich Raum gegeben; denn jetzt nach dem Zusammenbruch unserer Unternehmungen ist es wichtig, in Deutschland unter dem Einfluß des Mißerfolges, nicht die Größe und Tüchtigkeit unseres Volksheeres zu vergessen. Das, was Mannschaften und Offiziere mit Treue, Ausdauer, körperlicher und geistiger Energie in diesem Lande leisteten, das kann nicht ganz verloren gehen und wird wieder ein Zeugnis von dem guten Kern des Volkes werden, wenn die Deutschen eine neue Zukunft gewinnen.
Zu zoologischen Forschungen war die erste Fahrt nach Prilep nur eine Erkundung gewesen, die zu späteren Reisen den Anstoß gab, wovon weitere Kapitel Auskunft geben sollen.