SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL

SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL

RITT ÜBER DEN TOMOROS.

War es auch nur ein flüchtiger Ritt, den ich durch dasTomorosgebirgemachen konnte, ich werde nie bereuen, die Anstrengungen auf mich genommen zu haben, um einen Blick in das ganz eigenartige Gebirge zu tun. Schon die Aussichten, welche mir beim Anstieg auf denPrespasee, beim Abstieg auf denOchridaseezuteil wurden, gehören zu den schönsten landschaftlichen Eindrücken, welche ich von diesen malerischen Seen Mazedoniens mitgenommen habe.

Vor Tagesanbruch stand mein Wagen vor meinem Quartier inPodmocanian der Nordostecke des Prespasees bereit; ich hatte eine lange Fahrt um das ganze Nordende des Sees vor mir, ehe ich inVolkoderian seiner Nordostecke anlangte, wo mich früh 6 Uhr Reitpferde erwarten sollten, welche mir der Stab der oben auf dem Tomoros liegenden bulgarischen Division versprochen hatte.

Abb. 264. Nordostende des Prespasees.

Abb. 264. Nordostende des Prespasees.

Ich hatte einen großen Bogen um das Sumpfland durch die Parklandschaft zu machen, ehe ich an den Fuß der Berge gelangte. Im Morgendunst bot der silbrig glänzende See manchen reizvollen Blick. Während die Berge im Osten im Nebel verschwanden, stiegen die Gebirge und die Halbinsel Vakufče im Westen dunkelblau aus dem See empor. Ganz köstlich hoben sich die Silhouetten von langen Pappelreihen und mächtigen Ulmengruppen vom Silberspiegel des Sees ab, wenn wir um sie und sein Wasser nordwärts ausbiegen mußten.

Als nun im Osten die Sonne heraufstieg, vergoldete sie die kahlen Flanken desTomoros, der immer höher vor uns sich erhob. Immer weiter streckte sich das Vorgebirge in den See hinaus, in der Ferne erkannte man bloß die Umrisse der Insel mit dem Kloster Sv. Peter. Schluchten wurden an den Abhängen des Berges vor uns sichtbar und zeigten uns einen schwierigen Weg zu den Wäldern in der Höhe an. Indem wir jetzt die Hügel hinanfuhren, tauchten auch im Süden schön geformte Berge auf, welche die Nordwestecke des Sees als Bucht vor uns abschlossen.

Wundervolle Blicke auf den blauenden See wechselten in reicher Fülle ab, als ich und mein Kamerad, LeutnantMüller, der Weggenosse bei der Peristeribesteigung, nun zu Pferde die Vorberge hinanritten. Wir hatten zunächst kahles, menschenleeres Gelände zu durchreiten; ehe wir beiPescaniden Ochridasee erreichten, trafen wir auf keine menschliche Siedelung mehr.

Nach 1½stündigem Ritt gelangten wir durch niederes Eichengebüsch in ein schön bewaldetes Tal. Sehr bemerkenswert war schon hier der Mangel an Wasser. Alle Schluchten lagen trocken, keinen Quell trafen wir an. Der Wald, obwohl er stattliche Bäume enthielt, blieb licht und enthielt reichlich Unterholz. Er war hauptsächlich aus Buchen zusammengesetzt. Schöne grüne Waldwiesen waren reichlich in ihn eingefügt.

Auf ihnen tummelte sich eine formenreiche Insektenwelt. An den heißen Hängen des Tomoros fiel die Farbenpracht vieler Insekten besonders auf. Groß war der Reichtum anBläulingen; unter ihnen gab es nicht nur leuchtend blaue Arten, sondern auch die rotgolden blinkenden Formen und jene mit den eigenartigen Fortsätzen an den Flügeln. Ich nenne von ihnenThekla spiniSchiff.,Th. ilicisEsp.,Chrysophanus virga aureaL.,Lycaena argusL.,L. astrarcheBgstr.,L. admetusEsp. Diese Reihe von Namensoll einen Begriff von dem Formenreichtum geben, der unter diesen farbenprächtigen Faltern hier vertreten war.

Von Käfern waren besonders auffallend die grüngolden schimmerndenRosenkäfer(Cetonia auratavar.tumiictaReit. und var.viridiventrisReit.). In dem gemischten Bestand von Buchen, Eichen, Ahorn und Linden fanden sich manche von den Bäumen abhängige Käfer, wie der schöne gefleckteAlpenbock(Rosalia alpinaL.).

Um beobachten und sammeln zu können, banden wir unsere Pferde zeitweise an Sträucher oder Bäume an, in deren Umgebung sie reiche Weide fanden. So kamen wir langsam unter manchen interessanten Beobachtungen in die Höhenzone, in der der Wald allmählich abnahm. Buschwerk löste ihn ab, zwischen welchem sich hier und da ein höherer Baum erhob.

Abb. 265. Karstlandschaft im Tomoros.

Abb. 265. Karstlandschaft im Tomoros.

Nun gelangten wir allmählich in eine ganz eigenartige Landschaft, in welcher wir jetzt für anderthalb Tage blieben. Das Gebirge des Tomoros ist zum großen Teil aus Kalk aufgebaut. Und zwar trägt es einen ausgesprochenenKarstcharakter. Dem entspricht die Trockenheit und Wasserarmut. Vor allem aber ist die Oberfläche des Gebirges von einer ganz seltsamen Struktur.

Kahl dehnen sich weite Flächen vor den Augen aus, grell von der Sonne bestrahlt. Aber die Eintönigkeit der Oberfläche ist von einer Unmenge von Schattenflecken unterbrochen, welche eine eigenartige Modellierung verraten. Löcher und Trichter sind oft seichter, oft tiefer in den Boden eingesenkt und verraten die eigenartigen Kräfte, welche hier an der Bodengestaltung tätig sind. Es ist eine echteKarstlandschaftmit ihrenDolinen, den Einsturztrichtern, die, mit Vegetation erfüllt, dunkel von der dürren, weißblinkenden Kalksteinfläche sich abheben.

Karsttraf ich hier während meinen mazedonischen Wanderungen zum ersten Male in größerer Ausdehnung an. Diese Gebirgsform ist im Inneren der Balkanhalbinsel nicht allzu häufig, während sie im Westen eine große Rolle spielt. In Istrien, Dalmatien, Bosnien und der Herzegowina ist sie vorherrschend. Speziell in Südkrain, dessen Gebirge sie den Namen verdankt, ist diese Formation verbreitet. Ihre Dolinen, Höhlen, im Boden versinkenden und plötzlich als mächtige Flüsse hervortretenden Bäche haben sie berühmt gemacht. In kleinerem Maßstab hatte ich früher Karstlandschaft in derGolesniza Planinaangetroffen und im 26. Kapitel beschrieben.

Eine solcheKarstlandschaftfüllt nun den zentralen Teil des Tomorosgebirges aus. Ringsum dehnt sich steiniges Gebiet, hier und da durch die dunkeln Laubmassen von Gehölzen und Gebüschen unterbrochen. Es waren zum Teil Bilder von großer malerischer Schönheit, welche ich durchritt, um die Gipfelregion zu erreichen.

Hell flimmerte die Sonne auf den weißen Kalktrümmern der Oberfläche, zwischen denen saftig grüne Rasenflächen und dichte Polster einer mehr und mehr alpin erscheinenden Pflanzenwelt sich ausbreiteten.

So war der Charakter der Landschaft, in welcher sich die Stellungen der bulgarischen Division hinzogen, in deren Stab ich mit meinen Begleitern gastliche Aufnahme fand. Ein kleines Tälchen, in der Höhe von etwa 1900 m gelegen, überragt von den Gipfelspitzen des Gebirgs, beherbergt die Hütten, die auch hier praktisch im Windschutz angelegt, mit Heizungseinrichtungen für den Winter versehen, uns aufnahmen.

Obwohl es 22. Juli war, herrschte in der Höhe eine erfrischende Kühle, die bulgarischen Offiziere, welche uns sehr freundlich begrüßten, zeigten auch hier starkes Interesse für meineForschungen. Ja, einer von ihnen sammelte sogar Insekten. Mit ihm machte ich noch am Nachmittag Streifzüge in der außerordentlich interessanten und reizvollen Umgebung.

Es gab viel auf- und abzuklettern; denn Hügel, Felsen, Schluchten und Tälchen wechselten beständig miteinander ab. Die Quartiere lagen noch etwas unterhalb der Waldgrenze, so daß Hügel und Schluchten noch stattliche Buchen trugen. Eine reiche Pflanzenwelt wuchs zwischen dem Geröll, Doldenpflanzen, Disteln, Glockenblumen, Königskerzen waren in mannigfachen Arten vertreten. Leider hatte ich diesmal keinen Botaniker bei mir, so daß ich keine genauen Angaben über die sicher sehr interessante Pflanzenwelt der Gipfelregion des Tomoros machen kann.

Abb. 266. Hochmatten im Tomorosgebirge.

Abb. 266. Hochmatten im Tomorosgebirge.

Südwärts von den Stellungen der Bulgaren erhoben sich noch höhere Gipfel, die teils noch zumTomoros, teils zum anschließenden Gebiet desMalisatgehörten. Dort drüben lagen französische Truppen. So war es nicht möglich, viel weiter südlich vorzudringen. Zwar reizten die schönen klaren Formen der Berge, verklärt vom abendlichen Licht, die Sehnsucht des Naturforschers. Aber die Zeit war mir knapp zugemessen; ich mußte am nächsten Abend in Ochrida ankommen.

Es war ein langer, ermüdender Weg, der am nächsten Morgen uns im Fußmarsch in westlicher Richtung das Gebirge hinab zu dem schönsten See Mazedoniens führte. Auch abwärts führte der Weg zunächst durch typisches Karstgebiet. Hier trafen wir eine Anzahl typischer Dolinen an, tiefe trichterförmige Einsenkungen in den Boden, welche im Grund von üppiger Vegetation erfüllt waren. Kahle Kalkbuckel in unendlicher Folge, mit einer gewissen Regelmäßigkeit angeordnet, erzeugten Landschaftsbilder von einer so phantastischen Eigenart, daß man sich auf einen fremden Weltkörper versetzt glauben konnte.

Vertrauter wurde das Landschaftsbild in der Region hochstämmigen Buchenwalds, dessen Waldwiesen wiederum reich an Insekten waren. Auf alten Eichen kam hier derEichenbock(Cerambyx cerdoL.) vor; dort fand sich auch der mächtigeProceros gigasL. Von Schmetterlingen gab es hier und weiter oben eine Anzahl Gebirgsformen und typisch südliche Arten. Ich erwähne denScheckenfalter(Melanargia larissa), eine gelb und weiße Form ähnlich dertaurica. Zwei schöneAugenfalterflogen hier (Satyrus hermioneL. undS. briseis minorOberth.), ein südliches Tier. Wie am Peristeri kamActaea cordulaFabr. vor und als charakteristische HochgebirgsformEpinephele lycaonRott, ein Verwandter unseresSandauges.

Auch hier flatterten ähnlicheBläulinge, wie ich sie beim Aufstieg angetroffen hatte, und zwischen ihnen dickköpfige Hesperiden, soHesperia cinareRbr. undCarcharodes altheaeHb. Als wir den Wald verließen, strahlte tief unter uns zum ersten Male der blaue Spiegel des Ochridasees auf. Steinige, schwach bebuschte Buckel bildeten den Vordergrund, hinter welchem still und klar der See sich breitete, den im Westen die Ketten der albanischen Berge abschlossen. Wie eine italienische Landschaft lag das Uferland vor uns; große weiße Wolken schwebten am westlichen Himmel.

Das StädtchenPescaniam Ostufer des Ochridasees war unser Ziel; dort sollte uns ein Motorboot aus Ochrida erwarten. So mußten wir aus der Gipfelregion des Tomoros ein gut Stück nordwärts wandern, um nicht in das Gebiet der feindlichen Front zu geraten. In diesem einsamen, menschenleeren Gebiet wäre ein Abirren gefährlich gewesen. Doch bald erkannte ich bekannte Gegenden und konnte die Führung übernehmen.

Ein steiler Weg führte uns über einen gut angebauten Hügelmit meist abgeernteten Feldern, schönen Gruppen von Ulmen und Obstbäumen zu dem malerischen Ort Pescani hinunter. Am Strand hatten wir eine Zeitlang auf unsere Lasttiere zu warten, welche unsere Ausrüstung zu tragen hatten.

Wir hatten uns dabei nicht zu langweilen; denn die Landschaft, die vor uns lag, konnte sich mit den schönsten der Welt messen. Schon beim Abstieg hatte das Südende des Sees, die Gegend vonPogradecundSv. Naumals prachtvolles Bild vor uns gelegen. Welch wundervollen Umriß boten einander überschneidend die stolzen Pyramiden des Tomoros und Malisat, von denen wir etwas Abstand gewonnen hatten. Vorgebirge in Hügeln endend, ragten eines vor dem anderen in den dunkelblauen See hinaus, jedes in sanften violetten Tönen das andere überbietend. Ein leichter Wind warf blinkende Streifen über den See, in dessen Flut die weißen Wolkenballen gespiegelt auftauchten. Und je mehr wir uns dem Strand näherten, um so reizvollere Rahmen bildeten die Baumgruppen, die Häuser von Pescani, die Schiffe im Hafen um die sonnendurchglühte Landschaft.

In einstündiger Fahrt brachte das Boot uns nach Ochrida. Allmählich hob sich die weißblinkende Stadt aus dem blauen Wasser vor uns empor mit den Ruinen der alten Festung als Bekrönung des Stadtbergs über sich. Die schön geformten albanischen Berge längs des Drintals gaben dem farbigen Bild eine harmonische Abgrenzung.

Immer bunter wurde das Bild, je mehr Einzelheiten im Stadtbild sichtbar wurden; Kirchen, Kuppeln, Türme tauchten auf; die weißen Mauern der Häuser, die roten und grauen Dächer, die gelblichen Felsen stimmten eigenartig zusammen mit der Fülle von Pappeln, Obstbäumen, Erlen und Weiden, die hier selbst im Hochsommer die Seenähe in frischem Grün erhalten hatte.

Seltsam stach von dieser Fülle von Farben das indigoblaue Wasser des Sees ab, das gegen das Land hin heller und heller wurde und schließlich mit einem leuchtend grünen Streifen an das von weißen Steinen besäte Ufer grenzte. Von schönen Eindrücken erfüllt, warm von Sonne und Schönheit, stiegen wir im Hafen von Ochrida ans Land.


Back to IndexNext