SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DIE ERFORSCHUNG DER GOLESNIZA PLANINA

Fährt man von Üsküb mit der Orientbahn südwärts gegen Veles, so fällt einem im Westen ein Gebirge von reichen Formen auf. Im Frühling und Frühsommer glänzen von seinen Gipfeln breite Schneefelder herüber. Je öfter ich vorüberfuhr, um so lebhafter wurde mein Wunsch, dies Gebirge kennen zu lernen. Bisher war nur einmal ein deutscher Geograph,K. Östreich, ein guter Kenner Mazedoniens, an seinem Rand gewesen und hatte eine Skizze von ihm entworfen, welche manches Interessante versprach.

Als ich im Sommer 1918 mein Standquartier in Üsküb hatte, konnte ich dem Plan näher treten. Es mußten gewiß Schwierigkeiten vorhanden sein, die es verhindert hatten, daß die so wanderlustigen Offiziere und Ärzte der verbündeten Truppen in Üsküb das reizvolle Gebirge in den Jahren der Besetzung nicht aufgesucht hatten. Es war bisher ein unbekanntes Gebiet geblieben.

Im April 1918 traf ich die ersten Vorbereitungen zu einer Expedition in das südlich von Üsküb gelegene Gebirge. Zunächst suchte ich nach dem Studium der Karten aus der Ferne einen Überblick über die Lage des Gebirges und günstige Anmarschwege zu gewinnen. Einen guten Einblick in seine Lage und seinen Aufbau gewann ich vom Gipfel des 1100 m hohen, südlich im Weichbild von Üsküb ansteigendenWodno, den wir ja schon im 23. Kapitel kennen lernten. Im April sah ich von dessen Gipfel das wundervolle Bild der schneebedeckten Berge, welches die nebenstehende Abbildung wiedergibt (Abb. 191). Mächtige steile Gipfel schimmerten rosig im Glanz der Abendsonne und winkten vielversprechend zu mir herüber, als ich den festen Entschluß faßte, sie zu besteigen. Vom Gipfel des Wodno übersah man das weite Tal, durch welches man an das Gebirge herankam; ein Bachtal führte tief ins Gebirge hinein, das mußte man verfolgen, um indie Schluchten und an die steilen Abstürze heranzukommen, die jetzt von tiefblauen Schatten scharf hervorgehoben wurden.

Einige Vorexpeditionen bereiteten die Unternehmung vor, die planmäßig ausgedacht, die Unterstützung unserer obersten Heeresleitung fand. Ich wurde in meinem Vorhaben in großzügigster Weise gefördert. Zunächst war das Einverständnis der bulgarischen Behörden, die zuerst alle möglichen Bedenken wegen angeblich im Gebiet hausender serbischer Banden vorbrachten. Schließlich siegte aber doch der Wunsch, durch uns genaueres über das auch den Bulgaren wenig bekannte Gebiet zu erfahren. Wir bekamen Führer, Tragtiere, Bedeckungsmannschaften zugesagt; ein Dolmetscher, der serbisch, albanisch, türkisch, kutzowallachisch, bulgarisch, deutsch, französisch und allerhand andere Sprachen beherrschte, wurde uns zugewiesen. Die deutsche Heeresleitung stellte mir Reit- und Tragpferde, dazu die nötigen Mannschaften und gab mir die Möglichkeit, den sehr wichtigen Reiseproviant aus dem Magazin in Üsküb zu erwerben.

Abb. 191. Golesniza Planina im April, gesehen vom Wodno (Gipfelregion).

Abb. 191. Golesniza Planina im April, gesehen vom Wodno (Gipfelregion).

So war es denn eine stattliche Karawane, die sich zum Abmarsch auf einem kleinen Platz in Üsküb ansammelte, wo sie feierlich von Generalvon Scholtzund den Herren seines Stabes verabschiedet wurde. Etwa 30 Pferde und Lasttiere wirbelten den Staub der Straße auf, als wir stolz abrückten.

An der Expedition nahmen von deutschen Gelehrten außer mir zwei der Mitglieder der mazedonischen landeskundlichen Kommission teil: der Botaniker Prof.Bornmülleraus Weimar und der Geologe Dr.Grippaus Hamburg. Mich begleitete ein ganzer Stab von Zoologen und technischen Hilfskräften, Prof.Müller, Dr.Nachtsheim, die PräparatorenAignerundRangnowund mein getreuerJohann Maier. Auch die anderen Forscher hatten ihre Gehilfen bei sich.

Der Marsch ging nun um den östlichen Sattel des Wodno herum auf dessen Südseite. Ein mehrstündiger Ritt führte uns gegen Abend zum KlosterMarkovo, das ich bei den Vorexpeditionen als geeigneten Ausgangspunkt für die Gebirgsexpedition gewählt hatte. Über das Kloster und seine Umgebung finden sich Angaben im 23. Kapitel (S. 347). (Vgl. dort auchAbb. 170u.171.)

Bei dämmerndem Morgen brachen wir am 17. Juni 1918 auf, durchritten das obere Markovatal und erreichten um Mittag das kleine türkische DörfchenCrnvrj, das mir von einer Vorexpedition her schon bekannt war. Unterwegs hatten wir schon gewisse Schwierigkeiten mit unserer Lasttierkarawane, deren Lasten zum Teil schlecht gepackt waren und in dem steilen Gelände abrutschten. Wir sammelten dabei Erfahrungen mit unseren Leuten, die sich für später als sehr wichtig erwiesen.

In Crnvrj rasteten wir im Garten des mir schon bekannten Hodscha vor dem schweren steilen Anstieg und bereiteten unser erstes Mittagsmahl. Bald brachen wir aber auf, denn wir hatten keine Zeit zu verlieren, wenn wir am Abend einen geeigneten Lagerplatz in anständiger Meereshöhe erreichen wollten.

Es ging zunächst das Bachtal hinauf, in der Hauptrichtung südwärts, bald aber begann das Klettern am östlichen Talrand empor zu dem uns winkenden hochstämmigen Tannenwald. Der Weg, ein offenbar von Hirten benützter Pfad, war so steil, daß wir oft von unseren Pferden absteigen mußten, um sie zu führen. Es wollte viel heißen, daß sogar unsere Bulgaren stellenweise den Sattel verließen.

Während wir beim Anmarsch meist durch Buschwerk und niederen Buchenwald gekommen waren, brachte uns der Anstieg bald in stattliche Bestände von Tannen (Abies albaWill.). Es waren schöne Edeltannen, welche an der gegenüberliegenden Talseite einen geschlossenen, dichten Wald bildeten. An unserer Seite wechselten dichte Bestände mit lichten Hainen und größeren Waldwiesen. Man hatte vollkommen den Eindruck eines deutschen Waldes, eines Gebirgswaldes mit seinen stattlichen Edeltannen und ihren weißlich schimmernden Stämmen. Zwischen den Tannen wuchsen, besonders an den Waldwiesenrändern, allerhand Laubbäume. Es war eigenartig, hier im fremden Land Buchen, Birken, Zitterpappeln und Eichen neben den Tannen emporragen zu sehen, alle noch im frischen Grün des Frühsommers.

Ein wundervoller Anblick bot sich aber dar, als wir in etwa 1200 m Höhe an große Waldwiesen kamen, welche von hohen lilienartigen Gewächsen bestanden waren. Vor einer solchen Wiese stand ich lange Zeit, ergriffen von der Schönheit; mein Pferd legte mir seinen Kopf über die Schulter und stand leise schnaubend ebenso still wie ich.

Jenseits der Wiese erhob sich ein Wald von stolzen Tannen, in tiefem Schatten wie eine hohe dunkle Wand den offenen Raum abgrenzend. Zwischen den Tannenwipfeln sichtbar und hoch über ihnen hinaufragend lagen die Berghänge der anderen Talseite; graue Felsen mit Waldflecken und Matten dazwischen waren von goldenem Sonnenschein übergossen. Nur das ferne Rauschen des Talbaches verriet die Tiefe der Schlucht, die hinter den Tannen lag und deren Wände wir heraufgeklettert waren. Vor der dunklen Wand des Waldes breitete sich leuchtend vom Sonnenglanz die hellgrüne Wiese aus, bedeckt von hunderten vonLilien, denAsphodelosmit ihren schlanken Blütenständen. Sie weckten klassische Erinnerungen an alte Griechen, die auf derAsphodelos-Wiese die Schatten ihrer Freunde erwarteten. Man mußte sich daran erinnern, daß man nicht weit vom Land der Griechen war, dem der Deutsche so viel von seiner Seele geschenkt hat. Es warAsphodelus albusWilld. (Abb. 192,S. 384).

Ein leiser Wind wehte über die goldglänzende Wiese; die Lilien schwankten zart und weiß über dem wogenden Gras. Kühlung umwehte mich und gab Mut für den steilen weiteren Anstieg. Der Bach, der in der Tiefe rauschte, war der gleiche, dessen Tal wir vom Kloster Markova an verfolgt hatten. Seine Quellen entflosseneinem weiten Bergzirkus, der vor uns manchmal offen lag, während wir an seiner Ostwand emporklommen. Dieser Quellbezirk enthält keine Seen, wieÖstreichund der serbische ForscherCvijiéannahmen, welche dieMarkova Reka, den Talbach, als Ausfluß der Seen betrachteten. Wir konnten uns überzeugen, daß im Quellgebiet der Markova Reka keine Seen lagen, was uns auch die Aussagen der Bevölkerung vorausgesagt hatten.

Abb. 192. Lilien im Tannenwald (Asphodelos albusWill.Abies albaWill.). Anstieg zum Pepelakkar.

Abb. 192. Lilien im Tannenwald (Asphodelos albusWill.Abies albaWill.). Anstieg zum Pepelakkar.

Nach etwa einer Stunde Rittes durch den Tannenwald gelangte unsere Karawane auf eine ausgedehnte Berghalde, in welcher der Wald immer mehr von hochgrasigen Wiesen unterbrochen wurde. Nun tauchte vor uns, noch hoch über dem Wald,das Schneefeld des Pepelak auf, das uns schon den ganzen Tag die Marschrichtung angab. Denn unterhalb dieses auffallenden Schneebandes dachte ich unser erstes Lager zu schlagen.

Als wir den Bergsattel erreicht hatten, kamen wir durch eine offenere Landschaft, in der Matten mit Gebüschen und kleineren Baumgruppen abwechselten. Mächtige Felsblöcke, vielfach von phantastischen Formen, lagen auf den Halden umher, oft von einem kleinen Hain überschattet.

Das Gestein bestand aus Gneis. Wir waren auf dem Sattel zwischen dem Tal der Markova Reka und dem eines südlichen Bachlaufes. So steil und hoch der von uns erstiegene Talrand gewesen war, so sanft war der Übergang von diesem Paß zu dem weit weniger tiefen Tal des südlich fließenden Baches. Wir hatten mit dem Paß eine Höhe von 1600 m erreicht.

Vor uns sahen wir noch einen letzten Waldstreifen, einen stattlichen Buchenwald, darüber tauchte eine Mattenregion auf, die über Hügel und Buckel bergan zog, in das Felsengebiet hinein, das sich daran anschloß. Unter dem Wald floß ein munterer Bach talwärts, der viel Geröll mit sich führte. Der Wald mußte noch durchstiegen werden, ehe ich meinen von dem scharfen Marsch in der glühenden Hitze ermatteten Leuten eine Ruhepause gönnen durfte. Die meisten waren sehr erschöpft und lagerten sich alsbald am oberen Rand des Waldes, um auszuruhen. Die Pferde wurden abgesattelt, nur die Lasttiere mußten mit ihrem Gepäck weiden; denn lange sollte die Rast nicht dauern.

Unterdessen war ein interessanter Fund gemacht worden. Bisher hatten wir ja in der Hauptsache schon bekanntes Gelände durchwandert und in der für mich neuen Zone des Tannenwaldes war die Sorge um unsere Tragtiere mit ihren kostbaren Lasten, die Arbeit des Steigens und die große Hitze naturwissenschaftlichen Beobachtungen hinderlich gewesen.

Zwei unserer Nachzügler hatten eine Giftschlange erbeutet, die sehr unserer Kreuzotter ähnlich war und tatsächlich stellte sie sich als eine solche heraus. Damals wurde sie zunächst fürVipera macropsMih. gehalten, jene Form, welche wir auf der Kobeliza gefunden hatten. Bei genauer Untersuchung in der Heimat wurde nachgewiesen, daß es sich doch um eine echte, wenn auch etwas abweichende Kreuzotter (Vipera berusL.) handelt, die auch sonst in den Gebirgen des Balkan gefunden wurde.

Während meine Leute am Waldrand rasteten, ritt ich am Bach entlang bergauf, um einen Lagerplatz zu suchen. Er sollte möglichst hoch liegen, um die Bergbesteigungen abzukürzen, sollte aber nahe am Bach sein, Weide darbieten und womöglich Brennholz liefern. Obwohl ich und mein Pferd schon recht müde waren, suchte ich das Ziel bald zu erreichen, da wir doch vor Sonnenuntergang unsere Zelte aufschlagen sollten. Es war ein merkwürdig welliges Gebiet, das sich zu beiden Seiten des Baches hinzog; ich mußte beständig auf Hügel hinauf und in Falten hinunter reiten, um allmählich in die Höhe zu gelangen. Überall waren üppige Wiesenmatten, vielfach sumpfiger Boden; nirgends fand sich ein trockener Lagerplatz nahe dem Bach. Holzige Gewächse fehlten vollkommen. So kam ich schließlich in die Felsenlandschaft hinein; das Tal verengerte sich und fand seinen Abschluß in einem grandiosen Felsenzirkus, dessen obere Randeinfassung jenes Schneeband darstellte, dem ich zustrebte. Vor ihm vermutete ich die zwei kleinen Seen, welche auf den Karten ohne Namen angegeben waren. Ich hatte vor, zunächst diese zu erforschen und wollte daher mit dem ersten Lager möglichst nahe an sie heran.

Zwei Stunden war ich vom Rastplatz am Waldrand geritten, als ich endlich an einen Platz kam, der zum Lagerplatz geeignet erschien. Er lag unter den ersten Felsenwänden, war von großen Blöcken bestreut, dazwischen mit Rasen bewachsen. Weide war also da, Wasser auch, nur Holz fehlte, da er weit über der Baumgrenze lag. Die notwendige Winddeckung war durch einen mächtigen Felsen mit steilem Abfall gegeben. Wir bestimmten später die Meereshöhe des Lagerplatzes auf 1950 m.

Es dauerte lange, bis meine Truppe nachkam; am letzten Rastplatz hatte sich ein Unfall ereignet. Die erschöpften Mannschaften hatten nicht genügend auf die Pferde geachtet und so hatte mein Wachtmeister einen Huftritt an den Kopf erwischt, als er schlafend am Boden lag. Zum Glück hatten wir gerade an diesem Tag einen Arzt bei uns, der uns bis ins erste Lager begleiten wollte. Der hatte den Verletzten verbunden und nahm ihn am nächsten Tag wieder mit nach Üsküb zurück.

Wir aber schlugen vor Abend noch unsere Zelte auf; wir schmiegten sie möglichst tief in die Mulden vor den Felsen hinein, um vor dem vom Berg herunterfegenden Wind geschützt zu sein. Direkt über uns dehnten sich Grashalden in einen Halbkreis von Felsen hinein, deren oberer Rand von einem langen, schmalenSchneefeld eingefaßt wurde. Eine prachtvolle Mondnacht folgte dem anstrengenden Tag. Wir waren alle zu sehr ermüdet, als daß wir sie genießen konnten. Zudem trieb ein kalter Wind uns in die Zelte und unter die warmen Decken.

Am nächsten Morgen machte ich mich zeitig auf, um womöglich die so viel angezweifelten Seen aufzufinden. Steil die Talmulde hinauf ging es durch sumpfiges Gelände zwischen Felsen in der Richtung auf das Schneeband. Ein noch kälterer Wind als gestern abend wehte von oben herunter uns entgegen und versprach wenig Gutes für die nächsten Tage.

Abb. 193. Lager am Pepelakkar.

Abb. 193. Lager am Pepelakkar.

Kaum dreiviertel Stunden hatte ich anzusteigen, da stand ich vor den Seen. Es waren zwei kleine Wasseransammlungen, kaum 1-2 m tief, mit klarem Wasser; der Boden war von Steinen bedeckt. Grün schimmerten sie aus dem weißgrauen Gestein heraus, wenn man aus der Höhe auf sie hinabblickte. Ein Damm aus Felsentrümmern und Geröll trennte sie von dem Abhang der Talmulde.

Das klare, kalte Wasser enthielt eine spärliche Tierwelt: Larven derChirocephalus-Art, welche wir einige Tage späterweiter unten im Begovatal im erwachsenen Zustand fanden, Wasserkäfer, oligochäte Würmer und sonst sehr wenig Getier. Es waren diese kleinen Wasseransammlungen eine rechte Enttäuschung. Wir hatten nach den Karten etwas Größeres und Interessanteres erwartet. Die Wasserkäfer warenDytisciden, unserm Gelbrand verwandt, aber kleinere Arten. Zwei Arten fanden sich in dem kalten Wasser,Gaurodytes solieriAubé, eine alpine Art, undGaurodytes nitidusF. Auch eine Wasserwanze (Corixa Sahlbergi(?)) wurde dort gefangen.

Hinter den Seen stieg der Berg schroff zum Schneeband hinan; eine mächtige Schutthalde füllte den Raum zwischen scharfen Felsenrippen aus. Das Schneeband war kaum 50 m breit; an den Schnee schloß sich noch eine steile Halde an, die bis zum Bergkamm reichte, der über die drei Gipfel desPepelakhinstrich. Das Gestein des Berges, wie der Ufer der Seen warGneis. Das herabfließende Schmelzwasser füllte die Seen. Von ihnen floß es in einigen Rinnsalen ab, welche in kleinen Wasserfällen talab strebten. Die Seen lagen auf einer Meereshöhe von 2100 m.

Die Pepelakseen sind typische Karseen. Hinter ihnen steigen die Berge steil an; vor ihnen liegt eine Moräne von 6-7 m Höhe. Unser Geologe Dr.Grippstellte fest, daß in der Moräne seitlich des Abflusses Kuppen aus Granatglimmerschiefer aufragen, welche zu Rundhöckern abgeschliffen sind und deutliche Gletscherschrammen aufweisen. Er fand etwa 25 m höher die Reste eines zweiten Kars mit einer etwa 150 m langen Moräne von durchschnittlich 7 m Höhe. Diese kleinen zwei Kare liegen in der Rückwand eines viel größeren Kars, das den ganzen Bogen zwischen den Gipfeln Pepelak-Nord und Pepelak-Süd umfaßt. Als Reste des einstigen Karsees finden sich in 2020 m Höhe zwei durch einige Felskuppen getrennte Moorbecken. Am Gestein am Rande dieses Karbodens sind ebenfalls Rundhöcker nachzuweisen.

So waren denn die AnnahmenÖstreichs, der schon vor 20 Jahren Spuren einer einstmaligen stärkeren Vereisung erwähnt hatte, bestätigt. In den nächsten Tagen sollten wir viel großartigere Eiszeitspuren auffinden.

Beide Seen sind miteinander durch einige Rinnsale verbunden, der nördliche liegt ein klein wenig höher als der südliche, so daß das Wasser von ersterem zu letzterem abfließt. Aus dem südlichen See fließt der Bach ab, an dem wir unser Lager aufgeschlagenhatten, und an welchem ich am Abend des vorigen Tages entlang geritten war. Er hatte also nichts mit dem Markovabach zu tun. Er heißt bei den Bewohnern des GebirgesJezero Reka, also Seebach und mündet beiAldincein die Kadina Reka, welche selbst ein Nebenflüßchen des Wardar ist.

Abb. 194. Pepelakseen, vom Schneeband aus gesehen.

Abb. 194. Pepelakseen, vom Schneeband aus gesehen.

Als ich von den Seen zum Lager wieder abstieg, kam ich zwischen den Wasserfällen in ein Gebiet, welches von einer wundervollen Fülle vonAlpenpflanzenüberwachsen war. Zwischen den Steinen drängten sich üppige Büsche der Alpenrose, deren rote Blüten sich von den Steinen und dem dunklen Laub reizvoll abhoben (Rhododendron myrtifoliumSchott und Kotchy). Die schönen Sterne derAnemone narcissifloraundnemoralisL. wetteiferten mit demRanunculus nivalisund den grellenGeum-Arten (montanumL.,molleV. B. undcoccineumF.). Veilchen (Viola GriesebachianaVis) standen nebenPedicularis limnogena, dazu kamen Primeln (Primula intricata), ein roter Steinbrech neben weißen und prachtvollen großen Enzianen (Gentiana cruciataL.). Kleine Büsche vonSalix polaris, einer Zwergweide, wuchsen dicht am Wasser. An den moosigen Stellen sah man die feinen Glöckchen einerSoldanelle(S. pindicolaHauskn). Wo der Boden etwas moorig wurde, sproßte ein charakteristisches Sumpfmoos, eineSphagnum-Art, welche Gattung damit zum erstenmal auf dem Balkan nachgewiesen wurde. Etwas weiter bergab, vor allem an den Waldrändern, stand in voller Farbenpracht in großen Mengen eine schöne, leuchtend gelbe Akelei (Aquilegia aureaJanka). Neben den Alpenrosen wuchs der Türkenbund in großen, blühenden Büschen (Lilium martagonL.).

Am selben Tag wurde noch ein Erkundungsmarsch auf den Kamm des Pepelak unternommen, über dessen drei Gipfel und auf die Hochfläche fortgesetzt, die sich südlich des Kammes hinzog, um einen Plan für die Fortsetzung der Expedition gleich ins Auge fassen zu können. Schon beim Anmarsch waren die drei dunklen Spitzen über dem weiß leuchtenden Schneefeld als charakteristisches Merkmal des Pepelak erschienen. Beim Anstieg sah man nun, daß ein südlicher Gipfel näher am mittleren lag, während der nördliche in größerer Entfernung einsam aufragte. Ich kletterte die Felsen hinauf und umging das Schneeband im Süden. So kam ich zuerst auf den südlichen Pepelakgipfel. An seinem steinigen Abhang fand sich wieder eine artenreiche alpine Flora. Wenn der Wind ruhte, so summten um die farbenprächtigen Blumen allerhand Insekten, darunter zahlreiche Hummeln. Zwischen ihnen schwirrten Exemplare eines dem Taubenschwanz ähnlichen Schmetterlings (Hemaris scabiosae). Kleine dunkle Motten flogen vor unseren Tritten auf, um sich schnell wieder zu setzen. Unter den Steinen waren zahlreiche Käfer zu finden.

BLICK ÜBERPEPELAKSÜD ZUR BEGOVA UND SOLUNSKA.

BLICK ÜBERPEPELAKSÜD ZUR BEGOVA UND SOLUNSKA.

Als wir am Gipfel in warmer Sonne saßen, umschwärmten uns zahlreiche Tagschmetterlinge, vorwiegend die gewöhnlichenVanessa-Arten, die bei dem starken Wind sehr schwer zu fangen waren. Es war die übliche Gipfelversammlung, die wir schon öfter erwähnt haben.

Während wir die Fernblicke genossen und uns in der Gegend orientierten, wurden die Instrumente abgelesen und die notwendigen Aufnahmen gemacht. Wir bestimmten die Höhe des südlichen Pepelakgipfels auf 2290 m.

Vor uns lag ein wundervolles Gebirgsbild. Zu unseren Füßen fielen die Felsen steil ab zu den Matten, kleine Schneefelder waren überall noch zu sehen. Direkt nach Süden zog ein flaches Hochtal, das abgegrenzt wurde durch eine Kette hoher Marmorberge mit weißblinkenden Flanken. Kahle, wilde Felsengebiete taten sich da vor uns auf; nur hier und da sah man kleine Rasenflächen, sonst war die Pflanzenwelt sehr spärlich. Ganz im Süden erhob sich in zarter Bläue ein Berg von schönen Umrissen, eine mächtige Pyramide, die ein gut Stück höher sein mußte als unser Standpunkt. Es war dieSolunska, die eines unserer nächsten Ziele werden sollte.

Wir wanderten in den Nachmittagsstunden noch über den Kamm, am Hang des mittleren Gipfels entlang zum Nordgipfel, der etwas höher ist als der Südgipfel; er mißt 2300 m. Das weißgraue Gestein um uns herum war Glimmerschiefer, meist Granatglimmerschiefer.

Auch hier um uns nur Steine und kleinere und größere Grasflächen! Westlich des Pepelakkammes zieht sich ein welliges Hochgebiet hin, welches von den nachher zu beschreibenden Kalkbergen abgegrenzt wird. Ich bestieg einen der westlich vom Pepelak-Nordgipfel gelegenen Kalkberge, der noch etwas höher war als jener, nämlich 2315 m.

Ungefähr an dessen Flanke zog sich die Grenze der Urgesteinszone gegen das Kalkgebiet hin; an der Nordseite der Kalkhöhe zog sich eine tiefe Schlucht hinab, deren Anfang von einer mächtigen Schutthalde gebildet wurde. Die linke Seite war eine steile Wand, an deren unterem Ende mehrere große Schneefelder lagen. An deren Rändern flogen eigenartige dunkle Schmetterlinge, eineNoctuide, die uns ein Eiszeitrelikt zu sein schien.

Tatsächlich stellte sich das Tier als die EuleAnarta melanopaThnbg. var.rupestralisHb. heraus, welche aus den Alpen undvom Gran Sasso in Süditalien bisher in besonderen Formen bekannt ist, während die Stammform in Lappland, Labrador und auf den Shetlandinseln vorkommt. So stimmt das Vorkommen dieses Schmetterlinges gut zu den sonstigen Eiszeitspuren, welche wir im Gebiet fanden.

Abb. 195. Rand des Kalkgebirges der Karaschiza westlich vom Pepelak. Flugstelle von Anarta.

Abb. 195. Rand des Kalkgebirges der Karaschiza westlich vom Pepelak. Flugstelle von Anarta.

Nach den Feststellungen unseres Geologen Dr.Grippstellt der Pepelak mit seinen drei Gipfeln das Nordende eines schmalen Bergzuges dar, der von Nordwesten nach Südosten verläuft. Er erstreckt sich bis nahe an das Dorf Jabolcista hin und zeigt nur eine Unterbrechung, welche vonÖstreichals Salakova-Senke bezeichnet wurde. In seinem Verlauf bildet der Höhenzug eine bemerkenswerte Grenze zwischen zwei ganz verschiedenartigen Landschaftstypen. Östlich von dem Bergzug streichen fünf einander parallele Bergrücken von Südwesten nach Nordosten; sie enden alle an ihrem nordöstlichen Ende in Gestalt rundlicher Bergkuppen, deren Höhe jeweils von Norden nach Süden geringer wird.

Abb. 196.Anarta melanopaThnbg. var.rupestralisHb. Als Eiszeitrelikt im mazedonischen Gebirge erhalten.

Abb. 196.Anarta melanopaThnbg. var.rupestralisHb. Als Eiszeitrelikt im mazedonischen Gebirge erhalten.

Als Namen dieser Bergzüge wurden Herrn Dr.Grippvon den Einwohnern des Dorfes Jabolcista angegeben: Salakova, Schachkaviza, Eilagiza und Jurudschiza. Etwas höher als diese ist die quer vor ihnen liegende Mumjitza, auf der zahlreiche Felsklippen aufragen. Sie fällt steil nach Westen zur oberen Kadina Reka ab, während sie auf der Ostseite in einen sanften Abhang übergeht. Alle diese Berge zeigen mattenbedeckte breite Rücken, während steilere Hänge dichten, grünen Buchenwald tragen. Zwischen dem Südende der Mumjitza und dem südöstlich von ihr gelegenen Berg Liseč, den wir von unserem dritten Lager mehr aus der Nähe sehen konnten, ragten zwei schmale, parallele Höhenzüge empor; der näher gelegene, genannt Szriba(i)tschan erreicht die Höhe von 1805 m, während die zwischen ihm und dem Liseč hinziehende zweite Kette, deren Namen wir in dem öden menschenarmen Gebiet nicht erfahren konnten, noch höher ist.

Abb. 197. Endmoräne des Gletschers im Wannental. Golesniza Planina.

Abb. 197. Endmoräne des Gletschers im Wannental. Golesniza Planina.

Dr.Grippbeobachtete in diesem Gebiet nur Gneise. Dieser einheitlichen Gesteinszusammensetzung schreibt er die gleichmäßige Oberflächengestaltung des Gebietes zu. Angelagert an diese Gneise fand er eine Hülle von Glimmerschiefer, zum Teil Granatglimmerschiefer, aus der auch der größte Teil des Pepelak und des Höhenzugeszusammengesetzt ist, der sich vom Pepelak bis Jabolcista erstreckt.

Ganz anders als diese milden, gleichartigen Berge sehen die Gebirgszüge aus, welche westlich von diesem Glimmerschiefergebirge liegen. Es ist das weiße, kahle, baumlose und überhaupt vegetationsarme Gebiet, welches ich oben schon erwähnte. Wir alle, welche die Gebirge der Gegend von Triest, von Istrien oder der Herzegowina kannten, wurden durch seinen Anblick an denKarsterinnert. Unser Geologe bestätigte uns die Richtigkeit dieser Annahme. Es war ein typisches Kalkgebirge; die Gesteine, die es zusammensetzten, waren nur Marmor und Dolomit. Und überall traten uns die typischen Karstphänomene entgegen, welche für Gebirge vom Bau des Karstes in aller Welt charakteristisch sind und den Namen dieses südkrainischen und küstenländischen Gebirges zu einem geologischen Fachausdruck gemacht haben.

Dr. Gripp phot.Abb. 198. Doline bei Lager 2 im Golesnizagebirge.

Dr. Gripp phot.Abb. 198. Doline bei Lager 2 im Golesnizagebirge.

Dr. Gripp phot.

Abb. 198. Doline bei Lager 2 im Golesnizagebirge.

Vor allem war die Wasserarmut dieser Berge auffällig. Streifte man durch diese weißen, plattigen Gesteine, dann mußte man seine Feldflasche wohlgefüllt mitnehmen. Denn auf Quellen konnte man nicht rechnen. Die Täler und Schluchten waren trocken und keine munteren Bäche durchströmten sie. Wo Schmelzwasservon den Schneefeldern herabfloß, versickerte es bald im Boden oder verschwand in unterirdischen Spalten. Die Täler waren sämtlich abflußlos. Die für den Karst so bezeichnendenDolinenwaren überall in großen und kleinen Ausmaßen anzutreffen. Es sind das Einsturztrichter, welche dadurch entstanden sind, daß unterirdische Höhlen durch Auslaugung der Felsen sich bildeten, in welche später die Felsendecke einstürzte. Solche riesigen Dolinen wie im adriatischen Gebiet, in denen große Felder und Gärten, ja ganze Dörfer liegen können, fanden wir allerdings hier im Hochgebirge nicht. Karstphänomene werden wir weitere zu erwähnen haben, wenn uns die Beschreibung der weiteren, von uns durchforschten Strecken der Golesniza Planina dazu führt.

Besonders interessant für den Geologen waren die Beobachtungen einer Auflagerung von mehreren hundert Metern mächtigen Marmormassen auf dem kristallinen Schiefer. An zwei Stellen konnten solche Überlagerungen beobachtet werden; in beiden Fällen lagerten helle Kalke und Kalke mit Glimmer, die unter 50-70° nach Südwesten einfielen, über den kristallinen Schiefern, und zwar ohne jede Transgressionsmerkmale zu zeigen. Die Kalke gingen nach oben bald in graue Dolomite und hellen Marmor über. Im Patiskatale fand Dr.Grippeine linsenförmige Scholle von Gneis von einer Länge von 8-10 m in den untersten Lagen der Kalke.

Interessanter und auffälliger waren uns anderen Naturforschern die Spuren einer einstigen starken Vereisung der Gebirge, welche Dr.Grippeifrig untersuchte und abends im Lager, wenn wir schmausend vor unseren Zelten saßen, hörten alle gern zu, wenn er von seinen Beobachtungen erzählte.

Die Resultate im Gebiet der Karseen des Pepelak haben wir oben schon zusammengefaßt. Vor dem Karstgebiet zeigten sich im Gebiet des Gneisgebirges viele Spuren der Gletschertätigkeit, die sehr auffällig waren. Südlich vom Pepelakkar fand sich am Osthang des Glimmerschieferzuges in 1990 m Meereshöhe ein weiteres Kar. Etwas südlich von diesem lagen auf dem Glimmerschiefer 80 Marmorblöcke von verschiedener Größe, dem Gestein nach vollkommen den anstehenden Gesteinen im westlich liegenden Karstgebirge entsprechend. Daran anschließend am Westhang der Höhe sind Rundhöcker zu finden, auf denen verstreut gerundete Marmorblöcke umherliegen. Wir können daraus schließen, daß in das Tal zwischen dem Glimmerschiefergebirge und dem Karst einGletscher sich ausdehnte, der bei 2040 m Höhe das Tal ausfüllte. Es muß ein prachtvoller großer Gletscher gewesen sein, dessen Eis hier hinabfloß. Kein anderes Transportmittel wäre fähig gewesen, die mächtigen Marmorblöcke und Kalkfelsen aus dem Karstgebiet weit in das Gneisgebiet hinein zu verschleppen. Im Tal selbst lagen in 1945 und 1990 m Höhe noch zwei mächtige Moränen aus Marmorgeschieben, von denen die obere 3 m hoch und 50 m lang, die untere 15 m hoch und 120 m lang ist. Im Grunde des Zungenbeckens der oberen Moräne gibt es mehrere Dolinen. Unterhalb der tieferen Moräne liegt eine steile Marmorwand, an deren Fuß eine Quelle entspringt (ÖstreichsSalakova-Quelle). Ihr Abfluß, dem zwei kleine Bäche seitlich zufließen, durchbricht in der Salakova-Senke die Glimmerschieferkette und fließt steil bergab zur Kadina Reka.

Nach Süden schließt sich westlich vom Glimmerschieferzug das vonÖstreichso benannte Wannental an; in Wahrheit handelt es sich um zwei größere, abflußlose Täler. Sie führen Bäche, deren Wasser vom Glimmerschiefergebirge kommt und welche jetzt verstärkt durch die Schneeschmelzwasser des Frühlings noch im Tal in Dolinen verschwanden.

Am Abend unseres ersten Tages im Pepelaklager erlebten wir einen starken Barometersturz, ein kalter Regen trieb uns in unsere Zelte, die Temperatur sank auf 6° C. Nebelschwaden zogen das Tal herauf und hüllten unser Lager vollständig ein. Eine kurze Aufklarung ermöglichte uns wenigstens abzukochen. Nachts aber kam wieder Regen, dem ein schweres Gewitter und schlimme Kälte folgten. Das schlechte Wetter hielt den ganzen nächsten Tag an, gegen Abend schneite es sogar; das dauerte die Nacht hindurch an. Gegen Morgen trat sogar Frost ein, wir hatten -4° C, morgens im Zelt noch -1,5° C; die Erde war stark gefroren, der Schnee war nicht liegengeblieben, aber Wiesen und Felsen waren stark bereift. Und das widerfuhr uns während des subtropischen Sommers Mazedoniens in der Nacht zum längsten Tag des Jahres.

Der Tag wurde trotzdem gut ausgenützt, obwohl es unmöglich war, in dem immer wieder aufziehenden dichten Nebel sich weit vom Lager zu entfernen. Der Botaniker kam immerhin zu seinem Rechte. An den zahlreichen Wasserläufen, welche den Berg herabliefen, standen neben farbenprächtigen Polstern von Läusekraut (Pedicularis limnogenaGris.), die goldenen Sträuße der Sumpfdotterblume;dazwischen bogen sich im Wind die Stengel der rotenBachnelke(Geum coccineumS. S.). DieBachnelkenwaren hier im Kar sehr häufig, und zwar kamen vier Arten vor (Geum montanumL.,G. molleV. B.,G. urbanumL. und das rotblühendeGeum coccineumL. L.). Prof.Bornmüllerbenützte die Zeit, um nach Bastarten zwischen diesen nahe verwandten Arten zu suchen und er fand tatsächlich solche auffallend häufig. So waren zahlreich Bastarte voncoccineumundmontanum, ebenso vonurbanumundcoccineum, dagegen sehr selten solche vonmolleundcoccineum.

Selbst für den Zoologen gab es trotz Regen, Nebel und Kälte manches zu beobachten. Um die Zelte trieben sich zahlreiche Wasserpieper (Anthus spinolettaL.) herum, Braunkehlchen (Saxicola rubetraL.) schwirrten in den Felsen oberhalb des Lagers, Feldlerchen und Ohrenlerchen gab es auch. Das schlechte Wetter zwang einen Steinadler und einen Lämmergeier nebst einem Schwarm Alpendohlen zu einem flüchtigen Besuch in unseren Tiefen.

Ja ich konnte hier sogar zwischen den Bächen eine ganze Anzahl von Ameisenhaufen entdecken. Es war eineFormica-Art (Serviformica fuscaL.), welche in dieser Bergeshöhe zwischen den Polstern einer hier häufigen Wachholderart (Juniperus nanaWill.) regelrechte Haufen hauptsächlich aus Wachholdernadeln gebaut hatte. An dem kalten Tag waren die Tiere alle tief im Bau verkrochen.

Am nächsten Morgen überraschte uns klarer Himmel in unserer Höhe, während die Täler, so auch das Wardartal, tief unten im Nebel steckten. Wasser und Schwämme waren selbst im Zelt gefroren, die Zeltbahnen hart und steif. Die kurze Stunde Sonnenschein half uns unsere Sachen annähernd trocknen, unsere Waschung im Bachwasser vollbringen. Wir brachten diesen Tag noch in der Umgebung des Lagers zu, die verschiedenen begonnenen Untersuchungen fortsetzend. Nachmittags stieg ich einige Kilometer bergab, um die Buchenwaldregion am Sattel, welche wir beim Aufstieg rasch durchschritten hatten, noch einmal zu durchstreifen. In dem schönen, lichten Buchenbestand war ein reiches Vogelleben. Vor allem wimmelte es von kleinen Singvögeln, von denen Kleiber, die beim Nestbau waren, Baumläufer, Zaunkönige, Drosseln und Waldlaubsänger beobachtet wurden.

Vor uns lag, blau hinter dem Buchenwald sich erhebend, der schön umrissene Berg Liseč, hinter welchem die Berge des Wardartals um Veles und die jenseitigen Gebirge auftauchten.

Am nächsten Morgen, am 24. Juni, hatte schöner Sonnenschein uns begrüßt, nachdem wir noch beim Sternenschein begonnen hatten, die Zelte abzuschlagen und die Tragtiere zu bepacken. Aber noch ehe wir losritten, erhob sich ein starker, kalter Wind, schwere Wolken zogen von Westen heran. Trotzdem setzten wir uns in Bewegung und erklommen die Hänge des Pepelakkargebiets. Südlich des Südgipfels wollten wir den Sattel überschreiten, um in das längs der Karstberge hinziehende Tal zu gelangen.

Abb. 199. Meine Karawane am Pepelaksattel.

Abb. 199. Meine Karawane am Pepelaksattel.

Oben auf dem Sattel überfiel meine Karawane ein gewaltiger Sturm; die Stöße des Westwindes brachten Menschen und Pferde aus dem Gleichgewicht. Es war kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Dabei war es bitter kalt, daß die Hände einem am Zügel erstarrten. Plötzlich entriß mir, der ich auf alle Menschen und Tiere aufpassen mußte und darum auch auf mich selber am wenigsten achten konnte, ein Windstoß meine Militärmütze und trug sie über das Schneefeld im Nu kilometerweit zu den Seen und über sie hinweg. Sie war dahin und die Reise mußte ohne Mütze fortgesetzt werden.

Zum Glück kamen wir bald über den Sattel und ritten abwärts in das Tal, welches sich am Fuß der Marmorberge hinzog. Trotzdem kamen wir noch nicht in Winddeckung und alle Mitglieder der Expedition litten an diesem Tage sehr durch den eiskalten Wind.

Ganz einsam und menschenleer war hier das Gebirge auf beiden Seiten des Tales. In den letzten Tagen hatten wir keine Hütte und keine menschliche Siedelung angetroffen. Nordwärts vom Pepelak hatten wir einige Hirten mit ihren Herden in der Ferne gesehen. In der Tiefe hatten wir Dörfer bemerkt und mit einem von ihnen waren wir auch in Beziehungen getreten. Und so sollte es noch für einige Tage weiter gehen.

Es war ein wasserloses Tal, welches wir nun zu durchreiten hatten. Schroff und kahl stiegen zu unserer Rechten die Karstberge auf, eine lange Kette von Gipfeln, an deren Südostecke ein Doppelkegelberg mit schönen Umrissen emporragte, der höchste Gipfel des ganzen Gebirges, der für die nächsten Tage unser wichtigstes Ziel war. Diesen Berg hatÖstreichwohl als erster Forscher 1899 bestiegen und nannte ihnBegova.Cvijićgibt ihm den NamenJakupiza; den kannte aber keiner der Einwohner, die wir in diesen Tagen befragten. Die österreichische Karte 1: 200000 bezeichnet die beiden Gipfel alsSolunskaundBegova. Diese beiden Namen wurden uns bestätigt, wobei allerdings der NameBegovaauch auf das weitere Gelände ringsum bezogen wurde und ja weiter nichts bedeutet als der Besitz des Beg.

Die Rast bei der von Dr.Grippuntersuchten Moräne war wenig erfreulich; denn keiner von uns fand Deckung vor dem kalten Winde, der durch das Tal fegte. So ritt ich bald mit Dr.Grippvoraus, um zu versuchen, rechtzeitig einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Der Ritt führte über die zweite Moräne, dann links über einen Hang hinauf durch den letzten Teil des Wannentals. Hier sahen wir an vielen Stellen die Zeugen der Arbeit des Gletschereises in den gewaltigen Marmorblöcken, die oft über 40 m über der Talsohle auf dem Gneis lagen.

Nun ging es hinab und auf eine weite Fläche hinaus, an deren gegenüberliegendem Rand Nadelgehölz uns eine geeignete Lagerstätte zu versprechen schien. Seit Tagen schien zum ersten Male wieder ein Waldbestand uns zu winken. Die hohen Gipfel, vor allem dieSolunska, waren hier durch vorragende Berge der Kalkkette verdeckt; aber weit die Vorberge hinauf sah man denNadelholzbestand reichen, der der Landschaft einen ganz anderen Charakter gab, als ihn die öden Wiesen- und Steinregionen besaßen, die wir zu verlassen im Begriff waren.

Unsere Pferde griffen auf dem weichen Wiesenboden flott aus. Es war eine noch magere Wiese, über welche wir ritten, man sah ihr an, daß der Schnee noch nicht lange von ihr abgeschmolzen war. In munterem Ritt ging es über eine weite, flache, von Bächen durchzogene Talebene, an derem jenseitigen Rand neue Berge aufragten, an die im Südostwinkel die hohen Berge sich anschlossen, die allmählich frei wurden und in einem kühlen Nachmittagslicht vom trüben Himmel sich abhoben.

Wieder packte uns der Wind an und wir suchten wieder Winddeckung für unser Lager, die wir schließlich am Südrand des Tales auf einem Felsen fanden, hinter welchem dicht anschließend das Nadelholz anfing, zu unserem Erstaunen Legföhren,Latschen, die mich höchst heimatlich anmuteten.

Vor dem Felsen stand eine zeltförmige kleine Hütte aus Reisigholz; sie wurde von unseren bulgarischen Soldaten und den Tragtierführern freudig begrüßt. So winkte ihnen doch die Aussicht, einige Nächte unter Dach zuzubringen, wenn dies Dach auch nicht übermäßig fest und dicht war. Wir schlugen unsere Zelte etwas oberhalb der Hütte auf der Felsplatte auf und bald rauchten die Lagerfeuer, so daß man hoffen durfte, vor der Nacht durch warme Nahrung die durchfrorenen Körper etwas zu erholen.

Holz gab es genug in der Nähe, denn die ganzen Hänge waren von dem Krummholz bedeckt, dessen dunkelgrüne Nadeln einen neuen erfreulichen Farbton in die Landschaft brachten. Dicht bei unseren Zelten begannen die Latschenbestände und zogen sich auf allen Hängen weit hinauf. Es waren stattliche Büsche, oft fast baumartig emporragend. Mit ihren liegenden Ästen und oft hervorragenden Wurzeln erschwerten sie das Steigen sehr. Die Latschen hatten lange, weiche Nadeln von dunkelblaugrüner Farbe. Die Bestände waren durch diese blaugrüne Färbung außerordentlich charakteristisch und beherrschten durch diesen Farbton vielfach die Stimmung der vorherrschend düsteren Landschaften im Solunskagebiet. Es warPinus montanaMill.,Sbsp. mughusScop.

In unserer Nähe war der Legföhrenbestand immerhin etwas gelichtet; verbrannte Stellen zeigten uns, wie unvorsichtig und nachlässig die Bevölkerung auch hier mit dem kostbaren Holz umgegangen war. Die kleine Hütte war von Köhlern errichtetworden, welche offenbar regelmäßig im Hochsommer einige Monate zum Kohlenbrennen hier verbringen. Im Krummholzwald zeigten auf zahlreichen Lichtungen die Reste von Kohlenmeilern, daß hier eifrig gearbeitet worden war. Aus manchen Meilern konnten wir uns noch erhebliche Mengen Holzkohlen herausholen, die unsere Feuer nachhaltig machten, und uns erlaubten, um sie herum hockend, uns ordentlich anzuwärmen.

Während die Zelte aufgeschlagen und gekocht wurde, hatten wir Naturforscher Zeit, uns an unserer neuen Arbeitsstätte umzusehen. Es war eine großartige Landschaft, die sich um uns ausbreitete. Vor uns lag eine weite, grasbewachsene Ebene, durch welche mehrere Bachläufe sich verzweigten. Direkt unseren Zelten gegenüber, also nördlich von ihnen, zog sich von West nach Ost eine Hügelkette hin, welche dem Gneisgebiet angehörte und dies durch ihre graue Färbung erkennen ließ. Sie setzte die Begrenzung des Wannentals fort, das gleichsam durch eine Pforte sich in das weite Tal öffnete. Westlich zogen die hellen Karstberge heran und grenzten mit ihren weißen Wänden das Tal ab, sich fortsetzend in die stattlichen Gipfel derBegovaundSolunska. Diese prachtvollen Berge erhoben sich steil etwas rechts hinter unserem Lager; wir brauchten nur einige hundert Meter in die Ebene hinauszuwandern, um einen grandiosen Anblick zu genießen. Von der Abendsonne rosig überhaucht hoben sich die mächtigen Kalkhalden aus dem dunklen Polster der Latschen, welche auf dieser Talseite überall hoch die Hänge hinaufstiegen. Tiefe, blaue Schatten hoben die zerrissenen Wände der beiden Kegel scharf hervor.

Der Blick nach Norden und Osten war weniger großartig; ziehende Wolkenschwaden verhüllten meist die Aussicht. Immerhin war diese sehr interessant. Der Grund des weiten Tals war wellig und zum Teil mit Rasen bedeckt. Zahlreiche Rinnen durchzogen ihn, von Bächen und den von allen Höhen niederrauschenden Schneeschmelzwässern gebildet. Auf den ersten Blick mußte man an einen ausgetrockneten Seeboden denken, eine Meinung, die tatsächlich vonÖstreichausgesprochen wurde. Das ganze Tal gehörte dem Karstgebiet an und als interessante Karsterscheinung konnten wir zwei von West und Nord zuströmende Bäche feststellen, welche in der Mitte der Talebene beide gemeinsam plötzlich im Boden verschwanden. Beide Bäche strömten hier in eine tiefeDoline; ihr Wasser wurde vom Boden verschluckt, um irgendwo weit bergab aus einer Felsspalte wieder zum Vorschein zu kommen.

Das Tal wies auch die Spuren einer einstigenVergletscherungauf. Am Ostrande war es eng geschlossen und setzte sich in eine trockene Schlucht fort, welche durch Moränen gesperrt war und an ihren Rändern Marmorblöcke auf dem Gneis trug, die Verlauf und Mächtigkeit des einstigen Gletschers anzeigten.


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