SIEBENTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

FAHRT INS GEBIET DER MALA RUPA.

Von meinem StandquartierKaluckovaaus hatte ich oft meine Blicke sehnsüchtig nach den blauen Bergen schweifen lassen, die westlich über dem Wardar in weiter Ferne zart und duftig aufragten. Vor allem im Monat Mai boten ihre schneebedeckten Gipfel einen eigenartigen Kontrast zur farbigen Üppigkeit des Vordergrundes dar. Grün leuchtete die Wardarebene vor den Hügeln, die Kaluckova umgaben, die Bäume blühten, bunte Blumen bedeckten die Wiesen. Jenseits des Wardar erhoben sich bebuschte Hügel, die allmählich in höhere bewaldete Berge übergingen, welche von der Bevölkerung alsMarianska Planinabezeichnet wurden. Mehrere Ketten zogen hintereinander, immer höher aufsteigend und entwickelten vor allem in der Zeit des Sonnenuntergangs alle Abstufungen blauer und violetter Töne. Hinter ihnen erhoben sich in phantastischer Klarheit die höchsten, schön geformten Pyramiden der Schneeberge mit ihren weißen Flanken und dem strahlenden Blau der Schatten ihrer Schluchten.

Der Schnee war schon bis auf kleine Reste weggeschmolzen, als es endlich gelang, die Fahrt ins Gebirge zu unternehmen. Auf der Karte war der Gebirgsstock alsDudicabezeichnet und von unseren Truppen wurde besonders die Berggruppe derMala Rupaoft genannt, auf der sich Stellungen befanden. Allerhand merkwürdiges wurde von diesen Bergen berichtet und so waren meine Erwartungen aufs höchste gespannt.

Bei den bescheidenen Hilfsmitteln, welche mir damals in den ersten Monaten meines mazedonischen Aufenthaltes zur Verfügung standen, konnte keine größere Expedition geplant werden. Ich mußte sehen, wie ich mit meinen beiden Begleitern, Prof.Müllerund SammlerRangnowirgendwie an die Berge herankam. Das Weitere würde sich dann schon finden.

Da bot die Freundschaft des FliegerhauptmannsArndteine besonders günstige Möglichkeit. Er stellte mir für einige Tage seinen Kraftwagen mit den Fahrern zur Verfügung und so konnteich mir vornehmen, in einem halben Tag nach dem DorfKoinskozu gelangen, welches am Fuße derMala Rupaliegt. Dort hielt sich in militärischer Dienststellung um jene Zeit Prof.Leonhard Schultze-Jenaauf, der bekannte Geograph, der mir bei meinen Plänen behilflich sein wollte.

Abb. 52. Kartenskizze von Südostmazedonien. Südliches Wardartal, Ebene von Hudova, Doiransee.

Abb. 52. Kartenskizze von Südostmazedonien. Südliches Wardartal, Ebene von Hudova, Doiransee.

Manches kam anders als ich gedacht hatte. Um ½ 4 Uhr nachmittags, am 17. Juli 1917, fuhren wir nach manchen Verzögerungen im Auto in flottem Tempo von Kaluckova ab. Wir bogen südwärts ins Wardartal ein; kaum hatten wir einige Kilometer zurückgelegt, als mit lautem Knall ein Reif platzte; die erste Panne! Nach kurzem Aufenthalt ging die Fahrt weiter.Die zweite Panne kam im Wardartal beiSmokwiza, die dritte und ernsthafteste imMühlbachtalbeiNegorci.

Immerhin gingen die Aufenthalte nicht ungenützt vorbei. Wir fuhren zuerst durch die Hudovaebene auf dem linken Wardarufer, kamen dicht bei dem Lazarett Mravinca vorbei und überschritten auf der Kaiser Wilhelmsbrücke bei Miletkovo den Wardar. Dann ging es in gutem Tempo am rechten Wardarufer über Smokwiza bis Negorci, wo wir das Tal verließen und westwärts einbogen, dem Gebirge entgegen. Wie hatte sich in den letzten Wochen das Wardartal verändert! Vom Frühlingsgrün war nichts mehr zu entdecken. Alles war verbrannt und verdorrt von der Sonnenglut. Wo vor wenigen Wochen zwischen den Stecheichen- und Judendornsträuchern die bunte Pracht der Blüten prangte, da gab es jetzt nur feinen gelben oder grauen Staub. Kaum fand sich hie und da noch eine Spur von verdorrtem Gras. Am traurigsten sah es natürlich in der unmittelbaren Nachbarschaft der belebten Landstraße aus, auf der hier zur Front nachts und frühmorgens viele Kolonnen verkehrten, wo Truppen marschierten und der Nachschub vorgebracht wurde. Denn in diesem Teil des Wardartales bis südlich zur Front bei Gewgeli verkehrte die Bahn nicht, da die ganze Strecke unter dem Feuer der weittragenden Geschütze des Feindes stand. So fuhr nur ein Schienenautomobil nachts südwärts, um wichtige Transporte zu vermitteln. Längs der Straße war alles, Steine, Felsen, Büsche, Häuser, alles, alles von feinem Staub eingepudert und keine andere Farbe als fahles Grau war zu sehen, noch dazu verschleiert durch die Staubwolken, die jeder Mensch, jedes Fahrzeug, jedes Tier, das sich auf der Straße bewegte, aufwirbelte.

Daß die Straße vom Feinde eingesehen wurde und beschossen werden konnte, machte unsere Autopannen nicht allzu behaglich. Immerhin kamen wir gut durch und benutzten den unfreiwilligen Aufenthalt uns jeweils in der Gegend umzusehen. Von der Staubwüste längs der Straße stach die Umgebung der Dörfer freundlich ab, besonders da, wo durch Schöpfräder Wasser aus dem Wardar zugeleitet oder den vom Gebirge dem Fluß zustrebenden Bächen zur Bewässerung der Gärten und Felder entnommen wurde. Obstbäume beschatteten die Häuser; in den Gärten grünte das Gemüse, Tomaten prangten und wetteiferten mit den an den Fenstern hängenden Bündeln von Paprikaschoten in grellstem Rot, Maisfelder waren in voller Üppigkeit, während die anderen Getreidealle schon geerntet waren. Weite Melonenfelder mit den grünen, gelben, roten mächtigen Früchten brachten einen ganz eigenartigen Charakter in die Landschaft. Wie seltsam mußte sich das Leben der wenigen Landeseinwohner in dieser Gegend abspielen in den halbzerstörten Dörfern. Sie hatten unter dem Donner der Geschütze gepflügt und gesät, nun kam auch in diesem Jahre die Ernte, ohne daß der Krieg aufgehört hatte.

Wir fanden trotz des Staubes, besonders am Ufer kleiner Bäche, noch reichlich tierisches Leben. Über dem Wasser schwirrten große Schwärme von Libellen, Bienen und Hummeln kamen zum Trinken und besuchten die Blüten der am Wasser noch gedeihenden Pflanzen. Eidechsen lauerten auf den Steinen auf Beute.

Besonders reich war das Tierleben am Ort unseres letzten Unglücks, das wir mit unserem Auto hatten. Als wir dicht hinter den Stellungen durch das von unseren Soldaten so benannteMühlbachtalfuhren, brach das Auto vollkommen zusammen. Es stand in der grellen Sonne auf einer Stelle der Straße, die, wie die Granattrichter in der Umgebung verrieten, nicht selten beschossen wurde. Während die Fahrer sich quälten, das Fahrzeug wieder in Gang zu bringen, flüchteten wir, die nichts dabei nützen konnten, aus der immer noch glühenden Sonne in den Schatten des einzigen Baumes der Gegend. Es war eine Weide, die von einem kleinen Weidengebüsch umgeben, am Bach sich erhob, neben einer Brücke.

Die Gegend war recht eigenartig. Das ziemlich breite Tal zog an einer Hügelkette entlang, auf welcher die Stellungen unserer Truppen und der Bulgaren eingebaut waren. Unten am Rand der Hügel, dicht am Bach waren teils in den Berg eingefügt, teils an ihm angelehnt die Quartiere der Truppen, die Ställe der Pferde, die Magazine für Proviant und Munition. Im Bach, an erweiterten Stellen, badeten deutsche Soldaten, etwas weiter oben waren Pferde in der Schwemme.

Der Abend sank herab und das Auto war noch nicht wieder heil; ja es war klar, daß es so schnell nicht zu flicken war. Wir mußten nach einer Stelle suchen, von der wir telefonisch um Hilfe rufen, und wo wir die Nacht verbringen konnten. Eine solche war bald gefunden. Nicht weit von der Brücke sahen wir Bauten, welche auf eine deutsche Abteilung schließen ließen, während sonst alles ringsumher sehr bulgarisch aussah.

An den Hängen der Hügelreihe waren tatsächlich die rückwärtigen Stellungen unserer Front eingebaut. Zwischen den Bautensah man überall Stollen und Unterstände, ein Zeichen, daß man hier vor Beschießung nicht vollkommen sicher war. Alle größeren Bauten waren sehr geschickt dem Gelände eingeschmiegt. So sah man ganz oben am Berg, an dessen Rückwand ein villenähnliches Holzhaus, wie wir später erfuhren, die Wohnung des bulgarischen Artilleriekommandeurs.

Wir suchten die deutsche Stellung auf; es war eine Abteilung schwerer Artillerie, deren Offiziere uns sehr freundlich aufnahmen, bewirteten und beherbergten. Unter anregenden Gesprächen verlief der Abend, nachdem telefonisch mir die Nachsendung eines zweiten Autos zugesichert worden war. Es traf noch nachts ein; aber wir mußten den Morgen abwarten, um die Fahrt auf der sehr kühn angelegten, nicht auf Kraftwagenverkehr berechneten Bergstraße riskieren zu können.

Frühmorgens ging es los. Es war die Straße nachHuma, die wir zunächst verfolgten. Sie führte zuerst noch durch das Bachtal, dessen felsiger Südhang weithin noch von den Quartieren bulgarischer Truppen eingenommen war. Es ist eine eigenartige Erinnerung, die ich an diese Fahrt dicht hinter der Front mitgenommen habe. Wie war die ganze Landschaft verändert durch die Bauten des Heeres. Seit 16 Monaten war in jener Zeit die Front in dieser Gegend nicht verschoben worden. So blieb es auch noch ein ganzes Jahr. Wie wurde in dieser Zeit die ganze Erde der Hügel von unseren Truppen durchwühlt; ich wurde unwillkürlich zu einem Vergleich mit den unterirdischen Nestern der Ameisen gedrängt, welche in Massen die gleichen Hänge besiedelten. Überall hatten die Soldaten Felder bestellt, Gärten mit Blumen und Gemüsen bepflanzt, Bewässerungsgräben gezogen. Welche Massen von Brettern und Balken waren in das holzarme Land gebracht worden, um all die Bauten aufzuführen. Es war, als sei ein Volk von lauter Männern im Lande eingewandert, das hier für alle Zeiten zu bleiben glaubte.

Der Weg, eine schmale Straße, auf der das Ausweichen nicht leicht war, führte den klaren Bach entlang, dessen Wasser über Felsen brauste, bald größere, bald kleinere Tümpel bildend, die in ihrem hellen Grün seltsam vom gelbroten Felsen abstachen. Durch tiefe Schluchten mit steilen Felswänden strömten Seitenbäche dem Humabach zu. Das waren wieder die typischen Balkanschluchten, mit ihren malerischen Wirkungen von Licht und Schatten,mit der jetzt im Hochsommer noch üppigen Pflanzenwelt in ihren schattigen Gründen.

Die Straße fing an in Riesenwindungen die Berge hinanzuklimmen, um scharfe Kurven fauchte das Auto bergauf. Von der Straße, die allmählich von dem Wardartal mit weniger als 100 m Meereshöhe auf über 800 m hinanstieg, eröffneten sich reizvolle Blicke auf ein welliges Bergland und tief eingeschnittene Täler, die alle noch von einer schön grünen Vegetation überzogen waren. Von der Paßhöhe sausten wir auf einer nicht minder halsbrecherischen Straße neben tiefen Abgründen durch oft ganz knappe Kurven wieder bergab. Der Blick nach Südwesten, das war die Hauptrichtung unserer Fahrt, nachdem wir die Hauptstraße nachHumaverlassen und die Nebenstraße nachKoinskoeingeschlagen hatten, wurde immer reizvoller.

Burmesterphot.Abb. 53. Gesamtansicht des Mala Rupagebirges aus der Gegend zwischen Huma und Koinsko.

Burmesterphot.Abb. 53. Gesamtansicht des Mala Rupagebirges aus der Gegend zwischen Huma und Koinsko.

Burmesterphot.

Abb. 53. Gesamtansicht des Mala Rupagebirges aus der Gegend zwischen Huma und Koinsko.

Nun tauchten die hellen Felszacken der Mala Rupagruppe auf; die bläulich-weißen Felsmassen hoben sich prachtvoll von den dunklen Flächen der Wälder ab, die wir da oben ahnen durften. Eine gedrängte Gruppe von hohen Gipfeln, die 2000 bis 2400 m erreichen, baute sich immer mächtiger vor uns auf. Es waren große, scharfe Bergformen von schönen Umrissen, dieim Charakter an Voralpen, zum Teil in den Felsenbildungen an Jura erinnerten. Der feine blaue Duft, der die Berge einhüllte, gab einen wirkungsvollen Gegensatz zu dem grünen Vordergrund, durch den unser Wagen sich bewegte.

Je näher wir kamen, umso höher schienen die Berge zu werden, umso deutlicher wurden die hellen Felsen, die sie aufbauten. Man erkannte pyramidenförmige Bergspitzen, die sich immer klarer von ihren Nachbarn abhoben, sah schimmernde Felsenbänder von großer wagerechter Ausdehnung, Felsenabstürze und Klüfte. All das war schön gegliedert durch dunklere Flächen, die sich später in den oberen Zonen als grasbedeckte Matten, in der Mitte als hochstämmige Laubwälder herausstellten.

Wir blieben dauernd in einer beträchtlichen Höhenlage zwischen 600 und 800 m,Koinsko, unser Ziel liegt etwa 600 m hoch. So sahen wir auf unserem Weg die Charakterpflanzen der Ebene mehr und mehr verschwinden. Judendorn (Paliurus) und Stacheleiche wurden immer spärlicher, an ihre Stelle traten Wachholder, Hainbuchen und weichblätterige Eichen. Hier zeigten sich Spuren eines reichen Insektenlebens. Große Bockkäfer (Cerambyx scopoliiFüssl.) flogen durch die Luft, die von dem Getöse der Zikaden und Heuschrecken erfüllt war.

Wir näherten unsKoinsko, das reizvoll in einem Talkessel liegt, dessen baumreiche Fluren von einem starken Bach durchflossen sind. Einen wunderbaren Rahmen um das Tal bilden die hohen Berge, die es auf drei Seiten umschließen. Nun mehrten sich Getreidefelder und Gärten mit Obstbäumen. Die Ernte war hier, in 600 m Meereshöhe noch in vollem Gange, die Haferfelder standen noch halbgrün. Das Städtchen war in Grün gebettet, von dem sich die dunklen Dächer malerisch abhoben.

Es war nicht leicht mit dem großen Personenwagen in die engen Straßen des Ortes einzufahren. Der Eindruck des Städtchens war höchst reizvoll. Die Häuser sind aus Steinen gebaut mit viel Holzwerk, die Dächer mit Schindeln gedeckt, Veranden und andere Vorbauten aus Balken und Brettern, vom Alter gebeugt, gaben eigenartige farbige Bilder. So wanden wir uns durch enge Gassen und Durchschlüpfe, die überall von Reben umrankt und überdacht waren. Reben gab es überall. Sie zogen sich laubenähnlich an Querbalken rankend über Höfe und Gassen und überzogen die Wände der Häuser. Während wir durch die Höfe wanderten, hingen schwere Trauben, allerdings noch nicht reif,überall über unseren Köpfen herunter. So hat der Ort einen ganz eigenartigen Reiz, erinnert etwa an oberitalienische Dörfer.

Noch am gleichen Nachmittag begannen wir die nähere Umgebung des Ortes zu erkunden.Koinskoliegt am Berghang, so daß man eine Strecke steil zum Bach hinabsteigen muß. Wie genossen wir nach der Sommerglut des Wardartales die frische Luft, die hier die Nähe des Gebirges verkündete. Der wasserreiche Bach, der über Felsen und Steine dahinrauschte, war von dichtem Weidengebüsch umgeben. Dieses durchstreiften wir und fanden hier eine reiche Insektenwelt. Kleine Fliegen umschwirrten uns in Menge, das Goldauge (Chrysopa) kam häufig vor, zahllose Hymenopteren, vor allem Hummeln, besuchten die Blüten der Brombeersträucher, der Königskerzen, von allerhand Lippenblütlern, die hier einen reichen Flor bildeten.

Prof.Schultze-Jena, phot.Abb. 54. Bauernhaus mit Rebenlauben in Koinsko.

Prof.Schultze-Jena, phot.Abb. 54. Bauernhaus mit Rebenlauben in Koinsko.

Prof.Schultze-Jena, phot.

Abb. 54. Bauernhaus mit Rebenlauben in Koinsko.

Durch Erlengebüsch stieg ich am Bachufer hinauf, kam durch eine Fläche, die mit hohem Adlerfarn bedeckt war, dieser weltweit verbreiteten Pflanze, und gelangte nach kurzem Steigen in einen Hain stattlicher Bäume. Es waren große, hohe Buchen,deren silbergraue Stämme uns freundlich anheimelten. Welcher Gegensatz gegen die Gluthölle der Wardarebene.

Am Rande des Buchenhains standen wieder Erlen und Weiden, weichblätterige Eichenbüsche und prachtvolle, alte Nußbäume. Daneben erstreckte sich eine frische grüne Wiese mit vielen blühenden Pflanzen, salbeiähnlichen Lippenblütlern, einem Tausendgüldenkraut (Erythraea centaureumPers.), Hornkräutern (Stellaria holosteaL.) u. dgl. Von Riedgräsern eingefaßt breitete sich am Rand des Gebüsches ein kleiner Sumpf aus. Der Frosch, den wir dort fanden, warRana agilisThom. Hier oben flogen viele Libellen, Hummeln und bunte Fliegen, Syrphiden und Stratiomyiden (Rhynchomyia impavidaRossi undR. speciosaLw.); von Schmetterlingen schöne Vertreter der GattungCoenonympha(C. arcaniaH. S.).

An dem trockneren Hang standen hohe Disteln mit roten Blüten, Königskerzen mit ihren duftenden gelben Blütenständen ragten hoch empor; der Sanddorn war in mächtigen, baumähnlichen Sträuchern reichlich vertreten.

Vor allem schön und malerisch stellten sich aber mächtige Buchen dar, welche von Reben umschlungen und überwachsen waren. Wie wunderbar umrahmten ihre Ranken und die grauen Stämme der Buchen die Ausblicke auf die im Glanz der Nachmittagssonne liegenden Berge.

Der Bach kam durch eine tiefeingeschnittene Talschlucht von den Bergen herab. Seine felsigen Ufer trugen ebenfalls prachtvolle Buchen, die hier schon einen schattigen Wald bildeten. Am Bachufer mündete eine Mineralquelle aus, wie sie in Mazedonien so häufig sind. Das Wasser, welches Kohlensäure und Eisen und etwas Schwefel enthält, schmeckt recht erfrischend. Im Wald tummelte sich eine reiche Vogelwelt. Mit Vergnügen begrüßten wir unsere einheimischen FormenBuchfinkundAmsel,Kleiber,Meisenund den stattlichenPirol.

Ein erfrischendes Bad im kühlen Wasser des Bachs schloß den Nachmittagsspaziergang ab. Den Abend verbrachten wir im Kreise der deutschen Offiziere; nachts teilte ich das Quartier mit Prof.Schultze-Jena. Obwohl der Abmarsch auf 4 Uhr früh angesetzt war, verplauderten wir in alten Erinnerungen bei einer guten Flasche Burgunder, die sein Vater, der altberühmte Jenenser Gynäkologe ihm ins Feld gesandt hatte, fast die ganze Nacht und lauschten auf das beständige leise Rauschen, welches von den vielentausenden von Holzwürmern (Käferlarven) erzeugt wurde, die ihre Gänge durch das Holzwerk des Hauses fraßen. Ein solches Massenvorkommen von Holzwürmern in einem bewohnten Hause war mir noch nie begegnet und man mußte sich wirklich fragen, wie lange Dach und Fußböden dieses Hauses noch halten könnten, wenn die Tiere unablässig an seinen Stützen nagten.

Abb. 55. Buchenwald auf der Mala Rupa. Im Hintergrund Kalkberge.

Abb. 55. Buchenwald auf der Mala Rupa. Im Hintergrund Kalkberge.

Nach kurzem, tiefem Schlaf fuhr uns im Dunkeln das Auto zum geeignetsten Anstieg, den wir noch in der Dämmerung begannen. Als die Sonne aufging, waren wir schon in schönem Buchenwald. Wir stiegen einen Kamm entlang, an Batterien vorbei, passierten einen Sumpf, in welchem schöne rote Orchideen blühten. Der Buchenwald war hier noch licht, von Waldwiesen unterbrochen, welche mit Salvien, Königskerzen, Brombeersträuchern und Disteln bestanden waren. An den Blüten fingen wir Lepturen und andere Bockkäfer, Hummeln, Bienen und Schmetterlinge. Weiter oben wurde der Wald so dicht, daß es sich köstlich in seinem kühlen Schatten wanderte. Zudem war der Waldboden mit unzähligen reifen süßen Walderdbeeren bedeckt. Diese fandich noch oft in den mazedonischen Bergwäldern. Indem man sie schmauste, fühlte man sich in die Heimatswälder versetzt, von denen sich der von uns durchwanderte Forst in nichts unterschied.

In etwa 1000 m Meereshöhe gelangten wir an eine offene feuchte Stelle, wo sich ein schöner Birkenbestand befand. Wie schön hoben sich die zierlichen weißen Stämme und die zarten hellgrünen Blätter der Birken (Betula pubescensL.) von dem blauen Himmel ab, an dem große weiße Wolken dahinzogen. Welch köstliche Durchblicke eröffneten sich zwischen den Zweigen auf die schroffen Felsen, denen wir jetzt immer näher kamen. Die weißen Bänder, welche die Matten durchzogen, bestanden aus Kalk, der oft Formen annahm, die an Jura erinnerten. Vielfach war er geschichtet und in Platten gebrochen. Doch stießen wir im Gebirge auch auf Gneis und Granit.

Abb. 56. Bergheuschrecke beim Balzflug. (Stenobothrus miniatusCharp.) (Mala Rupa, Kobeliza, Peristeri).

Abb. 56. Bergheuschrecke beim Balzflug. (Stenobothrus miniatusCharp.) (Mala Rupa, Kobeliza, Peristeri).

Weiter oben, zwischen 1000 und 1500 m wird der Buchenwald immer dichter und hochstämmiger: oft glich er einem großen Saal voller Säulen, in seinem Schatten flimmerten allerorts die Sonnenflecken. Hier beginnen zwischen dem Wald sich Wiesenflächeneinzuschalten, auf denen einzelne Buckel ganz von einem zarten, niederliegenden, bläulich schimmerndenWachholderbedeckt sind, der von dem feinen, grünen Gras dunkel sich abhebt (Juniperus nanaWilld.).

In dieser Region fand sich in Massen eine kleineSchnarrheuschrecke, deren Musik die Luft erfüllte. Die kleine, etwa 5 cm lange Heuschrecke (Stenobothrus miniatusCharp.) zeigte eine merkwürdige Gewohnheit, die man sonst bei Heuschrecken nicht beobachtet. Das Tierchen hat schwarze Flügeldecken, rote Beine und roten Leib. Diese traten leuchtend hervor, wenn das Tier mit ausgebreiteten Flügeldecken sich etwa 1 m hoch laut schnurrend in die Luft erhob, da anders als andere Heuschrecken einige Sekunden schwirrend schwebte, um dann langsam auf den Boden zu sinken und zu schweigen. Es ist eine Art vonBalzflug, welchen das Tierchen ausführt. Ich habe die Art auch sonst in den mazedonischen Gebirgen beobachtet, stets aber nur in größeren Höhen, von 1200-1800 m.

Abb. 57. Mala Rupa. Alpenmatte in fast 2000 m. Blick gegen die Porta. Juni 1917.

Abb. 57. Mala Rupa. Alpenmatte in fast 2000 m. Blick gegen die Porta. Juni 1917.

Noch etwas weiter oben breitet sich auf den Wiesenflächen, die in ihrer reichen, äußerst mannigfaltigen Pflanzenwelt einen heideartigen Charakter annehmen, eine zarte, sehr reizende Erika aus. Mit ihren rosenroten Blüten und ihrem feinen Duft war sie ein köstlicher Schmuck dieser Halden (Bruckenthalia spiculifoliaSalisb).

Je höher ich kam, desto schöner wurden die Buchenwälder, die hohen Bäume bildeten ein dichtes Blätterdach, das tiefen Schatten auf den in dieser Region unbewachsenen, von braunen Blättern bedeckten Waldboden warf. Um so reicher war die Vegetation an den Waldrändern, die entzückende Blicke auf die Felsgipfel der Berge gewährten. Hier gingen die Buchen in Buschwerk über, zwischen denen einzelne Birken und stattliche Edeltannen sich erhoben. Der Tannenduft rief Heimatserinnerungen wach. Zwischen dem niederen Wachholder blühten hier die Gräser und standen stolz und steif die dunkelroten Blüten einer Form desTürkenbunds(Lilium martagonL.).

Im Buchenwald fanden wir auf der Rinde der Stämme stattliche graueBockkäfer. Ein kurzer Anstieg durch den Wald brachte uns in etwa 1700 m Höhe zu einer kleinen Hütte, der Bergstation der Vermessungsabteilung 7. Wir fanden hier gastliche Aufnahme und Nachtquartier. Die Abteilung hatte hier wichtige Aufgaben zu erfüllen. Zunächst wurde die kartographische Aufnahme dieses wichtigen Frontgebietes durchgeführt.

Die Männer, die hier oben in primitivster Weise hausten, leisteten eine auch für die Wissenschaft wichtige Arbeit. Die Kartenaufnahme erfolgte mit den von dem JenenserPulfricherfundenen photogrammetrischen Methoden. Die Arbeit wurde in der Hauptsache ausgeführt von einem Dr.Burmester, einem Assistenten Prof.Finsterwaldersin München, in dem ich einen Münchner Bekannten fand. Ihm stand dabei zur Seite ein junger Mann, namensPulfrich, ein Sohn jenes Gelehrten, der hier mit den Methoden seines Vaters als Soldat dem Vaterland diente.

Außerdem traf ich dort oben zwei Marinesoldaten, welche mit einem riesigen Zeiss'schen Doppelfernrohr den Hafen von Saloniki überwachten. Sie konnten den wachsenden oder ruhenden Verkehr in diesem für unsere Feinde so wichtigen Hafen kontrollieren. Eine 4 m lange photographische Kamera mit sehr lichtstarkem Objektiv diente dazu, genaue Fernaufnahmen des Hafens mit den ankernden Schiffen zu machen. Besondere Listen der englischenKriegs- und Handelsschiffe ermöglichten, deren Art und Namen festzustellen und so wichtige Schlüsse auf die Vorgänge in der Hafenstadt und an der feindlichen Front zu ziehen.

Selten allerdings lag Saloniki und das Meer so klar in der Ferne, daß gute Aufnahmen gelingen konnten. Auch während unseres kurzen Aufenthaltes hier oben bekamen wir die Stadt und den Hafen nicht klar zu sehen. Immerhin wurde uns ein Blick auf das blaue Ägäische Meer zuteil und am nächsten Morgen kam auch der Olymp auf kurze Zeit aus dem Dunst der Ferne heraus.

Wir waren ja hier ganz nahe der Grenze Griechenlands. Jenseits des Berges, von oben nicht zu sehen, lag die kleine griechische StadtNonte. Klar und deutlich erkannte man aber von unserem Aussichtspunkt die weißen großen Gebäude in der StadtGewgeli. Die Stadt sah ganz wohlerhalten aus; aber tatsächlich war sie sehr zerstört und von ihren Bewohnern verlassen, wie ich bei einem späteren Besuch beobachten konnte.

War auch die Ferne nicht so klar, als ich es erhofft hatte, der schöne Blick in die näher gelegenen Täler und Berge entschädigte mich in vollkommenster Weise. Es war eine Landschaft von großer Schönheit, die sich um das Gebirge ausbreitete.

Rückwärts lag unten im TalKoinsko, im Grün so verborgen, daß es schwer war, die Häuser und Dächer mit dem Fernglas aufzufinden. Zum Ort hin zog sich ein Taleinschnitt, aus dem die in vielen Windungen verlaufende Straße nachHumahervorkam, die man als helles Band weithin verfolgen konnte. Unter uns lag ein schmales tiefes Tal, durch welches man deutlich die Schützengräben unserer und der feindlichen Front in kurzem Abstand voneinander hinziehen sah. Sie stiegen vom Südhang unseres Berges hinunter ins Tal, durchquerten dieses, um jenseits sich wieder an ein Gebirge anzulehnen, das ostwärts gegen den Wardar verlief. Diese niedrigen Berge waren kahl und vegetationslos, ganz anders als die üppige Natur, aus der ich hinunterblickte. Sie glichen mehr den Bergzügen, die wir auf dem Weg nach Koinsko durchfahren hatten.

Direkt unter uns lag, noch in unseren Linien, ein kleines, wohlerhaltenes Städtchen,Borislaw. Davor in der Ebene sah man mehr der feindlichen Front genähert, die Gebäude eines Klosters, Sv.Archangeli. Von diesem erzählten unsere Soldaten eine nette Geschichte. Der Abt dieses Klosters, dessen Lage ja dazu herausforderte, spionierte für den Feind. Man war ihm aufdie Spur gekommen und so ritten eines schönen Morgens einige von unseren Ulanen hinüber und „holten ihn ab‟. Sie sollen ihn ohne allzugroße Sanftheit aus dem Bett geholt haben.

Während wir die Gegend überblickten, begannen die feindlichen Batterien unsere Gräben tief unten im Tal zu beschießen. Man sah die Einschläge der Granaten, die hohen Rauch- und Staubwolken in der stillen Luft senkrecht aufsteigen. Deutlich sahen wir die bulgarischen Soldaten rückwärts sich verziehen. Sie verließen die Gräben und zogen sich in die Unterstände zurück.

Dr.Burmesterphot.Abb. 58. Fernsicht von Mala Rupa Ball.

Dr.Burmesterphot.Abb. 58. Fernsicht von Mala Rupa Ball.

Dr.Burmesterphot.

Abb. 58. Fernsicht von Mala Rupa Ball.

Wir sahen bald, daß die Beschießung keinen großen Erfolg hatte und so wandten wir uns beruhigt unserer Arbeit zu. Wir waren rasch gestiegen, so daß wir noch einige Vormittagsstunden zum Sammeln und zu Beobachtungen vor uns hatten. Diese konnten wir gut ausnützen. In leichter Steigung führte uns ein Pfad durch den stattlichen Buchenwald, der etwa die obere Waldgrenze darstellte. Wir durchwanderten einige Schluchten, in denen Bäche abwärts flossen. In einer dieser Schluchten wurde später dergefleckte Salamander(Salamandra maculosaL.) beobachtet, der scheinbar in Mazedonien meist in Höhen von über 1000 m vorkommt.

Über dem Wald zogen sich weiße Kalkfelsen hin, jenseits von denen grüne Matten begannen. Es war ein herrliches, farbenprächtiges Bild, das wir durch die grauen Stämme der Buchen und ihr helles Laub eingerahmt vor uns sahen, wenn wir die Blicke bergauf richteten. Und über all dieser irdischen Pracht wölbte sich ein leuchtend blauer Himmel in dem Glanz und der Tiefe des Hochgebirgshimmels. Große weiße Wolken, sich ballend, aufblähend und verschwimmend schwebten am Gewölbe des Himmels, als seien es zarte Wollflocken, die langsam und majestätisch von Osten nach Westen wanderten.

Vom Waldrand erstreckte sich eine Schlucht bergab, die ein Bach durchfloß; unten, einige hundert Meter unter mir, zog sich ein weißes Band von Schotter und Gesteinstrümmern durch eine reiche Pflanzenwelt. Kurz oberhalb des Waldes weitete sich die Schlucht zu einer breiten Mulde aus. Dort war eine üppige Vegetation aufgewachsen, so hoch, daß sie mir unter die Schultern reichte. Es standen hier zahlreiche Brennesseln, Disteln in Blüte, weiße Umbelliferen, stattliche Königskerzen, dazwischen Wachholder- und Brombeersträucher.

Die Mulde war nach oben abgeschlossen durch ein weißes Felsenband, das aus würfel- und plattenförmigen Kalkmassen gebildet war. Hier, in den Spalten zwischen den Steinen und auf all den kleinen Balustraden, die sie bildeten, leuchtete und duftete es von einer Menge von Pflanzen von Hochgebirgscharakter. Es war fast, als wäre da künstlich ein Alpengarten angelegt; die ganze Farbenpracht alpiner Blumen war hier auf engem Raum zusammengedrängt. Dunkelblaue Glockenblumen bildeten dichte Polster neben roten und weißen Nelken (Dianthus silvestrisWalb.) und Lichtnelken, Steinbrech in mehreren Arten, Fettkraut,Sempervivum batensGris., farbige Stiefmütterchen (Viola orphanitesBoas), Vergißmeinnicht, alles war da dicht beieinander gewachsen und bildete Rasen und Polster zwischen den Steinen.

Über den Blüten summte und bewegte sich eine reiche Insektenwelt. Hummeln brummten von Blume zu Blume, Bienen der verschiedensten Arten wetteiferten mit ihnen und über allem zogen edle Falter ihre Kreise. Ich hatte sicher erwartet in diesem Gebiet und in dieser Jahreszeit einen Schmetterling aus der schönen Gruppe derApollofalteranzutreffen. Wir waren gespannt, ihn hier zu finden und kaum waren wir eine Viertelstunde im Gebiet,so erscholl der triumphierende Ruf von Prof.Müller: „Da ist er schon!‟

Abb. 59.Parnassius Apollo. Form von der Mala Rupa.

Abb. 59.Parnassius Apollo. Form von der Mala Rupa.

In stolzem Flug über allen anderen Insekten zog der große, weiße Schmetterling seine Kreise. Bald waren einige Exemplare gefangen und voll Freude betrachteten wir die schönen Tiere mit den schwarz-roten Augenflecken. Es war nicht leicht in dem gefährlichen Gelände die raschen Falter zu erhaschen. Kaum gesehen, schwangen sie sich in hohem Bogen über die Felswand empor und entflatterten über den grünen Matten. Außerdem waren es ihrer nicht viele; die Flugzeit hatte offenbar erst gerade begonnen, was sich auch darin aussprach, daß die Männchen weit über die Weibchen überwogen. Bald hatten wir sechs Männchen, aber nur ein Weibchen gefangen. Das hatte aber alle Geschicklichkeit und Gewandtheit erfordert, in dem steinigen Gebiet mit der dichten Vegetation und den vielen tiefen Löchern, die sie verdeckte, nicht Arm und Bein zu brechen. In Beachtung der Flugart großer Schmetterlinge, die gewöhnlich in großen Kreisen ein ziemlich umgrenztes Gebiet abfliegen, verteilten wir drei Männer uns auf Felsenband, Mulde und Waldrand, und so gelang es nach einiger Zeit, vor allem durch die Anstrengungen des gewandtenRangnow, eine befriedigende Ausbeute zu erzielen. Über denApollosvergaßen wir aber die anderen Insekten nicht, die hier in der warmen Sonne sich tummelten. Von Schmetterlingen gab es zahlreicheBläulinge,Perlmutterfalter, unter diesenArgynnis pales balcanicaRbl., und vor allem dunkleErebienmit schönen blauen Augenflecken auf den Flügeln. In der Schlucht, die wir die „Apolloschlucht‟ benannten, fanden sich, vor allem auf den Doldenpflanzen, viele schöne Käfer. Wie Edelsteine blinkten Chrysomeliden, bunt gefleckte Trichia (T. fasciataL.) und Bockkäferarten wimmelten auf den Dolden mit vielen Bienen, Hummeln, auffallend gefärbten Fliegen, eigenartigen Spinnen usw. Die prachtvollen Chrysomeliden waren die schön metallisch rot-grün-blaugestreiftenOrina variabilisWsc. var.balcanica,Cryptococcus aureolus ab. coerulescensSchil undCryptocephalus aureolusSuffr.

Am Waldrand fanden sich unter Steinen Skorpione und seltsame Tausendfüßler. Wir hatten schon reiche Beute eingeheimst, als wir zur Hütte zurückkehrten, um dort im Schatten die heißesten Stunden zu verbringen.

Dr.Burmesterphot.Abb. 60. Felsenkessel zwischen Mala Rupa und Asantčasma.

Dr.Burmesterphot.Abb. 60. Felsenkessel zwischen Mala Rupa und Asantčasma.

Dr.Burmesterphot.

Abb. 60. Felsenkessel zwischen Mala Rupa und Asantčasma.

Wir lebten aus unseren Rucksäcken, denn hier an der Front waren Offiziere und Soldaten meist so knapp verpflegt, daß Gäste nicht allzuwillkommen waren. Das machte einen eigenartigen Eindruck, daß die wichtigsten Bestandteile des Heeres, die Front, so viel weniger gut versorgt wurden, als die fette Etappe. Mit gutem Hunger verzehrten wir das Stück Speck zu unserem Kommißbrot, das wir mitgebracht hatten und stillten unseren gewaltigen Durst an dem köstlichen Wasser der Bergquelle.

Zum Ausruhen gab es mittags nicht viel Zeit; wir mußten die kurze Frist, die uns gewährt war, nach Möglichkeit ausnützen. So begaben wir uns bald an den Aufstieg zur Gipfelregion des Mala Rupa-Gebirges. Zwischen Felsen und über blumenreiche Matten ging der Weg steil aufwärts. Die Matten bedeckte einhohes, sehr feines, dunkelgrünes Gras, das vielfach von den Truppen gemäht wurde und ein zartes, blaugrünes Heu lieferte.

Zwischen dem Gras gab es eine Menge verschiedenartiger blühender Pflanzen. Sehr häufig war ein kleinblütiger weißer Klee; dazwischen standen grellrote Nelken und eine rotblühende Lichtnelke mit weißlichen Blättern. Blaue Flecken wurden von zahlreichen Glockenblumen gebildet, Thymian erfüllte die Luft mit seinem starken Dufte. Zwischen den Steinen war ein kleines Hornkraut mit zarten weißen Blüten sehr häufig. Sauerampfer und viele Doldenpflanzen standen an den feuchteren Stellen.

Über den Matten gaukeltenSchmetterlinge, vor allem glänzend gefärbte Bläulinge und eine tiefschwarzeErebiamit leuchtend blauen Augenflecken. Es war diesErebia melas herzegowinensisSchar. Eine zweite Erebia der Höhenzone bilde ich nebenan ab; es ist diesErebia tyndarus balcanicusRbl.

Im allgemeinen war die Fauna der Gipfelregion nicht sehr reich. Das hing wohl auch mit der Tageszeit zusammen. Es war schon später Nachmittag; am Morgen hätten wir nach den späteren Erfahrungen an Berggipfeln reichere Beute gemacht. Über die grünen Matten kamen wir in 1860 m zu einem ersten Gipfel, der als Mala Rupa-Ball bezeichnet war (Abb. 58). Von da kletterten wir noch einige hundert Meter aufwärts und erreichten wohl auf der nächsten Kuppe eine Höhe von etwa 2100 m.

Abb. 61.Erebia tyndarus balcanicusRbl. Mala Rupa. Nat. Gr.

Abb. 61.Erebia tyndarus balcanicusRbl. Mala Rupa. Nat. Gr.

Von oben hatten wir einen weiten Überblick über das Gebirge mit seinen zahlreichen steilen Gipfeln und seinen weißschimmernden Berghalden. Vor allen Dingen schön war der Blick auf die mittleren Höhen, wo die dunklen Laubwälder einen wundervollen Kontrast zu den hell aufleuchtenden Felsen bildeten. Im Glanze der Nachmittagssonne waren die Gipfel alle klar und deutlich zu übersehen. Der stattliche höchste Gipfel wurde alsPorta, ein zweiterKičikaiabenannt. Ein spitzer Kegelberg führte den NamenDrena, daneben der GipfelAsančasma. Von derIberizazog sich ein langer Kamm talwärts, der einen scharfen Schatten auf die Matten warf. Nach Norden sahen wir ins Tal hinab und zu den Bergen, die ich immer von Kaluckova bewundert hatte und die ich jetzt von der anderen Seite vor mir sah. GegenSermenli zu erstreckte sich als langer Rücken derZweiohrenberg(Abb. 62) und hinter ihm, von hier aus klein und unscheinbar, dieMarianska Planina.

Wundervoll und eindrucksreich war der Blick in die weite Ebene nördlich vonSaloniki, über welche hinaus das Meer aufblinkte. In der Ebene erhob sich derGandač, eine steile Bergmasse mit feindlichen Stellungen. Vor uns fielen die steilen Halden in tiefe Schluchten ab, Matten dehnten sich weit bis zu den großen Wäldern hin. Hier und da stieg in der Ferne der Rauch von Lagerfeuern auf.

Abb. 62. Wiese an der Baumgrenze. Mala Rupa. Im Hintergrund Zweiohrenberg.

Abb. 62. Wiese an der Baumgrenze. Mala Rupa. Im Hintergrund Zweiohrenberg.

Wir durften nicht lange oben verweilen, wollten wir vor der Nacht im unbekannten Gelände die Hütte erreichen. Beim Abstieg konnte ich der reichen Flora der unteren Matten noch etwas Aufmerksamkeit schenken; deren Pflanzenreichtum war noch viel größer als der der höheren Zone. Hier war sehr auffallend ein leuchtend gelberGoldklee; neben dem gleichenThymus, der oben häufig war, stand hier eine zweite, auffallend großblütige Form mit dem gleichen starken Geruch. EinStiefmütterchen, ähnlichViola tricolor(Viola orphanitesBoas), bildete große Rasen, ebenso die unten schon beobachtete Erika; an geschützten Orten standenhöher wachsende Pflanzen, welche stark an Frühlingsblumen der Heimat erinnerten. Da glaubte ich den kriechendenGünsel(Ajuga genevensisL.) und denGundermann(Glechoma hirsutaUk.) zu erkennen, ein weißesGalium(Galium mollugoL.) blühte in großen Garben, eineSchafgarbe, vollkommen der unserigen gleich in den Blüten und den feinverteilten Blättern und die tatsächlich die gleiche war. Dazwischen merkte ich mir von auffallendenPflanzenTaubenkropf(Silene venosaAsch.), eineweiße Kornblume(Cyanea mollugoL.), eine Pflanze, die genau wie roterBienensaug(Lamium striatumL. S.) aussah. Büsche von blühendemGinster(Cytisus) zauberten goldene Flecke in die Landschaft. Viele gelbblühendeKompositenmit Wollblättern standen zwischen den Steinen, vor allem fiel mir ein großblütiges Habichtskraut auf, dessen Blattrosetten aussahen, als beständen sie aus weißem Samt (Hieracium pannosumGris.). Besonders in der Erinnerung geblieben sind mir kleine Sträucher einer süßduftenden, dunkelroten Wildrose (Rosa orientalis).

Ich hatte vollkommen den Eindruck einer Bergmatte in den bayerischen Alpen, wie sie im Frühsommer ihre volle Pracht, ihren überquellenden Reichtum entfaltet. Beim Abstieg mischten sich immer mehr die mächtigen Stauden von Disteln und Königskerzen in die Alpenflora.

Im Abendschein langte ich in der Nähe der Hütte an. Ein kurzes Gewitter hatte heftigen Blitz und Donner losgelassen, aber nur wenige Regentropfen bis zur Erde hinabgesandt, wo sie auf Steinen und Pflanzen sofort verdunsteten. Wunderbare große Wolken segelten über die Berge der Ebene entgegen. Sie fingen auf ihren gewaltigen Wölbungen die roten und gelben Strahlen der scheidenden Sonne auf, die auch die Felsen rot aufleuchten ließen.

Die Nacht fand uns mit den Soldaten in der Hütte versammelt. Es war nicht leicht mit den 11 Schlafgenossen in dem engen Raum, auf harten Brettern, den Rucksack unter dem Kopf Schlaf zu finden, der noch dazu durch das Schnarchen mancher Kameraden erheblich gestört wurde.

Immerhin erfrischt erhoben wir uns mit der Sonne, um die wenigen Stunden, die uns in der Berghöhe vergönnt blieben, nach Kräften auszunützen. Als wir auf die Wiesen hinaustraten, waren alle Pflanzen vom Tau stark benetzt. Wir eilten noch einmal zurApolloschlucht, um die Sammlungen dort zu ergänzen. Wir fanden dort noch nicht gesammelte Insekten, darunter schwarze Käfer aus der Verwandtschaft vonLeptura.

Unsere Arbeit wurde etwas dadurch gestört, daß über uns ein Geschwader feindlicher Flieger erschien. Das war mir, der ich damals noch Freiburger Universitätsprofessor war, nichts Ungewohntes. Immerhin hatte ich es noch nicht allzuoft in freier Natur, fern jeder Deckung erlebt. Sechs französische Flieger erschienen über uns und wurden heftig beschossen, so daß die Sprengstücke um uns niederprasselten. Bald erschien ein einzelnes deutsches Kampfflugzeug, worauf die Feinde sich verzogen.

Wir konnten unsere Arbeit ungestört fortsetzen, bis die vorgeschrittene Zeit uns zwang, den Abstieg anzutreten. Wir durchwanderten etwa dieselbe Gegend wie am vorigen Morgen. Als wir wieder in die Tiefe kamen, machte mir die Gegend einen reizloseren, verstaubteren und verdorrteren Eindruck als sie im Halbdunkel des Frühmorgen am Tag vorher mir erschienen war. Es war schon Gluthitze der Mittagszeit eingetreten als wir unser Auto erreichten. In flotter Fahrt ging es zurück nach Koinsko, wo wir mit den Offizieren ein für uns verspätetes Mittagsmahl einnahmen. Nach herzlichem Abschied von Prof.Schultze-Jena traten wir die Fahrt rückwärts ins Wardartal auf demselben Weg an, den wir zurHinfahrtbenützt hatten.

Während wir wieder durch das Tiefland fuhren, ertönte hier überall aus den Büschen das berauschte Liebeslied der Zikaden lauter als je. Welch schöne, starke Eindrücke hatte der kurze Aufenthalt im Gebirge mir gebracht. Die Kontraste zwischen Ebene und Bergeshöhe, mir aus der Heimat, vor allem den bayerischen Alpen, so wohl vertraut, waren mir hier noch ausgesprochener entgegengetreten. Hier im Gebirge entsprach die Natur vollkommen in Pflanzen- und Tierwelt derjenigen im Flachland des gemäßigten Mitteleuropa. Auf der Breite des südlichsten Italien genügte Gebirgshöhe von 1000-2000 Metern, um die Natur der Heimat herbeizuzaubern. Ja, das Klima erinnerte sogar an Vorgebirge der Heimat. So hatten wir die Tannen auf der Mala Rupa jetzt im Juli im Schmuck der hellgrünen Triebspitzen angetroffen, ein Stadium, das im Schwarzwald schon seit einigen Wochen vorbei sein mußte.

Neben den Bäumen, also Weißtanne, Buche, Birke und den Blüten der Mattenregion hatte vor allem die Vogelwelt beigetragen,den heimatlichen Eindruck zu verstärken. Buchfink, Kleiber, Sumpfmeise schienen sich kaum von den heimischen Formen zu unterscheiden. Amsel und Drossel sangen die altbekannten Lieder, Pirol und Häher belebten die Baumkronen des schattigen Buchenwaldes, in dem wir die Erdbeeren gepflückt hatten. Von dem Vorkommen von Hirsch und Reh hatten wir gesicherte Nachricht bekommen, vom Hirsch sogar eine Haut erworben. Von Schlangen hatten wirÄskulapschlangeundglatte Natterbeobachtet, von Eidechsen allerdings die südlichen ArtenLacerta viridisundmuralis, von Fröschen die uns so vertrauteRana ridibundaund dazuR. agilis. Die zahlreichen Adler und Geier, die Falken und Bussarde, Kolkraben und Felsenhühner, die wir auftrieben, paßten besser in das Land, in dem wir nun lebten.

Zufrieden, in der kurzen Zeit so viel Interessantes erlebt und beobachtet zu haben, kehrte ich in mein Standquartier Kaluckova zurück mit dem festen Vorsatz, die mazedonischen Gebirge öfter zu besuchen und zu durchforschen. Daß dieser Vorsatz Erfüllung fand, werden weitere Kapitel dieses Buches zeigen.


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