SIEBZEHNTES KAPITEL

SIEBZEHNTES KAPITEL

DIE BULGAREN IN MAZEDONIEN

Die Bulgaren sind nun einmal durch Schicksal mit uns verbunden. Das gleiche Unglück wie uns hat sie betroffen. Sie fühlen sich als Schicksalsgenossen und nicht wenige unter ihnen sehen immer noch mit Bewunderung auf uns und hängen an uns. So haben wir die Pflicht, sie nicht zu vergessen, uns mit ihnen zu beschäftigen, sie nicht im Stich zu lassen. Es ist eines der wenigen Völker, das noch etwas von uns hält und zu uns hält. So sollten wir uns bemühen, sie nach Möglichkeit zu verstehen und ihrem Wesen näher zu kommen.

Vor dem Krieg glaubten wir fast alle fremden Völker zu verstehen und sie zu durchschauen. Wie oberflächlich war in Wirklichkeit die Kenntnis fremder Völker und das Verständnis für ihre Besonderheiten in weiten Kreisen unseres Volkes. Um so mehr bleibt uns jetzt nach dem Kriege in dieser Beziehung zu tun übrig. Wer Gelegenheit hatte, in Kreise und Individuen aus einem Volk, wie die Bulgaren, etwas tiefere Einblicke zu tun, der ist verpflichtet, seine Erfahrungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, um uns für die Zukunft vor so verderblichen Vorurteilen zu bewahren, wie sie während des Weltkrieges zu unserem Schaden viele Deutsche beherrschten.

Mit wie wenig Takt und Verständnis traten unsere Landsleute in den meisten Fällen unseren Bundesgenossen gegenüber. Wie oft war ich peinlich berührt von der unberechtigten Überhebung, mit der unsere Soldaten auf die armen, dummen Bulgaren herabsahen, von der Art, mit der unsere Offiziere von ihren bulgarischen Kameraden sprachen. Gewiß gab es manche Ausnahmen. Es gab Verständnis, es gab rechte Kameradschaft, und wo die Verhältnisse Männer beider Völker für Monate oder gar Jahre zusammenketteten, kam es auch zu guter, treuer Freundschaft.

Eine große Schwierigkeit bot für die Verständigung die Sprache. Der Eifer zum Erlernen des Deutschen war bei den Bulgaren bedeutend größer als der Deutschen Streben zum Bulgarischen.Erschwerend war die fremde Schrift und der Zweifel, ob man mit dieser Sprache später werde viel anfangen können; dazu kam der Mangel an fesselnder Literatur. Auch Grammatiken und Wörterbücher fehlten anfangs und wurden erst allmählich in genügender Menge beschafft. Es war unter den Deutschen die Kenntnis des Bulgarischen vor dem Kriege eine sehr große Seltenheit. Diese Kluft wäre aber zu überbrücken gewesen, wobei der rührende Eifer vieler Bulgaren zum Deutschlernen sehr hätte helfen können. All das hätte im Interesse besserer Beziehungen zwischen beiden Völkern ganz anders ausgenutzt werden können als es geschah.

Sah man sich in einer Gesellschaft bulgarischer Offiziere oder Ärzte um, ging man aufmerksamen Auges an einer marschierenden Truppe vorbei oder bummelte man durch die Straßen einer bulgarischen Stadt, Sofia, Tirnowo oder Rustschuk, so fiel einem stets die Vielheit der Typen auf. Die Menschen sahen ganz außerordentlich verschieden aus. Man erkennt sie nicht ohne weiteres als Bulgaren, wie man etwa Italiener oder Engländer als solche erkennt. In einer größeren Menge herrschte stets ein dunkler Typus vor mit dunkelbraunem Haar, braunen Augen, dunkler Haut. Das war in Bulgarien selbst fast stets der Fall; so sah ich in Tirnowo kaum einen hellhaarigen Menschen. Auch in der Armee wog der brünette Typus vollkommen vor. Es waren fast stets mittelgroße Gestalten mit Kurzköpfen, die oft einem Mitteltypus sich näherten, und länglichen Gesichtern. Sehr viel schöne Erscheinungen sind mir unter den bulgarischen Männern nicht begegnet. Noch weniger allerdings unter den bulgarischen Frauen. Allerdings muß ich gestehen, daß ich in der Kriegszeit gegenüber den vielen Männern nur eine verschwindende Zahl von Frauen zu Gesicht bekam. In Mazedonien waren ja fast nur Männer aus Altbulgarien; von den mazedonischen Bulgarinnen ist an anderer Stelle die Rede.

Zwischen den brünetten Bulgaren fanden sich aber immer wieder Mischtypen, also blaue Augen kombiniert mit dunkelm Haar, blonde Haare mit braunen Augen. Es gab alle möglichen Kombinationen. Selten waren Langköpfe mit blonden Haaren und blauen Augen in Bulgarien selbst, etwas häufiger in der Armee. Auffallend häufig waren sie im westlichen Mazedonien, so z. B. in Prilep und am Ochridasee. In den Straßen von Prilep tummelten sich spielende Kinder, die man hätte mit deutschen Kindern verwechselnkönnen, mit ihren noch dazu sonnengebleichten, flachsfarbenen Haaren und leuchtend blauen Augen. Auf die Dauer war eine solche Verwechslung allerdings nicht möglich; denn so verlumpte, verschmutzte, verwahrloste Kinder gab es in Deutschland nirgends.

Die gleiche Vermischung von Typen, welche auf alle möglichen Rassen hinweisen, zeigen wie die Bulgaren fast alle Balkanvölker. Das ist die Folge der bewegten Vergangenheit des Balkans, in welchem Völkerwanderungen, Volksverschiebungen, Herrschaftsausdehnungen sich seit zwei Jahrtausenden unablässig folgten. Soviel eingewandert und ausgewandert, verschoben und ausgerottet wurde wohl in keinem Teil Europas in historischer Zeit.

Abb. 139. Sonntag am Brunnen im Dorf Pubjance Juli 1918.

Abb. 139. Sonntag am Brunnen im Dorf Pubjance Juli 1918.

In die von Thrakern, Mazedoniern und Griechen bewohnten Teile des Balkan brachen nacheinander Germanen, vor allem West- und Ostgothen, dann Hunnen, Avaren, schließlich ural-altaische Völker und Slaven ein. Das begann schon, als das Gebiet durch die römische Herrschaft noch kaum oberflächlich latinisiert war. Immerhin waren auch durch die Kolonisation der Römer, vor allemdurch Ansiedelung von Legionären manche fremde Elemente und mit ihnen lateinische Sprache eingeführt worden. Diese hatte nach der Abtrennung von Ostrom und der Begründung des byzantinischen Reiches immer mehr mit der sich ausbreitenden griechischen Sprache, die von der griechischen Kirche getragen wurde, zu kämpfen.

Es war schon ein rechtes Völkergemisch, welches dieBulgarenantrafen, als sie im siebenten Jahrhundert über die Donau auf dem Balkan einwanderten. Den Namen der Bulgaren brachte ein uralaltaisches Volk mit, welches in nicht allzugroßer Volkszahl über die Donau einbrach, wohl aus Südrußland kommend und südlich der Donau die dort ansässigen slavischen Stämme unterwerfend. Hier fanden sie schon in deren Gebiet keine einheitliche Bevölkerung vor. Aber es saß im Lande eine Bevölkerung mit nicht ganz geringer Kultur und slavischer Sprache. Die kriegerischen, organisatorisch immerhin mehr als jene begabten Bulgaren gaben in dem fruchtbaren Lande ihr Nomadenleben auf, wurden ansässig, vermischten sich mit der eingeborenen Bevölkerung und nahmen mit den Sitten auch ihre Sprache an, die durch die Jahrhunderte zur jetzigen bulgarischen Sprache wurde und dieser Entstehung ihre altslavischen Elemente verdankt. Sie wurde die Staats- und Kirchensprache eines entstehenden Staates, dessen Bevölkerung sich in der Hauptsache aus vorher romanisierten Thrakern, Slaven und den tatarischen Bulgaren zusammensetzte. Dazu kommen noch all die Elemente, welche aus Ureinwohnern und römischen Legionären herzuleiten waren.

Noch sieht man heute unter den Bulgaren nicht selten eine kleine, eckige, schlitzäugige Tatarengestalt und ganz selten glaubt man in einem auffallend edlen Profil einen Tropfen Römer- oder Asiatenblut ahnen zu dürfen. Die Hauptmenge der modernen Bulgaren zeigt slavischen Typus, wobei vielleicht der reinste in Westmazedonien, in der Gegend zwischen Prilep und dem Ochridasee, in den blonden Langköpfen uns entgegentritt.

In dem Reich der Bulgaren erstand bald ein gefährlicher Feind für Byzanz. Es zeigte sich in dem neuentstehenden Volke ein gewisser Sinn für Organisation und die kriegerische Tüchtigkeit war wohl von den Steppenvölkern auf die Mischrasse übergegangen. Nun kamen die Jahrhunderte bald erfolgreicher, bald mit mehr oder weniger vollkommenem Zusammenbruch endenden Kriege der Bulgaren mit Byzanz. Noch in diesen Zeiten floß neues Blut dem Volk der Bulgaren zu. Bei den vielen Grenzverschiebungen strömte byzantinische Bevölkerung verschiedener Herkunft immer wieder in dasGebiet der Bulgaren ein. Zum Teil wurden sie von Byzanz zwangsweise unter den Bulgaren und an deren Grenzen angesiedelt. Dieser Zuwachs war zum Teil asiatischer Herkunft.

Und dann kam die große Tragik bulgarischer Geschichte, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Nie gelingt es diesem Volke, seine großen politischen und völkischen Ziele zu erreichen. Wie oft standen die Bulgaren vor Byzanz, nie gelang es ihnen, diese Stadt einzunehmen und damit den erstrebten Einheitsstaat auf dem Balkan zu begründen. Immer wieder brachen sie im letzten Moment zusammen, verloren den Mut und zogen sich freiwillig oder gezwungen zurück. Muß man nicht unwillkürlich an ihren letzten Versuch im ersten Balkankrieg denken, als sie 1911 an der Tschataldschalinie verbluteten, der Cholera erlagen und alle Erfolge ihrer Siege wieder einbüßen mußten!

Im Mittelalter war es wie heute die Eifersucht zwischen slavischen Brudervölkern, welche die Begründung eines einheitlichen Slavenreiches auf dem Balkan immer wieder verhinderte und die Übermacht erst der Byzantiner, später der Türken sicherte. Sieben Jahrhunderte lang kämpften die Bulgaren vergeblich um die Vormacht auf dem Balkan, ehe sie in die fürchterlichste Knechtschaft versanken, welche die Türken ihnen bereiteten. Schon im achten Jahrhundert begann die Feindschaft der Bulgaren mit den Serben, die ja heute unversöhnlicher ist als jemals. Die vielen Kriege der beiden slavischen Völker miteinander mit immer sich folgenden Grenzverschiebungen, brachten immer wieder Bulgaren und Serben bald als Beherrschte, bald als Herrscher in Beziehungen zueinander. Das gab wieder Veranlassung zu mehr oder minder lokalen Abwanderungen und steigerte den Durcheinander der Siedelungen auf dem Balkan.

Bis in diese Zeiten gehen die Verschiebungen der Grenzen der Sprachgebiete zwischen serbisch und bulgarisch auf dem Balkan, speziell in Mazedonien. Sie machen es so schwer zu sagen, ob im Norden an der Donaugrenze es ein serbisch gefärbter bulgarischer Dialekt ist, der in einem Dorf, etwa bei Pirot, gesprochen wird oder ein bulgarisch gefärbter serbischer. Ähnlich ist in Nordmazedonien die Grenze unklar und verwischt.

Neues Blut wurde schließlich durch die Türkenherrschaft in das bulgarische Volk gebracht. Die Vermischung mit Türken selbst braucht man nicht zu überschätzen, obwohl sie in manchen Gegenden nicht allzu gering gewesen sein wird. Als nach derSchlacht auf dem Amselfeld auch das serbische Reich vernichtet, der ganze Balkan osmanisch war, bekamen die Türken ein verwüstetes und entvölkertes Land in die Hand. Vor allem unendlich viele Bulgaren hatten das Leben verloren, ihre Dörfer und Städte waren zerstört. Und die Aufstände gegen die Türkenherrschaft kosteten immer mehr Leben, brachten immer weitere Zerstörungen. Viele Bulgaren wanderten aus, andere — besonders Aufrührer — wurden gewaltsam nach Kleinasien oder sonstwohin umgesiedelt.

Eisern lag die Hand der Türken auf dem Land. Große Mengen von Türken wurden in den verödeten Ländern angesiedelt, besonders in Thrakien. Viele Bulgaren traten zum Mohammedanismus über, um bessere Zustände zu erreichen. Wenn sie auch ihre Sprache behielten, mit türkischen Sitten und türkischer Kleidung steigerte sich natürlich bei diesen „Pomaken‟, wie sie jetzt noch in Mazedonien, Thrakien und Bulgarien heißen, die Möglichkeit der Vermischung mit Türken und all den von diesen auf dem Balkan angesiedelten Asiaten.

Viele Bulgaren zogen sich in die unwegsamen Gebirge ihres Landes zurück; in diesen ärmlichen Gebieten wuchs zwar ein rauhes, kräftiges Volk heran, aber es mußte notwendig verbauern; es verlor ein gut Teil seiner eigenen Kultur, welche mühsam im Zusammenhang mit der Kirche, von einzelnen Klöstern gepflegt, sich in Spuren erhielt.

Schwer lastete das Joch der Türken nun fast 500 Jahre, von 1400 bis fast 1900, auf den Bulgaren. Man muß verstehen, was das für ein Volk bedeutet, das große Reiche gegründet, welches mit Byzanz um die Vorherrschaft gerungen, eine eigene nicht unerhebliche Kultur entwickelt hatte. Will man die heutigen Bulgaren richtig beurteilen, so muß man wissen, was dies Volk in diesen Jahrhunderten gelitten hat, wie ihm das Rückgrat systematisch gebrochen wurde.

Was bedeutet es andererseits, wenn ein Volk von dem durch Gewalt erzwungenen Tiefstand in wenig Jahrzehnten auf die Stufe sich aufschwang, auf der wir es während des Kriegs antrafen, als wir es zum ersten Male richtig kennen lernten. Durch das, was ich in Mazedonien sah und erfuhr, habe ich einiges von den seelischen Leiden verstehen gelernt, die während Jahrhunderten auf diesem unglücklichen Volk lasteten und ihm an Mark und Nerven zehrten.

Während es unter den gebildeten Bulgaren viele feine, sehr kultivierte Menschen gibt, ist der Eindruck, den die Mehrzahl der Bulgaren in Mazedonien auf Deutsche und Österreicher machte, der eines herben, groben Volks. Und zwar machten nicht nur die Mannschaften, sondern auch vielfach die Offiziere diesen Eindruck. Auch in den Kreisen der Ärzte, mit denen ich viel verkehrte, fand man große Gegensätze. Während die einen sehr gute Manieren zeigten und sich in keiner Weise von kultivierten Mitteleuropäern unterschieden, hatten manche Männer bei guter wissenschaftlicher Ausbildung außerordentlich schlechte, nachlässige Gewohnheiten. Man war vielleicht geneigt, etwas zu sehr auf diese Äußerlichkeiten zu achten, weil man auch bei unseren Offizieren und Ärzten gegen die hier seltenen Fälle schlechten Benehmens im fremden Lande sehr empfindlich war. Aber bei den Bulgaren war die gröbere Art doch sehr auffällig und die Erfahrungen vieler Deutschen in dieser Beziehung sicher nicht zufällig.

Nun spielte dabei sicher der lange Krieg eine nicht geringe Rolle; auch bei uns rekrutierte sich das Heer und speziell das Offizierkorps im Krieg mit einer weniger sorgfältigen Auslese, als es im Frieden möglich gewesen war. Viele junge Männer entbehrten der Erziehung, die ihnen früher zuteil geworden wäre. Bei den Bulgaren war es von Einfluß, daß nach den schweren Verlusten der beiden Balkankriege ein großer Teil des Offiziersersatzes notgedrungen aus dem Unteroffiziersstand genommen werden mußte. Daß dabei nur die militärische Brauchbarkeit und nicht die Bildung die Auswahl bedingte, war leicht zu verstehen.

Vor allem ist aber die grobe Art der Bulgaren dadurch zu erklären, daß sie in der Hauptsache einBauernvolksind. Auch bei uns sind Männer aus Gebieten mit Bauernbevölkerung in ihren Gewohnheiten sehr wohl von den Städtern zu unterscheiden und bei aller Liebe, welche die Oberbayern in ganz Deutschland genießen, spricht man doch von den groben Bayern.

In Bulgarien betrug 1910 die ländliche Bevölkerung mehr als 80% des Gesamtvolks, während in Städten nicht ganz 20% lebten. Das erklärt sich zum Teil aus der geschichtlichen Entwicklung, welche vor allem in der Türkenzeit das Wachstum der Städte hinderte und die bulgarische Bevölkerung aufs Land und in die Berge trieb. Bis kurz vor dem Krieg war in Bulgarien eine starke Volksbewegung im Gang. Nach dem Sturz der Türkenherrschaftströmte die Bevölkerung des Gebirges in die verödeten Städte und Dörfer der Täler und Ebenen.

Eine eigene, städtische, höhere Kultur, in der türkischen Zeit kaum möglich, konnte sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickeln; Tradition gibt es noch kaum und Nachahmung des Ausländischen herrscht noch durchaus vor. Dazu kam vor allem der starke russische Einfluß. Die Befreiung vom Türkenjoch durch die Russen führte viele Bulgaren in das russische Heer, auf russische Schulen, an russische Universitäten. Gerade in Rußland erzogene Offiziere betonten vielfach eine Abneigung gegen westliche Manieren und trugen rauhe Sitten ostentativ zur Schau.

Abb. 140. Tanz im Dorf Kopanči, südlich vom Wodno. Juni 1918.

Abb. 140. Tanz im Dorf Kopanči, südlich vom Wodno. Juni 1918.

Mit der gröberen Art des Bauernvolks sind aber bei der Masse der Bulgaren auch viele der Vorzüge der ländlichen Bevölkerung verbunden. Ganz außerordentlich war die körperliche Leistungsfähigkeit und Anspruchslosigkeit der bulgarischen Soldaten. An der mazedonischen Front führten sie vielfach ein wahres Hungerdasein; und mit welchen Unterkünften sie sich zufrieden gaben, war unseren deutschen Soldaten unverständlich. Der Mangelan Sauberkeit und die Vernachlässigung der Kleidung war offenbar eine Folge des langen Kriegs. Auch bei unseren Soldaten trat in Mazedonien mit der Zeit eine starke Nachlässigkeit auf. Allerdings so verlumpt, zerrissen und verschmutzt wie manche bulgarischen Regimenter war nie eine deutsche Truppe.

Die Bauernbevölkerung bulgarischen Stammes in Mazedonien und was ich von ihr im Zartum Bulgarien sah, war im allgemeinen sehr sauber und in der Kleidung sehr sorgfältig und adrett. An Ehrlichkeit und anständiger Gesinnung geben die bulgarischen Bauern den unserigen nichts nach. Wie bei uns ist ja in dieser Beziehung während des Kriegs auch dort vieles zugrunde gegangen. Was aber die Moral in den Beziehungen der Geschlechter anlangt, so glichen die Sitten der bulgarischen Bauern denen unserer besten, saubersten Landbevölkerung.

So gewann ich denn den Eindruck eines ausgezeichneten, physisch und moralisch gesunden Kerns der bulgarischen Bevölkerung.

Geradezu rührend ist die Lernbegier der Bulgaren. Wo sie konnten, suchten Soldaten und Offiziere von uns Deutschen zu lernen. Nicht nur die Sprache, sondern in jedem Gebiet; Handwerker wie Ärzte, Beamte und Offiziere wie Studenten sahen zu unserer höheren Kultur auf, und suchten vom Zusammenleben mit den Deutschen zu profitieren, so viel sie nur konnten. Ein Fall, den ich beobachten konnte, ist geradezu typisch; ich könnte ihm viele ähnliche anschließen. In einer Gebirgsstellung lagen deutsche Spezialtruppen oben am Berg, während die unteren Stellungen von Bulgaren besetzt waren. Ein Unteroffizier hatte fast täglich die bulgarischen Stellungen zu passieren, um unten Befehle zu holen. Eine Gruppe junger bulgarischer Offiziere hielt ihn jedesmal mindestens eine Stunde auf, bewirtete ihn freundlich, um eine Konversationsstunde mit ihm abzuhalten und ihre Fehler im Deutschen sich von ihm korrigieren zu lassen.

In Bulgarien waren ja sehr gute Volksschulen überall in starker Vermehrung, überall wurde die Gründung von Mittelschulen angestrebt und während des Kriegs wurde eifrig am Ausbau der Universität in Sofia gearbeitet, welche bis dahin erst drei Fakultäten besaß, und der eine medizinische Fakultät noch fehlte. Ich sah mir gern und oft bulgarische Schulen an und hatte einen ganz guten Eindruck von Zucht, Disziplin und Lerneifer der Schüler und Schülerinnen. Auch im besetzten Mazedonien waren sofortbulgarische Schulen eröffnet worden. Es war dies ja seit Jahrzehnten schon das wichtigste nationale Propagandamittel der konkurrierenden Völker auf dem Balkan geworden.

Bei allen vorzüglichen Eigenschaften, welche ich bei dem bulgarischen Volk zu beobachten glaubte, zwei wichtige Fähigkeiten vermißte ich, wo ich sie bei der Arbeit beobachten konnte. Das war einmal das Talent zur Organisation und vor allem die Fähigkeit zum Durchhalten. Sicher ist die Klarheit aller Einsichten durch die besonderen Verhältnisse während der Kriegszeit getrübt gewesen. Aber gerade in dieser Zeit, in welcher Anspannung höchster Leistungsfähigkeit nationale Forderung war, hätten diese Fähigkeiten sich im rechten Lichte zeigen sollen.

Es war mir sehr auffallend, wie schwer selbst die Begabtesten der bulgarischen Ärzte, in deren Tätigkeit ich einen tieferen Einblick gewann, ihre Autorität in einem größeren Betrieb still und unauffällig durchsetzen konnten. Wie oft konnte ich sehen, daß ein Vorgesetzter sich selbst mit viel unnötiger Arbeit belastete und absolut nicht fertig brachte, seine bulgarischen Untergebenen zu planmäßiger Arbeit zu bringen, während alles aufs beste klappte, wenn ein deutscher Gehilfe ihnen zur Seite stand, oder etwa ein französischer Kriegsgefangener zur Verfügung stand, der an geordnete Arbeit gewöhnt war.

Daß Gebäude, Straßen, Eisenbahnen so ganz vernachlässigt wurden, daß alles verkam, ist ja wohl mit eine Erscheinung gewesen, welche durch die Jahrzehnte der Unruhe auf dem Balkan verursacht war. Es mag auch sein, daß die Jahrhunderte der Türkenherrschaft den Bulgaren abgewöhnt hatten, eigenen Besitz, der doch stets unsicher war, sorgfältig zu pflegen. Das gilt vor allem für Mazedonien. Da habe ich kaum ein bulgarisches Haus gesehen, wo nicht etwas baufällig war, Scheiben fehlten, der Mörtel an vielen Stellen abgefallen war, die Stühle und Tische zerbrochene Beine hatten. Die Vorhänge waren oft zerrissen, die Fenster hielten nicht dicht, Schubladen wackelten hin und her oder waren nicht zu bewegen, Schränke, Haus- und Zimmertüren schlossen nicht und die meisten Schlüssel fehlten. Sicher war das alles im Zartum Bulgarien, welches doch seit 1878 geordnetere Zustände gehabt hatte, viel besser. Aber auch dort sah man überall Spuren von Vernachlässigung und wenn auch nicht so viel wie in Mazedonien, allerorts Ruinen.

Die Eisenbahnen sahen ja auch bei uns am Ende des Krieges nicht zum besten aus. Aber in Bulgarien und wo Bulgaren auf der Eisenbahn fuhren, da waren die Abteile bös zugerichtet. Fenster gab es überhaupt nicht mehr. Der bulgarische Soldat ist in seinen Bewegungen sehr plump; beim Ein- und Aussteigen wurden mit Gewehren und Tornistern, mit Lasten und Kisten regelmäßig Scheiben zertrümmert. Und alles, was nicht niet- und nagelfest war, verschwand allmählich in den Abteilen. Griffe und Haken, Zugbänder und Netze, Vorhänge und Lampen waren verschwunden und alle Wagen in der übelsten Weise verschmutzt. Vor allem die Aborte waren in einem schweinigen Zustand.

Abb. 141. Mazedonische Stadthäuser.

Abb. 141. Mazedonische Stadthäuser.

Das ist der Bulgare nicht etwa so gewöhnt. In den bulgarischen Häusern besteht der Abort in der Regel aus einem dunklen gepflasterten Raum mit einem runden Loch im Boden. Diese primitiven Orte, wie sie ja in ganz Südeuropa üblich sind, werden im bulgarischen Bürgerhaus meist sehr sauber gehalten. Aber der bulgarische Bauer ist sehr gleichgültig gegen seine Umgebung; er liegt am Boden zwischen allem möglichen Unrat und so stört ihn ein verschmutztes, voll Papier, Asche und Nahrungsabfällen liegendes Eisenbahnabteil in seinem Behagen nicht sehr.

Den größten Kontrast, den man sich vorstellen kann, stellt eine bulgarische Volksmenge auf einem Bahnhof mit einer japanischen dar. In Japan war ich auch zur Kriegszeit 1904 und 1905. Da gab es auch manch eiliges Verladen von Soldaten und Verkehrsnot fürs Publikum. Wie ist aber der Japaner durch jahrhundertlange Erziehung diszipliniert; fast instinktiv ordnet er sich hinter der Sperre in Reih und Glied, geht langsam und gleichmäßig hindurch und sammelt sich in kleinen Gruppen vor den Wagen, in welche ohne Hast, Gedränge und schweigend eingestiegen wird.

Dagegen die brüllende Masse von Bulgaren, die sich boxend und tretend durch die Sperre auf den einfahrenden Zug stürzen, an ihm emporklettern, mit den Gewehren in der Luft fuchteln, einander umstoßen, in Massen in ein Abteil eindringen, wobei Scherben, Eßgeschirre, Flaschen herumfliegen! Leider ist es heutzutage in dem früher so geordneten Deutschland auch nicht viel anders.

Selten sah ich in einem solchen Getümmel einen bulgarischen Offizier den Versuch machen, Ordnung zu schaffen. Oft hat man bei den Bulgaren den Eindruck, als seien sie stark von dem türkischen Fatalismus beeinflußt.

Und ähnlich wirkte oft auf mich ihre Entschlußunfähigkeit, etwas mit letztem, starken Willensaufwand zum guten Ende durchzuführen. Lag es daran, daß sie niemals Byzanz eroberten? Sind sie so sehr vom Schicksal gedrückt worden, daß sie immer im letzten Moment verzweifeln, daß das Glück ihnen auch einmal zuteil werden könnte? Im Leben des einzelnen sah ich oft die Unfähigkeit, widerwärtige Verhältnisse in seiner Umgebung durch Willensaufschwung zu überwinden, daran schuld werden, daß großes Talent, edle Fähigkeiten sich nicht durchrangen. Auch sonst scheinen mir die Südslaven manche nationale Fehler mit uns Deutschen zu teilen. Ihre Zersplitterung in einzelne Stämme mit zäh festgehaltenen Stammeseigentümlichkeiten haben sie auch in den 1500 Jahren ihrer Geschichte verhindert, sich jemals zu einer großen Einheit zu vereinigen. Sind nicht sie und wir Völkergruppen, die wohl geeignet wären einander ein abschreckendes Beispiel zu geben und voneinander zu lernen? Sind wir nicht Schicksalsverwandte, die Sympathie für einander haben sollten und den Versuch unternehmen müßten, sich gegenseitig zu verstehen und zu helfen?

War man in einem großen Kreis bulgarischer Offiziere und Ärzte, so konnte es einem wie in einem entsprechenden Kreis von Deutschen ergehen. Man hatte das Gefühl, als könne man aus der Vielgestaltigkeit der Gesichter und Typen Schicksal und Geschichte der Natur ablesen.

Viele der älteren Offiziere sahen, ihrer Ausbildung und Tradition entsprechend, genau aus wie Russen, dieser glich einem Türken, jener war ein ausgesprochener Südslave; bei einem sah der Semit, auch wohl einmal der Armenier oder ein Tropfen Zigeunerblut hindurch, am sympathischsten waren mir diejenigen, welche bulgarischen Bauern glichen. Wie oft mußte ich beim Anblick einer solchen Gesellschaft denken, wie gleicht dies Volk uns in Schicksalen und unerfüllten Idealen. Es wäre doch der Mühe wert, sich in das Wesen und die Art dieser Nation zu versenken, von ihren Schicksalen zu lernen und ihr Streben nachzuahmen.

Statt dessen sah man vor allem bei unseren jüngeren Offizieren manch spöttisches Lächeln und hörte viele unfreundliche Bemerkungen über schlechte Manieren und über das Knoblauchessen. Das war weder Überhebung noch schlechte Meinung, sondern es war eine leichtfertige Verkennung der Rolle, welche jeder Deutsche dort zu spielen hatte. Es fehlte die zart sich äußernde Überlegenheit des wahren Kulturträgers, welcher so viel ausrichten kann und gerade dort ausgerichtet hätte. Unsere hochgebildeten bulgarischen Freunde hatten eine ganz andere Geschicklichkeit im Umgang, z. B. mit den Albanern. Ich werde im nächsten Kapitel davon erzählen.

Uns fehlte in diesen Dingen die Erfahrung und diejenigen, welche die Erfahrung und den Takt hatten, unsere Jugend und manchen Alten über den Umgang mit fremden Völkern zu unterrichten, waren nicht am rechten Ort dazu verwendet. Wieviel ist in dieser Beziehung bei uns versäumt und verfehlt worden. Unsere Truppen, die so lange mit den Bulgaren zusammen zu arbeiten genötigt waren, hätten über das Wesen, die Besonderheiten, die Fehler und Vorzüge unserer Bundesgenossen unterrichtet werden müssen. Sie hätten von der Tragik im Schicksal der Bulgaren etwas erfahren müssen; dann wäre jenes überlegene milde Urteil und das feine Verhalten erzielt worden, welches durch das Verständnis bedingt wird.

Daß dies Ziel in Zukunft hoffentlich mit besserem Erfolg erstrebt werden kann, dazu kann jeder beitragen, welcher einen etwas tieferen Blick in das Wesen eines Volkes getan hat, wozu manchmal Zufall und ein gewisses Ahnungsvermögen hilfreich sind. Wie manches im Wesen der Bulgaren sich durch ihre Geschichte erklären läßt, davon mögen die folgenden Schilderungen eine Vorstellung geben; sie stellen für mich ein Erlebnis dar, welches mir einen sehr tiefen Eindruck hinterließ.


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