ZWANZIGSTES KAPITEL

ZWANZIGSTES KAPITEL

DAS CHROMBERGWERK VON RADUSCHE

Es war ein interessanter Weg, der mich mit meinen Präparatoren an einem schönen Aprilmorgen (18. April 1918) das Wardartal aufwärts nachRaduscheführte. Der Kleinbahnzug war uns vor der Nase weggefahren und ein Marsch von etwa 20 km lag vor uns. Aber es wehte ein frischer Wind, die Landschaft prangte im schönsten Frühlingsgrün, große weiße Wolken zogen am tiefblauen Himmel dahin.

Links von uns erstreckte sich ein hoher Gebirgszug, mit demWodnobeginnend, nach Westen ziehend und so den Südrand des Wardartals bildend. Eine Schlucht von riesigen Dimensionen unterbrach die Kette; es war der Durchbruch derTreska, des mächtigen Nebenflusses des Wardar, der stärker als dieser, dem Flußlauf wohl den Namen gegeben hätte, wenn nicht der kleinere Wardar die Hauptrichtung des Flußsystems bestimmte. Blau ragte das schön umrissene, klar modellierte Gebirge hinter einem von Pappeln und Obstbäumen umhüllten Dorf auf. Es war ein Landschaftsbild von großer Schönheit und der für Mazedonien charakteristischen Farbigkeit, das Dorf mit seinen weißen Häusern und roten Dächern, seinem grünen Park und dem zarten Schleier der blühenden Bäume, in den großen Rahmen der Gebirgslandschaft gestellt.

Der Kleinbahnlinie folgend bogen wir in das Flußtal ein, dessen Windungen in die Berge führten. Eine lachende Frühlingslandschaft begleitete uns zunächst. Grüne Wiesen mit blühenden Obstbäumen, weiß überhauchten Weißdornbüschen und duftenden Blumen waren das richtige Tummelfeld vieler Vögel. Am Flußufer lauertenEisvögelvon den Büschen auf die kleinen Fische und stürzten sich, wie funkelnde Edelsteine aufblitzend, zum Wasser hinab (Alcedo atthis atthisL.).

Von den Obstbäumen sah man einen kleinen Vogel lustig tirelierend senkrecht in die blauen Lüfte steigen, um dann langsamzum Boden niederzuschweben. Es war derBaumpieper(Anthus trivialis trivialisL.), der genau so seinen Balzflug ausführte, wie ich ihn wenige Jahre vorher genau zur selben Jahreszeit im oberen Donautal beobachtet hatte. Über die Steine des Flußufers hüpften zwitschernd weiß-schwarzeBachstelzenund die gelbgeflecktenSchafstelzen.Stare(Sturnus vulgaris balcanicusStres.) und dieBalkanamselwetteiferten mit ihrem Gesang, die Erinnerung an den Frühling der Heimat wachzurufen. Besonders schön war hier das Lied derMönchsgrasmücke(Sylvia atricapilla atricapillaL.). Zwei andere Grasmücken, dieZaungrasmücke(Sylvia carruca carrucaL.) und dieDorngrasmücke(Sylvia communis communisLath.) huschten durch die Hecken. AuchKohlmeisenundBlaumeisenwaren beim Absuchen der Rinde der Obstbäume fleißig tätig.

So ging die Zeit unterm Beobachten schnell dahin, während wir flußaufwärts in öderes, winterlicheres Gelände kamen. Der Fluß machte mehrere große Windungen, trat an eine kahle Bergwand heran, welche in ein enges Tal umbog. Neben dem Fluß ließ die Schlucht gerade noch Raum für die schmale Straße und das Geleise der Schmalspurbahn, die hier steil emporzuklettern hatte.

Durch das Tal mit seinen rötlichen Felsenwänden erblickte man über dem steinerfüllten, brausenden Fluß ein Stück der Schardakhkette. Es war gerade der Teil um denLjubotren, der hier als prachtvolle Pyramide sich in der Mitte des Bildes stattlich abhob. Er wie die ihn umgebenden Berge waren noch tief herab mit Schnee bedeckt. So war es wieder ein malerisches Bild von großer Schönheit, das ich längere Zeit beim Ansteigen bewundern durfte.

Nach etwa einer Stunde erweiterte sich das Tal; wir kamen an die Endstation der Kleinbahn, die von Baracken und Schuppen umgeben war. Zahlreiche kleine Güterwagen standen auf Nebengeleisen, zum großen Teil schon mit Erzen beladen, um mit dem Nachmittagszug nach Üsküb befördert zu werden.

Vor uns erhoben sich die gewaltigen Halden des Bergwerks, welche hier die Nordhänge des Tals einnahmen. Oben am Berg standen verschiedene Häuser, das Wohnhaus des Direktors, ein Beamtenkasino, in welchem wir freundlich bewirtet wurden, und Verwaltungsgebäude.

Nach einem Besuch bei dem Direktor besichtigen wir das Werk, welches alsTagbaubetrieben und infolgedessen sehr leichtzu überblicken war. Einige der Hügel und Rücken des Berges bestanden aus Serpentin, welches vonChromeisenerzstark durchsetzt war. Dieses wurde durch oberflächliche Sprengungen in Trümmer zerlegt, welche auf kleinen Karren auf Schienen zu bestimmten Stellen gebracht und angehäuft und von da zu Tal gebracht wurden.

So machte die Landschaft einen öden Eindruck; Pflanzen wuchsen keine auf diesen Hängen, nur an den Rändern und in den Schluchten zeigte sich die übliche trockene Buschvegetation. Grünlich-grau war das Gestein, an einzelnen Stellen traten tiefschwarze Massen hervor; das war das chromreichste Erz. Dort wurde gesprengt und gearbeitet. Hier sah man dunkle Menschenmassen zusammengedrängt: hunderte von Arbeitern, welche die Gesteinsmassen in die „Hunde‟ schaufelten. Diese liefen auf schmalen Geleisen, die wagerecht den Hängen entlang verliefen. So war das ganze Gelände in Terrassen geteilt, welche parallel übereinander einige hundert Meter an der Talwand sich hinzogen.

Abb. 163. Radusche. Lage am Fluß, Bahnstation und Häuser.

Abb. 163. Radusche. Lage am Fluß, Bahnstation und Häuser.

Die erzhaltigen Steintrümmer wurden mit Klopfmaschinen zerkleinert, die Stücke sortiert, die gehaltreichsten Erze, die fast schwarz waren, von den grauen geringeren und diese von dem Grundgestein gesondert. Dieses blieb auf den Halden zurück,während das Erz in Körben auf einer primitiven Schwebebahn hinab zur Bahnstation gebracht und in die Güterwagen verladen wurde.

So bildeten sich an den Abhängen mächtige Schutthalden, von denen manche weiß wie Schnee von den bunten, meist grünlichen Felsen des Grundgesteins seltsam abstachen.

Dieses einfache Bergwerk war schon in Friedenszeiten abgebaut worden, aber infolge der geringen Rentabilität und der Transportschwierigkeit hatte es nie richtig floriert und lag meist still. Die Arbeiterzahl, die man dort in serbischer und früher in türkischer Zeit beschäftigte, hatte wohl niemals die Zahl 100 erreicht.

Abb. 164. Chromerz-Tagebau bei Radusche.

Abb. 164. Chromerz-Tagebau bei Radusche.

Zur Zeit meines Besuchs war dort großer Betrieb. Man beschäftigte gerade 3700 Arbeiter, meist Mazedonier und Albaner. Über ihre Leistungsfähigkeit, Arbeitsamkeit, Arbeitsdisziplin wurde sehr geklagt. Aber gearbeitet werden mußte doch mit allen Kräften. DennChromwar für die deutsche Heeresleitung ein wichtiger Artikel. Nachdem derWolframimport von Übersee, vor allem vonBirma, vollkommen abgeschnitten war, hatte man in Deutschland alle alten Werke, die Ersatzmetalle, wieMolybdänliefern konnten, wieder in Betrieb gesetzt, so kleine Bergwerke in den hohen Bergen der Alpen.

Aber deren Erträge waren ungenügend, angesichts der großen Mengen, die man zur Härtung des Stahls für Panzerplatten für Forts, Befestigungen, für die Marine brauchte. Es war ein schwerer Notstand, zu dessen Behebung alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Die einzigen Bergwerke, dieChromlieferten und in unseren Händen waren, lagen in Mazedonien und imtürkischen Kleinasien. NurRaduschewar von diesen einigermaßen günstig zu einer leistungsfähigen Bahnlinie gelegen. Die anderen Werke in Mazedonien, nahe beiDedeli, waren sehr klein und wenig ertragreich.

So liefert denn in jener ZeitRaduscheall dasChrom, welches wir zur Stahlhärtung bekamen. Es herrschte daher ein fieberhafter Betrieb dort und auf der Kleinbahn. Alles Geförderte wurde sofort abtransportiert, fuhr nach Deutschland und wurde dort gleich nach der Ankunft verarbeitet.

Man bekam hier einen Einblick in eine der vielen Nervenleitungen des Kriegsorganismus und lernte verstehen, wie außer politischen und militärischen Notwendigkeiten auch harter wirtschaftlicher Zwang die Besetzung eines Landes und das Halten einer Front unerläßlich machte.

Da noch viele anderewichtigeElemente des wirtschaftlichen Lebens aus dem Balkan flossen, ich erinnere nur an das serbische Kupfer ausBor, an dasOpiumfür die Arzneifabrikation, anReis,Getreide,Ölund all die Lebensmittel sowie dasPetroleumaus Rumänien, so wird man verstehen, welche Folgen der Zusammenbruch dieser Front auf alle Dispositionen unserer Heeresleitung haben mußte.


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