ZWEITES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

KALUCKOVA UND DAS FORSCHERHAUS

Aus der Entfernung sah das Dörfchen Kaluckova malerisch und einladend aus. Eine größere Anzahl steinerner Häuser, die einen weiß getüncht, die andern aus dunkelen, rauh behauenen Felsstücken erbaut, lagen am Hügelrand. Die meisten Häuser waren am Südhang gelegen und kletterten ein gut Stück bergan und in die drei Schluchten hinein, die sich im Dorfe vereinigten. Vor dem Ort breitete sich ein breites Schotterfeld aus, weiße und gelbliche, abgerollte Steine, dazwischen viel Sand und Schlamm, das Ergebnis der Arbeit der drei Schluchtbäche, welche an den Abhängen der Plaguša Planina ihre Quellen hatten. Über diese breite, helle Talsohle, die jetzt ganz trocken lag, führte ein schmaler Steg zu einer kleinen Häusergruppe am Westhang desTälchens. Vor diesen Häusern erhob sich eine riesenhafte, alte Platane, das Wahrzeichen vonKaluckova; sie war mehrere Meter dick, maß etwa 9 m im Umfang, war ausgehöhlt und breitete ihre Äste über einen großen Platz aus, den sie beschattete (Abb. 7). Hinter ihr ragte eine weiße Moschee mit einem Minaret in die Höhe, seitwärts von ihr stand ein helles, mehrstöckiges Haus, ehemals die Schule des Ortes; ihr schlossen sich noch einige wohlerhaltene Häuser und vor allem der einzige Bauernhof, der noch vollkommen erhalten war, an. Dies war eine Gruppe von Häusern, steil den Berg hinaufgebaut, ganz in Mauern eingeschlossen, wie eine Festung. Tomatenfelder und kleine Äcker schlossen am Talhang die bewohnte Region ab.

Abb. 6. Kaluckova mit Plaguša Planina in erhaltenem Zustand 1916.

Abb. 6. Kaluckova mit Plaguša Planina in erhaltenem Zustand 1916.

Schaute man sich die Häuser auf der südlichen Talseite genauer an, so bemerkte man, daß die meisten von ihnen Ruinen waren. Sie hatten keine Dächer, Türen und Fenster waren herausgerissen und die Wände zerbröckelten. Ein trauriges Ergebnis des Krieges, wie es alle die Dörfer ringsum betroffen hatte. Es waren aber nicht etwa Kampfzerstörungen, die an diesen Dörfern vorübergegangen waren. Im Herbst 1916 waren die damals längst von unseren und den bulgarischen Truppen besetzten Dörfer noch gut instand gewesen (Abb. 6), wenn auch von den meisten Einwohnern verlassen. Im Winter hatten die Häuser als Holzquelle gedient. Vor allem die bulgarischen Soldaten der benachbarten Lager hatten sich die Dachbalken, die Fensterrahmen, die Türen als Brennmaterial geholt und auch unsere Soldaten hatten sich an diesen Zerstörungen beteiligt. In dem holzarmen Lande war während des kalten Winters nichts anders übrig geblieben, als sich hier in der Nähe der Front große Mengen von Soldaten ansammelten, die kochen und warm haben wollten.

So bot denn das Dorf mit seinen halb- und ganz zerstörten Häusern einen traurigen Anblick dar. Trotzdem mußte es wieder bezogen werden; als ein Seuchenlazarett an dieser Front notwendig wurde, hielt man diesen Ort, der nicht weit der Bahn und Hauptstraßen lag, für besonders geeignet, da in seiner Nähe kein stehendes Gewässer sei. Man hielt es daher für malariafrei. Das stellte sich später als ein schwerer Irrtum heraus, gab mir aber zu besonderen Forschungen Anlaß, von denen in einem späteren Kapitel die Rede sein wird.

Als ich inKaluckovaankam, hatte man erst gerade begonnen, das Lazarett auszubauen. Einige Baracken waren in demMaulbeerhain am Nordhang des Tals aufgestellt, die Moschee, das Schulhaus und was sonst von Bauten noch brauchbar war, mit Krankenbetten belegt. Nur für die Ärzte, die Pflegeschwestern und die Sanitätsmannschaften war die Unterkunft zunächst sehr mangelhaft. Allmählich wurden aber die Ruinen wieder ausgebaut und so eine Anzahl erträglicher Quartiere eingerichtet, wobei andere der zerfallenen Häuser das Baumaterial lieferten und dabei fast vollständig vom Erdboden verschwanden. So waren ein Schwesternhaus, ein Ärztekasino im Haus des Chefarztes, Ärztequartiere, Räume für Mannschaften, Ställe für Pferde, Lager für Vorräte errichtet worden. Dazu kamen eine Apothekenbaracke und ein ganz brauchbares Laboratorium für Seuchenuntersuchungen.

Dr.Laserphot.Abb. 7. Die alte Dorfplatane von Kaluckova im Winter.

Dr.Laserphot.Abb. 7. Die alte Dorfplatane von Kaluckova im Winter.

Dr.Laserphot.

Abb. 7. Die alte Dorfplatane von Kaluckova im Winter.

Als ich am Abend des 19. Mai in Kaluckova eintraf, wurde ich in freundlicher Weise von dem Chefarzt des Seuchenlazaretts,Stabsarzt Halterempfangen. Vorläufig wurde ich mit mehreren Ärzten in einem größeren Schlafraum untergebracht. Bald aber wurde auch für mich ein Haus am Bergende des Dorfes auf luftiger Höhe ausgebaut, dessen Garten ein stattliches Portal mitder stolzen Inschrift „Forscherhaus‟ erhielt (Abb. 8). Dazu wurde die Hälfte des Laboratoriums mir zur Verfügung gestellt, so daß ich sofort meine Instrumente auspacken und mich zur Arbeit vorbereiten konnte. Eine sehr brauchbare transportable Laboratoriumseinrichtung, das sogenannte Münchner Feldlaboratorium, wurde mir vom Kollegen Brauer, der es von den Beringwerken erhalten hatte, in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt; so hatte ich bald ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und konnte mich sofort an die Erforschung der Gegend machen, auf die ich äußerst gespannt war. Der verständnisvollen Unterstützung, die mir Stabsarzt Halter gewährte, werde ich stets dankbar gedenken. Nun ging eine schöne, eindrucksreiche Zeit inKaluckovaund seiner Umgebung für mich an.

Abb. 8. Mein Wohnhaus in Kaluckova.

Abb. 8. Mein Wohnhaus in Kaluckova.

Im stillenForscherhaushabe ich manche ruhige Nacht, aber auch manche unruhige verbracht, zum Glück aber in den Monaten meines Aufenthalts nur einen Tag krank gelegen; in meinem einfachen Zimmer, am Haus und im Garten manche interessante Beobachtung gemacht.

In meinem Zimmer bauten Spinnen ihre Netze; von einer von ihnen habe ich im 19. Kapitel berichtet; nicht selten flattertenjunge Vögel zu mir herein. Weidende Rinder brachen in meinen Garten ein, in dem ich vergebens nach Regenwürmern grub. Ameisen bauten im und um das Haus ihre Nester. In der Lehmwand hatten Bienen ihre Nester gebaut, solitäre Bienen aus den GattungenAnthophoraundHalictus. Deren Bauten wurden von den metallisch roten und grünen prachtvollenGoldwespen,Chrysididen, umschwärmt, welche ihre parasitische Nachkommenschaft in die Nester zu den Larven einzuschmuggeln trachteten. DieDorfschwalbe(Hirundo rustica boissonneautiTemm.) baute und brütete unter meinem Dach, Sperlinge und Goldammern besuchten meinen Hof.

Dr.Laserphot.Abb. 9. Das Doktorhaus in Kaluckova mit dem Granatapfelbaum.

Dr.Laserphot.Abb. 9. Das Doktorhaus in Kaluckova mit dem Granatapfelbaum.

Dr.Laserphot.

Abb. 9. Das Doktorhaus in Kaluckova mit dem Granatapfelbaum.

Manche Nacht hörte ich dieMalariamückenum mein Moskitonetz summen, während die kleinenPappataccimückendurch dessen Maschen zu mir eindrangen und Nacht mit ihren schmerzhaften Stichen schlaflos machten. Dann war es wie eine Erlösung, wenn der Kraftwagen der Flieger aus dem Wardartal vor dem Haus anbrauste und die frischen jungen Männer mich mitten in der Nacht zu einem ihrer improvisierten Feste abholten.

An einen Haus- und Nachtgast denke ich mit besonderer Sympathie zurück. Es war der einzige Geckonide, eine kleine Eidechse, der im Wardartal vorkam, als südlicher Gast hier eingedrungen.Gymnodactylus kotschyiStud. hieß das kleine braungraue Tier, das sich in meinem Zimmer eingenistet hatte und mir da das Ungeziefer wegfing. Tagsüber hielt mein Tekkotekko sich verborgen. Nachts aber, sobald ich das Licht gelöscht hatte, begab er sich auf die Wanderung an Wänden und Decke meines Zimmers. Seine Zehen waren für das Laufen an glatten Wänden nicht ganz geschickt ausgestattet und so plumpste er manchmal mit lautem Knall auf den Zementboden des Zimmers herunter. Sein leiser, glockenartig tönender Ruf schallte traulich aus den Zimmerecken zu mir. So ließ ich das harmlose Tier leben solange ich das Zimmer bewohnte.

Abb. 10. Mein Standquartier Kaluckova. Im Hintergrund Marianska Planina und Mala Rupa. (Nach Aquarell des Verfassers. Abendstimmung Juli 1917.)

Abb. 10. Mein Standquartier Kaluckova. Im Hintergrund Marianska Planina und Mala Rupa. (Nach Aquarell des Verfassers. Abendstimmung Juli 1917.)

Es war eine ganz seltsame Landschaft, die mich hier umgab, eine Landschaft, wie ich sie noch nicht kennen gelernt hatte. Um den Grund des Baches und seiner Zuflüsse stiegen nach allen Seiten steile Hügel an. Sie reihten sich meist in Ketten den Bachschluchten entlang an, selbst durch Nebenschluchten voneinandergetrennt. So war es ein schwieriges Klettergelände, wollte man seitlich der Schluchten ins Gebirge hinauf. Jeder Hügel überragte seinen Nachbarn in der Kette und war von ihm durch eine tiefe Schlucht getrennt. Und alle diese Hügel sind auf ihrem Rücken von kurzem Buschwerk bedeckt, das meist in Gruppen vereinigt ist, die jeweils durch schmälere und breitere Rasenstrecken voneinander getrennt sind. So waren in dieser Jahreszeit die Hügel ganz grün, der meist hellgrüne Rasen gefleckt mit den dunkelgrünen Büschen. Dazwischen stachen höchst auffällig und grell das Gestein und die Gerölle der Abstürze und der Schluchtenränder mit ihrer rotgelben und dunkelroten Färbung ab. Und in all den Schluchten rauschte und rieselte in dieser Jahreszeit reichliches Wasser, doch immerhin nur soviel, daß es im Schotterbett des Unterlaufs der Bäche vollkommen versickerte.

Hügel über Hügel reihte sich bergan, bis in etwa 500 bis 600 m Höhe breitere Rücken und Halden sich anschlossen, die schließlich noch durch tiefe Täler von den steilen Felsabstürzen des Plaguša-Gebirges getrennt waren. Letzteres zog sich von Nord nach Süd als eine Kette von schroffen Spitzen dem Wardartal parallel. Im grellen Mittagslicht war das ganze Gebirge durch zahllose, gradlinig begrenzte Schattenflecke gegliedert. Grau und kahl überragte es die grünen Hügel des Vorlandes und einige höhere Zwischenberge, von denen einer von unseren Soldaten, da er aus dem dürren Lande so auffallend hervorstach, als derGrünbergbezeichnet wurde.

In diesem Gebiet habe ich in den nächsten Monaten und im Frühling 1918 eine Menge von interessanten Beobachtungen an Pflanzen und Tieren gemacht. Es erwies sich als ein biologisches Eldorado und die Wahl des Standquartiers als sehr geeignet.

Die Pflanzenwelt Mazedoniens stellte in ihrem Gesamteindruck wohl für die meisten Deutschen eine große Überraschung dar. Der Deutsche ist gewohnt, wenn er von seiner Heimat südwärts reist, in eine Landschaft von mediterranem Typus etwa in Südtirol, in Oberitalien oder in Südfrankreich zu gelangen. Er erwartet Pinien und Zypressen, sucht Lorbeer und Myrthen, Orangen- und Zitronenbäume.

Nichts davon bekommt man im eigentlichen Mazedonien zu sehen. Die typische Mittelmeerflora mit ihren malerischen Bäumen, mit der Pflanzenwelt der Macchien ist auf dem Balkan nur in Meeresnähe vertreten, also in Dalmatien, in Griechenland und ander thrakischen Küste. Die mazedonische Landschaft sieht ganz anders aus; ihr fehlen jene, ebenso wie Ölbäume, Erdbeersträucher und alle anderen Pflanzen, welche der italienischen Landschaft ihren besonderen Reiz verleihen. Wo die Bodenfeuchtigkeit genügt, werden sie durch Pappeln, Ulmen, Eichen ersetzt, Weiden und Erlen, Ahorn, Hainbuchen erinnern mehr an deutsche Gaue.

Auf den trockenen Hügeln, also im Wardartal von Üsküb bis Gewgeli, bei Prilep, Monastir, an den Seen herrscht Buschvegetation vor; manchmal finden sich dichte, fast undurchdringliche Massen, sehr häufig sind lockere Bestände: Gruppen von Büschen sind getrennt durch Flächen, welche mit Gras und Kräutern bedeckt oder ganz vegetationslos sind. Und dieBüschesind meist klein und niedrig, rundlich geformt. An vielen erkennt man bekannte Blätter, wie Brombeeren, Weißdorn, andere muten fremdartig an, wie der stachliche Judendorn (Patiurus aculeatusLam.) (Abb. 11) und die Stacheleiche (Quercus cocciferaL.). Andere sind wir gewohnt als Bäume zu sehen, so weichblätterige Eichen, Feldahorn, Hainbuchen. Dazwischen kommen in manchen Lagen Wachholderbüsche vor.

Dr.Laserphot.Abb. 11. Judendorn (Paliurus aculeatusLam.) bei Kaluckova.

Dr.Laserphot.Abb. 11. Judendorn (Paliurus aculeatusLam.) bei Kaluckova.

Dr.Laserphot.

Abb. 11. Judendorn (Paliurus aculeatusLam.) bei Kaluckova.

Gerade im Frühling war die Fülle der Pflanzen und Tiere auf den Hügeln unermeßlich. Die dunklen Büsche bestanden in der ganzen Gegend fast ausschließlich aus einem dichten Gestrüpp mit harten, stachelichen, glänzenden Blättern. Zunächst glaubte man etwas Ähnliches vor sich zu haben, wie die Stechpalme des heimischen Schwarzwaldes. Sah man genauer zu, so fand man eigenartige Blütenträubchen, manchmal jetzt noch vertrocknet am Busch Früchte, die genau wie unsere Eicheln aussahen, Körbchen und Eicheln lagen zum Teil noch vom Herbst am Boden herum und später im Jahr waren die Büsche reichlich mit Eicheln bedeckt. Es war also eine Eiche, die man wohl dieStacheleichenennen darf (Quercus cocciferaL.), ein Gewächs, das keiner vergessen wird, der einmal in diesem Gebiet gelebt hat (Abb. 12und16).

Dr.Frischholzphot.Abb. 12. Bebuschte Hügel (hauptsächlichQuercus coccifera) in der glühenden Sommersonne Mazedoniens (bei Gradec).

Dr.Frischholzphot.Abb. 12. Bebuschte Hügel (hauptsächlichQuercus coccifera) in der glühenden Sommersonne Mazedoniens (bei Gradec).

Dr.Frischholzphot.

Abb. 12. Bebuschte Hügel (hauptsächlichQuercus coccifera) in der glühenden Sommersonne Mazedoniens (bei Gradec).

Jetzt im Frühling sah der Strauch, aus der Nähe betrachtet, sehr reizvoll aus. Die neuen Zweige waren mit hellgrünen, am Rande rötlich schimmernden, zarten Blättern bedeckt. Deren Stacheln waren noch weich, so daß man ruhig mit vollen Händen hineingreifen konnte. Allerdings mußte man dabei im Gebiet der jungen Sprosse bleiben; griff man in die alten hinein, so zerstach man sich an deren scharfen Stacheln die Finger abscheulich.

Zwischen den Büschen stieg ich die steilen Hügel aufwärts, bald am Steilrand einer Schlucht, bald über eine scharfe Felsenkante, dann wieder auf blütenreichem Wiesenpolster; wo Fußpfadeund Herdenspuren verfolgbar waren, zogen sie sich vielfach geschlängelt durch das Stacheleichengestrüpp.

Mit denStacheleichenbildeten andere stacheliche, dornige Sträucher die Gebüsche; alle hatten harte, glatte oder dickwollige Blätter. Diese ausdauernden Sträucher waren durch allerhand Schutzmittel gegen tierische Feinde geschützt. Sie alle besaßen Stacheln, Dornen, Behaarung, zum Teil auch lederige Blätter. Trotz dieses Schutzes zeigten sie besonders an dem jungen Zuwachs Anzeichen von Benagung durch Weidetiere. Diese sind hier im Lande die grimmigsten Feinde der ausdauernden Pflanzen. Vor allem die so viel gezüchteten Ziegen mit ihrer unersättlichen Gefräßigkeit lassen keinen Baumwuchs, kein höheres Buschwerk aufkommen, es sei denn die Pflanze durch gute Waffen gegen die Zudringlichkeit des Tieres geschützt. Was sie vor Tieren schützt ist vielfach gleichzeitig Schutz vor Austrocknung. Denn viele Feinde bedrohen auf den mazedonischen Hügeln die Pflanzenwelt, und unter ihnen ist neben den Ziegen die Trockenheit der Sommermonate wohl der gefährlichste.

Abb. 13. Hügel bei Kaluckova im Frühling.

Abb. 13. Hügel bei Kaluckova im Frühling.

Jetzt schon im Mai war die Erde auf den Hügeln von außerordentlicher Härte und Trockenheit; riß man einen Grasbüschelaus, so war die an seinen Wurzeln hängende Masse schon leicht staubig und sehr steinreich. Es war erstaunlich, daß trotzdem eine solche Fülle von Pflanzen im Hügelgelände wuchsen und blühten. Sie mußten besonders gegen Austrocknung geschützt sein; die große Mehrzahl von ihnen waren zudem ganz kurzlebige einjährige Pflanzen.

Abb. 14. Buschvegetation der Hügel bei Kaluckova. Sommersanfang.

Abb. 14. Buschvegetation der Hügel bei Kaluckova. Sommersanfang.

Viele der Hügelblumen dufteten stark und an den windstillen Maimorgen war die Luft von köstlichen Gerüchen erfüllt, in denen eine mannigfaltige Insektenwelt schwirrte und summte.ThymianundKamillenbildeten an vielen Stellen große Beete und Polster zwischen Steinen und Gebüsch. Sehr auffallend war eine rosa-gefärbte, großblütige Cistrose. Strohblumen, Labkräuter, Lichtnelken, Goldklee mischten ihren Duft mit jenen. Verschiedene Kleearten, weiß und rotblühend, waren von zahlreichen Bienen umsummt. Das waren meist solitäre Bienen, welche in der Nähe im Boden bauten. An einzelnen Stellen fand sich ein rundes Loch neben dem anderen im lehmigen Boden; da flogen die Bienen unablässig einundaus.

Der Artenreichtum der auf den Hügeln jetzt gerade blühenden Pflanzenwelt war außerordentlich groß. Sie bildeten einen bunten Blütenteppich von wunderbarer Pracht. Von einzelnen der Pflanzen fanden sich an einzelnen Stellen große Bestände. So leuchteten an einem Abhang große Flecken einer gelben Schafgarbe, neben ihnen war die Halde mit einer roten Wicke bedeckt. Über diesen Blumen schaukelten im Morgenwind die Ähren eines großen Zittergrases, die mindestens dreimal so groß waren, als bei unseren deutschen Arten. Die großen herzförmigen Ährenließen ein leißes Rascheln ertönen, wenn der Wind sie bewegte. Zarte Lichter wurden von ihrer matten, silberigen Oberfläche gespiegelt.

Dr.Laserphot.Abb. 15. Diptam (Dictamnus albusL. var.macedonicusBorb.).

Dr.Laserphot.Abb. 15. Diptam (Dictamnus albusL. var.macedonicusBorb.).

Dr.Laserphot.

Abb. 15. Diptam (Dictamnus albusL. var.macedonicusBorb.).

Als ich die Hügel wieder hinabstieg, blieb mir Zeit, einige Pflanzen genauer zu betrachten, denen ich beim Anstieg bei der Fülle der Erscheinungen weniger Beachtung geschenkt hatte. Zarte phantastische Blumen von rotvioletter Farbe bildeten prachtvolle Sträuße, die einen betäubenden aromatischen Geruch ausströmten. Es war der Diptam (Dictamnus albusL. var.macedonicusBorb.) (Abb. 15), bei uns in Deutschland eine große Seltenheit an klimatisch bevorzugten Stellen. Hier standen die Büsche in üppiger Fülle; die großen Sträuße, die man von ihnen ins Quartier mitnahm, wurden durch die Stärke ihres Geruchs bald unangenehm. Versuche auch bei dieser Form, wie es sonst beschrieben wurde, das ausgespritzte ätherische Öl zu entzünden, mißlangen mir bei der hier vorkommenden Art.

Einen eigenartig phantastischen Anblick bot eine Pflanze dar, die unten an den Hügelhängen in großer Menge vorkam. Es war ein riesiger Aronsstab, dessen purpurbraune Blüte in einem Strauß hellgrüner Blätter steckte. Die Pflanze ragte meist über einen Meter hoch aus Stacheleichenbüschen hervor, wie das nebenstehende Bild zeigt (Abb. 16). Eigenartig leuchtete der gelbgrüne Stempel auf dem tiefbraunen Grunde des Becherinnern. Ein unangenehmer Aasgeruch entstieg dem Kelch, in dem kleine Fliegen in Menge sich sammelten, um da die Befruchtung zu vermitteln.

Wo man über die Hänge schaute, überall sah man die mächtigen Pflanzen mit ihren Knospen und offenen Blüten emporragen. Fast nie aber standen sie frei zwischen den Büschen, sondern die meisten von ihnen ragten aus stachelichen Büschen hervor, meist aus denen der Stacheleichen. Offenbar waren nur diejenigen Individuen dieser Pflanzenart (Dracunculus vulgarisSchott.) von den weidenden Tieren verschont geblieben, welche innerhalb von Stachelsträuchern ausgekeimt waren. Es mutete direkt wie ein Symbioseverhältnis zwischen den zwei Pflanzen an, wenn man stets die zartblättrigen Aronsstäbe aus den stachelichen Gebüschen herausschauen sah. Auch sonst habe ich nicht selten in Mazedonien zarte Pflanzen in solcher Weise Schutz im Gehege stachelicher Sträucher suchen sehen.

Über den Blumen schwebten zahlreiche Schmetterlinge, vor allem Bläulinge, Weißlinge und Scheckenfalter. Die Arten warenden deutschen Formen sehr ähnlich, doch ließen sich stets gewisse Unterschiede erkennen. Ganz außerordentlich zahlreich flogen hier die Bienenarten. Auf den Blüten versammelten sich Käfer, Blattwanzen, Schlupfwespen, Fliegen verschiedener Arten.

Abb. 16. Aronsstab im Schutz der Stacheleiche (Dracunculus vulgarisSchott. inQuercus cocciferaL.).

Abb. 16. Aronsstab im Schutz der Stacheleiche (Dracunculus vulgarisSchott. inQuercus cocciferaL.).

Zwischen den Pflanzen waren kahle Stellen, bedeckt mit Steinen, Erde, Sand und Geröll. Dort war alles von einem eigenartigen Tierleben erfüllt. Außer Bienen hatten im Lehm zahlreiche Raubwespen ihre Bauten. Ameisen arbeiteten eifrig an ihren Erdbauten und es war auffällig zu beobachten, daß so viele ihrer Arten in der Erde bauten; um die Ausgänge ihrer Nester fand sich bei einer ganzen Anzahl nicht näher untereinander verwandter Arten jeweils ein Ringwall von Bauschutt. Steinchen undSandkörner waren aus der Tiefe herausgeholt und um den Nestausgang angehäuft. Man konnte das gleiche bei Arten vonMessor,TetramoriumundCataglyphisbeobachten. Offenbar herrschte bei allen rege Bautätigkeit, denn überall sah man sie aus den Nestern herauskommen und auf ihren Straßen wandern, die schwarzen Körnersammler, die gelben Rasenameisen und merkwürdig bunt gefärbte, in merkwürdiger Haltung sehr flink umherhuschende Cataglyphisarbeiter.

Wo in einer Mulde etwas Sand und Staub zusammengeblasen oder angeschwemmt war, da hatten in dem lockeren MaterialAmeisenlöwenihre Trichter gebaut. Es waren weite, tiefe Trichter, an deren Grund schon entwickelte große Larven saßen, die emsig Ameisen fingen. Wie ich später feststellen konnte, waren es besondere, von den unserigen abweichende Arten.

Dr.Laserphot.Abb 17. Fruchtstände vonDracunculus vulgarisSchott. Der eine normal, der andere abnorm verdoppelt. Im Gebüsch vonQuercus cocciferaL.

Dr.Laserphot.Abb 17. Fruchtstände vonDracunculus vulgarisSchott. Der eine normal, der andere abnorm verdoppelt. Im Gebüsch vonQuercus cocciferaL.

Dr.Laserphot.

Abb 17. Fruchtstände vonDracunculus vulgarisSchott. Der eine normal, der andere abnorm verdoppelt. Im Gebüsch vonQuercus cocciferaL.

Durch die Büsche strichen Buchfinken und Ammern. Würger saßen auf den höchsten Zweigen. Eine Turteltaube stieg vor mir auf, während zwei große Falken durch die Luft strichen.

Die Mittagssonne zitterte schon über der weiten Ebene bis zum Wardar, als ich zu meinem Quartier wieder abstieg. Bald hatte ich an steilen Felsen zu klettern, bald konnte ich eine Strecke über trockenen Rasen zwischen den Büschen wandern. Vor mir breitete sich das Tal aus, in welches weite Schuttdeltas der Bäche sich erstreckten, und wo zwischen den Maulbeerhainen die Zelte und Baracken unserer Truppen hervorlugten. Aus der Gegend des Doiransees hörte man Geschützfeuer. Zwei feindliche Flieger schwebten zu meinen Häupten und erkundeten unsere Stellungen.

Dr.Frischholzphot.Abb. 18. Sommerliche Schlucht bei Gradec.

Dr.Frischholzphot.Abb. 18. Sommerliche Schlucht bei Gradec.

Dr.Frischholzphot.

Abb. 18. Sommerliche Schlucht bei Gradec.


Back to IndexNext