ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GOPES
Gopesist auch eine Aromunenstadt oder richtiger ein großes Dorf mit städtischen Häusern, hochgelegen, wie die meisten Ansiedlungen dieses Volkes. Viermal bin ich in das Gebirge gereist, in welchem dieser Ort 1200 m hoch liegt. Jedesmal erfolgte die Reise mit anderen Hilfsmitteln und zu anderer Jahreszeit und brachte so verschiedene Eindrücke, daß es sich lohnt, die verschiedenen Reisen nach Gopes kurz zu schildern.
Mein erster Besuch, eine Rekognoszierung, führte mich in gutem Auto des A.O.K. XI in einem Tag vonPrilepnachGopesund wieder zurück. Es war in den 18 Stunden, die er für mich dauerte, ein reicher Tag, der frühe Morgen hatte mich über die Ebene wieder nachKrivogastanigebracht, dann am Gebirge entlang überBucinlängs der Cerna nachMurgas. Kurz hinter diesem Ort geht es an einen Nebenbach, die Mramoriča (auch Smileva Reka genannt) und diese aufwärts zum DorfSmilevo, von wo es in sehr steilen Kurven nach Gopes hinauf führte. Es war ein köstlicher Genuß, an dem schönen, klaren 20. Juni 1917 durch die grüne Landschaft am rauschenden Bach entlang zu fahren. Ein kühler Morgenwind beugte die Pappeln, Weiden und Obstbäume. Grüne Wiesen breiteten sich neben gutgepflegten Feldern aus. Der Weg und der Bach treten bald auf die eine, bald auf die andere Seite des Tales. Schließlich führte eine Flußbrücke zu dem kurvenreichen Bergweg, der mich schnell nach Gopes brachte.
Ein malerischer Blick öffnete sich vor mir durch den sommergrünen Buchenwald auf das StädtchenGopes.
Es war der erste größere Buchenwald, den ich nach kurzem Aufenthalt in Mazedonien kennen lernte; die silberglänzenden, grauen Stämme, zum Teil alt und knorrig, das flirrende Laub, das sich vom wolkenlos blauen Himmel abhob, der Gesang der Vögel aus den Kronen der Buchen stimmten mich von vornherein empfänglich für all die Naturschönheit, die mich da oben erwartete. Jede Kurve gab einen neuen Ausblick auf die für mich ganz neuartigeStadt mit ihren großen Häusern, ihren steilen Gassen, den Gruppen von Obstbäumen, Erlen, Pappeln, welche keine solche Wirkung von Mauern und Steinen aufkommen ließen, wie sonst in mazedonischen Städten. Als anmutiges Landstädtchen erschien mirGopes, umgeben von einer großzügigen Gebirgslandschaft. Schroff stürzten die Hänge hunderte von Metern in die Täler hinab; aber es waren nicht kahle Felsen, sondern grüne Wiesen, umrahmt von Hecken und Buschwerk, abwechselnd mit Gruppen schön gewachsener Bäume und kleinen und größeren Wäldern. Frische Gebirgsluft wehte durch die Gassen, deren Häuser in der Bauart reiche Abwechslung zeigten; manche waren mit Holzveranden und Vorbauten geziert; überhaupt Holzwerk und Hausteine an den unteren Stockwerken brachten eine bunte Mannigfaltigkeit ins Straßenbild, die noch gesteigert wurde durch die Verschiedenfarbigkeit der Dächer, die mit roten Ziegeln, häufiger aber mit grauen Schieferplatten gedeckt waren. Ein warmes, heiteres Bild, ohne die Grellheit der türkischen Städte, gehoben durch die Durchblicke auf die Wälder und die grandiosen Bergformen, welche nach allen Seiten sich über die Ortschaft erhoben.
Vermessungsabt. 21. phot.Abb. 246. Gopes im Sommer.
Vermessungsabt. 21. phot.Abb. 246. Gopes im Sommer.
Vermessungsabt. 21. phot.
Abb. 246. Gopes im Sommer.
Den Eindruck, den Gopes auf mich gemacht hatte, entsprachdie Aufnahme, die ich dort fand; ebenso war die wissenschaftliche Ausbeute, welche der kurze Besuch mir dort brachte, sehr erfreulich. Ohne lang zu zögern, hatte ich eine Exkursion auf einen Berg über dem Ort unternommen, über den ein Paß zur StadtResnaführt. Beim Aufstieg weitete die Landschaft um mich sich mehr und mehr, tiefe Einblicke in die Täler öffneten sich und das ganze Bild war von dem stolzen Kegel desPeristerigekrönt. Noch lag reichlich Schnee auf seinen Hängen; in kühler Bläue überragte er die warme, farbige Landschaft.
Der Berg, den ich hinanstieg, war von einem stattlichen Buchenwald bedeckt; lauschige, schattige Pfade führten durch ihn hindurch. Bei diesem meinem ersten Besuch konnte ich noch die waldreiche Umgebung von Gopes in ihrer vollen Schönheit bewundern. Jeder spätere zeigte mir den Waldbestand ausgeraubt und kläglich gemindert. Bei meiner letzten Durchreise durch Gopes waren in der nächsten Umgebung des Ortes nur noch kümmerliche Baumgruppen übrig geblieben.
An den Schluchten standen aber im Juni 1917 noch prachtvolle Stämme weichblätteriger Eichen, Weiden, Pappeln, Haselnuß, an denen Efeu kletterte. Oben breiteten sich zwischen ihnen auf Lichtungen üppig grüne Waldwiesen aus; am Waldrand waren große Flächen vonAdlerfarnbedeckt. Den Rand der Wiesen faßten duftende Wildrosen, Brombeersträucher, Weißdorn ein. Und welche Blütenpracht bedeckte den Boden der Wiesen; hier in etwa 1500 m Höhe war noch voller Bergfrühling. Dem entsprach auch der Reichtum der Insektenwelt, besonders der Schmetterlinge, die hier meine Aufmerksamkeit fesselten.
Unter den letzteren waren es charakteristische Gebirgsformen, die hier sich zeigten; so unter den Scheckenfaltern, wieMelitaea didyma, von der bei Kaluckova die südliche Form geflogen war, gab es hier den nördlichen Vertreter;Melitaea attalia mehadiensisGelh. ist ein typischer Gebirgsschmetterling. Von der GattungParargefand ich einen Vertreter unseres Mauerfuchses (P. maeraL.), in einer interessanten Form (Übergänge zuadrastaHübn.), und die eigenartigeP. roxellenaKr. Scharen leuchtender Bläulinge umschwebten die Wiesenblumen, soCephyrus quercusL. undLycaena semiargusRott.,L. amandusSchn. Dazwischen zog der altbekannte goldbraune Silberstrich (Argynnis paphiaL.) seine stolzen Kreise. Mit ihm flog ein zweiter Perlmutterfalter (Argynnis daphneSchiff.).
Die schönste Überraschung war aber ein echter Alpenfalter, eine mit demApolloverwandte Form, eine auffallend kleineMnemosyne, die hier in zahlreichen Exemplaren flog. Es war eine anstrengende Jagd in der strahlenden Sonne, bei der mir ein junger Soldat, der mir als Begleiter mitgegeben war, eifrig half. Es gelang, eine ganze Anzahl dieses schönen weißen Schmetterlinges zu erbeuten.
Auf den blühenden Sträuchern taten sich wohl die metallisch glänzenden Rosenkäfer (Cetonia auratavar.tunictaReit.). Am schattigen Boden lief der grünglänzende Puppenräuber (Calosoma sycophantaL.) auf der Suche nach Raub herum.
Abb. 247.Mnemosyne sp.Form von Gopes.
Abb. 247.Mnemosyne sp.Form von Gopes.
Von Fliegen erinnere ich mich an eine lebhafte Hummelfliege (Hemipenthes morioL.) und die auffallende RaubfliegeLaphria flavaL. Von Bienen flogenAndrena gwynanavar.aestivaK.,Anthophora KessleriMor. und die schöneXylocopa valgaGersh. (vgl. auch Abb. 187, S. 375) umher; eine Schmarotzerbiene (Melecta lactuosaScop.) und eine stattliche Hummel (Bombus haematurusKriechb.) schwirrten am Boden entlang.
Noch manches interessante Tier konnte ich in den wenigen Stunden, die mir an diesem Tag gewährt waren, beobachten. Um so dankbarer empfand ich dies, als ich im nächsten Jahr kaum einen Monat später bei einer neuen Exkursion nachGopeseine ganz veränderte Fauna, keine einzige der diesmalbeobachtetenArten, mehr vorfand.
Der Aufenthalt hier oben weckte in mir zwei Pläne, die im nächsten Jahr zur Ausführung gelangten. Ich beschloß beim Anblick desPeristeri, diesen eigenartigen Berg zu besteigen und seine Natur kennen zu lernen. Noch stärker zog es mich in dieTiefe, als ich von der Paßhöhe nach Westen und Südwesten blickte. Frei lag vor mir eine weite Ebene, in deren Mitte die StadtResnamit ihren weißen Häusern aufblinkte. Die Ebene war eingefaßt von einer Kette hoher Berge, hinter denen diealbanischen Gebirgeauftauchten.
Zwischen dem Berg, auf dem ich stand, und jenen fernen Ketten aber blinkte im Süden im zarten Duft der Spiegel desPrespaseesauf. Also so nahe zu meinen Füßen lag dieser schöne blaue See und ähnlich mußte jenseits jener Bergkette derOchridaseeliegen, von dessen Schönheit viele Berichte mir geworden waren.
Ganz anders sah die Landschaft umGopesaus, als ich einige Monate später auf der Fahrt zum Ochridasee sie durchreiste. Da war auch hier viel verdorrt und verbrannt, Pflanzenwelt und Tierwelt vollkommen verändert.
Und noch mehr umgewandelt erschien sie mir, als ich am 18. Dezember 1917 eine Winterfahrt nachGopesunternahm. Als ich im Auto durch die Ebene von Prilep fuhr, da strahlten alle Gebirge, welche sie umgeben, in einem schimmernden Schneegewand. Nicht nur der hohePeristerimit seinen Nachbarbergen, die ganzen Mittelgebirge lagen in tiefem Schnee. Da genoß ich auf der Fahrt in der Ebene ein wundervolles Schauspiel. Erstaunlich war schon die Menge von Elstern, Dohlen, Raben, Krähen, die sich bei der winterlichen Kälte in der Nähe der Dörfer angesammelt hatten. Auffälliger waren die großen Zahlen vonKiebitzen, die an den Gräben herumflogen und vor allem derFalken, die trotz der Kälte hier ausgehalten hatten.
Das Seltsamste waren aber die Massen vonWildgänsen, die sich in der Ebene von Prilep in diesen Tagen angesammelt hatten. Schon bei der Fahrt durch Serbien und Nordmazedonien hatte ich große Mengen dieser Vögel an den Flüssen gesehen. Vor allem im Wardar schwammen an jeder Windung, in jeder Bucht eine Anzahl Paare dieser stattlichen Vögel, meist gleichzeitig mit Stockenten und anderen Wildenten. Hier aber auf der Ebene von Prilep waren ihrer gewaltige Massen versammelt.
GOPES.
GOPES.
Woher mochten sie alle kommen? Alle paar Minuten flogen 100 bis 200 Stück vor meinem Wagen auf, ganze Wolken von ihnen zogen am Himmel dahin. Schließlich durfte ich die Zahl, die vor mir aufgetaucht und an mir vorbeigeflogen war, auf 20000 schätzen. Sie waren auf dem Zug aus dem Norden hier angelangtund hatten im Lande Station gemacht. Weitere Zuzüge kamen ständig an und offenbar war der Zug weiter nach Süden gerade in dieser reichen Ebene der Pelagonia zum Stocken gekommen. So war eine Stauung entstanden, welche zu den Massenansammlungen führte.
InLeraerwartete mich ein Pferdewagen, der mich den Berg hinauf durch tauenden Schnee und Schmutz nachGopesbrachte. Zum Schluß der Fahrt kam ich in Nebel; dessen Schwaden zogen zwischen den alten Buchen und Eichen dahin, öffneten gelegentlich den Ausblick auf schneebedeckte Halden und in die tiefen Schluchten und Täler; Krähen und Dohlen flogen krächzend von Baum zu Baum. Es war ein reizvoller Anblick, den der verschneite Ort mit den schwer beladenen Dächern darbot, so ganz anders als im Sommer und doch fast schöner in den malerischen Einzelbildern, welche Bäume und Häuser darboten.
Abb. 248. Haus mit Veranden in Gopes.
Abb. 248. Haus mit Veranden in Gopes.
Es war eine eigenartige Aufgabe, welche ich diesmal mitten im Winter in Gopes zu erfüllen hatte. Ich brachte dem Etappeninspekteur der XI. Armee, Exzellenzvon Krane, das Ehrendoktordiplom der naturwissenschaftlichen Fakultät der UniversitätFreiburg im Breisgau, meiner damaligen Fakultät. Es war dies eine Ehrung des Generals, welcher durch sein Eintreten für unsere Kommission der Wissenschaft wertvolle Dienste geleistet hatte. Das wurde in einem eigenartigen Fest kurz vor Weihnachten in der entlegenen Gebirgslandschaft gefeiert. Der General hatte zu der Festlichkeit alle Doktores aller Fakultäten, die bei den in der Umgebung verteilten Truppen an der Front standen, eingeladen.
Es war ein feierlicher Augenblick, als ich im Kreis dieser stolzen Schar, angetan mit dem Amtstalar meiner Fakultät, das Ehrendiplom entrollte, verlas und mit einer Ansprache überreichte, in der ich die Verdienste des Heeres um die Erforschung des Landes, die enge Verknüpfung, welche der Krieg zwischen Armee und Gelehrten gebracht hatte, hervorhob und das Verdienst des Generals dabei betonte. Bei seinem Dank war der General so gerührt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Dabei wirkte auf ihn, wie auf uns alle, die ganz eigenartige Situation, unter der der feierliche Akt sich vollzog. In dem kleinen Zimmer des Aromunenhauses, dessen Beleuchtung für den Abend nach Möglichkeit gesteigert war, hatte sich um uns eine glänzende Gesellschaft geschart. Sie kamen aus den Stellungen und Unterständen, die sich an der Grenze Griechenlands im Hochgebirge hinzogen, waren oft manchen Kilometer weit auf Gebirgssteigen geklettert und geritten, um diese friedliche Feier mitzumachen.
Den nächsten Tag, den ich noch in Gopes verweilen mußte, verwandte ich zu einer Besteigung einer beschneiten Höhe, die sich über Gopes erhebt. Es war die Kuppe 1680, über jenem Paß nachResna, an welchem ich im Juni so gute Insektenausbeute gemacht hatte. Es ging wieder durch den beschneiten Buchenwald, anfangs auf schlammigen Pfaden, die weiter oben gefroren und von Glatteis überzogen waren. Später bedeckte Weg und Waldboden tiefer Schnee, so daß kein Pfad mehr zu erkennen war.
Durch den Schnee führten zahlreiche Tierspuren, welche auf Füchse und eine Spur, welche auf einen Wolf deuteten. Letzteres war durchaus nicht unmöglich, denn man hatte mir abends die Photographie eines dicht beiGopeserlegten Wolfes gezeigt und auch Bären kamen im Gebiet vor.
Um in dem pfadlosen Schnee in der grenzenlosen Bergeinsamkeit eine Orientierung zu haben, bewegte ich mich gegen eine Kuppe, die ein trigonometrisches Signal trug. Noch schien starke Nachmittagssonne, ein dunkelblauer Himmel stach scharfvon den weißen Schneeflächen ab, auf welchen tiefblaue Schatten lagen. Immer prachtvollere Blicke taten sich vor mir auf, hinunter auf die Ebene beiResnaund nördlich desPrespaseesund vor allem nach Süden auf den edelumrissenen Block desPeristeri.
WINTERLANDSCHAFT UND WOLKENMEER AM PERISTERI von Höhe 1800 bei Gopes.
WINTERLANDSCHAFT UND WOLKENMEER AM PERISTERI von Höhe 1800 bei Gopes.
Als ich auf der Kuppe angelangt war, begann der Tag sich zu neigen, gelber begann das Sonnenlicht die Schneeflächen zu färben. Aus der Tiefe stiegen Nebelschwaden auf, welche in die Täler eindrangen und diese allmählich erfüllten. Immer weiter breiteten sie sich aus und bedeckten schließlich wie ein weites Meer die Ebene, während gleichsam Buchten und Häfen sich in die Täler und zwischen die Berge erstreckten. Es war die Zeit, in der an der Front der „Abendsegen‟ ertönte, die regelmäßige Beschießung, die auch hier in den Gebirgsstellungen nicht unterblieb. Als die letzten Schüsse verhallt waren, breitete sich tiefste Stille um mich aus, nur hier und da knisterte es im frierenden Schnee. Im Westen, unter der sinkenden Sonne, schimmerte durch den Nebel der blinkende Spiegel desPrespaseesdurch, vor allem das Sumpfgebiet im Norden blitzte auf. Die Insel im See ist deutlich sichtbar.
Westwärts werden derTomorosundMalisat, die Berge amOchridasee, albanische schneebedeckte Gebirge, mit leuchtenden weißen Flächen und starken blauen Schatten sichtbar. Der Schein der Sonne wird röter und röter; in ihm leuchtet die Pyramide desPeristeriin Glut, die von tiefblauen Schatten sich abhebt. Die fernen Ketten schimmern wie Alpenglühen.
Wie düstere Inseln ragen die näheren Berge aus dem silberig erglänzenden Wolkenmeer heraus; dunkelviolette Schatten lassen sie als schwere Massen von der duftigen, flockigen Oberfläche des Nebelmeeres sich abheben. In dieser regt und bewegt es sich, sie erscheint stürmisch bewegt, zu gewaltigen Wellenungetümen aufgetürmt. Und wie Gischt an der Brandung bäumen sich die Wolkenränder an den Felsen auf.
Nun wird um mich das Licht fahler; nur die Spitze desPeristeriund weit drüben bei den Feinden der Kaimaktschalam erstrahlen noch in rosigem Licht. Die Schatten werden immer blauer und durchsichtiger. Schließlich verschwindet alle Röte von den Bergen. Ein zartes Gelb legt sich auf ihre Schneefelder, während die Schluchten in tiefe Tinten von Indigo getaucht werden. In der Ferne erscheinen aber die Kettengebirge zauberhafter noch als zuvor. Das Nebelmeer dehnt sich weit dahin wie eine unendlicheschneebedeckte Ebene, aus der wie Inseln, wie ferne antarktische Gebirge die Ketten hervorragen, deren Gipfel die Wolken noch überragen. Kalt und einsam, menschenleer und verlassen, wie aus Kristall gebaut, schweben sie am Horizont. In einer hier eingefügten Farbenskizze habe ich versucht, den großen Eindruck festzuhalten.
Während ich hinabzusteigen beginne, dehnen sich die Nebelmassen immer mehr zu langen Wülsten aus; sie dringen mir auf meinem Weg entgegen. Aus der Tiefe drängen sie herauf. Sie bilden stürmende, wühlende Massen und erscheinen mit ihren grünlichen Schatten heller, leuchtender als die dunkler und dunkler werdenden Berginseln.
Abb. 249. Gopes im Winternebel.
Abb. 249. Gopes im Winternebel.
Ich steige ihnen entgegen, in sie hinein, durch sie hindurch; tiefe Dämmerung umgibt mich; da tauchen die Häuser von Gopes vor mir auf, durch irgendeinen Reflex rosig angehaucht. Zwischen Nebelschwaden klettern sie aus dem Abgrund hervor, die Kirche mit ihren Türmchen, die Dächer und blau beschatteten Wände.Wolken wälzen sich durch die engen Gassen aus dem Tal herauf. Hier und da blinkt ein mattes Licht in den Fenstern eines alten Hauses auf.
An diesen Winterabend mußte ich denken, als ich an einem heißen Julitag 1918 die letzte Reise nach Gopes machte, schwer mit vielerlei Gepäck belastet, um das dortige Hauptquartier als Ausgangspunkt zu einer Besteigung desPeristeri, desTomorosund zu Untersuchungen auf demPrespa-undOchridaseezu verwenden. Es waren glühend heiße Tage, an denen ich die Reise von Üsküb über Veles nach Prilep, von dort mit der Kleinbahn über Bucin und Lopatiče nach Sviniste machte, um von diesem Ort nach Gopes hinaufzureiten.
Oben fand ich alle erwartete Unterstützung und bestieg noch einmal den Berg, der mir im Winter einen so unvergeßlichen Eindruck hinterlassen hatte. Auch an diesem Tag bot er Interessantes. Allerdings die Waldverwüstung hatte noch weitere Fortschritte gemacht. Aber der Insektenreichtum war noch ähnlich groß wie im vorigen Jahr. Doch waren jetzt andere Arten beim Flug; so unter den Schmetterlingen interessante Blutströpfchen,Zygaeniden-Arten. Aber dieMnemosynen, welche im Jahre vorher so zahlreich hier flogen, waren jetzt entsprechend der um einen Monat vorgeschrittenen Jahreszeit verschwunden.