The Project Gutenberg eBook ofMedea

The Project Gutenberg eBook ofMedeaThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: MedeaAuthor: Franz GrillparzerRelease date: April 1, 2005 [eBook #7945]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEDEA ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: MedeaAuthor: Franz GrillparzerRelease date: April 1, 2005 [eBook #7945]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

Title: Medea

Author: Franz Grillparzer

Author: Franz Grillparzer

Release date: April 1, 2005 [eBook #7945]Most recently updated: December 30, 2020

Language: German

Credits: Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEDEA ***

Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

This Etext is in German.

This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.

Medea

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Kreon, König von KorinthKreusa, seine TochterJasonMedeaGora, Medeens AmmeEin Herold der AmphiktyonenEin LandmannDiener und DienerinnenMedeens Kinder

Erster Aufzug

(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zeltaufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einerLandspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vorTages Anbruch. Dunkel.)

(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.)

Medea.Bist du zu Ende?

Sklave.Gleich, Gebieterin!

(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)

Medea.Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin;Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbeiUnd was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes,Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts.Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's,Die den verzehren, der's unkundig öffnet;Dies andere, gefüllt mit gähem Tod;Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe!Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein,Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.

(Aufstehend.)

So. Ruhet hier verträglich und auf immer!Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.

(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese leuchtet strahlend hervor.)

Sklave (das Banner anfassend).Ist's dieses hier?

Medea.Halt ein! Enthüll es nicht!—Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk!Du Zeuge von der Meinen Untergang,Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut,Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.

(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.)

So brech ich dich und senke dich hinabIn Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.

(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste und schließt den Deckel.)

Gora (vortretend).Was tust du hier?

Medea (umblickend).Du siehst's.

Gora.Vergraben willst duDie Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gabUnd noch dir geben kann?

Medea.Der Schutz mir gab?Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab,Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.

Gora.Durch deines Gatten Liebe?

Medea (zum Sklaven).Bist du fertig?

Sklave.Gebiet'rin ja!

Medea.So komm!

(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, und so tragen beide sie zur Grube.)

Gora (von ferne stehend).O der BeschäftigungFür eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!

Medea.Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?

Gora.Jasons Magd bin ich, nicht die deine;Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Medea (zum Sklaven).Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!

(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit derSchaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.)

Gora (im Vorgrunde stehend).O laßt mich sterben, Götter meines Landes,Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe!Doch vorher schleudert euren RachestrahlAuf den Verräter, der uns dies getan!Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!

Medea.Es ist getan. Nun stampf den Boden festUnd geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis,Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.

(Der Sklave geht.)

Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend).Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!—Hast du vollendet?

Medea (zu ihr tretend).Ja.—Nun bin ich ruhig.

Gora.Und auch das Vlies vergrubst du?

Medea.Auch das Vlies.

Gora.So ließt ihr es in Jolkos nicht zurückBei deines Gatten Ohm?

Medea.Du sahst es hier.

Gora.Es blieb dir also und du vergrubst esUnd so ist's abgetan und aus!Weggehaucht die Vergangenheit,Alles Gegenwart, ohne Zukunft.Kein Kolchis gab's und keine Götter sind,Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!So denk denn auch, du seist nicht elend, denkDein Gatte, der Verräter, liebte dich;Vielleicht geschieht es!

Medea (heftig).Gora!

Gora.Was?Meinst du ich schwiege?Die Schuldige mag schweigen und nicht ich!Hast du mich hergelockt aus meiner HeimatIn deines trotz'gen Buhlen Sklaverei,Wo ich, in Fesseln meine freien Arme,Die langen Nächte kummervoll verseufze,Und jeden Morgen zu der neuen SonneMein graues Haar verfluch und meines Alters Tage,Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung,An allem Mangel leidend als an Schmerz,So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.

Medea.So sprich!

Gora.Was ich vorhergesagt, es ist geschehen!Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß,Unwillig, den Verführer, die Verführte,Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu.Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke,Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte,Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurückUnd flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen!Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten,Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen.Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses,Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt,Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie,Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte:Was denkst du nun zu tun?

Medea.Ich bin sein Weib!

Gora.Und denkest nun zu tun?

Medea.Zu folgen ihmIn Not und Tod.

Gora.In Not und Tod, ja wohl!Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!

Medea.Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz,Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!

Gora (grimmig lachend).Haha! Und dein Gemahl?

Medea.Es tagt. Komm fort!

Gora.Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht!Der einz'ge lichte Punkt in meinem JammerIst, daß ich seh, an unserm Beispiel seh,Daß Götter sind und daß Vergeltung ist.Bewein dein Unglück und ich will dich trösten,Allein verkennen sollst du's frevelnd nichtUnd leugnen die Gerechtigkeit da droben,Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz.Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen!Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?

Medea.Was sonst?

Gora.O spiel mit Worten nicht!Ist er derselbe, der dich stürmend freite,Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter,Derselbe, der auf langer Überfahrt,Den Widerstand besiegte der Betrübten,Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend,Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut?Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe!Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich,Wie du die Deinen, so verrät er dich!Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat,Die Tat begräbst du nicht!

Medea.Schweig!

Gora.Nein!

Medea (sie hart am Arm anfassend).Schweig, sag ich!—Was rasest du in deiner tollen Wut?Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen.So wär' denn immer da, was einmal dagewesenUnd alles Gegenwart?—Der Augenblick,Wenn er die Wiege einer Zukunft istWarum nicht auch das Grab einer Vergangenheit?Geschehen ist, was nie geschehen sollte,Und ich bewein's und bittrer als du denkst,Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten?Klar sei der Mensch und einig mit der Welt!In andre Länder, unter andre VölkerHat uns ein Gott geführt in seinem Zorn,Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht,Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß;So laß uns denn auch ändern Sitt' und RedeUnd dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen,So laß uns, was wir können mind'stens sein.Was mich geknüpft an meiner Väter HeimatIch hab es in die Erde hier versenkt;Die Macht, die meine Mutter mir vererbte,Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte,Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wiederUnd schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig WeibWerf ich mich in des Gatten offne Arme;Er hat die Kolcherin gescheut, die GattinWird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt.Der Tag bricht an—mit ihm ein neues Leben!Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben!Du aber milde, mütterliche ErdeVerwahre treu das anvertraute Gut.

(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)

Jason.Sprachst du den König selbst?

Landmann.Jawohl, o Herr!

Jason.Was sagtest du?

Landmann.Es harre jemand außen,Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar,Doch der nicht eher trete bei ihm ein,Umringt von Feinden, von Verrat umstellt,Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.

Jason.Und seine Antwort?

Landmann.Er wird kommen, Herr!Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen,Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend,Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter,Da, im Vorübergehen, spricht er dich.

Jason.So, es ist gut! Hab Dank!

Medea (hinzutretend).Sei mir gegrüßt!

Jason.Du auch.

(Zum Sklaven.)

Ihr aber geht, du und die andern,Und brechet grüne Zweige von den Bäumen,Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden.Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du?Genug!

(Der Landmann und der Sklave gehen.)

Medea.Du bist beschäftigt?

Jason.Ja.

Medea.Du gönnstDir keine Ruh'!

Jason.Ein Flüchtiger und Ruh'?Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig.

Medea.Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinausUnd walltest einsam durch die Finsternis.

Jason.Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.

Medea.Auch sandtest Boten du zum König hin;Nimmt er uns auf?

Jason.Erwartend weil ich hier.

Medea.Er ist dir freund.

Jason.Er war's.

Medea.Willfahren wird er.

Jason.Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.—Du weißt ja doch, daß alle Welt uns fliehtDaß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod,Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte,Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten,Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande?Weißt du es nicht?

Medea.Ich weiß.

Jason.Wohl Grunds genug,Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!—Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor?Was suchst du in der Finsternis?—Ei ja!Riefst alte Freund' aus Kolchis?

Medea.Nein.

Jason.Gewiß nicht?

Medea.Ich sagte: nein.

Jason.Ich aber sage dir,Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt!Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank,Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten,Man haßt das hier und ich—ich haß es auch!In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland,Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust'svon nun nicht mehr,Du hast's versprochen und du hältst es auch.Der rote Schleier da auf deinem Haupt,Er rief vergangne Bilder mir zurück.Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes?Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund,Sei eine Griechin du in Griechenland.Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?Von selbst erinnert es sich schon genug!

(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)

Gora (halbleise).Verachtest du dein Land um seinetwillen?

Jason (erblickt Gora).Du auch hier?—Dich haß ich vor allen, Weib!Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn,Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf.Was drängst du dich in meines Weibes Nähe?Geh fort!

Gora (murrend).Warum?

Jason.Geh fort!

Medea.Ich bitt dich, geh!

Gora (dumpf).Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?

Jason.Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist;Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen,Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.

(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.)

Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat,auf die Brust schlagend).Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft! Da liegen sie,die Türme von Korinth,Am Meeresufer üppig hingelagert,Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit!Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet,Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt.Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen,Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt.O wär' es Nacht!

(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an derHand vor Jason.)

Medea.Hier sind zwei Kinder,Die ihren Vater grüßen.

(Zu dem Knaben.)

Gib die Hand!Hörst du? Die Hand!

(Die Kinder stehen scheu seitwärts.)

Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend).Das also wär' das Ende?Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl!

Medea

(zu dem Kinde). Geh hin!

Knabe.Bist du ein Grieche, Vater?

Jason.Und warum?

Knabe.Es schilt dich Gora einen Griechen!

Jason.Schilt?

Knabe.Es sind betrügerische Leut' und feig.

Jason (zu Medea).Hörst du?

Medea.Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm!

(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise ins Ohr.)

Jason.Gut! Gut!

(Er ist aufgestanden.)

Da kniet sie, die UnseligeUnd trägt an ihrer Last und an der meinen.

(Auf und ab gehend.)

Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir!

Medea.Geht nur und seid verträglich. Hört ihr?

(Die Kinder gehen.)

Jason.Halt mich für hart und grausam nicht, Medea!Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines.Getreulich wälzest du den schweren Stein,Der rück sich rollend immer wiederkehrtUnd jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg.Hast (du's) getan? hab' (ich's)?—Es ist (geschehn).

(Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne streichend.)

Du liebst mich. Ich verkenn es nicht Medea;Nach deiner Art zwar—dennoch liebst du mich,Nicht bloß der Blick, mir sagt's so manche Tat.

(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.)

Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem LeidUnd Mitleid regt sich treulich hier im Busen.Drum laß uns reif und sorglich überlegenWie wir entfernen, was so nah uns droht.Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit,Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch,Vor meines Oheims wildem Grimme floh,Nahm mich der König dieses Landes auf,Ein Gastfreund noch von meinen Vätern herUnd wahrte mein, wie eines teuern Sohns.In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr.Nun auch—

Medea.Du schweigst?

Jason.Nun auch, da mich die Welt,Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt,Nun auch hoff ich von diesem König Schutz:Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund.

Medea.Was ist's?

Jason.Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl,Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen,Nur dich—

Medea.Nimmt er die Kinder, weil sie dein,Behält er als die Deine wohl auch mich.

Jason.Hast du vergessen, wie's daheim erging,In meiner Väter Land, bei meinem Ohm,Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht?Vergessen jenen Hohn, mit dem der GriecheHerab auf die Barbarin sieht, auf—dich?Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen,Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder,Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.

Medea.Der Schluß der herben Rede, welcher ist's?

Jason.Es ist des Menschen höchstes Unglück dies:Daß er bei allem was ihn trifft im LebenSich still und ruhig hält, (bis) es (geschehn)Und (wenn's) geschehen, nicht. Das laß uns meiden.Ich geh zum König, wahre meines RechtsUnd rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft;Du aber mit den Kindern bleib indesFern von der Stadt verborgen, bis—

Medea.Bis wann?

Jason.Bis—Was verhüllst du dich?

Medea.Ich weiß genug.

Jason.Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!

Medea.Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet.Der König naht—sprich, wie dein Herz dir's heißt.

Jason.So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.

(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.) (Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen begleitet, die Opfergerät tragen.)

König.Wo ist der Fremde?—Ahnend sagt mein HerzEr ist es, der Verbannte, der Vertriebne—Der Schuldige vielleicht.—Wo ist der Fremde?

Jason.Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich;Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet.Ein Hilfesuchender, ein Flehender.Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßenFleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach.

Kreusa.Fürwahr er ist's! Sieh Vater es ist Jason!

(Einen Schritt ihm entgegen.)

Jason (ihre Hand fassend).Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa,Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend.O führe mich zu deinem Vater hin,Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandtUnd zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nichtOb Jason zürnend oder seiner Schuld.

Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend).Sieh Vater, es ist Jason!

König.Sei gegrüßt!

Jason.Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt.Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie,Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm;Gewähre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!

König.Steh auf!

Jason.Nicht eher bis—

König.Ich sage dir, steh auf!

(Jason steht auf.)

König.So kehrtest du vom Argonautenzug?

Jason.Kaum ist's ein Mond daß mich das Land empfing.

König.Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?

Jason.Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.

König.Und warum fliehst du deiner Väter Stadt?

Jason.Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.

König.Des Bannes Ursach' aber, welche war's?

Jason.Verruchten Treibens klagte man mich an!

König.Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem!

Jason.Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es!

König (ihn rasch bei der Hand fassend und vorführend).Dein Oheim starb?

Jason.Er starb.

König.Und wie?

Jason.Nicht durch mich!So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!

König.Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land.

Jason.So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm.

König.Der einzelne will Glauben gegen alle?

Jason.Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd.

König.Wie aber fiel der König?

Jason.Seine Kinder,Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.

König.Entsetzlich. Sprichst du wahr?

Jason.Die Götter wissen's!

König.Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr,Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.

(Laut.)

Ich weiß genug für jetzt, das andre später:Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.

Kreusa (hinzutretend).Hast, Vater, ihn gefragt? Nicht wahr? Es ist nicht?

König.Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.

Kreusa.Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich,In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt' ich's,Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten:Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm?O wüßtest du, wie alle von dir sprachen.So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß MenschenSo böse, so verleumd'risch können sein.Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen LandeVon gräßlich wilden Taten, die geschehn,In Kolchis ließen sie dich Greuel üben,Zuletzt verbanden sie als Gattin dirEin gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch.Wie hieß sie?—Ein Barbarenname war's—

Medea (mit ihren Kindern vortretend).Medea!Ich bin's!

König.Ist sie's?

Jason (dumpf).Sie ist's.

Kreusa (an den Vater gedrängt).Entsetzen!

Medea (zu Kreusen).Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet;Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?

(Auf Jason deutend.)

Auf Tränke, Heil bereitend oder TodVersteh ich mich und weiß noch manches andre,Allein ein Ungeheuer bin ich nichtUnd keine Mörderin.

Kreusa.O gräßlich! Gräßlich!

König.Und sie dein Weib?

Jason.Mein Weib.

König.Die Kleinen dort—

Jason.Sind meine Kinder.

König.Unglückseliger!

Jason.Ich bin's.—Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen,Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz!

(Sie an der Hand hinführend.)

Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen!

Knabe (den Zweig hinhaltend).Da nimm!

König (die Hände auf ihre Häupter legend).Du arme, kleine, nestentnommne Brut!

Kreusa (zu den Kindern niederkniend).Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen,Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch;So früh und ach, so unverschuldet auch.Du siehst wie sie—du hast des Vaters Züge.

(Sie küßt das Kleinere.)

Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!

Medea.Was nennst du sie verwaist und klagst darob?Hier steht ihr Vater, der sie Seine nenntUnd keiner andern Mutter braucht's, solangeMedea lebt.

(Zu den Kindern.)

Hierher zu mir! Hierher!

Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend).Laß ich sie hin?

König.Sie ist die Mutter.

Kreusa (zu den Kindern).Geht zur Mutter!

Medea.Was zögert ihr?

Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefaßt) (haben).Die Mutter ruft. Geht hin!

(Die Kinder gehen.)

Jason.Und was entscheidest du?

König.Ich hab's gesagt.

Jason.Gewährst du Schutz mir?

König.Ja.

Jason.Mir und den Meinen?

König.Ich habe (dir) ihn zugesagt.—So folge!Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus.

Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen).Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?

Kreusa.Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.

Medea.Sie gehn und lassen mich allein. Ihr KinderKommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester!

Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend).Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht?

(Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.)

Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?

Medea.Die Ungeladnen weist man vor die Tür.

Kreusa.Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.

Medea.Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.

Kreusa (nähertretend).Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!

Medea (sich rasch gegen sie kehrend).O holder Klang!—Wer sprach das milde Wort?Sie haben mich beleidigt oft und tief,Doch keiner fragte noch, ob's weh getan?Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich,Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt,Ein sanftes Wort und einen milden Blick.

(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.)

O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht.Ein Königskind, wie du, bin ich geboren,Wie du ging einst ich auf der ebnen BahnDas Rechte blind erfassend mit dem Griff.Ein Königskind wie du, bin ich geboren,Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend,So stand auch ich einst neben meinem Vater,Sein Abgott und der Abgott meines Volks.O Kolchis! o du meiner Väter Land!Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!

Kreusa (ihre Hand lassend).Du Arme!

Medea.Du blickst fromm und mild und gutUnd bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich!Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall!Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten,Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen,Von Silberwellen hin und her geschaukelt,So hältst du dich für eine Schifferin?Dort weiter draußen braust das MeerUnd wagst du dich vom sichern Ufer ab,Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten.Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir.Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert,Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!

(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.)

Kreusa.Sie ist nicht wild. Sieh Vater her, sie weint.

Medea.Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem LandUnd unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen,Verachten sie mich, sehn auf mich herab,Und eine scheue Wilde bin ich ihnen,Die Unterste, die Letzte aller Menschen,Die ich die Erste war in meiner Heimat.Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt,Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zürnen.Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen,So sicher deiner selbst und eins mit dir;Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt.Doch lernen will ich, lernen, froh und gern.Du weißt was ihm gefällt, was ihn erfreut,O lehre mich, wie Jason ich gefalleIch will dir dankbar sein.—

Kreusa.O sieh nur, Vater!

König.Nimm sie mit dir!

Kreusa.Willst du mit mir, Medea?

Medea.Ich gehe gern, wohin du mich geleitest,Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an,Und schütze mich vor jenes Mannes Blick!

(Zum König.)

Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht,Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut.Dein Kind ist besser, als sein Vater!

Kreusa.Komm!Er will dir wohl!—Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!

(Führt Medeen und die Kinder fort.)

König.Hast du gehört?

Jason.Ich hab.

König.Und sie dein Weib?Schon früher gab uns Kunde das Gerücht,Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn,Glaub ich's fast minder noch!—Dein Weib!

Jason.Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht,Und nur von diesen läßt sich jener richten.Ich zog dahin in frischer Jugendkraft,Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat,Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken.Das Leben war, die Welt war aufgegebenUnd nichts war da, als jenes helle Vlies,Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien.Der Rückkehr dachte niemand und als wär'Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen,Der letzte unsers Lebens, strebten wir.So zogen wir, ringfertige Gesellen,Im Übermut des Wagens und der Tat,Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen,Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod.Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild,Denn die Natur war ärger als der Ärgste;Im Streit mit ihr und mit des Wegs BarbarenUmzog sich hart des Mild'sten weiches Herz;Der Maßstab aller Dinge war verloren,Nur an sich selbst maß jeder was er sah.Was allen uns unmöglich schien, geschah:Wir sahen Kolchis' wundervolles Land,O hättest du's gesehn in seinen Nebeln!Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen,Die Menschen aber finstrer als die Nacht.Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt;Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl,Der durch den Spalt in einen Kerker fällt.Ist sie hier dunkel, dort erschien sie lichtIm Abstich ihrer nächtlichen Umgebung.

König.Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.

Jason.Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu;Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit.Ich sah die Neigung sich in ihr empören,Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an,Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts.Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an,Daß sie's verschwieg, das eben reizte mich,Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wieEin Abenteuer trieb ich meine Liebe.Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr.Nun war sie mein—hätt' ich's auch nicht gewollt.Durch sie ward mir das rätselvolle Vlies,Sie führte mich in jene Schauerhöhle,Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann.Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke,Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen,Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib.Wir fuhren ab. Ihr Bruder fiel.

König (rasch).Durch sie?

Jason.Er fiel der Götter Hand.—Ihr alter Vater,Ihr fluchend, mir und unsern künft'gen Tagen, grubMit blut'gen Nägeln sich sein eignes GrabUnd starb, so heißt es, gen sich selber wütend.

König.Mit bösen Zeichen fing die Eh' dir an.

Jason.Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.

König.Wie war's mit deinem Ohm? erzähl mir dies.

Jason.Vier Jahr' verschob die Rückkehr uns ein Gott,Durch Meer und Land uns in der Irre treibend.In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber,Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders;Geschehn war, was geschehn—Sie ward mein Weib.

König.Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?

Jason.Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild,Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin,Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt.Im Angedenken noch des Volkes JubelBei meiner Abfahrt, hofft' ich freudigerNoch den Empfang, da ich als Sieger kehrte.Doch still war's in den Gassen, als ich kam,Und scheu wich der Begegnende mir aus.Was dort geschehn in jenem dunkeln Land,Vermehrt mit Greueln, hatt' es das GerüchtGesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr;Man floh mich und verachtete mein Weib—(Mein) war sie, (mich) verschmähte man in ihr.Mein Oheim aber nährte schlau die StimmungUnd als ich forderte das Erbe meiner Väter,Das er mir nahm und tückisch vorenthielt,Da hieß er mich mein Weib von mir zu senden,Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben,Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden.

König.Du aber?

Jason.Ich? Sie war mein Weib;Sie hatte meinem Schutz sich anvertrautUnd der sie forderte, es war mein Feind.Hätt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel,Er hätt' es nicht erlangt: so minder dies.Ich schlug es ab.

König.Und er?

Jason.Er sprach den Bann.Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden.Ich aber wollte nicht und blieb.Da wird der König plötzlich krank. GemurmelLäuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend.Wie vor dem Hausaltar er sitze, woDas Wundervlies man weihend aufgehängt,Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend.Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an,Mein Vater, den er tückisch einst getötetBeim Wortstreit ob des Argonautenzugs,Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer,Das er mich holen hieß, der falsche MannAus fernem Land, auf daß ich drob verderbe.Als nun die Not des Königs Haus bedrängte,Da traten seine Töchter vor mich hin,Um Heilung flehend von Medeens Kunst.Ich aber sagte. Nein! Sollt' ich den Mann erretten,Der mein Verderben sann und all der Meinen?Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin,Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend.Und ob sie wiederholt gleich flehend kamenIch blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein!Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief,Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten,Akastos ist's, des bösen Oheims Sohn.Der stürmt mein Tor mit lauten PöbelhaufenUnd nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters,Der erst gestorben, in derselben Nacht.Auf stand ich und zu reden sucht' ich, dochUmsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort.Und schon begann mit Steinen man den Krieg.Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch.Seitdem irr ich durch Hellas' weite Städte,Der Menschen Greuel, meine eigne Qual,Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!

König.Ich hab dir's zugesagt und halt es auch.Doch sie—

Jason.Eh' du vollendest höre mich!Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr!Mein Leben wär' erneut, wüßt' ich sie fort,Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut.

König.Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich,Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen,Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.

Jason.Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus,Verjag sie, töte sie, und mich—uns alle.Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch,Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen.Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es,Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die VäterIn längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet,In Jolkos und Korinthos, solcher SchickungenMit klugem Sinn in vorhinein gedenkend.Gewähre mir's, damit nicht einst den DeinenIn gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde.

König.Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn.Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein ZugDie Rückkehr ihres alten, wilden Sinns,So treib ich sie aus meiner Stadt hinausUnd liefere sie denen, die sie suchen. Hier aber, wo ich dichzuerst gesehn,Erhebe sich ein heiliger Altar.Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweihtUnd Pelias', deines Oheims blut'gen Manen.Dort wollen wir vereint die Götter bitten,Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus,Und gnädig wenden, was uns Übles droht. Und nun komm mit in meineKönigsburg.

(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.)

Ihr aber richtet aus, was ich befahl.

(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang)

Zweiter Aufzug

(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.)(Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eineLeier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)

Kreusa.Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!

Medea.So also?

Kreusa.Nein. Die Finger mehr gelöst.

Medea.Es geht nicht.

Kreusa.Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst.

Medea.Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.

(Sie legt die Leier weg und steht auf.)

Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhntUnd an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft.

(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)

Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen!

Kreusa.Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreutDaß du ihn überraschen solltest, Jason,Mit deinem Lied.

Medea.Ja so, ja du hast recht.Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen!Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?

Kreusa.Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe,Als er bei uns, in unserm Hause lebte.Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf,Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.

Medea.Das Liedchen aber?

Kreusa.Wohl so hör mir zuEs ist nur kurz und eben nicht sehr schönAllein er wußt' es gar so hübsch zu singen,So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter,Ihr hohen Götter!Salbt mein HauptWölbt meine Brust,Daß den MännernIch obsiegeUnd den zierlichenMädchen auch.

Medea.Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!

Kreusa.Was?

Medea.Des kurzen Liedchens Inhalt.

Kreusa.Welchen Inhalt?

Medea.Daß den Männern er obsiegeUnd den zierlichen Mädchen auch.

Kreusa.Daran hatt' ich nun eben nie gedacht.Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte.

Medea.So stand er da an Kolchis' fremder Küste;Die Männer stürzten nieder seinem Blick,Und mit demselben Blick warf er den BrandIn der Unsel'gen Busen, die ihn floh,Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg emporUnd Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sankenVon Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt.So stand er da in Kraft und Schönheit prangend,Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte,Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet,Dann warf er's hin und niemand hob es auf.

Kreusa.Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?

Medea.Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz.Nur (er) ist da, (er) in der weiten WeltUnd alles andre nichts als Stoff zu Taten.Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns,Spielt er mit seinem und der andern Glück.Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot,Will er ein Weib, so holt er eine sich,Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn!Er tut nur Recht, doch recht ist was er will.Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganzUnd denk ich an die Dinge, die geschehn,Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob.

Kreusa.Leb wohl!

Medea.Du gehst?

Kreusa.Soll ich dich länger hören?Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten?

Medea.Nach dem er ist: der Meine tat darnach!

Kreusa.Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten,So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist,Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild,Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich.

Medea.Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer.

Kreusa.Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter.Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn.Zuerst lockst du mit holdem Wort mich anUnd fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallenUnd nun brichst du in Haß und Schmähung aus.Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt,Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz.Leb wohl und lerne besser sein.

Medea.Du zürnst?

Kreusa.Beinahe.

Medea.O gib nicht auch (du) mich auf,Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!

Kreusa.Nun bist du mild und erst warst du voll Haß.

Medea.Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe.

Kreusa.So liebst du deinen Gatten?

Medea.Wär' ich hier sonst?

Kreusa.Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht.Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut,Und sage dir wohl sichre Mittel an,Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl,Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen.Ich sah es, er war morgens trüb und düster,Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehnWie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier.Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt.

(Sie sitzt.)

Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du?

Medea.Ich seh dich an und seh dich wieder anUnd kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen.Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele,Das Herz wie deine Kleider hell und rein.Gleich einer weißen Taube schwebest du,Die Flügel breitend, über dieses LebenUnd netzest keine Feder an dem Schlamm,In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben.Senk einen Strahl von deiner HimmelsklarheitIn diese wunde, schmerzzerrißne Brust.Was Gram und Haß und Unglück hingeschriebenO lösch es aus mit deiner frommen HandUnd setze deine reinen Züge hin.Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war,Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesenO lehre mich, was stark die Schwäche macht.

(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)

Zu deinen Füßen will ich her mich flüchtenUnd will dir klagen, was sie mir getan;Will lernen, was ich lassen soll und tun.Wie eine Magd will ich dir dienend folgen,Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand,Und alles Werk, das man bei uns verachtet,Den Sklaven überläßt und dem Gesind',Hier aber übt die Frau und Herrin selbst,Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König,Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen,Vergessend was geschehn und was noch droht—

(Aufstehend und sich entfernend.)

Doch das vergißt sich nicht.

Kreusa (ihr folgend).Was ficht dich an?Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn,Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.

Medea

(an ihrem Halse). Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!

(Jason kommt.)

Kreusa (sich gegen ihn wendend).Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!

Jason.So, so.

Medea.Sei mir gegrüßt.—Sie ist so gut,Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.

Jason.Viel Glück zu dem Versuch!

Kreusa.Was bist du ernst?Wir wollen hier recht frohe Tage leben.Ich, meine Sorge zwischen meinem VaterUnd euch verteilend; du und sie, Medea—

Jason.Medea!

Medea.Was gebeutst du, mein Gemahl?

Jason.Sahst du die Kinder schon?

Medea.Ach, ja nur erst.Sie sind recht munter.

Jason.Sieh doch noch einmal!

Medea.Nur kaum erst war ich dort.

Jason.Sieh (doch), sieh (doch!)

Medea.Wenn du es willst.

Jason.Ich wünsch es.

Medea.Wohl, ich gehe.

(Ab.)

Kreusa.Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl.

Jason.Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen!Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammenUnd die verhehlte Qual erwürgt mich fast.

Kreusa.Was hör ich? O ihr allgerechten Götter!So spricht nun er und so sprach vorher sie.Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?

Jason.Ja wohl, wenn nach genutzter JugendzeitDer Jüngling auf ein Mädchen wirft den BlickUnd sie zur Göttin macht von seinen Wünschen.Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifftUnd trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn.Zum Vater geht er und zur Mutter hinUnd wirbt um sie und jene sagen's zu.Da ist ein Fest und die Verwandten kommenDie ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil.Mit Kränzen reich geschmückt und lichten BlumenFührt er die Braut zu Tempel und Altar.Errötend und in holdem Schauer bebendVor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher;Der Vater aber legt die Hände aufUnd segnet sie und ihr entfernt Geschlecht.Die so zur Freite gehn, die lieben sich.Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht.Was hab ich denn getan, gerechte Götter,Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebtEin Schmerzasyl an seinem eignen HerdUnd zur Vertrauten, die ihm angetraut.

Kreusa.So hast du nicht gefreit wie andre freien,Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?

Jason.Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnetUnd statt des Segens gab er uns den Fluch.Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben;Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot—Sein Fluch nur lebt—zum mind'sten scheint es so.

Kreusa.Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln!Wie warst du mild und wie bist nun so rauh.Ich selber bin dieselbe die ich war,Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt,Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch,Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln.Mit dir scheint's anders.

Jason.Ja, auch das, auch das!Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück,Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt.Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen,Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran,Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer,Als der man war, da man den Lauf begann.Und dem Verlust der Achtung dieser WeltFehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung.Ich habe nichts getan was schlimm an sich,Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet;Still zugesehen, wenn es andre taten;Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffenUnd nicht bedacht daß Übel sich erzeuge.Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandetUnd kann nicht sagen: ich hab's nicht getan!O Jugend, warum währst du ewig nicht!Beglückend Wähnen, seliges Vergessen,Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab.Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer,Die Wogen teilend mit der starken Brust.Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten,Da flieht der Schein: die nackte WirklichkeitSchleicht still heran und brütet über Sorgen.Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr,In dessen Schatten man genießend ruht,Sie ist ein unangreifbar Samenkorn,Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse.Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen?Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind?Das fällt uns an und quält uns ab und ab.

(Er setzt sich.)

Kreusa.Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt.

Jason.Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohlDen Napf mit Abhub an die Schwelle reicht.Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge?Muß unter fremden Tisch die Füße setzenMit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid?Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auchUnd wer ist, der dem Jason sich vergleicht?Und doch—

(Er ist aufgestanden.)

Ich kam den lauten Markt entlangUnd durch die weiten Gassen eurer StadtWeißt du noch, wie durch sie ich prangend schrittAls ich, vor jenem Argonautenzug,Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen?Da wallten sie in dichtgedrängten WogenVon Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt.Die Dächer trugen Schauende, die Türme,Und wie um Schätze stritt man sich den Raum.Die Luft ertönte von der Zimbel LärmUnd von dem Lärm der heilzuschreinden Menge.Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar,Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten,Der mindeste ein König und ein Held,Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben—Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort,Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte—Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging,Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort.Nur als ich stand, und rings her um mich sah,Meint' einer, es sei schlechte Sitte, soIn Weges Mitte stehn und andre stören.

Kreusa.Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.

Jason.Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr.

Kreusa.Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt.

Jason.Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's?Mach daß ich nie der Väter Land verlassen,Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb,Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen,Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib.Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes LandUnd die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen,Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.

Kreusa.Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel:Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.

Jason.Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute!

Kreusa.Die Götter geben's jedem, der nur will.Auch dir war's einst und kann es wieder werden.

Jason.Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?

Kreusa.Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.

Jason.Wie wir ein Herz und eine Seele waren.

Kreusa.Ich machte milder dich und du mich kühn.Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?

Jason.Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt,Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken.Kreusa, es war eine schöne Zeit!

Kreusa.Und wie mein Vater sich darüber freute,Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut.

Jason.Es kam nicht so.

Kreusa.Wie manches anders kommt,Als man's gedacht. Allein was tut's?Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein!

(Medea kommt zurück.)

Medea.Die Kleinen sind besorgt.

Jason.Nun, es ist gut.

(Fortfahrend.)

Die schönen Orte unsrer Jugendlust,An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden,Ich hab sie durchgegangen, da ich kam,Und Brust und Lippen kühlend eingetauchtIm frischen Born der hellen Kinderzeit.Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte,Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb,Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang,Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest,Um meinetwillen jedem Gegner feind.Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten,Hier nur allein einander uns vergessend,Und unsre Lippen zu den Göttern sandtenAus zweier Brust ein einzig, einig Herz.

Kreusa.So weißt du denn das alles noch so gut?

Jason.Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen

Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat).Jason, ich weiß ein Lied!

Jason.Und dann der Turm!Weißt du den Turm dort an der MeeresküsteWo du mit deinem Vater standst und weintest,Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug.Ich hatte da kein Aug' für deine TränenDenn nur nach Taten dürstete mein Herz.Ein Windstoß löste deinen Schleier losUnd warf ihn in die See, ich sprang darnachUnd trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.

Kreusa.Hast du ihn noch?

Jason.Denk nur, so manches JahrVerging seit dem und nahm dein Pfand mit sich.Der Wind hat ihn verweht.

Medea.Ich weiß ein Lied.

Jason.Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.

Kreusa.Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!

Medea.Jason, ich weiß ein Lied.

Kreusa.Sie weiß ein Lied,Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.

Jason.Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir anAus meiner Jugendzeit und spottet meiner,Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzenVon Dingen die nicht sind und die nicht werden.Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebtSo lebt der Mann mit der Vergangenheit.Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben.Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger HeldUnd hatt' ein liebes Weib und Gold und GutUnd einen Ort wo meine Kinder schlafen.Was also willst du denn?

(Zu Medea.)

Kreusa.Ein Lied dir singen,Das du in deiner Jugend sangst bei uns.

Jason.Und das singst du?

Medea.So gut ich kann.

Jason.Ja wohl!Willst du mit einem armen JugendliedMir meine Jugend geben und ihr Glück?Laß das. Wir wollen aneinander haltenWeil's einmal denn so kam und wie sich's gibt.Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!

Kreusa.Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagtBis sie's gewußt und nun—

Jason.So singe, sing!

Kreusa.Die zweite Saite, weißt du noch?

Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend).Vergessen.

Jason.Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht!An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt,Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf.Und das klang anders als dein reines Lied.

Kreusa (einflüsternd).O ihr GötterIhr hohen Götter—

Medea (nachsagend).O ihr Götter—Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!

(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinendenAugen.)

Kreusa.Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.

Jason (sie zurückhaltend).Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht!Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt,Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen.Greif du nicht in der Götter Richteramt!Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst,Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte,Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß,Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte,Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen.Nimm du die Leier und sing mir das LiedUnd bann den Dämon, der mich würgend quält.Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.

Kreusa.Recht gern.

(Sie will die Leier aufheben.)

Medea

(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend). Halt ein!

(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)

Kreusa.Recht gern, spielst du es selber.

Medea.Nein!

Jason.Gibst du sie nicht denn?

Medea.Nein.

Jason.Auch mir nicht?

Medea.Nein!

Jason

(hinzutretend und nach der Leier greifend). Ich aber nehme sie.


Back to IndexNext