Ich rekapituliere, denn es ist nun einmal wichtig, durch die klare Beweisführung zur klaren Schlußfolgerung zu gelangen. Das Beispiel tritt nicht als ein Beispiel zur Person, sondern zur Sache auf.
Die Idee des »Caspar Hauser« war, zu zeigen, wie Menschen aller Grade der Entwicklung des Gemüts und des Geistes, vom rohesten bis zum verfeinertsten Typus, der zwecksüchtige Streber wie der philosophische Kopf, der servile Augendiener wie der Apostel der Humanität, der bezahlte Scherge wie der besserungssüchtige Pädagoge, das sinnlich erglühte Weib wie der edle Repräsentant der irdischen Gerechtigkeit, wie sie alle vollkommen stumpf und vollkommen hilflos dem Phänomen der Unschuld gegenüberstehen, wie sie nicht zu fassen vermögen, daß etwas dergleichen überhaupt auf Erden wandelt, wie sie ihm ihre unreinen oder durch den Willen getrübten Absichten unterschieben, es zum Werkzeug ihrer Ränke und Prinzipien machen, dieses oder jenes Gesetz mit ihm erhärten, dies oder jenes Geschehnis an ihm darlegen wollen, aber nie es selbst gewahren, das einzige, einmalige, herrliche Bild der Gottheit, sondern das Holde, Zarte, Traumhafte seines Wesens besudeln, sich vordringlich und schänderisch an ihm vergreifen und schließlich morden. Der zuletzt den Stahl führt, ist nurausübendes Organ; gemordet hat ihn jeder in seiner Weise: die Liebenden so gut wie die Hassenden, die Lehrenden wie die Verklärenden; die ganze Welt ist an ihm zum Mörder geworden; so schreit es ja auch schließlich aus der gequälten Brust der Clara von Kannawurf.
Der Vorgang nun steht in der Landschaft, die ihm bereits von der Geschichte gegeben war; innerste deutsche Welt und, ich glaube es wohl sagen zu dürfen, gültige deutsche Menschen. Deutsch die Stadt, deutsch der Weg, deutsch die Nacht, deutsch der Baum, deutsch die Luft und das Wort. Mag sein, daß ein sehr hoch thronender Richter mit weisem Lächeln mir zurufen könnte: was du von den Ahnen hast und durch dein Blut bist und in deinem Werk sich mitverkündigt, das kannst du selbst nicht beurteilen. So würde ich doch antworten, und er, der Weise, würde es billigen: die es trotzdem spüren, sind schon vom niedern Wahn Gelöste, und sie freuen sich dessen, der sie bestätigt und erweckt; ob er vom Osten kommt oder vom Westen, gilt ihnen gleich, nur seine Menschenstimme und seine Opfertat ist ihnen wichtig. So viel weiß ich von den Erweckten.
Die andern, denen ich Jude war und blieb, wollten mir damit zu erkennen geben, daß ich ihnen nicht genug tun konnte, als Jude nämlich; daß ich, als Jude, nicht fähig sei, ihr geheimes, ihr höheres Leben mitzuleben, ihre Seele aufzurühren, ihrer Art mich anzuschmiegen. Sie räumten mir die deutsche Farbe, die deutsche Prägung nicht ein, sie ließen das verschwisterte Element nicht zu sich her. Was unbewußt und pflanzenhaft daran war, schien ihnen ein Produkt der Erklügelung, Ergebnis jüdischer Geschicklichkeit, schlauer jüdischer Ein- und Umstellung, gefährlicher jüdischer Täuschungs- und Bestrickungsmacht. Was half die stille oder auch geäußerte Überzeugung, daß ein Buch wie dieses, aus dem Herzen des Volkes entstanden und durch alle ihm beschiedene Zeit hindurch als volksmäßig ansprechbar, wäre es von einem Namenlosen oder Unbekannten ausgegangen, vielleicht sogar für Deutschtümler ein Fanal geworden wäre, sie sich’s wenigstens als solches hätten aufreden lassen wie manches minder bezeichnende und flachere, wie manches größere auch, das sie gierig ins Joch ihrer Machenschaften preßten? Da waren ja überbrachte Symbole, das verfolgte Fürstenkind, hinschmelzend in romantischer Sehnsucht; alles von alter Weise eigentlich, nur daß am Ende Versöhnung und Glorie fehlten und das Schicksal, folgerichtig nach innen, vorgangstreu nach außen, seinen schauerlichen Weg vollzog. Was die tiefen und starken Empfänger daneben noch empfangen konnten, steht auf einem andern Blatt, steht dort, wo es steht. Gewiß ist nur das eine: es durfte vor der deutschen Öffentlichkeit nicht wahr sein, daß ein Jude ein so eigentümlich deutsches Buch schrieb.
Wohlwollende noch deuteten an: ja, ja, alles recht und schön, aber dies vergrübelte Wesen ist von fremdem Ursprung; diese psychologische Bohr- und Grubentechnik hat nichts mit unserer Stammesart gemein. Das ist noch das Mildeste, was in den meisten der beliebten und verbreiteten Literaturgeschichten zu lesen ist. (In Parenthese: Die Massenheerschau und Massenabschlachtung eines Großteils dieser wissenschaftlich tuenden Literaturgeschichten mit ihrer leichtsinnigen Schablonisierung und dem auf Unwissende und Unmündige berechneten Oberlehrerton ist geradezu eine deutsche Schande, in den Augen gebildeter Nationen eine Lächerlichkeit.) Was dort also zu lesen ist, wurde zur gängigen Urteilsmünze, und welche Anstrengungen immer ich aufwenden, welche Gestalten und Gesichte immer ich darbieten mochte, wie hoch ich baute, wie tief ich schürfte, es wurde stets in den nämlichen Retorten das nämliche Gift gekocht, das bestimmt war, den freien Flug zu lähmen, die freudige Hingabe zu brechen.
Man wird einwenden: alles Geschaffene stößt auf Widerspruch und Widerstand; was dich auf deiner Linie hemmt, ist nur ein Umgebogenes, Umgelogenes von dem, was andere auf ihrer behindert; verwundbar, weil verwundet bis zurückins zehnte Glied schon, trifft dich der Nadelstich wie Dolchstoß, der Faustschlag wie Knüppelhieb; dein Argwohn bereits macht Unsichere zu Feinden und Nörgler zu Meuchlern; vergiß nicht den Dornenpfad Größerer, vergiß auch nicht, was du in deinem Kreis gewirkt und gewonnen.
Es handelt sich darum nicht. Es handelt sich nicht darum, was ich gewirkt und gewonnen. Es handelt sich um die Lüge, die wurmhaft vor mir herkriecht und von Zeit zu Zeit ihr gesprenkeltes Haupt erhebt, um mich anzuspeien. Um die unbesiegbare, grauenvolle Lüge handelt sich’s, in die sich der Geist eines ganzen Volkes gehüllt hat, und der kein Augenschein, kein Opfer, keine Liebe, kein Beweis etwas anzuhaben vermag.
Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals voll ausgezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht, und den man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben; er geht hin: was wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln, man erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du blatternarbig. In dem Gehirn des Menschen entsteht eine sonderbare Verwirrung: das Recht wird ihm verkürzt unter dem Vorwand eines äußeren Makels, und in der Beunruhigung, die es ihm erregt, daß er den Makel nicht finden und erkennen kann, unterläßt er es, mit dem Aufgebot aller Kraft sein Recht durchzusetzen. Eine raffiniert ausgedachte Qual.
So auch spricht der Deutsche, der Nur-Deutsche, Dolmetsch von vielen, wenn ich in seine heimlichsten Hintergründe dringe, zu mir: für das, was du machst und schaffst, ist jeglicher Lohn genug; du kannst überhaupt froh sein, daß ich dir Spielraum gewähre, da es ja meine unerschütterliche Überzeugung ist,daß alles, was du bildest und formst, weder nützlich, noch erfreulich für mich sein kann.
Sind das Nadelstiche, so sind es doch mörderische; sind es Faustschläge, so will ich nicht erfahren, wie Knüppelhiebe schmecken. Das Evoe und Hosianna der Spärlichen, die um einen sind, übertäubt nicht das Pereat von draußen. Man muß wachsam sein auf die Stimmen von draußen. Jedem Schriftsteller gegenüber konstituiert sich ein Gesamtverhalten der Nation; nach diesem richtet sich die Freiheit seines Gemüts, die Sicherheit seiner Allüre und ein schwer umschreibbares Etwas von geistigem Takt, von eingebetteter Stromkraft. Unerläßlich, daß er voraussetzungslos genommen wird, erwachsen ihm doch aus Werk und Handwerk so viel Hemmungen und Ängste, daß die Jahres-, die Stundenschale randvoll davon überfließt, des häßlich beschwerten Alltags nicht zu gedenken. Bekommt er nicht zu spüren, daß die Wärme, die er ausgibt, wieder Wärme erzeugt, so bricht die Natur in ihm zusammen. Wie soll er sich einer Anklage erwehren, die ihm je sinnloser erscheinen muß, je wahrer er in seinem Kreis, in seiner Ordnung steht? Möglich, er betrachtet als Auszeichnung, möglich, als drückendes Schicksal, möglich sogar, als zu sühnende Schuld, was ihm durch das Judesein geschehen ist; es gibt ja Erscheinungen der letzteren Art genug, und ich werde noch von ihnen zu reden haben; in keinem Fall wird er begreifen, wird er es ertragen lernen, daß im gereinigtsten, geweihtesten Bezirk mit zweierlei Maß soll gemessen werden und keine Reinigung und Weihe zureichen soll, keine Tat, keine Entselbstung, nicht Schweiß noch Blut, nicht Bild noch Figur, nicht Melodie noch Vision, ihm das Vertrauen, die Würde, die Unantastbarkeit von vornherein zuzugestehen, die im gegnerischen Lager der Geringste ohne Abzug genießt. Ist er aber einmal zu der Erkenntnis der Vergeblichkeit des Kampfes gelangt, woher soll er dann noch Worte und Gründe nehmen, woher den Mut zur Erweisung und Verkündigung?
Bild und Figur führen im deutschen Leben eine Katalogexistenz. Der Deutsche findet nicht zu ihnen, er identifiziert sich niemals mit ihnen, höchstens, daß er von ihnen abstrahiert; sie müssen ihm aufgeredet, sie müssen ihm plausibel gemacht werden. Trotzdem kann man ihn weder überreden, noch eigentlich überzeugen; er glaubt nur, was zu glauben befohlen ist oder wozu eine Majorität ihn zwingt.
Wohlverstanden: hier wird nicht um Gnade gewinselt. Hier ist nicht einer, der sich als reuiger Sünder gebärdet oder als weißer Rabe. Auch nicht einer, der sich brüsten will mit einer Märtyrerkrone oder mit Erlittenem sich schmücken. Auch nicht einer, der sich losgetrennt hat, hüben und drüben, um sich in prahlerische Einsamkeit zu retten. Auch nicht einer, der mit dem getretenen Stolz, verbissenen Trotz des Zurückgewiesen Komplotte schmiedet und Konventikel gründet, der plötzlich uralt-ehrwürdige Zugehörigkeit als neu entdeckt und sich an die klammert, weil ihm die Wahl- und Geisteszugehörigkeit bestritten wird.
Nein. Es geht um Auseinandersetzung. Es geht um Rechenschaft, von hüben und von drüben. Es geht um Recht und Gerechtigkeit. Es geht schließlich um die Frage: warum schlagt ihr die Hand, die für euch zeugt?
Solches Zeugnis geschah sechs Jahre nach dem »Caspar Hauser« zum zweitenmal im »Gänsemännchen«. Ich übergehe dabei wieder die mittleren, die Versuchs- und Erprobungswerke; etwa den »Goldenen Spiegel« und den »Mann von vierzig Jahren«. Ich dachte in jener Zeit an eine zyklische Folge, Darstellung deutscher Welt am Anfang des Jahrhunderts. Das »Gänsemännchen«, 1911, 1912 und 1913 entstanden, wurde erst im zweiten Jahr des Krieges veröffentlicht, und es fügte sich, daß das Buch, wie keines meiner Bücher zuvor, sogleich einherzliches und weittragendes Echo fand. Ich hatte damals oft den Eindruck, daß die Übergewalt der Ereignisse ihm eine Art von Anonymität verlieh, durch die es reiner in sich selbst ruhte, stärker aus sich selbst wirkte; ein neues, wohltuendes Gefühl für mich.
Es enthält und gibt ein charakteristisches Stück bürgerlicher deutscher Geschichte, deutscher Zustände um 1900, doch nicht in der Schilderung, sondern in der Zusammenfassung, wobei das Entscheidende in die Gestalt und ihre seelische Wandlung verlegt wird. Das Musikerschicksal ist nur Behelf und Vorwand; es war nötig, für alle Klänge und Widerklänge ein intensiv empfangendes Membran zu gewinnen, das zitterndste, zarteste, genaueste Instrument, an dem abzulesen war, wie es um den deutschen Alltag stand, wie die Wirklichkeit sich zur Idee, das Allgemeine zum Besonderen verhielt. Das Buch ist in dem Sinn, wie ich es oben entwickelt habe, provinziell. Es war vielleicht nicht so geträumt; aber um die Mauer niederzureißen, die mich gefangen hielt, hätte ich mich zuerst an ihr verbluten müssen, und während der Arbeit zeigte sich das Sonderbare, daß ich eine verhältnismäßige Breite nur erringen konnte, wenn ich nicht töricht wider die Mauer anrannte, sondern, im Gegenteil, mich mit dem mir verstatteten Raum beschied und wie ein guter Architekt aus der Beschränkung ein Mittel zur Entfaltung machte.
Freilich lief damit viel Schnörkelhaftes unter, viel Skurrilität, Enges, Grelles, Kunterbuntes, aber auch dies gehörte zum Weg, und der Weg wies mich ins Urbane, in den Bezirk, wo das Geschaffene unmittelbar zum Menschen spricht, ihn anrührt, ihm dient, ihm befiehlt, sowohl durch das, was an ihm offenbar wie durch das, was Geheimnis ist und Geheimnis zu bleiben hat. Alles Gewachsene ist ja so, alles, was von der Natur ausgeht, offenbar und geheimnisvoll zugleich. Ob Daniel Nothafft als eine deutsche Gestalt gelten kann, ist viel erörtert worden. Die Frage hat Interesse nur im Hinblick auf meinpersönliches Problem. Manche haben sie bejaht, manche zweifelnd erwogen, manche verneint. Ich erlebte Kundgebungen des Erstaunens und wie Leute stutzig wurden in beharrlich verfochtener Meinung, weil sie zwischen dem Urheber und dem Produkt keine Verbindung mehr gewahrten. Am Gesetzhaften meiner Stellung zur Gesellschaft und zur deutschen Öffentlichkeit änderte sich so gut wie nichts. Für dieses Gesetzhafte gibt es ja nur ein untrügliches Regulativ, und das ist das eigene Innere, die wiederkehrende, vom Blut erzeugte, den Sternen gehorchende Welle des inneren Lebens.
Ich hatte inzwischen, während eines Aufenthaltes in Nürnberg, den Freund wiedergetroffen, den ich viele Jahre vorher unter so häßlichen Umständen in Zürich verlassen hatte. Er war nun ein Mann Mitte der Vierzig, ich Anfang der Vierzig; die Jugendstürme lagen weit hinter uns, und der lange Zeitverlauf machte, daß man kaum noch das Gefühl hatte, derselbe Mensch trete einem entgegen; die Erinnerung war etwas für sich Bestehendes, und die Gegenwart mußte mit ihr paktieren. Der Freund von ehemals beobachtete eine Zurückhaltung, die mich bisweilen wunderte, bisweilen still erheiterte, denn ich konnte die Ursache ungefähr ahnen. Der Mentor und Führer aus den Jahren der Entwicklung kann sich nicht zufrieden zeigen mit der Richtung, die man eingeschlagen, schon mit dem Tag, wo man sich seinem Einfluß entzogen hat. Was man auch tut, wie man sich auch hält, wohin man auch strebt und wo man anlangt, er hat es immer anders gedacht und gewollt. Ihm scheint alles Irrtum und Verrat, denn er war nicht dabei, er hat seinen Segen nicht dazu gegeben, und es erbittert ihn, daß er entbehrlich gewesen ist. Daß er selbst in entscheidender Stunde versagt hat, ist aus seinem Gedächtnis hinweggewischt, muß auch hinweggewischt sein; wer kann sich anderthalb Jahrzehnte lang einem andern als geistigen und seelischen Schuldner verdingen? Das würde ihn zugrunde richten. Er beharrt also lieber dabei, daß er einst für dasWohl und Wehe des Kameraden verantwortlich war, und daß mit dem Tag, wo seine Macht und seine Verantwortlichkeit zu wirken aufgehört haben, das Übel begonnen hat. Im Verborgenen bewahrt er wohl auch eine unbeglichene Dankbarkeitsrechnung, deren er sich schämt, die aber doch seinen Groll vermehrt. Kommt dann noch hinzu, daß sein eigenes Geschick den gehofften Aufstieg nicht genommen hat, daß er noch an alten Lasten schleppt, in alten Ketten seufzt, indes der Leidensgenosse von ehedem ein Ziel erreicht hat, wenn schon nach seiner Ansicht ein falsches und verwerfliches, so wird die Situation so peinlich, so hintergründig, wie sie eben zwischen uns war.
Ich hatte ähnliche Begegnungen öfter. Eine vom gröbsten Zuschnitt, wo die Dankbarkeitsrechnung brutal hingehalten wurde, will ich in Einschaltung erzählen: Eines Tages traf ich in Fürth einen früheren Schulkameraden, in dessen elterlichen Haus ich als Fünfzehn- und Sechzehnjähriger verkehrt hatte. Man hatte mich freundlich aufgenommen, obschon, da die Leute vermögend waren und ich demnach von geringerem Stande, mit einer Herablassung, die ich damals gerechtfertigt fand. Der junge Mensch, der über reichliches Taschengeld verfügte, hatte mir dann in den Nürnberger Notjahren hier und da mit einem Goldstück ausgeholfen; er wußte um meine literarischen Bemühungen, gab sich mir gegenüber als Gönner, und um ihn bei guter Laune zu erhalten, las ich ihm bisweilen meine Versuche vor. Er war mit meinem Garrick befreundet, und dieser hatte ihm, als er die Stadt verließ, um nach England zu gehen, ganze Berge von meinen Manuskripten und Briefen zur Aufbewahrung übergeben. Als ich ihn nun, mehr denn zwanzig Jahre danach, auf der Straße sah und wiedererkannte, hielt ich ihn an, begrüßte ihn arglos und fragte, ob er sich der Handschriften erinnere, und ob sie noch in seinem Besitz seien, es lockte mich, sie einmal durchzusehen. Ich habe selten einen derartigen Ausdruck von Haß,philisterhafter Bosheit und beleidigtem Dünkel in einem Gesicht vereinigt gesehen. Er antwortete: Wie, du wagst es, eine Sache zurückzufordern, auf die ich nach allem, was ich für dich getan habe, ein Eigentumsrecht geltend machen kann? Du wagst es, einen Menschen wegen dieser Makulatur zu behelligen, der dich mit Wohltaten überschüttet hat, und um den du dich zweiundzwanzig Jahre lang nicht gekümmert hast? Solche Undankbarkeit schreit zum Himmel. Damit drehte er mir den Rücken. Es ist keine Übertreibung, er gebrauchte genau diese Worte und sprach von Wohltaten und Undankbarkeit.
Zwischen mir und dem Freund war noch etwas anderes in der Schwebe als die erkaltete Beziehung aus vergangener Zeit, der keiner von uns mehr Wärme und Odem einhauchen konnte, obwohl wir Mühe aufwanden, uns einander glauben zu machen, es sei noch alles wie vordem. Ich arbeitete damals im städtischen Archiv; an den Nachmittagen verabredeten wir uns zu Ausflügen in die Umgegend. Das Wunderliche war, daß der Freund mit keiner Silbe eines meiner Bücher erwähnte, als hätte er nie eins gelesen, als hätte er nie davon gehört. Ich hätte ihn aber schlecht gekannt, seine Wachsamkeit, sein rege spähendes, immer argwöhnisches, immer eiferndes Interesse für alles, was in der geistigen Sphäre vorging, wenn ich nicht gewußt, mit Sicherheit hätte annehmen dürfen, daß er jede Zeile von mir, deren er habhaft werden konnte, mit Begier verschlungen hatte; nicht mit Liebe, da ich ihm ja als ein aus der Zucht, seiner Zucht Entlaufener und deshalb Mißratener erscheinen mußte, aber doch mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit, eben um die Tiefe meines Sturzes sich immer von neuem zu beweisen. Es stand ihm an der Stirn geschrieben.
Trotzdem befremdete mich dieses Schweigen sehr, und in meinem bedrückten, bedauernden Nachdenken fand ich eine Ursache, die mich freilich in seinen Augen wesentlicher hatte schuldig machen müssen als durch die Trennung der Wegeund die Loslösung von gemeinsamen Zielen. Es war der Umstand, daß es in zweien meiner Romane eine Figur gab, die durch eine gewisse Konstellation von Charakterzügen und Gewohnheiten auf ihn als Modell wies. Ich leugne nicht, daß er mir bei der Zeichnung der betreffenden Person zum Vorbild gedient hatte, und daß die Verähnlichung, die aber durchaus keine Vernämlichung bedeutete, nicht gerade schmeichelhaft für den Lebendigen ausgefallen war. Ich hatte keinerlei Vertrauensbruch begangen; weder Verrat noch Bezichtigung konnte ich mir vorwerfen; es war nichts zu verraten, es war nichts zu bezichtigen; um so weniger konnte von schlimmer Absicht die Rede sein, als in die Gestalt auch viel von eigenen Leiden, Verwirrungen und Dunkelheiten übertragen war und in jenen Jahren wirklichkeitssüchtigen, wirklichkeitsbangen Schaffens dieser Mann, dieser Freund, dieser Feind, wenn man will, wie ein Bruder-Ich vor mir gestanden war. Feind und Bruder, wie nah ist das oft. Ich hatte in der Figur etwas Neuartiges darzustellen versucht, das mich bis zur Angst beunruhigt hatte: den Juden-Christen, den Deutschen von zweifelloser Reinheit der Abstammung, der aber vermöge einer merkwürdigen Chemie des Schicksals oder der Elemente unverkennbare jüdische Eigenschaften besitzt, jüdische Glut, jüdische Verschlagenheit, jüdische Labilität, jüdische Augenblickhaftigkeit. Da ist etwas vorausempfunden und -geformt, eine Verwandtschaft des äußeren Loses und inneren Seins zwischen Deutschtum und Judentum, das seitdem sogar an die Oberfläche öffentlicher Diskussion gedrungen ist, und worauf ich auch werde zurückkommen müssen.
Es ist ein heikles Ding, wie der Schriftsteller sich verhalten soll, wenn er vor die Notwendigkeit gestellt ist, Personen seines Umgangs, ja solche, die nur harmlos seine Nähe gesucht haben, in seine dichterische Welt zu transponieren. In der Jugend ist man darin ziemlich unbedenklich; ich zum mindesten war es; man nimmt es auf sich; brechen alte Bande,knüpfen sich neue; man ist stolz darauf, vor nichts zurückzuschrecken, auch vor heillosen Übergriffen nicht; alles soll die Kunst wieder gut machen, auch wo man menschlich sich vergangen hat, als ob das möglich wäre. Ich hatte einmal, in den Zigeunerjahren, einen Ehrenhandel mit einem Schauspieler, einem ganz famosen Mann, den ich in einer leichtsinnig hingeschriebenen Geschichte als komischen Hahnrei geschildert und dem Gelächter einer literarischen Kaffeehausgesellschaft preisgegeben hatte. Es war unnützes Zeug, kaum zu entschuldigen als Handwerksübung. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages einen äußerst verzweifelten Brief von Gustaf af Geijerstam aus Schweden erhielt, worin er mir mitteilte, daß er ruiniert und verloren sei, da ihn Strindberg in den »Schwarzen Fahnen«, für alle Leser kenntlich, als den Auswurf und die Pest seines Landes gezeichnet habe. Er fürchtete, daß die Kenntnis davon auch nach Deutschland gelangt sei und bat mich, für ihn einzutreten. Das war nun aus mancherlei Gründen untunlich; wie durfte ich mich in die schwedischen Händel mischen. Übrigens starb Geijerstam kurze Zeit hernach; seine Freunde behaupteten, aus Scham und Kummer.
So weit geht es ja selten. Aber wo ist die Grenze? Wir wissen, auch Kestner konnte nicht darüber hinwegkommen, daß Goethe im Werther die befreundete Familie bloßgestellt hatte. Es wird erzählt, daß die Moskauer und Petersburger hohen Kreise, als Anna Karenina erschienen war, sich weniger mit den Vorzügen des Werkes als damit beschäftigten, die Urbilder der handelnden Figuren mit neugieriger Schadenfreude ausfindig und namhaft zu machen. Was ist erlaubt, was steht frei? Was ist verboten, was verbietet sich von selbst? Hätte der größere Künstler die größere Befugnis? Sonderrechte der Rücksichtslosigkeit und Ausschlachtung? Doch wohl kaum, da es auch in dem Bezug keinen Richtspruch von zulänglicher Kompetenz gäbe. Ich kann auf die Wirklichkeit undihre Nahrungszufuhr nicht verzichten, wenn ich nicht mit meinen Geschöpfen ins Bodenlose geraten will. Die Farbe der Natur nicht zu überschminken, ihre Wahrheit nicht willkürlich umzubiegen, erfordert mehr Kraft und Mut als eine romantisierende, falschidealistische Erhöhung und Verallgemeinerung. Der Mangel an realer Bindung ist Schuld an der verwässerten Tragik, grundlosen Überhitzung und schematischen Zuspitzung, die die mittlere deutsche Erzählung so schwer genießbar machen. Andrerseits geht es nicht an, Schicksale und Menschen nur um des Interessanten oder Ausnahmshaften, das ihnen eigen ist, an den Pranger zu stellen; was unbedingt des andern Eigentum ist, und was er zu bewahren wünscht, darf ich ihm nicht rauben und entreißen; verkleide ichs, veredle ichs auch, für ihn verzerrt es sich, und er muß sich verarmt dünken. Dennoch gibt es Fälle, wo die äußere Verpflichtung einer gebieterischen inneren zu weichen hat; dann aber kann es sich nicht mehr um das bloß Interessante und Ausnahmshafte handeln, sondern um das Gültige und Tragende, um Vision, um Wandlung, um Erneuerung. Dann wird auch der Vorwurf des Verrats und Raubes hinfällig; bleibt mißverständlicherweise ein Odium davon, so verweht es die Zeit; Menschengeschehen ist flüchtig, und Menschen sind vergänglich; sein Gesetz erhält das Schicksal erst durch den Dichter. Aber was die Abschreiber und Klitterer der Wirklichkeit aus ihr machen, ist noch viel vergänglicher als Mensch und Geschehen. Diese zufällige grobe Wirklichkeit; mit ihr ist in der Regel wenig anzufangen, wenig zu leisten; sie ist ein ungeheurer Materialspeicher, und ist kein Auge da, das das Verworrene entwirrt, im Vielfältigen das Einfache wahrnimmt, in den Schlacken das Edelmetall, unter Fratzen das Gesicht, im Stückwerk die Andeutung des Ganzen, im Abgeirrten das Gesetz, was ist sie dann nütze? Der Augenschein gehört mir, unter allen Umständen; wer dürfte ihn mir bestreiten? Wozu ich ihn umschaffe, ist Sache der Gnade.
Aber ich will von einem Gespräch zwischen mir und dem Freund berichten. Er erkundigte sich nach meiner Familie, und ob sie sich mit mir ausgesöhnt habe. An meinen persönlichen Verhältnissen zeigte er lebhaften Anteil. Obwohl der Dialog durch die Ausschließlichkeit, mit der er sich an das Thema hielt, etwas Gezwungenes bekam, stand ich ihm ohne Rückhalt Rede. War ich auch nicht mehr der verhungerte Skribent, der ihm ehemals Bürde gewesen, und den er von sich gestoßen, so übte er doch noch immer Macht über mich aus. Solche Macht, die ein Erfahrener, Überlegener über einen irrend Suchenden erlangt, geht überhaupt nie ganz verloren, es sei denn, der eine oder der andere verlöre sich selbst. Außerdem bewahrte ich dem merkwürdigen Mann eine Anhänglichkeit, die ihm gewiß fühlbar wurde.
Es kam mir vor, als wollte er mich nach einer bestimmten Richtung ausholen, und endlich fragte er mich geradezu, ob ich noch wie zu jener Zeit überzeugter Jude sei. Ich antwortete: Überzeugter Jude? Mit dem Beiwort wisse ich nichts Rechtes anzufangen. Ich sei Jude, damit sei alles gesagt. Ich könne es nicht ändern; ich wolle es nicht ändern. Also hätte ich mich nach der einen Seite entschieden? fragte er und sah mich mit seinem scharfen Blick durch die Augengläser an. Ich versuchte, ihm zu erklären, daß ich zu der Erkenntnis gekommen sei, diese Entscheidung sei keine Notwendigkeit für mich. Nur für diejenigen sei sie eine Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und Schwäche; für diejenigen dann, nach der andern Seite, die die Schiffe hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen,mehr oder minder guter Haltung überließen. Zu beidem fehle mir die Lust, zu beidem auch der Grund. Ich stünde in der Welt mit einer Sendung; so viel hätte ich schon zu spüren bekommen, daß ich mich darin nicht irre, mich nicht gleichsam als leibhaftige Lüge zu betrachten habe, was dieses Bewußtsein anging. Und darin hatte ich mich zu erweisen, in nichts sonst, darin zu entscheiden, und nicht etwa ein für allemal und mir’s dann bequem werden zu lassen in meiner Haut, nein, Tag für Tag, bei jedem Schritt, mit jedem Atemzug. Ich wußte, daß ich übers Ziel schoß mit dem »Bequemwerdenlassen in meiner Haut«, aber es fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, daß ich inne wurde, was mit den »Entscheidungen« gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern vom anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen Andern. Es sind Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Verzichtserklärungen, die er haben will. Schranke will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, seinen Begriff, seine Form. Der Freund war etwas erstaunt über mein Ungestüm; er erwiderte bedächtig, da nähme ich entweder zu viel auf mich, das Unmögliche sogar, oder er müsse glauben, ich begnüge mich damit, ein geistiges Luxusamt zu verwalten. Das verstand ich nicht; ich bat ihn, sich deutlicher auszudrücken. Er sagte: es ist umsonst. – Was? Was ist umsonst? – Er schaute mich an. Der Geist in uns und der Geist in euch mischt sich nicht, sagte er, es ist nie gewesen, es wird nie sein. Es gibt keine Blüte, es gibt keinen Organismus, es gibt Konglomerat. Wo die Mischung scheinbar gelungen ist wie etwa bei Felix Mendelssohn, ist doch kein Tiefgang da, auch keine wirkliche Verschmelzung; es ist eine geniale Zwitterbildung mit übriggebliebenen Rudimenten, begünstigt durch eine Epoche, in der die Invasion des fremden Wesens noch unbeträchtlich war und die Witterung für die Gefahr schwach. Damals und wohl noch ein halbes Jahrhundert lang lag mehr an der Kunst als am Menschen, man erklärte die Kunst für neutral; heutewird der Mensch geprüft und gewogen, und wir wissen, daß die verführendste, vollendetste Kunst Gift- und Krankheitskeime aussäen kann.
Mir war das alles nicht neu und doch wieder neu. In gewisser Beziehung war es wahr, in gewisser ein Abschaum von Unvernunft und Verdrehung. Es war sehr deutsch, wie mir vorkam, sehr borniert, sehr kategorisch, Philosophie und Weltgericht aus eigener Machtvollkommenheit. Statt zu widersprechen, fragte ich ihn, ob er Bücher von mir kenne, irgendeines, ein einziges nur; er werde begreifen, daß ich mich nicht aus Eitelkeit danach erkundige. Seine Züge wurden sonderbar starr. Ich ließ ihn nicht, ich bedrängte ihn wie Jakob den Engel. Warum er es verhehle? Ob sie ihn nicht wankend gemacht hätten an seinem Lehrsatz? Ob er mit der geringsten Kenntnis davon als ehrlicher Mann, als denkender, schauender, fühlender Mann das Wort aufrechterhalte? Er wich aus. Er schien betreten, ja beklommen. Schließlich sagte er: Wenn ich es auch in deinem Fall bedingungsweise zugeben könnte, was wäre damit bewiesen? Ich will es zugeben, weshalb nicht? Ich war ja stets der Meinung, du seiest ein Ausnahmeexemplar, ich will zugeben, daß du Ströme des Ostens zu uns geleitet, Gesichte des Ostens uns entschleiert hast; zugeben, daß deutsche Art in dir ist, Art von unserer Art, rätselhaft wie, aber sie ist da; zugeben, daß da etwas wie Verschmelzung, neue Synthese vor sich gegangen ist; aber was ist damit bewiesen? Es wäre nur die Regel bestätigt.
Darauf antwortete ich ihm, inbrünstiger und eindringlicher, dünkt mich, als ich je zu ihm gesprochen: Ist es vorstellbar, so ist es möglich. Gibt es die Idee davon, so ist die Erscheinung nur die nächste Folge. Hat es ein Einzelner erreicht, so ist es überhaupt erreichbar. Ich bin nur scheinbar ein Einzelner, ich stehe für alle, ich bin Ausdruck eines bestimmten Zeitwillens, Geschlechterwillens, Schicksalswillens. In mir sind alle, auch die Widerstrebenden, ich schaffe Bahn für alle, ichräume die Lüge weg für alle, und daß ich da bin, ist Beweis. Die Ausnahme bestätigt nicht die Regel, sie bricht die Regel. Es ist immer ein erster Tropfen, der den Felsen durchhöhlt.
Ich weiß nicht mehr, was er mir entgegnete. Wir trennten uns dann bald.
Ich war schon um die Mitte des Jahres 1898 von München weggezogen und hatte mein Domizil in Wien aufgeschlagen. Dort konnte meines Bleibens nicht länger sein. Wie schon angedeutet, hatte mich eine Frau an den Rand des Verderbens gebracht, und hätte ich nicht das unheilvolle Band mit einem leidenschaftlichen Entschluß durchschnitten, so wäre es mit mir zu Ende gewesen. Vier Jahre hatte ich dumpf und flammend in einer erotischen Sklaverei verbracht, namenlos erfüllt, unbedingt hingegeben, dabei geschändet und mißbraucht im Innern; meine ganze Natur war davon versengt und angefault, meine moralische Existenz bedroht, meine bürgerliche schwankte schon, Freunde kehrten sich ab, Wohlwollende verschlossen mir ihr Haus, Verleumdung und Klatsch besudelten meinen Namen, und so gab es am Ende keine Rettung als Bruch und Flucht.
Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreißen vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige russische Jüdin, die wie ein liebendes Madonnchen in meinen verwunschenen Kreis trat und, wenn ich’s recht bedenke, die erste Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu verstehen, eine stummschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über das Schwere und machte, daß ich vergaß und beharrte. Sie war Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätteeine junge Fürstin sein können; sie war so stolz wie anmutig, so großen Sinns wie gehalten in ihrem Wesen. Rasch, wie wir uns gefunden, verloren wir uns wieder.
Das Leben in Wien und Österreich wirkte wohltätig auf mich durch seine leichtere Form. Da waren Widerstände aufgehoben, die ich bei uns auf Schritt und Tritt gespürt hatte. Die Menschen kamen mir freier entgegen, williger, offener, und wenn es sich auch meistens erwies, daß sie sich durch ihr Entgegenkommen nicht für sonderlich verpflichtet hielten, ja, daß sie gewissermaßen jedem ausgestellten Wechsel auf Verläßlichkeit mit naivem Bedauern bei der Vorzeigung die Anerkennung und natürlich auch die Zahlung verweigerten, überhaupt in listig-unschuldige Verwunderung gerieten, wenn man sich einfallen ließ, aus ihrem Wort die Folgerung des Vertrauens zu ziehen, so war doch der Alltag ohne die verletzende Reibung, der Ton des Verkehrs gutmütiger und unverfänglicher. Man mußte nur wissen; man mußte sich mit einer bestimmten Erfahrung gürten und nicht immer mit dem schmucklosen Anspruch auf den Plan treten. Das lernt sich. Es lernt sich auch bei einiger Schmiegsamkeit in Italien, wo verwandte Fehler den moralischen Hochmut des Deutschen reizen.
Aber dies geht wohl tiefer, und es ist nötig, die Tiefe zu sondieren. Ich lebte ja nicht nur dem Bild und Gedicht; ich war auch, im heimlichen Bewußtsein, darauf angewiesen, den Boden zu erforschen, auf dem es Wurzel schlägt und die Atmosphäre, in der es gedeiht. Ich wußte um die Menschen, die Vorwand waren zur Gestalt, und in die Absonderung, die ich mir hart erkämpfte, drang ihre Welt noch laut genug. Heute steht diese österreichische Welt vor mir, wie ich sie zwei Jahrzehnte hindurch erlebt habe, halb nehmend, halb wehrend.
Ich war als erzogener Deutscher gewöhnt, eben das Deutsche, Land und Volk, als ein Ganzes zu empfinden, unbezweifelbar, in seiner Rundheit und Faßlichkeit erfreulich, in keinem Bezug mißzuverstehen. Hier dagegen war durchaus alles fragwürdig,Land, Volk, Staatsform, Lebensform, Nationalität und Gesellschaft, Überlieferung und Abfall von ihr, Politik und Kunst, Organisation und Individuen. Das Fragwürdige übt Lockung aus, namentlich in seiner Oberflächenschicht, und die Genießer und Ferienbeobachter haben ja nicht versäumt, sich in ihrer Weise daran zu letzen. Aber das immer heftigere Gegeneinander der verschiedenen Kräfte führte zum Verhängnis. Eine von Jahrhunderten legitimierte Bedrückung, die unter der Flagge von Schlichtung und Ausgleich selbstsüchtige Herren- und Hausmachtpolitik trieb, konnte nicht ohne Einfluß auf das öffentliche und private Leben bleiben. Die mit träger Geduld vollgesogene Masse war solange Spielball und Opfer einer herzlosen Regierungsmaschinerie gewesen, solange betört und betrogen von einem System, das sich aller verfügbaren Kräfte schlau zu versichern wußte, um sich im gegebenen Zeitpunkt, der Versprechungen und Verträge nicht achtend, mit frivolem Achselzucken ihrer zu entledigen, solange das Mittel zum Zweck für eine Minderzahl von Mächtigen, an deren Vorrechte es glaubte oder zu glauben gezwungen wurde, solange bevormundet in seinen geistigen und religiösen Bedürfnissen, so sehr daran gewöhnt, gierige Ansprüche zu erfüllen: der Kirche, des Hofes, der Aristokratie, des Großgrundbesitzes, daß keine Menschenweisheit dies zum heilsamen Ende lenken konnte.
Österreichische Art wurde im Reich mit einer gewissen nachsichtigen Geringschätzung betrachtet. Wenn irgendein Berliner Bruder Liederlich nach Wien kam, irgendein Spießbürger, der in seiner heimischen Langeweile anspruchsvoll geworden war, und vom süßen Schaum des südlicheren, flinkeren Lebens genippt hatte, fand er sich zum dauernden Zensor über Land und Menschen befugt. Jedes Urteil war Vorurteil. Das geschmackvolle und bestechende Kostüm der Metropole, angeborene Ritterlichkeit und Gastlichkeit der Bewohner täuschte über die Wunden und Abgründe. Man war nicht scharfsichtig, man war nicht genau, man nahm es nicht ernst. Ob es sich um Buchoder Bild handelte, um Lehre oder Kunst, die von dort ausging: man nahm es nicht ganz ernst. Außer bei Musik und Schauspielerei; da lag Unwidersprechliches vor, unwiderlegliche Meisterschaften, die waren Verdienst und ureigenste Blüte, wenn schon nicht selten beide durch Üppigkeit und gar zu unbeschwerte Heiterkeit dem gründlicher veranlagten Stammesgenossen sich verdächtig machten, wo es gerade noch erlaubt war, Verdacht zu hegen. Kurz, man hatte seine Einwände, seine Klauseln und Abstriche auf der großen Merktafel. Ich habe selbst Erfahrung darin. Von der Zeit an, wo ich meine Bücher in Österreich schrieb, war ich in den Augen von vielen meiner deutschen Kritiker gesunken. Man konnte mich, logischerweise, nicht mehr ganz ernst nehmen. Auch nahe Freunde unkten, warnten und verübelten es mir, daß ich bei den »Phäaken« seßhaft geworden war.
Daß ich durch das allgemeine wie durch das Wesen einzelner empfindlich zu leiden hatte, will ich nicht leugnen. Heute, wo die Zerstörung am Tage liegt, der deutsche Teil der Nation ins Mark getroffen ist, seine Kräfte verwirtschaftet, seine Hilfsquellen erschöpft sind, weiß jedes Kind Bescheid. Mich bedrückte die Ahnung lange zuvor. Denn ich sah, es war kein Mittelpunkt und keine Gemeinsamkeit; das bis zum Zynismus offene Bekenntnis der sich selbst spürenden Unzulänglichkeit widerte mich; es widerte mich der Taumel, die Zermürbung, der geistlose Despotismus, die Zuchtlosigkeit. Schäden wurden nicht erkannt oder, wenn erkannt, so verschwiegen; die Politiker waren durch Parteirücksichten gehemmt, wobei eine perverse Jovialität selbst ihre Gehässigkeit abstumpfte; die Schriftsteller in ihrer Mehrzahl waren nicht unabhängig oder, wenn unabhängig, so einseitig an Sexualität, Theater und überschminkte Gesellschaftlichkeit verdingt, was bis zu niedrigem Klatsch und grinsender Felonie ausarten konnte. Keine menschliche Betätigung fand einen Widerhall, kein höheres Interesse selbstlose Zustimmung; wer Wege abseits vom Trivialen und Beliebten suchte, war verfemt, und jede Tätigkeit, die eine innere, fernere Folge haben sollte, wurde besudelt oder schlechthin verlacht.
Aber der Deutsche hätte sich durch das Wissen um die Schatten und Laster, das ja oft von dorther rührendes Eingeständnis war, nicht beirren lassen dürfen. Er hat durch seine Überheblichkeit im Entstehen vernichtet, was sicherlich einmal bestimmt war, ihn reicher, voller, ausgeglichener zu machen. Er hätte Erbe eines blühenden Besitzes sein können; jetzt wächst ihm, bestenfalls, ein geplünderter zu. Liebe zu erwecken hat er nirgends verstanden, so auch hier nicht. Er achtet die Herzen nicht, er zertritt sie plump, indem er ihnen Vorschrift einbläut. Dieses Österreich, ich sehe von den Menschen ab, in seiner Fülle von beseelter Landschaft, heroischer und idyllischer, zarter und gewaltiger, einschmeichelnder und grandioser, der Durchsichtigkeit und Weichheit seiner Atmosphäre, seiner Helligkeit, seiner Unverbrauchtheit, könnte wohl in manchem Betracht heilend, erneuernd und umwandelnd auf deutsches Wesen wirken; ich möchte sagen musikalisierend, wenn das Wort gelten darf. Mich wenigstens hat es geheilt, erneuert und umgewandelt, als ich, ein Gebrochener, dort Aufnahme fand. Es hat mich, vielleicht durch seine Landschaft, vielleicht durch seine Luft, vielleicht durch seltene Menschen auch, die mir begegnet sind, gelehrt, was Form ist, Zucht der Sinne, Rhythmus der Linie. Draußen hatte ich die Pfeiler gesetzt, hier konnte ich die Bogen wölben.
Was nun die Menschen im allgemeinen betrifft, so ist ihnen, im guten wie im schlimmen, etwas Naturhaftes eigen, Wechsel und Laune der Natur, Unbedingtheit und Bildsamkeit. Ein leiser Hauch von Orient weht um sie; von uralten germanischen, römischen, keltischen Elementen sind sie getragen; die Nähe slawischer Welt und stellenweise Durchblutung von ihr hat den Charakter vielfach erweitert und vertieft; Traditionen der Vergangenheit sind noch tragfähig; das Individuelleist noch nicht überzüchtet, das Typische noch nicht leer; es ist noch Gebärde da, Maske, Spiel, Dunkelheit in der Entwicklung, Geheimnis in der Beziehung.
Ein Umstand machte mich bereits nach kurzem Aufenthalt in Wien stutzig. Während ich draußen mit Juden fast gar keinen Verkehr gepflogen hatte und bloß hier und da einmal einer, von dem es weder ausdrücklich von andern noch von ihm selbst betont wurde, daß er Jude sei, in meinem Bezirk aufgetaucht war, zeigte es sich, daß hier fast alle Menschen, mit denen ich in geistige oder herzliche Berührung kam, Juden waren. Außerdem wurde es von andern stets betont, und sie betonten es selbst. Dies zwang mich zur Abwehr, da mir eine solche Exklusivität das Blickfeld beengte.
Ich erkannte aber bald, daß die ganze Öffentlichkeit von Juden beherrscht wurde. Die Banken, die Presse, das Theater, die Literatur, die gesellschaftlichen Veranstaltungen, alles war in den Händen der Juden. Nach einer Erklärung mußte man nicht lange suchen. Der Adel war vollkommen teilnahmlos; mit Ausnahme einiger Fehlgeratener und Ausgestoßener, einiger Abseitiger und Erleuchteter, hielt er sich nicht nur ängstlich fern von geistigem und künstlerischem Leben, sondern er fürchtete und verachtete es auch. Die wenigen patrizischen Bürgerfamilien ahmten dem Adel nach; ein autochthones Bürgertum gab es nicht mehr, die Lücke war ausgefüllt durch die Beamten, Offiziere, Professoren; danach kam der geschlossene Block des Kleinbürgertums. Der Hof, die Kleinbürger und die Juden verliehen der Stadt das Gepräge. Daß die Juden als die beweglichste Gruppe alle übrigen in unaufhörlicher Bewegung hielten, ist nicht weiter erstaunlich. Dennoch war meine Verwunderung groß über die Menge von jüdischen Ärzten, Advokaten, Klubmitgliedern, Snobs, Dandys, Proletariern, Schauspielern, Zeitungsleuten und Dichtern. Mein Verhältnis zu ihnen, innerlich wie äußerlich, war von Anfang an ein höchst zwiespältiges. Um aufrichtig zu sein, muß ich gestehen, daß ich mir bisweilen wie in Verbannung geraten unter ihnen erschien. Ich war bei den deutschen Juden mehr an bürgerliche Abgeschliffenheit und soziale Unauffälligkeit gewöhnt. Hier wurde ich eine gewisse Scham nie ganz los. Ich schämte mich ihrer Manieren, ich schämte mich ihrer Haltung. Die Scham für den andern ist ein ungemein quälendes Gefühl, am quälendsten natürlich, wo Blut- und Rasseverwandtschaft im Spiel ist, und man durch ein unabwälzbares inneres Gebot wie infolge moralischer Selbsterziehung verpflichtet ist, für jede Äußerung und jede Handlung von ihm in irgendwelcher Weise einzustehen. Wahre Verantwortung ist wie ein mit Herzblut unterschriebener Vertrag. Er bindet über alle Einwände der Vernunft hinaus, und Freiwilligkeit und Urteil vermögen nichts gegen ihn.
Diese Scham steigerte sich manchmal bis zur Verzweiflung und bis zum Ekel. Anlaß war das Geringe wie das Bedeutende; das Idiom; schnelle Vertraulichkeit; Mißtrauen, das das unlängst verlassene Ghetto verriet; apodiktische Meinung; müßige Grübelei um Einfaches; spitzfindiges Wortefechten, wo nichts weiter nötig war als Schauen; Unterwürfigkeit, wo Stolz am Platze war; prahlerisches Sichbehaupten, wo es galt, sich zu bescheiden; Mangel an Würde, Mangel an Gebundenheit; Mangel an metaphysischer Befähigung. Gerade dies letztere bestürzte mich am meisten und am meisten bei den Gebildeten. Es ging ein Zug von Rationalismus durch alle diese Juden, der jede innigere Beziehung trübte. Bei den Niedrigen äußerte es sich und wirkte im Niedrigen, Anbetung des Erfolgs und des Reichtums, Vorteils- und Gewinnsucht, Machtgier und gesellschaftlichem Opportunismus; bei den Höheren war es das Unvermögen zur Idee und Intuition. Die Wissenschaft war ein Götze; der Geist war unumschränkter Herr; was sich der Errechnung versagte, war untergeordnete Kategorie; errechnet werden konnte auch das Schicksal, zerfasert die heimlichsten, dunkelsten Gebiete der Seele. Es war überhaupt in ihnen ein Wille und Entschluß zur Entgeheimnissung der Welt, und sie wagten sich darin so weit, daß in vielen Fällen, für mich wenigstens, Schamlosigkeit von Forschertrieb nicht zu unterscheiden war. Mich dünkt, die Menschheit gewinnt auf der einen Seite nicht so viel durch Entschleierung an Wissen und an Kraft, als sie auf der andern durch Entweihung an Scheu und fragender Demut verliert. Wahrheit ist doch nur im Bilde und in der Ehrfurcht.
Ausgezeichnete Eigenschaften einzelner traten im Umgang gewinnend hervor, Verstand und Güte, Bereitschaft zu dienen, zu fördern, Blick für das Seltene, das Kostbare; sie hatten Wärme, Gabe der Ahnung sogar, ein nervöses Mitschwingen war ihnen eigen, ungeduldiges Vorauseilen oft, wobei das Tempo über die Intensität und Tiefe täuschte. Ich lernte sehr kultivierte Juden kennen, verfeinert bis zur Gebrechlichkeit; man hätte glauben mögen, mit ihnen als letzten müden Sprossen sei die Rasse am Endpunkt der Bahn angelangt. Dann wieder Typen des entgegengesetzten Gepräges: unverbrauchte Sendlinge einer breiten, der europäischen Zivilisation noch abgekehrten, aber drohend zu ihr drängenden, feindselig oder begehrlich von ihr faszinierten Schicht. Sie waren erfüllt von brutaler Entschlossenheit, sich durchzusetzen; sie kamen als Eroberer, erzwangen sich Raum, bemächtigten sich binnen kurzem und in skrupellosem Wetteifer der Hilfsmittel, die ihnen Staat und Gesellschaft gewährten. Zwanzig Jahre später gründeten ihre Söhne bereits literarische Wochenschriften oder publizierten Gedichtbände allermodernsten Stils, und ihre Töchter hatten sich dermaßen mimikrisiert, daß sie sich in Allüre und Ausdrucksweise von den Komtessen mit sechzehn Ahnen kaum mehr unterschieden. Daneben aber gab es Erscheinungen von strengerArt, Einsame; Lautlose; beharrliche Wühler; Menschen von hagerer Geistigkeit, bei welchen die harte und finstere Religion der Väter ein hartes und finsteres Verhältnis zum Leben selbst erzeugt hatte. Unsinnlich, negierten sie, was an der Menschheit Blüte ist, übertragene Form und wurden, genau wie die Väter, denen gegenüber sie doch Abtrünnige waren, Geknechtete einer Lehre und unermüdliche Werber dafür. Auch sie waren entschlossen, sich durchzusetzen.
Um die Zeit, als ich nach Wien kam, war gerade der Zionismus im Entstehen. Der dauernde Zuzug aus dem Osten und Norden des Reichs schuf eine völlig andere Stimmung unter den Juden und völlig andere Zusammensetzungen, als sie mir bis dahin bekannt waren. Die Kunde von den Schändlichkeiten, die die zaristische Regierung beging, die unbezweifelbaren Zeugnisse über Bedrückungen, Mord, Folter und Vergewaltigung, Beugung des Rechts, Verhöhnung des Gerichts, zudem die jammervolle soziale Lage der Juden sogar in den österreichisch-slawischen Provinzen hatten nach und nach eine außerordentliche Gärung hervorgerufen, und einige Männer von Mut und Willen widmeten sich dem Plan der Errichtung eines palästinischen Reiches. Die Wirkung war gewaltig. Daß der Siedlungsgedanke nicht als solcher propagiert wurde, daß er sich als staatliche Gründung ins Politische gesteigert und weiterhin als religiöse Idee in messianischer Fassung darbot, verschaffte ihm zahllose Anhänger. Ich hörte damals von Juden, die irgendwo in Podolien oder in der Bukowina ihr geplagtes Dasein schleppten und in Tränen ausbrachen, als die neue Heilsbotschaft zu ihnen gelangte. Ich hörte von solchen, die sich auf die Wanderung begaben, tage-, wochenlang, um nur den Mann mit Augen zu sehen und, wie sie sich ausdrückten, den Saum seines Gewandes zu küssen, den Propheten, den Ersehnten, der ihnen die Möglichkeit dieses Glücks geschenkt hatte. Sie hatten ja unter einem gefrorenen Himmel gelebt, seit Jahrhunderten, und ihre Welt war ein Kerker gewesen.
Mein persönliches Verhalten zu dieser Bewegung war unsicher, bisweilen schmerzlich unsicher. Erstens mußte ich von Anfang an den Sinn ganz anders richten, da ich mich ja in ganz andere Zusammenhänge eingelebt hatte. Manche der Adepten sagten, ich müsse erwachen, und ich würde auch eines Tages erwachen, zur Wahrheit und zur Tat erwachen. Sie wußten von mir nichts. Zweitens hatte es sich gefügt, daß ich mit dem Schöpfer der Idee gesellschaftlich in Berührung gekommen war, und daß ich weder Zuneigung für ihn fassen konnte, für ihn als Schriftsteller nicht und als Menschen nicht, noch an seine Ungewöhnlichkeit und Größe zu glauben vermochte, wie er es voraussetzte und heischte. Ich kann nicht umhin, dessen Erwähnung zu tun, weil es mich im stillen oft beschäftigt hat und mir zum Selbstvorwurf geworden ist. Das Bedeutende eines Menschen wesentlich und nachhaltig verkennen, wäre nicht allein Blindheit, sondern auch Verblendung. Ich war verstockt; ohne Zweifel auch nicht willig; der Anblick und die Nähe kleiner Schwächen und Eitelkeiten verdroß mich, und Gefolgschaft zu leisten, war mir nicht gegeben, nicht bestimmt. Weil ich den Menschen zu übersehen glaubte, übersah ich sein Werk, schuldvolles Wortspiel, an das sich viel Wahn und Irrtum knüpft.
Daß ich von Juden immer wieder für diese lebenswichtige jüdische Sache gefordert wurde, ist begreiflich. Es setzte mich stets in Verlegenheit. Ich war bereit, die Leistung anzuerkennen, die dafür aufgewendet wurde, Opfer und Hingabe, auch die Hoffnungen zu teilen, aber ich selbst stand nicht da, wo sie standen. Ich fühlte nicht die Solidarität, auf die sie mich verpflichten wollten, nur weil ich Jude war. Die religiöse Bindung fehlte, aber auch die nationale Bindung fehlte, und so, in meinem noch nicht zur Klarheit gediehenen Widerstreben, vermochte ich im Zionismus vorläufig nichts anderes zu sehen als ein wirtschaftlich-philanthropisches Unternehmen. Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation nannten,rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jegliche Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären? Historisch-psychologisch betrachtet, war ich vielleicht im Recht; die aus der Not geborene Erscheinung gab mir in jedem Augenblick Unrecht. Und die Not baut den Weg.
Der Konflikt blieb bestehen. Es handelte sich um die Menschen, um ihr Antlitz, um ihr Wesen, um ihre Gebärde, ihr Wort, ob sie in mir waren schließlich, ob ich in ihnen war. Ich konnte den oder jenen würdigen, schätzen, lieben, weil er so war, wie er war, eben dadurch würdigens-, schätzens-, liebenswert. Ich konnte aber nicht eine Gruppe, eine Gesamtheit würdigen, schätzen und lieben, nur weil man mich in den Verband einschloß. Vielleicht können es andere; mich hatte Gott nicht so geschaffen. Wirft man mir entgegen: um der Idee willen mußt du die Gruppe, die Gesamtheit, das Volk lieben, so erwidere ich: zu einer Idee, einer unbeirrbaren, mich völlig durchdringenden und all meinem Tun gebietenden war ich bereits geboren; sie durch eine andere zu ersetzen oder ihr eine andere koordinieren, war nicht möglich, ist menschlich, geistig, organisch nicht möglich, oder es geht nicht mehr um Wahrheit und Ernst, sondern um Versuch, Gelegenheit und Lückenfüllen. Was man ist und tut, hat man ganz zu sein und zu tun; sonst könnte jeder die Geschäfte eines jeden betreiben.
Sah ich einen polnischen oder galizischen Juden, sprach ich mit ihm, bemühte ich mich, in sein Inneres zu dringen, seine Art zu denken und zu leben zu ergründen, so konnte er mich wohl rühren oder verwundern oder zum Mitleid, zur Trauer stimmen, aber eine Regung von Brüderlichkeit, ja nur vonVerwandtschaft verspürte ich durchaus nicht. Er war mir vollkommen fremd, in den Äußerungen, in jedem Hauch fremd, und wenn sich keine menschlich-individuelle Sympathie ergab, sogar abstoßend. Viele Juden, die sich Juden fühlen, verhehlen sich dies; einem Pflichtbegriff oder Parteidiktat zuliebe oder um feindlichen Angriffen keinen Zielpunkt zu geben, üben sie Zwang auf sich aus. Das hat in meinem Fall keinen Zweck mehr. Ich rufe auch nicht zur Nachahmung auf und sage nicht, daß es gut war, was ich tat, und wie ich mich verhielt; ich schildere einfach mein Erlebnis und meinen Kampf. Vor wenig Jahren sprach ich einmal mit einem mir befreundeten Jüdisch-Nationalen, einem sehr edlen Mann und vorbildlichen Menschen über das mich Bedrückende und die andern Beirrende. Ich sagte: ist die Ursache des Zwiespalts nicht darin zu suchen, daß Sie ein jüdischer Jude sind und ich ein deutscher Jude? Sind das nicht zwei Arten, zwei Rassen fast oder wenigstens zwei Lebensdisziplinen? Bin ich nicht dadurch ausgesetzter als die meisten, da ich ja nach keiner Seite mich beuge, nach keiner Seite ein Kompromiß schließe und nur, auf einem Vorposten, mich und meine Welt zum Ausdruck bringen, zur Brücke machen will? Bin ich so nicht am Ende nützlicher als einer, der auf eine bestimmte Marschrichtung vereidigt ist?
Er ließ sich auf Erörterung nicht ein und entgegnete lächelnd: Sie sollen sich mit all dem gar nicht quälen; Sie sind Dichter, und als Dichter haben Sie einen Freibrief. Ich erinnere mich, daß mich die Antwort schmerzte und verletzte, denn trotz herzlichen Wohlmeinens lag eine gewisse ausweichende Abschätzigkeit in ihr, als wolle er sagen: wir sind auf dich nicht angewiesen und können auf dich verzichten.
Wenn mir die Frage gestellt würde: bei welchen Männern und Frauen hast du am meisten Verständnis, Ermunterung, Echo und Anhängerschaft gefunden, so müßte ich antworten: bei jüdischen Männern und Frauen.
Wenn man an irgendeinen Dichter oder Künstler nichtjüdischen Ursprungs dieselbe Frage richten würde, so müßte, in der Mehrzahl der Fälle, dieselbe Antwort erfolgen. Ich habe die Probe gemacht; ich habe mich bei vielen Leuten von Rang erkundigt; meine Vermutung, die schon halbe Gewißheit ohnehin war, ist jedesmal bestätigt worden. Und wer die Lebensläufe der Neuerer und Schöpfer des neunzehnten Jahrhunderts erforscht, sei es in Briefen, in gelegentlichen, freilich oft sehr versteckten Äußerungen, sei es im Urteil, nämlich im erstgeborenen Urteil der Zeitgenossen, oder in den Formern und Trägern der öffentlichen Meinung, wird es auch dort bestätigt finden. Juden waren Entdecker, Empfänger, Verkündiger, Biographen, waren und sind die Karyatiden fast jeden großen Ruhms.
In meinem persönlichen Fall gibt es allerdings eine Erschwernis und eine recht eigentümliche. Der gebildete Jude kann sich kaum entschließen, an die schöpferische Fähigkeit eines Juden zu glauben. Mit abnehmendem Grad der Bildung wird daraus die unverhohlene zynische Skepsis. Hier liegt wahrscheinlich ein Atavismus zugrunde, die vom Zeitengedächtnis aufbewahrte Gewöhnung des Dichtbeieinander von Haus und Mensch; Verkettetsein und Zueinanderverurteiltsein; ein rohes Ichkennedich äußert sich so, du machst mir nichts vor, ich weiß zu viel von dir, ich verstehe mich auch auf die Handgriffe; es ist, als begegneten sich zwei Gaukler. Doch spüre ich auch einen profunden Demokratismus darin, der Jahrtausende zurückweist auf die natürliche Gleichheit bei Nomadenvölkern, wo keiner sich über den andern erhebt. Die Juden tragen gegen ihre großen Männer stets ein unausgesprochenes Gebot: du sollst dich nicht über uns erheben, denn vor Gott sind wir alle gleich.
Nun hat sich das bildende, gestaltenbildende Element bei den Juden niemals frei entfalten können; die wahrhaft schöpferische Gabe ist verhältnismäßig sehr selten. Manche leugnen sie überhaupt; sie würden kein Beispiel gelten lassen, auch wenn man sich zuvor über den Begriff des Schöpferischen mit ihnen einigte. Die Sehnsucht nach dem Schöpferischen steckt aber in den Juden tiefer als in jeder andern Menschengattung; Sehnsucht nach dem Schöpfer: sie erklärt sich aus dem jüdischen Gottesgefühl, aus der Gottesfurcht sozusagen, und es wäre zu untersuchen, wie und inwiefern Furcht und Sehnsucht gepaart ist oder Sehnsucht die Furcht bedingt.
In zahlreichen Ab- und Zwischenarten sah ich Sehnsucht sich verkünden, verlarvt und verkleidet oft; lächerlich oft und bizarr; lügenhaft und selbsterniedrigend. Ich kenne, kannte viele, die vor Sehnsucht nach dem blonden und blauäugigen Menschen vergingen. Sie betteten sich ihm zu Füßen, sie schwangen Räucherfässer vor ihm, sie glaubten ihm aufs Wort, jedes Zucken seiner Lider war heroisch, und wenn er von seiner Erde sprach, wenn er sich als Arier auf die Brust schlug, stimmten sie ein hysterisches Triumphgeschrei an.
Sie wollen nicht sie selbst sein; sie wollen der andere sein; haben sie ihn auserlesen, so sind sie mit ihm auserlesen, scheint es ihnen, oder wenigstens als Bemakelte vergessen, als Minderwertige verhüllt. Bis vor kurzem bemerkte ich sie in allen Theaterfoyers, so selten ich auch in Theater ging, und in allen Konzertsälen. Ich weiß nicht, ob sie noch dort sind.
Eine ergötzliche Figur war mir ein junger Wiener Jude, elegant, von gedämpftem Ehrgeiz, ein wenig melancholisch, ein wenig Künstler, ein wenig Schwindler; den hatte die Vorsehung selbst blond und blauäugig geschaffen, aber siehe da, er glaubte nicht an seine Blondheit und Blauäugigkeit; er hielt sie im Innersten für gefälscht, und da er in beständiger Angst lebte, auch andere könnten an der Echtheit zweifeln, ging er über das deutsche Ideal noch einen Schritt hinaus und wurde Anglomane, und zwar von strengster Observanz.
Aber was haben die Larven mit den Wesen zu tun? Ohne die Hingabe und den untrüglichen Enthusiasmus des modernen Juden wäre es um das Kunstverstehen und -empfangen der letzten fünfzig Jahre kümmerlich bestellt gewesen. Das hat schon Nietzsche immer wieder betont, dem die Antisemiterei, wie er es nennt, Greuel und Schrecknis war, mehr noch, Beleidigung. Juden waren bereit; Juden hatten das Ohr, das lauschte, das Auge, das sichtete; sie waren befähigt, das Geheimnis zu entdecken, das Wunderbare zu fassen, das Unerkannte zu erkennen. Ihr tätiger Enthusiasmus zwang oft genug den öffentlichen Geist zum Aufmerken, und ich kannte solche, bei denen dann alles Ergriffenheit war, als seien sie bis zur Stunde, die sie zu der beglückenden Sendung erwählt, leeres Gefäß gewesen und könnten nun den neuen Inhalt kaum tragen und ertragen.
Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der edelste und verheißendste Teil des Judentums; in ihren reinen Bildungen unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk getreten, die ersten Bestätigerinnen, die ersten, die nagenden Zweifel stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüßten, die innere Welt sozusagen agnoszierten.
Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der »Juden von Zirndorf« zu mir kam, als Fremde, mit beflügelter Eile, als hätte sie dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Ungenannten auf einmal freudig meine Einsamkeit bevölkerten, und daß das phantastische Unglaubwürdige, als welchesjedes Werk, dem der es macht, erscheint, Bestand und Gültigkeit gewann. Es handelt sich dabei nicht um Zustimmung und Bejahung, gewiß nicht um Beifall und Bewunderung, sondern schlechthin um die Lebensprobe. Die wird entschieden durch solche Botinnen. Ich konnte ihr später schwer genugtun; sie war eigensinnig anspruchsvoll für mich, wollte immer das ausnahmshaft Letzte, verglich, prüfte, wog, stellte Muster vor mich hin und sagte sich vom Mißlungenen zornig los. Überdies muß ich lächeln, wenn ich denke, daß gerade sie erstaunlich blond und blauäugig war.
Dann sehe ich das Bild einer andern, sehr Beschwingten; von unendlicher geistiger Anmut, genialem Witz. Die Figur einer Dichtung war ihr so wirklich, daß sie mit ihr hadern, an ihr kranken konnte; beängstigend ihr forderndes, glühendes Mitsein in einer Sphäre, die den meisten nur ein bemalter Vorhang ist. Da fühlt man sich dann wörtlich genommen; verstanden wäre ein ausgelaugter Begriff, denn es ereignet sich eine sichtbare Wandlung, das Seltenste.
Wieder andere konnten sich geradezu ihres Schicksals entäußern. Dabei ist Verzicht, ja Askese; sinnliche Verkettung allein treibt so weit nicht, das Bild allein nicht. Ohne Zweifel ist eine Seelen- und Blutverfassung im Spiel, die den westlichen Rassen nicht eigen ist, eine mediumistische Fähigkeit, bereichert und erhöht durch den Willen zur Wahl und erst nach vollzogener Wahl sich hinzugeben.
Ich fürchte aber bisweilen, daß die Blüte dieser Entwicklung vorüber ist. Meine Zeichen sind: ich sehe Trunkenheit und Schwelgerei, wo früher Flamme war; Schwung und Impuls ist der modischen Übung gewichen, Gewöhnung dem Bedürfnis. Bevor ihnen geschenkt wird, erheben sie bereits die Prätension; sie diktieren Werturteile aus Geschmäcklerstimmung,baden sich in einer schwülen Fülle, und das Ungewöhnlichste ist gerade noch gut genug zu Schmuck und Kitzel.
Die Leidenschaft des Empfangens ist durch zwei oder drei Generationen hindurch befriedigt worden, nun sind die Sinne ermüdet und gehorchen nur dem schärfsten Reiz. Die Folge davon ist, daß allenthalben ein mißleiteter und unkeuscher Hang zur Selbstproduktion hervortritt. Jede arrivierte jüdische Familie stellt heute in die Reihen der Jugend einen ihrer Angehörigen als Schriftsteller, Maler, Komponisten oder Dirigenten, was ein wahres Ärgernis ist.
Sie wollen nicht mehr Schale sein, sie wollen Quelle sein. Bedenkt aber, wenn die Schale Quelle sein will, werden die Lippen verschmachten, die durstig daran hängen.
Ärgernis ist es darum, weil es Flucht vor menschlicher Verpflichtung und Beschönigung instinktmäßig gespürter Lebensuntüchtigkeit bezeichnet. Doch es ist Schlimmeres: Raubbau am Kräftevorrat. Die mütterlichen, das ist nährenden Elemente weichen den infantilen, das ist zehrenden, ein Symptom, das den Beobachter nicht bloß im Leben der Juden erschreckt, sondern das wieder im Zusammenhang steht mit der Krankheit der Epoche überhaupt, der Schrumpfung des Herzens und Hypertrophie des Intellekts. In welchem Maß das Judentum daran Teil hat, in welchem Grad es daran mitschuldig ist, bildet seit langem den Gegenstand meines peinvollsten Nachdenkens.
Es gibt Begegnungen, die zunächst unscheinbar und singulär sind, die aber in der Erinnerung wachsen, und von denen eine Magie der Deutung ausgeht.
Ich entsinne mich einer Nacht in einem Hamburger Kaffeehaus, vor acht oder neun Jahren. Ein junger russischer Jude nimmt an meinem Tische Platz, und nach kurzer Weile sind wir im Gespräch. Sein Vater ist im Gefängnis gestorben,seine Brüder sind in Sibirien, seine Schwester ist bei einem Pogrom ermordet worden. Er selbst ist arm, heimatlos und flüchtig. Gefällt es der Polizei, so kann er morgen verhaftet und ausgeliefert werden. In dieser Hinsicht waren damals die deutschen Behörden sehr dienstfertig gegen Rußland.
Er hat eine ungemein kühle Art zu berichten. Sein Gesicht ist weiß, kaum bewegt, seine Stirn schmal und hoch, die Augen von stumpfer Schwärze mit sorgfältig verhaltenem Feuer. Ein mönchisches Gesicht. Er beherrscht die Rede, jeder Satz hat Schliff, er äußert auch das Beiläufige wie jemand, der zu seiner Sache, die zu verschweigen ihm obliegt, unerschütterlich entschlossen ist. Deshalb nimmt er auch jeden Widerspruch mit einem halb zerstreuten, halb verwunderten Lächeln auf. Es ist ein diplomatisches Verfahren, voller Vorsicht und voller Hintergrund, doch mit stetem, tiefem, beharrlichem Eingedenken. Alle Leidenschaft ist erstickt; an ihre Stelle ist ein eisiger, in seiner Eisigkeit versengender Fanatismus getreten. Und so, als Fanatiker, mit Bewußtsein, Unerbittlichkeit, Kälte und Glut bedient er sich der Doktrin, die ihn stützt und rechtfertigt. Ich erstaune über dreierlei: seinen Scharfsinn, sein Wissen, seine Heiterkeit. Obwohl er mir wurzellos erscheint, dermaßen aufgegeben, wie nur einer, der selbst Welt und Menschheit aufgibt, fühle ich doch mit jeder Sekunde gewisser: da ist der Explosivstoff, da ist der Mensch der Katastrophe.
Sein Erlebnis: ungeheuer, das individuelle wie das symbolische; seine Weise, es zu nehmen, zu sublimieren und es zum geistigen Motor zu machen: ungeheuer. Der Zeiten Schande wird entschleiert, wie es bei Shakespeare heißt, die Gerechtigkeit senkt ihr Haupt. Desungeachtet, warum verwandelt sich mir das strenge Männerantlitz zur medusischen Fratze? Ist es die furchtbare Anmaßung, daß sich der einzelne zum Richter ernennt über die gesamte Menschheit? Sicherlich etwas von dem. Es wäre nah gelegen, daß ich das uralte Aug um Aug, Zahn um Zahn aus seinem Wesen gehört hätte. Ichhätte es lieber gehört; es hätte auf Raserei schließen lassen, Stürme des Bluts. Hätte ich ihn resigniert gewünscht, human empfindsam, philosophisch wägend? Mit nichten.
Die schneidende Logik und das wissenschaftliche Fundament des Vernichtungswillens rissen die Kluft zwischen mir und ihm auf. Er war nicht nur gesonnen, die Vergeltung dem Schicksal zu entwinden, sondern er schleuderte der Gesellschaft die Absage auch im Namen derer zu, die noch unerweckt über ihrem Leid brüteten, ja im Namen derer sogar, die vom Leiden noch gar nicht getroffen waren. Damit warf er sich auch über diese zum Richter auf.
Es geht gegen die göttliche Idee, wenn der einzelne Mensch in dem Verhältnis zwischen Schuld und Sühne den Entscheidungsanspruch erhebt. Mit diesem Glauben stehe und falle ich. Mag er toben, mag er alles um sich her zerstören, mag er mit der Brandfackel in der Faust zum verfluchten Dämon werden; mit seiner Leidenschaft und durch sie unterwirft er sich doch der göttlichen Idee, so scheint es mir, denn er bleibt im Ring der Menschheit. Wenn er aber mit dem selbstverliehenen Rechtstitel auftritt und die mit den Gewichten von Jahrhunderten beladenen Wagschalen in ihrem unendlichen Schwanken zwischen Himmel und Hölle kraft seines als souverän verklärten Geistes aufhalten und korrigieren will, so ist er nur der Feind des Menschengeschlechts und der, den Gott verstoßen hat.
Will er das sein? Nimmt er es auf sich? Ich denke, er schreckt nicht davor zurück. Er hat alle Konsequenzen von vornherein gezogen. Dazu hat er ja seine Logik und sein Wissen.
Warum ist gerade aus dem altehrwürdigen, in heiligen Traditionen ruhenden Judentum der politische Radikalismus erwachsen? War der zermalmende Druck die Ursache? Ist die Spannung zwischen Sehnsucht und Erfüllung unerträglich geworden, so daß die Dämme brachen? War es die These nur, die die Antithese erzeugte? War der Kulturaufstieg gewisser Gruppen zu jäh und hat ihnen den Boden unter den Füßenentzogen? Ist es Herrschgier? Ist es Sklavenaufstand? Ist es Aposteltum und Märtyrertrieb oder herostratisches Gelüst?
Fragen über Fragen, die zu beantworten ich außerstande bin.
Erscheinungen von solcher Hochzucht und dynamischen Gewalt, wie ich eine dort in Hamburg kennenlernte, sind natürlich selten. Aber die Seltenheit mindert nicht nur nicht die Gefahr, sie erhöht sie im Gegenteil. Es sind späneanziehende Magneten von unwiderstehlicher Wirkung. Ihnen wohnt eine Kraft der Übertragung inne, der Entflammung, der Zerrüttung und Zersetzung, der Manifestierung, der Willensbrechung Schwächerer, der Gefolgsaufbietung, daß ihnen Widerstand nur der zu leisten vermag, der mit seinen Wurzeln fest in der Erde verklammert ist.
Es fallen ihnen mühelos zu: die Unzufriedenen; die Leugner; die Entsäfteten und Morschen; die Übersättigten; die Enttäuschten; die geborenen Verräter und die aus dem Verrat Nutzen ziehen; die Gottlosen und die Gottsucher; die am Wort hängen und ans Wort glauben; die dilettantischen Weltverbesserer; die Abenteurer; die Gelegenheitsmacher; die Piraten des öffentlichen Lebens, der Politik und der Literatur; alle, die ihr Leben mit wesenloser Opposition hinbringen – Legionen. Es fallen ihnen die in der Armut Verkommenen ebenso zu wie die aus miasmischem Luxus Flüchtenden, die Jugend, die ohne Idee ist, ohne Stern, aber mit irren, zuckenden Herzen – Legionen. Sie alle waren vielleicht einmal ein Ausdruck der Schöpfung; jetzt wird aus jedem eine lebendige Phrase.
Der Prozeß ist so: um zu herrschen, braucht der Geist die Gesinnung. Gesinnung aber tilgt den Sinn, zerschlägt das Bild, entfleischt die Gestalt, daß sie zum Skelett wird, zum Phantom. Wer Gesinnung hat, sieht nicht mehr die Gestalt und löst sich los von Sein und Werden.
Der Geist gebiert die Phrase. Wodurch ist die Menschheit dahin gelangt, wo sie ist, als durch die Phrase? Die Phrase gleicht der entzündeten Zelle, die sich weiter frißt und endlichals Krebsgeschwür den Körper zerstört. Sie bläht sich und bläht sich und frißt und frißt und verfinstert die Erde und den Luftraum.