Athen.

Nach kurzer Rast setzten wir unseren Weg gegen Korinth fort, der wieder durch eine reich mit Weingärten bebaute Ebene am Meere hinführt; gegen Abend lag das stolze Akrokorinthmit der Stadt Korinth an der äußersten Spitze des Golfs vor uns. Je näher das Meer ans Ufer tritt, desto dunkelblauer wird seine Farbe und desto ruhiger seine Oberfläche. Die Bauart der Häuser, wie der Schlag und die Tracht der Menschen änderte sich in dieser breiten Ebene; Gesichtsfarbe und Züge nehmen etwas Zigeunerhaftes an, und die Bekleidung ist leicht und von genialster Unordnung; man zieht Stunden dahin, ohne daß man sich der Stadt merklich nähert. Beim Untergang der Sonne erglühte Akrokorinth und einige der höchsten Spitzen in unaussprechlicher Schönheit; andere Berge waren orangenfarb und violett, und nur die entferntesten Höhen hüllten sich in jenes mystische Schwarzblau, das die Sehnsucht und Phantasie über sie hinaus trägt. Die Farbe des Meeres war von einem Blau, wie ich es in der Natur noch niemals gesehen habe; wir ritten still und bewundernd durch die frischgrüne Farbenpracht der Ebene, zwischen der die gelbe Erde an vielen Stellen hervorleuchtete. Unterhalb Korinth flammten die äußersten Spitzen des Oelbaumes zum letzten Male in rosiger Gluth, worauf die Sonne hinter den Bergen von Patras verschwand und der stille Duft der kurzen Dämmerung über die Gegend zog.

Nachdem wir schon glaubten, Korinth sehr nahe zu sein, floh es vor uns wie ein zauberhaftes Trugbild; wir ritten und ritten und konnten es nicht erreichen; die Luft nach dem Sonnenuntergang auf der Ebene war beängstigend,und es bemächtigte sich unser wirklich ein unheimliches Gefühl. Als gerade der Uebergang zur Nacht eingetreten war, nahten wir uns endlich unserem Ziele. Schauerlich, ja entsetzlich erschienen die Ruinen und tiefen Schlünde unterirdischer Gewölbe auf dem fahlen, wüsten, gelben Boden; wir ritten in einem Meer von Steinen; aus den schwarzen Tiefen schien ein giftiger Hauch hervorzuquellen; einzelne Gestalten krochen wie böse Schatten von Trümmer zu Trümmer; es war ein Bild der Zerstörung und des Fluches – wir glaubten durch eine Stadt des Todes zu gehen; endlich kamen wir in einen etwas gesitteteren Stadttheil, wo wieder Leben zu herrschen schien. Wir hielten auf einem kleinen Plätzchen vor einem hellerleuchteten, recht gut aussehenden Hause, das uns wie ein Stern aus trüber Nacht entgegen leuchtete. Es gehörte der Familie N., bei welcher uns unser Wirth ohne unser Wissen angekündigt hatte. Wir wußten uns anfangs nicht recht in unsere Lage zu finden, bis wir zu unserem Entzücken deutsche Laute hörten. Im selben Augenblick kam durch die dunkle Nacht eine große Gestalt auf uns zu und lud uns in deutscher Sprache ein abzusitzen und bei der Familie N. die Nacht zuzubringen. Wir folgten dieser Stimme in der Wüste, die uns in diesem Augenblicke wirklich wie die eines Propheten erschien, und traten unter die Thür des Hauses; hier waren Männer und Frauen in Nationaltracht, offenbar von unserer Ankunft benachrichtigt, versammelt. Der Deutsche war einseit mehreren Jahren hier wohnender Arzt, Namens H. Er führte uns in einen reinlichen, hübsch eingerichteten Saal im ersten Stock, und stellte uns hier der Tochter des Hauses vor. Eulalia, so hieß die Holde, erschien in einem prachtvollen Kostüme, das ihre blendende Schönheit noch hob – und Helena selbst möchte, wenn sie hätte wiedererscheinen können, die Schönheit der griechischen Frauen nicht würdiger vertreten haben. Sie war eine Glanz-Erscheinung in der ersten Jugendblüthe, ihre schlanke, hohe Gestalt im vollsten Ebenmaße zeigte das herrliche Bild südlicher Vollendung. Die Züge waren die einer antiken Kamee; auf der elfenbeinartigen Haut des Gesichts zeichneten sich mit stolzer Schärfe die dunklen Brauen über den großen, langgeschnittenen Augen, ab. Ihr prachtvolles Haar trug sie in Wellen um die blendenden Schläfe, und auf dem Haupte saß der dunkle Feß mit der langen Quaste, die um ihre Schultern spielte. Leider sprach sie nur griechisch undDr.H. mußte den Dolmetscher machen. Ihr Vater ist Minister des Innern in Athen, und bald wird auch sie dorthin ziehen, um einen Doctor zu heirathen. In ihrer Begleitung waren noch mehrere Hausgenossen und ein Bruder ihres Vaters, der einige Monate nach unserer Anwesenheit, in einem Parteistreite, von den Bauern umgebracht wurde. Nachdem wir wieder allein waren, setzten wir uns, ziemlich ermüdet von unserem Ritte, um den Theetisch. Archivarius K. war unwohl, undDr.H., den wir zur Tafel gebeten hatten,lohnte uns die Höflichkeit mit sehr interessanten Erzählungen über die Zustände von Hellas. Diese Erzählungen fielen nicht zum Besten der Einheimischen aus; übrigens übte er nur Wiedervergeltung; denn der Haß der Griechen gegen die Fremden ist so groß, daß sie für dieses Gefühl ein eigenes Wort in ihre Sprache eingebürgert haben; nur vor den Aerzten haben sie einen ängstlichen Respekt, weil sie von ihnen Schutz vor den fürchterlichen Fiebern erwarten, die gerade jetzt in Korinth sehr stark herrschten. Das Baden im Meere und die Luft während der Dämmerung sind gefährlich; bei der Mäßigkeit der Einwohner, und dem sonst guten Klima sind andere Uebel selten. Gefährlicher als das Fieber sind die Räuber; nach den Angaben desDr.H. treibt der größte Theil der Bevölkerung dieses Handwerk, und es sollen sich ehemalige Genossen dieser Zunft, bis in die Hofatmosphäre erhoben haben. Da alle Männer aus dem Befreiungskriege, Palikaren (Helden) genannt, das Recht haben Waffen zu tragen, so wird ihnen das Rauben außerordentlich leicht gemacht. Oft wird mitten in der Stadt ein Haus gemüthlich belagert; so war unser Nachtquartier in Vostizza einst von einer Bande, während einer ganzen Nacht gefährdet. Reisende thun daher wohl, sich von einer Anzahl von Gensd'armen begleiten zu lassen. Werden solche gefährliche Männer eingefangen, so solle es geschehen, daß sie nach kurzer Haft zu Ehren und Auszeichnung gelangen, da die Protection und Bestechlichkeit noch größer ist,als in den gebildeten Ländern; so kommt es, daß die Höchsten des Landes nicht immer von der ausgesuchtesten Gesellschaft umgeben sind. Auch Parteiungen sollen in einem hohen und traurigen Grade das Land zerwühlen. Der Hauptstreit entspinnt sich zwischen den Familien, die sich im Freiheitskampfe ausgezeichnet haben, und die ein Surrogat für unsere Aristokratie bilden. In jeder Stadt hat eine derselben die Oberhand, während die andern sich bestreben, ihnen diese Macht zu entreißen. In Korinth sind es unsere freundlichen Wirthe, die N., welche die Wahlen leiten und eine Art Herrschaft ausüben. Diese Familie findet ihre Stütze in der Gnade des Königs; der Vater der schönen Eulalia ist, wie schon gesagt, Kriegsminister, ein Bruder desselben Palikare und Flügeladjutant des Königs. Zieht dieser die Hand von ihnen ab, so sind sie, nach der Behauptung desDr.H., keine Stunde mehr sicher in ihren vier Mauern. Wenn auch die Erzählungen desDoctrosnicht ganz von Uebertreibung frei gewesen sein mögen, so waren sie doch immer interessant, zumal da es das erstemal war, daß wir mit Offenheit über das Land und seine Gebräuche reden hörten. Als er die Schrecken des herrschenden Fiebers beschrieb, verschwand unser Archivar plötzlich, und nach vollendetem Abendessen, fanden wir ihn in starker Aufregung; er klagte über heftige Schmerzen im Knie und sah in der That fieberhaft aus; im Innern glaubte er wohl ein Opfer der schrecklichen Epidemie zu sein; er war sehr aufgeregt,wollte aber dennoch den Rath des Arztes nicht hören. Wir zwangen ihm kalte Umschläge auf, und gingen erst zur Ruhe, als er sich etwas erholt hatte. Die Betten waren breit und gemächlich, und die Einrichtung für dieses Land luxuriös; man sah, daß wirsub umbra alarum, im Hause eines Mannes waren, welcher in der Gnade des Monarchen stand. Wir schliefen nach der großen Ermüdung vortrefflich; doch trotz der schwellenden Kissen und dem goldgestickten Leinenzeug, fanden wir am Morgen die Spuren eines blutgierigen Zwergenheeres auf unsern scheckigen Körpern; Pracht und Marter nebeneinander! Schon in aller Frühe erschien der freundliche H. mit unsern Pferden, um uns nach einem kräftigen Frühstück auf das stolze, berühmte Akrokorinth zu führen. Es war fünf Uhr früh, und eine erfrischende Morgenluft ließ uns einen schönen Tag erwarten. Das zunehmende Licht zeigte uns erst recht die Trümmer der einst so blühenden Stadt, aus denen uns, trotz des mildernden Tageslichts, dennoch der Fluch des Himmels entgegengrinste. Wo waren die Paläste, wo die herrlichen Cypressenwälder, wo die zahllosen Denkmale der alten Griechen? Wo wandelten die erhabenen Gestalten der Priesterinnen? Alle Reize, die wir in den Klassikern beschrieben finden, sind verschwunden; des Menschen Geist hat aufgehört zu herrschen, und es sind nur noch die Elemente in ihrer Macht, die uns Bewunderung einflößen. Das Meer, der Himmel und die Berge ziehen unsere Blicke von der zweimal zerstörtenStadt ab, in der nur noch einzelne Ueberreste der Nachwelt die einstige Größe zeigen. Zuerst geleitete uns der Arzt zu den Trümmern des Neptuntempels; sie bestehen nur noch aus vier bis fünf niedrigen Säulen, die im Zerfallen selbst mächtig sind. Zwei derselben sind durch einen horizontalen Steinblock verbunden; einer davon droht ein baldiger Untergang, da aus dem unteren Theile ein großes Stück ausgebrochen ist, das man mit schlechten Steinchen und zerbröckeltem Mörtel ersetzt hat. Stünde der Tempel in England oder Frankreich, so würden ihn die Archäologen mit einem Glaskasten überdecken – denn wo Mangel ist, achtet man den Besitz, und wo, wie hier, die Fülle ist, beachtet man sie kaum. Man kauft hier die niedlichste etruskische Vase um ein Spottgeld, und hebt sie dann zu Hause im Museum als ein Juwel auf; auch ich versäumte die Gelegenheit nicht, einige dieser schön geformten Gefäße an mich zu bringen.

Hinter den Ruinen des Neptuntempels fängt das Erdreich an sich zu heben; wir konnten außerhalb der Stadt, bis zu den Ruinen von Akrokorinth reiten; alles um uns herum war wüst, mit Ausnahme eines mächtigen Feigenbaumes, der einen schönen türkischen Brunnen mit in Stein gehauenen Koransprüchen beschattete; ein mageres Mohrenweib füllte an demselben seine irdenen Krüge.Dr.H. erzählte uns, daß noch einige dieser Kinder des Aequators aus den Zeiten Ibrahim Pascha's hier übrig geblieben sind,während der größte Theil durch die Wuth der fanatischen Hellenen fiel. Ueberhaupt sind in Korinth die gräßlichsten Greuelscenen vollbracht worden; die Muselmänner schlachteten die Wehrlosen mit tyrannischer Hand, und sind später von den siegenden Griechen mit heißem Rachegefühl gemordet worden.

Vom Brunnen aus ward der Weg immer steiler, und bald schwebten wir dem mächtigen Felsen entlang auf schroffer Höhe; die Stadt verloren wir einige Zeit aus den Augen, und von der südlichen Seite der Höhe erblickten wir die außerordentlich starken Festungswerke, die dem steilen Eingange gegenüber stehen. Mauern, Thürmchen und Batterien sind mit kühnem Geiste und praktischem Sinne auf die einzelnen Felsenvorsprünge gepflanzt, ein der venetianischen Macht würdiges Werk. Vor dem ersten schauerlichen Thore stiegen wir von unseren Pferden ab, und mußten das Ende des mühseligen Weges zu Fuß zurück legen. Wir pochten an das große dunkle Thor und ein recht schön uniformirter griechischer Husar öffnete uns von Innen die geheimnißvolle Pforte. Durch einen düsteren Bogen, vor welchem sich die alte Fallbrücke befindet, gelangten wir an ein kleines Häuschen, das jetzt der stolzen Besatzung der mächtigen Festung zur Wohnung dient; sie besteht aus zehn bis zwölf kümmerlich aussehenden Männern, denen nach den Begriffen des Landes der Titel Soldat zukommt. Vor der Kasernenhütte lagen sechs bis sieben venetianische Kanonenohne Lafetten, als hätten sie sich's, des langen Wartens müde, bequem gemacht. Akrokorinth ist auf der ganz unregelmäßig, sehr großen Oberfläche des Felsens erbaut und umgiebt deren Saum mit einer Mauer, auf der sich von Strecke zu Strecke kleine Thürmchen erheben. Abgebrochene Felsenstücke, große Haufen von Trümmersteinen, nackte Wände kleiner Häuschen, einzelne Kanonen, Menschen- und Thierknochen liegen hier im buntesten Gewirre durcheinander; von irgend einer Ordnung oder von gangbaren Wegen ist keine Rede. In einer der vielen Felsenvertiefungen, in der Nähe des Einganges, befinden sich die meisten Häuserruinen, und in ihrer Mitte eine kleine Kapelle, um welche Feigenbäumchen sprossen. In diesen Hütten suchten die Einwohner von Korinth eine Zufluchtstätte, nachdem die Griechen die Festung das erstemal den Türken abgerungen hatten.Dr.H. machte uns auf zwei, zwischen diesen Trümmern häufig wuchernde Pflanzen aufmerksam: die eine ist die giftige Eselsgurke, deren Früchte bei der geringsten Berührung die Samenkörner mit großer Gewalt herausschleudern, was dem Unvorsichtigen, der das Auge darüber hält, augenblicklich die Sehkraft kosten kann; ich schloß die meinen und stieß mit dem Fuße an die Frucht, worauf ich die Samenkörner an den obern Theil meines Hutes anprallen hörte. Die andere Pflanze umspann das Gestein mit schönem dunkelgrünem Laube; ihre Blüthe war von zauberhafter Weiße und mit einer zahllosen Menge feiner Staubfäden gefüllt;der sanfte liebliche Geruch entsprach der zarten Blume; die Frucht war länglich und gleich einer kleinen grünen Gurke, das Innere derselben war mit rothen Körnern gefüllt. Doch weder Blume noch Frucht geben der Pflanze ihre Bedeutung, sondern die kleinen dunkelgrünen Knöspchen, welche unter dem Namen – der Leser hat es wohl schon errathen – der Kapern auf den europäischen Tafeln ihre Stelle finden.

Wir hatten noch ein gutes Stück längs der Umfangsmauern zu ersteigen, bis wir endlich auf der höchsten Spitze Hellas, wie auf einer Karte ausgebreitet, vor uns liegen sahen. Gegen die tiefliegende Stadt gewendet, sahen wir das dunkle, schmale Band des Isthmus, zwischen zwei von der Sonne beleuchteten Spiegelflächen, die wie zwei, gegen einander gestellte Hyperbeln anzusehen waren. Diese fruchtbare Landenge ist leider unbewohnt und unkultivirt, und nur einzelne Pinienwälder unterbrechen die Fläche des gelben Bodens, der als unbenutzter Schatz daliegt. Es war im Plan, die Landenge mit Deutschen zu bevölkern; doch scheiterte derselbe durch Mangel an Energie der Regierung, dem Fremdenhasse der Griechen gegenüber. Deutscher Fleiß hätte ein ganz schönes Ländchen für die Kultur erobern können, und die vierhundert dazu bestimmten Familien, würden den Nachbarn gezeigt haben, wie reich und wie glücklich man auf einem solchen Boden werden kann.

Die Breite des Isthmus, an sich unbedeutend, schrumpft von hier oben gesehen, noch mehr zusammen. Jenseits desMeeres erhoben sich, unmittelbar am Ufer, himmelhoch die Gebirge von Rumelien und Livadien; die Felsen sind von Bäumen entblößt, der Sonne widerstandslos ausgesetzt, erhalten aber dadurch jene zaubervolle, rosige Gluth, die je nach der Entfernung vom Violett ins Schwarzblau überzugehen scheint. Die Berge können, wie die Menschen, gemein oder würdevoll erscheinen; die Höhen von Hellas erheben sich in edlen Formen, wie seine antiken Heldengestalten; ein Helikon, ein Libetrius, eine Cythero, ragen wie die Manen einer schönen Zeit hervor. In der Richtung von Salamis und Athen hinderten uns Dünste die Gegenstände genau zu unterscheiden; an den gegenüber liegenden Ufern des Meeres sahen wir an unserer Seite des Isthmus, Lutraki, eine kleine Ansiedlung mit einem Dépot des östreichischen Lloyd und einem für die Passagiere des Dampfers bestimmten Wirthshause; jenseits der Landenge liegt Kalamachi, wo die Reisenden wieder von einem Dampfer aufgenommen werden, um nach Athen zu gelangen. Zu unseren Füßen lag Korinth, von dieser Höhe betrachtet, weniger schreckhaft, und trefflicher zu übersehen, wie auf jeder Karte; man sieht von hier mehrere Thürme, mit denen die Türken die Stadt umgeben haben. Der Boden senkt sich von der Stadt sanft zum Meere herab, das ungefähr in einer kleinen halben Stunde zu erreichen sein mag. Vom Felsen von Akrokorinth bis gegen Sigia, erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Ebene, auf der, gegen das Meer zu, große, frische Weingärten liegen, währendsich, dem Gebirge von Morea zu, ein Olivenwald wohl eine Stunde weit zieht, dessen Früchte den verschiedenen Eigenthümern jährlich eine Gesammtsumme von 50,000 Thlr. einbringen sollen. Die Bäume dieses Haines sind auf eine ziemliche Entfernung von einander, gesetzt und gleichen an Höhe und Form großen Weiden; ihre Farbe ist ernst, und je nach der Sorgsamkeit der Pflege, farbloser oder dunkler; in Dalmatien, so bei Ragusa, wo man den Oelbaum mit besonderer Umsicht behandelt, hat das Blatt einen dunklen, grünblauen Ton. – Die Ebene vor uns verläuft südwärts in einen schauerlich felsigen Engpaß, durch dessen Mitte die Straße nach Nauplia einem Flusse entlang führt. Der Blick, der uns in das Innere von Morea geöffnet war, fiel auf hohes Gebirg, das aber in ungünstiger Beleuchtung farblos und wild erschien, obwohl seine Umrisse höchst interessant sind. Der Gesammteindruck des Rundbildes war erhaben, wild und einsam; nur selten gewahrte man die Spuren der Menschenhand; besonders sah Morea wie eine stille Urgegend aus, die der Mensch noch nicht geknechtet hat. Da unsere Zeit sehr beschränkt und der Weg nach Nauplia lang war, so mußten wir diesen reichen Punkt bald verlassen, nahmen aber unseren Rückweg zum Eingangsthor auf der entgegengesetzten östlichen Seite, von der man Morea und den andern Theil der Festung bequem übersehen kann; er führte uns an einem, in den Felsen gehauenen Brunnen mit trefflichem Wasser vorbei, an dem Korinthüberhaupt reich ist; auch eine kleine Kaserne, in der einst Baiern hausten, stieß uns auf; sonst war Alles nackt und felsig. Einige Soldaten schlichen in schrecklicher Uniformirung herum. Der Grieche in Nationaltracht und der Grieche in fränkischer Uniform sind himmelweit verschieden; so stolz, schlank und graziös er in Fustanella und Feß erscheint, so ärmlich, mager und erbärmlich sieht er in der Uniform aus. Durch dasselbe Thor, durch das wir eingetreten waren, verließen wir die Festung, welche die Griechen den Türken nur durch List zu entreißen vermochten. Schade, daß dieses große Werk der Venetianer nun gänzlich zu Grunde geht. Die Mauern zerfallen, und aus den meisten Kanonen mit dem stolzen Markuslöwen ließ die Regierung Geld prägen. Akrokorinth gegenüber ragt zwischen dem Gebirge von Morea noch eine Felsenspitze mit einem festen Schlosse hervor, das der Familie N. gehört. Wir legten den steilen Theil des Rückweges zu Fuße zurück; erst in der Nähe des türkischen Brunnens bestiegen wir unsere Pferde wieder. Vor dem Hause N. fanden wir den Archivarius und Professor G., die großer Ermüdung wegen in der Stadt zurückgeblieben waren; sie hatten sich die Merkwürdigkeiten derselben besehen, und hatten so viel davon zu erzählen, daß mein Bruder,Dr.F. und ich beschlossen, sie in aller Eile noch zu besichtigen.Dr.H. führte uns eine Stiege hinauf in einen halbkreisförmigen Felsenausschnitt von ein bis zwei Klaftern Tiefe, unter dessen Vorsprungdie berüchtigte Grotte der Aphrodite liegt. In der Mitte derselben befindet sich eine schmale, niemals ergründete Oeffnung, aus der eine Quelle des frischesten Wassers hervorsprudelt und in einer Aushöhlung des Felsens etliche Schuh über den Grund herabrieselt. In dieser Quelle badeten die zweideutigen Priesterinnen der Venus, deren Tempel gerade über dem Felsenabhange stand; jeder berühmte Grieche, besonders Feldherr, mußte ein Mädchen als Priesterin in diesen Tempel stiften. In dem Innern der Höhle verbreitet das frische Wasser eine wohlige Kühle, mit der das sanfte Plätschern lieblich harmonirt; den Boden bedeckt der feinste Sand, und aus allen Felsspalten sproßt frisches Grün; von der Höhe, wo einst der Tempel stand, senkt sich zu beiden Seiten der Boden allmählig in Hufeisenform herab, so daß man vom Lande aus im Innern der Höhle nicht gesehen wird und nur die herrliche Aussicht auf das Meer genießt. In der Türkenzeit baute ein Pascha dorthin, wo der Tempel einst stand, einen Palast und ließ eine Steintreppe in den untern Raum führen, den er als Bad benutzte. Nun sind Tempel und Palast verschwunden, vor Gottes Zorn über diese sündige Wirthschaft, und die Gärten, Tempel und Theater sammt den 300,000 Einwohnern des alten Korinth sind zu Staub und Schutt geworden. Das jetzige Korinth ist nicht größer als ein deutsches Dorf.

Als wir zurückkamen, stand die schöne Eulalia unter dem Thorbogen, und bezauberte Alle mit ihren Blicken; wirverabschiedeten uns bei ihr, dankten für die gütige Aufnahme, schwangen uns auf die Pferde und ritten gen Nauplia; nur Professor G. saß nicht auf und glaubte zu Fuße leichter fortzukommen; doch außerhalb der Stadt arbeitete er sich mit Mühe und unter fremder Hülfe auf den Sattel; wir brachten ihn auf, behauptend, er habe die Lust am Gehen nur vorgeschützt, um nicht vor den Augen der Braut von Korinth die Sattelhöhe stürmen zu müssen. Es war wirklich gut, daß wir aus Eulaliens Bereich kamen; denn die Gestalt dieser Zauberin hatte berückend auf uns Alle gewirkt. Diesmal begleitete uns eine größere Anzahl Gensd'armen, weil die Felsschluchten, die wir zu durchziehen hatten, den Räubern willkommene Schlupfwinkel bieten. In Nauplia erfuhren wir später, daß die Nacht vor unserer Durchreise, eine Gesellschaft von achtzehn Personen in einem dieser Engpässe geplündert worden war. Das Rauben ist in Griechenland eine hergebrachte Sache. Es scheint, daß die Moralität der Griechen nicht durch die Ideen von König, Vaterland und Nächstenliebe gehoben wird; der eigne Vortheil ist ihr Leitstern; sogar die Heirathen werden nicht aus Liebe, sondern durchgängig aus Convenienz geschlossen, und der Gedanke, an Andern ein Unrecht zu begehen, verschwindet vor dem Vergnügen, den eigenen Säckel zu füllen.

Bald hatten wir die wüste Ebene von Korinth auf schlechten, steinigen Wegen durchschritten; an dem Flusse angekommen, befanden wir uns in einem schmalen Thale, daswir bis Nauplia nicht mehr verließen. Die Höhen rechts und links vom Wege sind pittoresk, aber kahl und schauerlich; nur selten erfreuten uns Piniengruppen und Oleandergebüsche im Flußbette; wie begreift man, daß hinter diesen Feldern von Felsstücken, diesen unzähligen Erhöhungen und Schluchten, der Räuber das bequemste Spiel hat! Die kleinste Schaar kann aus sicherem Hinterhalt die Reisenden überfallen und wenn's Noth thut, spurlos verschwinden machen. Man kann sich keine Gegend vorstellen, die mehr den Stempel des Schreckens und der wüsten Rauheit an sich trägt. Der Karst allein wäre mit dem Anfang unseres Weges zu vergleichen. Von Zeit zu Zeit fanden wir Piquets der Land-Miliz zu unserem Schutze aufgestellt; wir zählten deren sieben; die guten Leute aber sahen in der ärmlichen Landestracht, mit den langen Flinten bewaffnet, so wenig einladend aus, daß wir das erste Piquet für einen Haufen Räuber hielten. Leider machten wir die Bekanntschaft von erklärten Wegelagerern nicht, obwohl mancher dieser Genossenschaft bei uns vorbeigeschlichen sein mag; aber die Gensd'armen verdarben ihnen die Lust; jeder von uns hätte seine heimliche Freude an einem kleinen unschuldigen, urwüchsigen Abenteuer gehabt. Zur Entschädigung kreisten fünf mächtige Adler über unseren Häuptern, und zwei von ihnen hatten die Gewogenheit, uns so nahe zu kommen, daß man jede Feder unterscheiden konnte; dies waren die würdigen Bewohner dieser Steinwüste. Wir hofften an einemderselben die Gewehre prüfen zu können, die wir auf der ganzen Reise mitgeschleppt hatten; doch ehe wir angelegt hatten, waren die Fürsten der Luft der Schußweite entschwunden. Die Hitze war so unerträglich geworden, daß ich meinen Durst an dem Wasser eines romantisch gelegenen, halb verfallenen Mühlenkanals löschen mußte. So schön die Oleander und Reben waren, die diese Fluth umfächelten, so wenig rein und klar war diese selbst. Endlich öffnete sich das schmale Thal und stieg sanft zum Gebirge aufwärts. Ich ward hier lebhaft an unser heimisches Alpenland erinnert, namentlich an das Naßfeld bei Gastein; doch nur an die Punkte, wo die Baumvegetation und die frischen Wiesen aufhören. Hier war es, wo wir eine große Heerde uns unbekannter Ziegen trafen, die, wie die »King Charles« Hunde, lange schwarze, glänzende Haare mit feuerfarbener Zeichnung hatten. Es wäre der Mühe werth, diese schöne Race bei uns einzuführen. – Gegen Ende des Thales nahmen wir unser Gabelfrühstück im Hause eines Gensd'armerie-Piquets neben einer Kapelle, ein. Diese unglücklichen, von einem Feldwebel kommandirten Menschen werden nur alle sechs Monate abgelöst; in dieser Gegend eine Ewigkeit! Der größte Theil der Mannschaft hatte das Fieber, und auch der Kommandant, ein sehr hübscher, freundlicher, junger Mann mußte schwer an dieser Krankheit leiden. Er empfing uns mit großer Artigkeit, und wollte sich uns auf alle mögliche Weise verständlich machen, was ihm aber doch nicht gelang; seineFreude war jedoch groß, als Archivarius K. eine an die Wand geheftete Verordnung, mit Hülfe des Altgriechischen, laut zu lesen und zu übersetzen versuchte. Sein Zimmer, in dem wir frühstückten, war mit den verschiedenartigsten kleinen Kupferstichen und Holzschnitten behangen, was immerhin beweist, daß der Bewohner Bücher in der Hand gehabt haben muß. Die Kapelle neben dem Hause bestand, wie alle griechischen kleinen Gotteshäuser, aus nackten, höchstens vier bis fünf Schuh hohen Wänden, die durch eine lochartige Thüre unterbrochen werden; an der Seite steht auf einem Steine ein hölzernes, meistens mit Heiligen bemaltes Kästchen, das die Stelle einer Armenkasse vertritt; es muß eine große religiöse Scheu dem sonst so räuberischen Volke innewohnen, da nicht das kleinste Kettchen die Brettertruhe an den Stein befestigt. – Nach einer Rast von ungefähr einer Stunde setzten wir unseren Weg fort; bald hatten wir eine stolz geformte Gebirgskette dicht vor uns. Das Thal hatte sich nun zur Schlucht verengt, und wieder war rechts und links vom Flusse alles mit Felsenstücken übersäet, die aber nicht aller Vegetation entbehrten, wodurch die Landschaft zwar rauh, aber nicht mehr so traurig erschien; die Schlucht wurde immer enger, die Quelle des Wassers, das wir lange verfolgt hatten, schien in der Nähe einer Mühle dem Boden zu entspringen; diese lag da wie eine Oase, ein kleiner Raum voll fetter, bewässerter Erde, von Tausenden grüner Felsspitzen umgeben, von denen sich das herrlichedichte Laub der Granaten, Feigen, Reben und das hohe Rohr sonderbar abhob. Um die Mühle sprudelten eine Unzahl von Wässerchen; Olivenbäume neigten freundlich ihr schattiges Haupt, und Hühner pickten eifrig auf der freigebigen Erde. So schattig und südlich erschien alles dem Ankommenden, daß es ihm ein Ersatz für die Steinöde ringsum war. Wir stärkten uns mit trefflichem Wasser und verließen die freundliche Oase, die mit Ruinen von im Freiheitskampfe zerstörter Häuser umgeben war. Dieser Engpaß bildete den Schauplatz einer fürchterlichen Metzelei; Tausende von Türken fielen hier durch das Racheschwert der Griechen. Unser Weg wendete sich ein wenig, und wir gelangten auf eine schmale Straße, auf welcher wir uns zwischen himmelhohen Gebirgen durchwanden. Die bei der Mühle entspringende Fluth fließt in den Meerbusen von Lepanto, während wir sogleich zu einer von den schönsten Sträuchern umgebenen Quelle kamen, deren zum bedeutenden Bache angeschwelltes Wasser, das wir bei zwanzigmal zu durchwaten hatten, sich in den Golf von Nauplia ergießt; die Wasserscheide ist daher außerordentlich schmal; der Weg blieb noch eine lange Strecke von den langsam absteigenden Gebirgen eingeengt; die Wildheit der Gegend hatte jedoch schon bei den Quellen des Baches geendet, die Felsen verschwanden, und das üppigste Gebüsch umgab das Wasser, das wir scherzweise den Amphibien-Bach nannten, da er von Fröschen und an seinen Ufern lagernden Schildkröten wimmelte;diese wurden besonders häufig, als sich der Paß wieder zum Thale erweiterte und sich rechts und links vom Flusse dürre, mit kleinem Buschwerk bewachsene Felder ausbreiteten. Als ich Demetry fragte, warum das Volk diese Thiere nicht zur Speise verwendete, gab er mir zur Antwort, daß man sie für heilig halte. Die Engländer aber lassen sich durch diesen Glauben nicht abhalten, ihre Schiffe damit zu beladen, und sie nach Alt-England zur Bereitung der leckerenturtle soupzu bringen. Da sie einen Monat ohne Nahrung aushalten, so bekommen sie unterwegs nichts zu fressen. Auch wir nahmen einige mit; die Kleinsten waren größer, als das Innere der Hand, die Größten über einen Schuh im Durchmesser; es war nicht ganz leicht, diese Thiere zu fangen, da sie trotz ihres unbehülflichen Baues ziemlich schnell fortkommen.

Das Thal zog sich noch einige Stunden gleichförmig dahin, bis wir endlich um vier Uhr, ziemlich ermattet, den Ausgang erreichend, eine herrliche Aussicht genossen. Es war ein schöner duftiger Nachmittag; die Sonne glänzte im blauen Aether und warf deutliche Schatten auf die schöne Ebene von Napoli di Romania, das in hellen Farben glänzte. Die das schmale Thal bildenden Bergketten liefen zur linken Seite in malerischen Bogen, bis an den klaren Spiegel des Golfs, und endeten in dem schön geformten Palamides, dessen Fuß an der Meerstadt Nauplia wurzelt. Jede Zacke dieser gekrönten Höhe zeichnete sich auf dem blauen Hintergrundeab. Rund um denselben schimmerte es von Häusern und mächtigen Bäumen, die im lieblichen Farbenspiel verschwammen; gerade vor uns breitete sich die gesegnete Ebene bis an den Rand des Meeres aus, und erinnerte mich an die lombardischen Gefilde; Bäume, Weingärten und Felder wechselten hier im buntesten Gewirre; zur Rechten schloß der stolze Argos, dessen festes Schloß ebenfalls auf einem Felsen ruht, die Bergreihe; der Ort Argos lehnt sich an dessen Fuß. Jenseits des schönen Golfes zeigen sich in dunklen Umrissen die Gebirgsketten, deren letzte Ausläufer das Kap St. Angelo und das Kap Matapan bilden; zu unsern Füßen, kaum ein paar hundert Schritte entfernt, lag am Fuße des Berges Mycene, die ehemalige Residenz Agamemnons; – jetzt ist sie ein kleiner verfallener Ort auf einem wüsten Abhange. Ein Felsen birgt die Höhle, in welcher der Atriden Sohn begraben sein soll. Leider durften wir das alles nicht näher betrachten, da die Entfernung bis Nauplia zu groß war.

In einem Hause, am Beginne der Ebene, die nun vor uns lag, fanden wir zu unserer angenehmen Ueberraschung den östreichischen Konsul, welcher nach seiner Aussage, seit achtundzwanzig Stunden mit einigen Wagen auf uns gewartet hatte und zu befürchten anfing, daß wir, wie unsere achtzehn Vorgänger, von Räubern angepackt worden seien. Der Mann war italienischer Race; er trug einen blauen Paradefrack, und auf den Haaren ruhte eine Kappe,wie sie die Marine-Offiziere tragen, doch mit einem ungeheuren Lederschirm versehen; seine außerordentliche Beweglichkeit verrieth seine Nationalität, und wurde durch eine merkwürdige Zungenfertigkeit unterstützt; wir erfuhren später, daß er, außer dem Amte eines Konsuls, auch noch das eines Apothekers verwaltete; ich werde ihm für seine Aufmerksamkeit, uns Wagen entgegen zu bringen, ewig dankbar sein; denn wenn wir auch über Stock und Stein ganz jämmerlich und halsbrecherisch tanzen mußten, so war es doch eine Wohlthat, nach dem ermüdenden Ritt auf schlechten Satteln, von Sonnengluth gebraten, fahren zu können. Wir waren bei vortrefflicher Laune und schickten uns lachend in die kleinen Unannehmlichkeiten unserer Lage. Mein Bruder, Fürst J., Baron K. und ich nahmen eines dieser gebrechlichen, wankenden und schwankenden Wägelchen mit Sturm ein. Wir preßten uns möglichst in den engen Raum zusammen, und fort ging's in sausendem Galopp; die alten Gäule streckten und reckten ihre Glieder, und unser Hypolitos erhielt sie mit einer langen Gerte und furchtbarem Geschrei in Bewegung. Denkt man sich unter unserem Pferdelenker einen schlanken, athletisch gebauten Helenen mit dem antiken Götterfunken auf der hohen leuchtenden Stirne, so ist man ganz auf dem Holzwege; er erhob sich kaum einige Schuh über die Erde, ersetzte jedoch, was ihm an Größe fehlte, durch ein ungeheures Feß, das er anders, als seine griechischen Brüder, wie eine phrygische Mütze steifaufgestülpt trug; eine schwarze Kravatte schnürte ihm den Hals zu, aus der, gleichfalls der Landestracht ganz fremde Hemdkragen, wie Scheuleder hervorragten; im Uebrigen war er mit der Fustanella, dem Spencer und den Gamaschen bekleidet. Baron K. suchte ihm auf italienisch, welches die Verbindungssprache im Oriente ist, begreiflich zu machen, daß er nicht so unsinnig über alle Hindernisse dahin jagen solle; er aber hieb immer mehr in seine Renner ein und erschreckte sie durch mißtönendes Geheul; bald entdeckten wir, daß er weder seine Thiere, noch die Richtung, die wir bei diesersteeple chaseeinhalten sollten, sehen konnte, da sein großer Lederschirm weit über seinen Augenpunkt hinaus ragte; plötzlich erhob er sich, streckte das Kinn mit dem rothen Bart weit vor, faßte seinen Schirm mit beiden Händen und blickte mit Erstaunen auf die rasenden Gäule herab; dann wendete er sich zu uns und fragte uns – in deutscher Sprache, ob es uns gefalle, etwas langsamer zu fahren. Baron K. versicherte ihm, daß dies unser heißester Wunsch sei. Wir erfuhren nun, daß er von baierischen Soldaten etwas deutsch gelernt hatte; seit der Emanzipation vom deutschen Joche! und dem neu angefachten Fremdenhasse schien er seine Studien ziemlich vernachläßigt zu haben. Kurz vor der Stadt, bei dem Anfange einer schönen Allee, hielten wir, um die Ruine der altgriechischen Festung Tyrene zu besehen. Ihr Ursprung verliert sich in die Zeit der Mythen, und die Mauern scheinen Cyklopen-Arbeit; manglaubt sich eher in einem Haufen von vulkanischen Auswürfen, als in einem von Menschenhänden zusammengestellten Baue, und die Vollbringer desselben machen dem Geburtsorte des Herkules alle Ehre; aber der Tag begann schon zu sinken und wir konnten uns auch hier nicht so lange aufhalten, als das Interesse des Ortes es erfordert hätte. Die obenerwähnte Allee giebt dem Eingange von Nauplia ein civilisirtes Ansehen; wir hielten am Thore, um die Stadt zu Fuß zu durchwandern; leider aber dunkelte es schon – dennoch schien uns Räumlichkeit und Bauart der Festung, Patras zu übertreffen, und eher das Gepräge eines italienischen Städtchens zu tragen, was bei Patras nur in der äußeren Lage der Fall ist; dieses ist aber viel herrlicher und von der Natur begünstigter gelegen, als Nauplia. Da die Nacht uns nicht erlaubte in Einzelnheiten einzugehen, so ließen wir uns zum Hafen führen, wo uns eine Barke des uns vorausgeeilten werthen »Vulkan« aufnahm und an Bord brachte.

Das Gefühl, das uns bei dem Betreten unseres Schiffes beschlich, war, als ob wir nach langer Trennung, in das heimathliche Haus zurückgekehrt wären; wir freuten uns Abends, nach merkwürdig durchlebten Tagen, auf das Verdeck zu treten, und dann in stiller Nacht, in den kleinen traulichen Kabinen unsere Gedanken zu sammeln, und die frisch und mannigfaltig eingeprägten Bilder vor unserem Geiste vorbeiziehen zu lassen. Nirgends läßt sich's besser nachdenken, als insolch einem kleinen Bretterraum, zwischen Himmel und Wasser, und jedem Philosophen möcht' ich rathen, seinen Wohnort in dem Winkel eines Schiffes aufzuschlagen. Im sogenannten Räderkasten, in welchem wir gewöhnlich unsern Imbiß einnahmen, fanden wir das herrlichste Obst, welches die Frau des Apotheker-Consuls dem Kapitän übergeben hatte; ein wahres Wunder der Natur war darunter, eine zwei Schuh lange Traube, die uns natürlich an das Prachtexemplar von Kanaan erinnerte, welches die mannaphagen Hebräer von Kanaan in ein eben so gottseliges Entzücken gebracht haben mag, wie uns. Wir hingen dieses Wunder der Naturkraft unangetastet an die niedere Decke des Raumes, so daß die unteren Beeren bis auf den Tisch reichten. Als ich am späten Abend auf das Verdeck trat, schien der Mond in südlicher Pracht auf den Golf und dessen romantische Ufer; seine Strahlen tanzten sanft auf den leicht bewegten Wellen, hinter denen aus dem mystischen Dunkel einer südlichen Nacht die Dächer und Spitzen der Stadt hervorragten, über der sich, gleich einem riesigen Wächter, der graue Palamides erhob. In der Mitte des Silberspiegels lag, von den Wellen sanft bespült, das vom geisterhaften Mondlicht erleuchtete Festungswerk If, dessen Bauart und Name den türkischen Ursprung verräth. Jetzt ist dieser, auf kleinen Riffen sich erhebende Thurm, ein Gefängniß. Es war ein Bild wie aus einem Walter Scott'schen Roman, und jeden Augenblick erwartete man den taktmäßigen Ruderschlag einesRetterbootes; doch heute Nacht mußten die armen Gefangenen vergebens seufzen, und ich glaube auch, daß sich unter diesen hier kaum einer befand, der würdig gewesen wäre, der Held eines Romans zu sein. – Bald ward es auf dem Verdecke immer stiller; der Schlaf breitete seine Fittige über die lustigen Reisenden; zuweilen nur hörte man halb im Traum, das beruhigende: »Alles wohl« des wachsamen Nachtpostens. Erst am hellen Tage erwachte die Gesellschaft zu neuen Unternehmungen gestärkt; der Vormittag war der Besichtigung von Nauplia bestimmt. Die Stadt bestand schon, wenn auch ohne Bedeutung, unter den alten Griechen; ihre großartigen Festungswerke verdankt sie dem überall schaffenden Geiste der venetianischen Republik, und auch über ihren Thoren prangt der Markuslöwe mit seinen sich weit ausbreitenden Schwingen. Den türkischen Händen wurde sie durch die Griechen entrungen. Hier war es, wo sie ihren neuen Herrscher zum erstenmale begrüßten, welcher lange Zeit in einem schlichten Hause auf einem kleinen Platze dieser Stadt residirte, und erst in den folgenden Jahren, Athen zu seiner Hauptstadt erkor. – Zuerst wurde das Arsenal besichtigt; es steht auf dem von den Venetianern schon dazu bestimmten Platze. Da die Griechen alle Kriegsbedürfnisse aus dem Auslande kommen lassen, so genügen die an den Umfangsmauern aufgestellten Hütten, um die beschädigten Waffen auszubessern, und allenfalls einige Kleinigkeiten neu anfertigen zu lassen. Die Räumlichkeiten sind keineswegs sehenswerth,und nur als rührende Bestrebung eines so lang unterdrückten Volkes kann dieses Arsenal denjenigen interessiren, der Antheil an dem Aufkeimen des Hellenenreiches nimmt. Da die Kommandanten die Güte hatten, uns überall herumzuführen und Alles zu erklären, so machte Fürst J. als ausgezeichneter Militär einige Bemerkungen, die ihnen sehr schmeichelhaft waren. Von hier gingen wir durch Straßen, die schon anfangen das Gepräge des Orients zu tragen, nach dem Landthore der Festung, und waren nach einer kleinen Strecke am Fuße des berühmten Palamides. Mächtig und stolz steigt der Fels aus dem Schoße der Erde; nur von einer Seite steht er mit der Gebirgskette in Verbindung; seine Farbe spielt vom Gelb in das Rothe, hin und wieder umwuchert ihn der fleischige, gelbblühende Kaktus, dessen Frucht von den Einwohnern sehr gerühmt wird. Gegen die Meerseite führt die, mit einem Parapet versehene und mit Batterien bespickte Marmorstiege zur Festungskrone hinauf; leider trübte sich das Wetter immer mehr, und zuletzt fiel gar ein feiner Regen. Wir ließen uns aber doch nicht abhalten, die 692 Stufen, die in das Innere des Adlernestes führen, unter der Leitung des Kommandanten zu erklimmen. Eine Wache griechischer Jäger empfing uns an der Pforte. Von den oberen Batterien übersieht man die Stadt in Vogelperspective. Dieselbe verbindet sich mit dem Fuß des Felsens und breitet sich auf einer Landzunge aus, die der Golf umspült. Die Häuserhaufen scheinen uns von diesemStandpunkt, für das so arm bevölkerte Land, ziemlich bedeutend; vor unseren Augen entwickelte sich ein enges Netz von Straßen und Plätzen, in denen die Bevölkerung emsig hin und her zog – Kirchen, Häuser, Baumplätze, alles erschien kleiner, als es ist, scharf begrenzt von den mächtigen Venetianer-Mauern, und der Stadtplan konnte nicht deutlicher aufgenommen werden, als er uns von der Höhe des Palamides erschien. Von der Stadt aus führt eine Erdenge zwischen Meer und Felsen zur Ebene, von der aus sich eine zweite Stadt mit freundlichen Häusern an den Berg zu lehnen scheint. Am Fuße dieser neuen, mit Gärten umgebenen Ansiedlung, steht ein großer Felsblock, in dessen eine Seite das kolossale Bild eines verwundeten Löwen gehauen ist. Es wurde von König Ludwig zur Erinnerung an die in Hellas gefallenen Baiern errichtet. – In der Ferne sahen wir durch einen leichten Nebelschleier Argos und die felsigen Riesenmauern, aus denen wir Tags zuvor durch einen schmalen Thorweg herausgetreten waren. An der Rückseite des Palamides erheben sich noch höhere Gebirge, die vom Inneren der Festung nur durch einen großen, in Stein gesprengten Graben getrennt sind. Nach der neueren Taktik müßte zur Sicherung des Platzes ein Außenwerk auf dieser dominirenden Höhe angebracht werden; doch hier kämpft man noch Mann gegen Mann den muthigen Kampf des Alterthums, und schickt sich nicht die von ferne zerstörenden Geschosse zu; auch ward der Palamides von den Venetianern nur wegender Sicherung des Hafens befestigt. Das Innere des Platzes ist mit Wohnhäusern und Kasernen angefüllt, die auf dem unregelmäßigsten Boden stehen; fast so bemerkenswerth, wie die mächtigen venetianischen Ruinen, ist die maßlose Unordnung, die hier herrscht; die Soldaten sehen wie die Hühnerdiebe aus, und selbst der Kommandant hatte etwas Rohes und Ungebildetes. – Nachdem wir das ganze Terrain mit seinen Bastionen, Erhöhungen und Vertiefungen abgegangen hatten, stiegen wir die vom Regen schlüpfrig gewordenen 692 Stufen wieder herab und durchwanderten dann die Straßen der Stadt. Die Häuser sind fast alle hoch und schmal, und in jedem Stockwerk mit einem Balcon versehen; zu ebener Erde sind offene Buden, die an den engen, finsteren Straßen hinlaufen. Die ziemlich zahlreichen Kirchen sind im alt-byzantinischen Style erbaut; auch ein katholisches Gotteshaus von ziemlich unkirchlicher Außenseite ward uns gezeigt. Der Konsul sagte uns, daß die Katholiken in dieser Stadt auf jede Weise verfolgt werden. Die Altkirchler verbreiten die lächerlichsten Mährchen über sie; so erzählen sie, daß die Geistlichen jeden Sterbenden beim Administriren erdrosseln. Die Bevölkerung stört den Gottesdienst, wo sie nur kann. Auf einem der kleinen Plätze sahen wir einen ziemlich plump gearbeiteten Marmorsarkophag, der die Reste Ypsilantis enthält, und diesem Helden von seinem Bruder gesetzt worden ist. Das Haus und der Platz, wo König Otto gewohnt hat, sind unbedeutend,hingegen interessirte uns ein anderer, auf dem noch Häuser aus der Türkenzeit stehen, die nur noch durch ein Wunder zusammenhalten; denn die Stützen und Gitter der balconartig hervorragenden ersten Stockwerke – einer Bauart angehörend, die wir später in Smyrna verherrlicht sahen – waren zum Einstürzen morsch und faul; dennoch ist der Anblick dieser bizarren Formen und lebhaften Farben malerisch. Schon dies Alles erfüllte meine Phantasie; wie aber ward sie angeregt, als ich aus einer der wenigen Oeffnungen eine schöne, in schwarze europäische Kleidung gehüllte Dame herausblicken sah! Ein schlanker Mann im französischen Frack stand hinter ihr; woher diese traumhafte Erscheinung kam, blieb uns unerklärt; höchstens könnte ein Engländer-Paar die Idee fassen, sich unter diesen Trümmern begraben zu lassen. Auf einem der Festungswälle, unmittelbar am Meere, steht eine herrliche dreihundertjährige Dattelpalme, deren imposante Höhe sich aber leider nicht ganz geltend machen kann, da ein großer Theil des schlanken Stammes, in der Erde verschüttet ist; auf unseren Wunsch, einige der in der Krone wachsenden Früchte zu erlangen, stieg ein langer Grieche, in weiten blauen Pluderhosen, mit großer Fertigkeit den schlanken Stamm hinan, und warf die grünen Früchte, zum Jubel der untenstehenden Bevölkerung hinab. So schön das Klima ist, so werden die Datteln doch nicht ganz reif und fallen nutzlos zur Erde. Unmittelbar neben der Palme ist in der Festungsmauer ein schöner türkischer Brunnen mit fein gearbeitetenKoransprüchen angebracht, die der religiöse Sinn der Mohammedaner überall einfügt; auch muß man ihr Talent, schöne Punkte für die Brunnen zu finden, bewundern, wie es hier am Fuße der Palme mit der Aussicht auf den schönen Golf in so hohem Maße geschehen ist.

Wir kehrten zum Quai zurück, ruderten an Bord des Vulkans und sagten Napoli di Romania »Ade«, um dem Pyräus zuzusteuern.

Den 14. September 1850 angekommen.

Um fünf Uhr Morgens wurde ich in meiner kleinen Kabine mit dem Rufe geweckt: »man sieht Athen«! War's doch wie in den Kreuzzügen beim Anblick von Jerusalem; alles stürzte auf die Brücke des Schiffes, um das Hauptziel unserer Reise schon von Weitem zu begrüßen. Neugierde und Freude malte sich auf jedem Gesichte, und weithin schweifte der prüfende Blick. Die azurblauen Wogen des schäumenden Meeres spielten an eine breite, gelbe Küste, die sich bald eben, bald etwas erhoben mit dem Lande verbindet. Pflanzenleer und doch großartig lief die Fläche weithin fort, bis sie endlich von einem Halbkreise himmelhoher Berge begrenzt wurde. Am Ende dieser Ebene sahen wir, von hohen Felsen umgeben, Athen als einen weißen Punkt; hinter diesem den Hymetus, die Akropolis und die andern geschichtlich denkwürdigen Höhen, und weiter noch den Penthelikon hervorragen; der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft, wie der vonPatras, sondern, kahl, ernst und erhaben. Es war ein Bild der Vergangenheit, auf dem die Erinnerung großer Begebenheiten ruht. Unser Schiff hatte sich dem kahlen Ufer genähert, auf dem man uns einen Haufen Steine als das Grab des Themistokles zeigte. Plötzlich wendeten wir, und liefen in einen kaum einige hundert Schritt breiten Kanal ein, der sich zwischen den niedrigen felsigen Ufern durchwindet und keinen Ausweg zeigt, bis sich ein breites Wasserbecken aufthut, und man in dem friedlichen Pyräus einläuft. Ein Halbkreis von neugebauten Häusern umgiebt den Hafen, in dem eine bedeutende Anzahl Schiffe ankerte. Am Quai und auf dem Wasser ist reges Leben, ein Anblick, der freudig ergreift, wenn man bedenkt, daß noch vor wenigen Jahren nur einzelne Häuser an diesen Ufern standen, der Hafen leer von Schiffen war. Jetzt ist nur noch die Umgebung kahl und todt. – Wir fanden zwei französische Lloyddampfer und ein französisches Geschwader vor, das von einer Fregatte mit einem Admiral angeführt wurde. Wieder umkreiste uns, wie in Patras, gleich nachdem wir geankert hatten, eine große Anzahl von Barken, mit einem einzigen lateinischen Segel von einem Schiffer mit großer Geschicklichkeit gelenkt, der dasselbe bald rechts, band links herumlegte, und pfeilschnell dahin schoß. Diese niedlichen Schiffchen sind ein Schmuck des Hafens. Ein Boot wurde, um die Erlaubniß landen zu dürfen, ausgesendet; dann begrüßte uns Graf J., der östreichische Geschäftsträger. Gleich nachihm erschien General G., Hofmarschall des Königs, begleitet vom Hauptmann M., einem geborenen Triestiner, der uns während unseres Aufenthalts in Athen zugetheilt wurde; diese beiden Herren luden uns ein, im königlichen Schlosse eine Wohnung zu beziehen, ein Anerbieten, das mit Dank angenommen wurde. Wir verließen daher, nachdem wir unseren Anzug ein wenig geordnet hatten, auf mehrere Tage den geliebten Vulkan. Am Quai erwartete uns ein vierspänniger Wagen der Königin; es war die erste Equipage, die wir seit langer Zeit gesehen hatten. Blaue moderne Livree, große mecklenburgische Pferde und eine elegante Calesche paßten wohl zusammen, machten aber einen sonderbaren Gegensatz zu der wüsten Umgebung.

Wir sprangen mit heißen Erwartungen in den Wagen, und wurden auf weichen Federpolstern auf der berühmten Straße von Pyräus nach Athen geführt, ein dreiviertel Stunde langer, außerordentlich breiter, guter Weg, auf dem uns nur der fürchterliche Staub belästigte. Die Stadt war, seit der Einfahrt in den Piräus unseren Blicken entschwunden, und erst am Ausgange eines Olivenwaldes, durch den wir fuhren, erschien sie wieder. Dieser Hain ist wegen seiner Ausdehnung und der Menge seiner Früchte berühmt im Lande; doch war er dieses Jahr in schlechtem Zustande, da die Bäume durch den vorjährigen strengen Winter gelitten hatten, und man erst in einigen Jahren ihre vollständige Heilung hofft. Von Strecke zu Strecke stand einWirthshaus an der Straße, vor dem sich die interessantesten Gruppen von Einwohnern zeigten; auch hier begegneten wir einzelnen Zügen aus Eseln und Maulthieren, und sogar einigen schlechten Wagen. Nahe dem Pyräus sind noch Ueberbleibsel der altgriechischen Befestigungen von Athen. Weingärten und Olivenanpflanzungen wechseln ab; der Hain lichtet sich und der Eindruck wird freundlicher und großartiger zugleich. Wir durchstrichen eine Ebene, auf der ein berühmter Kampf gegen die Türken gekämpft wurde, und welche ein Monument schmückt. Endlich zeigt sich die, durch die Geschichte geweihte Stadt, in der die Phantasie begierig nach den Erinnerungen einstiger Größe sucht. Vor allem Andern wird der Blick durch einen mächtigen Felsen gefesselt, der wie auf marmornem Sockel eine Krone sonder Gleichen trägt: die Akropolis mit ihren säulenreichen Tempeln und ihren hundert Mahnungen an ihre große Vergangenheit; sie leuchtet mit erhabenem Stolze von ihrem Felsen herab; und wie man von den Gesichtszügen auf die Seele des Menschen schließen kann, so spricht dieses Denkmal die Größe der Zeit aus, in der es entstand. In der Ebene zeigte sich zu unserer Rechten im schönsten künstlerischen Ebenmaße der Theseustempel, dessen gelblicher Marmor wie mattes Gold erscheint. Vor uns lag die Stadt, deren Umfang nicht sehr bedeutend ist; sie wird durch eine lange, ungepflasterte Straße durchschnitten, die der höher gelegene königliche Palast schließt, die aber anfangs nur niedrige undunansehnliche Häuser begrenzen; erst in der Nähe des Palastes nimmt sie ein städtisches, besseres Aussehen an; doch schmückt sie gleich anfangs eine hohe prächtige Palme; auch ist die Metropolitankirche, im byzantinischen Style, durch ihr typisches Aussehen ehrwürdig, und erinnert an die altchristliche Zeit; sie erhebt sich kaum vier Klafter über den Erdboden und ist von geringem Umfange, was sonderbar mit dem königlichen Palaste kontrastirt. Vielleicht ist es, wie im hebräischen Reiche, auch erst dem Nachfolger des ersten Königs vergönnt, dem Herrn einen würdigen Tempel zu bauen, während der jetzige Regent, wie David, nur für seine eigene Unterkunft zu sorgen hat.

Die Häuser gleichen denen von Patras, nur sind sie etwas mehr mit den Bedürfnissen der Kultur versehen; der untere Theil ist meist zu Verkaufsläden verwendet; das Leben wird immer bewegter, je mehr man sich dem großen Platze nähert, an dem der königliche Palast auf einer Anhöhe steht; auf der linken Seite hat ein Triestiner ein schönes Gebäude im griechischen Geschmacke gebaut; die rechte Seite ist leer und läßt einen Blick auf den neuen Theil der Stadt offen, in dem sich einige recht nette Häuser befinden. In der Ferne glänzt das Meer und auf demselben zeichnen sich in klarer Luft die herrlichen Säulen des Jupiter-Tempels ab; auf dem Platze selbst sind große, regelmäßige Pflanzungen von Cactus, Aloën und Cypressen angelegt, in deren Mitte ein Weg, mit breiten Marmorstiegenzum Palaste hinan führt; rechts und links sind Alleen mit Fahrwegen. Diese Pflanzungen stehen im Einklange mit den architektonischen Linien des Palastes, der in ziemlich schmucklosem, griechischen Style dasteht; nur leuchtet an den Wänden, Fenstern, Balconen und Terrassen der weiße griechische Marmor statt aller Zierrath hervor. Der ganze Bau ist ein längliches, zweistöckiges Viereck; an der Front, gegen die Stadt, tragen dorische Säulen einen Balcon über der Einfahrt; von dieser führt eine herrliche freischwebende Marmorstiege in das obere Stockwerk. Auf der Meeresseite wird eine Terrasse von Säulen gestützt, die zu ebener Erde einen offenen Gang bilden, von dem aus breite Stufen zur Straße hinabführen; jenseits derselben liegt der mit den herrlichsten südlichen Gewächsen geschmückte Garten der Königin; auf der Rückseite, gegen die Gebirge zu, schwebt wieder ein Balcon über der hinteren Einfahrt, von der aus eine Wendeltreppe aus Marmor und Bronce hinaufsteigt. Da das Aeußere des Palastes wenig verziert ist, so hat er von weitem leider ein kasernenartiges Ansehen, welches der Reichthum des Materials erst in der Nähe mildert; auf jeden Fall ist er aber viel zu groß für die kleine Stadt, ja sogar für das kleine Land. Augenblicklich merkt man den leitenden Geist des Königs Ludwig von Baiern, welcher die Bauten nicht dem Bedürfniß anpaßte, sondern sie um ihrer selbst willen hinstellte. So müssen auch das griechische Reich und seine Hauptstadt, sein Hof und seine Dynastie, erst in diese Palasträumehineinwachsen. Die inneren Gemächer sind prachtvoll; ein herrliches Thronzimmer für den König, ein gleiches für die Königin, große in Fresco gemalte Speisesäle, wundervolle von Gold strotzende Tanzsäle, Salons und große Fremdenzimmer eröffnen sich dem erstaunten Auge. Das Ganze ist in vortrefflichem Geschmacke und bis zu Leuchter und Tafelgeschirr im griechischen Style eingerichtet; ein schöner Gedanke, der besonders den Zimmern der Königin ein zugleich freundliches und künstlerisches Gepräge giebt; man sieht ihnen an, daß hier ein liebenswürdiger Geist waltet; dieser ist es auch, der die Existenz in diesem Lande mit seinem Zauber umgiebt. Wir sahen diese schönen Räumlichkeiten erst im Laufe unseres Aufenthaltes, und wurden anfangs in die uns angewiesenen Zimmer geführt, wo wir der Audienz bei der Königin harrten; unsere Fenster gingen auf den Garten gegen das Meer zu; doch gewährte mir ein Eckzimmer auch den Anblick der Stadt und der Akropolis. Man kann sich nichts Schöneres und Interessanteres denken, als die Aussicht von dieser Höhe auf die malerische Umgebung mit ihren Denkmalen. Die klare Luft des Südens ließ alles deutlich und scharf erkennen, und über die Spitzen der um den Palast stehenden hohen Palmen hinweg sah man ein Gemisch südlichen Zaubers und edler Einfachheit; es ist, als ob die Natur hätte zeigen wollen, wie edle Formen auch ohne üppige Fülle, nur von Werken der Kunst gekrönt, das Gemüth ergreifen können; die hiesigen Gegenden sind hohenund erhabenen Schönheiten zu vergleichen, während die lieblichen Thäler unseres theuren Deutschlands mehr einen naiven freundlichen Eindruck hervorbringen. Der Garten der Königin, in dem das Streben bemerklich ist, die südliche Vegetation mit der nördlichen in schönen Gruppen zu verbinden, giebt einen trefflichen Vordergrund zu der bedeutungsvollen Aussicht, und einen malerischen Gegensatz zu den hellgelben kahlen Umrissen, die das Meer würdig schließt.

Nachdem unser Gepäck aus dem Pyräus angelangt war, setzten wir uns in Uniform und wurden nun zur Königin-Regentin geführt. Im kunstreich verzierten Thronsaale stand der weibliche Hofstaat; hier blieben unsere Reisegefährten; mein Bruder und ich wurden in den anstoßenden Salon geführt, wo uns die Königin in einer eleganten geschmackvollen Morgentoilette empfing. Sie ist von mittlerer Frauengröße, und weiß Würde und Anmuth in seltenem Maße in ihrem Wesen zu vereinigen. Ihre Züge drücken Geist und Charakterstärke aus; ihr Gespräch ist liebenswürdig und geistreich und steigert sich zum Enthusiasmus, wenn die Rede von ihrem theuren Hellas ist. Sie ist die wahre Mutter ihres Volkes; denn nur eine Mutter kann mit so vielem Interesse von jeder Einzelnheit sprechen, die sich auf ihre Kinder bezieht. Auch genießt die Königin die verdiente Gegenliebe ihres Volkes, und wird überall, wo sie erscheint, mit Begeisterung empfangen; von ihrer kräftigen und einsichtsvollen Regentschaft hört man aller Orten mit Bewunderungsprechen. Ich hätte nicht geglaubt, daß eine deutsche Prinzessin, gewöhnt an die angenehmen Bequemlichkeiten ihres Vaterlandes, sich so ganz in die griechischen Sitten schicken, und es sogar in der Sprache zu solcher Vollendung würde bringen können. Nach einem Gespräch von einer viertel Stunde, führte uns die Königin in den Thronsaal und stellte uns ihre Damen vor, worauf ich ihr unsere Reisegefährten nannte. Die Oberhofmeisterin der Königin, Frau von P., ist unter den Höhergestellten am Hofe die einzige Deutsche; sie macht durch ihr freundliches Benehmen und ihren heiteren Geist ihrer Nation Ehre. Außer ihr hat die »Basilissa« (so wird die Königin im Lande genannt) noch zwei Griechinnen zu Hofdamen. Fräulein Photanie M. und Fräulein Penelope L. Dieselben kleiden sich griechisch und bestätigen die so berühmte Schönheit der Frauen ihres Landes. Sie sprechen ziemlich gut französisch, und scheinen überhaupt nicht ungebildet zu sein. Nachdem man uns zu einem Spazierritt, auf fünf Uhr, eingeladen hatte, wurden wir von der Königin entlassen. Der übrige Hofstaat ist ziemlich unbedeutend, und ich will hier nur noch des Hofmarschalls Generals G. erwähnen, welcher, wie es deren an allen Höfen giebt, eine Art Factotum ist; er ist einer der Wenigen, welchem der König sein ganzes Vertrauen schenkt; auch soll er bei der verhängnißvollen Revolution sehr viel Charakterstärke bewiesen haben. Seine Vergangenheit ist jedoch etwas dunkel, und es giebt böseZungen, welche derselben räuberische Gelüste zuschreiben. Sein Aeußeres entspräche dieser letzten Behauptung; er hat eine finstere, etwas gemeine Physiognomie, Hautfarbe und Haare sind außerordentlich dunkel; dagegen gewinnt seine Erscheinung durch die herrliche griechische Tracht. – Um fünf Uhr versammelten wir uns in einem, gegen die Meerseite gelegenen, niedlichen Cabinete; die Königin schritt die breiten Marmorstufen hinab und schwang sich mit großer Leichtigkeit auf ein türkisches Pferd, welches ihrer harrte. Wir folgten ihrem Beispiel, und nun ging es in lançadirendem Galoppe bei der Hauptwache des Palastes vorbei, über den Schloßplatz, durch einen Triumphbogen von Myrten, der zur morgigen Feier der Revolution errichtet worden war, die lange Straße hinunter zum Theseustempel. Die Königin wollte uns einen Ueberblick der Merkwürdigkeiten Athens geben. In der Straße wurde sie mit Jubelruf empfangen, und Alles grüßte mit dem Ausdrucke der größten Verehrung. Die Königin zu Pferde ist eine wahrhaft anmuthige und schöne Erscheinung. Sie reitet ganz vortrefflich, hat einen festen Sitz und führt das Pferd im schnellsten Galopp über Stellen, welche mancher berühmte Reiter bei uns kaum im Schritt passiren würde. Die Pferde des griechischen Hofes sind meist aus den asiatischen Gebirgen, haben einen schuhartigen Beschlag und klettern wie Gemsen über schwindelnde Höhen. Wenn sie keinen Fuß fassen können, rutschen sie auf den Hinterfüßen über Felsplatten, ohne zu stürzen.Auch macht die Königin ihre weitesten Reisen zu Pferde, da von einem Fortkommen zu Wagen bis jetzt noch keine Rede ist. – Der Theseustempel ist eines der besterhaltenen Monumente in Griechenland, und vielleicht eines der schönsten des Alterthums. Er ist ziemlich groß, alle seine Säulen und der größte Theil der inneren Mauern und des Daches sind erhalten. Der Marmor, aus dem er gebaut ist, war ehemals weiß, hat jedoch durch Zeit und Wetter einen schönen gelben Glanz erhalten, der diesen großen Massen vortrefflich läßt. Der Styl ist einfach und durchaus rein. Außerordentlich wird dieses Kunstwerk durch den freien Raum gehoben, auf dem es sich befindet; leider sieht man in den Säulen und den Wänden Spuren von den nichts verschonenden türkischen Kugeln. In den Metopen sind nur wenige Basreliefs, und diese nicht gut erhalten; man glaubt, daß sie die Thaten des Theseus vorstellen. Der innere Tempelraum ist ganz mit Mauern umgeben, während im Alterthum nur drei Seiten eingefaßt waren; die vierte Mauer ward errichtet, als dieser herrliche Tempel dem christlichen Gottesdienst gewidmet wurde. Zur Zeit sind alle kirchlichen Geräthe wieder heraus geräumt worden und man hat das Innere mit ausgegrabenen Kunstschätzen ausgefüllt, die aber, des nicht sehr großen Raumes wegen, ohne viel Sorgfalt aufeinander gehäuft sind; doch sieht man immer hier lieber die Götter der alten Mythe, als das Bild unseres Erlösers, welches keineswegs in diese Mauern paßt. Der Haupteingangvon der Stadtseite ist jetzt geschlossen. An der Seitenwand, die der Akropolis zugewendet liegt, öffnet sich ebenfalls eine Thüre, an welcher ein griechischer Archäolog die Königin und uns empfing.

Wir konnten nur im Fluge die inneren Kunstschätze an uns vorüber ziehen lassen, die ich erst später, nach sorgfältigerer Betrachtung, erwähnen werde. Von hier aus folgten wir der Königin durch die engen Seitenstraßen von Athen, zwischen die verschiedenartigsten Hindernisse durch, im gestreckten Galopp zu dem Tempel der Winde, einem Octogon aus Quadern, in welchem unter dem Dache die Winde in einem Basrelief dargestellt sind; eine einzige Thüre führt in das Innere desselben, Fenster sind nicht vorhanden. Der Boden, auf welchem dieses Gebäude steht, ist um eine Klafter vertieft, was uns beweist, wie viel vom alten Athen verschüttet ist. Die Ruinen eines Aquaducts führen zu diesem interessanten Tempel, von welchem ich ebenfalls später Gelegenheit haben werde, näher zu sprechen. Von da kamen wir zur sogenannten Laterne des Diogenes, eigentlich dem Monumente des Lysokrates. Es ist ein nicht sehr breites, ungefähr zwei Klaftern hohes Thürmchen, dessen mit schönen aber sehr kleinen Basreliefs versehenes Dach auf vier bis fünf niedlichen Säulen ruht, ehmals aber frei gestanden haben mag. Die Spitze des Daches formt ein bouquetartiger Knopf, aus Delphinen gebildet. In dem neu vermauerten, inneren Säulenraum scheint früher eine Büsteoder Statuette gestanden zu haben. Das Ganze ist eine sehr zierliche und feine Arbeit. Von dort ging es zum Areopag und Pnyx; es sind dies massive Felsenparthien, in welchen man noch Stufen bezeichnende Linien eingehauen findet. In diesem Felsen zeigt man den in den Stein gearbeiteten gefängnißartigen Raum, in welchem das Grab des Sokrates gewesen sein soll, welche Angabe jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat. – Hierauf besahen wir das sogenannte Marktthor, einen Porticus von vier Säulen. Fälschlich hat es seinen Namen von einem großen Stein bekommen, welcher bei demselben aufgestellt ist, und auf den die unter Hadrian gesetzlichen Marktpreise eingehauen sind; dies war aber eine Gewohnheit alter Zeiten, der man bei sehr vielen antiken Thoren begegnet. – Noch berührten wir die Kolonnade und das Thor des Hadrian, die Ueberreste des Tempels des Jupiter, das Grabmal des Philopopus und die Stelle, auf welcher die Gärten des Plato standen. Die Kolonnade des Hadrian besteht aus sechs, vor einer aus Quadersteinen erbauten Mauer stehenden, römischen Säulen, auf welchen Vorsprünge ruhen, die mit der Mauer in Verbindung stehen. Eine siebente Säule steht frei; es scheint, daß die sechs anderen ehemals mit Statuen geziert waren. An der Quadermauer sieht man noch Ueberreste einer christlich-typischen Freskomalerei, da auch hier eine Kirche angeklext war. Vor den Säulen ist eine Mauer gezogen, und in diesem von der Straße abgeschlossenen Raume befinden sich ebenfalls ausgegrabeneAlterthümer. Das Thor des Hadrian, in der Nähe des Jupitertempels, ist ein großer breiter Bogen, dem man den römischen Ursprung ansieht, und der einem zweiten von vier Säulen getragenen Thore als Fundament dient. Dieses an sich schöne Kunstwerk wird durch die Pracht und Größe der Säulen des Jupitertempels verdunkelt; ihre Höhe mag 20 Klafter betragen, ihr Umfang entspricht der Höhe und trotz dieser Dimensionen haben sie ein schönes und vollkommenes Ebenmaß; es mögen bei 15 sein; 12 derselben sind in einer nähern Gruppe beisammen, während drei in ziemlicher Entfernung abseits stehen. Die größere Gruppe ist noch durch einzelne große Steine verbunden, sonst ist vom Dache nichts mehr übrig. Auf einem der Säulencapitäle sieht man noch die Reste einer Steinhütte, welche einem fanatisch asketischen Derwische 20 Jahre als Wohnung gedient hat, während welcher Zeit er niemals auf die Erde herabkam, sondern es vorzog, in diesen höhern Regionen einem Storche gleich zu nisten, und sein frugales Mal an einem Seile aufzuziehen. Zu seinen Füßen wurde unterdessen Geschichte gemacht, und nicht wenig mußte sich der alte Herr wundern, als einstens statt seiner Glaubensgenossen siegreiche Rajas erschienen, und er der einzige Diener des Halbmondes in Athen verblieb, die einzige Stimme des Propheten in der Wüste. – Die Ausdehnung des Jupitertempels muß außerordentlich gewesen sein; auch kann man noch die festen Fundamente desselben in weiter Entfernung von den Säulen sehen.

In der Nähe derselben, im Felsen, befindet sich eine Quelle, in welcher sich Calliope, die schöne Muse, gebadet hat; daher führt dieses wildromantische Wasser ihren Namen. Die antike Lieblichkeit des Ortes ist entschwunden und es sind nur mehr die nackten, pittoresk geformten Felsen, zwischen welchen das Wasser rieselt, vorhanden. Das Monument des Philopopus liegt auf einem hohen Hügel, ziemlich entfernt von der Stadt, gegen das Meer zu; es ist eine schirmartige, etwas gegen außen zu gekrümmte Mauer aus Quadersteinen, an deren unterer Seite sich ein sehr beschädigtes Basrelief befindet, den Triumphzug eines römischen Imperators darstellend; über demselben sind Säulen angebracht, zwischen welchen sich arg verstümmelte sitzende Figuren befinden. Die Erhöhung, auf welcher dieser Bau steht, heißt der Musäusberg und ist nach dem griechischen Dichter dieses Namens benannt. Von dem Garten des Plato, auf der entgegengesetzten Seite, sieht man nur mehr den etwas erhobenen Platz, der von einer kleinen Kapelle gekrönt ist. Zwischen Weingärten und der Promenade Athens, einer breiten Allee, mit sehr schmächtigen Bäumen, kamen wir nach Sonnenuntergang zum Palaste zurück, worauf man sich gleich nach einer für die Damen fabelhaft schnellen Toilette versammelte, um das Essen einzunehmen. Das Gesammtministerium und die Hofchargen waren zur Tafel gezogen. Die Königin war so gnädig, mir die hellenischen Staatenlenker selbst vorzustellen. Einige unter diesen Herren hatteneinen europäischen Anstrich, und waren sogar im Stande, französisch oder italienisch zu sprechen, was für mich von großer Erleichterung war, da ich es hasse, mich mittels eines Dragomans verständlich zu machen; man ist bei dieser Art der Unterhaltung immer verkauft, und kann nicht wissen, wie sie den Sinn in den Worten der andern Sprache wiedergeben. Doch beim Minister des Innern, dem Vater der schönen Eulalia von Korinth, mußte ich die Hülfe fremder Zungen in Anspruch nehmen. Dieser Herr trägt das gewöhnliche Landeskostüme und ist dem Greisenalter nahe; seine Faust schien mir eher für das Schwert und den Pflug, als für die administrirende Feder geschaffen; doch bei dem ziemlich primitiven Zustande des Landes mag diese Urnatur wohl geeignet sein, für sein Inneres zu sorgen; nur wäre es gut, wenn noch zuweilen das verrostete Palikarenschwert gezogen würde, um das Land von den Räuberbanden zu säubern. Doch wo bliebe dann der letzte Zuflucht der Romantik? Ein Griechenland ohne Räuber wäre eine Schweiz ohne Berge. Auch ist es ganz angenehm, wenn man in die Heimath zurückgekehrt, beim traulichen Theetische erzählen kann, man habe die schauerlichsten Gegenden durchwandernd, an den Felsen das Blut der unglücklichen Schlachtopfer herunter rieseln sehen. So lange es nicht persönliche Bekanntschaft mit diesen Helden der Romantik gemacht hat, ist das Volk der Reisenden egoistisch genug, sich beim Durchwandern der übelberüchtigten Gegenden eines heimlichen und selbstgefälligenSchauers zu erfreuen. Darum lassen wir die Spinnen ihr Netz über das rostige Schwert weben, und danken wir dem Gesammtministerium für die Rettung und zukünftige Erhaltung der Räuberbanden! – Vielleicht gab ja selbst einer der würdigen Männer, die hier bei Tische saßen, den Stoff zu einer Episode der Klephtenpoesie. – Das Diner wurde schnell und elegant servirt, die Zubereitung der Speisen war vortrefflich, und nach dem langen Ritt unser Appetit ebenso. Auf den Wänden des Eßzimmers sind Früchte, Wildpret und Fische in sinnreiche Arabesken verflochten. – Nach dem Essen entließ uns die liebenswürdige Hausfrau, und wir konnten einer erquickenden Ruhe genießen.

Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in der Kapelle des Königs die Messe zu hören. Gleich nach dem katholischen Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebräuche unserer Kirche bezieht, weggeräumt, und der Pastor der Königin mit seinem einfachen Ritus, zog ein. Zuweilen, wenn öffentliche Feste es erheischen, wohnt das Königspaar auch den griechischen Funktionen bei.

Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu lernen, kann es wohl nichts Erwünschteres geben, als die Abhaltung eines öffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September, nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage begonnene Revolution.

Als wir uns vom Palast in die Hauptstraße begaben, hatte die Königin schon den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome, wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war unmilitärisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europäischer Soldaten das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump geschmückte Csako, gaben dem ernsten Sohne der südlichen Berge einen düster-kränklichen Anstrich. Ein Körper, der an die flatternde Jacke und die faltenreiche Fustanella gewöhnt ist, mag sich unter griechischer Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknöpften Tuchrocke und den langeninexpressiblesfühlen; und so schlüpfen Hellas Jünglinge aus dem malerischen Costüme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu verwandeln, und hierdurch große Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu bekommen; doch die europäische Civilisation erfordert es so, und da muß der Schönheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in Landestracht sieht dagegen sehr schön und kriegerisch aus, und trägt sich in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten in Patras zu bewundern. – Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk im bunten Gewimmel; bald sah man europäische Trachten, bald zeigten sich die buntesten Gewänder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem schönsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigtensich hier die Frauen und Mädchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schönen regelmäßigen Zügen konnte man gar leicht die Vermischung des südslavischen und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des weiblichen Geschlechtes waren für uns die der Hydriotinnen neu. Statt des rothen Feß tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten gazeartigen Schleier in zarten künstlichen Falten um Haupt, Nacken und Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus grellgefärbtem Seidenstoffe. – Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust, waren bemerkbar; es sah eher aus, als befänden sich die Leute aus bloßer Gewohnheit da.

Nachdem wir den bunten Schimmer der Häuser, welchen die glühende Sonne erhöhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den für eine Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing uns ein Qualm drückender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte der Archimandrit, eine würdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem schneeweißen Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel, stand gleich einem Marmorbilde, die Königin-Regentin in reichem, pelzverbrämten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses Kostüme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzügen den orientalischen Schnitt. Da wirgerade gegenüber, hinter den Säulenbogen einen etwas erhöhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene Frau mit Muße betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher Stickerei. Auf dem Haupte glänzten im braunen Haare funkelnde Diamanten; so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drückte sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zügen aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblühender Thron vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden ist. Gewiß schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie für die Erhaltung derjenigen Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben stürzen mußten! Auch preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt sich zum Gebete zu öffnen.

Wir verließen bald den dumpfen Raum, um die Königin nach Beendigung der Hymnen an uns vorüberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit, wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt dessen fuhren zwei vierspännige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in welchen die Königin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gänzlich den Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und plötzlich war der ganze Zugunseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Königin entledigte sich ihrer drückenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frühstück in einem Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit leichtem Dache, und ist über einem herrlichen Mosaïk erbaut, welches man auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rühmt, das größte der Bekannten zu sein; es ist außerordentlich gut erhalten und scheint nach den Arabesken und der Form zu schließen, sich in einem antiken Badezimmer befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrühstück setzten, bemerkte die Königin, daß unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mußte mit einer Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Gründe mögen dieses komische Verfahren bei der so geistreichen Königin entschuldigen: erstens ist das griechische Volk außerordentlich abergläubisch, und es scheint nicht gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu: man speiste zu dreizehn, in der kürzesten Zeit darauf starb einer der Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und abermals in der ominösen Zahl. Ein junger Engländer, der beide Male zugegen war, äußerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein würde; abermals verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.

Nach dem Frühstücke ließ die Königin eine kleine Pony-Equipagevorfahren, in der sie meinen Bruder und mich eigenhändig führte, und uns Gelegenheit gab, ihr Talent zum Kutschiren zu bewundern. Die übrige Gesellschaft folgte ihr zu Fuße. Eine kleine Menagerie, bestehend aus Dammhirschen und Gazellen, wurde uns gezeigt; hierauf geleitete uns die Königin durch ihren Garten, welcher ihr ganzes Vergnügen und ihren ganzen Stolz ausmacht; auch pflegte sie ihn scherzweise immer ihr kleines Reich zu nennen. Ehe sie die Regentschaft des größeren Reiches übernahm, bildete dieses selbstgeschaffene und gepflegte Athene-Eldorado ihr Hauptvergnügen; nun wird leider der Garten unter den wichtigeren Geschäften etwas leiden müssen. Die Anlagen desselben sind im englischen Geschmacke; zwischen Palmen und Orangen wird mit Mühe das deutsche Bäumchen gehegt und gepflegt. Die Blicke aus den einzelnen Partien auf die Ueberreste altgriechischer Kunst sind herrlich und könnten nicht malerischer gewählt sein. Es fehlt nur an schattigen Plätzen und an grünen Rasenflecken, um den Garten vollkommen zu nennen; der erste Fehler wird sich jedoch mit der Zeit geben, da die ganze Schöpfung erst das Werk einiger Jahre ist; im älteren Theile steht schon eine Baumgruppe, in deren kühlem Schatten das königliche Ehepaar zu frühstücken pflegt; für den zweiten ist weniger zu hoffen, da die Strahlen der Sonne zu glühend sind, um das üppige Wachsthum des Grases zu erlauben. Für Athen ist jedoch der Hofgarten ein Wunder; er ist so zu sagen der einzige Punkt, wo dasfrische Grün des Laubes, und der Wechsel der Blumenpracht zu sehen ist. Für uns, die wir aus kühleren Ländern stammen, waren die Gewächse des Südens von besonderer Merkwürdigkeit. Die keimenden Palmen und saftigen Aloën waren in solcher Menge unserem Auge neu. Die letztere Pflanze nimmt sich besonders vortheilhaft in den schneeweißen Marmorvasen aus, welche sich auf den breiten Stufen gleichen Gesteines befinden, die von der linken Palastseite, von Terrasse zu Terrasse in den Garten hinunterführen. Die erste Terrasse ist als breiter Raum zum Vorfahren vor den Kolonnaden-Gang bestimmt. Die zweite etwas tiefer liegende, ist mit sehr schönen Blumenanlagen zwischen Orangenbäumen besetzt, die aber im vorigen Winter von der strengen Kälte so sehr gelitten hatten, daß man sie bis zum Boden schneiden mußte; doch das Wachsthum unter südlicher Sonne ist so kräftig und rasch, daß sie nun schon die Höhe von 4 bis 5 Fuß erreicht haben. Die Erndte ist jedoch auf einige Jahre hinausgeschoben. In dem ziemlich bedeutenden Umfange des Gartens wurden einige sehr schöne Alterthümer ausgegraben, welche auf einem eigenen Platze desselben aufbewahrt sind. Vor wenigen Jahren stieß man auf eine reichhaltige antike Wasserleitung, die nun theilweise den Pflanzen das so nothwendige Labsal bringt; auch glaubt man den Platz gefunden zu haben, auf welchem Socrates gelehrt haben soll: die Kontraste der Jahrhunderte bringen den Schulplatz des größten Philosophen in eine englischeParkanlage! – Da uns die glühende Mittagshitze gar bald aus dem Garten trieb, ward es uns gegönnt, die Gemächer des Königs und der Königin genau zu betrachten. Dieselben vereinigten Pracht mit Wohnlichkeit und manch sinnige Idee und hübsche Fresko-Malerei fand ich zwischen den griechischen Zierrathen; doch überall leuchtete der Münchner Königsbau durch, und wirklich findet im hiesigen Klima diese Bauart ihre größere Berechtigung. In des Königs Arbeitszimmer sieht man unter dem Plafond die berühmten Männer des alten Griechenlands; in einer Ecke steht ein Gipsabguß des Apoll von Belvedere, als Repräsentanten der antiken Kunst; in einem andern Saale des Palastes sieht man dagegen die Brustbilder der Helden neugriechischer Geschichte. An den Wänden befinden sich zwei große Oelgemälde vom Münchner Maler Heß, den Einzug des Königs in Nauplia und Athen darstellend; die Bilder sind kräftig gemalt und enthalten viele für das Land interessante Porträts. Noch ist in diesem Raume, der den hervorragenden Werken der neueren Zeit gewidmet ist, kein Repräsentant der vaterländischen Kunst zu sehen; auch wäre es schwer in Neu-Griechenland einen solchen zu finden. – Die große Stiege, die an diesen Saal stößt, ist, wie schon erwähnt, von Bronce und weißem Marmor aus dem Pentelikon; ein herrliches Werk! Die Steinstufen sind so fest eingefügt, daß die Doppelstiege längs der Mauer frei und ohne stützende Säulen dahin läuft. Die Königin erzählte uns, daß es langer Zeit und großer Mühe bedurfte,bis man Marmorblöcke fand, welche so gänzlich ohne Sprünge waren, daß man dieses Meisterstück wagen konnte. Diese breiten, wahrhaft majestätischen Stufenreihen führen in eine Halle, die sich unmittelbar an der großen Einfahrt in der Mitte des Palastes befindet. Die schönsten Räume im Schlosse sind jedoch unstreitig die zwei großen Tanzsäle imentresol, die durch alle Stockwerke die Höhe des Schlosses erreichen. Die Hauptfarbe derselben ist roth, mit reichen goldenen Verzierungen bedeckt. Die Möbel sind mit den Wänden und Plafonds übereinstimmend und so aufgestellt, daß den Tanzenden genug Raum bleibt. Ein Maler war gerade beschäftigt, den oberen Theil des einen der beiden Säle mit mythischen Figuren zu füllen. Wenn die schweren Kronleuchter und reichen Wände in tausendfarbigem Lichte schimmern, und die bunten schöngestickten orientalischen Trachten sich bei der Tanzmelodie hin und her bewegen, so mag der Anblick wirklich etwas feenhaftes haben; auch werden diese Feste von allen Fremden als wahrhaft pracht- und geschmackvoll gerühmt. Ob diese Feierlichkeiten den Gewohnheiten und Geldmitteln des Landes entsprechen, getraue ich mich nicht zu beurtheilen. Von hoher Seite versicherte man mich übrigens, daß das griechische Volk die Pracht und den Glanz seines Thrones liebe.


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