IX.
Es war Freitag abends – noch vierundzwanzig Stunden, und die Frist war abgelaufen. Heute sah ich Ming Tse – den letzten Lichtpunkt in meiner traurigen Existenz – zum letztenmal. Noch einmal würde das fremdländische Parfüm des chinesischen Tees den kleinen Raum durchstreifen und mich schmeichelnd umkosen, noch einmal würde die komische, kleine Gestalt den Federstiel in den Mundwinkel versetzen und nachdenklich aufwärts blicken, noch einmal würde ich sein ansteckendes Lachen hören, noch einmal von ihm zur Elektrischen begleitet werden, und dann – dann war alles vorüber. Montag früh würde man hoffentlich in den Blättern lesen, daß – aber wozu daran denken? Nicht mehr sechzig trostlose Jahre vor mir, Friede, Ruhe! Wie schön mir die bestaubten Blüten am Wegrand schienen, wie weich ins Rosa der Farbenton der fernen Wolken ging! Wie die einfachen Sperlinge mir zart geformt vorkamen und die Klänge einer Mundharmonika Erinnerungen an längstvergangene Kindertage wachriefen. In diesem Augenblicke fühlte ich, daß ich die Welt liebte, nicht weil ich zu bleiben wünschte, sondern weil ich wußte, daßich von ihr schied, gerade deshalb liebkoste ich alles, was ich sah, in Gedanken und nahm Abschied von all dem Schönen, das sich mir zeigte.
Ming Tse kam mir wie immer freundlich entgegen und gab mir eine rote Rose, indem er sagte, daß diese auf der weißen Bluse sich gut ausnehmen würde, hierauf schritten wir an die Arbeit. Ich machte nur wenige Ausstellungen, und nur, als das Ende der Stunde nahte und er den Tee in der kleinen rosa Tasse vor mich hinstellte, fragte ich ihn, ob er nicht einige deutsche Gedichte lesen wollte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen ein Buch deutscher Gedichte der hervorragendsten Dichter gegeben – es sollte ihm eine Art Erinnerung sein, wenn – Er erklärte sich zu meiner inneren Verwunderung gleich bereit, meinen Wunsch zu erfüllen. Was sollte dieser mir so unbekannte Eifer bedeuten? Wollte er mir in das Grab die Ueberzeugung mitgeben, die ich bisher nicht von ihm gehabt, daß er sich für etwas nicht rein Materielles interessieren könne?
»Was soll ich lesen?« erkundigte er sich, indem er das Buch vom Regal nahm und es aufschlug.
Ich weiß nicht mehr, was wir zuerst gelesen, das zweite Gedicht aber, das ich wählte, war der »Erlkönig«, weil es mir leicht verständlich erschien.
Ming Tse las und übersetzte weit besser als gewöhnlich, doch als wir zur vorletzten Strophe kamen, ging mein Erstaunen geradezu in Bewunderung über,denn er las diesen Vers zweimal, und zum erstenmal, seit ich ihn lesen hörte (und das geschah nun fünfmal wöchentlich seit nahezu acht Monaten), lag ein gewisses Gefühl, etwas wie Pathos in Stimme und Ausdruck.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,« sagte er und sah absolut überzeugt aus von dem, was er las. »Was war nur in ihn gefahren?« überlegte ich.
»– und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« Eigentlich schien mir dieser Teil noch besser zu gefallen, wenigstens legte er den größten Nachdruck auf »so brauch ich Gewalt«. Ich muß ihm unrecht getan haben, sagte ich mir. Er hat Gefühl und Verständnis für Kunstgenüsse, er hat möglicherweise sogar eine Seele (was ich bis dahin sehr angezweifelt hatte) und ist besseren, erhabeneren Regungen zugänglich, nur hat niemand es verstanden, sie in ihm zu entwickeln.
Während ich mich diesen Betrachtungen hingab, hatte Ming Tse das Gedicht fertig gelesen und niedergelegt. Der eine Arm lag auf der grünen Tischdecke, der andere lag regungslos auf seinen zaundürren Beinchen. Die Sonne war im Sinken begriffen, und die ersten Schatten der Dämmerung erfüllten den Raum, ohne jedoch das Anzünden der Lampe nötig zu machen. Seine ruhigen, immer gleichen Gesichtszüge verrieten nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte, nur die wimperlosen Lider waren tief gesenkt – die Augen schienen geschlossen. Durch das offene Fenster drang fernes Klavierspiel undeutlichherein, und in der kurzen Pause konnte man das Summen einer ins Zimmer verirrten Biene hören.
Die Augen öffneten sich nicht, aber das Gesicht wurde mir zugewendet, als er die Frage an mich richtete:
»Wollen Sie meine Frau werden?«
Wenn der Mond vom Himmel herab und zum offenen Fenster hereingestiegen wäre, hätte ich nicht erstaunter sein können. Ich habe doch schon öfter selbst Heiratsanträge gehabt, habe den Verlobungen anderer beigewohnt (gewiß ein seltener Fall), hatte manch ein Paar Liebende zusammengebracht, aber so etwas wie diese unvermittelte Frage über den Tisch herüber von dem kleinen Chinesen – das überstieg selbst meinen doch gewiß ungewöhnlich ausgedehnten Horizont.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,« sagte Ming Tse mit jener unerschütterlichen Ruhe, die nur ein Asiate haben kann. Die Worte an und für sich waren freundlich gemeint, der Ton hätte in seiner Leidenschaftslosigkeit ebensogut »ich hasse dich« ausdrücken können.
»Würden Sie mit einer Europäerin glücklich werden können, und würde Ihr Vater einen solchen Schritt Ihrerseits je billigen?« fragte ich, als ich den Gebrauch meiner Sprachwerkzeuge zurückerlangt hatte.
»Mein Vater hat Europäer gern, und er weiß, daß ich mit Ihnen stets weiterstudieren könnte. Was michanbetrifft, so sind Sie die einzige Person, die ich in Europa gern habe, und in China habe ich nur noch eine Person lieb – meine Mutter!« sagte er ruhig.
Ich hätte um alles in der Welt gern seine Augen gesehen. Wenn man über seine ganze Zukunft entscheidet, wenn man sein Leben, sein Glück, seine Freiheit in die Hand eines Mannes legt, so möchte man gern irgendwelche moralische Ueberzeugung haben, daß er diese Schätze, unser Um und Auf, zu hüten wissen wird; aber die schwarzen Augen des Chinesen waren verdeckt von den Lidern, die wie aus Elfenbein geschnittenen Züge verrieten nichts von seinen Gefühlen oder Absichten, und er kam mir nicht näher. Er saß mir gegenüber und – wartete.
Sollte ich »nein« sagen? Allerdings entging ich damit neuen moralischen Konflikten, möglicherweise wies ich damit kommendes Unheil ab, aber andrerseits, warum sollte ich nicht »ja« sagen? Meine Lage war nicht wie die anderer Mädchen. Einen Europäer hätte ich nicht heiraten mögen, weil er mich zu sehr an – an ihn, den Verlorenen, erinnert hätte, aber warum nicht einen Orientalen? Verschieden genug waren sie, um ein Erinnern auszuschließen.
Und was begann ich, wenn ich »nein« sagte? Ich wollte ja morgen sterben. War es nicht wie eine Fügung des Himmels, daß mich der kleine Chinese gerade heute fragte, ob ich seine Frau werden wollte? Der Tod liefmir nicht davon. Entweder war meine Zukunft heller, und da konnte ich weiterleben, oder sie war ebenso dunkel oder noch dunkler (ich schauerte unwillkürlich zusammen), und da konnte ich sterben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und unterdessen konnte ich versuchen, die schlummernde Seele in diesem kleinen Chinesen zu wecken. Er war ein Jahr jünger, wir waren gleich groß und im Wissen war er mir weit unterlegen. Ich würde ein gewisses Uebergewicht haben. Da ich nichts zu verlieren hatte, konnte ich nur gewinnen.
Ming Tses Augen oder die Ecken seiner Augen blieben die ganze Zeit auf mich geheftet. »Ja oder nein?« fragte er endlich.
»Ja!«
»Ich bin sehr froh,« sagte er einfach. »Ich freue mich auf die Zeit, wo wir immer beisammen sein werden.«
Er hatte gleich mir oft und bitter unter der Einsamkeit gelitten, es würde dies ein Band mehr zwischen uns sein.
Wir lächelten uns zu – das war alles. Zum erstenmal schien es mir, als ob die europäische Sitte sich bei einer Verlobung zu küssen, unleugbar seine Vorteile habe. Gerade in jenen Augenblicken fühlte ich, daß es angenehm sein müßte, sich, und wäre es auch nur einige Sekunden lang, an eine anteilnehmende Brust zu lehnen, war ich doch wie ein vom Sturm mitgenommenes und beinahe gestrandetes Schiff eben in einen Hafeneingelaufen – aber der Hafen, das fühlte ich leider gleichzeitig, war eben ein chinesischer.
Wir sprachen nur über alltägliche Dinge, nur als ich mich erhob, um wegzugehen, sagte er:
»Jetzt mußt du mich »Du« und »Li Bai« nennen, Käthe!«
»Sehr gerne!« erwiderte ich. Er begleitete mich zur Elektrischen, reichte mir gerade so einfach die Hand zum Abschied wie immer und fügte nur hinzu:
»Jetzt sind wir Freunde, nicht wahr?«, was ich bejahte. Ein letzter Gruß von der kleinen braunen Hand, in die ich alles gelegt hatte, was einem Mädchen teuer sein kann, und die Elektrische trug mich um die Ecke, während ich das Gefühl hatte, als halte mich irgendein böser Geist bei den Füßen und ließe mich gewaltsam kopfstehen, wodurch ich alles, was früher gerade war, verkehrt sehen mußte. Mich deuchte, als hätte sich mein Gesichtspunkt vollständig verändert, als hätte ich den Splitter eines Zauberspiegels ins Auge bekommen, der mich alles verzerrt und ganz anders als vorher erblicken ließ. Er hatte nicht einmal die Hand auf meinen Arm gelegt – er war in der Entfernung von einem Meter den ganzen Abend, auch auf dem Heimwege, geblieben. Wenn ich Verschiedenheit von Europäern wünschte, hier hatte ich eine genügende Menge davon.
Und auf diese Weise war ich die Braut von Li Bai Ming Tse geworden.
X.
Sechs Wochen waren seit jenem ereignisvollen Abende ins Land gegangen, und dennoch glaube ich nicht, daß Li Bai und ich uns geistig genähert hatten in dieser Zeit. Er hörte aufmerksam zu, wenn ich ihm von allerlei Kunstwerken erzählte, er sammelte mit sichtlichem Vergnügen die Karten, Bilder aus der Mythologie vorstellend, und war nicht abgeneigt, die Sagen zu erfahren, aber weiteres Interesse erweckten sie nicht bei ihm. Wir lasen Werke zusammen, – er ohne Anteilnahme. Wir nahmen die englische Literaturgeschichte durch, und manche Perlen wurden ausgegraben, aber an ihn waren sie verschwendet. Er liebte nur ganz einfache Sachen der Wirklichkeit, am allermeisten als Hausfrau herumzuschalten, alles aufzustellen, zu putzen, zu schmücken. Er konnte stundenlang bei dem einen Indier sitzen und ihm zusehen, wie er ein Skelett zusammensetzte, räumte für ihn die Bücher auf und flickte jeden Sonntag nachmittag seine Sachen, bevor er zur Gesandtschaft ging, wo er den Abend verbrachte. Hatte ich gehofft, weniger einsam zu sein, wenn ich mit ihm verlobt war,so mußte ich mir eher das Gegenteil eingestehen. Ich kam mir eben durch den Kontrast noch verlassener, noch einsamer vor, tröstete mich indessen mit dem Gedanken, daß ich noch genug von seiner Gesellschaft haben würde, sobald wir verheiratet waren.
An Ueberraschungen fehlte es nie, denn wenn ich schon nicht über meine Verwunderung, daß irgendein Mann ein Recht haben sollte, ein Mädel zu küssen und es nicht tun würde, hinwegkam, so hatte ich Grund, mich über andere Sachen noch mehr zu wundern.
Es war etwa eine Woche nach unserer Verlobung, als er mich bat, meine Hand flach auf den Tisch zu legen, da er Messungen vornehmen wollte. Ich tat wie er mir geheißen, und er maß und maß eine halbe Ewigkeit an meinem Daumen herum, machte dann Zeichnungen auf ein Papier und schnitt endlich einen Kreis aus, über dessen Anblick er sehr vergnügt schien.
»Himmel, Li Bai,« rief ich lachend, »wollen Sie mir Daumenschrauben machen lassen?«
»Willstdu,« korrigierte er.
»Verzeih' mir! Also sollen es Daumenschrauben werden?«
»Herr Hoang-Zo hat mir ein Pfund für dieses mein Wissen bezahlt,« versicherte mir mein kleiner Chinese.
Aufrichtig gesagt, hätte ich für sein Gesamtwissen nicht den übertriebenen Preis von 20 Mark bezahlt – das erschien mir für den Vorrat der reinste Wucherpreis –,aber vielleicht kannte ich wirklich nicht das mager assortierte Warenlager seines Wissens in seinem ganzen Umfang.
»Willst du mir nicht sagen, warum du herumgemessen hast?« fragte ich, mehr aus Wissensdurst als aus profaner Neugierde.
Er lachte, daß er sich schüttelte, und schien mit sich über alle Maßen zufrieden.
»Ich werde es dir sagen, wenn wir verheiratet sind,« tröstete er mich und begann an meiner Nase herumzumessen. Mein Gesichtsvorsprung war immer mein wunder Punkt, da feindliche Zungen ihn mit einer Kartoffel in einem Mißjahr verglichen hatten und ich mit bestem Willen von meiner Nase nicht behaupten konnte – ohne mich der haarsträubendsten Lüge schuldig zu machen –, daß sie hübsch sei. Ich wehrte mich daher sehr energisch, an ihr geometrische Studien anstellen zu lassen, was Li Bai aber keineswegs abhielt, in seinen Messungen fortzufahren. Nachdem sie scheinbar beendet waren, durfte ich den vorgesetzten Tee in Ruhe trinken.
Nicht vierzehn Tage nachher verreiste er auf zwei Wochen in ein Bad in Wales, wohin entfernte Bekannte ihn geladen hatten. Die Trennung schien ihm nicht nahezugehen und der Gedanke ihm nie zu kommen, daß ich mich einsam fühlen könnte.
Er hatte oft zu schreiben versprochen und hatte – zwei Karten geschickt. Ich war grenzenlos entmutigt, dochnoch so schwach von den vorhergegangenen seelischen und körperlichen Leiden, daß mir die Kraft und der Mut fehlte, energisch vorzugehen, ihm den Laufpaß zu geben und auf eigenen Füßen zu stehen. Ich wußte, daß ich nicht fähig war, jetzt eine Veränderung zu ertragen. Ich tat daher das einzige, was ich unter diesen Umständen tun konnte: ich litt schweigend.
Ganz an komischen Episoden fehlte es indessen nicht. Kurz nach seiner Rückkehr von Wales flog er eines Abends auf mich zu (dieses geradezu kindliche Entgegenfliegen ließ mich manches übersehen und vergessen) und rief:
»Denke dir! Man schneidet Hian-Sho-Dschin den Kopf ab!« Seine Stimme klang entschieden triumphierend, denn da Hian-Sho-Dschin aus dem Süden, Ming Tse aus dem Norden Chinas kam, war sowohl ihre Sprache (oder doch der Dialekt) als auch ihre Anschauungen und Charaktere sehr verschieden, und Ming Tse sah immer mit Verachtung auf seinen mondscheibenbesichteten Landsmann, obschon letzterer ihn um Kopfeslänge überragte.
Mir fehlten die Worte. »Den Kopf abschneiden?« Es tat mir plötzlich ungeheuer leid um das Mondscheibengesicht und den stotternden jungen Seekadetten.
»Doch nicht hier, du lieber Himmel?« rief ich entsetzt.
»Ja, – nein,« erwiderte Li Bai. »Der Vater war Revolutionär, und ihm schneidet man dieser Tage inChina den Kopf ab, und sobald Hian-Sho-Dschin nach China kommt, schneidet man ihm auch den Kopf ab,« erzählte mir Li Bai mit Frohlocken.
»Der arme junge Mensch!« sagte ich mitleidig. Er war mir allerdings alle Stunden, die ich ihm gegeben hatte, schuldig geblieben, aber deshalb wollte ich doch um keinen Preis daran denken, daß es angenehm sei, ihm den Kopf abzuschneiden.
»Er darf nie in sein Land zurückkehren,« meinte ich.
»Macht nichts, wir haben genug Schafe dort,« entgegnete Ming Tse. Nicht ein Funken Mitgefühl zeigte sich für den unglücklichen Landsmann.
»Wie hartherzig du bist, Li Bai!« sagte ich vorwurfsvoll.
»Warum sollte ich heucheln?« fragte er ganz verwundert. »Es tut mir nicht leid um ihn, warum soll ich es daher sagen? Hier in Europa tritt man jemand auf den Fuß, sagt ›es tut mir so leid‹ und lacht dabei trotzdem ganz vergnügt. Wir sagen nicht ›so leid‹, wenn wir nichts fühlen.«
Das war gewiß sehr wahr, ich war schon oft jemand auf die Zehen getreten, ganz besonders im Omnibus, und hatte vielleicht sogar manch ein Hühnerauge fest gequetscht, ohne daß mein Herz besonders »sorry« gewesen war, obschon meine Lippen mechanisch sofort »sorry« geflüstert hatten, aber dennoch – trotz alledem –? Chinesen sind Chinesen, dachte ich mir, und damit war alles gesagt.
Als Traum eines jungen Mädchens hätte ein solches Verhältnis nur Enttäuschungen mit sich geführt, denn obschon er mir oft Blumen, Obst und selbst Schmuckstücke gab, so zeigte er doch nie Zärtlichkeit. Auch auf die Liebe kam er nicht mehr zurück. Wozu denn? Er hatte es mir ja einmal gesagt und es war zu hoffen, daß ich nicht an Gedächtnisschwund litt, warum daher zweimal ein und dieselbe Sache erwähnen?
Andrerseits hatte es den Vorteil, daß mir alle unangenehmen und oft lächerlichen Fragen, die ein Europäer an mich gestellt hätte, erspart blieben, wie z. B. ob ich schon früher geliebt habe. Es gehört wirklich der grenzenlose Dünkel und die Verblendung eines eitlen Mannes dazu, sich vorzustellen, daß man dreiundzwanzig Jahre gerade auf ihn gewartet habe, um mit dem Verlieben anzufangen. Selbst wenn man bis zu diesem Alter »den einzigen und richtigen Mann« nicht gefunden hätte, würde man ihm doch nicht jene vertrauensselige Zuneigung entgegenbringen können, wie fünf Jahre vorher. Man kennt da schon das Leben, hat Männer in ihrem Umgange mit anderen Frauen beobachtet und hat bemerkt, daß die Götter, zu denen man einst mit so viel Bewunderung und mit vollster Ueberzeugung ihrer Unfehlbarkeit aufgesehen hat, nur Gipsfüße, wenn nicht gar – Hufe haben! Man liebt noch, aber eher vergebend, als bewundernd, blind vertrauend jedenfalls nicht mehr.
Ein Europäer versucht bei seiner künftigen Fraunicht nur das Herz mikroskopisch zu untersuchen – er trachtet auch so viel als möglich von dem Seelenleben seiner kommenden Lebensgefährtin kennenzulernen. Ming Tse war sich, das glaube ich heute noch, nicht bewußt, daß ich so ein Ding wie ein tieferes Seelenleben hatte. Er wußte, daß ich viel gelernt hatte, was gewiß irgendwo im Kopfe herumschwamm, – das war alles. Die Schönheit der Natur machte keinen Eindruck auf ihn, ebensowenig Musik oder Poesie, daher verstand er nicht, daß sie andere Leute entzücken konnten. Alles Abstrakte war in seinen Augen »Unsinn«, deshalb konnte ich in die Welt meiner Träume flüchten, ohne je zu fürchten, daß er mir dorthin folgen würde, um neugierig zu forschen. Ich ließ über mein Inneres, mein tiefstes ›Ich‹, einfach einen Vorhang niederrauschen und was vor dem lag, das gehörte dem Chinesen. Die nie geahnten Schätze würde er nicht entbehren.
Auch die dritte Untugend der Europäer – die ärgste meiner Ansicht nach – hatte er nicht. Er versuchte nie an mir herumzumodeln. Während ich seine Lehrerin war, hatte er nach jeder Stunde seine Beobachtungen über meine Persönlichkeit eingetragen, und das endlich sich ergebende Resultat war entschieden zufriedenstellend, nachdem er mich heiraten wollte. Jetzt kannte er mich – wenigstens seiner Meinung nach – und ein weiteres Forschen wäre Kraft- und Zeitvergeudung gewesen. Wozu verändern, was jedenfalls nur schwer zu ändern wäre?Er ließ mich so verbleiben, nahm mich so, wie ich war, und versuchte nie mich umzugestalten. Meinem europäischen Temperament getreu, hätte ich zwar gern auf ihn verändernd eingewirkt, sah indessen einerseits die Hoffnungslosigkeit eines solchen Unternehmens, andrerseits die Ungerechtigkeit einer solchen Handlung angesichts seiner Nachsicht gegen meine Schwächen ein und ließ es bleiben. Ich wollte lieber alles aufbieten, mich ihm anzupassen, als zu verlangen, daß er sich so vollständig europäisieren sollte.
Endlich kam die Antwort seines Vaters. Er hatte eingesehen, daß sein Sohn zu keiner Prüfung kam und war nicht abgeneigt, ihn heimkommen zu lassen. Er widersetzte sich auch nicht einer Heirat mit einer Europäerin, die ihn früher unterrichtet hatte und die imstande sein würde, diesen Unterricht auch in China fortzusetzen. Ferner würde es ihm auf diese Weise leichter sein, den Sohn später noch einmal nach Europa zu schicken, da er gewiß die europäische Gattin auf seiner Seite haben würde, – kurz, der Mandarin gab seine Zustimmung mit der einzigen Bitte, daß die Heirat, die ohnehin nach den Gesetzen in China stattfinden mußte, nicht nur auf europäische, sondern auch auf chinesische Art und Weise gefeiert werden solle. Mama sollte mich begleiten und die Trauung ehemöglichst geschlossen werden.
Seine Mutter schien dagegen sehr gegen eine solche Heirat zu sein, da jedoch der Wunsch des Mandarinsauch sie zwang, leistete sie keinen offenen Widerstand. Ich hatte dies allerdings genau so erwartet, fürchtete nun aber nichtsdestoweniger die kommenden Feindseligkeiten zwischen mir und der künftigen gelben Schwiegermutter.
Ming Tse war selig, nach China zurückkehren zu dürfen. Er ging den ganzen Tag umher, um die nötigen Einkäufe zu machen, packte seine Riesenschachteln, Kisten und Koffer mit unheimlicher Genauigkeit und so schön, daß nicht ein Kleidungsstück gedrückt, nicht eine unnötige Falte gemacht wurde. Die Bücher, deren Bekanntschaft er nur äußerlich gemacht hatte, wurden gleichfalls wie die Soldaten eingepackt und standen in den Kisten ebenso schön »Habt Acht!« wie sie es früher am Kaminsims und auf dem Tische getan hatten.
Oft besuchten ihn seine Landsleute, und da entstand ein so heilloser Lärm (sie sprachen alle in ihrer Muttersprache und gestikulierten mit Händen und Füßen), daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte, dazu verdrehten sie die Augen, als ob sie vom Veitstanz besessen wären. Neben mir saß oft ein junger Seekadett – ein Freund Hian-Sho-Dschins – und ihn fragte ich eines Tages, warum sich die Chinesen eigentlich immer zankten, wenn sie zusammenkamen.
»Sie zanken nicht, Fräulein,« antwortete er mir mit seiner weichen, wohltuenden Stimme, »sie tauschen nur in ganz freundlicher Weise ihre Meinungen aus.«
»Ich küß' die Hand,« konnte ich mich nicht enthalten innerlich zu bemerken, »wie gebärden sie sich wohl dann, wenn sie sich tatsächlich in den Haaren liegen!«
Die meisten dieser jungen Leute, die alle zwischen zwanzig und achtundzwanzig Jahre alt waren, hatten Frauen daheim, die sie fünf Jahre und länger nicht gesehen hatten und die ihr freudenloses Dasein unter der Herrschaft einer Schwiegermutter fristen mußten.
Inzwischen veränderten die Männer ihre Ideen vollständig, und die Frau, die ihnen früher genügt hatte, schien ihnen jetzt ungebildet, möglicherweise sogar unschön. Hatten sie die Gattin vorher schon nicht gut behandelt, so würde sie jetzt eine noch schwerere Stellung haben. Wie schrecklich sind doch die Einrichtungen in einem Lande, wo man zwei sich unbekannte Wesen aneinanderknüpft, bevor sie ein Alter erreicht haben, wo sie sich dagegen wehren könnten. Allerdings ist die Macht der Eltern so groß, daß auch ein Wehren von seiten der Kinder ganz nutzlos wäre; der Sohn hat in Japan zum mindesten das Recht, seine Meinung über die Zukünftige auszusprechen, die er einmal von Ferne zu sehen bekommt, in China nicht einmal dies, und dem Mädchen hilft nichts, nichts als sich zu fügen. Trotzdem kommt es heutzutage vor, daß Mädchen freiwillig auf die Ehe verzichten. Die Schwester Hoang-Zos, dessen Vater tot war, wollte nicht heiraten, und der Bruder, der selbst sehr viele europäische Ansichten teilte, zwang sie nicht dazu.Er selber soll seine erste Frau – so sagte Ming Tse – an gebrochenem Herzen haben sterben lassen. Zwei Jahre lang war er fern von der Heimat in Japan und kehrte auch trotz der Bitten seiner Gattin nicht an ihr Sterbebett zurück. Im großen und ganzen fühlte ich mich durch diese Betrachtungen keineswegs zu einer Ehe mit einem Chinesen ermutigt, doch war mir Ming Tses heiteres Gemüt – er war wie ausgetauscht, seit er heimkehren durfte – ein Hoffnungsstrahl. Gewiß würden wir als zwei gute Kameraden miteinander leben können.
Endlich hatte ich auch heimgeschrieben, Mama von meiner Verlobung erzählt, Li Bais finanzielle Stellung erklärt und sie gebeten, sich so schnell als möglich auf die Reise nach China vorzubereiten, da sie nach dem Gesetz die Dokumente – Ehevertrag usw. – mit dem Vater Ming Tses austauschen müsse. Ferner bat ich sie, Jenny mitzunehmen. Li Bai drang darauf, die Fahrten für uns alle drei zu bezahlen, und um alle Streitigkeiten darüber abzuschneiden, hatte er schon jetzt die Sitze bestellt und die Karten zugesichert erhalten, so daß ich Mama erklärte, daß jede Weigerung ihrerseits unmöglich gemacht wäre. Ich wußte, daß sie überall hin gern reiste, wo man nicht über das Wasser zu fahren brauchte, und daher zweifelte ich nicht, daß sie nach einigen »Ach« und »Oh!« sich auf die Socken machen würde.
Nach fünf Tagen kam die Antwort. Mama protestierte zwar vier Seiten lang, sagte aber auf der fünften,daß sie selig war, mich so gut versorgt zu wissen und auf der sechsten, daß sie schon alle Vorbereitungen getroffen, um mich nach China zu begleiten. Das Hochzeitskleid für sie selbst und die Toilette für Jenny würde in zwei Tagen fertig sein, und in etwa vierzehn Tagen würden beide Damen in London eintreffen, von wo aus wir am 29. September nach Berlin, Moskau und weiter mit der sibirischen Eisenbahn nach Tientsin, Ming Tses Vaterstadt, fahren würden.
Meine Schwester schrieb:
»Liebster, dummer Kather! Ich weiß in der Tat nicht, ob ich Dir gratulieren oder kondolieren soll, doch tröste ich mich mit dem Gedanken, daß Du, die Du so ein vernünftiges Mädel bist, gewiß nicht »ja« gesagt hättest, wenn Du nicht überzeugt wärest, glücklich zu werden. Mir standen vor Entsetzen die Haare zu Berg, als ich Deinen Brief gelesen habe. Einen Chinesen!? Einen echten, gelben Chinesen!! Hat er einen langen Zopf? Oh, Käthe, nimm ihn nicht, wenn er einen Zopf hat!! Ich habe einst in einem Roman gelesen, daß die Chinesen ihre Zöpfe dazu verwenden, ihre Feinde zu erdrosseln. Und ist er gelb, so gelb wie eine Zitrone? Wie ich mich freue, ihn kennenzulernen, – aber heiraten würde ich keinen Chinesen, o nein, Käthe, o nein. Ich habe gleich nach Erhalt Deines Briefes alle alten Geographiebücher, deren Inhalt ich längst vergessen, hervorgesucht und auch im großen Konversationslexikonalles über Chinesen durchgelesen und finde, daß sie gute Handelsleute, genügsam und fleißig, aber sehr grausam sind. Wirst Du Dir müssen die Füße verkrüppeln lassen, bevor Du seine Frau wirst? Es soll furchtbar wehtun, Käthe, laß' es lieber bleiben, du hast ja ohnehin kleine Füße, wenn sie auch nicht wie die »goldenen Lilien« der Chinesinnen sind, die kaum hin und her wackeln können und immer in einer Sänfte getragen werden müssen.
Jetzt will ich Dir berichten, welche Wirkung Deine Verlobung auf die »Familie« gemacht hat – und dann – – noch etwas. O Käthe, ich sehne mich nach Dir! Ich habe so viel erlebt.
Wir saßen am Frühstückstisch – Mama und ich –, als wir unsere Briefe erhielten. Mama las den ihrigen zum zweitenmal, als ich den meinigen erbrach, da ich um eine Pröbstlinge in den Garten gesprungen war. Bevor ich über die ersten Worte gekommen, sprang Mama auf, umarmte mich, weinte und schluchzte, daß ich mich ganz kalt werden fühlte und sagte dann: »Jenny, Deine Schwester hat sich verlobt.« Sie ging sofort in die Küche und schickte die alte Resi zu den Tanten, um sie zu bitten, in wichtiger, freudiger Angelegenheit sogleich zu uns zu kommen. Ich hatte unterdessen Deinen Brief gelesen.
»Mama!« rief ich entsetzt, als sie zurückkehrte, denn mir war vor lauter Schrecken der Appetit vergangen, »es ist ein gelber Mann, ein Chinese mit Zopf und Fächer, mit dem sie sich verlobt hat!«
»Sei keine Gans,« fiel mir Mama in die Rede, »Zöpfe haben sie heutzutage nicht mehr und wenn auch, um so besser, da kann ihn Käthe daran ziehen, sooft er ihr etwas nicht richtig macht.« Nach einer Pause fuhr sie fort: »Und die Farbe hat nichts zu bedeuten, Jenny, du dummes Ding, weiße Männer haben auch ihre Faxen.«
Daraufhin zog Mama ihr allerbestes Seidenkleid an, legte Deinen Brief auf das kleine Nähtischchen am Fenster, setzte sich in den großen Lehnstuhl und führte von Zeit zu Zeit das Taschentuch an die Augen, aber trotzdem schien es mir, als ob sie sehr glücklich wäre.
Ich selbst lief in den Garten und warf mich auf den Rasen, wo ich bitterlich weinte, denn immer sah ich einen gelben Mann vor mir, der seinen dünnen schwarzen Zopf um Deinen zarten Hals wickelte und würgte und würgte; und je mehr er Dich würgte, um so gelber wurde er im Gesicht. Da siehst Du, wie kindisch ich bin, Schwesterchen!
Eine schwache Stunde später war unsere Türglocke in unausgesetzter Bewegung. Tante Hermine mit ihren Töchtern, Onkel Sebastian mit seiner langen Pfeife, Tante Elly mit Lotta und ihrem Mann, der selbst an einen Chinesen erinnert, da er so gelb im Gesicht ist – nur zum Zopf wäre nicht Vorrat genug da –, Onkel Paul, der zum Trost für sein auferlegtes Schweigen eine echte Havanna zwischen den Lippen drehen durfte, Onkel Mossi, lieb und lustig wie immer, mit seinen beiden Dackeln, Tante Emma mit einem Strumpf und Tante Paula mitdem anderen, beide frisch vom Morgengottesdienst, kamen angelaufen. Als alle feierlich Platz genommen hatten, wischte Mama erst sorgfältig ein paar Tränen ab und teilte ihnen hierauf mit, daß Du Dich mit dem Sohne eines Mandarins, Herrn Li Bai Ming Tse, verlobt hast und daß – weiter kam die arme Mama nicht, denn alle hatten die Hände in die Luft gestreckt und stießen unartikulierte Laute aus. Die Onkel klammerten sich an die Sessellehnen fest und die Tanten und Kusinen fielen alle in Ohnmacht. Ich hatte dies vorausgesehen, und daher standen schon mehrere Riechfläschchen bereit, die ich nun den Tanten als gehorsame Nichte unter die Nasen hielt, aber Onkel Mossi, der bemerkte, daß Lotta die Augen geschlossen hatte, um besser über eine kommende Bissigkeit nachdenken zu können, stellte sich, als ob er auch sie bewußtlos glaubte, und hielt ihr eine Flasche Salmiak unter die Nase. Du hättest die Wirkung sehen sollen! Onkel Mossi stand vorsichtig seitlich von ihrem Stuhle, und als sie die Flasche entrüstet von sich stieß, flog ein Teil des Inhalts nicht auf den Lieblingsonkel, sondern geradeswegs in den offenen Mund Tante Emmas, die vor Erstaunen über Deine Verlobung denselben weit aufgerissen hatte. Du hättest sie alle schreien hören sollen! Die arme Tante schrie wie am Spieß und führte einen wahren Indianerkriegstanz aus, weil die Zunge so sehr brannte. Wie ich wünschte, daß Lotta den Inhalt geschickt auf die Zunge verteilt erhalten hätte! OnkelMossi sah so unschuldig aus, wie irgendein angemalter Heiliger an der Wand in der Domkirche.
Als sich die Gemüter so weit beruhigt hatten, daß die Zungen sich wieder im alten Geleise bewegten, ertönte es von allen Seiten:
»Ein Chinese!!!«
Und da die Onkel wußten, daß ein Refrain immer willkommen war, wiederholten sie in ihrer Baßstimme:
»Ein Chinese!«
»Ein Heide!« rief Tante Emma und schüttelte mißbilligend ihr jungfräuliches Haupt.
»Sie verdirbt uns die Rasse!« erklärte Tante Hermine erbittert.
»Mit ihrer Unkenntnis der Hauswirtschaft hätte sie für einen Deutschen nicht gepaßt,« versicherte Base Rita.
»Sie hat wohl keinen Europäer finden können, nachdem sie mit einem Chinesen vorlieb genommen hat,« warf Base Gusti bitter ein.
»Ein armes, irregeleitetes Menschenkind! Was für andere Folgen konnten Natalies mißglückte Erziehungsversuche erzielen,« kam es von Tante Ellys Lippen.
»Ein Trotzkopf und ein Unverstand war die Käthe immer, und ich habe immer gesagt, daß sie ihrem Verderben entgegengeht. Wer die Ratschläge seiner Angehörigen verwirft, dem ist der Untergang sicher,« zischte Lotta.
Ich schlängelte mich an Onkel Mossi heran.
»Onkelchen, warum sind sie alle so bösartig?«
»Weil sie neidisch sind, Jenny, weil sie selber noch ungekaufte Ware auf dem Lager haben. Mach dir nichts daraus, mein Kind!« tröstete er mich und strich mir mit seiner kühlen Hand über das Haar.
»Und du, Natalie,« fragten jetzt die Tanten im Chor, »du wirst einen so wahnsinnigen, einen so haarsträubenden Schritt billigen?«
»Was kann ich tun?« fragte Mama, die sich so leicht beeinflussen läßt. »Käthe ist großjährig.«
»Ueberlasse sie ihrem Schicksal,« rief Lotta mit Grabesstimme.
»Laß sie durch die Polizei gewaltsam nach der Heimat zurückbringen,« schlug eine der Tanten vor.
»Drohe ihr mit Enterbung!« bat Tante Elly und ihre Augen sprühten vor Vergnügen.
»Zum Kuckuck auch,« donnerte Onkel Mossi, »die Käthe entscheidet und nicht Ihr.«
Die anderen Onkel dienten als Wandschmuck, wie immer im Familienrat.
Ich glaube, daß nur die Angst vor der Salmiakflasche, die Onkel Mossi so unternehmungslustig schwang, die Tanten abhielt, noch einmal in Ohnmacht zu fallen, als Mama ihnen erklärte, daß wir schon morgen nach D. abreisen würden, um alle nötigen Einkäufe für die Reise nach China zu machen, und daß wir in einem Monat schon durch Sibirien sausen würden. Ich merkte, wiesich alle an den Hals griffen, als ob der Kragen nicht weit genug gewesen wäre.
»Natalie,« kreischte Tante Paula auf, »man wird dir dort den Kopf abschneiden. Man haßt Europäer, und dein Kopf ist in Gefahr.«
»Kusine,« flüsterte Tante Emma, »du erreichst China gar nicht. Man wird dich auf der Bahn ausrauben und deinen nackten Leib aus dem Waggonfenster werfen.«
»Du wirst doch nicht auch noch deinezweiteTochter dem Untergange weihen?« erkundigte sich Tante Hermine mit scheinbarer Besorgnis um mich.
»Bist du in der Tat imstande, so gewissenlos zu sein, Natalie,« predigte Tante Hermine, »dieses unschuldige Wesen (ich wußte nicht, daß ich ein so unschuldiges Wesen war) in diesen orientalischen Sündenpfuhl mitzuschleppen?«
»Willst du Jenny wirklich in diese Pestatmosphäre geleiten, wo die Blattern sie lebenslänglich entstellen können?« fragte Lotta spitz. Ich bin überzeugt, daß es ihr gleichgültig war, wie ich aussah.
»Natalie,« erklärte Tante Elly feierlich, »ich kann dich von dieser verrückten Idee nicht abhalten. Ich habe für Käthe mit ihrer entschiedenen Natur und ihrem eigentümlichen Wesen nie Sympathie gehabt und wünsche ihrem vermeintlichen Glücke kein Hindernis in den Weg zu legen, aber Jenny soll daheim bleiben. Ich selbst werde dein Kind zu mir nehmen.«
»Lieber die Pest und die Blattern,« flüsterte ich Onkel Mossi zu, indem ich mich an ihn klammerte.
»Kann mein Nichtchen nicht unter meinem Schutze zurückbleiben?« fragte der herzensgute Onkel.
Wenn Blicke vernichten könnten, so wäre der arme Onkel nicht mehr unter den Lebenden.
»Da wäre ein junges, unschuldiges Ding in die rechten Hände,« sprach Lotta für sie alle die Meinung aus. Ich konnte Onkel Mossi gut nachfühlen, als er zwischen den Zähnen etwas murmelte, was sehr nach »so eine verdammte Schlange und Giftmorchel« klang.
Trotz verzweifelten Widerstandes aller Tanten und Basen – die männlichen Vertreter unseres Stammes glänzten wie immer durch ehrfurchtsvolles Schweigen und dichte Rauchwolken – wurde beschlossen, daß Mama reisen und ich sie begleiten würde, und daher küßten mich alle Tanten beim Abschied und ließen dicke Krokodilstränen auf mich niederfallen. Sie versicherten mir, daß ich wahrscheinlich meine Gesundheit und jedenfalls meine Unschuld und Tugend auf dieser Reise einbüßen würde, und ich war so gerührt zu hören, daß ich so viel Unschuld und Tugend besaß, daß ich jeder Tante eine extratiefe Verbeugung machte, als Lotta an mich herantrat und hörte, daß ich Tante Hermine versprach, so viel als möglich von den mitgenommenen Tugenden wieder zurückzubringen.
»Du?« herrschte sie mich mit ihrer kreischendenStimme an, »du wirst irgendwelche Tugenden bewahren? In dir schlummern die Samenkörner der Verderbtheit wie in deiner entarteten Schwester!« sprach's, stieß mich rauh von sich und verschwand mit erhobenem Haupte durch die Tür.
Kaum waren sie draußen, so flog ich Mama um den Hals.
»Gestorben sind sie beinahe vor Neid und Galle,« rief ich entzückt und Mama sah überglücklich aus. Ich glaube, sie hätte Dich auch an den Stamm eines Kaffernstammes abgetreten, wenn es die Tanten hätte ärgern können. Den Rest des Tages ging ich zu allen meinen Bekannten und sagte:
»Meine Schwester heiratet sehr reich – einen Chinesen – und wir, Mama und ich, fahren zur Hochzeit nach China.« So etwas kann nicht jeder. Ich war selig, die erstaunten Gesichter zu sehen und bin Dir so dankbar, Käthe, einen so interessanten Mann gewählt zu haben. Ein wenig, ein ganz klein wenig ängstlich bin ich doch auch.
Mama weinte zwar den ganzen Tag ein wenig – das schickt sich so, aber ich wußte, daß sie sehr froh ist, denn der Aerger der Verwandten ist ihr eine unsägliche Beruhigung. Ich fragte, ob es sich für mich auch schickte, den ganzen Tag zu weinen, doch beruhigte sie mich und sagte, daß nur eine Mutter dies zu tun brauche.
Am Abend ging ich in den Garten. Mir war indessenjetzt doch etwas ungemütlich zumute. China ist weit weg und ich bin hübsch, nicht wahr, Käthe, und Blattern sind nicht angenehm, aber ich freue mich so auf die Reise, die Abwechslung, die schöne chinesische Seide, den fremdartigen Schmuck – und auf Dich auch, natürlich.
Wie ich gehofft hatte, sah ich Doktor Wurmbrandt am Zaune stehen. Ich ging schnell auf ihn zu, reichte ihm meine Hand und sagte:
»Meine Schwester heiratet einen leibhaftigen Chinesen und ich fahre morgen nach China.«
Im nächsten Augenblick war er über den Zaun gesprungen.
»Fräulein Jenny, ich habe in der Stadt schon davon gehört – es kann nicht sein, daß Ihr Fräulein Schwester eine solche Partie eingeht?« rief er leidenschaftlich.
»Er ist sehr reich!« entschuldigte ich Dich.
Er ließ meine Hand fallen. »Also ist Geld alles im Leben, Fräulein Jenny?« fragte er ernst.
Mir wurde so heiß. »O nein, Herr Doktor,« sagte ich, indem ich auf den Rasen niedersah, »aber ich weiß keinen anderen Grund zu nennen, warum Jenny einen Chinesen heiratet.«
»Gefühle scheinen bei Ihnen keinen Rolle zu spielen!« sagte er hart.
»Oh, Herr Doktor, die Käthe hat schon einmal geliebtund – und – ich glaube nicht, sie tut es ein zweites Mal. Sie hat ihn zu lieb gehabt,« sagte ich und fühlte, wie meine Stimme zitterte.
»Da haben Sie recht!« entgegnete er viel freundlicher. »Armes Fräulein Käthe!« Wir waren eine Weile ganz still.
»Leben Sie wohl, Herr Doktor,« flüsterte ich endlich, »und wenn ich an der Pest oder den schwarzen Blattern sterbe, so vergessen Sie mich nicht ganz!« bat ich schüchtern.
»Fräulein Jenny,« sagte er so ernst, wie er noch nie zu mir gesprochen, »versprechen Sie mir eins: Heiraten Sie keinen Chinesen, wie anziehend er auch sein möge!«
Ich gelobte dies feierlich. Ich hätte ihm weder diese noch irgendeine andere Bitte abschlagen können. Wenn Männer diesen Ton anschlagen, sind wir Frauen das reinste Wachs in ihren Händen.
Er zog eine kleine Schere aus der Tasche. Indem er wieder in den alten neckenden Ton verfiel, bat er mich, eine Locke meines Haares abschneiden zu dürfen, »der Blatterngefahr halber!« wie er sich ausdrückte. Er schnitt die Locken im Genick ab und brauchte meiner Ansicht nach eine schrecklich lange Zeit dazu. Ich fühlte, wie sein Atem dicht über meinen Hals dahinstrich – er mußte wohl so nahe schauen, weil es schon beinahe finster war –, und mir wurde ganz eigentümlich dabei. Warum wohl?Als er mit der Operation fertig war, küßte er meine Hände – Käthe, alle beide – und wünschte mir eine glückliche Reise.
Mir wurde so schwer ums Herz, so unsäglich schwer, und ehe ich es verhindern konnte, fiel eine Träne auf die Hand des Doktors. Da schämte ich mich unsinnig, riß mich los und flog auf das Haus zu.
Ich warf mich angezogen auf das Bett und weinte. So schlief ich ein und träumte plötzlich, daß ein Chinese mit furchtbar geschlitzten Augen einen Zopf – so einen weichen, weichen Zopf! – um meinen Hals schlang, und ich schrie wie besessen. Mama und die Köchin schüttelten mich wach. Auf dem Bette saß Murr, der Kater! Seinen Schwanz hatte ich für den Zopf eines Chinesen angesehen.
Mama sagte mir, daß eine so dumme Gans wie ich nicht wieder zu finden sei, und daß ich mich schnell anziehen möge, um Punkt acht auf der Bahn zu sein. Du kennst ja Mamas Bahnfieber, die immer eine geschlagene Stunde auf den Zug warten muß. Ich wusch meine entzündeten Augen mit Rosenwasser, um auf der Fahrt hübsch und frisch auszusehen, und kleidete mich in mein neues Reisekleid, das mir ausgezeichnet sitzt, Du wirst schon sehen.
Als wir schon in den Zug eingestiegen waren, kam noch jemand hurtig über den Bahnsteig gelaufen. Es war Dr. Wurmbrandt, der mir einen wunderschönen Straußroter Rosen brachte und mich so merkwürdig ansah, daß ich fast ebenso rot wurde wie die Blumen. Ich konnte gerade noch danken und ihm die Hand reichen, bevor sich der Zug in Bewegung setzte.
Die Tanten waren alle da und hatten noch viele warnende Worte gesprochen.
Als der Doktor mir den Rosenstrauß übergab, merkte ich, daß die Gesichter der Tanten und Kusinen gelbgrün wurden, und Mama fragte im Tone eines Untersuchungsrichters:
»Interessiert sich der Doktor für dich?«
»Ich – ich weiß es nicht,« antwortete ich und wurde wieder rot wie eine Klatschrose.
»Keine schlechte Partie,« sagte Mama mehr zu sich selbst als zu mir.
»Jenny, schicke ihm von Zeit zu Zeit eine Ansichtskarte,« befahl sie. »Man muß sich den Männern immer wieder ins Gedächtnis bringen.«
Und jetzt, Käthe, sind wir in D., wo wir allerlei Einkäufe machen.
An unserem Tische speist ein alter Rittmeister und macht mir sehr den Hof – ein Baron X. oder U., ich kann mir seinen Namen nicht merken.
Mama ist sehr liebenswürdig und sagte mir vor dem Schlafengehen:
»Sei zuvorkommend gegen den Rittmeister, Jenny, ein Soldat ist besser als ein Doktor.«
Da wurde ich aber böse. »Der Doktor ist jünger und hübscher,« protestierte ich, aber Mama schickte mich zu Bett und versicherte mir, daß ein Mädchen in meinem Alter nicht weiß, was gut für sie ist. So ein Unsinn! Ich bin achtzehn Jahre!
In zwei Wochen sind wir in London. Leb' wohl, Käthe!Deine Jenny.«
In zwei Wochen sind wir in London. Leb' wohl, Käthe!
Deine Jenny.«
So haben meine nächsten Angehörigen meine Verlobung mit einem Chinesen aufgenommen.
XI.
Es war der Vorabend unserer Abreise von London. Seit zwei Wochen waren Mama und Jenny bei mir, beide entzückt von meinem künftigen Gatten. Er war geradezu rührend aufmerksam gegen sie. Den ganzen Tag führte er sie herum, zeigte ihnen alle Sehenswürdigkeiten Londons, kaufte Jenny allerlei Schmucksachen, die sie in den siebenten Himmel versetzten, und versprach ihr eine Masse chinesischer Seide, sobald wir nach China kamen. Gegen Mama war er ausgesucht höflich und in jeder Weise zuvorkommend und war ihr, da er gern plauderte und Mama eher mit ihrem Schatten sprechen würde, als nicht den Mund zu öffnen, ein sehr angenehmer Begleiter. Ich selbst genoß nur wenig von ihrer Gesellschaft, da ich die letzte Woche im Amt weilte, wo man nicht sofort eine Stellvertreterin für mich finden konnte. Den Rest meiner Zeit mußte ich den Schneiderinnen und sonstigen praktischen Vorbereitungen widmen. Ich legte eine gewisse fieberische Hast an den Tag und tat alles überstürzt – mir halb unbewußt, wollte ich vor mir selbst, meinen eigenen Gedanken davonlaufen. MitMama hatten wir kein längeres Gespräch gehabt – am ersten Tage sagte sie mir, daß mein kleiner Chinese an einen Affen erinnere, am zweiten, daß er ausgesucht gute Umgangsformen habe, und am dritten, daß ich einen besseren Mann weder im Osten noch im Westen hätte finden können, wenn ich mit der Laterne am hellichten Tage nach ihm gesucht hätte – selbst nahm ich alle drei Erklärungen ruhig und mit etwas Unglauben auf – besonders die dritte, aber wozu widersprechen? Es war entschieden, ich ging nach China, und Europa mit seinen Licht- und Schattenseiten lag bald, ach, allzu bald hinter mir. Die Reue ist ein hinkender Bote – und ich wollte nicht bereuen. Sterben, sagte ich mir bitter, kann ich immer noch.
Jenny, die den ganzen Tag vor den großen Auslagen in Regent Street stand, auf der Themse bis Richmond und Hampton Court fuhr, die Albert Hall zu den großartigen Nachmittagskonzerten besuchte und nur die gleißende Seite Londons sah, konnte nicht begreifen, daß ich dieses vermeintliche Eldorado, ohne größeres Bedauern an den Tag zu legen, verließ. Mama und meine Schwester fanden wieder einmal, daß die Käthe kein normales Mädchen sei, und schüttelten mit sichtlicher Teilnahme die Köpfe.
Ich stand lange am offenen Fenster und ließ die kühle Herbstluft um meine brennende Stirn wehen. War ich vom Regen unter die Traufe gekommen, war ich feiggewesen, nicht ein Ende zu machen, als ich schon an der Pforte des Todes stand? Bedeutete mein Entschluß eine Biegung zum Besseren auf dem dornenvollen Lebenspfade, war es jener Schwung im Glücksrade, der mich nach aufwärts tragen würde, und würde ich im Osten finden, was der Westen mir verneint? Oder war es eine jener unglückseligen Stufen, auf die man unsicher tritt, und von welchen man jäh in unerwartete schreckliche Tiefen gleitet? Wer konnte es sagen? Meine Augen klammerten sich an mein Lieblingsgestirn, den großen Bären oder, wie ich vorzog es zu nennen, den Himmelswagen, und schienen um Antwort zu bitten, doch vergeblich. Die Sterne, sie funkelten am nachtschwarzen Himmel in ihrer einsamen Majestät, und was sie mir zu sagen schienen, war dies: »Auch wir sind allein, obschon wir einander so nahe zu sein scheinen. Millionen Meilen trennen oft ein Gestirn vom andern, das, von der Erde gesehen, so nahe am andern liegt, und einsam sind auch die Menschen, denn ihre Körper sind einander nahe, aber die Seelen sind weit, weit entfernt! Wenn du Frieden, wenn du Glück, wenn du vor allemKraftfinden willst, so lerne auf dich selbst vertrauen und dir selbst genügen.« Damals dachte ich, daß die Sterne unrecht hätten – heute weiß ich, daß nur der Mensch leben kann, ohne an innerem Leid zugrunde zu gehen, der gelernt hat, sich selbst zu genügen. Weder um Hilfe, noch um Liebe, noch um Gesellschaft, noch um Anteilnahmezum Nächsten zu schauen. Wer in sich alles findet, – und bis der Mensch in sich alles findet, so daß er in der Welt und doch getrennt und unabhängig – innerlich unabhängig, denn äußerlich bleibt er natürlich stets etwas abhängig von seinen Mitmenschen – lebt, hat Schutz vor dem Leid gefunden. Kein strahlendes Glück kann je wieder die Seele des so von der Menschheit Getrennten durchbeben, weil sein Interesse in dem Nächsten aufgehört hat, aber die Höllenpein zwischen Hoffen und Verzagen erfaßt ihn nie wieder. Er steigt nie mehr in himmelanjauchzender Glückseligkeit zu den Wolken empor, aber er erspart es sich gleichzeitig, aus dem siebenten Himmel auf die Erde zu fallen, und ist süß das Emporfliegen, so ist vernichtend bitter der Sturz, der in uns alles zerbricht, was das Leben wertvoll macht – Hoffnung, Glaube, Liebe, Vertrauen auf andere, den Trieb zur Besserung, zur Vervollkommnung, das Mitleid mit den Unglücklichen und die warme Mitfreude mit den Glücklichen – alles schwindet, und zurück bleibt jene Ruhe, die kein Glücksfall und kein neues Unglück bedeutend erschüttern kann. Wohl dem, den ein gnädiges Geschick davor bewahrt hat, den Gipfelpunkt irdischer Zufriedenheit in dieser Unempfindsamkeit zu suchen – und zu finden! An jenem Abende habe ich die Lektion noch nicht erlernt gehabt, die Sehnsucht nach der Liebe meiner Mitmenschen, nach Glück, war noch nicht erloschen, daher führte das unerbittliche Geschick mich nach China, umdort den Unterricht fortzusetzen, und was vom Schicksal selbst gelehrt wird, o Leser! – das erlernt man. – –
Es klopfte. Ich wandte mich verwundert um, denn Mitternacht hatte es längst geschlagen, und alle Leute im Hause waren zur Ruhe gegangen. In einem langen wallenden Nachtgewande, mit einer brennenden Kerze in der Hand, die schönen braunen Augen weit geöffnet, stand Jenny vor mir.
»Schwesterchen,« fragte ich, indem ich ihr die Kerze aus der Hand nahm und sie neben mich auf mein Sofa, das Bett, zog, »warum wanderst du noch durch Gänge und über Treppen nach der grausigen Mitternacht, wie einst der Geist von Hamlets Vater?«
»Käthe,« flüsterte sie, indem sie ihre weichen Arme um meinen Hals schlang, »ich bin vielleicht nicht immer eine gute Schwester gewesen und habe dich schrecklich vernachlässigt. Verzeih mir!«
»Du bist eine ebenso gute Schwester gewesen wie ich es verdient habe,« entgegnete ich und liebkoste Jenny.
»Ich fürchte mich um dich, Käthe,« sagte sie weich.
»Das brauchst du nicht, Jenny,« beruhigte ich sie, »mir droht nicht Gefahr, und – ich habe meine Zukunft selbst gewählt.«
»Schwester,« begann Jenny nach einer kurzen Pause von neuem, »ihr küßt euch nie.«
»Küssen ist im Orient nicht Sitte, man findet, daß es sehr unhygienisch sei, und daher gibt man sich imfernen Osten nicht einmal die Hand, wenn man sich begegnet, sondern schüttelt seine eigene Hand an Stelle derjenigen des Bekannten – eine weise Vorsichtsmaßregel in einem Lande, wo so viele ansteckende Krankheiten epidemisch und die sanitären Einrichtungen keineswegs auf der Höhe sind,« gab ich zur Antwort.
»Bist du auch schon so hygienisch geworden, Käthe?« fragte sie und sah mich groß an.
»Ich füge mich den Sitten des Orients,« entgegnete ich ausweichend. Ich wollte meiner Schwester nicht eingestehen, daß ich noch nicht so sehr »hygienisch« in meinem Empfinden geworden war.
»Hat er dich nie – nie geküßt?« fragte Jenny, die so etwas ganz und gar nicht fassen konnte.
»Nein, nie,« versetzte ich lachend. Denn Jennys Augen waren so rund vor Verwunderung wie die eines Kindes. »Einmal hat er allerdings gesagt, daß er es versuchen würde, wenn ich eines Tages nicht einen Hut aufhaben würde, aber bisher,« ich blickte sie schelmisch an, »habe ich immer einen Hut aufgehabt.«
»Himmel!« rief Jenny entsetzt, »und es ist ihm nie eingefallen, den Hut abzunehmen?«
»Wenn wir verheiratet sind, werde ich keinen Hut auf dem Kopfe haben, und darauf wartet er wahrscheinlich,« versuchte ich als Erklärung anzuführen.
»Glaubst du,« fragte sie mit einer urkomischen Ueberlegenheit, »daß Doktor Wurmbrandt sich hätte – natürlichwenn er mich liebhaben würde – abhalten lassen durch einen Hut und selbst, wenn dieser so groß wie ein Wagenrad gewesen wäre?«
»Liebste Jenny,« erwiderte ich lachend, »nicht, wenn dein Hut den Umfang einer Moschee gehabt haben würde, aber du vergißt, daß der Doktor eben – Europäer ist.«
»Ein Mann, der nicht küssen kann, der – der ist nicht heiratsfähig.« Jennys Entrüstung war so groß, daß sie meine ernsten Gedanken verscheuchte und ich über die unschuldigen Ansichten des Kindes herzlich lachen konnte.
»Jenny,« neckte ich meine Schwester, »wie oftmal denkst du an den Doktor?«
»Oh – nicht – nicht so sehr, sehr oft, Kather,« sagte Jenny nachdenklich.
»So etwa sechzigmal die Minute?« fragte ich gelassen.
»Aber Kather, wie kannst du –?« wehrte Jenny, erglühte aber wie eine Pfingstrose.
»Jenny,« bat ich sie, »hab' ihn recht lieb, und spiele nicht mit allen Männern, die du triffst. Glaube mir, Kind, Huldigungen sind angenehm, aber ein treues Herz, auf das man wirklich bauen kann, ist tausendmal schöner und kostbarer.«
Jenny küßte mich und gelobte mir, so wenig kokett wie möglich zu sein. »Ueber sein Können ist niemand verpflichtet,« sagt ja selbst Goethe, und ich verlange auch nur, daß Jenny ihr Bestes in dieser Hinsicht leistenwürde. Blicke mit Vorübergehenden und Mitreisenden würden trotzdem noch zur Genüge – und darüber hinaus – gewechselt werden.
Ein ernstes Gespräch ließ ich nicht aufkommen. Meine Schwester war zu jung, zu unerfahren, um mich zu verstehen, und um nichts in der Welt hätte ich mich verleiten lassen, ihre schönen Jugendillusionen zu zerstören, ihr die Erde – das Leben auf derselben eigentlich – so zu zeigen, wie es wirklich war oder wie ich wenigstens es gefunden hatte. Mein bitterer Pessimismus sollte nicht einen Augenblick die frohe Zuversicht meiner Schwester trüben. Als es zwei Uhr schlug, hüllte ich Jenny in ein langes Tuch ein, zündete ihr Kerzenstümpfchen wieder an und schob sie gebieterisch zur Tür hinaus.
»Du mußt schlafen, Jenny,« ermahnte ich sie, »du weißt, daß Mama mit ihrem Bahnfieber dich um sechs Uhr wecken wird, damit wir um zehn Uhr pünktlich auf der Station sind, und auch du, Fräulein Eitelkeit, wirst diese Zeit gut verwenden können, um dich so hübsch wie möglich zu machen. Jenny, Schwesterchen, ich kenne dich! Gute Nacht!«
»Noch eine Frage, Käthe,« bat sie schmeichelnd, »eigentlich kam ich nur deshalb zu dir. Wie werden deine Kinder sein? Weiß oder gelb?«
Ich schob sie sanft zur Tür hinaus und sagte lachend und geheimnisvoll:
»Gesprenkelt!«
Ich hörte, wie Jenny vor der Tür vor lauter Entsetzen und Ueberraschung nach Atem rang, öffnete daher die Tür noch einmal eine Spanne weit und flüsterte ernst:
»Sei doch kein Gänschen, Jenny – hoffentlich werde ich keine Kinder haben – gesprenkelt sicher nicht,« damit schloß ich die Tür endgültig.
Um halb zehn Uhr vormittags waren wir alle pünktlich auf dem Bahnhof – Victoria Station – versammelt. Meine europäischen Freunde hatten schon gestern von mir Abschied genommen, und da die allermeisten gegen diese Heirat waren (Engländer sind noch mehr gegen Mischung der Rassen als andere Europäer), so stand ich unbegleitet auf der grauen Plattform der düsteren Halle. Um so zahlreicher vertreten war die chinesische Kolonie. Einige konnten kein Wort außer Chinesisch, und wir nickten uns gegenseitig nur zu, andere sprachen etwas Englisch. Sie alle umringten Ming Tse, der seiner Schenkungsseligkeit wegen sehr beliebt war, wenn er ihnen auch oft unangenehme Wahrheiten mit verblüffender Aufrichtigkeit sagte. Mehrere von ihnen brachten Körbchen voll herrlichen Obstes – Trauben die einen, Pfirsiche die andern, und ein Chinese brachte eine Tüte rotbackiger Aepfel, mit denen Jenny schon jetzt liebäugelte.
Um zehn Uhr wurde das Abfahrtssignal gegeben, und der lange Zug setzte sich in Bewegung. AmKorridorfenster stand Li Bai und winkte seinen Freunden zu, solange man noch ein Viertel eines einzigen Chinesen in der Ferne erkennen konnte, und war noch einige Zeit nachher etwas einsilbig. Lange jedoch, bevor wir nach Queenborough kamen, plauderten wir alle höchst vergnügt miteinander.
Ming Tse, der ein reizender Reisekamerad war, breitete sein lichtblaues Seidentaschentuch über meinen und Jennys Schoß aus und verteilte Früchte. Mama wollte an der Fütterung vorläufig nicht teilnehmen, aber Jennys weiße Zähne bissen mit sichtlichem Behagen in die appetitlichen Aepfel. Ihr war die Reise ein großer Spaß, Mama ein wichtiges Ereignis, das feierlich behandelt und durchgeführt werden mußte, Ming Tse eine Genugtuung sondergleichen, da er endlich in die geliebte Heimat zurück durfte, und mir – eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung über meine ganze Zukunft. – Und dennoch hatte nicht einer der drei Mitreisenden, die mir doch am allernächsten auf der Welt standen oder bald stehen würden, die blasseste Ahnung von dem, was in mir vorging, und infolgedessen das allergeringste Mitleid. Nicht einer von ihnen hätte mich verstanden, wenn ich gesprochen hätte, und so betrug ich mich als guter Gefährte, lachte und scherzte mit ihnen und fühlte mehr denn je, was für eine elende Komödie das Leben war, wo man immer und vor allen Leuten eine Maske tragen mußte und doch noch frohwar, daß man das Recht hatte, eine Maske zu tragen, die einen vor dem Hohn der Mitmenschen, die anders dachten, schützen konnte.
In Queenborough verließen wir den Zug, um uns auf das Schiff zu begeben. Erst Mama mit einem Träger an ihrer Seite, dem sie ununterbrochen wiederholte, so schnell wie möglich zu gehen. Das erbitterte ihn so, daß er ihr mitteilte, die Sturmflagge wehe schon vom Mast – während in Wirklichkeit nicht ein Lüftchen sich regte, und ein so glänzend blauer Himmel, wie er nur selten über Großbritannien lacht, sich über unsern Häuptern wölbte –, hinter ihr Jenny mit den Fruchtkörbchen und einer Hutschachtel, dann ich, ebenfalls mit mehreren Schachteln beladen, und endlich Ming Tse, der zwei Träger beaufsichtigte. Die großen Koffer waren alle vorausgeschickt worden, was wir mitführten, war lediglich Handgepäck, und trotzdem wälzten wir uns wie eine Karawane heran. Sobald wir das Schiff betreten hatten, ging Mama zum Kapitän und erkundigte sich, ob wir in der Tat untergehen würden, was er verneinte und Mama gelobte, sein Möglichstes zu tun, eine so furchtbare Katastrophe abzuwenden. Er sprach mit großer Ernsthaftigkeit, aber um die Mundwinkel zuckte es verräterisch, und seine grauen Augen blinzelten mir, sooft ich näherkam, vielsagend zu. Die arme Mama, die das Fahren auf dem Meere nicht verträgt, verschwand in eine Kajüte und blieb trotz des herrlichen Wetters undder spiegelklaren See verschwunden, so lange wir nicht festen Boden unter uns hatten, Ming Tse schob uns Mädchen in eine Ecke und setzte sich als Haremswächter davor. Seine Augen schossen Blitze, sooft sich ein männliches Wesen uns näherte, und Jenny sah sich daher gezwungen, jeden Flirt zu unterlassen. Dagegen fütterte er uns die ganze Zeit mit den herrlichen, riesengroßen Pfirsichen, an die ich noch jetzt mit Genuß zurückdenke – gewiß die schönsten, die ich gesehen oder gegessen hatte.
Nach einer Weile begann die alte Baracke – denn diese holländischen Schiffe sind klein und armselig ausgestattet – trotz des klaren Himmels und der ruhigen See ein wenig zu wackeln, was Ming Tse veranlaßte, sich tiefer in den Reiseplaid zu wickeln und steinunglücklich dreinzuschauen. Jenny benützte die Schwäche des Wächters dazu, auf das Hinterdeck zu entfliehen, wo sie ihre Blicke über die Fluten, über den Himmel und – über die Mitreisenden, über letztere nicht am wenigsten, gleiten ließ.
»Gott sei Dank, daß du nicht wie deine Schwester bist,« brummte mein Verlobter. »So ein Mädchen ist die reine Pest.«
Wir unterhielten uns besonders über einen alten Juden, der uns nahe saß und aus einem schmutzigen Papier heraus ein Stück Fleisch wickelte, was ich als Ueberreste eines Huhns, er als die eines Kaninchens betrachtete.
Der Vorfall erinnerte mich an eine merkwürdige Episode in Ming Tses Londoner Existenz. Er erhielt einst, ohne es zu wissen, ein Kaninchen vorgesetzt und war so böse, als er erfuhr, was er gegessen hatte, daß er sofort ausziehen wollte. Kein Wunder! Da sein Vater nie Kaninchen verspeisen durfte, war es dem Sohne auch nicht erlaubt, und ich erinnerte mich, daß der arme Chinese eine ganze Menge Brechpulver einnehmen mußte, damit das widerspenstige Kaninchen wieder herauswanderte, denn drinnen bleiben durfte es nicht – das wäre ein himmelschreiendes Verbrechen gegen alle seine Vorfahren gewesen. Folglich quälte ihn der Anblick des Juden und des Kaninchens in einem solchen Grade, daß er überall herumging, nur um diesen zwei Schreckgestalten auszuweichen. Mich wickelte er vorsichtig in einen großen, warmen Plaid und schob den Deckstuhl so nahe an das Schiffsende heran, daß ich nichts als die Fluten übersehen konnte. Er selbst suchte und fand Jenny.
»Ihre Schwester braucht Sie,« sagte er kurz. Dann fügte er hinzu: »Sie haben genug herumgeschaut, die armen Männer müssen endlich Ruhe haben,« – sprach's und schob sie, die ihn um Kopfeslänge überragte, gebieterisch in meine Richtung.
»Jenny,« fragte ich sie, sobald Li Bai außer Hörweite war, »hast du nur diese Blusen mit kurzen Aermeln und ausgeschnittenem Halse?«
»Gewiß,« lautete die Antwort. »Mama sagt, ich habe so schöne Arme und einen hübsch geformten Hals – warum soll ich ihn da zudecken, wie du den deinen?«
»Schwester, sei nicht so maßlos eitel und sprich nicht immer von deinen Vorzügen, du wirst dich Fremden gegenüber lächerlich machen. Dies ist jedoch nur nebenbei bemerkt,« sagte ich, als ich sah, daß Jenny beleidigt die Lippen aufwarf, »ich wollte dich nur bitten, immer lange Aermel zu tragen und auch einen hohen Kragen zu wählen, so lange du im Orient bist. Die Orientalen finden es im höchsten Grade abstoßend und unmoralisch, so gekleidet zu gehen. Tust du es, wirst du dir viele Unannehmlichkeiten zuziehen.«
»Oh, Unsinn,« erklärte meine Schwester, legte aber in Zukunft doch Blusen, wie ich sie vorgeschlagen hatte, an.
Ming Tse kam zu uns zurück. »Wollt ihr nicht Kaffee trinken, Kinder?« fragte er.
Ich, die ich ahnte, wie der Kaffee auf dem Schiff sein würde, lehnte sofort ab und riet den andern, mir nachzutun. Jenny tat es, Li Bai aber ging mutig in die Tiefen. Als eine Viertelstunde nach der andern verging und er nicht zurückkehrte, ging ich auf die Suche nach ihm aus. Er taumelte mir bei der Treppe entgegen, wankte auf die Brüstung zu und sah wie ein Geist aus.
»Was ist dir geschehen, Li Bai?« fragte ich besorgt.
»Kaffee!« war die einzige Antwort. Gleich darauf verlangte der Meergott seinen Tribut und – erhielt ihn.
Erst als ich nach einer Weile den armen Chinesen in einen Deckstuhl verpackt und mit einem Reiseplaid umwickelt hatte, erzählte er, daß er nach langem Warten einen teuren Kaffee bekommen hatte, der keinen Geschmack und wenig Farbe besaß, ganz lauwarm war und ihn sofort seekrank machte. Er schimpfte auf die Holländer, als ob die ganze Nation nur schlechten Kaffee kochen würde, und hat noch heute eine sehr unschmeichelhafte Meinung von Holland und seinen Bewohnern.
In Vlissingen kehrte Mama zur Oberfläche als handelndes Menschenkind zurück, und auch Ming Tse stand wieder sicher auf seinen zarten Beinen. Der Kapitän nickte Mama wie einer alten Bekannten zu und war stolz darauf – wie er ihr versicherte –, sie so gut an allen Gefahren vorüber in den Hafen geführt zu haben, doch Mama sah gar nicht so dankbar aus als man Ursache hatte zu vermuten, und Li Bai sah den Kapitän, das Schiff und die Besatzung so wütend an, als wollte er ihnen allen einen Paß zum Reiche der Seejungfrauen ausstellen.
Kaum war die Zollrevision vorüber, wollte Ming Tse etwas essen und weigerte sich, den Berliner Expreß zu betreten, bevor er wußte, und aus guter Quelle wußte, daß der Speisewagen mitfolgte. Erst als wir uns im Wagen gegenübersaßen und uns die überstandene Fahrtnur ein Traum schien, tauten Mama und der kleine Chinese, die beide bei den Göttern und Heiligen ihres Landes schworen, nie wieder die Planken eines Schiffes zu betreten, ein wenig auf.
An der deutschen Grenze war wieder Zollrevision, und hierauf durften wir schlafen. In Berlin blieben wir nur einen halben Tag, und mir tat es wohl, nach langer Zeit wieder in einem Lande zu weilen, wo man meine Sprache sprach. Jenny war selig, »Unter den Linden« einige Einkäufe machen zu können, und Ming Tse war ebenso unermüdlich wie sie im Wählen allerlei Kleinigkeiten, die man nach China mitführen sollte. Am Abend verließen wir Berlin, und Jenny drückte ihr Näschen an die Scheiben, um acht Uhr abends das Nachtleben Berlins vom Zuge aus beobachtend. Natürlich neckten wir sie hinterher und fragten, was ihr vom »Nachtleben« am besten gefallen habe. Ich freute mich innig, daß meine Schwester noch so beglückend naiv war, und bedauerte, Mama zugeredet zu haben, sie nach China mitzunehmen. Jetzt war eine Aenderung nicht mehr zulässig.
An der russischen Grenze leerte man unsere Koffer einfach auf den schmutzigen Bahnsteig aus, und die Zollbeamten – oder wie mein Vetter sie zu betiteln pflegte, – die Kofferspione – fuhren mit ihren zweifelhaft reinen Händen schauerlich unter den Sachen herum. Li Bai, der seinen Koffer mit der ihm eigenen Pedanteriegepackt hatte, sprach chinesisch – kaum Kosenamen, denke ich mir –, und ich hatte große Mühe, den übervollen Koffer wieder zu schließen. Ich bat daher Jenny, sich darauf zu setzen, damit ihr Gewicht den störrigen Gesellen eines Besseren belehren möge, aber da kam ich schön an. Li Bai entließ uns mit einem Blicke und einer Handbewegung, die keine Feder hinreichend wiedergeben könnte und packte meinen Koffer selbst. Jenny fiel beinahe in Ohnmacht, als sie bemerkte, was für Kleidungsstücke dabei notwendigerweise durch seine kleinen Hände wandern mußten, aber ich habe in der Hinsicht stärkere Nerven. Der fertige Koffer war ein Meisterwerk, und wohl oder übel mußte sich Jenny demselben Schicksal unterwerfen, denn Ming Tse sagte mit mehr Wahrheit als Höflichkeit:
»Ihr könnt beide nicht einen Koffer packen.«
Bei der Paßrevision und auch im Speisewagen half mir meine Kenntnis des Russischen, was meinen Reisegefährten sehr imponierte, weil sie mit der Sprache des Zarenreiches gar nicht vertraut waren. Sie half mir auch sehr in Moskau, wohin wir am folgenden Tag spät abends gelangten und im Hotel l'Europe abstiegen, wo man die Sprachen der ganzen gebildeten Welt hören konnte. Herrlich schönes Moskau! Früh am nächsten Morgen stand ich auf dem kleinen Balkon und sah hinweg über die unzähligen Kuppeln und Türme, die malerischen Gebäude dieser echt russischen Stadt, mit demKreml im Hintergrund und dem flutenden Verkehr zu meinen Füßen. Wir waren im Oktober und die Blätter der Bäume wiesen alle Farbennuancen vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braun auf, rote Blätter funkelten dazwischen hervor und der tiefblaue Herbsthimmel, auf dem die aufgehende Sonne eben einige Wölkchen rosig färbte, bevor sie die Kuppeln und Baumspitzen küßte, rief in meinem Herzen allerlei Gefühle wach, von denen das stärkste jedoch der Wunsch war, das, was ich jetzt in mir widerklingen hörte, durch den Pinsel oder die Feder verewigen zu können. Die Größe und reine, erhabene Schönheit der Natur verglichen mit unserem armseligen Haschen und Jagen – wonach? Die ewig wiederkehrende Frage des »Seins oder Nichtseins«, das beseligende Bewußtsein, daß alles Kleinliche in solchen Augenblicken von uns abfällt wie ein altes Kleid, dessen wir länger nicht bedürfen, ein Verlassen des eigenen Ichs, um sich über die Erde hinaus in unbekannte Welten zu schwingen – alles dies bewegt die Seele bei dem Anblick reiner Schönheit, und muß man auch bald in die graue Wirklichkeit zurückkehren, bleibt doch der Eindruck des Gesehenen zurück und zittert als schöne Erinnerung noch lange in uns nach.
»Käthe,« rief in diesem Augenblick Mama, »ich wünschte, du würdest nicht eine halbe Stunde lang mit der Nase auf die Wolken gerichtet stehen, sondern lieber auf deine Toilette schauen. Deine Krawatte sitzt schief.«
»So richte sie bitte,« erwiderte ich müde. Was war eine Krawatte gegen das Universum?
»Aber Käthe,« entfuhr es Jenny, »hast du wirklich Lust auf dem Balkon zu stehen, wenn alle Gäste noch schlafen? Jetzt ist ja niemand zu sehen.«
»Jenny,« erwiderte ich ernst, »ich schaue nicht die Leute an – die interessieren mich nicht. Ich blickte,« setzte ich träumerisch hinzu, »auf die Schattierungen der Blätter und die Farbenabstufung am Himmel.«
In diesem Augenblick trat Ming Tse ein.
»Käthe studiert Farbenabtönungen am Himmelsbogen und darunter,« rief meine Schwester ihm entgegen.
Ich zog Li Bai auf den Balkon. »Ist es nicht wunder-, wunderschön?« fragte ich ihn und legte unwillkürlich meine Hand auf seinen Arm, als wollte ich etwas von dem, was mich so stark bewegte, durch Magnetismus auf ihn übergehen lassen.
»Nichts zu sehen,« bemerkte er gelassen. »Komm zum Frühstück!« Damit schüttelte er meine Hand ab und folgte den anderen hinab in den Speisesaal. Ich kam mir wieder einmal vor wie ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, der in der Ferne ein Schiff sieht, dessen Aufmerksamkeit er aber nicht erregen kann. So ging auch ich hinunter und – frühstückte.