VI.
Als ich eines Abends wieder zur Stunde eintraf, lief mir Ming Tse erregt entgegen, faßte mich an der Hand und zog mich, so schnell er konnte, in das Zimmer.
»Fräulein Schulze,« rief er, »springen Sie auf diesen Stuhl, und sehen Sie sich das Bild meines Vaters an. Ich habe es heute erhalten.«
Als ob das Haus in Flammen stünde und ich bei dem Feuerlöschen helfen sollte, so hurtig warf ich meinen Mantel ab und zog die Handschuhe aus, dann näherte ich mich dem Stuhle, den Ming Tse schon erwartungsvoll an der Lehne hielt. Es war eines jener zarten Sesselchen, auf die sich keine gute deutsche Hausfrau und noch weniger eine Oesterreicherin hätte setzen dürfen, ohne daß eine Katastrophe zu befürchten gewesen wäre, und selbst ich vertraute meine Seele (und meinen Körper) den höheren Mächten an und hoffte nur, daß der Möbelfabrikant so vorsorglich gewesen wäre, das zierliche Dingelchen mit einer unsichtbaren Haltbarkeit auszustatten. Hierauf schwang ich mich darauf, während Ming Tse seine kleinen Pfötchen auf die Lehne legte und zumir aufsah. Während ich mir im stillen ausmalte, wie es wohl wäre, wenn der Stuhl unter mir schnöde zusammenbrechen und wer wohl zuerst auf der Bildfläche erscheinen und meine Knochen zusammenlesen würde, hielt ich meine Augen gehorsamst auf das große Bild des Vaters gerichtet. Es stellte einen großen Mann in der Tracht eines Mandarins dar, mit einem langen Seidenkaftan und einer großen Schärpe um die Hüften. Das Gesicht war bartlos und rundlich und hätte bei flüchtiger Beobachtung als wohlwollend und gütig bezeichnet werden können, aber wer sich die Mühe gab, näher hinzusehen, dem entging nicht ein gewisser grausamer Zug um den Mund und eine unangenehme Falte nahe den Augen. Die Haltung verriet Selbstbewußtsein und festen Willen. Als Freund mochte er gerecht sein – als Feind aber –?
»Wie gefällt er Ihnen?« erkundigte sich Ming Tse, indem er der schwanken Basis, auf der ich stand, einen nicht mißzuverstehenden Puff gab, was ich mir so auslegte, als »höre nun gefälligst mit den inneren Betrachtungen auf!« Daher beeilte ich mich, meinen unsicheren Standpunkt so schnell als tunlich zu verlassen.
»Sehr gut,« sagte ich, sobald ich wieder festen Boden unter mir hatte. Was hätte ich sonst auch sagen dürfen?
»Sie freuen sich gewiß sehr, sein Bild erhalten zu haben?« fragte ich.
»Ja, sehr, und hier habe ich schon Seidenschleifen zur Fahne gekauft, die ich herumwickeln will.«
Er entfaltete eine ganze Menge Seidenschleifen, die, einst irgendwie miteinander verbunden, die chinesische Flagge darstellen würden. Er reichte mir die Enden aller Bänder und hielt sie in der richtigen Ordnung, indem er mich bat, eine Schleife daraus zu machen.
Er hätte mich ebensogut bitten können, auf dem Kopfe zu stehen und ein Champagnerglas mit meiner großen Zehe zu präsentieren. Was anderen Mädchen ein Kinderspiel war, das war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Ming Tse bemerkte dies auch bald und nahm mir die Bänder stumm aus der Hand.
»Sie passen besser zum Studium,« tröstete er mich lächelnd nach einer kleinen Pause, in der ich mir gewaltig dumm vorkam. – –
In den nächsten Wochen lernte ich Ming Tse, erleichtert durch folgenden Umstand, immer besser kennen.
Kaum eine Woche nach dem Eintreffen des Bildes fand ich ihn eines Tages sehr erregt vor, und seine ersten Worte überzeugten mich, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse.
»Setzen Sie sich zum Feuer, Fräulein,« kommandierte er, »wir müssen etwas besprechen, bevor wir zu studieren anfangen.«
Ich gehorchte mit der gewünschten Eile und versicherte ihm, daß ich ganz Aug' und Ohr wäre.
»Ich habe meinen Geschichts- und Mathematikprofessor davongejagt,« teilte er mir kurz und bündig mit.
»Herrn L.?« fragte ich. »Warum doch nur?«
»Er wollte immer, daß ich zu ihm kommen sollte, und neulich war ich wirklich zum Tee bei ihm und seiner Mutter. Beide versuchten mich zu überreden, daß ich zu ihnen übersiedeln sollte, und seine Schwester war – sehr zuvorkommend gegen mich. Ich glaube, er wollte mich mit seiner Schwester verheiraten,« fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
Mir erschien plötzlich der Mathematikprofessor ein Ausbund irdischer Verderbtheit, und ich lobte Ming Tse sehr, sich von ihm losgesagt zu haben.
»Außerdem,« fuhr der Chinese fort, »habe ich fast nichts von ihm gelernt – Geschichtsdaten wußte er selber nicht, und er trug immer so undeutlich vor. Anstatt Mathematik erzählte er mir allerlei Geschichten von Mädchen und –«
»Sie haben sehr, sehr recht getan, diesen unverschämten Menschen vor die Tür zu setzen,« rief ich eifrig, und mir schien es, als sei es einfach unverantwortlich, daß ein Europäer einen so unschuldigen Jüngling so verderben wollte. Ob es aber wirklich nur aufrichtige sittliche Entrüstung war, was mich so sprechen ließ und was mir den unbekannten Mathematikprofessor als ein Ungeheuer vorschweben machte?
»Mathematik kann ich selbst weiterstudieren,« erklärte Ming Tse, »und den Geschichts- und Geographieunterricht, den müssen Sie übernehmen,« setzte er hinzu.
»Aber Herr Ming Tse, ich habe keine Zeit, ich –«
»Sie müssen, und wenn Sie nicht wollen, dann reise ich nach China zurück, dann mache ich keine Prüfungen, dann ist alles umsonst – Sie müssen!« wiederholte er gebieterisch, und in seinem Gesichtchen las ich zum erstenmal etwas wie weiche Bitte.
Mein kleiner Chinese! Er war ja trotz seiner maßlosen Faulheit mein Lieblingsschüler, und ich hätte lieber auf den Schlaf verzichtet, als ihm die Bitte abgeschlagen. Daher erklärte ich mich bereit. Glücklicherweise hatte ich zu eigener Unterhaltung und Belehrung bei meiner Ankunft in London viele Bücher über englische Geschichte gelesen und konnte daher sehr zufrieden sein über die Grundlage. Natürlich würde ich mich für jede Stunde besonders vorbereiten und auch einen Plan bezüglich des Geographieunterrichts entwerfen müssen. Aber warum nicht? Es würde eine ausgezeichnete Wiederholung für mich sein, eine Notwendigkeit sogar, kurz, ich fand mich sehr leicht – auffallend leicht – in mein Geschick.
Ming Tse bestimmte zwei Tage zu je zwei Stunden, so daß wir uns nun viermal die Woche sahen. Ich war froh, daß ich der Einsamkeit so leicht entgehen konnte und segnete meine Beharrlichkeit in allerlei Forschungsaufgaben. Mein Schüler machte gleichfalls den Eindruck, zufrieden zu sein – und, was konnte ich mehr wünschen?
Nachdem der junge Mann schon in Paris und London studiert und in China zwölf Jahre lang Weisheiteingepaukt erhalten hatte, mußte er wohl schöne Vorkenntnisse besitzen. Indessen war es doch immerhin der Mühe wert, einige Sprungfragen, allgemeines Wissen betreffend, zu unternehmen.
Gleich bei meinem Kommen bat er mich, ihn nicht über englische Geschichte zu fragen, sondern noch einmal von Jakob I. an den ganzen vorgeschriebenen Lehrstoff vorzutragen. Dies tat ich also, ließ alles Ueberflüssige weg, machte den Vortrag so einfach und so leicht faßlich als möglich und diktierte ihm einige Stellen – ich bestand nämlich darauf, daß er Notizen nahm, damit meine Rede nicht ganz umsonst bleibe.
Nach dem eigentlichen Studium stellte ich einige Fragen an ihn, die mir als zum unerläßlichen Wissen eines Menschen beider Hemisphären notwendig schienen.
»Wer war Napoleon?«
Pause.
»Was wissen Sie von ihm? Etwas haben Sie gewiß von ihm gelesen oder gehört?«
»Er war ein großer Kämpfer oder so etwas!« war die gleichmütig gegebene Antwort. Mehr von dem Eroberer wußte er nicht.
»Wer war Christoph Columbus?«
»Nie von ihm gehört!«
»Herr Ming Tse!!! Christoph Columbus?« wiederholte ich, wie um ein Licht im dunklen Gehirnkasten meines Schülers zu entzünden.
»War das nicht so ein Kerl, der einmal Bücher über Amerika schrieb?« erkundigte sich mein kleiner Chinese, als ob ihn die Sache nichts weiter angehen würde.
»Bücher hat er wahrscheinlich nicht so übermäßig viele geschrieben,« konnte ich mich nicht enthalten etwas sarkastisch zu bemerken, »aber entdeckt hat er das Land – eine ganz unbedeutende Sache.«
Ming Tse lachte, er hatte den Spott herausgefühlt, der jedoch wirkungslos an seiner asiatischen Ruhe abprallte.
»Was für ein nutzloses Geschrei die Europäer wegen einer solchen Kleinigkeit machen,« sagte er verächtlich. »Wir haben Amerika schon viel länger gekannt – und ohne Columbus,« versetzte er und sah dabei aus, als ob dieser Umstand einzig und allein ihm selber zu danken wäre. Aber da die Chinesen Amerika wirklich ohne Columbus gefunden, wagte ich keine weiteren Bemerkungen. Ich ging zur Geographie über, und da wurde alles verlangt – die physische, politische und besonders die europäische Geographie.
Mit der physischen nahm ich den Anfang und hatte zum erstenmal die Genugtuung zu sehen, daß der Schatten eines Interesses bei ihm erwachte, als ich die verschiedenen Naturereignisse, so gut es ging, erklärte und überall noch Zeichnungen hinzufügte. Dies lernte er in der Tat gut.
Hierauf wollte ich ihm ein wenig auf den Zahnfühlen bezüglich der allgemeinen Geographie und bat ihn daher, mir die hauptsächlichsten Länder Europas aufzuzählen und die Hauptstädte zu nennen.
Er fand nur drei Länder – England, Deutschland und Frankreich. Ich half ihm aus.
»Die Hauptstadt von Belgien?«
»Budapest.«
»Bedaure, was soll denn Ungarn ohne Hauptstadt anfangen?«
»Kopenhagen!«
»Aber Herr Ming Tse, Kopenhagen ist die Hauptstadt von Dänemark,« sagte ich etwas geärgert.
»Mir auch recht,« erwiderte er gelassen.
Ich sagte ihm nun mindestens zehnmal alle Länder und Städte vor und zeigte sie alle auf der Landkarte. Er sah sie alle an, als ob sie Kieselsteine gewesen wären, und wiederholte, was ich sagte, wie ein Kind, das schlaftrunken sein Vaterunser herableiert. Sofort bat ich ihn aufzuhören – welchen Nutzen hätte er von der Fortsetzung einer solchen Stunde gehabt?
Im Herzen aber begann ich mich zu fragen, ob dieser Schüler trotz aller meiner Mühe je eine Prüfung erfolgreich ablegen würde.
Nach den Geographiestunden plauderten wir wie nach all den übrigen Stunden, und dabei fielen einige Streiflichter auf seinen Charakter.
Ob ich vielleicht, mir unbewußt, Hoang-Zo alsMuster der Tugend hingestellt, oder besser sein Talent und seinen Fleiß allzu häufig rühmend erwähnt hatte, ich weiß es nicht – jedenfalls kam Ming Tse zu der Ueberzeugung, daß ich eine ungewöhnlich gute Meinung vom Philosophen hatte, möglicherweise sogar eine bessere als von ihm selbst, und in seinem Kopf erwachte sofort der Gedanke, diesen Nimbus zu zerstören, langsam und vorsichtig, ganz langsam, aber sicher.
Als daher der Name Hoang-Zos wieder genannt wurde, schüttelte der kleine Chinese sein rabenschwarzes Haupt, seufzte und sagte:
»Herr Hoang-Zo hat kein gutes Herz.« Pause. Er sah mich mit den Ecken seiner Augen – denn diese schwarzen Punkte im Nasenwinkel konnte man kaum als etwas anderes bezeichnen – forschend an und fügte hinzu:
»Aber sehr, sehr begabt.«
»Und sehr fleißig,« warf ich ein. »Er studiert den ganzen Tag im Britischen Museum.«
»Oh, ja, Britisches Museum!« lachte er höhnisch. – »Mädchen!«
»Herr Hoang-Zo??? Unmöglich!« rief ich voll Entrüstung. »Er kann die Mädchen nicht leiden – er denkt nicht an sie,« erklärte ich mit Eifer.
»Er hat schöne Mädchen sehr gern – sehr gern – und er ist ein schlechter Mensch, aber dafür so begabt, so begabt, nicht wahr?« fragte er mich.
Der Sarkasmus war unverkennbar. »Ich kenneHerrn Hoang-Zo nicht näher,« erwiderte ich. »Gegen mich war er immer sehr lieb, ich bin aber auch nicht schön und das erklärt ja vieles,« sagte ich und warf unwillkürlich den Kopf in den Nacken. »Ich dachte indessen, Sie wären sein Freund.« Diese Anspielungen mißfielen mir.
»Sein Freund?? – Ja, wenn er Geld borgen will,« sagte Ming Tse.
Das war eine neue Entdeckung. »Braucht er so viel Geld? Er studiert auf Kosten seiner Regierung, nicht wahr, und erhält 15 Pfund monatlich?« Das hatte der kleine Chinese mir früher einmal mitgeteilt.
»Gewiß, aber 15 Pfund sind nicht genug, wenn man schöne Mädchen gern hat,« fügte er schelmisch lächelnd hinzu.
»Ein Mädchen gern zu haben ist ja kein Verbrechen,« entschuldigte ich meinen früheren Professor.
»Nein,« ohne mich anzusehen. Plötzlich funkelten die halbgeschlossenen Augen zu mir herüber. »Aber er gibt ihnen Pulver.«
»Er gibt ihnen Pulver?« fragte ich verständnislos.
Der Kleine grinste wie der leibhaftige Gottseibeiuns.
»Pulver, daß sie einschlafen – zwei Stunden einschlafen – verstehen Sie?« fragte er mich.
Und ob ich verstand! War eine so maßlose Schlechtigkeit in einem so hochentwickelten Menschen möglich!! Konnte die grinsende kleine Figur vor mir die Wahrheit sprechen?
»Man gibt jemand das Pulver doch nicht auf der Gasse und gegen den Willen ein?« sagte ich, diese Anklage gegen meinen bewunderten Philosophen und Professor abwehrend.
»Auch nicht nötig,« lachte Ming Tse. »Man lädt sie einfach zum Tee ein.«
Ich fühlte, daß der Stuhl unter mir nicht Stütze genug war. Wie der Reiter auf dem Bodensee, der starb, als er hörte, welchen Gefahren er entgangen war, so schien es mir, daß ich zum mindesten ohnmächtig werden könnte, wenn ich mir vorstellte, wie ich gedankenlos am Rande des Verderbens herumgetänzelt war. Zum erstenmal in meinem Leben freute ich mich, daß ich nicht so schön wie Jenny, daß ich das Gegenteil von hübsch war.
Ming Tse mochte mein Entsetzen meinen weitaufgesperrten Augen ablesen, denn er beruhigte mich, indem er sagte:
»Herr Hoang-Zo denkt auch sehr gut von Ihnen, er hat mir schon damals von Ihnen erzählt und gesagt, daß er mit Ihnen eine Ausnahme macht, Sie denken nur ans Studium.«
Ob mein Wissen oder meine Häßlichkeit ausschlaggebend war – wahrscheinlich die beiden Dinge vereint –, war ich Mr. Hoang-Zo doch über die Maßen dankbar, besagte »Ausnahme« gemacht zu haben, was immer auch seine Gründe gewesen. Und ich, die ich den Tee mit so viel Vergnügen getrunken hatte! Dieser Gedanke kampeinigend oft zurück und jagte mir jedesmal die Gänsehaut über den Rücken.
»Himmel, wenn ich geahnt hätte, daß man so schlecht sein könnte!« rief ich aus.
Ming Tse krümmte sich vor Vergnügen, ich mußte aber auch das verkörperte Entsetzen ausdrücken.
»Nicht so sehr, sehr gut, nicht wahr, Fräulein, aber sehr begabt?« fragte er mich.
»Zubegabt!« rief ich ärgerlich.
»Mir liegt nichts an Mädchen,« versicherte mein kleiner Chinese mit überlegener Miene. »Nur Mädchen, die älter sind als ich und die viel wissen, die gefallen mir.« Pause, – während welcher ich mich einigermaßen zu fassen versuchte. »Und ich schaue nicht auf Schönheit wie Hoang-Zo,« erklärte er.
Er stellte Früchte auf den Tisch. »Kein Pulver,« versicherte er lächelnd.
»Gott sei Dank, daß dieser nette kleine Chinese kaum 22 und noch ein ganzes Kind ist,« dachte ich. Wie wenig ich doch Chinesen verstand!
Mein ehrwürdiges Alter war damals 23, also hätte ich mir auf meine Greisenhaftigkeit noch nicht allzuviel einzubilden brauchen.
Das war ein Streiflicht gewesen, das mir deutlich zeigte, wie sehr ihm daran lag, sich selbst als ersten gelten zu machen, wie wenig er es wünschte, andere Menschen bewundert zu sehen.
Er wußte, daß ich Indier sehr intelligent und sehr interessant fand. In der Villa, in der er wohnte, lebten auch Indier und es verging keine Plauderstunde, in der er mir nicht etwas Nachteiliges von ihnen erzählte.
»Herr Kashdartha ist ein schlechter Mensch,« sagte er eines Tages. »Er wird bald ein Kind haben.«
»Erwird bald ein Kind haben?« fragte ich ungläubig.
»Ja. Erinnern Sie sich, ein hübsches, kaum sechzehnjähriges Mädchen manchmal im Hause gegenüber gesehen zu haben?«
»Eine kleine Blondine mit blauen Augen und immer lachendem Munde?« fragte ich.
»Stimmt. Die wird ein Kind jetzt haben.«
»Wie schrecklich!« rief ich aus. »Und wird er sie heiraten?«
»Hat schon eine Frau in Indien,« erklärte er lakonisch. Nach einigen Minuten fügte er hinzu:
»Die Indier geben auch Pulver, Fräulein, sehr schlechte Menschen, Sie dürfen nichts mit ihnen zu tun haben. Schlechte Menschen!« wiederholte er.
Ich war sprachlos. Meine Indier, die jungen Hindus, die ich gekannt hatte, waren lauter hochintelligente Männer gewesen, die sich viel reiner und besser als wir armen Frauenzimmer vorkamen, so daß manche uns gar nicht die Hand zum Gruße reichen wollten. Eins war sicher: Dieser kleine Chinese schien das Schlechte inMitmenschen und Rassen geradeso zu entdecken, wie manche alte Zauberer Schätze mittels eines Zauberstäbchens fanden. Ich dachte nicht schlechter darum von den Indiern, die ich kannte, aber eine gewisse Enttäuschung, ein unabschüttelbares Mißtrauen blieb zurück.
Es geschah nun öfter, daß er mich nach der Stunde zur Elektrischen hinabbegleitete. Bald gingen wir den kleinen Umweg über die Heide – es war in England im Winter an regen- und nebelfreien Tagen nicht viel kälter als im Sommer – bald den Berg hinab auf der breiten Alleestraße bis zu Hampstead Hill. Ich zog den Weg durch die Straßen schon deshalb vor, weil wir auf der Heide nicht nur durch das nasse Gras gehen mußten, sondern hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil wir dort immer Liebespaare auf dem Grase oder den Bänken fanden, ohne Unterschied der Jahreszeit oder der Tagesstunde.
Da wandte sich Ming Tse immer mit einem überlegenen Lächeln an mich und sagte:
»So sind die Mädchen in Europa.« Das ärgerte mich immer grenzenlos.
»Es sind nur die Schlechten von ihnen,« verteidigte ich.
»Die allermeisten,« erwiderte er lakonisch. »Viele aus guten Häusern, viele verlobt mit anderen Männern,« fügte er hinzu.
Ich wußte, daß er recht hatte und es tat mir leid,daß wir den fernen Asiaten ein so entsetzliches Vorbild gaben, wir, die wir auf unsere höhere Moral so stolz und von ihr so überzeugt sind.
Sobald ich auf die Elektrische gesprungen war, blieb Ming Tse regungslos stehen und winkte mit seiner kleinen, zierlichen, braunen Hand noch einmal zu mir herauf, während ich ein gleiches tat, bevor ich hineinging und der Wagen sich in Bewegung setzte.
Noch jetzt steht klar das Bild des kleinen Chinesen vor mir, wie er unbeweglich stand und mit der Hand herübergrüßte zur Elektrischen, zu mir.
Schade, daß uns das Schicksal damals nicht getrennt hat.
VII.
Nirgends auf der weiten, weiten Welt ist es schön, wenn man allein ist. Umgeben von schneegekrönten Bergen mit oft sichtbarem Alpenglühen, von Nadelwäldern, wo man hundert eigenartige Baumformen vor sich sieht, oder am Meeresstrand, wo sich die Wellen an den scharfen Klippen donnernd brechen, in lieblichem Tale, wo Blumen aller Arten das Auge erfreuen, wo Getreidefelder wie Meeresfluten vom Winde bewegt auf und nieder wogen, da kann man die Einsamkeit fühlen. Aber dennoch mag das aufrührerische Herz dann nach jemand rufen, der es ganz versteht. Gleichgültige Menschen oder die Menschen, die uns nicht begreifen, für die wir ein Rätsel sind und die uns »verändern« wollen, weil ihre Eigenart der unsrigen wie ein Positiv und Negativ gegenübersteht, die mildern nicht die Einsamkeit – sie vergrößern sie unter Umständen.
Aber um wieviel schrecklicher ist die Einsamkeit, wenn die Natur geschwunden, wenn hohe, düstere Häuser, ernste Menschen, lärmende Fuhrwerke und häßliche Ankündeschilder uns umgeben? Persönlich bin ich der Ansicht,daß man nirgends auf Erden besser studiert als in London, weil alle Zerstreuungen fehlen und man nur an sein Wissen denkt, und auch, daß niemand die Einsamkeit vollkommen kennengelernt hat, wer nicht einen Winter ganz allein in der Siebenmillionenstadt geweilt hat. Wer diesen Ernst, die ewige Ruhe inmitten des ohrenbetäubenden Lärms, den Nebel und immer bedeckten Himmel ein Jahr lang ausgehalten hat, der kann mit Recht von sich sagen, daß er »den lieben Herrgott kennengelernt« hat, und das in keineswegs erfreulicher Weise.
Die Bauten sind meist aus rotem Ziegelstein, vom Nebel und Regen mit einer schwarzbraunen Kruste überzogen. Auch in Häusern, wo man verhältnismäßig viel für ein möbliertes Zimmer bezahlt, ist die Treppe nach zehn Uhr abends, in anderen auch früher ein schwarzer Schlund, in dem man sich auf gut Glück und oft auf allen Vieren begeben muß, wenn man nicht ein vorzeitiges Ende nehmen will oder es wünscht, einen Teil seiner Knochen gebrochen zu haben. Aber was sind alle diese Uebelstände gegen die Einsamkeit, die einen nicht bigotten Ausländer an einem englischen Sonntage überkommt, wo jeder Engländer wenigstens zweimal des Tages in die Kirche geht und zwei Stunden jedesmal drinnen sitzt.
Wenn man die ganze Woche angestrengt gearbeitet hat, geht man nur ungern am einzigen Ruhetag in ein Museum, wo der Geist wieder angestrengt wird, schlafenkann man doch auch nicht von Samstag abend bis Montag früh, und mit seinen trüben Gedanken als einziger Gesellschaft die alten Kleider verbessern oder Handschuhe waschen, ist, wie nützlich und sogar notwendig dies auch sei, keine Erholung für die Werkeltagsmühe. Im Winter regnet es, und im Sommer, wo man die Parke besuchen kann, sind diese kein Eldorado. Fliegt einem nicht der Ball eines Kindes an den Kopf und saust nicht der Reif eines anderen gegen die Füße, so stolpert man gewiß über ein paar Liebende, die im Grase liegen und über so eine Rücksichtslosigkeit natürlich entrüstet sind. Bleibt das Daheimbleiben in einem zweifelhaft reinen Zimmer, das, selbst wenn es gassenseitig ist, keinerlei Abwechslung bietet, da in den Hauptstraßen nur Aemter in den oberen und Geschäfte in den unteren Stockwerken sind und in den Seitengassen, wo Leute wohnen, nichts zu sehen ist, da nur diejenigen oder doch fast nur diejenigen die Gasse betreten, die eben in ihr wohnen. Dafür hat man andere Besucher von etwas zweifelhaft angenehmer Art. Allerlei Leierkastenmänner kommen angezogen, die um der Feier des Tages willen ausschließlich Hymnen spielen und mit gebrochener Stimme manchmal den Text dazu singen; ferner kommt im Winter der Butterkrapfenmann mit seiner melancholisch klingenden Glocke, der mir fast immer Tränen entlockte. Klingt doch sein »Bim-bim« genau wie das Schellengeläute und mahnte mich der Ton deutlich an die Heimat mit ihrem hohen Schnee, dem warmen Ofen, denzischenden Bratäpfeln und dem blauen Himmel, der auch im Winter so klar sein konnte, sobald es zu schneien aufgehört. Ihm folgen die Bettler, die je nach ihrem Temperament eine schreckliche Mordgeschichte, ihren eigenen Lebensbericht in Versen verfaßt, oder eine Hymne singen, glücklicherweise aber mit solchem Gekrächze, daß man der Worte verlustig geht und sich der Kunstgenuß auf die lieblichen Töne beschränkt. Der Apfel- und Orangenmann bleibt auch nicht aus. Auf seinem zweirädrigen Wagen, besser seiner Schubkarre, fährt er durch alle Gassen, sein »two pence a pound« ausrufend und seine schmutzigen Finger dabei über die Früchte gleiten lassend – wahrscheinlich um den Genuß zu erhöhen. Endlich erscheinen die Zeitungsausträger, die ihr gellendes »Evening News« oder »Sunday Times« mit den betreffenden in den Blättern befindlichen Neuigkeiten ausschreien, als ob sie die Toten zum Leben erwecken wollten oder einen Wettbewerb mit den Posaunen von Jericho eingegangen wären. Gewiß ist wenigstens einer – meist jedoch zwei oder drei Leute – in der Gasse der glückliche Besitzer eines Grammophons, und da es bekanntlich sehr sündhaft wäre, sich am Tage des Herrn weltlichen Vergnügungen hinzugeben, so ein ehrsamer Ladenbesitzer aber andererseits nur am Sonntag Zeit genug hat, sich den musikalischen Genüssen zu widmen, so besänftigt er sein Gewissen und befriedigt gleichzeitig seine Sehnsucht, indem er ausschließlich Hymnen spielen läßt.
Langsam aber sicher wirken diese äußeren Umstände auf den inneren Menschen – den Charakter, das Gemüt – zurück. Das Leben ist nicht länger Leben, sondern ein trauriges Dahinschleichen in erdrückender Atmosphäre. Rom ist die Stätte der Kunst, Paris die der Unterhaltung, des wilden Genießens, London aber die des Studiums, des Handelns und – des Vergessens, denn ein Schleier senkt sich dort wohltuend auf Geist und Körper, man vergißt, vergißt alles, mit der Zeit selbst, daß man noch am Leben ist. Daher sagt man mit vollem Recht, daß alle die Leute, die getäuschte Hoffnungen zu begraben haben, nach England kommen, nicht nur, weil es das Land der Freiheit ist, sondern hauptsächlich weil sein Klima, die Lebensverhältnisse, der große Unterschied in allem zwischen dem Inselreiche und dem Kontinent das Vergessen so sehr erleichtern. Die goldene leuchtende Sonne Roms scheint eine Ironie zu sein, wenn im Innern eine so grauenvolle Finsternis herrscht; die Heiterkeit in Paris erweckt Aerger, Neid, Unwillen in den Herzen derer, die mit den Freuden des Daseins abgeschlossen zu haben meinen, aber der graue Himmel Großbritanniens, die abweisende Haltung der Engländer, die nicht in die Geheimnisse einzudringen trachten, die uns neben sich leben lassen, ohne sich um uns zu kümmern – alles dies erleichtert uns das Vergessen. Alle entthronten Herrscher gehen dorthin ins Exil. Staatsmänner, deren Staatsstreich mißlang, Nihilisten, die dortvon Freiheit träumen, Verbannte, die nie zurückkehren dürfen, Politiker, die von ihrer Höhe gestürzt, Liebende, die ihr Glück auf immer begraben haben, sie alle ziehen nach London. Wer mit dem Leben – dem erträumten, dem erhofften Leben – abgeschlossen hat, begibt sich auf die Insel, und dort verwandelt sich der Schmerz, auch der heißeste, der wildeste, in Melancholie. Wer zuviel von ihr abbekommt, versinkt entweder im Schlamm des Lasters oder begeht Selbstmord.
Ich saß in meinen vier Pfählen und hatte eben in der oben aufgezählten Ordnung den Butterkrapfenmann, die Bettler, den Orangenverkäufer, die Zeitungsausschreier und einige Leierkastenspieler vorüberziehen gehört, hatte meine Handschuhe und andere Kleinigkeiten gewaschen, denn der warme Dunst des siedenden Wassers erwärmte gleichzeitig das Zimmer, in dem es Ende März noch immer sehr kalt und unfreundlich war, hatte einige Minuten lang die fallenden Regentropfen beobachtet und vernahm eben, daß zwei Grammophone »losgelassen« worden waren. Ich hatte die größte Lust, mich, wie schon oft, auf das Bett zu werfen und bitterlich zu weinen, aber da ich wußte, daß es nicht dabei blieb und ich mich im Uebermaß der Verzweiflung wieder gegen die kahlen Wände werfen und mir tagelang das Lächeln physisch wehtun würde, bezwang ich mich. Ich zog meine Jacke an, um wenigstens nicht zu frieren, und mich auf das Bett, den einzigen bequemen Platz, setzend, zog icheinen Brief Jennys aus der wurmstichigen Tischlade, den ich am vorhergegangenen Abend bekommen hatte. Wenn doch meine Schwester mir ähnlicher gewesen wäre! Nein, sie war Mamas Ebenbild, ich konnte nicht hoffen, bei ihr Verständnis zu finden. Sie war – dem Himmel sei Dank – wie andere Mädchen!
»Käthelchen!« begann der Brief.
»Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr mich Dein Brief und besonders das schöne Armband gefreut hat. Weißt Du, eigentlich fürchtete ich schon, daß Du so gelehrt geworden seist, daß Dir nur ein Buch eine passende Gabe für mich erschienen wäre, – mir, die ich es dem Gutenberg nie verzeihen kann, die dumme Buchdruckerkunst erfunden zu haben. Wenn Mönche noch heutzutage Bücher kopieren müßten, brauchte ich weder so viel zu studieren, noch so viel langweilige Klassiker durchzulesen, gerade damit ich »gebildet« bin. Ich gehe viel lieber auf das Eis und fahre Schlittschuhe oder tanze – ach Käthe, wieviel ich heuer im Winter getanzt habe! – oder gehe ins Theater, aber Mama hat mir diesmal nicht so viel hübsche Blusen gekauft, was mich oft ganz unglücklich gemacht hat.
Käthe, denkst Du nie an das Heimkehren? Jetzt läufst Du schon drei Jahre in der Welt herum und Mama sagt immer, daß es kein gutes Licht auf uns werfe. Ich mache mir nichts aus dem ›guten Licht‹, aber ich möchte Dich so gern hier haben, damit ich öfter ausgehen könnte.Du weißt, Mama findet, es schickt sich nicht, daß ein junges Mädchen allein ausgeht, und wenn ich sage, ja, aber die Käthe, so sagen alle: ›Ja die Käthe!!!‹ und Tante Elly fügte hinzu: ›Die hat doch alles nach ihrem Kopfe getan‹.
Glaube nicht, daß ich nie ohne Sehnsucht an Dich denke. Mir sagte die alte Köchin, daß Du jemanden einst sehr, sehr lieb gehabt hast und deshalb fortgezogen bist, und daß Du ihn nie, nie vergessen wirst, obschon er schon lange tot ist. Seit der Zeit lege ich jedesmal Blumen auch auf sein Grab, wenn ich Papas letzte Ruhestätte besuche und flüstere leise: ›Von der Käthe!‹ Bist Du mir böse, weil ich dessen erwähne? –
Wie ich meinen achtzehnten Geburtstag feierte, fragst Du, lieber Kather? Wir hatten das reinste Familienkonklave. Zuerst kam Tante Emma mit der spitzen Nase und dem langen Strickstrumpf.
»Ist mein kleines Mädelchen noch nicht bei der Arbeit?« fragte sie mich, denn sie will, ich soll jeden Tag wenigstens einen halben Strumpf für die Armen stricken.
»Aber Tante, an Festtagen arbeitet man nicht, das steht im Katechismus,« erwiderte ich.
»Müßiggang ist aller Laster Anfang,« entgegnete Tante Emma streng, »aber für heute muß man dich wohl entschuldigen.«
Als Geschenk gab mir das Scheusal ein Nähkörbchen.
Ihr folgte Tante Paula, die mich ermahnte, nichtwieder die heilige Messe zu versäumen. »In den Park gehen, das kann die kleine Madame Eitelkeit,« sagte sie streng, »aber in das Gotteshaus gehen, dazu sind die Beine zu schwach. Hier hast du ein neues Gebetbüchlein, mein Täubchen!«
»Alte, geizige Krähe,« dachte ich mir, »du siehst mich schon nicht so bald in der Kirche. Ich kann daheim auch beten, und Mama tut es auch nicht anders.« (Jenny war nicht ungläubig – nicht an allem zweifelnd und verzweifelnd wie ich selber, aber oberflächlich, vollkommen gleichgültig. Ich beneidete und ich beklagte sie. Wer nicht tief empfindet, leidet, aber genießt auch weniger.)
Ach, Käthe, Du wirst nie erraten, was mir meine Mama gab. Denke Dir, eine Bettgarnitur! Ich bin so ein dummes Mädel, aber kaum war Mama bei der Türe draußen, so hielt ich es nicht länger aus. Ich warf mich auf die neuen Schätze und weinte, weinte Fluten von Tränen, und doch hätte ich keinen richtigen Grund anzuführen gewußt. Ich hatte nur so ein unbestimmtes Gefühl – bitte, Käthe, lach' mich nicht aus! –, daß mir eine Bettgarnitur nur Freude bereitet hätte, wenn sie für zwei gewesen wäre, so ein dummes, dummes Ding ist Deine Schwester. Und ich kenne ja nicht einmal einen passenden »Zweiten«.
Um 11 Uhr kam Tante Hermine, Onkel Paul und meine Basen, die mir Blumen und Tante Stoff zu Hemden gaben. Zu Hemden! Hemden muß mir Mama injedem Falle kaufen, wenn ich nicht hemdenlos durch die Welt gehen soll, aber eine Tante, die sich 364 Tage jede abfällige Bemerkung und jede verletzende Kritik erlauben kann, hat die moralische Verpflichtung, am dreihundertfünfundsechzigsten Tage ihrer Nichte als Ersatz dafür ein wunderschönes Geschenk zu machen, so eine Art Schmerzensgeld zu zahlen, aber Hemden, das ist die Pein noch erhöhen. Ich hatte so fest auf eine mattblaue Seidenbluse mit zwei Falten auf jeder Seite und – aber ich weiß, daß Dich Kleiderfragen nicht interessieren – gerechnet, und nun diese Enttäuschung.
Berta puffte mich, als ich an ihr vorbeiging.
»Wie ich achtzehn Jahre alt war, hatte ich schon einen Bräutigam,« sagte mir die Natter. Ich hätte ihr gerne geantwortet, daß sie ihn nicht selber und ehrlich erworben habe, sondern daß große Fleischköder in Gestalt unzähliger Bewirtungen ausgeworfen worden waren, und daß ein Mann immer anbeißt, wo es etwas zum Essen gibt; aber Mama warf mir einen warnenden Blick zu, und ich strafte sie einfach mit geringschätzigem Lächeln.
Tante Hermine bemerkte plötzlich, daß ich mein Sonntagskleid an- und keine Schürze umhatte.
»Natalie,« sagte sie zu Mama, »deine Tochter wird nie einen Mann finden. Wenn ein junges Mädchen nicht häuslich erzogen ist und auf den Mann nicht gleich den Eindruck eines fleißigen Hausmütterchens macht, da ist alle Hoffnung, sie zu versorgen, vergebens.«
»Aber Hermine, das Kind –« entschuldigte sich Mama.
»Jenny ist kein Kind mehr, Jenny ist heute eine ganz erwachsene junge Dame,« widersprach die Tante. In meiner Achtung stieg sie dadurch ungemein, und ich begann ihr sogar das Hemdengeschenk zu verzeihen.
Kaum waren diese Besucher gegangen, als Tante Elly mit Kusine Lotta anmarschiert kam. Beide wünschten mir viel Glück und mischten, wie immer, gehörig Pfeffer der Bissigkeit bei.
Tante Elly betrachtete mich eine Weile mit demselben Gesichtsausdruck, den ich bei ihr wahrgenommen habe, sooft sie in einer Fleischwarenhandlung die Schinken und Hammelkeulen einer Prüfung unterwirft oder am Markte die Melonen und Gurken auf ihre Reife prüft, dann wandte sie sich an Mama und sagte:
»Jenny kleidet sich, als ob sie schon erwachsen wäre, und wie immer gibst du, Natalie, bei deinen Kindern nach. So ein Backfischlein soll noch kurze Kleider tragen und in jedem Fall sich nicht die Locken drehen.«
»Jenny sollte lieber noch die Naturwissenschaften studieren, sie ist noch ein furchtbarer Ignorasmus und müßte wenigstens drei Jahre täglich Unterricht von guten Professoren erhalten, um sich in gebildeter Gesellschaft sehen lassen zu können,« fügte Lotta bei, und ihre Nasenspitze fuhr in die Luft.
»Meine Liebe,« dachte ich mir, »so viel von derNaturgeschichte weiß ich wahrlich, um bestimmen zu können, daß du eine auf zwei Beinen gehende Klapperschlange bist,« aber laut wagte ich nichts zu sagen. Du, Käthe, hättest ihnen gleich eins über den Schnabel gegeben. (Und mit Vergnügen, dachte ich. Arme Schwester!)
Lotta gab mir eine kleine Bronzefigur, einen Tänzer vorstellend, und fügte der Gabe noch einige gute Lehren bei. Tante Elly gab mir eine Tüte Backwerk – zur Versüßung der Pille wahrscheinlich. Sodann versicherte sie Mama, daß sie bei uns beiden den Erziehungswagen total verfahren habe, daraufhin gingen sie. – –
Als ich nach dem Abmarsch sämtlicher Verwandten durch den Garten lief, um mich moralisch auszulüften und gerade über ein paar Rasenflächen gesprungen war, hörte ich über den Zaun herüber den jungen Doktor mit verstellter Demut fragen:
»Wohin sehen meine Augen die achtzehnjährige Majestät in voller Würde schreiten?«
Ich ärgerte mich wahnsinnig, nicht würdevoller den Garten herabgeschritten zu sein, denn weißt Du, Kather, dieser junge Mann ist der Sohn des Oberstabsarztes, der soeben sein Doktorexamen überstanden hat und nun darauf ausgeht, die Mitmenschen so schnell als möglich in die nächste Welt zu schicken, wie Großmama sagt, was aber nur Verleumdung ist, verstehst Du? Er ist so hübsch und hat einen so zierlichen schwarzen Schnurrbart und so schöne schwarze Augen und ein interessantesblasses Gesicht, daß ich mich ihm gleich anvertrauen würde – wie dumm ich mich ausdrücke –, jetzt wirst Du glauben, seiner Schönheit willen geschieht es. Nein, nein.
Eigentlich behandelt er mich gar nicht als »erwachsen«, er hat mich vor ganz kurzer Zeit noch am Zopfe gezogen und fragt mich auch, sooft er mich sieht, wie viele Speise ich kürzlich bei meinen Kochversuchen verdorben habe, aber ich antworte immer höflich – man muß gegen Nachbarn höflich sein, sagt Mama, und so entgegnete ich auch diesmal ohne scheinbaren Aerger:
»Ich hole einige Blumen für den Mittagstisch.« Ein wenig warf ich trotzdem die Lippen auf. Einer erwachsenen Dame gegenüber – – –
Aber im nächsten Augenblick war jeder Mißmut verschwunden. Er reichte mir einen Strauß der herrlichsten La France über den Zaun und rief fröhlich:
»Gratuliere, Geburtstagskind!«
O Käthe, Männer können doch entzückend sein, wenn sie wollen – aber leider wollen sie nur so selten, so äußerst selten!
Ich habe mir die Rosen aufgehoben, als sie trocken geworden. Man hat nur einmal im Leben einen achtzehnten Geburtstag, gelt, Käthe? Ich wünschte, ich wäre so mutig wie Du und könnte in die weite Welt ziehen. Der Doktor – ich habe Dir gar nicht seinen Namen gesagt, er heißt Emil Wurmbrandt – hat mir neulich gesagt:
»Fräulein, um Ihret und um Ihrer Freunde willen wünschte ich, daß Sie Ihrem Fräulein Schwester ähnlicher wären!« Käthe, wie soll ich das nur anfangen? Willst Du mir helfen?
Jetzt muß ich schließen – wir gehen auf ein Tanzkränzchen, und ich habe ein hinreißend schönes Kleid mit rosa Schleifen auf der rechten – aber das interessiert Dich nicht.
Schicke nur recht oft ein Modeheft!Deine Schwester Jenny.«
Schicke nur recht oft ein Modeheft!
Deine Schwester Jenny.«
Ich legte den Brief neben mich auf das Bett, dessen Matratze in mir das Empfinden wachrief, als läge ich auf einem Kartoffelsack, denn sie bestand aus Hebungen und Senkungen, mit gelegentlichen Vorgebirgen und Tiefebenen, lehnte mich müde zurück und dachte über die Zeit meines freiwilligen Exils nach. Drei Jahre, seit ich von der Heimat fort war! Der Mann, den ich einst geliebt hatte, war tot – und mehr. – Oft später hatte ich Heiratsanträge von Männern der verschiedensten Nationen gehabt, ohne daß ich mich zu einer Ehe hätte entschließen können. Sie sprachen dieselben Worte, gebrauchten dieselben Beteuerungen, würden dieselben Kosenamen anwenden, dieereinst gebraucht, und dies verletzte mich jedesmal im Herzen. Ich hätte es nicht ertragen können, nein, nie! Jennys biegsamer Charakter, ihr flatterhafter Sinn paßten sich den heimischen Verhältnissen viel besser an als der meinige. Sie würde heiraten,weil man ihrer und Mamas Ansicht nach heiraten mußte, weil es »hübsch« war, »gnädige Frau« zu sein, und weil man sich doch nicht um eine Hochzeitsreise beschwindeln lassen durfte, nicht weil sie den Mann, den sie erwählte, besser als alles auf Erden liebte. Sentimental war Jenny nicht, sie genoß das Leben, ohne sich über das Warum und Woher den Kopf zu zerbrechen.
Drei Jahre! Mir schienen es zwanzig Jahre, so reich an Erfahrungen war die Zeit gewesen. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde, sagt man, um so besser vernimmt der Unglückliche nicht nur den Stunden- sondern den Sekundenschlag. Dem Frohen dünkt das Jahr eine angenehme Folge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, der Traurige teilt das Jahr in 365 Tage ein, von denen jeder Tag 24 Stunden hat, von denen er gewiß 16 Stunden sich seiner Lage voll bewußt ist und die 60 Minuten jeder einzelnen Stunde auf bleiernen Schwingen vorüberziehen fühlt.
Ich setzte meinen Hut auf und zog den Mantel fester um mich. Ich wollte durch die triefenden Gassen wandern, um meine Glieder in eine andere Stellung zu bringen. Der frühe Abend war angebrochen, die Gaslaternen warfen ihren Schein über das nasse Pflaster, und ich dachte, als ich langsam in dieser Einsamkeit dahinstolperte, darüber nach, wie man die gegenwärtige Lage verbessern könnte. Heimkehren wollte ich nicht, ich brauchte bloß an alle Vorwürfe bezüglich meiner »Verschiedenheit«von den anderen Mädchen zu denken, um diese Idee zu verwerfen, weiterleben so konnte und wollte ich noch weniger. Da reifte langsam der Entschluß, den ich bis jetzt verworfen hatte: Ich wollte sterben. Aber wie? Ich ging der Reihe nach alle Gifte und ihre Wirkungen durch und wünschte, ich wäre Chemiker. Aus den Bars drang Musik, aus einigen Häusern ertönte Lachen. An den Mauern entlang huschten Schatten – Unglückliche, die kein Heim, kein Obdach hatten. – Ich betrat Tottenham Court Road mit seinen glänzenden Ankündeschildern, hellerleuchteten Cafés und vielen Straßenlaternen. Gleichgültig gegen alles schritt ich dahin und blieb unwillkürlich, eher geistig als körperlich müde, vor einem Bilderladen stehen, als ich mir plötzlich bewußt wurde, daß jemand an meiner Seite stand und ein Gespräch anknüpfen wollte. So etwas war mir früher hundertmal passiert und hatte mir immer schnell über die belebteste Straße geholfen, heute jedoch war ich so müde, daß ich mich nur langsam weiterschleppte. Der Schatten an meiner Seite blieb, und ich hütete mich, in seine Richtung zu schauen. Ich glitt vom Bürgersteig herab und ging auf die andere Seite der Straße, worauf ich in eine Seitengasse einbog, die mich nach Guildford Street zurückführen sollte.
Auf einmal sagte jemand dicht neben mir:
»Gu Habend!«
An meiner Seite stand der »Schatten« von früher.Ein koketter Schnurrbart und große dunkle Augen waren das Auffallendste an ihm. In den Augen vieler Mädchen hätte er gewiß als schön oder wenigstens hübsch gegolten, mich stieß der siegesgewisse Ausdruck in seinem Gesicht ab. Nachdem ich ihn von oben bis unten schweigend betrachtet hatte, ging ich weiter. Er folgte unverdrossen, was man sonst in London nie tut, wenn keine Ermutigung erfolgt. Was sollte ich tun? Der Kerl sah wie ein Italiener aus, ich bat ihn daher in dieser Sprache, mich in Ruhe zu lassen.
»Ick bin Kritsch,« sagte er.
O du Himmel, von der Sprache habe ich noch nie etwas gehört. Konnte er ein Orientale sein oder irgendein Südamerikaner? Er sah doch wie ein Europäer aus. Ich versuchte es mit Französisch, mit Spanisch und Deutsch. Umsonst! Alles, was ich erreichte, war:
»Ick sein Kritsch, Sie nette Mäk–ken!«
»Ick Tabak zuzuzuzuzuzu!« erklärte er nach einer Pause. Dieses Wort war der gewünschte Blitz im Dunkel. Fast alle Tabakverkäufer in London sind Türken oder Griechen. Der »Kritsch« war ein Grieche.
Vor einem schmutzigen Hause blieb er stehen.
»Hier bin ick!« erklärte er mir.
»Freut mich!« entgegnete ich und ging weiter.
»Nick gehn – nick gehn –« rief er gereizt, lief mir nach und faßte mich am Arm. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen, die mir zu Hilfe hätte kommen können, aber dessen bedurfte es auch nicht. Ich wußte,daß ich eine Stimme produzieren konnte, die sich über mehrere Gassen erstrecken würde – wenn notwendig. Vorläufig versuchte ich im einfachsten Englisch, jedes Wort so klar und deutlich wie möglich aussprechend, dem »Kritsch« begreiflich zu machen, daß er an die gefehlte Adresse gekommen sei.
»Gute Kaffee – sehr gute Kaffee oben,« wiederholte er. »Süße Frückt, viel süß auck,« zählte er seine Lockmittel auf.
Ich schüttelte den Kopf, daß mir das Genick weh davon tat. Dieses Zeichen mußte denn doch international sein, aber die Hand des Griechen hielt mich so fest wie im Anfange.
Endlich zog er ein Goldstück aus der Tasche und reichte es mir. Nun begann der Spaß mir zu viel zu werden, und zum Glück erschien am Ende der Gasse in diesem Augenblick die Säule der Gerechtigkeit. Das Geldstück gewaltsam in die Hand des Griechen zurückdrückend und mit der freien Hand auf die kommende Gestalt zeigend, stieß ich ihn von mir. Ein Blick auf die uniformierte Persönlichkeit, das Sinnbild von Ordnung und Sittlichkeit, war auch genug gewesen. Der »Kritsch« verschwand in dem Hause, als ob der Böse hinter ihm wäre, und ich konnte ruhig meinen Weg fortsetzen. Die Episode hatte mich aus der Melancholie aufgerüttelt und meinen Gedanken eine andere Wendung gegeben.
Wenn nun so ein armes Mädchen, das vielleicht nicht genug Geld hat, um für sein elendes Zimmer zu zahlen, an meiner Stelle gewesen wäre? Wenn man so jemand das Goldstück angeboten hätte in einer kalten, trostlosen Nacht? – Wie leicht wird es den reichen Mädchen, die immer begleitet, immer beschützt herumgehen, die nie etwas entbehren, gut zu bleiben, und mit welcher herzlosen Verachtung und mit welchem Dünkel sehen sie auf ihre unglücklichen Schwestern herab, die eine ganze Kette ungünstiger Zufälle nach schwerem Kampfe aus reiner Ermüdung zu Fall gebracht. Diese reichen Mädchen sollten bedenken, daß sie nur gut sind, weil sie keine Möglichkeit haben, etwas anderes zu sein. Urteilen können sie erst, wenn sie selbst im Kampfe gestanden und gesiegt haben, – verurteilen nie. –
Ich schritt nachdenklich heimwärts. In den belebteren Gassen strömten die Gläubigen aus allen Kirchen und sonstigen Gebäuden, wo religiöse Uebungen abgehalten wurden, heraus, übermäßig elegant gekleidete Frauen schritten mit gemalten Gesichtern und frechem Ausdruck um den Mund auf und ab, im Rinnsal spielten einstige Künstler, die in der Welt herabgekommen waren, Violine, und Sängerinnen, deren Stimme versagt hatte, sangen Opernarien, vom Lärm der auf und nieder flutenden Fuhrwerke übertönt. Vergrämt aussehende Italienerinnen mit schwarzem Tuche malerisch um das noch immer anziehende Gesicht geschlungen, standen in denPfützen und drehten die Drehorgel, auf der mit großen Buchstaben ihre Leidensgeschichte geschrieben war, Blumenmädchen boten schüchtern die Parmaveilchensträuße an, und zwischen ihnen hindurch, an ihnen vorüber schritt ich ernst und dachte darüber nach, wie ich wohl am besten sterben könnte. Tränen des Himmels – die kühlenden Regentropfen – benetzten mein blasses Gesicht, und der Wind fuhr wie leise liebkosend darüber hin. Und so erreichte ich mein Heim – besser das Loch, wo ich das erkaufte Recht hatte, mich niederzuwerfen – wieder.
Kein Licht – trotz allen Gebets kein Licht – zeigte sich am fernen Horizont. Und die Tage kamen und schwanden.
VIII.
Der Frühling mit seinen scharfen Ostwinden war vorüber, der Sommer war jäh ins Land gezogen. Nicht länger legte sich der Nebel über die Siebenmillionenstadt, aber der bekannte Großstadtdunst hatte zur Folge, daß man den Himmel trotzdem nie klar zu sehen bekam, so daß ich mich oft fragte, ob bei uns daheim der Himmel wirklich so blau gewesen, wie meine Phantasie ihn mir nun vorspiegelte.
Ich hatte heimgeschrieben und Mama gebeten, mir Jenny auf einige Wochen zu überlassen. Ich verdiente genug, um mir diesen Luxus leisten zu dürfen, und ich verging vor Sehnsucht nach irgendeinem Wesen, mit dem ich hätte sprechen können. Jenny verstand mich nicht, aber es war doch meine Schwester, zu der ich sprach, um die ich sorgen durfte. Wie gefürchtet, gab Mama nicht ihre Zustimmung. Die Tanten hatten ihr so lange abgeredet, da es Jenny so selbständig machen würde, und ein Mädchen müsse vorsichtig sein, wenn es eine gute Partie machen wolle usw. – So war meine letzte Hoffnung geschwunden. Mein alter Freund und Kollegewar erkrankt, viele Bekannten hatten London verlassen, die Verhältnisse im Amt waren bedeutend unangenehmer geworden, eine kleine Französin, der ich lange geholfen hatte, und für die ich monatelang allerlei Opfer brachte, zeigte sich als Feindin und als vollständig undankbar – ich war des ewigen Einerleis satt, ich glaubte an nichts mehr, da Rettung von keiner Seite kam, ich konnte das innere Gleichgewicht nicht finden, und was ich vor wenigen Wochen noch als Möglichkeit betrachtet hatte, war nun zum Entschluß geworden. Gifte waren schwer erhältlich, ich wollte daher ein langsames Mittel anwenden, von dessen Unfehlbarkeit ich oft gehört hatte. Ich kaufte Weinessig und trank ein Glas davon jeden Morgen. Oh, die Qualen, die ich ausstand! Der Ekel, der mich jedesmal überkam, wenn ich das Glas an meine Lippen führen sollte, die entsetzlichen Schmerzen, die dem Genusse des Getränks folgten! Manchmal taumelte ich vor Schmerzen und Unwohlsein gegen eine Straßenecke, oft saß ich Stunden nachher fast regungslos auf meinem Stuhl im Amte, die Arbeit nur mechanisch ausführend, während große Schweißperlen auf meiner Stirn standen. An manchem Tag erbrach ich, was ich getrunken, und der Brechreiz und Ekel waren oft so heftig, daß ich nahe daran war, das Glas auf den Boden zu schleudern und aufzuhören, aber da sah ich mich in meiner Bude um, dachte, daß ich eine lieb- und freudenlose Existenz möglicherweise noch sechzig Jahre würde ertragen müssen,und wie sauer der Essig, wie furchtbar der Widerwille auch war, ich setzte an und trank aus. Es war schwer, oh, so schwer zu sterben, aber es war noch grauenvoller zu leben, vielleicht gar lange leben zu müssen. Nur das nicht! Und ich trank – ich trank – und wieder kamen die Tage und schwanden. –
In dem Dunkel, das mich umgab, war der einzige Lichtpunkt der kleine Chinese. Seit über sechs Monaten war er nun mein Schüler, und jede Stunde brachte uns näher zueinander. Er hatte Tee aus China erhalten und machte nun jedesmal Tee, sooft ich ihm eine Stunde gab. Er hatte einen kleinen Schnellsieder, einen Teetopf und zwei hübsche Tassen und war so geschickt bei der Teefabrikation wie das allerhausmütterlichst erzogene deutsche Mädchen. Er hielt mir immer das Wasser und die Kanne hin, damit ich mich überzeugen konnte, daß kein »Pulver« verwendet wurde, obschon ich ihm oft sagte, daß ich keinerlei Zweifel hegte.
Er hatte der großen Hitze wegen – die ich zwar, sei es Schwäche oder Unempfindlichkeit, nicht fühlte – einen kleinen Fächer und fächelte sich unaufhörlich; auch klagte er wieder, daß man hier so »dumm« gekleidet gehe. Sein Heimweh war größer denn je.
Sooft er neue Kleider erhielt, zog er immer die Schachtel sorgsam auf das Sofa und zeigte mir alles – rühmte den Schnitt der Beinkleider, die Weichheit des Stoffes, die Farbe der Weste usw. und führte auchseine schönen chinesischen Seidenhemden vor, die mir wirklich gefielen. Sie waren so dicht, so weiß und so weich. Sonst mußte ich über seine Eitelkeit lachen. Er kaufte wenigstens vier Krawatten wöchentlich und war auch in anderen Luxusartikeln geradezu verschwenderisch. Er war sehr eitel und fand an Kleidern denselben Gefallen, hatte für die Mode dasselbe Interesse wie Jenny daheim, stäubte seinen Salon täglich noch einmal selbst ab, ordnete und kaufte Blumen und hatte sehr viel Sinn, ein Zimmer behaglich zu machen. Er drückte allem, mit dem er in Berührung kam, seinen Stempel auf, während ich immer, selbst daheim in meinem eigenen Zimmer, ein Gast, stets ein Fremdling blieb. Mein einziger Stempel, wenn ich überhaupt einen aufdrückte, war – ich muß es mit Schande gestehen – die Unordnung.
Es geschah oft, daß Ming Tse nach der Stunde ein kleines Sträußchen aus der Vase zog und es mir mit der Bemerkung gab, ich müsse etwas im Knopfloch tragen. Als Schüler war er faul – maßlos faul –, aber er brachte mich mit seinen Grimassen, seinen treffenden Kritiken, seinen komischen Stellungen und der Eigenartigkeit seines Wesens trotz meines Trübsinns noch immer zum Lachen – kurz, von allen Freunden und Bekannten war er der einzige, der mir geblieben, daher sagte ich mir oft – oft sogar mit innerem Zittern – »noch eine schwache Säule zeugt von entschwund'ner Pracht –«
Der Kleine tyrannisierte mich indessen, als ob er Professor und ich der Schüler wäre. Ich mußte tun, was er nun einmal wünschte – und ich tat es. Eines Tages sagte er mir:
»Herr Hian-Sho-Dschin, dem ich von Ihnen erzählt habe, möchte gern von Ihnen Stunden nehmen. Sie werden gehen, nicht wahr?« fragte er mich in dem Tone und mit dem Gesichtsausdrucke, der sagen wollte: »Du mußt!« und daher erklärte ich mich bereit. Ob ich mich zu Tode arbeitete oder sonstwie ins Grab sank, war ja einerlei, wenn ich nur diese Erde los wurde.
Am folgenden Tage erwartete er mich bei der Haltestelle der Elektrischen, um mich zu seinem Freunde zu führen. Wir wanderten Seite an Seite den kleinen Hügel hinauf, der zu der Wohnung Hian-Sho-Dschins führte, und anstatt wie sonst weit von mir entfernt dahinzugehen, kam er diesmal näher und legte sogar einige Sekunden lang seine kleine Hand auf meine Schulter. Ich war so verwundert, daß es mir nie eingefallen wäre, die Hand abzuschütteln. Im Gegenteil, ich ging vorsichtig weiter und tat nichts dergleichen. Er mußte jedenfalls von seinem Lehrer eine gute Meinung haben, so erklärte ich mir diese neue Vertraulichkeit.
Als wir ankamen, war der junge Seekadett Hian-Sho-Dschin noch nicht daheim. Ming Tse führte mich daher in seinen Salon und tat, als ob das ganze Haus sein eigen wäre. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl ansFenster, Ming Tse dagegen ging überall herum, untersuchte alle Bücher, alle herumliegenden oder -stehenden Gegenstände und zog, als er damit fertig war, zu meiner überaus großen Verwunderung einen Schlüsselbund aus der Tasche, mit welchem er sofort daran ging, zu versuchen, alle Schlösser aufzubrechen. Einige gaben nach, und Ming Tse untersuchte sorgfältig den Inhalt der verschiedenen Laden und Kasten.
»Aber Herr Ming Tse!« rief ich entsetzt, »was wird Ihr Freund sagen?«
»Gar nichts; ich bin ja sein Freund,« meinte er lakonisch.
»Das ist bei – Chinesen – so Sitte,« dachte ich mir und wußte nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte.
Inzwischen hatte Ming Tse mit Hilfe seiner Schlüssel alles geöffnet und durchgesehen, was noch geöffnet werden konnte, mit Ausnahme einer Lade, die allen Anstrengungen widerstand. Mein kleiner Chinese ließ sich nicht einschüchtern. Ruhig zog er sein Taschenmesser heraus und begann das Schloß zu erbrechen.
»Das geht wirklich nicht,« protestierte ich. »Was wird Ihr Freund von mir denken?«
»Oh,« entgegnete er lachend. »Sie brauchen es ja nicht mir nachzumachen.«
Inzwischen war das Schloß erbrochen, und Ming Tse las die Briefe, die in der Lade waren, alle mitder größten Seelenruhe durch, kein Protest meinerseits konnte ihn davon abhalten.
»Ich muß wissen, wieviel Mädchen er hat,« gab er als Entschuldigung für seine Handlungsweise an.
»Lieber Herr Ming Tse,« warf ich lachend ein, »kümmern Sie sich, bitte, mehr um den armen Jakob I., von dem Sie nach fünf Monaten noch ebensowenig wissen wie vor diesem Zeitraum, und lassen Sie Herrn Hian-Sho-Dschins Briefe in Ruhe. Sie sind noch zu klein, um an Mädchen zu denken,« neckte ich ihn.
»Meinen Sie?« Ein eigenartiger Ausdruck kam in sein Gesicht, die Augenlider senkten sich fast ganz über die schwarzen Punkte, und nur zwei Schlitze leuchteten mir aus dem gelben Gesichtchen entgegen.
»Größer werde ich nie werden,« sagte er mit Nachdruck, »und Hian-Sho-Dschin ist nicht einen Tag älter als ich,« fügte er hinzu.
In diesem Augenblick kam mein Schüler, und das Gespräch wurde abgebrochen. Der neue Chinese war bedeutend größer als Ming Tse, hatte aber ein kugelrundes Gesicht, wirres schwarzes Haar, das wie Borsten abstand, runde, ausdruckslose Augen und dicke Lippen, die unregelmäßige Zähne verdeckten, von denen der eine ganz ausgebrochen war. In seinem ganzen Auftreten lag etwas Unsicheres, Verschlafenes, was mich fürchten ließ, kein besonderes Kirchenlicht erfangen zu haben. Ming Tse wohnte der ersten Stunde als Kritiker bei. Ermachte Grimassen, sobald Hian-Sho-Dschin einen Fehler machte und unterhielt sich und mich, indem er nachäffte, wie zögernd und unbeholfen der Seekadett ein Diktat schrieb. Er ließ die Feder immer ein paarmal in der Luft herumfahren, bevor er ansetzte, und auch da sah es aus, als ob er ein Greis wäre, dessen Hand die Feder nicht mehr ruhig führen könne.
Sein Ideal war das Lesen politischer Artikel, von denen er gewiß nichts verstand, aber da seine Begeisterung für diese Art Literatur so groß war, tat ich nichts dagegen.
Mit wahrer Gönnermiene führte er mich nach der Stunde von Hian-Sho-Dschin weg und sagte mir in dem Tone eines weisen Vormundes, indem er mich von der Seite ansah:
»Sie dürfen aber nie – nie etwas annehmen von Hian-Sho-Dschin, er ist noch viel schlimmer als Hoang-Zo.«
Ich gelobte feierlich, seiner Warnung zu gehorchen, konnte mich jedoch nicht enthalten, innerlich zwischen Europa und Asien einen Vergleich zu ziehen. Auf seine Art und Weise hatte der kleine Chinese mich gewiß gern – er war sogar um mich besorgt –, aber dies hinderte ihn nicht, mich mit gefährlichen Personen bekannt zu machen, nein, mich geradezu zu bitten, hinzugehen. Warum?
Während wir über die Heide gingen, fragte ich ihn:
»Herr Ming Tse, würde es Ihnen leid tun, wenn ich sterben würde?« Ich fühlte, daß ein Wort des Bedauerns mir wohltun könnte.
Er sah mich verwundert an. »Ja, gewiß.« Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Ich würde einen Brief schreiben, einen sehr langen und lieben Brief und ihn auf Ihrem Grabe verbrennen.«
Nach chinesischen Anschauungen kann nämlich der Tote auf diese Weise erfahren, was der Lebende ihm sagen wollte. Unwillkürlich erwachte die Neugierde in mir, zu erfahren, was in dem langen und lieben Briefe stehen würde, aber ich sagte nur:
»Das wäre in der Tat sehr lieb von Ihnen, Herr Ming Tse.«
»Sie sind mein liebster Professor,« entgegnete Ming Tse, und ich fühlte, daß mir vor Rührung die Tränen in die Augen stiegen, kam ich mir doch so verlassen und unverstanden vor, und tat mir dieser einfache Ausspruch, der am Ende ja nur »chinesische Höflichkeit« war, doch so wohl! Ich wandte indessen mein Gesicht ab, um meinen kleinen Chinesen nichts von dem, was in mir vorging, merken zu lassen. –
Es mochte mehr als eine Woche verstrichen sein. Seit etwa vier Wochen hatte ich mit Aufbietung aller meiner Willenskraft jeden Morgen ein Glas Essig getrunken, aber zu meiner Verzweiflung merkte ich noch gar keine Wirkung. Wohl war ich blasser geworden undhatte dunkle Ringe unter den Augen, wohl aß ich wenig und ging mit Anstrengung, trotzdem flüsterte mir eine innere Stimme zu, daß ich nicht, wie ich ausgerechnet hatte, in sechs Monaten tot sein würde. Ich fühlte mit Mutlosigkeit, daß ich diese Marter nicht sechs Monate aushalten könnte – ich mußte ein anderes, ein schnelleres Mittel finden, aber welches?
Da erinnerte ich mich an »Der Blumen Rache« von Freiligrath. Ich wollte Lilien, Tuberrosen und andere stark duftende Blumen kaufen, Tür und Fenster sorgfältig verhängen, einen langen, langen Spaziergang machen, von dem ich todmüde nach Hause kommen würde, wollte mich auf das Bett werfen, wo ich so oft bitterlich weinend gelegen hatte, und wollte die Blumen in allerlei Gefäßen um dasselbe gruppieren, die am stärksten dufteten aber auf mich legen und dann – Hoffentlich gab es kein Erwachen!
Ich hatte die Nacht vom Sonnabend zum Sonntag gewählt. Dieser Tag war immer so viel entsetzlicher als die sechs anderen zusammengenommen, daß ich mir eine wahre Freude daraus machte, einen Sonntag zum Abfahrtstag zu ernennen. Ob Hölle, ob nichts auf der anderen Seite – es war mir gleichgültig. Ich hatte die Hölle hier, und das Nichts hat mich nie erschreckt. Wie schön, wie überwältigend schön es sein mußte, zu vergessen, daß man je gelebt hat! Dann waren alle Leidenschaften tot, alle Wünsche begraben. Ich verbranntemeine Briefe, verschenkte meine alten Kleider, gab meinen Kolleginnen kleine Geschenke und rechnete meine Hinterlassenschaft zusammen. Sie würde klein sein, da mich die Blumen so viel Geld kosten würden. Sooft ich an einem Blumengeschäft vorbeiging und mein Auge auf die großen, glänzenden, stark duftenden Lilien fiel, fuhr ein leiser Schmerz durch mein Inneres. Sterben war ja schön – es war das einzige, was mir Trost bringen konnte, was erfolgreich die Sehnsucht nach Glück in mir vernichten würde, aber es war traurig, zu sterben, bevor man gelebt hatte. Ich hatte treu geliebt und lange – so lange, daß ich nie vergessen konnte, und doch hatte ich das oft damit verbundene Glück nie gekannt, kaum geahnt. Ich schüttelte heftig diese unnützen Betrachtungen ab und sagte mir leise: »Uebermorgen!«
Und mir schien es, als hörte ich die Schwingen des Todes mich umrauschen.