XVI.

XVI.

Langsam verstrichen die Wochen, sie glitten fast unbemerkt an mir vorbei, die ich leidend auf den Kissen meines Lagers lag und die Zeit herbeisehnte, wo ein kleines süßes Wesen die gefürchtete Einsamkeit auf immer von mir nehmen würde. Li Bai war aufmerksam gegen mich, aber wie verschieden von den Männern des fernen Okzidents! Wie unempfindlich gegen die körperlichen Leiden seiner Mitmenschen, wie verständnislos gegen jedes tiefere seelische Weh. Er konnte kindlich heiter oder männlich brutal sein – Mann in des Wortes schönster Bedeutung war er nie.

Jenny schrieb mir oft. Sie war mit dem Doktor verheiratet und im zehnten Himmel oder so klang es wenigstens aus ihren Zeilen heraus. Ich gönnte dem Kinde sein reines Glück, aber ich vermochte nicht ganz die Frage zu unterdrücken, warum Jennys Geschick so viel, viel lichter als das meinige sein durfte, warum ich immer nur Pech, sie immer nur Glück hatte? Hunderterlei philosophische Betrachtungen ließen sich daran knüpfen und doch wollte mich keine Antwort befriedigen. Wievielglücklicher als wir Menschen waren die elenden Raupen, auf die wir doch nur mit Verachtung herabsahen! Jede hatte dieselben Lebensberechtigungen und genoß dieselben Freuden wie ihre Nachbarin, kein weniger vorteilhaftes Aeußere schnitt ihre Glückschancen jäh ab, keine Gewissensbisse konnten eine Raupenexistenz trüben, keine leidenschaftlichen Wünsche ein Raupeninneres erzittern machen, es sei denn der Wunsch, ein saftiges Blatt zu verspeisen. Hatte eine Raupe einen Baum voll solcher Blätter gefunden, konnten die anderen gewiß sein, auch auf denselben Baum klettern zu dürfen. Mein ewig forschender Geist versuchte und versuchte immer vergeblich das Rätsel unseres Seins zu lösen. Li Bai litt nie unter dieserlei Gedanken, ihm war alles gleich, wenn er nur hübsche Kleider, Geld, genug Speise und Trank und – Mädchen hatte, alles andere hatte keine Bedeutung für ihn.

Nur ein Ereignis aus dieser Zeit steht klar vor meinen Blicken. Unser Nachbar, Herr Liang Tse, wurde plötzlich zu seinen Vorfahren einberufen, und da er nicht nur ein alter Nachbar, sondern auch ein guter Freund des Mandarins war, nahm unsere ganze Familie regen Anteil an dem Unglücksfall. Unter reger Teilnahme darf man nun freilich nicht unser europäisches Mitleid verstehen – so etwas kennt ein Chinese nicht –, wohl aber ein Sichwichtigmachen und ununterbrochenes Hin- und Herlaufen zwischen unserem Hause und dem Sterbehause der Liang Tses.

Sieben Tage lang darf nämlich daheim nichts gekocht werden, und daher bringen alle Nachbarn die nötigen Lebensmittel in das Sterbehaus, die aber nicht mit den Speisestäbchen, sondern nur mit den Fingern in den Mund befördert werden. Wenn man bedenkt, daß die Vorschrift ebenfalls befiehlt, daß man sich in der Zeit weder waschen noch die Haare schneiden, noch die Nägel verkürzen soll, so wird man leicht begreifen, wie unendlich appetitlich so eine Hand am siebenten Tag aussieht – für europäische Begriffe natürlich, denn ein Chinese sieht nicht den Schmutz, sondern lediglich die große Trauer der Hinterbliebenen in einer solchen Handlung.

Die weiblichen Familienmitglieder müssen Tag und Nacht bei der Leiche bleiben, und alle müssen so laut als möglich ihre Klagen gegen den Himmel (oder die Zimmerdecke) schreien. Wer das Sterbezimmer betritt, muß auf Händen und Füßen herankriechen, um den Toten die gebührende Ehre zu zeigen. Parte werden auf braunem Papier geschrieben und durch die Neffen oder Enkel des Dahingeschiedenen in die Häuser aller Bekannten geschickt, aber man erwartet auch eine gewisse Belohnung für solche Aufmerksamkeit. Die so mit Parte bedachten Personen geben meist den Kindern einige Geldstücke, die beitragen, die hohen Begräbniskosten zu decken, denn so eine Beerdigung eines Hausvaters ist eine sehr kostspielige Sache in einem Lande, wo man den Toten viel mehr Ehren zollt als den Lebendigen.

Der Sarg allein, der mindestens so groß wie ein kleines Zimmer ist und aus dem dicksten Mahagoniholz sein muß, kostet sehr viel Geld und wird oft schon viele Jahre vor seinem Ableben von dem Manne selbst gekauft und nach und nach abgezahlt. In der Mitte dieser großen Kiste ist eine Oeffnung, groß genug, den Toten bequem ruhen zu lassen, rund um diese Vertiefung aber befinden sich allerlei Fächer, in die alle Kleider, Schmuckgegenstände usw. des Verstorbenen gelegt werden und die ihn in das Grab hinabbegleiten. Damit ist aber lange nicht genügt. Täglich müssen eine große Anzahl Räucherkerzen und wohlriechendes Holz verbrannt werden und der Tote darf nicht früher der Erde übergeben werden, bevor der Zauberer nicht den richtigen Platz gefunden hat, was oft recht viele Tage in Anspruch nimmt; ferner muß die Familie weiße Trauerkleider haben, die sie jedoch schon nach der Beerdigung gegen dunkelblaue (Halbtrauer) umtauschen können. Alle roten Papierstreifen im Hause müssen entfernt und diese durch weiße ersetzt werden, was alles viel Geld kostet; aber am meisten kostet wohl der lange Trauerzug.

Die Leiche wird mit einer Schicht Baumwolle umgeben und sodann der Sarg sorgfältig verklebt, damit auch nicht die allergeringste Spalte bleibt. Ist dies geschehen, so trägt man den Sarg, den zwanzig Männer kaum heben können, über die Schwelle und der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Voran tragen Chinesen allerleiNachahmungen von Dienern und Dienerinnen auf Papier, wie auch von Tieren, Hausgeräten aller Art, von Kleidungsstücken und ähnlichen Sachen, die alle auf dem Grabe feierlich verbrannt werden und mit denen sich der Geist in der nächsten Welt seinen neuen Haushalt gründet. Papierene Gold- und Silbermünzen werden auf den Weg gestreut, damit die Dämone über sie herfallen und den Toten unbeachtet lassen. Viele Räucherkerzen und Papiere werden unterwegs und auf dem Grabe verbrannt, und die Leidtragenden stimmen die ohrenzerreißendsten Klagegesänge an. Die Söhne des Dahingeschiedenen müssen immer von zwei Chinesen unter den Armen gehalten werden, weil man annimmt, daß sie vor lauter Gram und Kummer nicht gehen können, aber in Wirklichkeit ist ihr Schmerz keineswegs allzu groß. Wirft sich gar ein Sohn in den Staub, um darin herumzurollen und Jammerlaute auszustoßen, so muß der Zug stehenbleiben, bis der Mustersohn sich wieder gefaßt hat, und so eine öffentliche Kummerbezeugung wird ihm sehr hoch angerechnet. Bei den Chinesen mehr als bei allen anderen Völkern gilt überall und vor allem der Schein.

Am Grabe angekommen, das fast durchwegs die Form eines Hufeisens hat und das immer bewacht ist, da die großen mitversenkten Schätze die Banditen sehr anlocken, werden alle nachgeahmten Tiere, Diener, Hausgeräte usw. verbrannt, Räucherkerzen ebenfalls, das Jammergeschrei der Leidtragenden muß meilenweit hörbar sein und dannerst darf man an den Rückmarsch denken. Fahren darf niemand und da oft ein Beerdigungsplatz viele Stunden weit entfernt liegt, kommen die Leidtragenden mehr tot als lebendig heim. Aber was tut's? Sie haben ihre Pflicht erfüllt und ein schönes Beispiel kindlicher Liebe und Hingebung gegeben.

Hundert Tage nach dem Sterbetag des Vaters wird seine Namenstafel dem Hausaltare eingefügt, vor dem der jetzige Hausherr täglich seinen Kotau machen muß, und damit ist die Geschichte erledigt. Nein, nicht ganz! Denn drei Jahre lang sollen die Kinder Trauer tragen und in der Zeit dürfen sie keine Ehen schließen. Man beschränkt die Trauerzeit jedoch heutzutage meist auf zweieinviertel Jahr, was noch immerhin sehr lange für unsere Begriffe ist.

Li Bai, der sich vor dem Tode sehr fürchtete und mir oft sagte, daß er lieber ein blinder lahmer Krüppel sein würde als sterben zu wollen, war durch dieses Ereignis sehr niedergedrückt und bekam einen bösen Anfall nach dem anderen, was natürlich in Grausamkeiten, wenn nicht in Werken, so doch in Worten, mir gegenüber sein Ende nahm. Auch war er von beispiellosem Aberglauben.

»Wenn eine Katze auf dem Dache oberhalb des Sterbezimmers ist und ein Hund unter das Bett des Toten kriecht, so kann der Tote aufstehen und dann tötet er alle, die er erreichen kann,« sagte er ganz überzeugt. »Und daher muß immer ein Wächter das Dach bewachenund die Leute unten das Eindringen eines Hundes verhüten,« er rückte mir ganz ängstlich näher, »wenn es aber doch geschehen sollte, daß der Tote aufstehen kann, so muß man ihm einen Stock in die Hand geben, da faßt er ihn gleich mit beiden Armen und fällt um und dann kann man sich ihm ruhig nähern und ihn zurück auf das Bett legen.«

Auch wußte er von Toten zu erzählen, die im Sarge laut geschrien hätten, von Dämonen, die allerlei Unfug getrieben, weil man nicht Räucherkerzen genug abgebrannt hatte, von Vampiren, die sich auf den Körper ihres vorigen Feindes stürzten und sein Blut langsam aussaugten und vieles dieser Art.

Grausame Geschichten gefallen dem chinesischen Temperament, grausame Strafen zu ersinnen ist ihnen ein seelischer Hochgenuß. Li Bai konnte ein wahres Vergnügen daran finden, mir trotz meines Zustandes von Enthauptungen chinesischer Verbrecher zu erzählen und die furchtbare Methode des langsamen Verbrennens einer Gattenmörderin zu beschreiben, der man ein chemisches Präparat in Gestalt einer Stange in den Magen stößt, das sie langsam innerlich verbrennt. Drei Tage und drei Nächte leidet das Opfer die furchtbarsten Schmerzen, bevor endlich die Erlösung eintritt. Die Folter wird noch allgemein angewendet und die verschiedenen Todesarten sind allzu grausam, als daß ich sie hier beschreiben wollte. Sie scheinen den Chinesen keineswegs zu hartund eins ist gewiß: Sie empfinden körperlichen Schmerz nicht wie wir. Sie ertragen Foltern, die kein weißer Mann aushalten könnte und sie verstümmeln absichtlich ihre Glieder, brennen ohne Klagen ihre eigenen Augen aus oder schlagen sich mit einem Stein Beulen auf den Kopf, um sich zum Bettlerfache auszubilden. Sie gehen an menschlichem Elend mitleidslos vorüber, vielleicht weil oftmalige Hungersnot, Seuchen und Ueberschwemmungen sie unempfindlicher gemacht haben, sie sind heldenmütig im Ertragen ihrer Leiden und Krankheiten, welche sie meist dem Einflusse böser Geister zuschreiben, und sie sind kaltblütiger als wir. Ihre Moral ist nicht unsere Moral, ihre Neigungen stimmen nicht mit den unsrigen überein. Sie sind fesselnde Bekanntschaften und schlechte Verwandte; als Diener sind sie schweigsam, fleißig, genügsam und ausdauernd, sehr schmutzig, unredlich und verlogen. In ihrer Heimat sind sie ebenso gut, wie wir in der unsrigen, aber wie wir nicht zu ihnen passen, passen auch sie nicht zu uns. Der Mond hat gewisse Vorzüge, seine Schönheit und seinen Wert, aber er muß am Nachthimmel sich zeigen. Vereint am Himmel können Sonne und Mond nicht stehen, ohne sich gegenseitig allzusehr zu benachteiligen. Westen ist Westen und Osten ist Osten, sagt Kipling, aber die beiden können sich nie treffen. – Nein, nie treffen in gleichen Anschauungen, gleichen Grundsätzen, gleichem Ziele zusteuernd. –

Täglich trat bei Li Bai mehr und mehr der materialistischeZug seines Wesens hervor, die Kopfschmerzen, die, wie wir endlich entdeckten, von dem unsinnigen Brauch herrührten, sich eine schlanke Mitte zu schaffen und zu erhalten, indem er einen breiten Ledergürtel straff über den Magen spannte, nahmen immer zu und seine Wutausbrüche wurden nicht geringer. Er sollte immer studieren, um im Herbst nach Europa zurückzukehren – der einzige Hoffnungsstrahl, der das grausige Dunkel meines Lebens erhellte – und dies wollte er nicht. Er liebte das tatenlose Dahinleben, das Zeitvergeuden und die oberflächlichen Gespräche, die er mit seinen Freunden pflegen konnte, und wollte auch, zu seiner Ehre sei es gesagt, seiner Mutter gern als Schutz gegen die Konkubinen seines Vaters zurückbleiben, aber der Mandarin übte seine ganze Strenge aus und ich tat, was ich vermochte, um ihm den Uebergang vom Nichtstun zur Arbeit so leicht als möglich zu gestalten.

Ein heißer, wolkenloser Junitag. Li Bai stand vor dem großen Spiegel in der Ecke unseres Schlafgemachs und rasierte sich – etwas, das er nie zu tun versäumte, da er sich glühend einen Bart wünschte, der aber bei den Chinesen selten vor dem Alter von vierzig Jahren sichtbar wird und daher, weil ein Zeichen weiseren Alters, immer Ehrfurcht einflößt; aber obschon er mir oft beteuerte, daß sich schon eine Unzahl Haare zeigten, muß ich gestehen, daß ich nie den Schatten auch nur eines einzigen kleinen Härleins entdecken konnte und sein Gesicht so glatt wie die reinste Haut eines jungen Mädchens war.

Ich fühlte mich elend – elend – und doch hatte der Zauberer mir den Storchbesuch erst für Anfang August angekündigt, aber jedenfalls hatten die ununterbrochenen kleineren und größeren Aufregungen das ihre beigetragen. Ich schrie auf und sank bewußtlos zurück.

Als ich die Augen wieder aufschlug, stand Li Bai über mich gebeugt da und fragte, ob ich mich nicht ganz wohl fühlte.

»Li Bai,« sagte ich bittend, indem ich meine letzten Kräfte aufraffte, »sende jemand in das englische Hospital.«

Einen Augenblick schien es, als wollte er Einwendungen machen, dann aber mußte mein Aussehen wohl jeden Zweifel getilgt haben, denn er machte sich daran auszugehen. Bevor er das Zimmer verließ, trat er noch einmal an mein Lager, wo ich schweißbedeckt und stöhnend lag.

»Mutter wird bald kommen und die ›Nurse‹ auch,« sagte er, »und mach' dir nichts daraus, wenn du ein paar Stunden große Schmerzen hast. Das ist immer so.« Damit nahm er seinen Fächer und verschwand. –

Alles, was später geschah, schwebt mir eher als schrecklicher Traum vor, nicht als Wirklichkeit. Ich litt furchtbar und, wie es mir deuchte, eine Ewigkeit, aber es wird, wie Li Bai so anteilnehmend sagte, nur einige Stunden gewesen sein. Man gab mir Chloroform und so oft ich meine Augen öffnete, neigte eine freundliche blonde Krankenpflegerin sich über mich, die mir zulächelte und mirmeine Lage nach Kräften erleichterte und ein dicker Doktor sprach ermutigende Worte – dann – dann – sank ich in langes, langes Vergessen zurück, aus dem ich nach Fieber und Leiden erst drei Wochen später erwachte.

Die Sonne warf durch eine Spalte einen einzelnen Sonnenstrahl über den dunklen Teppich, als ich wieder zu vollem Bewußtsein erwachte. Mir gegenüber saß die Nurse und arbeitete an einer Stickerei. Sie stand sofort auf und trat an das Lager.

»Wieder wohl und frisch?« lächelte sie.

»Nein,« entgegnete ich matt, »nur noch nicht tot.« Das Wort »frisch« erschien mir der schrecklichste Hohn, war ich doch so schwach, daß es mich Ueberwindung kostete, den Arm zu heben.

»Jetzt wird es schnell gehen und Sie werden zu Kräften gelangen,« sagte sie liebenswürdig.

»Was ist mit mir geschehen?« fragte ich und erst dann kam volles Verständnis für alles Vorgefallene zurück.

Die Nurse lächelte geheimnisvoll und eine Flut von neuem Empfinden erwachte mit diesem Lächeln in mir.

»Mein Baby?« sagte ich und fühlte, wie jeder Blutstropfen mir zum Herzen strömte.

»Ein Knabe!« sagte die Krankenpflegerin. »Er ist bei seiner Großmama.«

Gerade da kam Li Bai. Er neigte sich über mich mit derselben gleichmütigen Höflichkeit, die ich so gut an ihm kannte – ohne ein Wort des Bedauerns, daß ich so sehrgelitten – um seinetwillen gelitten – hatte, ohne Zärtlichkeit dafür, daß er nun den erwünschten Erben hatte. Ich hatte meine Schuldigkeit als Weibchen getan – damit war alles erledigt. –

»Siehst du,« sagte er stolz und triumphierend, »daß ich recht hatte! Ich habe dir einen reizenden Sohn gegeben mit meinen Zaubereien, und du kannst mir dankbar sein.«

Also die Dankesschuld war meinerseits??! – Das beweist, daß jedes Ding auf Erden von zwei Gesichtspunkten aus gesehen werden kann und man nur zu wählen braucht, bis man den passenden findet.

Frau Ming Tse kam nun auch und in viele Seidentücher gehüllt, brachte sie meinen kleinen Sohn, der ohne mein Wissen »Sing« genannt worden war, dessen Horoskop aufgestellt wurde und der schon die Silberkette um den Körper gewickelt trug, die ich allein ihm hätte geben sollen. In der Tat, ich war Mutter nur in zweiter Linie in den Augen aller dieser Menschen.

Mit zitternden Händen griff ich begierig nach dem Bündel, das meinen Schatz enthielt, und nun fielen meine Augen zum erstenmal auf das Wesen, um dessentwillen ich so viel leiden mußte, das mir im fernen Land ein Trost und eine Stütze werden sollte, ein Band vielleicht, das mir helfen würde, wo alles andere mißlang, die Seele und das Herz meines chinesischen Gatten zu finden oder zu erwecken.

Vor mir lag ein kleines Geschöpfchen mit weißer Gesichtsfarbe aber ganz chinesischen Zügen. Die scharf geschlitzten Augen, die starken Backenknochen und die flache Nase ohne richtige Nasenwurzel, Li Bais etwas breite Lippen und sein straffes schwarzes Haar – ja, Klein-Sing war ganz und gar Chinese, trotz der Hautfarbe – das einzige, was er von seiner Mutter hatte. Würde seine Seele mir ähneln oder kalt und gefühllos wie die Herzen der Chinesen sein? Jetzt hoben sich langsam die wimpernlosen Lider und ein Paar nachtschwarze Aeuglein sahen mich verwundert an, dann verzog sich das kleine Schnäuzchen meines Sohnes und Erben, und ein lautes »Ä-ä« wurde hörbar. Ich hatte meine Mitmenschen, mein Vaterland, Li Bai und alles vergessen. Ich dachte nur an das kleine Wesen, das hier in meinen Armen lag und das so wunderschön – oder so schien es mir – »A-ä« sagte.

Die Schwiegermutter streckte ihre knochigen Hände nach der süßen Last aus, aber ich preßte Sing fester an mich. Er war mein, ganz mein eigen und niemand sollte ihn berühren.

Li Bai neigte sich über mich.

»Du wirst müde sein, Käthe, laß' Sing meiner Mutter. Sie hat ihn so lieb.«

»Ich habe ihn auch lieb,« erwiderte ich und meine Augen funkelten, »und Sing istmeinKind!«

»Gewiß,« sagte er finster, »aber auch das meine.« Damit ergriff er das Bündel, das mir so viel Freude bereitete,wenn es mir auch nicht wie mein Kind vorkam, dieser kleine, komische Chinese, den ich doch so innig liebhaben wollte und so gern zu behalten wünschte, ergriff es und reichte es seiner Mutter, die damit verschwand.

Ich legte mein Haupt müde auf die Kissen und fühlte, wie eine Träne nach der anderen über meine eingefallenen Wangen rann. Die Nurse neigte sich tröstend über mich. Li Bai war verschwunden.

»Ich hole es später wieder,« sagte sie leise, trocknete meine Tränen ab und gab mir etwas zu trinken, woraufhin ich einschlief und die Gegenwart vergaß.

Mama hatte sehr beglückt geschrieben – Li Bai hatte ihr die Geburt meines Sohnes telegraphisch mitgeteilt – und Jenny bat mich, ihr den gelben Neffen recht bald nach Europa zur Beschauung zu bringen. Sie war sehr glücklich in ihrer Ehe und lebte mit dem Doktor von allen Tanten fern in Mainz am schönen Rhein. Auch sie erwartete einen Erben und freute sich auf das kommende Glück. Ach ja, sie würde ihr Kind auch für sich behalten dürfen!

In der Nacht durfte ich Sing bei mir haben, und das Kind weinte nie. Früh am Morgen kam die gefürchtete Schwiegermutter und trug es davon, und den Rest des Tages verbrachten wir damit, das Kind uns gegenseitig wegzustehlen. War Li Bai daheim, so war seine gleichförmige Bemerkung:

»Sie ist die Mutter – wir sind nicht aus der Erdegekrochen, sondern eine Mutter hat uns geboren; wir schulden ihr Achtung und Gehorsam, wenn sie also Sing haben will, mußt du ihr das Kind lassen.«

Manchmal lehnte ich mich dagegen auf, manchmal ließ ich meinen Schatz klaglos davontragen und die Mutter, die gewiß sah, daß ich unter der Trennung mit Sing litt, tat was sie konnte, um ihn mir oft wegzunehmen.

Es mochten seit des Kleinen Geburt zehn Wochen vergangen sein, als der Mandarin, der seinen Enkel auch manchmal auf die Arme nahm (denn Kinder liebt man überall in China), zu mir kam, um mir einige wichtige Briefe zur Beantwortung zu überreichen. Er fand mich nicht wie sonst lesend oder studierend – mein einziger Trost in meiner Verlassenheit –, sondern auf dem Lager ausgestreckt, bitterlich weinend vor. Obschon er nicht danach aussah, als ob er zu den Personen gehören würde, die Herzensergüsse mit Verständnis entgegennehmen, vertraute ich ihm auf seine Frage nach meinem Kummer doch an, daß wir in Europa gewöhnt sind, unsere Kinder selbst zu haben, und daß ich mich so unendlich verlassen fühlte, da Li Bai immer bei seiner Mutter, bei seinen Brüdern oder bei Freunden in Tientsin weilte, ich meinerseits durch meine Ehe abgeschnitten von den Gefährten meiner Rasse sei und so nicht mehr wisse, wie ich dieses Leben in tiefster Einsamkeit aushalten solle.

Ich hatte erwartet, den Mandarin böse zu sehen, hatte selbst gedacht, daß er mir geradeswegs sagen würde,ich könnte ja zu dem Mittel greifen, zu dem so viele unglückliche Chinesinnen greifen mußten – nämlich dem Wasser, durch das der Rauch der langen chinesischen Pfeifen gezogen ist und das, wie bitter es auch schmecken soll, doch unfehlbar zu einer Reisekarte in die Ewigkeit verhilft.

Nichts Derartiges geschah. Ernst und nachdenklich ruhten seine Augen auf mir, und nach einer kleinen Weile sagte er, wenn auch scheinbar ohne Mitgefühl in seiner Stimme:

»Li Bai ist zu sehr Chinese, als daß er einer Europäerin einen guten Gatten machen könnte!« meinte er kopfschüttelnd.

»Glauben Sie,« fragte er nach einer Pause, »daß Li Bai je das Doktorat machen wird?«

»Nein!« sagte ich aufrichtig. »Er hat keinen Ehrgeiz, keinen Fleiß, kein Interesse. Alle meine Bemühungen waren erfolglos!« gestand ich geknickt.

»Dies war nicht Ihre Schuld!« entgegnete er. »Sie sollen nicht mehr so lange allein sein!« sagte er sodann und ging.

Von da an durfte ich Sing den ganzen Vormittag behalten und am Abend brachte man ihn mir schon früh, aber ich beobachtete, daß der Blick meiner Schwiegermutter unendlich feindselig auf mir ruhte, wenn sie auch nicht mehr wagte, Sing so lange wie früher von mir fernzuhalten. Ein leises Grauen beschlich mich oft, wennich sie so lautlos herbeischleichen sah und ihre ölige Stimme vernahm, die immer einige höfliche Erwiderungen auf meinen tiefen Kotau hatte. Aeußerlich sprach nichts – es sei denn das unmerkliche Zucken um die Augen und Mundwinkel – von ihrer Abneigung gegen mich, aber eine Art sechster Sinn ließen mich diese ihre Gefühle wissen, als ob sie es mir offen gesagt hätte.

Mit Hilfe Li Bais gelang es ihr noch an manchen Tagen, den Kleinen fortzutragen, aber sie wagte nicht mehr sich zu weigern, ihn auszuliefern, wenn ich nach einiger Zeit mit Kotau und höflicher Bitte meinen Sprößling abholte. Sie reichte ihn mir mit den öligsten Worten und dem verbindlichsten Lächeln, aber die wimperlosen Lider senkten sich über die Augen, und die kleinen knochigen Hände ballten sich, als wollten sie einen unsichtbaren Feind erwürgen.

Und Wochen kamen und gingen. Sie brachten mich immer näher dem Ereignis, das für meine Zukunft entscheidend werden sollte.

XVII.

Es war in den ersten Septembertagen. Die große Hitze war vorüber, aber noch immer waren die Tage schwül, und es war angenehm, im Schatten der Bäume am fernen Weiher zu liegen. Sing war seit ein paar Stunden bei seiner Großmutter, da ich seit mehreren Tagen nicht wohl war. Ich konnte keine Krankheitsanzeichen angeben, nur Müdigkeit, Unlust zu jeder Arbeit und selbst zum Essen und Trinken. Li Bai war auf ein paar Tage verreist, die Geschäftsbriefe hatte ich trotz meiner Ermattung schon am Morgen vollendet, daher entschloß ich mich, in den Park zu gehen.

Als ich schon auf der Schwelle stand, kam die Dienerin meiner Schwiegermutter und fragte mit ihrem ergebensten Lächeln und mit vielen Demutsbezeugungen, ob ich nicht unter den schlanken Bambusrohren und den Teakbäumen ein wenig ruhen wollte, und ich nickte zustimmend. Wohl war es nicht mehr zu heiß in den Häusern selbst, aber etwas drückend war die Atmosphäre noch immer, deshalb schritt ich trotz meiner unerklärlichen Müdigkeit, die sich sogar auf mein Denkvermögen zu erstreckenbegann, rüstig auf den Weiher zu, wo mir der Schatten der fremdartigen Sträucher in Herbstpracht entgegenschimmerte. Plötzlich fühlte ich eine unüberwindliche Sehnsucht nach meinem Kinde in mir erwachen. Wenn ich den kleinen weißen Chinesen – dieses seltsame Gemisch des Ostens und Westens – in meinen Armen hielt, schien es mir oft, als ob dies nicht ein Teil meines Selbst sein konnte. Da kam mir dieses fremdartige Wesen als etwas nicht zu mir Gehöriges vor, aber wenn ich die Augen schloß und nur sein weiches Gesichtchen an das meine preßte, da fühlte ich, wie ein unbeschreiblicher Strom von ihm auf mich überging und eine tiefe Liebe zu diesem Geschöpfchen in mir entbrannte. Vielleicht hatte er mein Wesen geerbt – oh, wie wunderschön wollte ich da seine Seele gestalten, voll Poesie, voll Verständnis für alles Schöne, alles Edle, alles Hohe! Wie wollte ich alles aufbieten, mir die Liebe meines Kindes zu sichern und ihm alle meine Gedanken zu weihen. Bis jetzt hatte ich es nicht verstanden, daß ein Weib Trost für alle Leiden in einem Kinde finden konnte, nun dämmerte das Begreifen dieser Tatsache langsam in mir. Müde wie ich war, schleppte ich mich, wie von einer inneren Macht gezogen, bis zu den Gemächern meiner Schwiegermutter. Das Zimmer war wider Erwarten ganz leer und nur auf der weichen Seidendecke lag etwas, was »ä-ä« sagte und seine winzigen Fingerchen zu zählen schien.

»Sing!« rief ich und umschlang leidenschaftlich dengefundenen Schatz. Niemand war anwesend, um ihn mir streitig zu machen, und ihn auf und ab schaukelnd und Zukunftspläne entwerfend, gingen wir, besser ging ich auf den Weiher zu. Die Sonne stand schon tief im Westen und ihre letzten Strahlen vergoldeten mit magischen Farbenspiegelungen das bunte Laub der Bäume. War es der Sonnenschein, war es meine Stimme, die immer wieder mit steigender Zärtlichkeit seinen Namen rief, war es die Ahnung von etwas, was außerhalb unseres alltäglichen Bewußtseins liegt – Sing lächelte mir zum erstenmal zu und streckte seine kleinen Aermchen mir entgegen. Ich blieb stehen, hob ihn hoch zu mir empor und preßte sein Gesichtchen gegen meine Lippen.

»Sing, Sing, mein Liebling!« flüsterte ich.

Die großen schwarzen Augen waren weit geöffnet und leuchteten seltsam, die kleinen Händchen griffen nach meinen Haaren, meiner Nase und glitten wie liebkosend über meine Wangen herab. Das kleine Mündchen lächelte, und Laute, die unzweifelhaft etwas Liebes bedeuten sollten, kamen von den dicken Lippen. Noch einmal küßte ich allen gelben Schwiegermüttern zum Trotz das zarte Antlitz meines Sohnes, und dann schritt ich auf die kleine gewölbte Brücke zu, die über den Weiher zu dem lauschigen Plätzchen führte. Hinter mir hörte ich die Dienerin schreien, die immer wiederholte:

»Sie hat das Kind! Sie hat das Kind!« was mich mit geheimer Genugtuung erfüllte.

Nun hörte ich auch die Stimme meiner Schwiegermutter, die mir lebhaft etwas zurief, aber ich nahm keine Notiz davon. Sie hatte mir selbst sagen lassen, ich möge mich unter die Teakbäume legen und ausruhen, und es konnte sie doch wahrlich nicht wundernehmen, wenn ich meinen Sohn mitnahm. Warum schrie sie plötzlich so wild, ich solle umkehren?

»Ka, Ka,« hörte ich sie rufen (das war ihr Name für mich, der in der Tat sehr chinesisch klang, wenn man ihn so veränderte), »bringe Sing zurück. Bleib' stehen!« rief sie wieder auf Chinesisch.

»Sie denkt, sie kann mir mein Kind wegnehmen, weil der Mandarin abwesend ist und Li Bai auch, aber darin soll sie sich irren. Ich behalte mein Kind – jetzt und in Zukunft!«

Hinter mir klang das eilige Laufen zweier Paare Füße, die mir mein höchstes Gut entreißen wollten, oder so dachte ich, da mein Herz voll Bitterkeit und Mißtrauen gegen meine Schwiegermutter war. Ohne mich umzusehen und nur Sing liebend gegen mich drückend, betrat ich den kleinen Steg. Mir deuchte, als hätte jemand hinter mir einen Schreckensruf ausgestoßen, aber ich war meiner Sache nicht sicher und dachte, daß es sich um einen Wutausbruch der Chinesin handelte. Doch als ich mich der Mitte des Weihers näherte, fühlte ich, wie die Brücke langsam nachgab und unter mir zusammensank.

Ein leichter Krach, ein gellender Aufschrei von meinen Lippen, der aus zwei anderen Lippen ein Echo fand, und ich glitt hinunter in die Tiefe. Verzweifelnde Anstrengungen machend, um die Oberfläche zu erreichen oder doch das Kind über den Wasserspiegel zu heben, klammerte ich mich mit der einen freien Hand fest an die Reste der eingebrochenen Brücke und versuchte mich emporzuschwingen, doch vergeblich. Ein wahnsinniger Schmerz im Fuß verhinderte mich daran. Ich hatte ihn zwischen ein Brett hineingeklemmt und verstand plötzlich, daß ich nicht an die Oberfläche gelangen konnte, daß man den Steg eigens hatte durchsägen lassen, um mich durch einen »Unfall«, wie man am Konsulat melden würde, aus dem Leben zu schaffen. Li Bai hatte einen Träger seines Namens – die Mutter des Kindes, die verhaßte Europäerin, sollte sterben.

Oh, die grausigen Sekunden, bevor ich ganz das Bewußtsein verlor, das entsetzliche Verstehen, daß das zarte Kind in meinen Armen steif wurde, daß dies Seelchen dahin zurückkehrte, woher es gekommen, eins wurde mit Tao. Wenn Tao alles war, dieses langsame Hingleiten von heftigem Todeskampfe in ruhigeres Hinsterben, das Rauschen in den Ohren, das dem Sterbenden das Brausen der Todesschwingen zu sein scheint, und dann die Nacht, die endlich Vergessen bringt. – – –

Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, lag ich auf dem Rasen am Rande des Weihers, über mich neigtesich scheinbar gelassen und ruhig wie immer der gestrenge Mandarin, und in den Armen hielt ich, noch immer leidenschaftlich fest an mich gepreßt, Sing, mein totes Kind! Langsam fielen meine Arme nieder, langsam schlossen sich die Lider aufs neue, die zu viel Elend gesehen hatten, um mehr schauen zu wollen, und nur wie im Traume hörte ich, wie der Mandarin zum englischen Arzte sagte:

»Sie hat das Bein gebrochen und soll in das Hospital gebracht werden!«

»Wäre sie nicht besser daheim aufgehoben als unter Fremden?« fragte der Doktor sichtlich verwundert.

»Sie ist am besten bei Ihnen untergebracht!« entgegnete im selben gelassenen Tone der Mandarin, aber ich hörte heraus, daß er den teuflischen Plan durchschaut hatte und mich in Sicherheit zu bringen wünschte.

Ich fühlte, wie man mich auf eine Tragbahre legte, dann schwanden mir die Sinne. – – –

Sechs Wochen waren ins Land gezogen, die kalten Oktobertage senkten ihre Nebelschleier auf Tientsin herab und ein feiner Regen schlug gegen die Fenster des Saales, in welchem ich auf einem großen Bette lag und auf meinen Fuß sah, der heute zum erstenmal aus dem Gipsverband genommen worden war.

Ueber fünf Wochen hatte ich in heftigen Fieberphantasien gelegen und nichts von dem gewußt, was draußen in der Welt vorgefallen war. Li Bai wargestern zu mir gekommen, kalt und höflich wie immer vor allen Fremden, und hatte sein Bedauern über mein »Mißgeschick«, wie er es nannte, ausgedrückt. Ich hatte die Nurse gebeten, uns allein zu lassen, und ihm dann alles so erzählt, wie es sich zugetragen hatte.

»Wir müssen eine eigene Wohnung haben, Li Bai!« sagte ich energisch. »Der Arzt hat Vergiftungserscheinungen in mir entdeckt und ich weigere mich, in das Haus deiner Mutter zurückzukehren!«

»Sie wird dir vergeben, wenn du sie um Verzeihung bittest!« sagte er. »Sie ist gut.«

»Soll ich sie um Vergebung bitten, weil sie mich umbringen wollte?« fragte ich und meine Augen blickten finster forschend in die meines Gatten.

Er schwieg und wandte sich ab.

»Soll ich mich entschuldigen, weil sie mein Kind getötet?« fragte ich noch einmal, und selbst diese elende kleine Gestalt fuhr bei dem Tone zusammen.

»Warum hast du ihr das Kind nicht gegeben, als sie es verlangt hat?« fragte er mich, und einen böseren Blick habe ich nie in menschlichen Augen gesehen.

Eine Pause entstand.

»Ich werde nie nach Europa zurückkehren,« warf er bitter hin, »und wenn mein Vater mich noch so sehr zwingen wollte. Lieber –« er vollendete nicht.

Der Arzt erschien mit der Wärterin, und da die Unterredung wieder Fieberanzeichen hervorgerufen hatte,verbot der Doktor Li Bai weitere Besuche während der nächsten Tage.

Ich starrte eben auf meinen ausgewickelten Fuß, auf dem wieder Strumpf und Schuh saßen, als sich die Saaltür öffnete und der Mandarin erschien.

»Besser, Ka?« fragte er.

»Ja, danke, leider!« erwiderte ich bitter.

Seine Augen sahen mich forschend an. »War Li Bai hier?«

»Gestern.« Ich schwieg einige Sekunden lang, nicht wissend, was oder vielmehr wie ich sagen sollte, was gesagt werden mußte.

»Er will nicht nach Europa zurück – er will auch seine Mutter nicht verlassen – und –« ich sank müde auf das Krankenlager zurück.

»Ka,« sagte er, »Sie sind ein tapferes Mädchen, das heißt, eine tapfere Frau!« verbesserte er sich. »Sie haben Jenny gegen meinen Willen vor – vielem – gerettet.«

Er berührte zum Abschied flüchtig meine Hand, eine seltene Gunstbezeugung, und sagte dann mit etwas wie Mitleid in der Stimme:

»Wenn Sie das Hospital verlassen können, so kommen Sie zu mir zur Bank und da – da werden wir sprechen.« Damit ging er.

Ein paar Tage humpelte ich mühselig zwischen den Betten auf und ab, um meinen Fuß wieder in Ordnung zu bringen, dann ging es besser, und eine Woche nachmeiner Unterredung mit dem Mandarin durfte ich das Hospital verlassen.

Um zehn Uhr stand ich, schwach und vor Kälte trotz meiner Pelze heftig zitternd, vor der Bank meines Schwiegervaters. Vielleicht war es auch Aufregung, was meine Zähne so unheimlich gegeneinander klappern ließ. Derselbe Diener, der uns vor einem Jahre die Tür geöffnet hatte, schlug nun dieselbe für mich allein zurück, und ich stand vor dem Mandarin, der mich mit einer höflichen Handbewegung aufforderte, Platz zu nehmen.

Eine Weile saßen wir uns stumm und regungslos gegenüber, dann sagte der Bankdirektor mit einer Festigkeit und Unumwundenheit, die gegen alle chinesischen Grundsätze und alle Ueberlieferungen des Himmlischen Reiches verstieß:

»Li Bai, mein jüngster Sohn, ist ein Esel.«

Ich widersprach nicht, denn, wenn eine Tatsache so einleuchtend ist, wie diese, ist selbst chinesische Höflichkeit nicht mehr vonnöten.

»Ka,« fuhr er fort, »Sie sind eine sehr nette, kluge und immer gefällige Schwiegertochter gewesen. Ich möchte nur ungern Unannehmlichkeiten mit dem deutschen Konsul haben. Wollen Sie nach Europa zurückkehren? Wollen Sie, daß wir eine Scheidung einleiten und als Grund – als Grund –«

»Böse Zunge der Gattin angeben!« sagte ich. »Das ist ein Scheidungsgrund in China und das genügt.«

»Aber dies gilt nicht vor Ihrem Konsul!« sagte er.

»Mangel an Uebereinstimmungsvermögen, Untreue, was Sie wollen, nur lassen Sie mich nach Europa zurück!« versetzte ich müde.

»Wir werden Li Bai die Schuld geben,« sagte der Mandarin entschieden, »und ich werde nicht nur das von Ihrer Mama in meiner Bank niedergelegte Vermögen sofort auf eine europäische Bank überschreiben lassen, sondern Ihnen, wie vereinbart gewesen, einen jährlichen Betrag von –«

Ich lehnte ab. Ich wollte von den Chinesen nichts haben, aber was immer die Bewohner der Mitte auch sein mögen, redliche Geschäftsleute sind sie. Die Heirat war eine mißglückte Unternehmung, und er bezahlte ohne Murren das Defizit.

Eine Viertelstunde später war alles besprochen und ich kehrte in das Hospital zurück, um im Rekonvaleszentenheim noch so lange zu bleiben, bis die Scheidung vor dem chinesischen Magistrat und dem deutschen Konsulat vollzogen war, was in der nächsten Woche schon vorüber sein sollte. Heimkehren unter sein Dach wollte ich nicht, und darin gab mir der Mandarin vollkommen recht.

Die Scheidung sollte am 1. November vollzogen werden. Meine Koffer waren alle von Li Bai gepackt und nach Hongkong geschickt worden, da ich die Seereise zurück machen wollte; Mama hatte ich schriftlich vonmeiner veränderten Lage mit Bedauern (ich wußte, wie sehr sie auf die öffentliche Meinung hielt) Nachricht gegeben und zugleich mitgeteilt, daß ich erst einige Monate später reisen würde und auch bei meiner Heimkehr Jenny besuchen, aber nicht in meine Vaterstadt kommen wollte, um ihr alle Unannehmlichkeiten zu ersparen. Folglich war alles angeordnet und ich wieder frei – ach frei! Nur ein Gang blieb noch, ein schwerer. Ich hatte meinen Schwiegervater gebeten, Sings Grab besuchen zu dürfen, und heute kam er, mich am Vorabend meiner Scheidung noch einmal durch den Garten zu begleiten, wo so unendlich viel Bitteres mir begegnet war.

Oede und feucht lag er vor mir, als ich an der Seite des Mandarins auf den Weiher zuschritt, die wieder hergestellte Brücke überschritt und unter den Teakbäumen vor dem Grabe meines Söhnchens stand. Keine geweihte Erde umhüllte seinen kleinen Sarg, kein Grabstein zeigte die Stelle, wo er begraben lag, nur einige kleine Steinchen zeigten den Ort, wo man die Kinderleiche der Erde anvertraut hatte.

»Schlaf' in Frieden, du mein lieber, kleiner Chinese!« flüsterte ich zärtlich. »Du hast nun abgestreift den Körper, den dein Vater dir gegeben hat, doch das Stücklein Seele, das du von mir erhalten, von deiner europäischen Mutter, die fühlen und leiden und entsagen konnte, das hast du hinübergerettet, wo es kein Leid mehr gibt. Mit deinem Scheiden, süßer kleiner Engel, hast dudas Band zerschnitten, das deine unglückliche Mutter an Chinesen knüpfte, das sie in fremden Landen bei grausamen Menschen zurückhielt. Hab' Dank und schlaf' in Frieden hier in fremder Erde! Deinen zarten Körper muß ich zurücklassen, dein Seelchen aber bleibt mit mir verbunden, bis der Engel Gottes einst die Toten weckt!«

Ich brach einen kleinen Zweig von einem Teakbaum, dann ging ich wieder, begleitet von dem immer gelassenen Mandarin, durch den Hof und die vielen Pforten zurück. Weder Li Bai noch sonst irgend jemand kam mir nahe, aber als ich an dem Hause meiner gelben Schwiegermutter vorbeiging, schien es mir, als ob ein Vorhang bewegt worden wäre – vielleicht täuschte ich mich auch.

»Auf morgen!« sagte der Mandarin.

»Auf morgen – und Dank!« entgegnete ich leise.

Und fried- und heimlos wie einst, wanderte ich zum englischen Hospital zurück.

XVIII.

Die Scheidung war ohne Schwierigkeiten durchgeführt worden. Beim Konsul hatten die Berichte des Doktors sehr den Weg geebnet, und bei den chinesischen Behörden tat sowohl das Ansehen als auch die weislich verteilten Bestechungen (im Orient noch mehr als im Okzident gilt das Sprichwort: »Wer schmiert, der fährt«) des Mandarins das ihrige. Die Vermögensbestimmungen waren schon vorher besprochen worden, so daß ein kurzgefaßter Bericht alles erklärte, und da keine Kinder da waren, fiel auch diese stets so schwer zu entscheidende Frage gänzlich weg. Noch ehe am 1. November die Mittagsmahlzeit die Angestellten den Berufspflichten entzog, war ich wieder frei, konnte gehen und tun, wie es mir gefiel.

Schweigend fuhren wir zur Bahn, und als das Zeichen zur Abfahrt gegeben worden war, reichte mir der Mandarin noch einmal die Hand, mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe und den unbeweglichen Zügen, die ichso oft an ihm gefürchtet und bewundert hatte, wünschte mir eine angenehme Heimreise und wies meinen Dank für seine freundliche Hilfe und den Schutz, den er mir hatte angedeihen lassen, ruhig zurück.

Ich reichte Li Bai die Hand, aber er wies sie zurück und sprang auf den sich eben in Bewegung setzenden Zug, während der Mandarin noch einmal eine grüßende Handbewegung machte und dann unseren Blicken entschwand.

»Ich begleite dich bis Hongkong!« sagte er entschieden.

Wie einst, als er noch mein Schüler im nun so fernen Westen gewesen war, half er mir so oft es nur möglich, bediente mich, als wir in Peking speisten, und war der vollendete europäische Kavalier, den ich in Europa so nett gefunden. Selbst das kindliche Wesen war unverändert. Er konnte über die Mitreisenden ebenso treffende Bemerkungen machen wie einst in London, und keine Spur von »miserable« war sichtbar.

Wir mußten die ganzen Abend- und Nachtstunden in den unbehaglichen chinesischen Zügen verbringen, und nur Li Bais fortwährende Bestechungen des Zugpersonals hatten zur Folge, daß wir wenigstens eine Art Wärmeflaschen einfachster Gattung erhielten, die unsere Füße und Hände vor dem Erstarren bewahrten.

Als einige der Mitreisenden ausgestiegen waren, neigte sich Li Bai über mich und sagte mit etwas von jener Weichheit und Zärtlichkeit in der Stimme, die inden allerersten Wochen unserer unglücklichen Ehe zuweilen durchgeklungen war, wenn er mir »No nai ni«, das chinesische »Ich liebe dich!« zuflüsterte:

»Ich möchte dich noch einmal küssen, Käthe, es ist ja das allerletzte Mal im Leben, daß wir zusammen sind.«

Zum letztenmal! Es liegt immer etwas Trauriges und zugleich etwas weich Versöhnendes in so einem »zum letztenmal«. Ich hob mein Gesicht schweigend zu dem seinen. Armer, lieber, kleiner Chinese! Es war wohl nicht seine Schuld, daß er so wenig »europäisch« war, und er konnte wohl ebensowenig dafür, daß er weder ein Herz noch eine Seele besaß, oder daß die beiden, falls er sie dennoch hatte, nie zum Vorschein kamen. –

Am folgenden Tage kamen wir in Hongkong an, dessen wunderschöne Lage und vollständig europäisches Gepräge mich angenehm überraschten, und bald brachten zwei Jinrikshas uns hinaus zum Hafen, wo der »Albatros« verankert lag. Meine Koffer waren schon an Bord gekommen und die Kajüte sah einladend, wenngleich so klein als nur denkbar, aus. Wir sollten zuerst in Singapore eine Woche verbleiben, dann zum Kap der Guten Hoffnung weitersegeln, und endlich, nachdem wir auch die Kanarischen Inseln besucht hatten, nach Norwegen fahren. In etwa zwei Monaten dürfte das Schiff in den Hafen von Christiania einlaufen.

Vier Stunden später verkündigte die schrille Dampfpfeife, daß der »Albatros« seine Reise anzutreten beabsichtigte.Li Bai legte die eben von ihm gekauften Früchte und Kuchen auf meinen Deckstuhl, breitete fürsorglich den Reiseplaid für mich aus und reichte mir dann die Hand zum Abschied.

Man scheidet nie leicht von dem Manne, dem man alles gegeben, was man zu geben hat, an den uns Bande knüpfen, die nur äußerlich getrennt werden können, die aber innerlich nie zerreißen. Der Name unseres Gatten steht auf der Platte unserer Erinnerung mit ehernem Griffel eingeritzt, gleich unverlöschlich, ob das, was darunter steht, zu seiner Ehre oder Schande lautet.

»Laß uns unsere Schwächen vergessen und nur des Guten gedenken, Li Bai!« bat ich, als ich zum letztenmal die zarte Hand in der meinen fühlte.

Unverständlich wie immer, wenn es sich um seelische Empfindungen handelte, klangen ihm meine Worte, die Lider deckten wie damals, als er mich bat, seine Frau zu werden, die schwarzen rätselhaften Augen, die Züge waren kalt und unbeweglich, wie immer, wenn nicht Zorn oder Lachen sie verzerrten.

»Leb' wohl, Käthe – und glückliche Reise!«

Das letzte Glockenzeichen ertönte. Er berührte mit seinen Lippen ebenso scheu und flüchtig wie an meinem Geburtstage meine Wange zum Abschied, drückte noch einmal leicht meine Hand und lief dann hurtig den Landungssteg hinab, der eingezogen wurde.

Die Schiffsschraube setzte sich langsam in Bewegung,mehr und mehr drehte sich das große Fahrzeug, bis es in die richtige Lage kam, und dann setzte die Maschine mit voller Kraft ein und dampfte der fernen Heimat zu.

Unten aber, auf der Mole der chinesischen Hafenstadt, stand eine kleine Gestalt, die ein blauseidenes Taschentuch aus einem europäischen Anzuge (Li Bai hatte sich zur Reise europäisch gekleidet) gezogen und winkte – winkte – gerade so wie in London, wenn die große Elektrische sich in Bewegung setzte und er noch einmal zu mir zurück grüßte.

Ich drängte die Tränen gewaltsam zurück, um so lange als möglich diese zierliche Gestalt sehen zu können, die unbeweglich auf der Mole stand und winkte, bis das Schiff weit, weit vom Strande die Wogen teilte und mein kleiner Chinese nur mehr ein Punkt am Horizont war.

»Was für eine hübsche Gestalt und welch nette Umgangsformen dieser kleine Chinese hatte, der von jener Dame Abschied nahm!« hörte ich einen älteren Herrn unweit von mir zu seinem Mitreisenden sagen.

»Ach, lieber Unbekannter, du hast recht, aber die zarte Gestalt und die netten Umgangsformen sind auch alles, was dieser kleine Chinese sein eigen nennt, und noch von diesen beiden Gaben ist seine Gestalt das einzige, was sich nie verändert,« dachte ich.

Die anderen Reisenden sahen vorwärts, weit hinweg über die schäumenden Wogen, ich aber blickte zurück aufdie Küste, wo nicht nur mein Gatte einer, wie ich hoffte und wünschte, besseren Zukunft entgegenging, sondern wo unter Teakbäumen und gewaltigen Bambusstämmen die Reste eines Körperchens lagen, das ein Teil meines Ichs – vielleicht mein bester Teil – gewesen. Li Bai würde schnell verwinden und vergessen, aber ein Mutterherz vergißt nie – auch nicht ein gelbes Kind, das nur drei kurze Monate lang an der Mutterbrust gelegen!

»Schlaf' in Frieden, mein toter Sohn!«

XIX.

Sechs Monate waren vergangen. Wochenlang hatte ich nur die glitzernden Wogen geschaut, die mächtig heranrollten, sich mit donnerndem Geräusche an den starken Planken des Schiffes brachen und in Schaum zerplatzten.

Wie sie, eilen wir alle auf das endlose Ziel zu, und wie sie vergehen wir, um vielleicht wiederzukommen, gerade wie die zerstäubten Wassermassen sich zu neuen Wogen, oft zu mächtigeren, formen.

Ueber mir hatte der blaue Himmel sich wolkenlos gewölbt, und diese Einförmigkeit der Umgebung, dieses matte Dahinträumen hatte nach und nach die Stürme meiner Seele eingeschläfert.

Ich hatte gelernt, was ich früher nie begreifen wollte, daß wir nur auf uns rechnen dürfen, nicht auf unsere Umgebung, daß wir den Frieden nur in der Ruhe finden, die oberhalb von Wünschen und Fürchtenliegt. Ich kämpfe nicht mehr gegen den Strom des Lebens, ich lasse seine Wogen mich hinwegheben über alle Hindernisse, die guten wie die bösen, und gleite so ohne tiefe Schmerzen und aber auch ohne große Freuden dem Ziele zu. Einmal erklingt wohl selbst für mich das Aveläuten!

Eine Zeitlang war ich in Südafrika verblieben, mehrere Wochen verbrachte ich in Las Palmas auf den herrlichen Kanarischen Inseln, und einen Monat verweilte ich im hohen Norden, wo die stolzen, unbeugsamen Tannen sich allerlei wundersame alte Märchen zuflüstern. Den Rest der Zeit sah ich nur über die unendliche Wasserfläche und lernte die schwere, ach so schwere Kunst des Vergessens.

War ich auch scheinbar von den Reichen des reinen Glückes verbannt, so blieb mir mein Wissen, eine Quelle unversiegbarer Schätze. Mir standen die Literaturen vieler Nationen offen, eine reiche Geisteswelt lag vor mir und Freunde warteten meiner, die weder Falschheit noch Untreue kannten. Zu ihnen konnte ich flüchten, sooft und auf wie lange ich es wünschte. Sie wollten mir die Einsamkeit ertragen helfen, nicht so vollkommen vielleicht, als Menschen es zu tun imstande sind, wenn wir die rechten daheim oder in der Fremde gefunden haben. Aber sie verursachten mir dafür auch niemals Seelenpein,wie sie die besten Menschen zuweilen uns zuzufügen nicht vermeiden können – oder wollen.

Es gibt verschiedene Musikinstrumente auf der weiten, weiten Welt und verschiedene Arten, ihnen Töne zu entlocken, denn Töne geben sie alle von sich – und so sind auch wir Menschen Instrumente, die je nach der Berührung, die schrecklichsten und schrillsten Mißtöne oder die herrlichste Melodie von sich geben. Einige Menschen ähneln Trommeln, andere Trompeten, wieder andere Harfen oder Geigen. Auf einer Trommel kann bald jemand spielen, aber es gehört ein Meister dazu, der Harfe oder der Violine harmonische Töne zu entlocken. Es ist schwer, den Meister zu finden, sehr schwer. Aber man kann – wenn man weise ist – verhindern, daß unkundige Hände die Saiten zum Springen bringen, indem wir niemand gestatten, das Instrument zu berühren.

Besser keine Töne, als Mißtöne.

Seit zwei Wochen weile ich bei Jenny, die mich sehr lieb aufgenommen hat und mich behalten will, bis ich wieder Kräfte gesammelt habe, um in die Ferne zu ziehen, denn ruhelos wie der ewige Jude treibt es mich von Ort zu Ort.

Auf den Wunsch meines Schwagers hin habe ich die Geschichte von meinem kleinen Chinesen geschrieben, die ein Warnungsruf an die Mädchen meiner Rasse sein soll.Chinesen haben wie wir ihre Licht- und Schattenseiten – nicht weniger Lichtseiten als wir –, aber sowohl Licht als auch Schatten ist verschieden im Osten wie im Westen, das möge immer bedacht sein.

Nur einem entsetzlichen Unfall verdankte ich meine Freiheit, sonst wären es wohl die Tore des Todes gewesen, die meiner Seele den Ausflug zur ewigen Freiheit eröffnet hätten.

Soeben kommt meine Schwester mit meinem entzückenden Nichtchen auf den Armen durch den Garten und der Doktor geht an ihrer Seite und hält sie umschlungen, als könnte jemand plötzlich seinen Schatz entführen, falls er nicht seinen Arm so fest – so innig fest um sie legen würde.

Wie glücklich die beiden Menschen doch geworden sind!

»Weißt du, Kather,« ruft sie mir, die ich in der Hängematte liege (für mich der bescheidene Begriff erreichbarer irdischer Glückseligkeit) und diese Blätter noch einmal durchsehe, fröhlich zu, »daß ich selig bin zu wissen, daß die gelbe Gefahr auf immer beseitigt ist?«

»Ja,« lächle ich müde, denn mein Nichtchen erinnert mich an mein totes Kind, »das ist ein Traum, der ausgeträumt ist.«

Jenny versteht mich, ihr Glück hat sie vertieft, veredelt. Sie streicht liebkosend über meinen Arm und preßt unwillkürlich ihren blonden Liebling fester an sich, der Doktor aber, der rührend lieb gegen mich ist und eineernste Stimmung nicht aufkommen lassen will, zieht sein schönes, junges Weib und das süße Kindchen zärtlich an sich und sagt mit der Eitelkeit und dem Selbstbewußtsein, die jedem Manne des Westens wie des Ostens eigen:

»Es gibt ja auch noch ganz nette Europäer.«

Und Jennys glückstrahlende braune Augen sagen »Amen«.


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