Achter AbschnittEinmarsch in Britisch-Rhodesien

Achter AbschnittEinmarsch in Britisch-Rhodesien

Unsere am 31. Oktober nach Fife entsandte zweite Kampfpatrouille hatte sich am Rwibaberge aufgehalten. Ich mußte nun mit der ganzen Truppe sofort nach Fife weitermarschieren, um dieses vor dem Feinde zu erreichen oder, falls unsere erste Patrouille dort im Gefecht stehen sollte, einzugreifen. Der zehnstündige Marsch (reine Marschzeit) von Mbozi nach Fife war eine ganz gewaltige Anstrengung für die Truppe, aber die Meldungen unserer Patrouillen, die Spuren des Feindes und seine an Bäumen vorgefundenen Zettel bewiesen einwandfrei, daß der Feind alles daransetzte, Fife noch am gleichen Tage,am 1. November, zu erreichen. Bei der Größe auch seines Marsches war man zu der Annahme berechtigt, daß unsere Kampfpatrouille, die ich am 31. Oktober, spätestens am 1. November früh bei Fife vermutete, den Feind den 1. November über an der Besetzung des Magazins von Fife hindern würde. Im Laufe des Nachmittags beschossen wir einige Patrouillen, ohne unseren Marsch aufzuhalten. Am Spätnachmittag wurden schwächere Abteilungen des Feindes in den Bergen nahe bei Fife schnell zurückgeworfen. Ich selbst ging mit der Abteilung Spangenberg, die rechts von der Straße abgebogen war, auf einen Bergrücken, auf einen Punkt vor, wo wir das Lager von Fife vermuteten.

Das Gelände wurde offener und war in der Hauptsache mit kniehohem Buschwerk und Gras bedeckt, als wir auf wenige hundert Meter vor uns Leute herumgehen und dicht stehende Zelte sahen. Die Leute benahmen sich so harmlos, daß ich fast glaubte, es wäre unsere eigene Kampfpatrouille. Aus 200merhielten wir dann aber ein sehr heftiges und anfangs auch recht gut gezieltes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Glücklicherweise wurde es von unseren Schützen nicht erwidert, da ich vor diese geraten war und zwischen beiden Parteien lag. Nach einiger Zeit fing der Feind, der sich augenscheinlich selbst wild gemacht hatte, an, hoch zu schießen. Es begann dunkler zu werden, so daß meine Patrouille sich zu unserer Schützenlinie zurückziehen konnte. So war wenigstens Klarheit über die Lage geschaffen: ein Feind von mehreren Kompagnien lag vor uns in verschanzten Stellungen mit gutem Schußfelde. Seine vorgeschobenen Abteilungen waren zurückgeworfen worden. Die Magazine lagen zum Teil außerhalb der Schanzen und fielen später in unsere Hand. Den verlustreichen Sturm auf diesen Feind wollte ich nicht ausführen, dagegen schien mir die Gelegenheit günstig, den Gegner in seinem eng zusammengedrängten Lager mit unserem Minenwerfer und von erhöhter Stelle aus mit unserem Geschütz und dann, wenn er sich zeigte, auch mit Gewehr- und Maschinengewehrfeuer zu beschießen. Unsere Maschinengewehre wurden in der Nacht dicht an seine Stellung herangeschoben und verschanzt. Die Erkundung für eine günstige Geschützstellung wurde auf den nächsten Vormittag verschoben.

Es war wahrscheinlich, daß die Eröffnung unseres Minenwerfer- undGeschützfeuers den von Neu-Langenburg kommenden Feind zum Angriff gegen uns veranlassen würde. Ein solcher Angriff gegen unsere Höhen wäre sehr schwer gewesen. Aber trotz der Beschießung am 2. November, bei der auch einige Verluste beobachtet wurden, zeigte sich kein neuer Gegner. Der erhoffte durchschlagende Erfolg gegen das Lager blieb aus, da unser Minenwerfer bei einem der ersten Schüsse durch eine zu früh krepierende Mine vernichtet wurde. Flachbahnwaffen allein gegen den gedeckten Feind konnten nichts ausrichten. Am Nachmittag marschierte unser Gros mit den mehr als 400 Stück starken Viehherden ab und zwischen Fife und der Mission Mwenzo hindurch nach Rhodesien hinein. Im Lager angekommen, sahen wir die starken Rauchsäulen der Magazine von Fife, die Abteilung Müller nach unserem Abmarsch in Brand gesteckt hatte. Aus Richtung von Mission Mwenzo wurde mehrfach kurzes Feuer gehört.

Allmählich trafen von dort Meldungen ein. Bei Mwenzo waren außer unserer von Mbozi entsandten Kampfpatrouille auch andere Patrouillen von uns eingetroffen und hatten sich mit englischen Patrouillen, manchmal auch untereinander, herumgeschossen. Eine Meldung besagte, daß eine feindliche Patrouille mit ganz dunklen, bisher unbekannten Uniformen aufgetreten sei; es müsse sich jedenfalls um einen neu erschienenen Truppenteil handeln. Nach vielen Nachforschungen stellte sich schließlich heraus, daß eine unserer eigenen Patrouillen infolge ihrer allerdings nicht mehr reglementsmäßigen Ausrüstung dauernd für Feind gehalten wurde. In der Mission Mwenzo selbst befand sich ein stehendes feindliches Lazarett, in dem unser Sanitätsmaterial ergänzt werden konnte. Die Chininvorräte wurden auf über 14kgergänzt, und die Chininversorgung damit bis Ende Juni 1919 sichergestellt.

Verschiedene Nachrichten und Gefangenenaussagen ließen erkennen, daß Transporte des Feindes aus der Gegend von Broken Hill nach Kasama und von dort weiter nach Fife gingen, und zwar mit Automobilen und Ochsenwagen. Kasama selbst schien eine größere Ortschaft und ein wichtiger Straßenknotenpunkt zu sein. Jedenfalls waren auf dem Wege von Fife bis Kasama Magazine des Feindes zu vermuten und Kasama selbst ein lohnendes Objekt. Zudem lag es, soweit man aus dem Atlas ersehen konnte, so, daß man sich dort entscheidenkonnte, weiter nach Süden um den Bangweolosee herum die Wasserscheide Zambesi-Kongo zu erreichen oder nach Westen zwischen Bangweolosee und Moerosee hindurch weiter zu marschieren. Die Angaben waren allerdings äußerst schwankend und gründeten sich fast ausschließlich auf einige Askari, die als Knaben in der Gegend des Moerosees an Handelskarawanen teilgenommen hatten.

Die wichtige Frage, wie die Flüsse und besonders der aus dem Bangweolosee in den Moerosee fließende Luapala beschaffen waren, blieb zunächst unbeantwortet. Erst einige in diesen Tagen erbeutete Karten und Beschreibungen schafften hierüber Klarheit. Nach diesen ist der Luapala eine ganz gewaltige Barriere; tief und an vielen Stellen mehrere Kilometer breit, ist er von ausgedehnten Sümpfen eingefaßt. Bei der bevorstehenden Regenzeit würde ein Übersetzen über denselben auf Einbäumen auf Schwierigkeiten stoßen, da diese Einbäume bei unserer Annäherung sicherlich auf das andere Ufer geschafft oder versteckt werden würden. Ich habe damals jede Minute zum Studium von Karten und Reisebeschreibungen verwandt und auf jeder Marschpause vertiefte ich mich in diese. Die Gefahr, infolge mangelnder Orientierung sich in dem von gewaltigen Strömen und Seen durchsetzten Gebiet festzurennen, war groß.

Zunächst galt es, die Etappenstraße Fife-Mission Kajambi-Kasama schnell aufzurollen. Bewegliche Kampfpatrouillen wurden in Gewaltmärschen vorausgeschickt, erbeuteten mehrere kleinere Magazine, nahmen deren Verwalter gefangen und fingen auch einige Ochsenwagenbespannungen. Hauptmann Spangenberg folgte mit 3 Kompagnien unmittelbar, dann mit etwa Tagemarschabstand das Gros der Truppe.

Die gewaltigen Marschanforderungen und das Abbiegen in südwestlicher Richtung, in ganz neues, unbekanntes Land, wurde einer Anzahl Träger zu viel. An einem Tage allein entliefen beim Kommando 20 Wasipe, die in der Gegend von Bismarckburg beheimatet waren und 13 anderweitige Träger.

In Kajambi traf das Gros am 6. November ein; die katholische Missionsstation besteht aus wundervollen und geräumigen, massiven Gebäuden. Die Missionare waren unnötigerweise geflohen. Im Schwesternhaus lag für mich ein Brief einer katholischen Schwester.Sie stammte aus Westfalen und appellierte als Landsmännin an meine Menschlichkeit. Sie würde sich sicherlich manche Unbequemlichkeit erspart haben, wenn nicht nur sie, sondern auch die übrigen Angehörigen der Mission ruhig auf ihrem Posten geblieben wären. Wir hätten ihnen ebenso wenig getan wie früher dem alten englischen Missionar in Peramiho bei Ssongea. Das Land war außerordentlich reich; im Missionsgarten wuchsen prachtvolle Erdbeeren. Bei der 2 Stunden nordöstlich Kajambi lagernden Nachhut wurde mittags Gewehrfeuer gehört; Hauptmann Koehl war dort zum Ernten von Verpflegung geblieben, Europäer und Askari zum großen Teil in einzelne Erntepatrouillen auseinandergezogen. Da wurde er von einer feindlichen Patrouille angegriffen. Hauptmann Koehl zog sich aus der unerquicklichen Lage heraus und machte am nächsten Tage bei Mission Kajambi wieder Front, wobei der Feind gelegentlich mit Erfolg unter überraschendes Feuer genommen wurde. Der Weitermarsch unseres Gros auf Kasama wurde am 7. November fortgesetzt. Ein Nachrücken des Feindes wurde nicht beobachtet. Sollte er aber doch nachdrücken, so war anzunehmen, daß er dies aus Verpflegungsgründen nicht in allzu großer Stärke tun konnte. Es bot sich die Aussicht, nach schneller Wegnahme von Kasama und auf diesen Ort basiert Front zu machen und ein günstiges Gefecht zu liefern.

Aber das waren Zukunftshoffnungen; für das erste galt es, schnell Kasama selbst zu nehmen, das nach den vorliegenden Nachrichten zwar nicht sehr stark besetzt, aber gut befestigt war. Hauptmann Spangenberg mit der Vorhut vergrößerte seinen Tagesmarschvorsprung immer mehr durch gesteigerte Marschleistungen. Ich folgte mit dem Gros; Verpflegung wurde ausreichend gefunden, und auch die Schilderungen verschiedener Bücher, nach denen der Wald reich an schmackhaften Porifrüchten sein sollte, bestätigten sich.

Am 8. November hatte Abteilung Spangenberg mehrere Patrouillengefechte nördlich Kasama, am 9. November nahm sie Kasama, dessen aus einer halben Kompagnie bestehende Besatzung nach Süden abzog. Munition wurde nur wenig erbeutet und auch die anderen Bestände des Waffendepots hatten geringen Wert. Der Ort hatte eine große Reparaturwerkstätte für Automobile und andere Fahrzeuge; mehr als 20 Burenwagen wurden erbeutet. Recht erheblich wardie Beute an Europäerverpflegung. Auffallend war, daß eine englische Gesellschaft in Kasama — ich glaube, es war die African Lakes Corporation — schriftliche Anweisung zur Zerstörung ihrer Bestände durch die Eingeborenen gegeben hatte. Diese kamen dann auch in größeren Mengen zum Plündern heran und Abteilung Spangenberg fand die Gebäude, Inventar und Bestände zum großen Teil durch plündernde Eingeborene zerstört vor. Seinem Eingreifen ist es zu danken, daß unter anderem das mit vielem Geschmack gebaute und eingerichtete Haus des britischen Commissionars erhalten blieb.

Während unseres Vormarsches von Fife hatte sich herausgestellt, daß, je weiter wir vorrückten, die feindlichen Magazine voller waren. Es machte den Eindruck, als ob wir eine Etappenlinie aufrollten, die, bei Broken Hill oder etwas nördlich davon anfangend, erst im Entstehen begriffen war. Wir durften hoffen, bei schnellem weiteren Vordringen auf noch reichere Bestände zu treffen, und die aufgefundenen Papiere und Eingeborenennachrichten schienen dies zu bestätigen. Drei Tagemärsche weiter, den Telephondraht entlang, sollten bei der Chambesi-Fähre große Bestände liegen, die zum Teil mit Booten herantransportiert waren. Ich selbst war mit Fahrrad am 11. November bei Hauptmann Spangenberg in Kasama eingetroffen, und dieser marschierte mit 2 Kompagnien sogleich weiter nach Süden auf die Chambesi-Fähre zu.

Das Gros selbst kam am 12. November nach Kasama. Gegen Abend hörte man aus unserer Anmarschrichtung Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Unsere Nachhut wurde 2 Stunden nördlich Kasama in ihrem Lager angegriffen. Der Feind, der bei Kajambi gefochten hatte, war nicht unmittelbar gefolgt, sondern hatte einen Parallelweg eingeschlagen. Nachts traf Abteilung Koehl bei Kasama ein. Mir schien jetzt das Unternehmen gegen das Chambesi-Magazin das aussichtsvollere und wichtigere zu sein, um so mehr, als der verfolgende Gegner nach der ganzen Lage immer weiter verfolgen und so von neuem für uns Gelegenheit zum Frontmachen bieten mußte.

Massaiposten⇒GRÖSSERES BILD

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