M.-G. GruppeErster AbschnittVor Kriegsbeginn
M.-G. Gruppe
M.-G. Gruppe
Als ich im Januar 1914 in Daressalam landete, da ahnte ich kaum, welche Aufgabe an mich nach einigen Monaten herantreten würde. Aber seit einem Jahrzehnt hatte der Weltkrieg mehr als einmal so nahe gedroht, daß ich mir ernsthaft die Frage vorlegen mußte, ob die mir unterstellte Truppe in einem solchen Kriege überhaupt eine Rolle zu spielen berufen wäre und welches ihre Aufgabe sein könnte. Nach der Lage der Kolonie und der Stärke der vorhandenen Kräfte — die Friedenstruppe war nur wenig über 2000 Mann stark — konnte uns nur eine Nebenaufgabe zufallen. Ich wußte, daß das Schicksal der Kolonien, wie das jedes deutschen Besitzes, auf den europäischen Schlachtfeldern entschieden werden würde. Zu dieser Entscheidung mußte jeder Deutsche ohne Rücksicht darauf, wo er sich gerade befand, das Seinige beitragen. Auch in der Kolonie hatten wir die Pflicht, im Falle eines Weltkrieges für das Vaterland zu tun, was in unseren Kräften stand. Die Frage war, ob wir die Möglichkeit hatten, die große heimische Entscheidung von unserem Nebenkriegsschauplatze aus zu beeinflussen. Konnten wir mit unseren geringen Kräften erhebliche Teile des Feindes vom Eingreifen in Europa oder auf anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen abhalten oder den Feinden eine nennenswerte Einbuße an Personal oder Kriegsgerät zufügen? Ich habe damals diese Frage bejaht. Allerdings ist es nicht gelungen, alle Instanzen in solchem Maße hierfür zu gewinnen,daß sämtliche für einen Krieg wünschenswerte Vorbereitungen ausgeführt werden konnten.
Es war zu überlegen, daß sich feindliche Truppen nur dann fesseln lassen würden, wenn wir den Feind wirklich an einer für ihn empfindlichen Stelle angriffen oder zum mindesten bedrohten. Es war ferner zu bedenken, daß durch eine reine Verteidigungstaktik mit den vorhandenen Mitteln nicht einmal der Schutz der Kolonie zu erreichen war. Handelte es sich doch um eine Grenz- und Küstenlänge ungefähr so groß wie die von Deutschland. Von diesem Gesichtspunkt aus ergab sich die Notwendigkeit, die geringen vorhandenen Kräfte nicht zu lokaler Verteidigung zu zersplittern, sondern im Gegenteil zusammenzuhalten, den Feind an der Kehle zu packen und ihn dadurch zu zwingen, seine Kräfte zu seinem eigenen Schutz zu verwenden. Gelang es, diesen Gedanken auszuführen, so wurde damit zugleich aufs wirksamste unsere Küste und unsere unendlich lange Landesgrenze beschützt.
Legte man sich nun die Frage vor, wo ein für den Gegner so empfindlicher Punkt lag, daß er uns Aussicht auf einen erfolgreichen Angriff oder wenigstens auf ein Drohen mit einem solchen bot, so kam man von selbst auf die Grenze zwischen Deutsch- und Britisch-Ostafrika. Längs derselben führt, auf wenige Tagemärsche entfernt, die Lebensader des britischen Gebietes, die Uganda-Bahn, also ein Objekt, das bei seiner Länge von gut 700 Kilometer für den Feind außerordentlich schwer zu schützen war und deshalb bei wirksamer Bedrohung einen großen Teil seiner Truppen festlegte.
Meine im Januar 1914 angetretene erste Erkundungs- und Besichtigungsreise führte mich von Daressalam zu Schiff nach Tanga, von dort nach Usambara und weiter in die Gegend des Kilimandjaro und Meru-Berges. In Usambara fand ich in dem mir von der Kriegsschule her gut bekannten Freund, dem Hauptmann a. D. von Prince, einen begeisterten Anhänger des Gedankens, daß wir Ostafrikaner bei einem etwaigen Kriege gegen England nicht stillsitzen dürften, sondern mit zugreifen müßten, falls sich auch nur die Spur einer Aussicht ergab, dem Kriege in Europa Entlastung zu verschaffen. Er konnte mich zugleich darüber orientieren, daß in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-Berge freiwillige Schützenkorps in Bildung waren, die voraussichtlich bald fast alle waffenfähigen Deutschen dieser Nordgebieteumfassen würden. Bei der dort dichten Pflanzerbesiedlung war dies von großer Bedeutung. Wenn wir im Verlaufe des Krieges im ganzen etwa 3000 Europäer haben bei der Schutztruppe in Dienst stellen können, so lieferten gerade diese Gebiete der Usambarabahn den Hauptbestandteil. Allerdings war es schwer, eine haltbare militärische Organisation dieser Freiwilligenvereinigungen zu finden und den vielen guten Willen auch wirklich nutzbar zu machen. Immerhin wurde im großen und ganzen erreicht, daß alle, auch die nicht gesetzlich hierzu Verpflichteten, bereit waren, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstellen. Auch bei den Bezirksämtern fand ich großes Entgegenkommen, leider aber auch das berechtigte Bedenken, ob solche Freiwilligenorganisationen in einem Weltkrieg, der uns mit Sicherheit vollständig von der Heimat abschnitt und auf uns selbst stellte, die nötige Festigkeit haben würden. Schlecht sah es auch mit der Bewaffnung aus; wenn auch fast jeder Europäer eine brauchbare Pirschbüchse hatte, so war doch die Verschiedenartigkeit der Modelle und die entsprechende Schwierigkeit der Munitionsbeschaffung bisher nicht behoben worden. Anträge auf gleichmäßige militärische Bewaffnung dieser Schützenvereine waren noch in der Schwebe und blieben bis zum Ausbruch des Krieges unerledigt.
In Wilhelmstal traf ich eine schwarze Polizeiabteilung unter ihrem tüchtigen aus Dithmarschen stammenden Wachtmeister.
Während die eigentlicheSchutztruppedem Kommandeur unterstand, hingen die einzelnen Abteilungen derPolizeitruppenvon den Verwaltungsinstanzen ab, und so hatte jeder Bezirksamtmann zum Zwecke der Steuererhebung und um seinen Befehlen die nötige Autorität zu geben, eine Truppe von etwa 100 bis 200 Mann. Es herrschte das Bestreben vor, diese Polizeitruppe immer mehr auf Kosten der Schutztruppe zu vergrößern. Neben der Schutztruppe war eine zweite, ebenso starke Truppe entstanden, die ihrer ganzen Natur nach eine Karikatur militärischen Wesens war und kaum etwas Besseres sein konnte. Der Bezirksamtmann, ein Zivilbeamter, verstand von militärischen Dingen häufig wenig und legte die Ausbildung und Führung seiner Polizei-Askari[1]in die Hand eines Polizeiwachtmeisters. Dieser arbeitete eifrig mit dem Pflichtgefühl eines alten Unteroffiziers; aber die Anleitungdurch einen höheren militärischen Vorgesetzten wurde ihm selten zuteil, da der Polizei-Inspekteur, ein Offizier, jeden Bezirk nur ab und an bereisen konnte. Die Polizei-Askari verbummelten daher vielfach und entbehrten der straffen Zucht, die notwendig war, um sie für ihre Funktionen, die doch Zuverlässigkeit erforderten, geeignet zu erhalten. Bedauerlicherweise entzog die Polizei der Schutztruppe oft die alten schwarzen Chargen und damit die besten Elemente, welche dann bei der Polizei ihre guten militärischen Eigenschaften verloren. Im großen und ganzen war es so, daß zugunsten einer Polizeitruppe, aus der bei den gegebenen Grundlagen nie etwas Brauchbares werden konnte, die Schutztruppe in ihrer Qualität mehr und mehr verschlechtert wurde.
Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, begab ich mich über Marangu, wo ein englischer Pflanzer wohnte, und wo ich den englischen Konsul King aus Daressalam traf, in die Gegend des Kilimandjaro und von da nach Aruscha. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während des Marsches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß auch die dortigen deutschen Ansiedler wertvolles militärisches Material wären.
Ich lernte die reizende Besitzung des Kapitänleutnants a. D. Niemeyer kennen, dessen Gattin uns mit vortrefflichem, selbstgezogenem Kaffee bewirtete. Später hat sie uns gelegentlich ein bißchen gestört; als ihr Mann nämlich im Kriege im Lager von Engare-Nairobi war, nordwestlich des Kilimandjaroberges, hatten wir ihr für ein Gespräch mit ihrem Gatten vorübergehend einen Telephonanschlußapparat geliehen. Unmittelbar darauf stockte der gesamte Fernsprechverkehr, und nach langem, langem Suchen kamen wir endlich dahinter, daß unsere anmutige Wirtin von früher den Apparat nicht wieder ausgeschaltet hatte und auch keine Absicht zeigte, dies zu tun.
Auf seiner in der Nähe gelegenen Pflanzung bot uns Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld gastlich ein ausgezeichnetes Glas Moselwein in einem militärischen Kommandoton, der schon damals auf den energischen Führer hindeutete, welcher später die Rufijimündung so zähe gegen feindliche Überlegenheit verteidigte. Kurz vor Aruscha traf ich auf der Kaffeepflanzung meines alten Kadettenkameraden Freiherrn von Ledebur bei Tisch auch den liebenswürdigen alten Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Bock. Wir unterhielten uns über die freiwilligenSchützenvereinigungen, die am Meru-Berge im Entstehen begriffen waren, und ich ahnte nicht, daß wenige Monate später der über sechzig Jahre alte Herr einer unserer zähesten Patrouillengänger am Ostrande des Kilimandjaro sein und oft mit seinen paar Leuten, zum großen Teil Rekruten, erfolgreich gegen mehrere feindliche Kompagnien fechten würde. Seine echte Ritterlichkeit und väterliche Fürsorge gewannen ihm bald die Herzen seiner schwarzen Kameraden in solchem Maße, daß er in ihren Augen der tapferste aller Deutschen war, und sie mit rührender Treue an ihm hingen.
In Aruscha fand zum ersten Male die Besichtigung einer Askarikompagnie statt. Der Geist und die Disziplin der schwarzen Truppe zeigten die treffliche Erziehung durch meinen Vorgänger, den Oberst Freiherrn von Schleinitz, aber die Ausbildung im Gefecht gegen einen modern bewaffneten Gegner war, den bisherigen Verwendungsgrundsätzen entsprechend, weniger gepflegt worden. Die Kompagnie war — wie der größte Teil der Askarikompagnien — noch mit dem alten rauchstarken Gewehr Modell 71 bewaffnet. Vielfach war die Ansicht vertreten, daß diese Bewaffnung für eine schwarze Truppe zweckmäßiger wäre als ein modernes rauchschwaches Gewehr. Die Truppe war bisher niemals gegen einen modern bewaffneten Gegner, sondern nur in Eingeborenenkämpfen verwandt worden, wo das größere Kaliber ein Vorteil ist, die Nachteile der Rauchentwicklung keine Rolle spielen. Nach Ausbruch des Krieges freilich lernten auch die begeistertesten Anhänger des Infanteriegewehrs Modell 71 um. Gegen einen rauchlos-modern bewaffneten Feind war nicht nur bei den weiten Entfernungen des Gefechts in der freien Ebene, sondern auch im Buschkrieg, wo die Schützen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt sind, das Modell 71 unbedingt unterlegen. Der rauchlos schießende Schütze bleibt eben verborgen, während die Rauchwolke nicht nur dem scharfen Auge des eingeborenen Askaris, sondern auch dem an Bureauarbeit gewohnten Europäer den Feind schnell und sicher verrät. So bestand im Anfang des Krieges die größte Belohnung, die einem Askari zuteil werden konnte, darin, daß man ihm statt seines alten rauchstarken Gewehres ein modernes Beutegewehr gab.
Bei der Verteilung der Truppe in einzelnen Kompagnien über das Schutzgebiet hatte der Nachteil mit in Kauf genommen werden müssen,daß die Verwendung in großen Verbänden und die Schulung der älteren Offiziere im Führen derselben nicht geübt werden konnte. Es war klar, daß im Kriege die Bewegung und Gefechtsführung von Truppenkörpern über Kompagniestärke auf große Schwierigkeiten und Reibungen stoßen mußte. Entsprechend der nach meiner Auffassung doppelten Aufgabe der Truppe, sowohl gegen einen äußeren, modernen, wie gegen einen inneren, eingeborenen Feind zum Kampfe bereit zu sein, fiel die Gefechtsausbildung in zwei verschiedene Gebiete. Die Gefechtsübungen im Eingeborenenkriege lieferten hierbei ein Bild, welches von unseren europäischen Besichtigungen stark abwich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne, überfielen. In einem solchen Nahkampfe, wie ihm 1891 die Zelewskische Expedition bei Iringa erlegen war, spielt sich die Entscheidung bei geringer Entfernung und in wenigen Minuten ab. Die Truppe ballt sich schnell um die Führer zusammen und geht dem Feind zu Leibe. Diesem ganzen Charakter des Eingeborenenkampfes entsprechend war eine sorgfältige und gründliche Schießausbildung der Askari im modernen Sinne bisher nicht notwendig gewesen. Sie stand daher auch auf einer ziemlich tiefen Stufe, und für den Soldaten dürfte es interessant sein, daß beim Schießen stehend-freihändig bei 200 Meter nach der Ringscheibe bei manchen Kompagnien kaum der Ring 3 im Durchschnitt erreicht wurde; nur ganz wenige Kompagnien brachten es auf etwas über Ring 5. Auch für eine gründliche Maschinengewehrausbildung war der Charakter des Eingeborenenkampfes kein ausreichender Antrieb. Erfreulicherweise fand ich bei allen Europäern der Truppe aber sehr bald vollstes Verständnis für die Wichtigkeit gerade dieser Waffe im modernen Gefecht. Trotz dieses nicht gerade hohen Ausbildungsgrades waren im Gefechtsschießen auch bei großen Entfernungen die Ergebnisse nicht unbefriedigend, und dem Askari kam hierbei sein scharfes Auge, mit dem er die Geschoßeinschläge beobachtete und dementsprechend seinen Haltepunkt verbesserte, in hohem Maße zustatten.
Die Reise führte mich weiter über die Mission Ufiome, wo der treffliche Pater Dürr saß, nach Kondoa-Irangi, Kilimatinde und zurück nach Daressalam. Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vielerlei vorzubereiten war, wenn wir für den Fall eines Krieges der Engländer gegen uns ernsthaft gerüstet sein wollten. Leider gelang es nicht, die maßgebenden Stellen hierfür genügend zu erwärmen. Es herrschte die Meinung vor, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. So kam es, daß, als der Krieg nun wirklich nach wenigen Monaten ausbrach, wir unvorbereitet waren.
Die Reise war für mich, der ich neu nach Ostafrika gekommen war, nicht nur von militärischem Interesse gewesen. In Boma la Ngombe, einem Ort zwischen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes angesiedelt worden; sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß diese Loyalität nicht rein äußerlich war; die Leute erzählten mir begeistert von den Deutschen, unter denen sie früher gestanden hatten, und stellten auch nach Ausbruch des Krieges unaufgefordert und ohne den geringsten Druck eine große Summe Geldes zur Unterstützung der Truppe zur Verfügung. In der dortigen Gegend sah ich auch die ersten Massai, die im Gegensatz zur Mehrzahl der ostafrikanischen Stämme reine Hamiten sind und in einem besonderen Reservat leben. Erwähnt mag werden, daß Merker, der beste Kenner der Massai[2], in ihnen die Urjuden sieht. Sie haben in ausgesprochenem Maße die Eigenschaften des reinen Steppenbewohners. Gelegentlich führte mich einer dieser großen, schlanken und sehr schnellen Leute auf meinen Jagdausflügen; ihr Sehvermögen, sowie die Fähigkeit, Spuren zu lesen, ist erstaunlich. Daneben ist der Massai klug und, wenigstens dem Fremden gegenüber, außerordentlich verlogen. Er lebt in geschlossenen Dörfern aus Lehmhütten und zieht, wie alle Nomadenvölker, mit seinen Herden durch die Steppen. Zum Waffendienst bei der Truppe meldet er sich selten. Ackerbau treibt derMassai so gut wie gar nicht, während dieser bei den übrigen Stämmen die Hauptbeschäftigung ist und erst eine dichte Besiedlung ermöglicht. So ernähren die Bananengebiete am östlichen Abhange des Kilimandjaro eine eingeborene Wadschaggabevölkerung von rund 25000 Menschen, und diese Zahl könnte leicht weiter vergrößert werden. Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des afrikanischen Viehbestandes, dort verhältnismäßig selten ist. Vergleichsweise mag angegeben werden, daß der Rindviehbestand in dem einen Bezirk Aruscha größer geschätzt wird als derjenige in ganz Südwestafrika. Bei Kondoa-Irangi und bei Singidda waren die Leute von weit her gekommen und hatten sich zur Begrüßung am Wege aufgestellt. Kein Reisender, der diese Gebiete durchmißt, kann sich der Beobachtung entziehen, daß in dem fruchtbaren und hoch gelegenen Inneren Raum zur Ansiedlung von Hunderttausenden von Europäern ist.
Einen Eindruck, den ich erst später, während des Krieges, gewonnen habe, möchte ich hier einfügen. Wir sind manchmal durch fruchtbare Gebiete gezogen, die von den Eingeborenen ganz verlassen, bekannterweise aber noch ein Jahr vorher dicht besiedelt waren. Die Leute waren einfach fortgezogen, hatten sich in dem reichlich zur Verfügung stehenden, menschenleeren und fruchtbaren Lande anderswo niedergelassen und dort neue Äcker angelegt. Nutzt man das bebauungsfähige Gebiet wirklich aus, so könnte in dem bisher nur von rund 8 Millionen bewohnten Deutsch-Ostafrika wohl eine Bevölkerung ernährt werden, die hinter der Einwohnerzahl Deutschlands kaum zurücksteht. Ein in Mahenge während des Krieges gefangener Engländer äußerte, daß aus Ostafrika wohl ein zweites Indien zu machen wäre, und ich glaube, daß er mit dieser Auffassung recht hatte. Durch die Erfahrungen des Krieges bin ich in meiner Meinung bestärkt worden, daß viele wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen, die man vor dem Kriege kaum geahnt hat.
In Singidda sah ich eines der Gestüte des Landes. Als Zuchtmaterial befanden sich dort zwei Pferdehengste, keine Pferdestuten, einige Maskateselhengste und in der Hauptsache eingeborene Eselstuten. Über die Zuchtziele habe ich keine rechte Klarheit erlangen können; jedenfalls war es nicht gelungen, von den Pferdehengsten und Eselstuten Zuchtproduktezu erzielen. Das Gebiet ist aber für Pferdezucht außerordentlich günstig, und der dort stationierende Regierungstierarzt Hoffmeister zeigte große Lust, sich in dieser Gegend als privater Farmer und Pferdezüchter niederzulassen. Ähnliche Gestüte befanden sich in Kilimatinde, Iringa und Ubena. Von Singidda nach Kilimatinde zog ich den Mpondifluß entlang; es wird den Jäger interessieren, zu hören, daß diese Gegend als dasjenige Gebiet in Ostafrika gilt, wo die besten Büffel stehen.
Schon einige Tage vorher hatte ich auf Büffel mit Erfolg gepirscht, doch war es mir nicht gelungen, einen starken Bullen zum Abschuß zu bringen, und so war ich, soweit es meine Zeit irgend zuließ, dem Büffel auf der Spur. Außer einem eingeborenen Jungen hatte ich als Spurenleser zwei ausgezeichnete Askari der Kondoakompagnie. Sobald ich nach Schluß eines Marsches in das Lager kam und vom Maultier stieg, fragte ich Kadunda, einen dieser Askari, der den Marsch zu Fuß mitgemacht hatte, ob er bereit sei zur Jagd. Er stimmte jedesmal mit größter Passion zu, und fort ging es auf der Fährte durch den Busch, der manchmal so dicht war, daß man unter den Zweigen kriechen mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen. Solch eine Fährtenjagd durch dichten Busch und das übermannshohe Schilf, stundenlang in der prallen Sonne, ist für den an afrikanisches Klima zunächst nicht gewohnten Europäer eine außerordentliche Anstrengung. Der angeschossene Büffel gilt in Ostafrika als das gefährlichste Jagdtier; er nimmt oft schnell und mit großer Entschlossenheit an. Am Mpondi hatte einige Zeit vorher ein angeschossener Büffel einen Jäger so überraschend angegriffen, daß dieser zwar erfreulicherweise auf dessen Nacken zu sitzen kam, aber kaum sein Leben gerettet hätte, wenn ihm nicht im kritischen Moment sein Tropenhut heruntergefallen wäre. Das Untier attackierte nun diesen Hut, und der Schütze hatte Gelegenheit, ihm die tödliche Kugel aufs Blatt anzutragen. Aus dieser und ähnlichen Erzählungen wird man begreifen, daß die Spannung, wenn die Fährte, der man folgt, wärmer und wärmer wird, außerordentlich wächst und die Sinne sich schärfen. Aber obgleich ich den Büffel oft auf wenige Schritte neben mir atmen hörte, war das Dickicht so groß, daß ich nicht zum Schuß kam. Ich hatte die Erfüllung meines Wunsches schon aufgegeben und mit meiner Karawane den endgültigen Abmarsch angetreten, als wir morgens um 7 Uhr eine ganz frische Büffelfährte kreuzten. DerWald war an dieser Stelle lichter, und die Führer zeigten Lust, der Fährte zu folgen. So ließen wir die Karawane weitermarschieren und bekamen nach vierstündiger anstrengender Pirsche den Büffel zu Gesicht. Als ich in einer Lichtung auf 100 Meter den Kolben hob, verbot Kabunda es und bestand darauf, daß wir den Büffel, der im ganz lichten Stangenholz an uns vorüberzog, bis auf dreißig Schritt anpirschten. Zum Glück durchschoß die Kugel die große Schlagader; der Büffel lag sofort, und etwaige weitere Stadien dieser Episode waren damit abgeschnitten. Wie es oft vorkommt, fanden wir auch hier eine steckengebliebene Kugel aus einem Eingeborenengewehr im Innern des Tieres bereits vor. Im übrigen bestand die Jagdbeute aus einer großen Anzahl Antilopen und Gazellen verschiedener Gattungen; Löwen haben wir oft gehört, aber nicht zu Gesicht bekommen.
Auf diesem Zuge durch das „Pori“ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spurloses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir die Überseepost. Die gegenseitigen Mitteilungen der Eingeborenen geben einander eben Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht. Zurufe, Feuerzeichen und die Signaltrommel dienen dazu, die Neuigkeiten auszutauschen und schnell zu verbreiten. Die unglaubliche Ausbreitungsfähigkeit der zahllosen Gerüchte, die ich späterhin kennenlernen sollte, ist zum großen Teil auf diese Mitteilsamkeit zurückzuführen.
Nach der Rückkehr nach Daressalam von der ersten Besichtigungsreise im März wurde sogleich die Umbewaffnung von drei weiteren Kompagnien — es waren bisher erst drei Kompagnien mit modernen Gewehren bewaffnet — in die Wege geleitet. Es wurde von größter Wichtigkeit, daß wenigstens diese Waffen, mit der dazugehörigen Munition, noch gerade rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges im Schutzgebiet eintrafen.
Bei einer Besichtigungsreise im April nach Lindi, wo ich die dritte Feldkompagnie sah, hatte ich mir bei einem Fall in ein Steinloch Kniewasser zugezogen und konnte daher meine nächste große Reise erst Ende Mai antreten. Obgleich der öffentliche Verkehr der Zentralbahn erst bis Tabora freigegeben werden konnte, war der Bau dochso weit gediehen, daß ich bis Kigoma (am Tanganjika-See) mit der Bahn gelangte und so schon eine oberflächliche Kenntnis dieses wichtigen Verkehrsmittels gewann, das unsere Küste in unmittelbare Verbindung mit dem Tanganjika, seinen reichen angrenzenden Gebieten und weiter mit dem Stromsystem des Kongo brachte. In Kigoma war der Dampfer „Goetzen“ erst im Bau, und ich fuhr noch mit dem kleinen Dampfer „Hedwig v. Wißmann“ nach Bismarckburg. In Baudouinville, im Kongogebiet, machte ich einen kurzen Besuch bei dem dortigen Bischof der Weißen Väter, ohne eine Ahnung zu haben, wie bald man mit diesem Gebiet im Kriege sein sollte. Die wundervolle Kirche würde bei uns ein Schmuck für jede Stadt sein. Sie war von den Vätern selbst erbaut und im Innern mit reichen Schnitzereien versehen. Geräumige, prachtvolle Obstgärten umgeben die Station. Die Löwenplage muß dort sehr groß sein; die Väter erzählten mir, daß vor kurzem ein Löwe des Nachts über die Mauer in das Innere des Hofes gesetzt war und ein Rind geschlagen hatte. Unsere Aufnahme war sehr freundlich und ein Glas schönen Algier-Weines der Willkommgruß.
Auch in der Mission Mwasije, auf deutschem Gebiet, wo auch Weiße Väter, zum größten Teil Belgier, lebten, wurden wir gut aufgenommen. Während des Krieges erbeutete Korrespondenzen bewiesen aber, daß die französischen Missionare, die gleichfalls aus Stationen des Tanganjika-Gebietes leben, keineswegs nur das Christentum zu verbreiten suchten, sondern auch bewußt nationale Propaganda trieben. Ein Brief eines Missionars enthält einen Bezeichnungsunterschied zwischen einem „missionaire catholique“ und einem „missionaire français“; der letztere sei verpflichtet, neben dem Christentum auch französisch-nationale Propaganda zu treiben. Bekanntlich ist diese nationale Propaganda etwas, von der sich die deutschen Missionare im allgemeinen fernhielten.
Diese Missionen, die sich naturgemäß in den dicht bevölkerten gut angebauten Gegenden finden, haben auf die Erziehung der Eingeborenen einen außerordentlich großen Einfluß. Der Missionar ist meist der einzige dauernd ansässige Weiße, der Land und Leute gut kennenlernt und Vertrauen erwirbt. Recht verdient haben sich die Missionen durch die Einführung der europäischen Handwerke gemacht; Tischlereien, Schuhmachereien und Ziegeleien findet man überall eingerichtet.
Die weiteren Reisen zeigten mir, daß das so überaus fruchtbare Gebiet um Langenburg und Ssongea, wo sich viele Weizenfelder befinden und dessen dichte Besiedlung sich auf der Karte schon aus den zahlreich vorhandenen Missionen verrät, nur durch eine einzige Kompagnie geschützt war, zu der nicht einmal eine unmittelbare Drahtverbindung bestand. Wollte man Langenburg telegraphisch erreichen, so war dies von Daressalam nur über Südafrika auf der englischen Linie möglich. Die vorhandene heliographische Verbindung von Iringa bis Langenburg war ihrer Unzuverlässigkeit wegen kein ausreichender Ersatz. Erwähnt mag werden, daß in dem dortigen Gebiet die Eingeborenen nicht nur durch die Missionen und die deutsche Verwaltung zur Kulturarbeit herangezogen worden sind, sondern daß dort auch nennenswerte Eingeborenenindustrien alteinheimisch bestehen. Bei eisenhaltigem Boden begegnet man zahlreichen Schmieden, deren Blasebalg in ursprünglicher Weise aus Fellen und durchbohrten Ästen gebildet ist. Recht schön sind auch die Webearbeiten der Eingeborenen; Korbflechtereien gibt es hier wie fast überall im Schutzgebiet. Ihre Erzeugnisse sind geschmackvoll und so dicht, daß die Eingeborenen zum Trinken geflochtene Becher benutzen. Die großen Viehbestände einiger europäischer Farmer — es kommt hier besonders Mbejahof zwischen Nyassa- und Tanganjika-See in Betracht — litten bei den unentwickelten Verkehrsmitteln unter der Schwierigkeit des Absatzes.
Bei der Mission Mbosi lagerte ich, und der dortige Missionar Bachmann, ein langjähriger und ausgezeichneter Kenner von Land und Leuten, erzählte mir, daß ein auffallender Wechsel in den Köpfen der Eingeborenen vor sich ginge. Fremde Araber und Suaheli zeigten sich im Lande und erzählten den Leuten, daß die Deutschen nun bald fortgehen und die Engländer das Land in Besitz nehmen würden; das war im Juni 1914.
Die Weiterreise führte mich bei Iringa auch zu den Stätten, wo der große Häuptling Kwawa in der ersten Zeit den Deutschen getrotzt hatte, und bei Rugano konnten mir einzelne der zahlreich versammelten Eingeborenen ihre eigenen Beobachtungen von der Vernichtung der Zelewskischen Expedition an Ort und Stelle mitteilen.
Trotz des Bemühens, mich in den Umkreis meiner ostafrikanischen Obliegenheiten einzuarbeiten, galt ich bei alten Afrikanern als Neuling. Immerhin hatte mich meine Dienstlaufbahn in gewisser Art auf die mir vom Schicksal gestellte Aufgabe vorbereitet.
Es mag ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich, ein früh aus der pommerschen Heimat verpflanzter Kadett, Cäsars Bellum Gallicum studierte, daß dem deutschen Vaterlande durch Bismarck seine ersten Kolonien geschenkt worden sind. Im Jahr 1899-1900 habe ich im Generalstab unsere eigenen wie viele ausländische Kolonien bearbeitet. Während der Chinawirren (1900-1901) lernte ich in Ostasien alle mit uns kämpfenden Truppenkontingente, besonders auch die Engländer, dienstlich wie kameradschaftlich kennen. Der Herero- und Hottentottenaufstand in Südwestafrika führte mich (1904-1906) in die Eigenart des Buschkriegs ein. Nicht nur mit Eingeborenen, sondern auch mit Buren machte ich damals im Stabe des Generals v. Trotha wie als selbstständiger Kompagnie- und Detachementsführer reiche persönliche Erfahrungen. Die ausgezeichneten Eigenschaften des seit Menschenaltern in der afrikanischen Steppe heimischen niederdeutschen Volksstammes gewannen mir Achtung ab. Daß das Burentum später entscheidend — und in gewissem Sinne tragisch — dabei mitwirken würde, den deutschen Teil Afrikas englisch zu machen, ahnte ich nicht.
Im Jahre 1906 wurde ich in Südwest verwundet. Dies führte mich nach Kapstadt, so daß ich auch die Kapkolonie oberflächlich kennenlernte. Auf der Rückreise streifte ich damals auch die spätere Stätte meines Wirkens, Deutsch-Ostafrika, zum erstenmal.
Meine spätere Stellung als Kommandeur des 2. Seebataillons in Wilhelmshaven gab mir Einblicke in das innere Leben unserer kräftig aufstrebenden Marine, die mit der deutschen Überseearbeit so eng zusammenhing. Ich nahm an Übungen und Fahrten auf großen und kleinen Schiffen, an Flottenmanövern und an einer Flottenreise nach Norwegen teil, wobei sich immer neue Seiten des allgemeinen wie des militärischen Lebens auftaten.
Auch bei der Rückkehr in die Armee gab mir der Wechsel zwischen Front- und Stabsdienst viele Anregungen und Gelegenheit zu Vergleichen. So war ich durch meine Entwicklung darauf geführt worden, mich rasch in neuen Verhältnissen zurechtzufinden. So dankbar ich für jede Erweiterung meines Gesichtsfeldes war, das Beste verdanke ich doch der heimischen Armee, bei der es mir unter der Anleitung vortrefflicher Kommandeure vergönnt war, den rechtverstandenen Geist militärischen Lebens und echter Disziplin kennenzulernen.
[1]Askari heißt „Soldaten“ und bedeutet keinen besonderen Stamm.[2]M. Merker, Die Massai, Berlin 1901 (2. Aufl. 1910).
[1]Askari heißt „Soldaten“ und bedeutet keinen besonderen Stamm.
[1]Askari heißt „Soldaten“ und bedeutet keinen besonderen Stamm.
[2]M. Merker, Die Massai, Berlin 1901 (2. Aufl. 1910).
[2]M. Merker, Die Massai, Berlin 1901 (2. Aufl. 1910).