Chapter 10

Novalis und Tieck.

Steffens Lieblingsdichter,NovalisundTieck, las ich gern und oft. Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität, und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne, Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die „blaue Blume“ winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte.Tieckwar nun ganz anders!Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes „gestiefelter Kater“, seine „verkehrte Welt“ und „Zerbino“. Seine Märchen amüsirten mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines:Deus ex machinaeinen:Diabolus ex machina, den er, um die poetische Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall triumphiren läßt. Durch diese neu erfundnepoetische Ungerechtigkeitwirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm.Hoffmannhatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche alte Bilder hat er uns nicht in seinem „getreuen Eckart“, den „Haimonskindern“, der frommen katholischen „Genovefa“ gegeben. In seinem „Octavian“ sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.

Neue Dichtungen.

Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte. Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für empfangnes Honorar zurückbezahlen.

Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß. Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung; aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort davon zu sagen.

Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet. Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den dänischen Dichtern.

Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct. Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das Nützliche und die Aufklärung ungerecht,und die Huldigung der alten Phantasieen gefährlich und unvernünftig.

Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm, der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte, — sagte Holm lächelnd: „Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis fünf zählen könnte.“

Baggesen's deutsche Gedichte.

In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet. Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen, hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwindzu kümmern, zu Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: „Ich gehe ins Wasser.“ Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.

„Weißt Du was,“ sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; „magst Du nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das Licht aus, wenn Du gehst!“ Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.

Polemik gegen Baggesen.

Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte; dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte, auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich genug war, herauszugeben)à laBaggesen behandelte. — In Baggesen's gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige, in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift neutralisirt werde.

Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird alsGeschmacksrichterund alssublimerDichter behandelt.

An Baggesen.(Als er Göthe heruntergerissen hatte.)

In Corsöer auferzogen,Kamst Du zur Stadt geflogen,Du warst ein muntres Kind.Wie Holberg Wessel färbte,So dieser Dir vererbteDie Farbe ganz geschwind.Mit Kallundborg, Corsöer DuHast leer die Mus' gemacht;Doch hast zu großer Ehr' DuEs durch dies Werk gebracht.Dann satt den fränk'schen Wust —Schriebst „Holger“ Du mit Lust, —Nicht allzu dänisch just;Ich hörte gar vermuthenDaß „Erik“ auch „dem Guten“Ganz fehlt die dän'sche Brust.Den Ersten parodirt man, —Das war ein bitt'rer Trank,Den Zweiten pardonnirt man,Weil gut war der Gesang.Zu Zeiten Thränen rinnen,Wir Stellen lieb gewinnen,Wo's viel des Wassers giebt. —Ja, ich gesteh's mit Schmerze,Dich, guter Mann, mein HerzeHat einstens sehr geliebt.Mußt' Deine Triller schlagen,Ich summte Deinen Sang,Doch vom Verstand zu sagen —Der war kaum Ellen lang. —Oft möchte man entweichenNach Sirius' fernen ReichenUnd zu den Sonnen weit;Man liebt die Eminenzen,Das sind ReminiscenzenNoch aus der Kinderzeit.Sah ich Dich aufwärts fliegen,Da dacht' ich: Gott der Welt,Wie hoch ist der gestiegen,Ohn' daß er niederfällt?Du schenkt'st mir Deine Leyer,Als Zucker, Rum und EierDie Herzen uns erweicht.Ich klimperte so schüchtern —Doch bald ward mir's zu nüchtern,Bald ward es mir zu seicht.Der Herr zu meinem GlückeSchenkt' mir Barmherzigkeit,Er öffnet' mir die Blicke, —Ich warf die Lyra weit.Das konnt'st Du nicht vertragen,Die Gab', hört' ich Dich sagen,Hätt' schlecht ich angewandt.Wie Götz von BerlichingenHätt' ich mit ihrem KlingenDir fast sie heimgesandt,Gleich ihm gesagt: „Im LebenHast Du mich nicht gekannt;Drum will zurück ich geben,Die Du mir gabst, die Hand.“Doch dacht' ich, alle Teufel,Der Mann hat ohne ZweifelDoch sicherlich Talent.Er geht als ScheerenschleiferUmher mit vielem EiferUnd singt dann excellent.Doch wie den Schmerz ich tödte,Als ich die Wund' vergaß —Sah ich Dein Lied an GötheUnd staunte, da ich's las.Was?Ersingt „für den Pöbel“?Solch wurmzerfress'nes MöbelWagt an den Helden sich?Du,Jensfür Weib und Dirne,Tief in den Staub die StirneVor Göthe, paßt für Dich,Der gleich dem Fisch sich windetIm salz'gen Thränenmeer!Jens Baggesen verschwindet!Jens lebt jetzt gar nicht mehr!Da sah in einem ZimmerSo fern vom TagesschimmerIch eine Frau allein.Sie konnte nicht vertragenDes Morgens schönes Tagen,Und nicht den Sonnenschein.Mit ihrem Blick, dem matten,Und ohne LebensspurSaß sie im dunkeln SchattenUnd liebt das Dämmern nur.Da schwand mein ganzes Grollen.Gott möge helfen wollen!So sehr beklagt ich dies.Laßt ihn in Frankreich bleibenUnd deutsche Lieder schreibenAuf Holstein'sch in Paris.Denn schon als kleiner SchlingelHast Du vor Freud' gelacht,Aß'st Du „Pariser Kringel“,Die hier zu Haus gemacht!

In Corsöer auferzogen,Kamst Du zur Stadt geflogen,Du warst ein muntres Kind.Wie Holberg Wessel färbte,So dieser Dir vererbteDie Farbe ganz geschwind.Mit Kallundborg, Corsöer DuHast leer die Mus' gemacht;Doch hast zu großer Ehr' DuEs durch dies Werk gebracht.Dann satt den fränk'schen Wust —Schriebst „Holger“ Du mit Lust, —Nicht allzu dänisch just;Ich hörte gar vermuthenDaß „Erik“ auch „dem Guten“Ganz fehlt die dän'sche Brust.Den Ersten parodirt man, —Das war ein bitt'rer Trank,Den Zweiten pardonnirt man,Weil gut war der Gesang.Zu Zeiten Thränen rinnen,Wir Stellen lieb gewinnen,Wo's viel des Wassers giebt. —Ja, ich gesteh's mit Schmerze,Dich, guter Mann, mein HerzeHat einstens sehr geliebt.Mußt' Deine Triller schlagen,Ich summte Deinen Sang,Doch vom Verstand zu sagen —Der war kaum Ellen lang. —Oft möchte man entweichenNach Sirius' fernen ReichenUnd zu den Sonnen weit;Man liebt die Eminenzen,Das sind ReminiscenzenNoch aus der Kinderzeit.Sah ich Dich aufwärts fliegen,Da dacht' ich: Gott der Welt,Wie hoch ist der gestiegen,Ohn' daß er niederfällt?Du schenkt'st mir Deine Leyer,Als Zucker, Rum und EierDie Herzen uns erweicht.Ich klimperte so schüchtern —Doch bald ward mir's zu nüchtern,Bald ward es mir zu seicht.Der Herr zu meinem GlückeSchenkt' mir Barmherzigkeit,Er öffnet' mir die Blicke, —Ich warf die Lyra weit.Das konnt'st Du nicht vertragen,Die Gab', hört' ich Dich sagen,Hätt' schlecht ich angewandt.Wie Götz von BerlichingenHätt' ich mit ihrem KlingenDir fast sie heimgesandt,Gleich ihm gesagt: „Im LebenHast Du mich nicht gekannt;Drum will zurück ich geben,Die Du mir gabst, die Hand.“Doch dacht' ich, alle Teufel,Der Mann hat ohne ZweifelDoch sicherlich Talent.Er geht als ScheerenschleiferUmher mit vielem EiferUnd singt dann excellent.Doch wie den Schmerz ich tödte,Als ich die Wund' vergaß —Sah ich Dein Lied an GötheUnd staunte, da ich's las.Was?Ersingt „für den Pöbel“?Solch wurmzerfress'nes MöbelWagt an den Helden sich?Du,Jensfür Weib und Dirne,Tief in den Staub die StirneVor Göthe, paßt für Dich,Der gleich dem Fisch sich windetIm salz'gen Thränenmeer!Jens Baggesen verschwindet!Jens lebt jetzt gar nicht mehr!Da sah in einem ZimmerSo fern vom TagesschimmerIch eine Frau allein.Sie konnte nicht vertragenDes Morgens schönes Tagen,Und nicht den Sonnenschein.Mit ihrem Blick, dem matten,Und ohne LebensspurSaß sie im dunkeln SchattenUnd liebt das Dämmern nur.Da schwand mein ganzes Grollen.Gott möge helfen wollen!So sehr beklagt ich dies.Laßt ihn in Frankreich bleibenUnd deutsche Lieder schreibenAuf Holstein'sch in Paris.Denn schon als kleiner SchlingelHast Du vor Freud' gelacht,Aß'st Du „Pariser Kringel“,Die hier zu Haus gemacht!

In Corsöer auferzogen,Kamst Du zur Stadt geflogen,Du warst ein muntres Kind.Wie Holberg Wessel färbte,So dieser Dir vererbteDie Farbe ganz geschwind.Mit Kallundborg, Corsöer DuHast leer die Mus' gemacht;Doch hast zu großer Ehr' DuEs durch dies Werk gebracht.Dann satt den fränk'schen Wust —Schriebst „Holger“ Du mit Lust, —Nicht allzu dänisch just;Ich hörte gar vermuthenDaß „Erik“ auch „dem Guten“Ganz fehlt die dän'sche Brust.Den Ersten parodirt man, —Das war ein bitt'rer Trank,Den Zweiten pardonnirt man,Weil gut war der Gesang.Zu Zeiten Thränen rinnen,Wir Stellen lieb gewinnen,Wo's viel des Wassers giebt. —Ja, ich gesteh's mit Schmerze,Dich, guter Mann, mein HerzeHat einstens sehr geliebt.Mußt' Deine Triller schlagen,Ich summte Deinen Sang,Doch vom Verstand zu sagen —Der war kaum Ellen lang. —Oft möchte man entweichenNach Sirius' fernen ReichenUnd zu den Sonnen weit;Man liebt die Eminenzen,Das sind ReminiscenzenNoch aus der Kinderzeit.Sah ich Dich aufwärts fliegen,Da dacht' ich: Gott der Welt,Wie hoch ist der gestiegen,Ohn' daß er niederfällt?Du schenkt'st mir Deine Leyer,Als Zucker, Rum und EierDie Herzen uns erweicht.Ich klimperte so schüchtern —Doch bald ward mir's zu nüchtern,Bald ward es mir zu seicht.Der Herr zu meinem GlückeSchenkt' mir Barmherzigkeit,Er öffnet' mir die Blicke, —Ich warf die Lyra weit.Das konnt'st Du nicht vertragen,Die Gab', hört' ich Dich sagen,Hätt' schlecht ich angewandt.Wie Götz von BerlichingenHätt' ich mit ihrem KlingenDir fast sie heimgesandt,Gleich ihm gesagt: „Im LebenHast Du mich nicht gekannt;Drum will zurück ich geben,Die Du mir gabst, die Hand.“Doch dacht' ich, alle Teufel,Der Mann hat ohne ZweifelDoch sicherlich Talent.Er geht als ScheerenschleiferUmher mit vielem EiferUnd singt dann excellent.Doch wie den Schmerz ich tödte,Als ich die Wund' vergaß —Sah ich Dein Lied an GötheUnd staunte, da ich's las.Was?Ersingt „für den Pöbel“?Solch wurmzerfress'nes MöbelWagt an den Helden sich?Du,Jensfür Weib und Dirne,Tief in den Staub die StirneVor Göthe, paßt für Dich,Der gleich dem Fisch sich windetIm salz'gen Thränenmeer!Jens Baggesen verschwindet!Jens lebt jetzt gar nicht mehr!Da sah in einem ZimmerSo fern vom TagesschimmerIch eine Frau allein.Sie konnte nicht vertragenDes Morgens schönes Tagen,Und nicht den Sonnenschein.Mit ihrem Blick, dem matten,Und ohne LebensspurSaß sie im dunkeln SchattenUnd liebt das Dämmern nur.Da schwand mein ganzes Grollen.Gott möge helfen wollen!So sehr beklagt ich dies.Laßt ihn in Frankreich bleibenUnd deutsche Lieder schreibenAuf Holstein'sch in Paris.Denn schon als kleiner SchlingelHast Du vor Freud' gelacht,Aß'st Du „Pariser Kringel“,Die hier zu Haus gemacht!

An Baggesen(1804).

Als lust'ger Slaglosianischer StudentWarst Du excellent,Und wirklich ein kom'scher Scribent.Da fielst Du — Gott helf' in der Noth —In Vierländ'schen Koth.Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder;Nanntest Voß, Virgil, Racine —— Gott schütz' ihn! —Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen,Klopstockst Du umher auf Stelzen;Dünkst Dich 'nen Homer von Profession,Statt, lieber Mann,Was Du bist, was man Dir lassen kann,Einen lust'gen Patron!Schreib vom Jeppe doch immer!Homer wirst Du nimmer.Soll wieder blühen des Alterthums KranzIn seinem vollen GlanzDa bedarf's mehr, als der Plaisanterie,Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

Als lust'ger Slaglosianischer StudentWarst Du excellent,Und wirklich ein kom'scher Scribent.Da fielst Du — Gott helf' in der Noth —In Vierländ'schen Koth.Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder;Nanntest Voß, Virgil, Racine —— Gott schütz' ihn! —Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen,Klopstockst Du umher auf Stelzen;Dünkst Dich 'nen Homer von Profession,Statt, lieber Mann,Was Du bist, was man Dir lassen kann,Einen lust'gen Patron!Schreib vom Jeppe doch immer!Homer wirst Du nimmer.Soll wieder blühen des Alterthums KranzIn seinem vollen GlanzDa bedarf's mehr, als der Plaisanterie,Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

Als lust'ger Slaglosianischer StudentWarst Du excellent,Und wirklich ein kom'scher Scribent.Da fielst Du — Gott helf' in der Noth —In Vierländ'schen Koth.Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder;Nanntest Voß, Virgil, Racine —— Gott schütz' ihn! —Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen,Klopstockst Du umher auf Stelzen;Dünkst Dich 'nen Homer von Profession,Statt, lieber Mann,Was Du bist, was man Dir lassen kann,Einen lust'gen Patron!Schreib vom Jeppe doch immer!Homer wirst Du nimmer.Soll wieder blühen des Alterthums KranzIn seinem vollen GlanzDa bedarf's mehr, als der Plaisanterie,Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

Satyre gegen Pavels.

Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter, einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund,Pavels(als Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik übermeine Gedichte. Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und Literatoren jener Zeit stand.

Daß in den Liedern Du die SpurNicht fand'st von Mythen der Natur,Das kann ich allenfalls begreifen.Auch will ich die Erklärung sparen,Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren,Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.Daß Shakespeare, voll Verstand, doch „keinenGeschmack gezeigt“, — das will ich meinen;Nie schrieb er solche Recension!NichtderGeschmack würd' ihm behagen,Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,Der ungehobelte Patron.Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl,Und nennst ihn tadelnd sent'mental.Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen,Als spräch' das Wasser zu den Flammen:„Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!“Du sagst, daß ich Homer verachte,Wenn Das, was ich in Verse brachte,Ihn nicht copirte affectirt.Du willst nicht, daß ein Band sich bildeUm Nordens Kraft und Südens Milde, —Das hat mich wenig nur gerührt.Dem wahren Dichter ward's gegebenZu sehn Natur, zu schaun das LebenIn Glanz und aller Herrlichkeit;Gott, dessen Blick das All durchdringet,Sein Wort im Ton der Harfe klingetMit mächt'gem Strom durch alle Zeit.Ein Leben, wie's dem Geist entstammetSollst Du erschaffen, daß es flammetIn einem ew'gen, reinen Glanz.Das ist das Ziel, das ich erkenne,Das ist es, was ich Dichten nenne,Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.Zur Waffe für die schwache LyraRuht Persiflage und SatiraTief in des kecken Dichters Brust.Stets Hindernisse ihn umringen,Er muß die scharfe Geißel schwingen;Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?Du siehst im Sturm die Rose stehen,Und feuchte Nebel sie umwehen,Drum lenkt man ab des Wassers Gang;Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,Und zarten Blüthen Tod bereitet,Dann tönt der scharfen Sichel Klang.

Daß in den Liedern Du die SpurNicht fand'st von Mythen der Natur,Das kann ich allenfalls begreifen.Auch will ich die Erklärung sparen,Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren,Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.Daß Shakespeare, voll Verstand, doch „keinenGeschmack gezeigt“, — das will ich meinen;Nie schrieb er solche Recension!NichtderGeschmack würd' ihm behagen,Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,Der ungehobelte Patron.Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl,Und nennst ihn tadelnd sent'mental.Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen,Als spräch' das Wasser zu den Flammen:„Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!“Du sagst, daß ich Homer verachte,Wenn Das, was ich in Verse brachte,Ihn nicht copirte affectirt.Du willst nicht, daß ein Band sich bildeUm Nordens Kraft und Südens Milde, —Das hat mich wenig nur gerührt.Dem wahren Dichter ward's gegebenZu sehn Natur, zu schaun das LebenIn Glanz und aller Herrlichkeit;Gott, dessen Blick das All durchdringet,Sein Wort im Ton der Harfe klingetMit mächt'gem Strom durch alle Zeit.Ein Leben, wie's dem Geist entstammetSollst Du erschaffen, daß es flammetIn einem ew'gen, reinen Glanz.Das ist das Ziel, das ich erkenne,Das ist es, was ich Dichten nenne,Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.Zur Waffe für die schwache LyraRuht Persiflage und SatiraTief in des kecken Dichters Brust.Stets Hindernisse ihn umringen,Er muß die scharfe Geißel schwingen;Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?Du siehst im Sturm die Rose stehen,Und feuchte Nebel sie umwehen,Drum lenkt man ab des Wassers Gang;Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,Und zarten Blüthen Tod bereitet,Dann tönt der scharfen Sichel Klang.

Daß in den Liedern Du die SpurNicht fand'st von Mythen der Natur,Das kann ich allenfalls begreifen.Auch will ich die Erklärung sparen,Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren,Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.Daß Shakespeare, voll Verstand, doch „keinenGeschmack gezeigt“, — das will ich meinen;Nie schrieb er solche Recension!NichtderGeschmack würd' ihm behagen,Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,Der ungehobelte Patron.Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl,Und nennst ihn tadelnd sent'mental.Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen,Als spräch' das Wasser zu den Flammen:„Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!“Du sagst, daß ich Homer verachte,Wenn Das, was ich in Verse brachte,Ihn nicht copirte affectirt.Du willst nicht, daß ein Band sich bildeUm Nordens Kraft und Südens Milde, —Das hat mich wenig nur gerührt.Dem wahren Dichter ward's gegebenZu sehn Natur, zu schaun das LebenIn Glanz und aller Herrlichkeit;Gott, dessen Blick das All durchdringet,Sein Wort im Ton der Harfe klingetMit mächt'gem Strom durch alle Zeit.Ein Leben, wie's dem Geist entstammetSollst Du erschaffen, daß es flammetIn einem ew'gen, reinen Glanz.Das ist das Ziel, das ich erkenne,Das ist es, was ich Dichten nenne,Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.Zur Waffe für die schwache LyraRuht Persiflage und SatiraTief in des kecken Dichters Brust.Stets Hindernisse ihn umringen,Er muß die scharfe Geißel schwingen;Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?Du siehst im Sturm die Rose stehen,Und feuchte Nebel sie umwehen,Drum lenkt man ab des Wassers Gang;Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,Und zarten Blüthen Tod bereitet,Dann tönt der scharfen Sichel Klang.

Ein zufälliger Umstand machte vielleicht das Verhältniß zwischen Pavels und mir unangenehmer für ihn, als ich es wünschte. Aber ich konnte Nichts dafür. Wir wohnten nämlich während dieses Sommers in demselben Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grüßte ihn stets, er grüßte wieder; aber solch' formelle Höflichkeiten schaden mehr, als sie nützen, wo das Wesentliche fehlt.

Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie trafen. Es machte das Uebel nur größer, und bald fühlte ich, daß ich nicht länger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhängern der alten Schule stehen könne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als ausgetreten.

Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheitenjuste milieuhalten wollte, und deßhalb zuweilen — (nach einer Redensartdes Marqueurs in Dreyer's Klub) „weder parteiisch noch unparteiisch“ war, sagte recht treffend, als man ihn nach seiner Meinung über das Gedicht fragte: „Es kommt mir vor, als ob Oehlenschläger versucht hätte, witzig und malitiös zu sein, und Keins von Beiden ist ihm geglückt.“

Unangenehmer Vorfall.

In Dreyer's Klub saßen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen: unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als das Lied gesungen war, sah mir meinvis à visstarr in die Augen und sagte: „Das war eine schöne Melodie!“ — „„Ja,““ entgegnete ich, „„sehr hübsch.““ — „Es war auch ein sehr schönes Lied!“ — „„O ja!““ antwortete ich höflich. „Ja“ rief er heftig, „es ist freilich keins von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir vollständiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon?“ — Kalt antwortete ich: „„Es kann kein Mensch verlangen, daß Sie etwas von Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, daß ein alter Mann sich nicht wie ein Knabe beträgt!““ — Der heftige Mann sprang nun vom Tische auf und rief laut: „Hiermit lasse ich die Gesellschaft wissen, daß Herr Oehlenschläger mich einen Knaben gescholten hat!“

Es entstand nun ein großer Lärm und Viele glaubten gleich ungehört, daß ich Unrecht hätte. Um nicht das Vergnügen der Gesellschaft zu stören, und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine würdige Weise ausgeglichen werden könne, da ich außerdem auch fürchten mußte, daß ähnliche Scenen wieder Statt finden könnten, erzählte ich kurz und gut den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: „Ich melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten!“ — „Und ich auch!“ rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehört hatte und sehr entrüstet darüber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch gewann meine Sache in deröffentlichen Meinung und mein Austritt glich mehr einem Siege als einer Flucht.

Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht aus Groll gegen einen Mann erzählt, der mir weder früher noch später jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich weiß, wie leicht ein unüberlegtes Wort dem Munde entschlüpfen kann! Ich erzähle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, öffentlich bekannt gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehört, und weil dieser Zug zur Characteristik der damaligen Zeit beiträgt.

Zusammenleben mit Rahbek.

Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem häuslichen Kreise, besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswürdig und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Häuser. Unser Verhältniß zu Rahbek war eigenthümlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortführer an der Spitze der Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde; denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft vermittelnd gegen allzu große Einseitigkeit; freilich lobte er viel, was uns nicht gefiel, und wir äußerten Manches, das ganz gegen seinen Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig. Disputiren mochte er nicht; er wußte sich stets mit Beispielen und witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine schöne Aussicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvögel frei über den Büchern umherflatterten. Er hatte eine große Vorliebe für alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben, weil er es nicht duldete, daß eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine alte Gans ging in späteren Zeitenauf dem Hofe umher, die fast dumm vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beißen wollte. Ja, diese Liebe, das Alte unverändert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbüsche wollte er durchaus nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, daß sie ihm über den Kopf wuchsen, endlich keine Früchte, ja sogar keine Blätter mehr trugen und zuletzt nur Dornen übrig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in ihren Labyrinthen umherschwärmte. In das Südfeld, einige Schritte von seinem Hause, setzte er nie seinen Fuß. Wenn er nun in seinem Zimmer bis zur Eßzeit gearbeitet und seinen Schnaps „Brenndarium,“ wie er es nannte — getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er darauf gehustet hatte, — so wurde er aufgeräumt, und das Gespräch nahm dann gewöhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische Wendung. Er erzählte uns dann gern Anecdoten und Characterzüge aus einer ältern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein Gedächtniß für Tauf- und Zunamen, für Straßen, Gassen, Jahreszahlen und Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzählte. Besonders amüsirte es mich, Etwas von ihm über Ewald und Wessel zu hören. Wie Jener, wenn er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen auf das Pflaster schlug, so daß die Funken ihm um die Ohren sprühten und rief: „Nun grassirt der Poet Eward,“ denn den Buchstaben L konnte er nicht im nüchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken war, aussprechen. — Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte: „Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hören;“ wie Ewald endlich, als er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse goß, um den Doctor und sich selbst zu betrügen.

Anecdoten von Wessel.

Von Wessel hörten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittagverstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler behauptete eifrig, daß Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze bringen könnte, wie zwei Hemden. „Was meint er denn von dreien?“ fragte Wessel. — Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode seiner Frau. „Potztausend, Wessel,“ fragte der Freund lustig, „sind das alles Deine Bücher?“ „„Nein,““ antwortete Wessel, „„nein, die meisten davon sind geliehen.““ Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punsch bei ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. — „Lieber Freund,“ sagte Wessel, „schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach Hause, ich trinke ihn am liebstentrocken.“ — Er wohnte eines Sommers auf der Westerbrücke in der sogenannten Galgenmühle. „Besuche mich einmal, Du!“ sagte er zum Schauspieler Saabye, „ich wohne dort in der schönen Natur.“ Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit nicht benutzt war; und unter dem früher erwähnten, gemauerten Galgen, dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem Buche, mitten in der schönen Natur!

„Nein Wessel!“ sagte 'mal ein Freund zu ihm, „Du mußt doch versuchen, Dein Glück zu machen; Du mußt Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß Etwas für Dich thun.“

„„Das geht unmöglich,““ antwortete Wessel. — „Weßhalb?“ — „„Ich habe keine Perücke.““ — „Die will ich Dir geben!“ — „„Ich habe auch keine Hosen.““ — „Ich will Dir ein Paar hübsche schwarzseidene Beinkleider leihen!“ Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: „Wer sind Sie?“ — „„Ich heiße Wessel.““ Guldberg weiß noch nicht recht Bescheid. Wessel glaubt, die Perücke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm dienen könne? — „„Ew. Excellenz, esmüßte ein Amt sein, wo Viel zu verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fühle ich mich besonders disponirt.““ — Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verstehen solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage, womit er ihm dienen könne? „„Nun,““ sagt Wessel, „„dann geben Sie mir eine Prise Taback, Gevatter!““ Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner Wege.

Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, daß er, als ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu vergessen, die sie verschmähte?

Doch muß man auch der Wahrheit gemäß gestehen, daß Ewald und Wessel zu wenig für sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Müßiggange, und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde führte. Ein eigenthümlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser hatte sehr fleißig, sehr ordentlich, sehr mäßig und fast geizig als Junggeselle gelebt; so daß er sich endlich für das durch seine Schriften erworbene Vermögen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.

Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein erzählen. Auch hörten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln Winkel setzte, um auf den Landstraßen durch Naturschönheiten und Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestört zu werden. Musik, Malerei und Bildhauerkunst hatten für ihn nur wenig Anziehungskraft,aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen, über allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er doch der billigstdenkende von ihnen Allen.

Camma Rahbek.

Seine Frau, wenngleich viel jünger als er, liebte ihn innig; und trotz aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewöhnt, blind an seinen Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hübsch, doch suchten wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glücklicher Weise hatte sie einen Character, der sich recht für ihre Stellung eignete. Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtniß, einen außerordentlichen Witz, die größte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu überwinden; aber Phantasie und Tiefe, um lange beieinerVorstellung zu verweilen, fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewöhnlich niedergeschlagen. Bücher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand gut deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, und in späteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hörte sie selten eine fremde Sprache reden. Geschmack für das Schöne zeigte sie hauptsächlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hübsch) und in der Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Gärtnerin, und saß — obgleich kränklich — auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche Blumenbeete lächelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere herabhängende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer blühten Witz und Humor noch schöner von ihren Lippen. — Sie hörte also auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie ihre Beistimmung, Manches ließ sie dahingestellt, und nie griff sie unsere Truppen mit der Infanterie der Gründe oder der Gegenbeweise an. Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine Lücke, ein Wirrwarr im Gedankengangzeigte, dann konnte kein Mürat mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren beflügelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain geräumt war. Zuweilen amüsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht mochte. Einmal disputirte sie mit mir über Göthe's kleines hübsches Gedicht: „Ein Veilchen auf der Wiese stand.“ Sie behauptete, daß es überspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: „Nicht wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung?“ Rahbek rieb sich die Hände, schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinüber. — Später, als ich ein Mal in seinen Gedichten blätterte, fand ich, daß er dies selbst übersetzt hatte.

Meine Schwester Sophie.

Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit, wie Camma. Diese hatte außerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig; aber mit ungewöhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Götz von Berlichingen deutsch zu lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch; sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht geweckten Gefühle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht grammatikalisch. Aber da sie täglich mit Deutschen umging, so sprach sie vortrefflich, das heißt, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen und Wendungen; obgleich wir sämmtlichen Dänen nicht vermeiden konnten, zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack,nähte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von hübscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek saß entweder zu Hause oder machte in späteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen kamen täglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr häuslich, hielt nur ein Mädchen und fegte selbst ihre Stuben aus, was man, ihren weißen Händen nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben würde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und große, freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schönen, großen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus; aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner Lebhaftigkeit.

Literarische Wirksamkeit.

Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststraße, so wie ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein förmliches Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor. — Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und über die wir dann sprachen und urtheilten, waren: Voß, Homer, Tieck's Don Quixote, Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Göthe's, Schiller's, Tieck's und Novalis' Werke.

Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich den Schlaftrunk für Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's Werken hatte mich begeistert, und ich fühlte mich mit einer solchen dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fühlte, was später Jean Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: daß auch Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humorsverborgen sind. „Der Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste,“ — sagt Jean Paul; — „an dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist dasumgekehrte Erhabene. Der gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verstöße aufgreifen und an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfällen zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die bürgerliche Thorheit, sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der Humorist erwärmt, der Persiflirende erkältet die Seele. Aber zu solchem Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemüth zu schlecht.“

Mit diesem Gefühle arbeitete ich Bretzner's „Schlaftrunk“ um. Der Humor und fast alle Einfälle im Dialoge, durch welche die Gestalten dieses Singspiels poetische Persönlichkeit gewinnen, gehören mir, ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen ließ. Dieses Stück ließ Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas über die Hälfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er seine Arbeit. Wie schön und reizend die Musik ist, wissen die meisten Kopenhagener; wer es aber nicht weiß, dem wird es schwer fallen, die Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fällt zwischen Charlottens Arie: „Ihr der Liebe goldnen Tage,“ und dem Quartett: „Ob nicht alle unsre Thränen“ im zweiten Akt. Wie Frydendahl in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst Knudsen, später Ryge als Saft amüsirt haben, darüber ist nur Eine Stimme.

Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser Dichtungsart geübt hatte und der Concertmeister Schall mich bat, ein Singstück zu schreiben, das er componiren könne,dichtete ich „Freia's Altar,“ welches muntere harmlose Lustspiel stets ein tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgeführt werden sollte. Der Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhörlich dabei und fürchtete, daß es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das Stück. Freia's Altar wurde gedruckt und machte außerordentliches Glück bei Jungen und Alten. Das Stück wurde oft in Gesellschaften vorgelesen und zum größten Vergnügen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die Bühne bringen wollte, entstand ein großer literarischer Lärm, der zu unangenehm und langweilig war, als daß ich ihn erneuern sollte. Noch zum dritten Male ließ ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen von verschiedenen Componisten, von Herrn Fröhlich arrangirt, auf das Theater zu bringen. Aber es war die größte Hitze in den letzten Tagen der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der fliegenden Post, Verfasser von „König Salomon“ und „Jörgen Hutmacher“ Heiberg, riß Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug wäre, — und so ließ ich diese humoristischen Bilder wieder in den Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf hätte man sie doch nicht gesehen; um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefühl darzustellen und zu genießen, muß man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.

Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) „Thor's Reise nach Jothunheim“, die später in „die Götter des Nordens“ aufgenommen ist. Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, daß dessen kurze und kräftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art gut für Thor's Abenteuer passen dürften.

Die Langelandreise.

Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich „Vaulundurs Saga.“ Eine kleine Reise nach Langeland hatte die „Langelandreise“ hervorgebracht. Obgleich ich in diesem Gedicht umständlich meine Reise beschrieben habe, wird es viele derLeser vielleicht doch amüsiren, wenn ich Fragmente eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe die Langelandreise gedichtet war.

Rudkjöbing, den 10. Juli 1804.

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. — Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht alsMaliciösheitauslegen. Wir ludenihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. „Sigersted,“ sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. — Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht alsMaliciösheitauslegen. Wir ludenihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. „Sigersted,“ sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.

In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:

„Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!“Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach.„Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!“Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. — —

„Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!“Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach.„Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!“Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. — —

„Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!“Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach.„Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!“Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. — —


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