Chapter 2

Unser Prediger.

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen. Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector zu uns, derSchiötthieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später Prof.Schmidt. Sein Buch über die „Bestimmung der Thiere“ las ich mit großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam. Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, HerrnBruungehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,Daß mir der Kopf ab wär';So lief ich mit dem Rumpf herum,Säh' Niemand, wer ich wär'.Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',So geh ich und schneid' Besen ab;Und lauf' die Straße auf und ab,Und rufe, kauft mir Besen ab!Damit ich Geld zum Saufen hab'.

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,Daß mir der Kopf ab wär';So lief ich mit dem Rumpf herum,Säh' Niemand, wer ich wär'.Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',So geh ich und schneid' Besen ab;Und lauf' die Straße auf und ab,Und rufe, kauft mir Besen ab!Damit ich Geld zum Saufen hab'.

Ich wollt' um tausend Thaler nicht,Daß mir der Kopf ab wär';So lief ich mit dem Rumpf herum,Säh' Niemand, wer ich wär'.Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',So geh ich und schneid' Besen ab;Und lauf' die Straße auf und ab,Und rufe, kauft mir Besen ab!Damit ich Geld zum Saufen hab'.

Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas Possirliches zu sagen. — Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: „Ei was, Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in den Halbstiefeln.“„„Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,““ — rief Schiött — „„es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den Schäften.““

Sommergenüsse.

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit auf den sogenanntenEntenhügelim Friedrichsberger Garten nahm, um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein, welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse. Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der HofgärtnerPetersenvorbei und sagte: „Adam, willst Du Stachelbeeren haben?“ — „„Ja, gern.““ — „Dann komme mit!“ Ich folgte ihm den Berg hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von den Zweigen, so lange noch eine daran war.

Vogelschießen.

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit, wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war bei einem Vogelschießen im Südfelde. DieseSchützengesellschaft hatte ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei, da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß, im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen. Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe hätte ich vergessen — der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im Wallenstein:

Ging es nicht aus seinen Kassen,Sein Spruch war leben und leben lassen.

Ging es nicht aus seinen Kassen,Sein Spruch war leben und leben lassen.

Ging es nicht aus seinen Kassen,Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mitihrem Besuch beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug aus — und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen, welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester in einen Winkel und sagte: „Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.“ „„Ja““, sagte sie, „„das ist wohl nicht anders möglich.““ Indessen nahmen wir uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste. „Herr Jesus, mein Kind!“ schrie meine Mutter, welche auf einer Bank in der Nähe bei einem Zelte saß. — Mich hatte es nicht erschreckt, ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht begreifen, worüber sie so gerührt war.

Ein Volksfest.

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. — Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der Baumeister ProfessorHarsdorf. Ich sehe ihn noch, den freundlichen Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit französischen Versen darunter, undla bonne femme de Normandievon Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. —

Eine Räubergeschichte.

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs, je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein. In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte — hörten wir, daß fern im Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagenziemlich fern von uns und sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen, um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört hatte, und — wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin, um einzuschlafen. — Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen. Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem andern in Verwahrung gebracht.

Kindlicher Stolz.

Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre, ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu lesen.

Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich, Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal spielen, wenn sie es wollten. „Kann ich denn auchDuzu ihnen sagen?“ fragte ich. „Nein, das geht nicht.“ — „Dann will ich auch nicht mit ihnen spielen.“ —

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen, und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz, als mein Vater sagte: „Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer Unrecht gehabthat.“ Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.

Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der DichterSamsöe; aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm Tragödien schreiben würde.

Bernd Winckler.

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, warBernt Winckler, aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich hitzig wurde — so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der Kritik zu finden glaubte, — so wurde ich auffahrend und wägte nicht länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe. Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, warmeine Frage: „G. oder F.?“ (Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: „F.“, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. — Wir haben gewiß einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen; denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.

Meines Vaters Umgang.

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater, dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen, stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich, daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging, wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones und Siegfried von Lindenbergwaren seine Lieblingslectüre. Mein Vater war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen; Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: „Wenn ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann zum Grabe geleiten.“ Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den Jüngeren zum Grabe.

Ideosynkratie.

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler. Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer; er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger, humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens. Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gerneinige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt gewesen.

Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen, da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner Petersen „Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger und Holsteiner“ geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen, theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe der innere Geruch des Kinderpulvers aus „Malling's großen und guten Handlungen“ verging.

Ewald und Wessel.

Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften. Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es,die meine Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. — Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daßChodowieckidas Stück mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot, welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische Mythe, kein natürlicher Charakter ist, — ein solches Stück gewinnt gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten italienischen Komödien behält.

In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlichGeheimnißvolle in dem Walde mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit dem Gefühlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen, die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen Gesicht gemildert.

Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber, wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht gehört zu werden.

Des Küsters Schule.

Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst eine Masse armer Leute, welche in derFabrik des Meister Collin (der Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten. In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war, weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen, das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule ging unser Präceptor,Lassen, oder wenn er abwesend war, der Küster, HerrWiebeselbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. — Die Evangelien, Psalmen, Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal in mein Schreibebuch:ora et labora, was beweist, daß sowohl er wie ich Latein verstand. Wenn der BischofBalleoder der ProbstBastzur Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt. Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch den Bischof oder den Probst gebildetwurde, hier und da durch ein leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als der Probst mich einmal lächelnd fragte, wastrockenes Wassersei und ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht noch heute schuldig) der Küster flüsterte: „die Wolken.“ Ich wiederholte dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's „Weihnachtsstube“ fragen hören: „Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?“ ohne mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr gut, die folgendermaßen lautete: „Drei Tugenden zeichneten diese hohe Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche Schwägerschaft.“

Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war, in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim Hinausgehen fragte: „Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark auf die Kanzel?“

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines Fleißes zu erwerben, erfuhres erst zu spät, und mußte mich daher mit einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte: „Christus sagte:Weib, was habe ich mit Dir zu schaffen? — War das ein Schimpfwort? Sagte Christus im ZornWeibzu ihr? Nein keineswegs!Weibwar ein Ehrenname und ist es auch noch heute.“

Erste poetische Versuche.

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben, welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten; ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts einzuwenden.

Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber, verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. — Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit. Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer eisenbeschlagenenStiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel- und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.

Wintervergnügen.

Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft war.

Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille spielten, Nichts davon erfuhren.

Freuden in der Stadt.

Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlichist, habe ich mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns kam; sie hieß MamsellKjöbel. Sie hatte eine Freundin, die mit einem Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor, zum Frühstück holt sie Brot, in Fettgetauchthervor. Besonders dieses „getaucht“ bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er, würde gesagt haben: „mit Fettbelegt, oder mit Fettbeschmiert.“ Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: „in Fettgetaucht.“ Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen. Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern, Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht! das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee, Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen, dem Südfeld, von den Mühlen unddem Vieh auf dem Felde. In einem engen Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: „Zu ewiger Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.“ Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude, als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte, „wenn wir so lange lebten,“ wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.

Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten, hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon, daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber esging unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob, wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser Zeit bei.

Reinecke Fuchs.

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen. Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs. Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.

Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid, daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er fing an, mich etwas Geographiezu lehren, und schenkte mir einen Atlas, den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.

Die Schule in der Stadt.

Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler, dessen Vater reich war, kam in die Schule für „Bürgertugend“ in Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann werden sollte, sagte sie spöttisch: „Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine Violine ohne Saiten.“ Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam. — Glücklicherweise traf mich der DichterEduard Stormeinmal im Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole („Schule für die Nachwelt“). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei,worauf er geantwortet hätte: „Ein Bratenwender, meine Gnädigste!“ So kam ich also in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr billige Bedingungen in Kost.

Krankheit meiner Mutter.

Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum geschehen. Dieser Mann war der MaurermeisterLange, Major und Chef der Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung, welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen, ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes, Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: „Hat er die Slötel?“ Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege, wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt werden. Diesund manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen kummervollen, schwermüthigen Zustand, — es schwächte ihre Kräfte, die sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, — und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen Aeußerungen der Ungeduld folgten: „Sie hat mehr Verstand in ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.“

Meiner Mutter Verwandtschaft.

Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte, des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen mit Rudolf in „Dina“ dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante, die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein, etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei Kinder — und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie, wederfrüher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen. Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten, herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.

Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte — so gewann er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der obengenannten Schule.


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