Ich werde Pensionair.
Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach Kopenhagen zum PackhausverwalterGoschkam.Dieser Mann war in seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt, und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht der Erwartung. — Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte, sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles, was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben, Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin, der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem seiner Freunde durch das Zimmer. „Können Sie meinen Namen schreiben?“ fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. „Das ist ganz richtig“, sagte er, „wenn Sie nur ein R hinzusetzen.“ Es war dies der verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit, um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten, sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: „Ich glaube, ich gehe heute in die Komödie, Adieu!“ Er ging. Mit schmachtenden,sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten; er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale schimmern sah. „Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude mußt du entbehren.“ — Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach Hause.
Eintritt in die Schule.
Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: „Nun kommen wir zumeinemVaterland, mein Kind!“ Es währte nun nicht lange, so kam ich in die Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher. Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben, was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogarund lernte dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.
Naschlust.
Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit, welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. — Ich war besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu laufen, und ziemlich laut zu rufen: „O, glücklich' Land, das solche Feigen hat!“
Geheilte Verwegenheit.
Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch — damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich aus. „Ja, das will noch gar nichts heißen“, — sagte einer der Jungen zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; — „aber er geht nie die Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das Geländer hinab.“
Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem Geländer.
Sonderbare Garderobe.
Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hörenmußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er, im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben glaubte, antwortete ihnen barsch: „Das ist gelogen!“ Ich erröthete, denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen. Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro, weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte. Ich bekam ein „clamamus“, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich, daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung in meinem neuen Buche davon, „ich solle es besser in Acht nehmen“. — Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem Verdacht der Unredlichkeit haben könne.
Der Lehrer Dickmann.
In der dritten Klasse war nur ein Lehrer,Spleth, ein ausgezeichneter Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegenDickmannin hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse. Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und geistiggenommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen, daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs, aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst aus. — Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber — obgleich sie Beide Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war. Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; — all' dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt hatte, sie wie einelicentia poeticazu betrachten, die sich nicht allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. — Aber sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte, daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig.Als wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: „Es ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge, sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen, die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich, so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen nicht beleidigen läßt.“ — „Habt Ihr's gehört“, sagte Dickmann — und wir hörten Alle sehr gut.
Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. — Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. — Er kam einmal in übler Laune in die Schule: „Setzt Euch auf Eure Plätze“, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.
Knabenstreiche.
Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannteJürgensen, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel — und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung,erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. „Ja“, sagte er, „hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.“ Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: „„Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.““
Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, derSvendsenhieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät — war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: „Was ist das?“ Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischenDruckundStoßfragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles „Ja“ zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheitauf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.
Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. — Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meineExcerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: „Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.“ (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.
Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: „Wo sondert sich der Speichel ab?“ „„In den Nieren,““ antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.
Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagteganz ernst: „Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.“ Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.
Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.
Der König von Island.
Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten können.
Poetische Versuche.
Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften heraus, die „Mittwochspost“ in der dritten, und „Balder“ in der zweiten Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.
Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen. Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und gewöhnlich einschlief.Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, — wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler, um die Illusion nicht zu stören: „Ach entschuldigen Sie, ich habe noch einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.“ Damit nahm er einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.
Theaterspiel.
So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte, mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.
Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt, sagt er ganz ruhig: „Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie wieder zu sich.“ Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte. Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine magnetische Wirkung auf den Schauspieler,und die vergessenen Repliken erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.
Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: „Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.“ — Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. „Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,“ sagte er ein Mal in übler Laune, „daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,“ (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) „Solch Einer,“ sagte er, „können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.“ — „„Es ist möglich,““ sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.
Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.
Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.
Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.
Anatomische Studien.
Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.
In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen,die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. — Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.
Besuch der Kunstakademie.
Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der „Schule für die Nachwelt“, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen,wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.
Privatstunden.
Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: „Verstehen Sie es nun Alle?“ — „Ja!“ lautete die Antwort. „Sie auch, Oehlenschläger?“ „Nicht ganz“, entgegnete ich, „wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?“ — „Ach“, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, „ich sehe schon, wo es fehlt.“
Dickmann's Unterricht.
Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. — Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! — Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. — Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren.„Lieber Oehlenschläger“, sagte er, „kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.“ Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: „Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!“ — Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. — „Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte“, sagte er, und gab mir: „Ausgezeichnet gut!“ eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe „ausgezeichnet gut!“ bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen.Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. — Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab — riß mich hin.
Geschichts-Unterricht.
Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte — da war Dickmann begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme — da riß er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium, als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren. Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, — so daß meine Lektüre fast immer historisch gewesen, — so fern war dagegen mein Geist der prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister, zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß ProfessorAbraham Kall, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte — Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts Anderes, alsdie kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der Einfalt bewundert werden — aber sie haben Nichts für das Herz und die Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren Austerschalen verschonen.
Mnemotechnische Uebungen.
Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden. Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war, wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich, und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es auszurechnen.
Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that, als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur abwechselnd „Christoffersen“ oder „Blokkus“ nannte. Die Entstehung dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie „schlecht“ bekommen, nur zwei Mal „mittelmäßig“ und selten „Nicht gut“. — Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: „Meine Herren und Branntweinmänner.“
Der Mensch ein Lichtgießerschild.
Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn er sah, daß wir's bemerkten: „Ach ja! was sind wir Menschen doch weiter als Lichtgießerschilde und Käse!“ Das erste Gleichniß hatte er von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn seufzen hörte: „Ach ja! was sind wir Menschen“, sagte: „„Ja, was sind wir wohl anders als Lichtgießerschilde!““ „Lichtgießerschilde?“ fragte Dickmann verwundert. „„Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen, so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts einbilden.““ „Ich bilde mir gar Nichts ein“, sagte Dickmann, „und will sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade Lichtgießerschilde?“ — „„'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!““ Es dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: „„Was sind wir anders? Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein Lichtgießerschild?““ Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß vollständig zu machen,fügte er „Käse“ hinzu, weil wir nach unserem Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.
Aufenthalt bei Gosch.
Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: „Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!“ Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. „Warum hast Du Das nicht gethan?“ fragte er nun in Aller Gegenwart. — „„Ich meinte““ — „Du sollst nicht meinen!“ — „„Ich dachte““ — „Du sollst nicht denken!“ — „„Ich glaubte!““ — „Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.“
Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, — lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähtenzurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): „Ach! ha — ha — hat Po — Po — Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe — Per — Perücke abreißen!“ Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.
Eine neue Heimath.
Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.
Mein Pflegevater.
Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zweiZimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen — der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich — so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannteflûte doucemitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit — und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbums'en aller, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mitMarmontel's Contes moreauxund mitFénélon's Telemaque, wie in frühern Jahren mit „Malling's großen und guten Handlungen.“ — es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.