Fortschritte in der Schule.
Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule „für Bürgertugend“ war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule „für die Nachwelt“ gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule „für Bürgertugend“ ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen,daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.
Die französische Revolution.
Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) — „Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!“
Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichtszu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: „Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.“ Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule „für Bürgertugend“ aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.
Storm's Tod.
Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; — denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches „Erast“ hieß und allgemein mißfallen hatte; — ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. — Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu demersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: „Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: „Scheußlich!“ — „Wie, Ew. Excellenz?“ fragte ich verwundert. — „Ja!“ fuhr Hauch fort, „ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete „Scheußlich!“ und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.“
Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: „Hab' Dank, mein liebes Kind!“ — Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.
In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, inder er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: „Nörregaard hat uns frei gegeben!“ — „Adieu, Herr Lindrup!“ rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. — Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.
Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. „Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?“ — „Hier!“ — Wir folgten den Leichenträgernund waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.
Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.
Storm als Dichter.
Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein „Erast“ ist eine schlechte Komödie, sein „Bräger“ ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auchZinklar's Weise,Jönndalenund einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.
Abermaliger Umzug.
Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhrich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf derflûte doucespielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von „Tausend und einer Nacht“ umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, „ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?“ Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. — Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.
Erste und letzte Jagdpartie.
Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen.Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. — Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. „Na“, rief die Frau, „wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?“ Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. „Jesus, mein Herzensjunge!“ rief sie, „Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.“ Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.
Erster Theaterbesuch.
Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. — Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich soim Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.
Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah — ich war sieben bis acht Jahre alt, — hieß „die verliebten Handwerker“. Mein Vater nahm mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik, durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers, wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, — all' Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik, welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch keine deutliche Vorstellung davon.
Der Schloßbrand.
In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung zum Fenster hinaus: „Was ist das“, rief er, „steigt der Mond über Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?“ — Bald erfuhren wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen, die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach, schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. — Als ich mit meinem Vater wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hattegar nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um zu retten, sagten Einige: „Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir Ordre haben.“ „„Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre““! riefen die Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.
Große Feuersbrunst.
Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her, welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz, die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen, wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet worden, und daß der Thurm fort sei. — Die Feuersbrunst der Stadt brach mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher nicht weit von mir herabfiel. — Aber obgleich diese Feuersbrunst weder poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose in ihren freundlichenSchoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.
Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend, um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden. Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.
Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's „fürchterliche Feuersbrunstgeschichte“ in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom Schicksal auserwählte Werkzeug, — wiePeer Syvsagt: „zum lustigen Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben“, — und das Sonderbarste ist, daß man — aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten Begebenheiten zu finden.
Der Thiergarten.
Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen Lebens herbeiführte. —
Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. — Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, inder Natur und den schönen Gärten zu leben — doch aber zwei Dinge vermißte, die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und der Buchenwald! — Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste, Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen, Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete — wirkte stark auf die Phantasie des Dichterknaben. — Aber wenn ich über Casperle und Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte. Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn — sonderbar genug — auf Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie dort gesehen.
Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt undunser Proviant auf einem Tische uns erwartete — dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. — Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter, Schwester, Freunde sind gestorben, — aber der große Baum steht noch da, in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der doch nicht ganz fertig wurde.
Beerdigung der Königin.
Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war die Beerdigung der Königin-WitweJuliane Mariein der Roeskilder Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte, und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren Jahren mehrfach besungen habe.
Meine Konfirmation.
Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir ein Stück: „Der Sklave in Tunis“ bei dem vortrefflichen Schauspieler und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Eswar eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.
Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten. Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.
Ich soll Kaufmann werden.
Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte, und zum Theil die Feierlichkeit störte;aber man mußte inniges Mitleid mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.
Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik, Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich, und verstand einen leichten Autor.
So ausgerüstet sollte ichKaufmannwerden, ohne Geld, ohne ein Wort Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem Kaufmann HerrnRabe Holmgesprochen, der mich auf sein Comptoir nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt, und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder gehen.
Wiederaufnahme der Studien.
Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können, das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners Petersen's Kinder einen Lehrer, HerrnHöisgaard; dieser versprach, mir täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte, Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.
Herr Höisgaard.
Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenanntenguten Fundamentebekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere, wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und freundlicher Mannund ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte. Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil gebildeten Menschen anwenden. — Es war hart genug für mich, der ich ein ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen war, — nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner Gegenwart, und nannte mich „Er.“ — Aber dieses Pronomens bediente er sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für Poesie zeigte, — wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, — den er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. —
Erst mußte ich den ganzen langenJustinusmit ihm lernen, dann aber ging es anCicero de officiis, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch imVirgil.
Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen, wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; — aber — sonderbar genug — daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther — in's Lateinische übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, — sie war mir so überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zumexamenartiumschien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der ich eine große und langweilige Rolle hatte.
So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde, im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter Unterhaltungslektüre zu — d. h. ich machte mich mit der schönen Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.
Erste Regung der Liebe.
Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl für das schöneWeiblichefingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weichesGefühl, das für eine Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.
Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich, sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war! Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben; das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle der Dyveke und Kathinka im „Mädchen von Marienburg“ spielte.
Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und jetzt nicht nothwendiger, als früher.
Kotzebue.
So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. — Zuvörderst hielt ich das „Mädchen von Marienburg“ vonKratterfür ein Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft werden sollten: „Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber Kratter eine Tracht Prügel.“ — Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schenStücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit, der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich nicht selten in den Situationen findet. „Ein Buch kann hundert Fehler haben“, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield — „und doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.“ Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt, der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und Langweilige in denselben.
Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm zuerst einen Namen verschafft hat:Menschenhaß und Reue.
Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben? Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten, und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es. Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, dievor nicht langer Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler, unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht, diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen, bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen Bittermann und Peter.
Iffland.
Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.
Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen, die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft haben, ist er es auch. Die „Jäger“ sind und bleiben zu allen Zeiten ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte der „Hagestolzen“, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des alten Studenten Waller im „Herbsttag“ und an vielen anderen Stellen zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet, um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt, sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann sie nie zahm und vernünftig genugbekommen. — Er konnte mir also in jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.
Lafontaine.
Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe — dieser Mann,Lafontaine, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so leicht, daß es eine Lust war! — und auch dies schmeichelte und erfreute.
Schreckens-Geschichte.
Zu dieser Zeit schriebSpießseine Gespenstergeschichten, seine Reisen durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mitVeit Weberleeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets wieder zurückkehrte.
Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar. Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde, gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte. Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren, wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.
In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still, verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem langen Schweigen: „Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen, der hingerichtet ist?“ — „„Ja!““ rief ich, und die Wallnuß, die ich aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein Wort weiter gesprochen, und wir gingen.
Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen, wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen, und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen. Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten. Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange; darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße, zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir selbst.