Chapter 5

Eine Spuck-Geschichte.

Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht,was Folgendes bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen. Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle? — Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: „Wir müssen die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht öffnen.“ Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm unten in der Kirche. „Herr Jesus!“ rief der Gärtnergehülfe, „nun geht's los!“ — „„Nein!““ antwortete mein Vater verdrießlich, — „„nun steht's leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und von Innen kann ich sie nicht aufschließen!““ — „Ach Du mein Heiland und Schöpfer!“ rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, „was haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die ganze Nacht in der Kirche bleiben?“ — „„Das ist freilich unangenehm““, sagte mein Vater, „„aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.““ — „Ach!“ entgegnete der Gehülfe, „das thuter gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.“ Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen, als er in größter Eile Fersengeld zahlte. „Verdammt!“ sagte mein Vater, „nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.“ Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür ging auf. Aber solch' einen Sprung — versicherte mein Vater oft später — habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.

Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre zurück. Mit denSchröder'schen undJünger'schen Stücken hatte ich vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große Mann war viel mehr Schauspieler als Poet.Jüngerfiel mir schon damals recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie sie dafür galten.

Ewald und Wessel.

VonEwaldspielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie jetzt. „Balder's Tod“ von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur Aufführung gekommen. Die Diction in diesemStücke kann neben die in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den dramatischenStoffließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu einer Kritik über Ewald's Werke wäre.

Wessel's „Liebe ohne Strümpfe“ spielte man in jenen Tagen oft. Der Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und schwerfällig in: „Harlekin, der Patriot.“ Das Stück wurde immer mit Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht begriffen, und — was merkwürdig ist — obgleich der italienische Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte, kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre; sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen. Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit, welche dieSchneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit hochtrabendem Unsinn brüstet.

Thaarup.

Zum Einzuge hatteThaarup„das Erntefest“ geschrieben. In einem schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik vonSchulzsetzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte kurz darauf auch Thaarup's „Peter's Hochzeit,“ eine würdige Fortsetzung des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.

Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling, einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen, welche viel zu meiner Bildung beitrugen.

Bühnen-Repertoire.

In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen Geist:Der Virtuos,der Einzug, einige Scenen aus denChinafahrernund ausdie Herren Von's und die Herren Van's, von P. A. Heiberg, dasFindelkind, von Falsen, dieGolddose, von Olufsen gehörtenzu den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste, das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und Naivetät! — Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er war kalt, schelmisch und ironisch, — die echte witzige Satyre, aber er verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wieFrydendahlin dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.

Von englischen Stücken gefielen mir besondersdie Lästerschule, undGoldsmith's Irrthum auf allen Ecken. An den vornehmen französischen Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber anMolière's: Kranke in der Einbildungund seinemGeizigen. Ganz besonders gefielen mir die reizenden SingstückeZemire und Azor,der Grobschmied,der Faßbinder,der König und der Pächter,die beiden Geizigen(wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten),die beiden Savoyardenund vor Allemder Deserteur, ein herrlicher Stoff, von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre daraufder WasserträgervonCherubini, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: dasBauernmädchenund dieverliebten Handwerkervergessen, in denen südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

Lessing.

VonLessingspielte manMinna von BarnhelmundEmilia Galotti. In dem ersten Stücke warRosingein vortrefflicherTellheim, in Emilia ein eben so guterMarinelli. Es war merkwürdig, wie der Mann, der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte, mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines Hofmannesdarstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen, begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken, Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen indie Wolkenund Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

AuchLessingliebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst, sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack, etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte; denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben, daß er der Katastrophe in der sonst soherrlichen Emilia Galotti kein besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.

In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.

Und Alle weinten darüber, und der Norwegische DichterZetlizhatte auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen Schiffscapitain, welchernichtgeweint hatte. Dieser Biedermann war ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge. Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde, brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit. — Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen, sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: „Was zum Teufel lacht Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst keins hat.“ — Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück wurde ohne Störung zu Ende gespielt. — Aber gerade in der Scene, wo Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm der unglückselige Gedanke ein: „Aber warum, zum Teufel, lacht denn der Holsteiner jetzt nicht?“ Er wendetsich um, um die Gemüthsbewegung seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der Norweger so vergnügt waren.

Das Trauerspiel.

Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines englischen StückesBeverleyin meiner Jugend gegeben, und Rosing stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit erschütternder Wahrheit dar.

Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der „Geist im Harnisch über die Bretter ging.“ Der kräftige NorwegerNordal Bruun, Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner Jugend zwei TragödienZarineundEinar Tambeskjälverin gereimten Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.

Nun wurde im Jahre 1796Samsöe's Dyvekezuerst aufgeführt; das Stück machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil.Sigbritist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmenKnud Gyldenstjernehatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter gezeichnet.ChristianII. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten;der Mönch,Frau Mönstrupsind interessant,Dyvekeliebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großenMonologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger, als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige Aehnlichkeit mitGöthe's Egmont. Aber wie verschieden ist das kräftige Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche an Lafontaine's Romane erinnert.

Samsöe.

Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach langem Fasten munden.

Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer! Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; — und Dyveke wurde vonMarie Smidtgespielt. Und nun — das letzte Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, — einige Tage vor der Aufführung —starb der Dichter!

Das Stück machte Furore. — Ich hatte es gelesen, aber noch nicht gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen. Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage, wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr, daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.

Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug, um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen.Als ich zum dritten Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.

Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht comfortable und noch weniger fashionable. — Als wir eintraten, rief der Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen: „Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!“ Aber die zwei Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. — Ohne unsere Tassen zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.

Sander.

Ein Jahr darauf wurdeSander'sTragödie,Niels Ebbesenaufgeführt. Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte, mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat eine alte Kämpeweise benutzt;in welcher die Scene zwischen den Grafen Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.

Abt Vogler.

Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen Eindruck auf mich machte: AbtVogler, der vortreffliche Orgelspieler. An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. — Es erfreute mich unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten wurde.

Auch dasMalerische, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte, machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten; aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen, gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei den Sachverständigen und Billigen. — Einmal war er zur königlichen Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen;es war ein mondklarer Abend. „Ja, Herr Abt,“ sagte mein Vater, indem er ihm in den Wagen half, „noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's Bäume schien!“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Vogler ziemlich langsam, indem er einstieg: „darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie — —“ Damit fuhr der Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.

Herrmann von Unnawurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male kennen lernte!

Der Schauspieler Bech.

Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der SchauspielerBech. Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine,Eline, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner Schwester, und ich — der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen, als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte) verheirathete — ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu meinen Knabenjahren passe — ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm Meister zu nennen, in der ich — einigeJahre darauf, als ich diesen Roman las — in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.

Der tolle Busch.

Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester des vor Kurzem gestorbenen sogenanntentollen Busch; eines Malers mit Talent und mit einem eingewurzelten Haß gegen den vornehmen Hochmuth, der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte er ihn zu demüthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, daß Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen zu weit geführt haben. Ich hörte verschiedene lustige Einfälle von ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Straße; Busch hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, daß er ihm Platz machen würde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. „Nun,“ rief der Offizier heftig, „wie lange will Er da stehen bleiben?“ — Busch nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: „Ich habe bis drei Uhr Zeit.“ Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg, wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden konnte. Er maß ihn häufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde zuletzt böse und fragte auffahrend: „Warum glotzt Er mich immer an, will Er mich kaufen?“ — „Warte Er nur,“ antwortete Busch ruhig, „seine Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.“

Man erzählte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wäre so weit gegangen, daß er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewaldin seinen „brutalen Klatschern“ gegeißelt, weil dieser Herr, nach Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.

Aber es ging nicht allein über den Adel, sondern auch über die Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Höflichkeit bei Seite gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal ein Thürstück, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der die Arbeit des Künstlers beurtheilen sollte. „Guten Tag, mein guter Musjö Maler,“ sagte der Pastor. — Darein schickte sich Busch noch und sagte trocken wieder: „Guten Tag!“ — Nun betrachtete der Pastor die Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: „Ja, es ist ganz gut; aber weiß Er was, mein lieber Musjö Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth sein, versteht Er mich, Musjö Maler, roth sollte sie sein!“ — Nun wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete: „Und weiß Er was, mein lieber Musjö Pastor, die Lade, die da steht, soll, hol' mich der Teufel, grün bleiben, versteht Er mich, Musjö Pastor, grün soll sie bleiben!“ —

Bech's theatralische Versuche.

Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein mittelmäßiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian inUlysses von Ithacien. Es war lange eine Spannung zwischen den zukünftigen Schwagern gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren. Bech empfing ihn gravitätisch im Schlafrock, worüber Busch gleich ungeheuer lachen mußte, „Kilian im Schlafrocke“ zu sehen! — Und damit war gleich Visite und Liebe zu Ende. —

Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel größerer Dramendichter, als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komödie, „die Quarterne,“ geschrieben.Darüber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek große Hoffnungen gebaut hatte, folgendes Epigramm:

Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehnDas glaub' ich gerne.Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn,Von der Quarterne.Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlaubenMit guten Mienen,Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben,Du trägst Pantinen.Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß'Dich nicht verlocken,Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaßIn bloßen Socken.

Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehnDas glaub' ich gerne.Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn,Von der Quarterne.Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlaubenMit guten Mienen,Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben,Du trägst Pantinen.Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß'Dich nicht verlocken,Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaßIn bloßen Socken.

Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehnDas glaub' ich gerne.Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn,Von der Quarterne.Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlaubenMit guten Mienen,Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben,Du trägst Pantinen.Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß'Dich nicht verlocken,Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaßIn bloßen Socken.

Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das „dramatische Journal“ herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. — „Wissen Sie, was man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt?“ fragte Bech einmal Rosenstand. — „„Nun?““ — „Man sagt, wenn man ihn einmal kämmen würde, so fiele seine ganze Action fort.“ — „„Und wissen Sie, was man von Bech sagt?““ — „Nun?“ — „„Man sagt, daß wenn man ihm ein reines Hemde anzöge, so fiele seine ganze Action fort.““ Hansen hatte nämlich die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich unablässig, wenn er spielte.

Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminöse der Hefte. Ich schrieb damals auch Komödien aller Art, Iffland'sche, Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, ließ mir aber nicht die Zeit, so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stück im Wessel'schen Geschmacke, Gertrude, war für mein Alter gar nicht so schlecht, und ich habe es viele Jahre darauf als eine Curiosität in meiner Monatsschrift, Prometheus, abdrucken lassen.

Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:

„Pour former une oeuvre parfaiteIl faut droit se donner au diable.“

„Pour former une oeuvre parfaiteIl faut droit se donner au diable.“

„Pour former une oeuvre parfaiteIl faut droit se donner au diable.“

Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu ergänzen:

„Et c'est ce que je n'ai pas fait.“

„Et c'est ce que je n'ai pas fait.“

„Et c'est ce que je n'ai pas fait.“

Das that er denn auch später immer zum Trotz und rächte sich an Rahbek, indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, „der junge Darby,“ recensirte.

In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe Stunden zu. Mutter und Töchter waren lebensfrohe Menschen, und wir machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, daß Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen für Lebende zu machen, sondern sie schmückte auch die Todten! — doch das machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der Anatomie beschäftigt.

Privattheater.

Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schloß zusammenkamen, so spielten wir gern Komödie und Winckler war auch dabei. Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amüsiren; aber es war bei ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich Komödie zu spielen.

Leistungen in der Decorationsmalerei.

Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich, als ich noch in die Schule ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Böttcher, dessen Vater Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater eingerichtet hatte. In der Abwesenheitdes Vaters erlaubte die Mutter uns gern, in dem großen geräumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine kleine Truppe aus Böttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier zeigte sich nun recht mein Eifer für das Dramatische. Zuerst mußte ich an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige Düten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel. Neun Bogen Packpapier nähte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder Seite mit Thüren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig. In diesem Zimmer mußten wir nun Alles spielen. Das Erste war der politische Kannengießer, worin ich Hermann von Bremen, das Nächste Jeppe vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die Maschinerie nicht Stich hielt, so mußte die Phantasie zu Hülfe kommen. Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehängt werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thür nach dem Zimmer der Zuschauer; da diese geöffnet wurde und ich des Hängens müde war, sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als wenn gar nichts Wunderliches passirt wäre; und hierdurch rettete ich auch die Illusion für die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein; er spielte stets mit dem Spiele.

Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schöne Mädchen ihn ausschalt, weil er „unartig“ sei — das heißt: weil er sich nicht, wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.

Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so groß, daß sie wirklich Schauspielerin wurde. Sie debütirte in Hermann vonUnna als Ida, erwarb sich außerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem darauf folgenden Entschlusse bei.

Studien bei Herrn Höisgaard.

So bereitete ich mich also ein Jahr lang bei Herrn Höisgaard zumexamen artiumvor, und ich sah voraus, daß, wenn ich aufdiese Weisefortfahren würde (was sicher der Fall war,wennich fortfuhr) ich in einem Jahre nicht weiter kommen würde, als ich in diesem Jahre gekommen war. — Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant bestanden und war öffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule für Bürgertugend hätte besuchen können, so hätte ich das Examen zu gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht die Mittel dazu, weil ich nicht — wie Winckler — ein Haus in der Stadt fand, wo ich frei wohnen konnte. So hängt das Schicksal eines Menschen oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrübt darüber, daß das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich ließ es mir nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein scherzendes Heldengedicht: „Otto,“ auf Veranlassung seines Examens, und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit (doch fern von aller Mißgunst) hätte merken können, war die gezwungene Heiterkeit, die sich darin aussprach. — Das Gedicht war in verrückten Hexametern geschrieben, die alle auf fünf Füßen einherhinkten, und fing so an:

„Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen.Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet.Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten,Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn.Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen,Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen.Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope,Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen.Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet,Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.“

„Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen.Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet.Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten,Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn.Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen,Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen.Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope,Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen.Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet,Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.“

„Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen.Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet.Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten,Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn.Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen,Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen.Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope,Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen.Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet,Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.“

Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner zu bemeistern suchten: das eine derFleiß, das andere dieFurcht. Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang auf und ging, und der Sänger folgte ihm:

„Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen,Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner FerseIn einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.“

„Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen,Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner FerseIn einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.“

„Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen,Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner FerseIn einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.“

Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der „Dickwanst“ (einer der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: „laudabilis prae ceteris.“

Veränderter Lebensplan.

Dieseslaudabilis prae ceterisstand mir selbst in meiner damaligen Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu. Endlich eines Tages, — ich entsinne mich dessen noch sehr gut, — gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2. Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, — legte ich das Buch entschlossen hin, — ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen wollte, wenn er es erlaube, — daß ich hoffe, dort mein Glück machen, und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich, sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr;das schmerzte sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich hatte ihr Nichts verschwiegen.

Eintritt in das Schauspielerleben.

Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere, Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht. Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte: Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.

Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin, klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger. Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner; denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue Vergißmeinnichtfarbe sehen.

Körperliche Ausbildung.

Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren, alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns, wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.

Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen Gesanglehrer.

Der alte FechtmeisterEmswar ein langer, gutmüthiger Schlagetodt, ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben; Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte, wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.

Mein Tanzlehrer war HerrDahlén, und später HerrBerg. So wie ich bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen,dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich, merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle getanzt.

Musikalischer Unterricht.

Der Gesanglehrer war HerrZinck, ein ehrlicher, launiger Deutscher, guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte, und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte, hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois: „Ah,Olanslagero magno ingenio, aber Faullenzer!“ Zuweilen wollte er mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: „Singe Sie! Solle Sie Geld kriege.“ Einmal sprachen wir von der nordischen Mythologie: „Ah“, sagte er, „da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau, und weiter Nix.“ Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen; aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum Examen bei ihm gewesenwäre: „Bravo, Olenslagero!“ Er war ein sehr gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.


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