Chapter 6

Der neapolitanische Singemeister.

Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom, und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: „Nun so gehe Sie, gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!“ Vor dieser Zeit war Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln die kleine Wohnung. Drauf sagte er: „Für ein Bauer ist es zu viel, für ein Bürger ist es genug, füril profossore del Ferettiist es zu wenig“, und damit ging er wieder. — Er war übrigens, wie gesagt, ein sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.

Musikalische Zustände.

Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen und im Anfange ging es mirdamit, wie in meiner Kindheit mit dem Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog. Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und — obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe das Idyllische und Ideale im „Erntefest“ und „Peters Hochzeit.“ Aber Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. — Mozart kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben habe, wurde auch hier hergebracht und — geglaubt! Ja es half nichts, daß man seinCosi fan tutteaufführte. Die Musik wurde mit anderer italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war, konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück — wurde ausgepfiffen. —

Mozart'sCosi fan tutte.

Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik durch das kühne Unternehmen zu retten, daßich ihr einen andern Text unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse vonCosi fan tuttefrüherem Schicksal besitzen mochten, theils einen Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem Hause gegeben; — und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern es begleiten und es in Worte kleiden.

Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: „Laßt herunter!“ er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten, die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: „Welche Gaukelei!“ das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte wieder von vorn anfangen.

Die Theaterdirection.

Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler, sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesenwaren Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe. Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte, das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste, selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste, steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal — darauf heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen waren, — wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten — und dann hielt er die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor er fertig war.

Baggesen's „Erik der Gute“.

Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costüme zu dem Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weiße Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte er auch für die Costüme zu dessenErik dem Guten; die dänischen und julinischen Helden wurdenin Harnische von unechtem Silberbrocat mit Goldtressen gezwängt. VonErik Eiegodwurden viel Proben veranstaltet. Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter Componist war, wie er da zwischen all den Menschen saß, die sich nun vereinigten, um sein Werk aufzuführen. — So jung ich war, so fühlte ich doch, daß das Stück nur wenig von nordischer Kraft und Färbung hatte; das konnte schon ein fleißiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen. Wenn die Julinerinnen sangen:

„Keine Ketten uns umschlingen.Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singenErik hoch! der Gute!“

„Keine Ketten uns umschlingen.Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singenErik hoch! der Gute!“

„Keine Ketten uns umschlingen.Kühl' den Haß im Blute!Selbst im Tode noch wir singenErik hoch! der Gute!“

so konnte ich den im Blut gekühlten Haß nicht mit der Güte vereinen; und daß sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu ärgern in demselben Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht begreifen. — Wenn der alte Uller — der mir am meisten gefiel — zum Schluße sang:

„Von hundert der Jahre gebleichtDank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, —“

„Von hundert der Jahre gebleichtDank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, —“

„Von hundert der Jahre gebleichtDank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, —“

so schien mir dies ein des edlen Greises unwürdiges Selbstlob; — aber wenn er sang:

„Vielleicht eh' die Sonne entweichtBegrüß' ich Dich jung in Walhalla! —“

„Vielleicht eh' die Sonne entweichtBegrüß' ich Dich jung in Walhalla! —“

„Vielleicht eh' die Sonne entweichtBegrüß' ich Dich jung in Walhalla! —“

so drängte sich eine Thräne in mein Auge, und ich fand den Gedanken schön. Daß Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt, noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen war, der überall, sowohl hier, wie früher in seinem Holger Danske und in Allem deutlich zeigte, daß er niemals altnordische Sitten oder nordische Geschichte studirt hatte.

Singspiel-Repertoire.

Kuntzen's herrliche „Weinlese“ und sein kleines munteres Stück „Das Geheimniß“ wurden auch aufgeführt. In beiden war Knudsen unübertrefflich als Küster und Landrichter.Ich sah noch Gjelstrup in seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in „Nicht mehr als sechs Schüsseln“ und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's Singspiel u. s. w. In Païsiello'sMüllerinzeigte Frydendahl schon, daß er mit Glück die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schönsten Stimmen, die ich gehört habe; aber sie war nicht genügend durch die Kunst ausgebildet. Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sängerinnen der Fall ist) ein schönes Organ, außerdem ein schönes Gesicht und eine muntere Gutmüthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner, untersetzter Gestalt.

Schwarz war ein vortrefflicher „würdiger Vater.“ Er hatte ein schönes, beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In früheren Jahren hatte er gewiß eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefühl und Würde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem bürgerlichen ruhigen Vater unterscheidet.

Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt, ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages, wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.

Michael Rosing.

Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als über die Kunst selbst — warMichael Rosing. — Rosing war ein echt poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl, Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeitdie größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. — Ich habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter, aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in rascher männlicher Würde und Gluth nach.

Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der alten Zeit der Sagen. — Der später so bekannte StaatsrathTreschow, der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs Jahre älter, als sein Schüler. — In den Wissenschaften zeichnete Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte das Theater, verliebte sich in FräuleinOlsen, seine spätere Frau, fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke, in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu machen war,eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst, sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber; aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.

Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte. Wenn Rosing sagte: „Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten? Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu gehorchen, — um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;“ — so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen, dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. — Und wie konnte er da rühren?

„Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,“ sagt Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren, sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht sich selbst unbewußte Lieberuhe. Freilich gestaltet sie sich zur Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen — nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein — und er ist es ja auch, wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen. Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu wecken und hierin besonders glich er Talma. AuchRygehaben wir solche Gefühle inHakon Jarlund anderen Stücken lebhaft erregen sehen.

Rosing und Rahbek.

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder, Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.

Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause, Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun,wie Alle, die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch, daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt; dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren. Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen SchauspielerRose; und hatte durchSchröder,JüngerundIfflandGeschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte, hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's Sphäre.

Als man nun Dyveke aufführen sollte und ein guter Freund Rahbek fragte: „Wie glaubst Du, daß Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,“ — antwortete er in übler Laune: „„Wie ein rasender Jakobiner, den Christian der Zweite gleich hätte köpfen lassen, wenn er so vor ihm hingetreten wäre!““ Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek, als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins oder das Andere geändert wünsche. — Rahbek folgte mit Freuden dieser Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte Rosing lächelnd: „Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne?“ — „„Vorzüglich!““ — „Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner gespielt?“ — „„Wenn Du““, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden, „„nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!““

Billardübungen.

Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als täglicher Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte, mißfiel mir sehr. Indessen konnte ein Jüngling leicht nach und nach verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht über mich gewacht hätte. Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte, besonders beschäftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns selbst dieses Spiel auf eine eigenthümliche Weise gelehrt. Auf dem Friedrichsberger Schloß stand in unserer Kindheit ein Billard in der schönen Gemäldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so gut es eben ging, ohne daß uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir wußten nun — und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles — daß man den einen Ball durch den andern in ein Loch stoßen müsse. — Nun nahmen wir Jeder unser Queue, und stießen dann auf die Bälle, — natürlich mit dem dicken Ende — so gut wir konnten. Auf diese Weise gewöhnten wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen, daran, alle Bällepar tournéezu machen. Winckler, mit seinem scharfen Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen nach Wallnüssen, Vögeln — und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste Billardspieler in der Stadt; später kam ihm seine Gewandtheit sehr als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch kürzeren Geduld.

Als eine Merkwürdigkeit muß ich anführen, daß Winckler's Rival im Billardspiel damals in Kopenhagen — der aber nie um Geld spielte — der später so berühmte NorwegerChristiewar, welcher das Grundgesetz für Norwegens freie Verfassung entwarf.

Umgang mit Schauspielern.

Ich war zurückhaltend und blöde; daher machten die Schauspieler sich, ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald, ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man für einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein köstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; — nach Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, daß der Bäcker den ihm gesandten Hasen nicht gebraten hätte. Alle, die eben noch lustig gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die Entschuldigung. Ich, der früher geschwiegen und die Aelteren hatte reden lassen, brach nun plötzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den nachlässigen Bäcker holen. „Wo wohnt denn der Pfuscher?“ — „„Ach!““ — entgegnete der Wirth — „„er wohnt sehr weit von hier! Außerdem ist es auch spät, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht braten.““ — „Er hat uns zum Besten gehabt“, sagte ich. „Ich wecke ihn aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben.“ — Ohne weiter zu hören, lief ich in die Stadt zum Bäcker und holte ihn aus dem Bette. Er wußte von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. — Mit dieser Nachricht kam ich vergnügt zurück. Alle schlugen ein lautes Gelächter auf; der Wirth mußte beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren, eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wäre.

Meine Debüts.

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte, auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen. Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte: „Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!“ — „Ja!“ — entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in Berührung zu bringen. — „Du bist ein Eulenspiegel!“ rief er. — Wir hatten King's Rolle in Tode's „Seeoffizieren“ zu einem meiner Debüts gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das, meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig ist. Erst im Cederström in Kotzebue's „Armuth und Edelsinn“ ließ ich mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen — und erntete lauten Beifall.

Ewald's Fischer.

Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe. Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfenhatte, genirte mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen, in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, — kurz: Es drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald gekannt habe. Rosing hatte zuerstBalder's Todunddie Fischerauf die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. „Nun“ — fragte Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte — „war es ungefähr so, wie Ihr es damals gemacht habt?“ „„Ja““, — antwortete Knud ernsthaft, — „„grad' so war es; nur sangen wir nicht!““

Peter Heger.

Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und machte hier mit meinemzukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte, und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer der großen Papierfabrik: „die Strandmühle“, versprochen. In dieses Haus, wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war, der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem Kopfe stand — hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, — so nahm ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen, weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte, auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.

Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine große Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im Gefühle seiner größeren Körperkraft zu gebieterisch. Diese Mißstimmung kam einmal eines Abends auf der Strandmühle zum Ausbruche, gerade als wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit über Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine Fäuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich doch nicht noch öfter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen. So spät es war, beschloß ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde von der Strandmühle entfernt, als die Kälte der Nacht und der Gedanke, was Frau Drewsen am nächsten Morgen sagen würde, daß ich so in der Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich, ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich; der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich übrigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg — nahm am nächsten Morgen Abschied und sah die Strandmühle erst — dreißig Jahre später wieder, als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.

Die Versöhnung dürfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz darauf nach Westindien gereist wäre. Die älteren Drewsen's zogen nach Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte, daß ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin überzeugt, daß diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben würde, und daß wir wieder die besten Freunde geworden wären.

Strenge Disciplin.

Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich früher wenig oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschäften abgegeben. Er ließ Thaarup und Baggesen, und diese ließen wieder Schwarz und Rosing walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf der Probe an ihm vorüberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und zu seinem Nachbar in seeländischem Dialecte sprach: „Hör' mal Du! der Dienst ist heuer streng!“

Saabye war in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen, und er war noch hübsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch eine schöne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand. In gefühlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und übertrieben; in naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in „Er mengt sich in Alles“, und als Liebhaber in den kleinen französischen Singstücken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in „Herrmann von Uma“. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in „Axel und Valborg“, die er gar nicht verstand.

Mit meinem späteren zweiten SchwagerStephen Hegerwurde ich bald bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug auch zu meiner Verstimmung bei.

Das Inquisitionsgericht.

Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in demBurlesken, sondern auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten, wie z. B. in Falsen's „Findelkind“, wo er den armen Schuhmacher unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im „Einzuge“, und da bildete er sich ein, daß ich — der ihn stets bewunderte, — ihm als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er klagte mich bei der Direction an. — Ohne das Geringste zu ahnen, wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt, daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um Verzeihung bitten solle. — Als er fertig war, antwortete ich kurz: „Das ist nicht wahr!“ — Nun begann er wieder, mir eine moralische Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: „Das ist nicht wahr!“ Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur Direction zu sprechen gewagt. — Nun fing die Sache an bedenklich zu werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef und sagte: „Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle? Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe. Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte ihn auch nicht um Verzeihung!Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest werfen, oder mir den Abschied geben!“ — Statt ihn zu erzürnen, gewann ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: „Sein Sie ganz ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß sich getäuscht haben.“ — Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.“

Der Schauspieler Foersom.

Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen, wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte; denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen. Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf, ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: „David's morsche Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.“ Uebrigens dachte ich nicht weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.

Laurits Kruse.

Durch Foersom machte ich mit LauritsKruseBekanntschaft. Er gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er „Almeenläsning“ (Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessenInhalt größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen. Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten; und wenn ich — wie Tode sagt — meine Muse gepeinigt hatte, so plagte ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: „Die Emigranten“, das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen, fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt hat.

Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend, und Foersom begann — meinerAnsicht nach zu begeistert — die Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft! — Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan, um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten. Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.

Bernstorff und Suhm.

Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan und den Janitscharen in Constantinopel gelte.

Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten. Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht. Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und die öffentliche Meinung besaß. —Rahbek also kam lächelnd auf mich zu und fragte: „Ist das nicht Oehlenschläger?“ Und als ich diese Frage bejaht hatte, sagte er: „Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!“ — Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den „verborgenen Talenten“ — erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. —

Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen Ehrerbietung.

Sommertheater.

Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere den Plan gefaßt, ein Privattheater für die Sommermonate zu miethen, und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des öffentlichen Spielens müde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch.HerosundDavussind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll über die Kälte seiner Geliebten erbittert sein, er beschließt auch, kalt zu erscheinen.

Heros.

Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen,Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn.Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen,Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn.Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren.Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß;Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren;Dann bin ich eisig ganz! —“(Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.)Mein Gott, mich quält der Schweiß.

Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen,Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn.Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen,Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn.Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren.Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß;Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren;Dann bin ich eisig ganz! —“(Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.)Mein Gott, mich quält der Schweiß.

Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen,Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn.Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen,Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn.Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren.Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß;Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren;Dann bin ich eisig ganz! —“(Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.)Mein Gott, mich quält der Schweiß.

Davus.

Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen,Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand.Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! —Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand;Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassenUnd alle Sinne dann verschwinden in der Gluth,Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen,So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut.Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren,Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei.Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren.Gott gebe,dieSaison wär' glücklich erst vorbei.Ich, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen;Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust,Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen,Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen,Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand.Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! —Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand;Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassenUnd alle Sinne dann verschwinden in der Gluth,Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen,So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut.Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren,Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei.Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren.Gott gebe,dieSaison wär' glücklich erst vorbei.Ich, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen;Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust,Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen,Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen,Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand.Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! —Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand;Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassenUnd alle Sinne dann verschwinden in der Gluth,Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen,So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut.Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren,Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei.Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren.Gott gebe,dieSaison wär' glücklich erst vorbei.Ich, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen;Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust,Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen,Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Dieser Verdruß und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben uns bei näherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.


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